Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 3
Nur wenig von dem Allen fiel den Eltern Cölestinens auf. Ihre Zufriedenheit über das Geschick ihrer geliebten Tochter war so groß, daß ihr Augenmerk nur in diesem Kreise verweilte und nicht fähig war, selbst zu verwandten Dingen hinaus zu treten. Eine freundlichere Greisengestalt, wie die des Generals von Randow, konnte man sich nimmer vorstellen; es war in ihr jene Mischung von adeligem und militärischem Ritterthume vereint, die man auf den Bildern der Condé’s und ähnlicher Heldenfamilien so gerne erblickt; hiezu kam noch ein unvertilglicher Zug von Herzensgüte, die, wie wir wissen, ein Eigenthum aller Familienglieder der Randow bildete -- und die überdies auch sonderbarer Weise ein Attribut fast aller heroischer Charaktere ist und war. -- Die Mutter Cölestinens, aus einem deutschen Hause entsprossen, war eine der sanftmüthigsten und zartsinnigsten Seelen -- ein wahrer, echter, niemals getrübter Tugendspiegel, das Muster einer Gattin und Mutter. Seit einiger Zeit lebte sie nur in und für diese einzige Tochter, und die Thränen, welche sie zum ersten Male im Leben vergossen hatte, waren Freudenthränen über Cölestinens Glück.
Es wird nicht eben nöthig sein, viel von den übrigen Personen zu reden, welche theils als nächste Verwandte des Hauses, theils als erbetene Zeugen das Brautpaar umgaben. -- Da stand eine +Gräfin von Wollheim+ mit ihrem Gemahle, der ein großer Jäger war, während sie zu den leidenschaftlichsten Mitgliedern des +Wohlthätigkeitsvereins hoher Damen+ gehörte und alle Jahre mit eigenen Händen 6 Paar grobwollner Strümpfe dazu strickte, die sie freilich viel leichter für einige Groschen hätte kaufen können. Ferner war eine Frau von +Porgenau+ ebenfalls mit Gemahl da, von welch’ letzterem man sich allerlei schnurrige Geschichten erzählte. Er wollte für einen großen Bonmotisten und Calembouristen gelten, und da hierzu sein Talent nicht völlig ausreichte, griff er zu dem auch bei einigen andern Leuten gebräuchlichen Mittel, daß er fremde Witze als eigene auftischte. Achtbarer und hochverehrter als der alte -- Rath und Ritter einiger Orden, Herr von +Labers+, konnte Keiner sein. Er zählte unter die verdientesten Staatsmänner der Regierung und seine Anwesenheit allein reichte hin, eine Gesellschaft auszuzeichnen. Er war einer von den Trauungszeugen des Brautpaares. An seinem Arme führte er die bejahrte Wittwe eines +Feldmarschall-Lieutenant E--z+, welche ebenfalls eine Zeugin bei der Ceremonie abgab. Noch mehrere Gäste befanden sich im Saale; jedoch ist es nicht unsere Absicht, sie hier alle aufzuzählen, um so weniger, da dieselben im Verfolge dieser Geschichte wohl nicht wieder auftreten dürften.
Nur von Cölestinens Bruder, Edmund von Randow, müssen wir noch sprechen. Natürlich, daß auch er sich im Kreise der Gesellschaft befand. Ein Charakterzug, der an diesem leichtsinnigen Jüngling sehr auffallend erschien, war eine so zärtliche Liebe für seine Schwester, daß er in ihrer Nähe, man möchte sagen, einen ganz neuen Menschen anzog; denn es gab dann keinen gefühlvolleren und liebenswürdigeren jungen Mann, als wozu er sich Angesichts Cölestinens verwandelte.
So stand denn Edmund jetzt auch schüchtern wie ein Mädchen neben seiner Schwester, und wenn er einen Blick von ihr erhielt, wäre er vor Seligkeit niedergesunken und hätte ihre Füße geküßt.
Es ist in der That auffallend, und doch ist es vorgekommen, daß zwischen Bruder und Schwester oft eine so romantische Liebe existirt, wie man sie kaum zwischen Geliebten findet. Woher mag das kommen? Ist es vielleicht einerseits die Anziehungskraft zwischen den beiden Geschlechtern -- und anderseits die Macht jenes Naturgebots, welches eine Scheidewand stellt zwischen Menschen, die ein Schoß gebar? -- In diesem wechselnden anziehenden, abstoßenden Magnetismus ist gewiß ein namenloser Reiz verborgen und es entspringt hieraus einer jener romanesken Zustände, welche wir nur erleben, nicht schildern können.
Endlich erschien der Hauskaplan im Chorhemd und Stola, um das Paar vor die Stufen des Altars zu laden. Man trat sogleich durch einen kurzen Corridor in das Heiligthum. Der Tisch des Herrn war festlich geschmückt, helle Lichter brannten auf demselben und zwischen ihnen glänzte auf silbernem Kreuze das schmerzvolle Bild des Erlösers.
Der Priester stellte sich auf die oberste Altarsstufe und erwartete hier, daß Diejenigen, denen er ein Sakrament der Kirche ertheilen sollte, zu ihm kommen und darum bitten würden. -- So wurde denn Cölestine von der Wittwe des Feldmarschall-Lieutenant E--z und ihren Eltern, Graf Alexander aber von dem --Rath, Herrn von Labers, und seinen Freunden dahin geführt.
Mit fester Stimme ward beiderseits das „Ja“ gesprochen, die Ringe gewechselt, die Stola schlang sich um die vereinigten Hände.
Sie waren Mann und Weib.
Edmund, der der Ceremonie von ferne zugesehen hatte, sank bei dem letzteren Akte ohnmächtig in einen Betstuhl.
Zu gleicher Zeit hörte man draußen einen Pistolenschuß fallen, und wie man später erfuhr, hatte ein junger Mann, den man jedoch nicht erkannte, den Versuch gemacht, sich selbst zu entleiben. Vor der Trauungsfeier noch war er in der Nähe der Kapelle gesehen worden, hatte sich aber irgendwo zu verstecken gewußt, so daß man ihn nicht finden konnte. Nachdem der Schuß, welchen er gegen seinen Kopf zu thun beabsichtigt hatte, durch irgend einen Umstand fehlgegangen war -- war dieser Fremde wieder plötzlich verschwunden, ohne daß man wußte, wohin er gerieth. -- Diese ganze Szene trug sich vor der Kapelle zu und war von einigen Dienern des Hauses beobachtet worden.
Ein heftiger Schrecken hatte sich beim Knall des Gewehres unter der Gesellschaft in der Kapelle verbreitet. Man glaubte anfangs, es sei nach dem Bräutigam oder gar nach der Braut geschossen worden. Indeß erfuhr der General und seine Gemahlin sogleich das Wahre von der Sache, und dem Brautpaar, so wie den übrigen Gästen sagte man: es sei unvorhergesehenerweise das Gewehr eines Jägers im Hause losgegangen.
Aber welches Entsetzen ergriff Alle, als sie in einem Betstuhle Edmund leblos liegen sahen. Doch wieder beruhigte man sich, sobald man seinen wahren Zustand entdeckte. Man kannte seine schwärmerische Neigung für Cölestine. Aber war es diese Neigung, die ihn im Augenblick, als die Schwester ihm auf immer entrissen werden sollte -- oder war es ein Vorgefühl vor dem räthselhaften Schusse, -- welches ihn besinnungslos hinstürzen ließ, wer kann es berechnen?
Als endlich wieder Alles geordnet war, als man den Ohnmächtigen wieder zu sich gebracht hatte, als er in den Armen seiner bräutlich geschmückten Schwester vollends zum Leben erwacht war -- verließ der Zug endlich die Kapelle und begab sich nach dem großen Familiensaale. Cölestine empfing hier den Segen ihrer Eltern, die ersten Glückwünsche der gegenwärtigen Gäste, so wie einige Geschenke ihrer Verwandten.
Länger jedoch vermochte die Arme sich nicht aufrecht zu erhalten. Diese Menschen, die sie umgaben, waren so gesund, wohlbehalten, ihnen war nichts begegnet als ein gewöhnliches Fest -- -- hingegen auf Cölestine waren so viele Ereignisse, oder vielmehr ein einziges großes, tausend andere in sich fassendes Ereigniß, eingedrungen -- daß ihre ungewohnte Brust den Druck desselben nicht länger zu ertragen vermochte.
Cölestine begab sich mit ihrem Manne und ihrer Mutter nach einem andern Gemache.
Zurück blieben die Verwandten und Gäste, welche sich um den General stellten und ihm jetzt dasselbe wiederholten, was sie früher seiner Tochter gesagt hatten, nämlich Glückwünsche, Gratulationen, Prophezeihungen und andere leere Sachen, an denen die Welt immer reich sein wird, so lange es noch müßige Menschen und solche giebt, denen es an Nichts oder an Wenigem fehlt; mögen dieselben hohen oder niedern Standes sein, das ist einerlei.
Viertes Kapitel.
Der Hochzeitsball.
Des Abends waren die Salons des Palastes glänzend erleuchtet. Natürlich, man mußte ja einen Ball geben, ohne das läuft so was nimmer ab. Wie hätte sonst die halbe Welt Gelegenheit haben sollen, die ersten Augenblicke des Ehepaars mit jener schmählichen Neugierde zu kontrolliren, welche Ihr -- Ihr armen braven Handwerksleute, Bürger und Bauern nicht kennt. Gewisse Gebräuche und Sitten der _beau monde_ hat die bloße, nackte Unverschämtheit erfunden -- und die herzlose Fühllosigkeit sanktionirt sie und bringt dieselben in Ausübung. Hierher gehört auch die Sitte, von welcher wir gegenwärtig sprechen.
Wozu ein Ball, ein Fest, eine Versammlung nach der Vermählung? Sind sich in diesen Stunden Mann und Weib nicht genug, halten sie sich denn nicht zum ersten Male mit den Armen umschlungen, und sind diese nicht noch kräftig genug, um fremder Stütze zu entbehren? -- Bei Gott, es ist eine Perfidie -- mich unter dem Vorwande eines Gebrauchs -- von der ersten Besitznahme meines Eigenthums zu trennen. Der erste Augenblick ist ja der entzückendste, warum stört Ihr mich gerade jetzt? -- -- --
Oder sollen diese Gesellschaften am Tage der Vermählung soviel sagen, als: von nun an wollen wir immer und so oft als irgend möglich zwischen Euch treten und Euch die einsamen Augenblicke, die so süß sind, rauben.... von nun an wollen wir es hindern, daß Ihr Euch so ganz vereinigt, wie es in der Schrift geschrieben steht: ein Leib und eine Seele.
-- Die Räume der Salons waren jetzt bereits so sehr angefüllt, daß kaum mehr Platz da war für neue Gäste, und doch kamen deren immer mehr und mehr. Namentlich Frauen waren mit ihren Männern in großer Menge erschienen und auch junge Leute; weniger waren Mädchen zu bemerken, die man von solchen Festen gerne ausschließt.
Schon sammelte und sonderte man sich in Kreisen und Gruppen, schon unterhielt man sich in jener halbleisen und halbschreienden Weise, welche die Conversation der Leute vom guten Ton auszeichnet. Der Gegenstand dieser Conversation, dieser Blicke, dieser Deutungen und Zeichen war, wie natürlich -- Cölestine und ihr Mann. Ich weiß nicht, ob noch irgend ein anderes menschenmögliches Ereigniß im Stande gewesen wäre, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen, es müßte denn allenfalls das Herabfallen der Decke des Salons gewesen sein.
„Allein finden Sie nicht, beste N**, daß er beiweiten hübscher ist, als wie man uns ihn beschrieb?“
„Gewiß, gewiß, meine Freundin: er kann sogar ein +schöner Mann+ genannt werden.“
„Was sagen Sie zu seinem Benehmen, theure Gräfin V**? Finden Sie es nicht ein wenig schroff? ungewöhnlich?“
„In der That -- ja.... indeß kleidet es ihn nicht schlecht, wie ich glaube....“
„Ist er Ihnen schon einmal irgendwo vorgestellt worden, meine Beste?“
„Das nicht, kleine Freundin; jedoch habe ich ihn zeitweise bei der Baronin von G--r getroffen, wo er sehr beliebt ist.“
„Es scheint mir unbegreiflich, daß dieser Mann beliebt sein könnte.“
„Warum nicht, liebste Beste! Sie thun ihm wahrhaftig Unrecht....“
„Ach -- wovon reden Sie da, meine schönen Damen?“
„Guten Abend, theure Freundin.... Sie sehen, wir reden von ihm....“
Und wer ist dieser Er und Ihm, und: +dieser Mann+? Wer sonst, als Graf Alexander, der junge Ehemann, der so glücklich ist, von heute an für zwölf volle Tage Stoff zu liefern für die Conversation der schönen Welt.
Aber entgeht vielleicht Cölestine ihrem Schicksal? O, ein solcher Fall ist noch nicht da gewesen.
In einigen Gruppen, gebildet aus jungen Leuten und auch älteren Gesellen, ist ein solches Flüstern und Lachen und Deuten (natürlich bloß mit den Augen) zu bemerken, daß es die Umstehenden genieren müßte, wären diese an dergleichen nicht gewöhnt. Man spricht nämlich in diesen Gruppen von der schönen jungen Frau, ohne jedoch hierbei außer Acht zu lassen, nebenbei auch über ihren Mann ein Wörtchen hineinzumengen. In dieser Beziehung sind die Klatschereien der Herren noch weit abscheulicher als jene der Damen, da hier in der Regel ihr eigenes Geschlecht viel günstiger beurtheilt wird. Wir haben in jener Damen-Unterhaltung, der wir vorhin beiwohnten, nur immer über den +Gemahl+, über +Alexander+ reden gehört -- -- aber glaube Niemand, daß er jetzt in der Herren-Unterhaltung, die wir sogleich besprechen wollen, bloß den Namen Cölestinens zu hören bekommt; im Gegentheil wird jener ihres Mannes tausend Mal genannt werden, und zwar nicht nur sein Name, sondern auch sein Kopf, sein Hals, seine Brust, sein Arm, sein Bein, sein Rock, sein Taschentuch.
O über die männlichen Klatschschwestern!
„Ach ja -- guter T*** -- Du findest diese Cölestine wirklich so allerliebst? Ich bemerke so eben, daß sie eine abscheuliche Stumpfnase hat.“
„Das deutet auf Herrschsucht und Trotz, meine Herren!“
„Um so besser. Der Herr Gemahl wird sich ihr trefflich fügen, denn wenn ich nicht irre, so deutet sein hängender Backenbart ein großes Talent zur Unterwürfigkeit an!“
„Hahahaha! hahahaha!“
„Ein vortrefflicher Einfall.... Er dürfte aus dem Munde des alten +Porgenau+ kommen! -- hahaha!“
„O, dann wäre er gestohlen!“
„Schadet nichts! Gedanken sind keine Waare!“
„Allein -- wie finden Sie diese Haltung +ihres+ Kopfes? Der Kopf an sich ist bewundernswürdig schön!“
„Jedoch entstellt ihn die übermäßige Coiffure.“
„Was man immer sagen mag: +sie+ ist eine der ersten Schönheiten Wiens.“
„Gewiß! Vom ersten Wasser! Vom ersten Wasser!“
„Vom ersten Kaliber.“
„Still -- -- welcher Vergleich!“
„Die Zahl +ihrer+ Anbeter soll Legion gewesen sein.“
„Ich wenigstens gehörte nicht dazu.“
„Jedenfalls war dieser Graf Alexander der Glücklichste unter allen...“
„Oder eigentlich der Unglücklichste, wie man’s nehmen will...“
„Ach, ach -- ich denke, er ist an sich schon unglücklich genug; wenn man die Physiognomie dieses Menschen betrachtet, so wird man finden, daß dieselbe aus lauter Unglücken, oder deutscher: Unglücksfällen zusammengesetzt ist...“
„Mäßigen Sie sich, Herr von G--r; denn da kommt eben die Schwiegermama, und die scheint in Beziehung auf ihren Tochtermann entgegengesetzter Meinung.“
Augenblicklich entstand in diesen Versammlungen eine musterhafte Stille und die Gesichter der Herren, welche erst von Satyre und Ironie (aber ziemlich erbärmlicher) überflossen, wiesen sich so freundlich süß, wie eine Hausfrau von ihren Gästen sie nur immer erwarten kann. Ja noch mehr, diese trefflichen jungen Leute umringten die Generalin und wußten ihr in einem Athemzuge so viel Schmeichelhaftes zu sagen, daß man gemeint hätte, über deren Zungen wäre niemals etwas Anderes als Lobgesang und Psalmodei gekommen.
Nichts als Glückwünsche und zwar „aus dem Innersten des Herzens“ wurde gespendet -- man pries ihr Haus über diesen neuen Zuwachs an Ehre und Glück, der demselben so eben geworden war, und dann was den Grafen Alexander von A--x betraf, so bezeichnete man ihn als „einen der ausgezeichnetsten Kavaliere der Residenz und einen der einflußreichsten Diener des Staates.“
Die alte Dame erwiederte diese Höflichkeiten mit jener Miene von Liebenswürdigkeit und jenem feinen Takte, die einer vornehmen Frau immer zu Gebote stehen und wovon die erstere durch den zweiten stets sicher geleitet und bemessen wird.
Man ordnete sich alsbald zum Tanze. Hierzu waren zwei weitläufige Säle bestimmt, wohin man sich jetzt paarweise begab. Cölestine, nun Gräfin von A--x, eröffnete an der Hand des Herrn von Labers den Zug, -- Graf Alexander bot ihrer Mutter und der General der Feldmarschall-Lieutenants Wittwe den Arm. Die übrigen Gäste schlossen sich ohne Rangordnung, die in der höhern Gesellschaft nicht existirt, an -- da hier mit dem Privilegium des Eintritts auch jenes der Gleichheit verbunden wird.
Gräfin Cölestine hatte zum ganzen Feste so viel heitern Sinn und eine so sichere Fröhlichkeit mitgebracht, daß alle Welt sagen mußte: sie sei glücklich und hoffe es stets zu sein. Von dem Grafen, ihrem Gemahle, ließ sich dasselbe sagen, doch schien ihn in manchen Augenblicken dieses geräuschvolle und ostensible Treiben zu belästigen; man sah es ihm an -- er wünschte lieber allein zu sein mit Derjenigen, die er jetzt sein nannte. Sollte man es Besorgniß nennen, die sich momentan in seiner Miene kundgab? Vielleicht war es das nicht -- und doch flüsterten zwei seiner eifrigsten Beobachter, die vielleicht früher auch seine Nebenbuhler gewesen waren:
„Ach, es ist die Eifersucht, die sich selbst in den ersten Tropfen seines Freudenkelches mischt! wie wird dies erst später werden?“
Dann lachten diese guten Herren und meinten, der Tag ihrer Rache würde schon von selbst kommen.
Einige Stunden später -- Graf Alexander hatte während dieser Zeit nach der Sitte der vornehmen Welt mit seiner Frau +so wenig als möglich gesprochen und getanzt+ -- konnte ein feiner Menschenkenner Spuren eines tiefern Unmuths auf des jungen Ehemanns Stirne lesen. Und in der That, Alexander war jetzt von einem jener schrecklichen Gefühle geplagt, denen seine Seele in früherer Zeit so oft zur Beute geworden. Die immerwährende und sich stets gleichbleibende Heiterkeit Cölestinens hatte ihn bitter berührt, sie hatte ihn schmerzlich verletzt. Woher diese so bestimmt ausgesprochene Zufriedenheit bei ihr -- -- da doch er dieselbe nicht theilte? So fragte er sich. Der Bedauernswerthe! er bedachte nicht, daß seine Frage ein Widerspruch sei -- -- -- waren denn ihre beiderseitigen Gemüther gleich? ja, entsprangen denn ihre jetzigen so verschiedenen Stimmungen aus +einer+ Quelle?
So oft es der Anstand und die Umstände erlaubten, versuchte Alexander sich seiner Gemahlin zu nähern und -- da traf er denn immer auf Hindernisse, die sich zwischen sie und ihn stellten.
Cölestine war eine leidenschaftliche Tänzerin, und warum sollte sie an dem heutigen Freudentage sich diesem Vergnügen nicht mindestens im selben Maße überlassen, wie zu andrer Zeit? Werden doch, wenn wir fröhlich gestimmt sind, unsere innern Triebe freier entfesselt wie sonst.
Aber so urtheilte Alexander keineswegs. Seine glühende, spanische, eifersüchtige Liebe lechzte nach dem Besitze des Gegenstandes, auf welchen nur er ein Recht zu haben meinte.... Zum Glück war sein Charakter fast eben so stolz und verschlossen wie eifersüchtig; sonst hätte er die Bewegungen seines Herzens nicht bemeistert.
Indessen wurde sein Betragen zuletzt auffallend genug, daß einige Damen und Herren, die eher gekommen waren, zu beobachten und zu secciren -- als sich zu unterhalten, unter einander sprachen:
„Unser junger Ehemann scheint von höchst eigenthümlicher Sorte zu sein; man könnte fast glauben, er befinde sich hier, um die Gäste, die seine Schwiegermutter eingeladen hat -- zu vertreiben...“
„Ohne eben weit zu sehen -- ließ sich dergleichen von ihm im Voraus erwarten. Sie kennen den Grafen A--x also nicht?“
„O! man muß ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: er macht schon im Voraus das Programm zu den künftigen Gesellschaften seines Hauses. Man wird sich darnach richten können. Sie dürften nicht ganz so glänzend ausfallen, wie die junge Gräfin vielleicht beabsichtigt.“
„Man spricht davon,“ sagte Frau von Porgenau, die sich so eben näherte, „Gräfin Cölestine werde ihre _jour fix_ am Sonnabende geben.“
„In der That?“ versetzten einige Damen und sagten zu einander im Stillen: „Um so besser, denn an diesem Tage gibt auch Gräfin Wollheim, Frau von H-- -- und die Marquise d’M-- ihre _cercles_.“
„Vortrefflich! Vortrefflich!“ ließ sich in diesem Augenblick die schallende Stimme des Grafen von Wollheim vernehmen. Der große Jäger sprach jedoch nicht zu dieser Gruppe, sondern zu einer einige Schritte von hier, in deren Mitte er saß. Seine Worte galten dem ersten tanzenden Paare, über welches alle Welt entzückt war. +Edmund von Randow+ tanzte nämlich mit seiner Schwester. Man hatte niemals ein eleganteres, ein schöneres Paar gesehen. Es war die Mazurka, ein Tanz, worin vielleicht in der ganzen Residenz Niemand so vollkommen war wie die beiden Geschwister. Man sah, daß es das nationelle Element sei, welches in ihnen zu einem so schönen äußern Leben erwache; denn wie wir wissen, waren die Randow ursprünglich Polen, und noch hatte das alte Vaterland an ihnen nicht ganz seine Söhne verloren.
Die Mazurka war zu Ende. Man konnte sich nicht enthalten, die Virtuosen zu beklatschen -- -- Alexander sah von ferne zu; ob er sich freute, ob nicht, ist ungewiß; allein es zuckte keine Muskel auf seinem Gesichte, welches starr, kalt, theilnahmlos oder niedergeschlagen schien. -- --
Edmund verließ seine Schwester und ging kaum zwei Schritte, als er von den offenen Armen des großen Nimrod in Empfang genommen wurde. Denn beiläufig gesagt, waren Edmund und der alte Graf von Wollheim sehr große Freunde, weil Jener mit Diesem auf die Jagd ging, trank und spielte, von welchen Beschäftigungen sämmtlich unser Nimrod ein großer Liebhaber war.
„Alle Hirsche und Rehe!“ rief Letzterer aus: „Edmund, Du hast Dich wacker gehalten. Fast so wie auf jener großen Treibjagd, Anno 1839, wo Du unter meiner Leitung Dein Meisterstück machtest. -- Aber wo zum Guckuck hast Du diese Gelenkigkeit in Deinen Knieen und Flechsen her?... ein Pullcinell hätte es nicht besser thun können....“
„Ganz recht, lieber Graf,“ versetzte der Jüngling; „übrigens machen Sie mir da kein Kompliment. -- Freilich ist es nicht Ihre Sache, von diesen Dingen zu sprechen -- und aufrichtig gesagt, ich unterhalte mich mit Ihnen tausend Mal lieber über unsre alten Gegenstände.... Kommen Sie daher, mein vielgeliebter Wehrwolf... lassen Sie uns dorthin zur Kredenze treten -- erst einige Schluck Wein und dann findet sich schon das Uebrige...“
„Köstlicher Junge! Köstlicher Junge!“ exklamirte der Jäger: „Er ist und bleibt immer derselbe. Nun fürwahr, an Dir, mein Edmund, habe ich mir einen Schüler erzogen, auf welchen ich stolz sein kann.... Allein, was meinst Du, wird uns nicht etwa Deine Mutter belauschen? Du weißt, sie sieht Dich nicht gerne mit dem Glase in der Hand.... Es scheint mir, auch Dein Vater schielt nach uns herüber.... Nehmen wir uns in Acht! Hübsch gescheidt, mein Jüngelchen.“
„Schon gut!“ entgegnete Edmund: „Kommen Sie nur... ich verspüre in mir einen teufelsmäßigen Durst.... Das kommt stets, wenn ich ein Mal etwas lang solid gewesen bin...“
„Ja, ja, Du hast Deiner Schwester heute den Hof gemacht, und zwar --“
„Still -- theurer Mann! Darüber kein Wort mehr.... Können wir nicht über andere Dinge reden? Du weißt, ich liebe jenes Thema nicht unter uns.“
„Nun so will ich Dir eine alte Jagdgeschichte von einem Herzog von Würtemberg erzählen. --“
„Erzähle in Gottes Namen! -- So, jetzt wären wir in der Nähe der Gläser.“
Wie man sieht, so dutzten sich die zwei an Alter zwar ungleichen, aber an Gesinnung desto ebenmäßigeren Freunde. So machte es Edmund übrigens immer. Er war mit allen Leuten seines Schlages auf Du.
Während dieses hier vor sich ging, während Wollheim und Edmund, in eine dunkle Ecke zurückgezogen, dem Nierensteiner, oder was es sonst war, die möglichst größte Ehre anthaten und dabei Gespräche führten, wie sie der Wein eingibt und wie wir sie hier zu wiederholen uns sehr hüten werden, unterhielt man sich auf andern Punkten der Salons auch nicht übel.
So zum Beispiel beglückte Gräfin von Wollheim einen Kreis alter und buckliger Zuhörerinnen mit einer Erzählung ihrer letzten Leistung im Fache „der Strümpfe für den Wohlthätigkeitsverein.“
„Glauben Sie, meine Damen,“ so sprach sie, „daß es eine der süßesten Empfindungen gewährt, unsere Talente und unseren Fleiß im Dienste der Armuth und Noth anzuwenden.... Im vergangenen Winter habe ich 4½ Paar guter Socken und Strümpfe gemacht, jedes Paar zu 2½ Pfund... Das gab eine Bekleidung! Welche Wärme!“
„Ja, ja -- welche Wärme!“ erwiederte ein altes Stiftsfräulein ohne Zähne, dafür jedoch mit einer Zunge, die hinreichend +schnitt+, sobald es sich um den Ruf eines Nebenmenschen handelte.... „Auch ich habe zwei Paar wollene Jacken an das Comité des +Frauen-Vereins+ gesendet. -- -- Alles eigene Arbeit! -- Wer weiß, welches Pack sie jetzt auf dem Leibe trägt.... Denn Sie wissen doch, meine Freundinnen, daß diese unverschämten Armen, welche wir mit unserer Hände Arbeit beglücken, die letztere bei nächster Gelegenheit zum Trödler oder in’s Branntweinhaus tragen...“