Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 2

Chapter 23,511 wordsPublic domain

„Nein, nein, in vollem Ernste gesprochen, Du kannst Dich darauf verlassen -- -- und überdies, was hindert uns, Dir den Inhalt des Streites mitzutheilen. -- Ohnehin betrifft er ja in entfernterer Weise sogar Dich. --“

„Wie?“ schrie jetzt Edmund aus Leibeskräften: „Mich, mich, sagst Du, -- hahaha! -- Der Fall wird interessant -- doch bevor wir weiter gehn: Marqueur, noch eine Bouteille von diesem rothen Champagner -- -- er ist köstlich! -- -- So, und jetzt erzähle, mein Alter, erzähle!“

„Donnerwetter! noch ein Mal, Edmund, rede mich nicht immer so an, +Alter+! darauf werde ich künftig nicht mehr hören; verstehst Du? --“

„Also, mein Junge, wenn Dir dies lieber ist.“

„Das ist etwas Anderes. Ich verlange, wie Du weißt, nichts Unbilliges. Ich könnte zehn Taufscheine beibringen, worin mein Alter von 30 bis 40 Jahren bestätigt ist -- und --“

„Schon gut -- Alle Teufel! Wirst Du endlich zur Geschichte kommen, verd-- Alter -- Althing wollt’ ich sagen.“

„Nun ja, so höre: es handelte sich um Deine Schwester Cölestine.“

Bei diesen Worten nahm der Roué Edmund einen so ernsten Ausdruck des Gesichtes an, wie man ihn dessen nimmer fähig gehalten hätte: „Ueber diesen Gegenstand“, sagte er mit Nachdruck -- „bitte ich Dich zu schweigen, mein Freund, und erkläre Dir ein für alle Mal, daß ich hierbei keinen Scherz verstehe.“

„Meinetwegen,“ bemerkte Althing; „was geht die Geschichte mich an? -- Was mich betrifft, so will ich Dir gerne den Gefallen thun, darüber zu schweigen; jedoch ist hier Einer....“ und hierbei deutete er auf Leuben.

Edmund richtete sich auf; in der That schien jetzt dieser ganze Mensch verändert -- die Lappen und Flitter der Liederlichkeit schienen alle von ihm gefallen zu sein und er stand so würdig da, als irgend Einer. Mit Ernst wandte er sich an seine beiden Gesellschafter: „Meine Herren,“ sprach er, „es ist da von einer +Geschichte+ und dann von Ihnen, Herr von +Leuben+, die Rede. Wollten Sie wohl die Güte haben, mir hierüber einige nähere Aufklärung zu geben.“

Der junge Mann, dessen Namen er so eben genannt, hatte seinen festen, durchdringenden Blick von ihm noch immer nicht abgekehrt. Jetzt zitterte er an allen Gliedern -- und schien mit unaussprechlicher Ungeduld den Moment erwartet zu haben, welcher so eben einbrach.

„Reden Sie doch! Reden Sie doch!“ rief Edmund, bald zu Leuben, bald wieder zu Althing gewendet, welch’ Letzterer, durch die Aufmerksamkeit, die er seinem _vis à vis_, oder seiner Brünette, schenkte, gehindert, hier am Tische nur mit halben Ohren zuhörte.

„Werden Sie mir endlich sagen --?“ wiederholte Edmund so heftig, daß der Dicke erschrack und nun rasch die Worte aussprach:

„Aber mein Gott, welche Aufregung bei einer so kleinen Sache? Nun denn, unser ganzes Gespräch, so weit es Ihre Schwester, Fräulein Cölestine, betraf, drehte sich um die Frage: ob sie wirklich, wie man sich erzählt, Braut geworden sei oder nicht. Das ist Alles.“

„Ja --“ wiederholte Leuben mit einer wilden, sonderbaren Unruhe: „ob sie Braut geworden sei, darum handelte es sich, und dies können Sie, Herr von Randow, uns mit der größten Bestimmtheit sagen.“

„Nun -- wenn es sonst nichts ist!“ entgegnete Edmund in munterem Tone, „dann hatten wir freilich viel Lärmens um Nichts gemacht; denn es wird Ihnen Beiden doch wohl einerlei sein, ob oder ob dies nicht der Fall ist.“

„Nein, nein -- es ist uns keineswegs so ganz gleichgültig, wie Du glaubst, mein Lieber,“ meinte Althing: „und so magst Du es uns nur sagen, was die Sache Wahres enthält.“

„Nun denn -- Cölestine ist in der That die Braut des Grafen von A--x; diese Angelegenheit ist bereits abgeschlossen.“

Ein fahler Lichtschein fuhr über Leubens Angesicht, dessen Blässe jetzt eine todtenähnliche Farbe annahm. Dieser Mensch schien von einem elektrischen Schlag bis ins tiefste Leben hinein getroffen zu sein; die Veränderung, welche an ihm vorging, ward jedoch von keinem seiner beiden Nachbarn bemerkt -- denn mit einer an’s Uebernatürliche streifenden Gewalt schien er sich zu beherrschen. Er blieb auf seinem Stuhle sitzen -- bewegungslos, antheillos, und bis auf seine wechselnde Gesichtsfarbe, so unverändert, als wäre nichts vorgefallen.

Bald darauf erhob man sich; Edmund hatte Besuche bei Freunden und im Kaffeehause zu machen (er traf seine Freunde gewöhnlich an solchen Orten); Althing beobachtete den so eben erfolgten Aufbruch seiner „Brünette“ -- natürlich, daß er Willens war, ihr zu folgen; was endlich Leuben betraf, so war demselben höchst wahrscheinlich wenig daran gelegen, dem einen oder dem andern dieser Herren zu folgen -- und in der That, wir sehen ihn auch alsbald nach einer leichten Begrüßung sich einsam hinweg begeben und den Weg rechts nach den Vorstädten -- vielleicht um in den nahen Garten des Fürsten Schwarzenberg zu gelangen -- einschlagen.

Der Schwarzenberg-Garten ist ein allgemeiner Freund sowohl der glücklich wie der unglücklich Liebenden. Beide bergen sich in seinem Schatten.

Althing und Edmund waren eine Strecke gegangen; da sie jedoch verschiedene Ziele verfolgten, so trennten sie sich auch sehr bald und unser dicker Adonis ging nun allein klirrenden Trittes Derjenigen nach, welche, wie er glaubte, ihm so viele und so ausdrucksvolle Liebeszeichen auf dem Wasserglacis gegeben -- und die, wie er nicht zweifelte, sich auch jetzt nur erhoben hatte, damit sie endlich ungestört mit ihm reden könnte.

Aber welche Ueberraschung für unseren heißblütigen Ritter, als er sich plötzlich von einem leisen Handschlage auf seiner Schulter berührt fühlte und nun einen ihm unbekannten jungen Herrn hinter sich sah, der folgende Worte zu ihm sprach:

„Mein bester Herr -- ich rathe Ihnen, von der Verfolgung jener Dame abzulassen, denn es würde Sie zu nichts führen und wahrhaftig, Sie können Ihre Zeit auf andere Weise weit besser verwenden. Sollten Sie Zweifel in meine Worte setzen, so werden diese bald zerstreut sein. Blicken Sie mir gefälligst nach und überzeugen Sie sich, daß unter diesem Monde nichts häufiger vorkommt, als der +Irrthum+... Man glaubt den goldnen Schatz bereits mit der Hand zu erfassen -- in diesem Augenblick jedoch entschlüpft er uns und im nächsten schon hat ihn derjenige, für welchen er bestimmt war.“

Dies sprechend, lachte der Fremde unserm dicken Freunde so recht ins Gesicht, verdoppelte seine Schritte, so daß er ihm bald vorkam und nach wenigen Schritten sich dicht hinter jener Dame, jener Brünette befand. Diese drehte sich rasch um, ließ ein Briefchen fallen, der Fremde hob es mit einer bewundernswerthen Geschicklichkeit auf und -- bald war er mit seinem Schatze hinter einer Hecke verschwunden.

Herr von Althing blieb wie vom Donner gerührt auf dem Platze stehen -- schüttelte das Haupt -- ließ es ein wenig sinken -- stieß einen schweren Seufzer aus und begab sich nach zwei Minuten Ueberlegung auf den Rückweg, indem er vor sich hin murmelte:

„Ei, ei, da glaubte ich ganz sicher zu sein. Meiner Treu, ich hätte eher meinen Kopf verwettet, als so etwas zu glauben.... Da seh’ man mal die Weiber an! Aber machen wir es mit ihnen denn besser? -- Also Geduld, Freund Althing! -- Du hast so manches Herz gebrochen -- -- gebiete dem deinigen jetzt Stillschweigen. Allons nach Hause! und neue Toilette gemacht. Ich wette darauf, an diesem ganzen Unglück waren meine begossenen Stiefel Schuld.“

Zweites Kapitel.

Cölestine von Randow und Alexander von A--x.

Cölestine von Randow war eine der reizendsten Jungfrauen der Residenz. Ihre Familie gehörte zu den edelsten des Landes. Erst vor einem Zeitraum von 100 Jahren aus Polen eingewandert, hatte der damalige Stammhalter durch Dienste, die er dem Staate leistete, derselben schnell eine der glänzendsten Stellungen zu verleihen gewußt. Doch verlor unter seinem Sohne das Geschlecht wieder einen Theil seiner Geltung und seines Vermögens, und erst den beiden Nachfolgern gelang es -- jene Fehler zu verbessern. Freilich ist ein Schade nicht so leicht gehoben wie gemacht, und noch bis zum heutigen Tage empfand die Familie Randow jene Nachwehen, die ihr von ihrem Großvater hinterlassen worden waren. -- Ueberhaupt war es ein Familienfehler der Randow, den fast jedes Glied derselben mehr oder minder theilte -- unüberlegt, ja leichtsinnig zu sein, und wiewohl sie alle von Herz und Geist edel und vortrefflich waren, so überwog in ihnen jenes Erbgebrechen oft so sehr, daß dadurch alle andern und bessern Eigenschaften häufig in Schatten gestellt wurden, wie dies z. B. gegenwärtig bei +Edmund+ von Randow, dessen Charakter wir schon ziemlich deutlich bezeichnet zu haben glauben, der Fall war.

Was wir von Cölestine zu sagen haben, wird in Nachfolgendem bestehen. Sie war, wie gesagt, eine der schönsten, der glänzendsten Erscheinungen in der höheren Frauenwelt. Man begreift, daß, um in dem Kreise der Schönheiten Wiens auf jene Benennung Anspruch zu haben, man weit über den Verhältnissen eines gewöhnlichen Maaßes stehen müsse. In der That war Cölestine so schön, daß man aus ihrem Bilde einen modernen Canon für zeitgenössische Maler hätte machen können. Man stelle sich eine zarte, schlanke, feine und doch im höchsten Grade plastische Gestalt vor, als wäre sie aus einer Composition, die geschmeidiger als Marmor und fester als Wachs ist, von einem neuen Pygmalion gebildet worden.... Fürwahr, diese Frau schien nicht aus dem Alltagsmaterial, woraus uns der liebe Gott schafft, zu bestehen! -- Das schmale Oval des Gesichtes wies einen wie mattes Silber schimmernden Teint, der so durchsichtig war, wie Florgewebe, und durch welchen an den Wangen ein zart geschämiges Inkarnat, auf den Lippen aber das brennende Roth der Granatblüthe durchdrang.... Diese mandelförmig geschnittenen Augen mit der feurig dunklen Iris, die einen stechend schwarzen von goldnem Schimmer durchwirkten Kreis bot -- diese schweren dunklen Wimpern und diese dünnen gewölbten Brauen, die von Meistershand auf die glatte, nicht allzu hohe Stirne gezeichnet schienen -- -- diese feine, doch ein wenig gestülpte Nase, dieser nicht allzu kleine Mund, der geschlossen von einem eigenen unaussprechlichen Zauber -- geöffnet es jedoch in einem noch höheren Grade war -- da dann eine entzückende Kindlichkeit daraus sprach (eben so wie er, geschlossen, Ernst und Sinnigkeit ausdrückte) -- -- ferner dieses Kinn vom reinsten Ebenmaße, welches an einen Hals grenzte, der zugleich schlank und kräftig war.... wenn wir zu all diesem noch den prachtvollen, reichen Haarwuchs vom tiefsten Schwarz hinzuthun, der wegen seiner Ueppigkeit und strotzenden Fülle das Haupt nach hinten fast unverhältnißmäßig verlängerte, so daß er jenem der alten Griechinnen glich: so haben wir im Grunde nur erst einen Theil des reizenden Bildes Cölestinens gemalt. Es müßte uns jedoch ein weit kunstreicherer Pinsel als der, welchen die Muse unserer schwachen Hand anvertraut, zu Gebote stehen -- um Alles, Alles, um jedes einzelne Attribut der Schönheit dieses Originals in den vergänglichen Rahmen dieses Gemäldes zu fassen....

Gewöhnlich war der Ausdruck von Cölestinens Gesicht still und ernst, ohne Trauer; zeitweise jedoch wurde er von einer Lebhaftigkeit und jenem muntern Wesen durchstrahlt, das nur einer Französin und einer Polin in so entzückender Weise eigen. Cölestine träumte und schwärmte nicht -- sie emfang, sie faßte deutlich und zugleich tief auf; leicht aber gab sie sich der Wirkung irgend einer ungewöhnlichen Erscheinung in der Außenwelt hin und dann blitzte ihr dunkles Auge hell auf -- ihr Mund öffnete sich -- ihre Lippe verzog sich zum Lachen, zum Spott, zum Zorn, zur Zärtlichkeit, kurz zu dem Ausdruck jeder Empfindung.

Man erzählte sich von ihren Kinderjahren, daß sie zu jener Zeit ein kleiner Wildfang und dazu über alles Maß eitel gewesen sei. In Wahrheit, die letztere Eigenschaft hatte sie bei sich noch immer nicht gänzlich abgestellt, so große Mühe sie sich deswegen übrigens auch gab. Sie wußte recht gut, daß Eitelkeit, Gefallsucht und leichter Sinn ein so tüchtiges Gemüth und einen so glänzenden Geist, wie womit sie ausgestattet war, entwürdigen, und gleichwohl ertappte sie sich -- mißtrauisch wie sie war -- alle Tage wohl zehn Mal bei diesen Fehlern. Sie zürnte dann mit sich, sie schmollte, sie bestrafte sich sogar.... allein _naturam si furca etc._

Allein welcher Charakter ist frei von Mängeln und welches Geschöpf tadellos in der Schöpfung? Ich mißtraue jenem Reinen und Fehlerlosen gar gewaltig und würde, hätte ich die Wahl frei, mich zehntausend Mal eher an diejenigen schließen, welche von irdischer Gebrechlichkeit nicht frei sein wollen. -- O, der Mann, welcher Cölestine einst besitzen sollte, hätte sich wahrhaftig in lautem Dankgebet an das Schicksal dafür wenden sollen, daß es ihm ein solches Geschenk gewährt.

Dieser Mann nun, von dem wir reden, dieser Glückliche, der Cölestine als sein Weib in die Arme schließen sollte -- es war, wie wir schon erfahren haben, der Graf von A--x. -- Sein Geschlecht war inländischen Ursprungs und mindestens eben so glänzend wie jenes der Randow. Graf Alexander von A--x (denn das ist sein Vorname) war keineswegs mehr ein Jüngling; er stand im vollkräftigen Mannesalter von 36 Jahren -- -- und dieser Umstand war eine von den Ursachen, um derentwillen ihm die achtzehnjährige Cölestine den Vorzug vor dem Heere ihrer andern, theils stillen, theils ziemlich aufdringlichen Anbeter gegeben. -- +Alexander+ bekleidete eine wichtige Stelle im Staatsdienste und man glaubte ihn an dem Vertrauen hochmächtiger Personen betheiligt. Er war ein düsterer, kalter, verschlossener, fast schwermüthiger Charakter -- falls man ihn blos nach der Oberfläche beurtheilte.... aber ach, welches Feuer von Liebe, welche Lava der Leidenschaft mochte da tief unten auf dem Grunde der Seele glühen! -- Seine Gestalt war männlich und kräftig; eine nicht allzu hohe aber derbe Statur würde ihn als einen gewöhnlichen Kraftmenschen bezeichnet haben, wenn sein farbloses oder vielmehr braungelbes Angesicht, in welchem zwei gewaltig große, oft wildbewegte, oft düster starrende Augen wohnten -- durch die mannigfachen Bewegungen, denen es zeitweise unterworfen war, nicht auf ein höchst bewegtes Seelenleben würde gedeutet haben. Zwar wollte die Welt damit -- ein wüstes und wildes Sinnenleben in Verbindung bringen, welches der Graf in früheren Jahren und fremden südlichen Ländern geführt haben sollte; allein Niemand konnte hierüber etwas Bestimmtes sagen -- und so dürfen diese Behauptungen eben sowohl in das Reich der Annahmen -- wie in jenes der Wirklichkeit gestellt werden. -- Mit Einem jedoch verhielt es sich vollkommen richtig, nämlich, daß Graf Alexander in der Liebe von einer wahrhaft schrecklichen Eifersucht verfolgt wurde -- wie man aus einem Verhältnisse, in welchem er vor mehreren Jahren mit einer jungen liebenswürdigen Dame stand, die bereits als seine Braut galt, wußte. -- Jene Dame war in Folge eines Verdachts, den Alexander auf sie, die ganz unschuldig war, geworfen, von ihm so tief in der Seele gekränkt worden, daß sie ihr Schicksal nicht ertragen konnte und an der Seite des zu spät zur Reue zurückkehrenden Bräutigams ihren Geist aushauchte.

Seit dieser Zeit hatte Alexander absichtlich der Liebe widerstrebt -- er schien sich hieraus eine Buße gemacht zu haben. Doch in der Nähe Cölestinens, wohin der Zufall ihn führte, und wo irgend ein verhängnißvoller Zwang ihn festhielt, war er nicht länger fähig zu widerstehen.... er faßte eine verzehrende Leidenschaft für das reizende Wesen und trat mit einer unglaublich großen Anzahl von Mitbewerbern in die Schranken.

Trotzdem, daß Cölestine im Ganzen auch die Mitwerbung der Uebrigen nicht ohne geheimes Vergnügen sehen mochte -- trotzdem, sagen wir, daß sie, Gott weiß durch welche magische oder vielleicht auch ganz natürliche und positive Mittel, jenen dichtgeschlossenen Verehrer-Kreis (worunter es Einige von der glühendsten, ja von der wüthendsten Sorte gab) beständig um sich erhielt: hatte doch entschiedenermaßen Graf Alexander seit ziemlich lange her ihr Herz erworben, und endlich ward ihm ihre Hand in feierlicher Form zugesagt.

In der Zeit, mit welcher dieser Roman beginnt, gingen in allen Kreisen der _haute crême_ Anzeigen folgenden Inhaltes herum:

„Wir beehren uns, Ihnen anzuzeigen, daß am 15ten dieses Monats unsere Tochter, Fräulein Cölestine von Randow, mit dem Herrn Grafen Alexander von A--x, K. K. etc. etc. vermählt werden wird. Wir werden nicht ermangeln, Ihnen das Weitere demnächst bekannt zu geben und um die Auszeichnung Ihrer Gegenwart zu bitten.

Wien am 9ten Mai 1842.

Eugenie von Randow, geborne Ernini von Kronau.

Friedrich von Randow, K. K. General-M.“

So war denn also über Cölestinens und Alexanders von A--x Verhältniß kein Zweifel mehr -- man hatte die handgreiflichste Gewißheit.

Als diese zu den früher so hoffnungsreichen, aber jetzt so jämmerlich durchgefallenen Amateurs und Adorateurs Cölestinens gelangte -- da schäumten Einige von ihnen vor Wuth, Andere sannen still auf Rache -- noch Andere verzweifelten -- und endlich Einige, (das waren die Wenigsten, weil die Vernünftigsten), lachten über dieses Ende vom Liede -- gingen nach Hause, wuschen ihre Erinnerungen mit Rosenwasser ab -- und traten als vollkommene Gentlemen wieder auf die Straße; denn es ist der Grundzug des wahren Mannes von Welt

_nil admirari,_

d. h. über Alles höchstens -- die Achsel zu zucken.

Warum aber hatte Cölestine dem Grafen Alexander einen so entschiedenen Vorzug vor so vielen Andern eingeräumt? -- -- Ach es ist schwer, die Calcule der Liebe zu verfolgen. Die Liebe berechnet nach einem dynamischen Zahlensysteme, wofür wir in der materiellen Welt keine Zeichen haben. Wer kann sagen, warum Diese Jenen liebt und nicht den Andern? -- Ja, das Beste dabei ist: wir selber können in den meisten Fällen uns das von unserer eigenen Liebe nicht nachweisen. Mich dünkt, Shakspeare hat es gesagt: Der Eine verliebt sich in die blauen Strümpfe seiner Dame, ein Zweiter in ihren süßen Athem -- -- ein Dritter findet in der Pupille ihres Auges eine Gottheit, die ihn zu ihren Füßen hinreißt; oft ist ein Traum, in welchem uns eine bisher ganz gleichgültige Person erscheint, hinreichend -- um uns in Wirklichkeit mit rasender Liebe zu ihr hinzureißen; ja man hat Beispiele, daß uns Jemand durch seine enorme Häßlichkeit eben so bezaubert, wie ein anderer Jemand unsern Freund durch seine unaussprechliche Schönheit.

Das sagt Shakspeare. Und sollte er es auch nicht sagen, so sage ich es, was, wenn es gut gesagt sein sollte, die Sache am Ende auch nicht schlimmer macht.

Was nun Alexander und Cölestine betrifft, so ist es höchst wahrscheinlich, daß die ernste, bedeutungsvolle, stolze und düstere Männlichkeit des Grafen -- sie zu allererst zu ihm hinzog. -- Solche ungewöhnliche tiefromantische und geheimnißvolle Charaktere beschäftigen zu sehr die Neugierde der Weiber, als daß sie später nicht auch deren ganze Seele herüberziehen sollten. Denn mag man dagegen sagen, was man will -- Neugierde ist der erste Ring in der Kette weiblicher Empfindungen; an ihm hangen die übrigen der Theilnahme, des Mitleids, der Freude, der Furcht, der Hoffnung, der Freundschaft und der Liebe.

Ueberdies war Alexander, dieser stolze, selbstständige und geistreiche Mann auch -- ein nicht unschöner Mann. Grund allein schon, ihn zu lieben -- wenn er auch sonst nichts besessen hätte. Denn ist materielle Schönheit an sich nicht schon hinreichend, ein Weiberherz, oft das gebildetste und zarteste, zu besiegen? Wenigstens treffen wir täglich auf Beispiele, die hierher gehören. In Rom hat erst kürzlich eine jugendliche hochgeborne und hochgebildete Miß ihren -- Kutscher geheirathet, und Madame Dudevant in Paris hat sich, wie man mir erzählt, neulich in einen allerliebsten handfesten Ouvrier vernarrt, wiewohl die große Schriftstellerin nachgerade im Begriffe steht, eine -- Matrone zu werden.

Doch wohin verirre ich mich? Graf Alexander ist ja nicht in diese Kategorie zu versetzen; aber man gelangt beim Raisonniren so leicht vom Hundertsten in’s Tausendste, und dies darum: weil es in der Natur so viele Aehnlichkeiten -- nahe und entfernte -- giebt.

Genug an dem: sie hatten sich gefunden, sie hatten sich erreicht -- ein Himmel voll Lust ging auf über ihren Häuptern und der Erdendämon des Kummers zog grollend von dannen. Sie kannten ihn nicht mehr.

Drittes Kapitel.

Die Trauung.

Der Vermählungstag erschien. Noch immer hatten die Neider und Nebenbuhler sich geschmeichelt, er werde hinausgeschoben und so durch irgend einen der zahllosen unberechenbaren Zufälle, auf die der Mißgünstige hofft -- endlich gar vereitelt werden. Aber nichts von dem Allen geschah. Es war mit diamantenen Buchstaben in dem Buche des Lebens geschrieben: Cölestine sollte Alexanders Gemahlin sein.

Als man nun nichts mehr dagegen thun konnte, ergab man sich ins Schicksal -- jedoch mit einer Hölle im Herzen. --

Das Palais des Herrn von Randow lag in der --straße, innern Stadt. Man nennt diese und noch eine Straße vorzugsweise die: aristokratischen, weil sie aus einem Aggregat hochadeliger Wohnungen bestehen. Es ist das Quartier: St. Germain Wiens, wiewohl im verjüngten Maßstabe, da viele der größten Paläste der _haute volée_ in der ganzen Stadt zerstreuet stehen.

Seit vielen Jahren hatte im Palaste der Randow kein so reges Treiben geherrscht, wie am heutigen Tage. Es ging und kam, es lief und rannte Alles, was der Bewegung fähig war. Vom Haushofmeister herab bis zu dem letzten Küchen- und Stalljungen hatten die Domestiken alle Hände voll zu thun. Die Gänge, die Vorsäle, der Hof, Küche und Keller -- hier wimmelte es von Menschen und menschenähnlichen Geschöpfen.

Dagegen herrschte im Innern der Gemächer eine feierliche grandiose Stille, wie denn ein kommendes Ereigniß von höhern Menschen immer mit kalter Ruhe erwartet zu werden pflegt.

Im großen Familiensaale stand die geschmückte Braut an der Seite ihres Bräutigams, umgeben von ihren Angehörigen und einigen Freunden -- und harrte des Augenblickes, der sie an die Stufen des Altars führen würde. Die Trauung sollte in der Hauskapelle vollzogen werden und man erwartete nur das Zeichen zum Aufbruch.

Cölestine war ein wenig blässer als gewöhnlich und hierauf beschränkte sich die ganze Veränderung ihrer Gestalt. Man konnte gewiß auch nicht das leiseste Zeichen von Alteration auf ihrem Gesichte bemerken -- und der Blick, mit welchem sie, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, auf Alexander verweilte, war fest, mild und heiter. Es schien, als ob ein namenloses Glück in ihr Herz eingezogen sei, von welchem sie jedoch der Welt nichts verrathen wollte, da man nur insgeheim wahrhaft glücklich ist.

Wenn man dann noch den Grafen, ihren Bräutigam, anblickte, so mußte uns anfangs die Aehnlichkeit, welche sich in der Seelenstimmung dieser beiden Personen aussprach, lebhaft überraschen -- und man konnte nicht umhin, sich zu gestehen: diese Beiden sind in der That für einander bestimmt. Graf Alexander stand in diesem Augenblick mit gleichem ruhigen Bewußtsein an ihrer Seite und auch er schien mit seinem Glück vollständig abgeschlossen zu haben. Doch jenes Leuchten, welches wie der Blitz momentan durch sein dunkles Auge zuckte, jedoch nur so selten, daß es kaum Jemand bemerkte, sprach von einer Lust, die wilder bewegt war, als sie es schien.