Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 4

Chapter 43,586 wordsPublic domain

„Sollte das möglich sein?“

„Sie können mir’s glauben!“

„Mein Gott, das wäre ja recht abscheulich! -- Wozu arbeiten wir denn? -- Dann könnten wir ihnen ja die paar Kreuzer, welche sie für unsere Sachen lösen, viel bequemer selbst geben....“

„Das ist Alles wahr und ich habe darüber schon mehrfach nachgedacht. Hören Sie mich, meine Besten, welchen Vorschlag ich gesonnen bin, bei dem Comité des Frauen-Vereins in den nächsten Tagen einzureichen. -- Man soll in Zukunft jedes Stück unserer Handarbeiten mit kleinen Schlössern versehen: Strümpfe, Socken, Unterbeinkleider, Unterröcke -- kurz Alles. Jedes Stück wird sodann dem damit betheilten Armen mittelst des Schlosses förmlich an den Leib +geschlossen+.... den Schlüssel aber behalten wir oder besser das Comité. -- Sollte dieser Vorschlag nicht durchgehen, so habe ich einen zweiten in Bereitschaft. Man klebt mittelst einer Mischung, bestehend aus Gummi, Pech, Sägespänen und Teufelsd-- --, den Leuten ihre Kleidungsstücke an den Leib.... Jene Mischung muß in einem glühenden Becken heiß gemacht und in diesem Zustande unsern theuern Schützlingen über die nackten Glieder gegossen werden, sodann kommt das Kleidungsstück darauf -- und es geht niemals wieder herunter. -- Ist dies nicht eine köstliche Erfindung? Was sagen Sie dazu, meine Damen?“

So schloß die Stiftsdame.

Die Uebrigen waren nicht ganz ihrer Meinung. Besonders schüttelte Gräfin Wollheim sehr unwillig das Haupt und sagte:

„Aber da wird ja unsere schöne Arbeit völlig zu Grunde gerichtet. Das abscheuliche Pech muß ja durch alle Nähte dringen....“

Man sieht, sie dachte menschenfreundlich!

„Fürchten Sie dieses nicht, meine Beste!“ beruhigte die Stiftsdame: „Das Pech dringt nicht heraus. Dagegen hilft der Teufelsd-- --, den ich nicht umsonst beigemischt habe. -- Der Teufelsd-- --, wie Sie wissen werden, meine Damen, hat eine contraktive Eigenschaft und ist überhaupt auch für die Gesundheit sehr zuträglich.... Unsere Armen werden dabei dick werden, wie ungarische Mastschweine....“

Die Stiftsdame hatte unter andern lieben Eigenschaften auch jene, daß sie alle Gegenstände bei ihren natürlichen Namen nannte, von welcher Gewohnheit sie keine Rücksicht abhielt. Da man dies von ihr wußte, ließ man sie reden; freilich redeten mit ihr nur die Buckligen und Häßlichen.

-- -- Seit einer halben Stunde bereits lauerte Alexander auf eine Gelegenheit, die ihm eine ungestörte Zusammenkunft mit Cölestine verschaffen sollte. -- Jetzt schien auch sie seine Wünsche zu begreifen und gab ihm hierauf ihre Antwort durch sanfte und wehmüthige Blicke zu verstehen. -- Alexander war nun der seligste Mensch! -- So hatte er sich also wieder umsonst gequält!.... Er hätte früher nur gleich ihre Nähe aufsuchen und sie nicht verlassen sollen, so hätte er sich jeden Kummer erspart. -- Er brauchte ja deßhalb nicht die übrigen Leute von Cölestine zu verscheuchen. -- Ein günstiger Augenblick gönnte ihm jetzt, mit ihr mehrere Worte zu sprechen, und er flüsterte ihr zu:

„Ach, wie sehne ich mich nach Dir, Cölestine!“

„Ich theile Dein Verlangen, mein theurer Geliebter!“ antwortete sie ihm leise und ein Blick ihrer schönen schwarzen Augen bestätigte die Wahrheit dieser Worte.... Dieser Blick versengte jedoch mit seiner Glut wieder die Besonnenheit des Grafen und er sprach mit dumpfem Schmerze:

„Soll ich Dich noch lange entbehren -- so sterbe ich! Erbarme Dich meiner! Noch nie habe ich so gefleht.“

Aber in demselben Augenblick fühlte er sich an der Schulter berührt. Der Vater seines Weibes stand neben ihm:

„Ei, ei!“ sprach der General: „was soll das heißen, Alexander? Sie rauben unseren Freunden ein sehr wichtiges Recht. Heute gehört Cölestine noch ihnen -- -- erst von morgen an dürfen Sie allein über Ihre Frau verfügen...“

Es ist nicht möglich auszudrücken, wie schwer diese Worte den Grafen verletzten; gleich einem vergifteten Degen fuhren sie durch sein Herz, und zwar eben deßhalb, weil sein Schwiegervater es war, der sie gesprochen. Mit einem unaussprechlichen Blick sah Alexander denselben an, zerdrückte in seiner Brust einen heftigen Seufzer und ließ sich sodann stumm von dem General fort führen. Dieser hatte ihn unterm Arme ergriffen und durchschritt mit ihm einen, zwei Säle.... Es schien, als könnte er ihn nicht weit genug weg von Cölestine führen....

Alexander hätte den Alten ermorden mögen -- aber was blieb ihm zu thun übrig? Er folgte, folgte wie ein Opferthier, das man zwar mit Blumen bekränzt, aber dennoch zur Schlachtbank führt. Der General hatte ihn zu einer Ottomane gebracht und ihn genöthigt, hier Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich neben ihn und begann nunmehr ein Gespräch von Geschäftssachen und Gegenständen, die sich auf den zukünftigen Haushalt der Eheleute bezogen.... Alexander hätte vor Wuth aufspringen mögen wie ein Wahnsinniger... Der General aber schien sehr kalt und ruhig.

Dies ist leicht zu begreifen; er war ein Greis und hatte so eben seine Tochter versorgt -- während der Andere vor Leidenschaft glühte, diese Tochter zu umarmen. Das war der Unterschied; bei Gott ein ziemlich großer.

Um das Unglück voll zu machen, kam auch noch Herr +von Porgenau+ herbei und fing an, alte Witze aufzutischen, die im Jahre 1805 Mode waren, ja einige darunter mochten noch in der Arche Noah von dessen Söhnen aus Langerweile gemacht worden sein.

„Ei -- so schön beisammen!“ rief der alte Bonmotist und lächelte schon im Voraus über den Witz, welchen er sofort zu machen beabsichtigte. Denn Herr von Porgenau hatte die Gewohnheit jener Humoristen und Komiker, sowohl auf dem Theater als auf dem Druckpapiere (ich will hier ihre Namen nicht nennen!), die, bevor sie einen Gedanken, den sie für einen Witz halten, preisgeben -- selbst zu lachen anfangen und sich so gleichsam den Erfolg sichern; denn die Zuhörer lachen dann auch mit -- freilich bloß über die Albernheit des Witzmachers.

Herr von Porgenau war übrigens nicht ganz mit diesen Leuten zu vergleichen. Jene lachen nur +vor+ oder +während+ ihres Witzes -- -- er aber lachte auch +nach+ demselben.

„Ah! Ah!“ rief er dem General in’s Gesicht und schien dabei vor Lust und Vergnügen umzukommen: „Sie theilen diesen Platz mit ihrem Schwiegersohne, guter Randow! -- Sie haben ihm also einen Theil ihrer +Besitzungen+ übergeben....“

Um dem alten Narren eine Freude zu machen, lachte der General über diesen schauderhaften Einfall mit; Alexander aber warf ihm einen durchbohrenden Blick zu, der so viel sagte, als: „Packen Sie sich, alter Dummkopf!“

„Guter Gott!“ fing Porgenau an, als er sich von seiner Heiterkeit wieder erholt hatte: „Wie sehen sie d’rein, lieber Graf von A--x? Das ist nicht die Miene eines jungen Ehemannes.... das ist, hahaha! hahaha! hahaha! -- vielmehr die Miene eines jungen +Wehemannes+!“

Ueber dieses Wortspiel konnte nicht einmal der heute so dienstfertige General lachen, was Herrn von Porgenau gar sehr verdroß. Er regalierte sich also zuvörderst durch eigenes Gelächter -- und sodann sann er auf einen neuen Witz, der, wie er sich vornahm, Alles besiegen würde, was bisher in diesem Fache geleistet worden war.

„Finden Sie -- hahaha! Finden Sie, hahaha!“ begann er: „finden Sie nicht, daß, hahaha! hahaha!“

Er konnte vor Selbstvergnügen kaum fortkommen.

„Finden Sie nicht, meine Herren -- daß heute ein, hahaha! -- sehr schöner Tag ist? hahaha!“

„Gewiß -- ein schöner Tag,“ bestätigte der General.

„Und wissen Sie -- hahaha! -- weßhalb heute der Tag so schön ist -- hahaha!?“

„Nun?“

Der Bonmotist nahm eine Triumphatormiene an, platzte dann in eine entsetzliche Lache aus, und rief:

„Also -- Sie wissen nicht, weßhalb -- hahaha!“

„Nein.“

„Nun -- +ich weiß es auch nicht!+ -- Hahaha! hahaha! hahaha! hahaha! hahaha.“ -- Das war der Witz! Porgenau wälzte sich in einem Lehnstuhle wie Einer, der den Lachkrampf hat....

Hier vermochte es Graf Alexander nicht länger auszuhalten. Er fuhr gleich einem Gehetzten von seinem Sitze auf, entriß sich den Armen seines Schwiegervaters und lief hinaus auf den Gang in die frische Nachtluft, wo er den Vater über den Sternen fragte, warum er auch solche Wesen, wie diesen Porgenau, geschaffen habe....

Er stand lange auf demselben Fleck, dann trat er auf eine Terrasse, die mit Orangenbäumen und Blumen bepflanzt war und einen Rasensitz darbot. Auf diesen warf er sich, das Antlitz in das feuchte Grün gedrückt -- und, zum ersten Male im Leben, weinte er.... Er mochte sehr lange hier liegen. --

Da fühlte er sich von zwei heißen Armen umschlungen.... Vor ihm knieete +Cölestine+, sein Weib.

Ihm schwindelte und er wollte das nicht glauben: „Es ist ein Traum!“ murmelte er vor sich und schüttelte das Haupt.

„Es ist kein Traum, mein Geliebter!“ lispelte es ihm so süß von den Lippen der Geliebten entgegen, daß er die Hand nach ihr ausstreckte. Und was er erfaßte, war warmes, holdes, köstliches Leben.... er konnte nicht widerstehen, er tauschte das seinige damit aus -- mit fieberischem Entzücken stürzte er sich in dieses jetzt zur klarsten Einheit gewordene Doppeldasein: sie versanken beide in seinen unergründlichen, schwindelnden Tiefen. --

„Aber, meine Seele,“ sagte er darauf: „wie kommst Du hierher? Und wird man Dich mir nicht sogleich wieder entreißen?“

„Fürchte nichts, mein Geliebter!“ flüsterte sie und schmiegte sich ihm innig an, wie der Epheuzweig einer starken Säule....: „Jene Menschen, die uns einen ganzen Tag lang von einander gerissen -- haben nicht die Macht, uns auch noch die Nacht zu rauben. Alles entfernt sich bereits aus den Sälen unseres Hauses -- es ist ein wilder Tumult -- und in diesem stahl ich mich weg, um Dich aufzusuchen. -- Wenn Du glaubst, ich folgte Dir nicht überall mit den Augen, so hast Du Dich betrogen!... O Du wähnest, daß nur Du mich liebst! So weißt Du nicht, daß ich mich ganz, ganz Dir zu eigen gegeben habe? -- Diese Stunde soll es Dir sagen. Spricht sie nicht mit tausend Geisterzungen meine Liebe Dir aus -- -- so wird nie eine andere es Dir sagen. -- Ja, ja, ich liebe Dich -- tiefer, seliger, und ernster vielleicht, als Du mich.... Urtheile nicht voreilig über uns beide! Glaube meinen Worten!“

„Ja, sie reden jetzt mit überzeugender Gewalt zu mir!... Du bist mein -- und hast Dich aus freiem Trieb mir übergeben, und so mußt Du mich ja lieben! -- Entschuldige meine Thorheit, die mich vorher sich wie ein Kind betragen ließ.... Allein wenn man im innersten Herzen erregt ist, dann, in Wahrheit, geht man seines Verstandes verlustig, man wird ein Narr, ein Wahnsinniger, ein Elender!“

„Sprich, geliebter Engel -- --“ kos’te das holde Weib, das auf seinem Schoße saß -- „sprich,“ sagte sie mit einem Tone, der klang und duftete wie eine wehende Rose: „wirst Du auch immer so sein, wie jetzt? Wirst Du mich immer lieben? -- -- Denn jetzt, ich weiß es, werde ich von Dir vielleicht mehr geliebt, als irgend ein Weib von einem Mann. Aber wird dies auch immer so bleiben? Kannst Du mir dafür Gewißheit geben?“

„Und würde es Dich glücklich machen, wenn ich das könnte?“

„Gewiß -- mein Alexander! Liebte ich Dich nicht, hätte ich Dich nicht genommen.... und weil ich Dich liebe, muß ich ja wünschen, daß es immerdar so bleiben möge.... Allein es ist ein böser Zustand, hiefür keine Bürgschaft zu haben.... Höre mich, mein Gemahl! So wie ich jetzt fühle und denke -- würde ich die Hälfte meines Lebens dafür geben, wenn ich sicher wäre, daß während der andern Hälfte ich auch nicht einen Gran von Deiner Liebe einbüßen sollte!.... Glaubst Du meinen Worten, oder meinst Du, ich treibe nur Scherz?....“

Alexander vermochte kaum zu antworten; er preßte den blühenden Leib seines jungen Weibes an seine Brust, an seinen Körper -- er that ihr mit seinen ungestümen Umarmungen beinahe weh.... doch sie empfand es nicht....

„Alexander!“ rief sie mit gedämpfter, tiefer Stimme: „in dieser entzückenden Stunde, der heiligsten Stunde unseres Lebens, schwöre ich Dir, Dir ewig treu zu sein. Schwöre Du mir’s auch!“

Er wollte sprechen.

„Still!“ rief sie und legte ihr kleines Händchen auf seinen Mund: „schwöre nicht eher, als bis Du Alles erwogen hast.... ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit.... aber länger vermag ich nicht zu harren, dann gelobst Du mir, was Du Deinem Schöpfer geloben kannst.... und jetzt, jetzt lass’ uns diesen Ort verlassen, lass’ uns eilen, um, bevor noch alle Gäste die Säle verlassen haben, dort gegenwärtig zu sein. -- Du gehst durch jene, ich durch diese Thür. Nach einer halben Stunde treffen wir uns -- -- -- --“

„Im einsamen Brautgemache!“ ergänzte er leise und verließ sie zitternd an allen Gliedern, glückselig wie ein Gott.

In der That war ihm in diesem Augenblick der Zufall günstiger, wie heute den ganzen Tag über. Noch waren die Gäste in reicher Menge im Saale zugegen, und eben weil sich Alles zum Aufbruch rüstete (gewisse Leute brauchen dazu einige Stunden Zeit), war seine wie Cölestinens vorige Abwesenheit nicht bemerkt worden.

Mutter und Vater vermutheten die junge Frau unter irgend einer Gruppe von Bekannten; dasselbe dachte man von dem Grafen, und da die Neidischen und Nebenbuhler zufällig alle längst fortgegangen waren, so konnten auch diese das geheime Glück der Eheleute nicht stören.

Endlich war Alles aus dem Hause. Dieses stand jetzt still und leer.... die Lichter in den Sälen wurden ausgelöscht -- die Lakaien nahmen nunmehr von diesen Schauplätzen Besitz. Der General mit seiner Gemahlin entfernten sich nach dem rechten Flügel des Palais; Alexander mit Cölestine am Arme schlug seinen Weg nach dem linken ein.

Nachdem sie eine Reihe von Gemächern durcheilt waren, nahm er sie auf seine Arme und ras’te mit ihr, wie ein Riese mit einem Kinde, in’s Brautgemach.

Hier leistete er ihr den Schwur, welchen sie verlangte: +ewig ihr treu zu bleiben+.

Fünftes Kapitel.

Einige Lebensszenen.

Im Kaffeehause bei +Daum+ trafen einige Tage darauf zwei Herren zusammen. Es war gegen Mittag, um welche Stunde dieses Etablissement sehr zahlreich und zwar von einer gewählteren Gesellschaft besucht wird. Hier sehen Sie den Stutzer, der so eben von seiner Toilette kommt, um sich hier in den vielen Spiegeln zu besehen, was er zu Hause niemals so gut kann, denn welcher Mensch, und sei er ein +Pelham+, besitzt in seinem Quartier ganz Spiegelwände? Uebrigens frühstückt hier der Stutzer auch, und das ist der Vorwand, unter welchem er erscheint. -- Ferner werden Sie eine zahlreiche Auswahl junger Kavaliere in diesem Saale bemerken.... man beabsichtigt einen Morgenritt nach dem Prater und kommt früher hierher, sich zu erfrischen.... Ein großer Theil jener Beamten, die eben keine zärtlichen Freunde der Bureaux sind -- sodann pensionirte Hauptleute und Majore und endlich Fremde, namentlich Franzosen, vollenden die Gesellschaft, welche Herrn Daums Kaffeehaus Vormittags zwischen zehn und zwei Uhr besucht.

Man tritt, wie gesagt, gewöhnlich unter dem Vorwande, ein Frühstück zu nehmen, ein, aber nur bei den Wenigsten lauert keine andere Absicht im Hintergrunde. Dieser Herr z. B. will sich zwei Stunden lang auf weichen Sopha’s umherwälzen und Neuigkeiten aufschnappen -- -- Jener sieht durch’s Fenster nach den vorübergehenden Damen oder er stellt sich zu diesem Behufe lieber gleich vor die Thür des Kaffeehauses -- denn es liegt ja auf dem Kohlmarkt, der besuchtesten Straße Wiens; was einen Dritten betrifft, so hat dieser, dem die Gläubiger seine Wohnung stürmen, sich vor ihren zudringlichen Schaaren hierher, in dieses Asyl geflüchtet, weil öffentlich Niemand gemahnt werden darf. -- Und so ließe sich dieses Thema, welches wie so viele andere Kapitel über den Unterschied zwischen +Schein+ und +Sein+ handelt, noch weiter behandeln, wäre hier der Raum zu dergleichen vorhanden. --

Wir eilen jedoch lieber zu einem der Hauptfäden unserer Geschichte und überlassen Schilderungen von Nebendingen jenen Autoren, die in ihrer Naivetät solche für Hauptsachen halten.

Jene zwei Herren, die sich bei Daum so eben getroffen haben und von welchen wir zuvor sprechen wollten, waren: unser wohlbekannter Weiberbesieger +Althing+ -- und +Edmund von Randow+. Sie begrüßten einander mit jenem Geschrei, welches zwischen gewissen noblen Leuten die herrschende Tonesart ist....

„Ah -- mein lieber Edmund!“

„Ah -- mein alter Bursche Althing!...“

Sie umarmten sich so herzlich als nur möglich.

„Wie kommst Du hierher?“

„Diese Frage wollte ich eben an Dich stellen, furchtbarster aller Adonisse -- (ich hoffe, Du wirst mit dieser Charakteristik zufrieden sein!). Hab’ ich Dich doch niemals noch hier gesehen.... Ich glaubte immer, Du besuchtest dieses Etablissement nicht gerne -- weil keine Damen hierher kommen...“

„O, o! soll das ein Scherz sein! Bin ich ein Narr, der den Weibern nachläuft? Hoffentlich wirst Du nicht so gering von mir denken, Edmund! Ich den Frauen nachlaufen... haha! So etwas ist nicht nöthig. -- -- Es giebt Männer, die von +ihnen+ verfolgt werden, hahaha...“ Und unser Dicker zupfte an seiner Cravatte und schlug mit seinen Sporren, die er wie die alten Ritter immerwährend -- vielleicht auch im Bette -- an den Füßen trug, zusammen....

„Kurz gesagt: was suchst Du eigentlich hier?...“

„Theuerster Freund -- bevor wir über diesen Gegenstand reden -- lass’ uns eine Tasse Chocolate oder noch besser ein deutsches Frühstück zu uns nehmen.... das stärkt zum Diskours.... Marqueur! Marqueur! Chocolate, aber.... die Vanille nicht zu vergessen! hahaha!“

„Hahaha!“ -- lachte auch Edmund und rief dem Aufwärter nach: „schlagt auch ein Ei hinein und gebt ein wenig von jenem gewissen Pulver dazu, welches in Apotheken schwer zu bekommen ist.... hahaha!“

„Hahaha! Mein Freund -- Du übertreibst, Du übertreibst. Jene Ingredienzen sind bei mir alle noch nicht nothwendig, Dank Aeskulap, dem Gott der Gesundheit....“

„Und einem andern Gott, den man in unsern Schulmythologien nicht abgebildet findet.... hahaha!“

Althing hatte einen Tisch gewählt, von wo man sehr bequem auf den Kohlmarkt hinaussehen konnte -- und der Jüngling nahm neben seinem Mentor Platz.

„In der That,“ sagte er, „ich bin äußerst neugierig, den Grund, der Dich hieher führte, zu erfahren, mein Alter....“

Zornig schnob ihn der Dicke an: „Ein für alle Mal, ich bin dieses Wort nun satt -- und werde es in Zukunft als eine Beleidigung ansehen, die gerächt werden muß, +Alter+ und immer +Alter+! -- -- Donnerwetter! Ihr macht es ja so, als gäbe es keinen Aelteren mehr in der Welt, als ich. Was soll das heißen?... Bin ich Euer Freund, oder foppt Ihr mich bloß!?“

„Ihr -- Ihr? -- sprichst Du zu mir per +Ihr+! --“

„Nun ja -- Du und die Andern; Du verstehst mich schon. -- Noch ein Mal, Edmund, wenn es in Zukunft zwischen uns nicht schrecklich hergehen soll -- so sprich jenes verdammte Wort nicht mehr aus.... namentlich vor so vielen Leuten....“

In diesem Augenblick ging draußen ein junges und sehr schönes Mädchen -- ein Ladenmädchen, Putzmacherin, Blumenmädchen oder dergl., kurz eine Grisette -- vorbei und Althing fuhr mit einem Ruck, als habe ihn Jemand gestochen, in die Höhe: „Alle T--l!“ rief er: „Was seh’ ich? -- Um diese Stunde schon? -- Sie sagte mir, sie würde erst um ein Uhr.... Sapperment, dahinter muß etwas stecken.“ Und er bemühte sich, hinter dem Tische, der ihn und seinen Bauch einzwängte, rasch vor zu kommen.... Das gelang jedoch nicht so leicht -- und unser Ritter, der sich mit den Sporren an den Wandtapeten verfangen, riß, während er davon stürmte, ein Stück davon mit sich....

Augenblicklich liefen ein Paar Marqueure herbei und stellten sich ihm in den Weg:

„Entschuldigen -- Euer Gnaden!... -- Verzeihen -- Euer Gnaden.... aber....“

„Was wollt Ihr?“ schrie er wüthend und suchte durchzukommen.... augenscheinlich hatte er in der Eile von dem Schaden, welchen er verursacht, gar nichts gemerkt.... denn seine Wuth über die Kerle stieg von Moment zu Moment:

„Was soll das heißen?“ tobte er mit von Zorn erstickter Stimme: „Bin ich hier unter Wegelagerern und Mördern?...“

Er fing jetzt an so zu springen, als wollte er über die zwei Aufwärter wegsetzen; zum Glück aber war er nicht im Stande, höher als zwei Zoll sich zu erheben -- dann plumpste er jedes Mal mit schrecklichem Geräusch auf den Boden herab. -- Endlich jedoch aufs Aeußerste gebracht, ballte er seine Fäuste, streckte sie, wie ein Stier die Hörner, vor sich hin -- und versuchte nun auf diese Weise eine Bresche zu machen; aber im selben Augenblick hatte ein dritter Marqueur ihn hinten beim Rockschoß ergriffen....

„Entsetzlich!“ stöhnte der Unglückselige, den bereits seine Kräfte -- er besaß deren nicht große -- verließen: „Entsetzlich! so etwas habe ich noch nicht erlebt!... Das ist hier eine Schlachtbank, aber kein Kaffeehaus!...“

Jetzt trat der Obermarqueur vor ihn: „Entschuldigen Sie,“ meinte dieser -- „es ist ein Kaffeehaus, wie diese Herren hier alle bezeugen werden.... Man kommt jedoch nicht in ein Kaffeehaus, um Tapeten zu zerreißen, Frühstück zu bestellen und sich dann so beiläufig -- fortzumachen.... Ich gebrauche noch einen sehr milden Ausdruck, wie Sie sehen....“

„Ha! mir das?“ schäumte Althing: „Mir das? -- Fortmachen? „+Durchgehen+,“ wollen Sie wohl sagen! -- Wissen Sie denn auch, mit wem Sie’s eigentlich zu thun haben, mein Mann?“

„Eben deßhalb, weil man Sie hier nicht kennt, weil Sie noch niemals da gewesen sind, mein Herr, durften Sie bei Ihrem forcirten Abgang keine andere Behandlung erwarten.... Mein Gott, wer wird uns zumuthen, unsere Tapeten von fremden Herren zerreißen zu lassen?....“

„Aber ich wäre wieder gekommen; ich hatte nur ein wichtiges Geschäft abzumachen, das keinen Aufschub litt.“

„Mein Herr, ich erlaube mir die Bemerkung, daß, bevor man zu wichtigeren Geschäften geht, man so unwichtige, wie eine Kaffeehausschuld, abmacht...“

„Aber -- -- bin ich denn allein da? Wo ist denn mein Freund, Herr von Randow? -- War dieser denn Euch nicht Bürge genug? --“

„Allerdings; allein der Herr von Randow hatten ja eben die ganze Szene mit angesehen -- und da Dieselben sich dessenungeachtet nicht in’s Mittel legten....“

Bei diesen Worten drehte der mißhandelte Liebesheld sich um, um nach seinem Freunde Edmund zu sehen. Dieser saß zwei Schritte davon und hielt sich vor Heiterkeit kaum mehr auf dem Sitze. In der That, die eben vorgefallene Szene hatte ihm ein Vergnügen gemacht, in welchem er sich um großer Schätze willen nicht hätte mögen stören lassen; von ihm war also eine Unterbrechung desselben und somit der Szene nicht zu erwarten.

Althing warf ihm einen indignirten Blick zu und sprach, bitter lächelnd: „-- -- O, das hat man für seine Freundschaft, für seine Lehren! -- Gewöhnlich erzieht man sich an seinen Schülern -- Schlangen und Nattern. -- Doch schon gut! Ich werde diesen Vorfall nicht vergessen -- und auch wie ritterlich man sich dabei gegen mich benommen....“

„Aber, mein Gott,“ entgegnete Edmund kichernd: -- „Was sollte ich thun? -- Du schlugst ja so wüthend umher, daß man nicht in Deine Nähe treten und Dir ein Wort zuflüstern konnte. ... Und überdies....“

„Schon gut! schon gut! Keine Entschuldigung, mein Herr!“ sagte unser Dicker in jenem kalten Tone, womit man einen Menschen seine Gleichgültigkeit fühlen läßt: „Marqueur! -- Was macht der ganze dumme Spaß....“

„Nicht mehr als zehn bis zwölf Gulden,“ antwortete der Oberaufwärter.

„Was heißt das: Bis --“

„Das heißt, mein Herr, es läßt sich noch nicht ganz genau berechnen....“

„Wohl; hier habt Ihr zwölf Gulden! -- -- und nun ein Glas Limonade. Ihr bringt sie jedoch zu diesem Tische, hier nebenan.“