Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 16
Diesen Gesichtspunkt müssen wir im Auge behalten, um den Zustand, worin sich in diesem Augenblick eine Person in diesem Salon befand, gehörig zu würdigen. Da saß Cölestine, dieses schöne, junge, reizende Weib und hörte stumm den Tönen der Musik zu. Auf ihrem blüthenreinen -- aber auch blüthenbleichen Gesichte malte sich Aufmerksamkeit, Spannung und tiefe Anschauung ab -- auf diesem Gesichte, worin sonst nur Lust, Heiterkeit und schalkhafte Koketterie zu lesen war. Jene Mienen schienen mit der herrlichen Musik im Zusammenhange zu stehen -- -- aber auch hier können wir sagen: daß sie dieses blos +schienen+. Dieses schwarze, glühende, jetzt durch den seidnen Vorhang der Wimpern halbverdeckte Auge -- war zwar auf die Sängerin gerichtet; es sah jedoch nichts von ihr, es sah in sich selbst zurück, in die eigene Brust sah es hinein...
Welche mochten die Gedanken sein, die in dieser Brust sich drängten? -- denn sie war voll, überfüllt davon -- so daß sie zu überfließen schienen, wie ein allzu voller Becher: O hätte sie das wohl vor einigen Monaten geahnt -- in jener Zeit, als sie ihrem Manne aus inniger Zuneigung die Hand reichte? -- Ach, damals kannte sie ihn noch nicht! Sie träumte damals von paradiesischen Tagen und hesperidischen Nächten... dies war nun vorbei.... es schien ein Wahn, eine Seifenblase...
Cölestine warf, wie von einem plötzlichen Gedanken beunruhigt, ihren Blick jetzt wieder im Saale umher.... da sah sie den Chevalier neben Edmund, welcher sie erst vor Kurzem verlassen hatte, in einiger Entfernung, an der entgegengesetzten Wand stehen -- und Marsan schien sie mit seinen Augen zu verschlingen... -- Er wollte sich ihr schon wieder nähern -- -- da winkte sie ihm flehend mit beiden Händen.... und er blieb. --
-- Diese ganze Scene aber hatte Alexander wieder aus dem Nebenzimmer beobachtet. Noch sah er, daß Edmund versteckt ein Zeichen mit der Hand machte, wobei zwei Finger ausgestreckt waren, wie man die zweite Stunde zu bezeichnen pflegt. --
Der unglückliche Ehemann rief mit Thränen in den Augen vor sich: „Das ist eine Bestellung -- um 2 Uhr! Ein Kind müßte es begreifen.“
Gleich darauf verließ Edmund sowohl wie der Chevalier den Saal und sie waren hier heute nicht ferner zu sehen. --
-- -- Mitternacht nahte heran, als man von allen Seiten sich zum Aufbruch anschickte. -- Alexander erschien, um seine Frau wegzuführen; Arm in Arm gelangten beide zu ihrem Wagen. Jedoch glaubte Alexander zu bemerken, daß nicht nur der Arm, sondern der ganze Körper seiner Frau von aller Kraft entblößt war.
Man sprach sowohl beim Einsteigen als auch während der Fahrt kein Wort. Nur in der Nähe ihrer Wohnung erst war es, wo Cölestine wie aus einem tiefen Schlafe erwachte. „Ach! schon zu Hause?“ sagte sie, und er erwiederte eintönig: „Schon zu Hause!“ Hierauf schwiegen sie wieder. Er hob sie aus dem Wagen. -- Vor ihren Gemächern verabschiedete er sich von ihr, indem er vorgab, diese Nacht in seinem Studierzimmer zubringen zu wollen.
„Wachend?“ fragte sie.
„Nein, nein; im Schlafe!“ entgegnete er, ergriff ihre Hand, führte sie zu seinen Lippen und wollte forteilen. Aber sie faßte ihn plötzlich, zog ihn zurück, sah ihn einige Augenblicke stumm und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Schmerz an -- preßte sodann seine Hand an ihr Herz und fragte endlich mit matter Stimme: „Warum willst Du die Nacht so fern von mir zubringen, Alexander?“ Und als er schwieg, fuhr sie fort: „Du zürnst mir, Du verdammst mich... Aber ein Gott ist mein Zeuge, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe! -- O Alexander, mein Gemahl, ich liebe Dich so innig! Könntest Du in mein Herz sehen!“
Sie wollte noch weiter sprechen, er hatte sich jedoch bereits sachte losgemacht, und noch ein Mal „Gute Nacht!“ wünschend, war er über den Corridor verschwunden. --
-- Er betrat, wie er gesagt hatte, sein Studierzimmer, schraubte die Lampe, die hier bereits brannte, höher, warf einige Kleidungsstücke ab und sich in seinen Schlafrock. Sodann verschloß er die Thür, ließ die doppelten Rouleaux vor den Fenstern herab, setzte sich an den Tisch und legte seine Taschenuhr, die sehr verläßlich war, vor sich nieder. --
Er zählte Minute um Minute; es war jetzt nahe an Eins. --
„Noch eine Stunde --“ murmelte er dumpf -- „dann ist die Betrügerin entlarvt.... Ja, ich vertraue fest auf die Zeichen, welche ich sah, und auf die Ahnung in meinem Innern, die mir zuflüstert, daß ich das Schrecklichste erst jetzt sehen werde. -- -- O, mein Gott! womit habe ich es verdient? -- Wesen, das Du voll Allmacht und Gerechtigkeit thronst über uns -- wo sind hier die Spuren dieser Eigenschaften? -- Was habe ich gethan? Ich habe dieses Weib geliebt wie das Blut meines Herzens -- wie den Hauch meiner Seele.... und sie, sie vergiftete dafür das erstere und erstickte diesen auf meuchlerische Weise. -- Soll das die Dankbarkeit sein, welche Du Deinen Kreaturen einimpfest? dann freilich entsprechen sie genau Deiner Liebe und Gerechtigkeit, deren Ausfluß sie ja sein sollen.... Doch genug! -- Ich will harren und das tödtliche Gift bis zum letzten Tropfen einschlürfen!.... Ich will die Stunde erwarten.... sie ist nicht mehr fern.“
Er legte sein Haupt in die offene Hand, welche er auf den Tisch stützte, und versank in einen Abgrund entsetzlicher Träume. Nur ein an Allem, auch dem Letzten und Höchsten, Zweifelnder und Verzweifelnder kann so träumen.
-- -- Endlich richtete er den Blick auf die Uhr. Der Zeiger stand gerade auf Zwei. Wild fuhr er vom Sitze auf und rannte nach einem Schranke, aus welchem er ein Kästchen von Sandelholz, mit Perlenmutter und emaillirtem Silber ausgelegt, hervorholte. Er stellte es auf den Tisch und schloß es auf. Zwei Paar Pistolen lagen darin, eine von ihnen lud er und steckte sie zu sich -- dann stellte er das Kästchen wieder an seinen Platz, löschte die Lampe aus und verließ das Zimmer. --
In dem Augenblicke, als er den Fuß vor die Thür setzte, fiel ihm ein, daß er vielleicht gar zu spät kommen könnte. Er schalt sich, nicht +vor+ der Stunde aufgebrochen zu sein, denn noch wußte er ja nicht den Ort, an welchen er sich begeben sollte.
Er sann einen Augenblick nach, dann ging er rasch, aber mit leisem Schritte hinab zu dem Portier, weckte den guten Mann, der bereits längst wohlgemuth in einem thurmhohen Federbette schnarchte, und fragte ihn, ob er vor Mitternacht keine Person aus- oder eingehen gesehen habe, die ihm verdächtig, unbekannt oder verkleidet schien. Der brave Mann in seinem Federbette versetzte, daß ihm nichts dem Aehnliches vorgekommen wäre. Schon wollte Alexander fortgehen -- als der brave Mann aus seinem Federbette plötzlich auffuhr, rufend: „+Halt!+ -- +gräfliche Gnaden verzeihen gehorsamst+ .... jetzt fällt mir ein -- oder vielmehr es kommt mir so vor... als sei so zwischen 11 und 12 Uhr ein Herr rasch hereintreten, durch den Thorweg geeilt -- und ehe ich ihn anrufen konnte, im Hofe verschwunden. -- Leider ging die Hauptlampe heute früher aus wie sonst -- -- und es war dort pechfinster, trotz der andern kleinen Lämpchen, gräflichen Gnaden aufzuwarten. -- Ueberdies dacht’ ich bei mir: wer weiß, wer der Herr ist! ’s kann auch Jemand aus dem Hause sein; Nachts sind alle Kühe schwarz....“ So schloß der Portier, welcher, wie man sieht, ein wahres Muster seiner Zunft war. --
Alexander aber war bereits fortgeeilt.... er schlug den Weg zum Schlafzimmer seiner Frau ein. -- Ein wildes Fieber schüttelte seine Glieder, als er hier anlangte. -- Er hatte bisher alle Thüren leise geöffnet -- an diese legte er zuerst sein Ohr an, um zu horchen.
Nichts war zu hören, auch nicht die Athemzüge einer Schlummernden. -- Er trat vorsichtig ein, näherte sich dem Bette Cölestinens -- tastete -- -- fand es leer.
Doch konnte nicht gezweifelt werden, daß sie noch kurz vorher darin gelegen habe. -- Es war am untern Ende noch warm von den Füßen...
Das Gefühl, welches bei dieser Entdeckung des Armen Herz durchschnitt, ist nicht zu beschreiben. Er säumte jedoch nicht lange und ging weiter. Wohin aber sollte er sich zuerst wenden? War sie nicht im Schlafgemache, wohin sonst sollte sie sich zu dieser Stunde begeben haben? -- Etwa aus dem Hause hinaus. Dies schien nicht wahrscheinlich -- und überdies stimmte diese Annahme nicht mit jener von dem Herrn überein, in welchem Manne Alexander keinen Andern als den +Chevalier+ vermuthete. Was -- vermuthete? -- +Wußte!+ muß gesagt werden; denn er hätte für diese Ueberzeugung sein Leben hingegeben. --
Es fiel ihm ein, nach dem Arbeitszimmer seiner Frau zu gehen, da dieses sehr einsam und mit den Fenstern nach dem Garten zu lag. Um jedoch dahin zu gelangen, mußte er an Cölestinens Boudoir vorüber gehen. Als er in dessen Nähe gelangte -- fiel ein Lichtschimmer nicht größer als ein kurzer Seidenfaden auf einen seiner Füße -- -- es hätte ein Blitzstrahl sein können, er hätte ihn nicht fester an den Platz gebannt. -- Jetzt glaubte er ein heftiges Flüstern zu vernehmen -- das mit einem Male abbrach -- und bald darauf wieder anhob -- sogar von einem leisen Schluchzen unterbrochen. --
Er konnte nicht länger zweifeln. Dies hier war der Schauplatz des Verbrechens. --
Vorsichtig trat er an die Thür des Boudoirs -- und versuchte durch’s Schlüsselloch zu blicken -- -- aber in demselben Augenblick wurde im Innern das Licht ausgelöscht. -- Er hatte jedoch mit dem letzten Blick noch die Umrisse einer hohen eleganten Mannesgestalt, in einen langen Oberrock gehüllt, erhascht. Das war hinreichend, hätte er übrigens auch die letzten Worte, welche Jener mit gedämpfter Stimme sprach, nicht gehört. Diese Worte lauteten: „Niemals, niemals werde ich dieser Stunde vergessen, und was Du, Geliebte, in ihr für mich gewagt!“ --
Mehr konnte er nicht verstehen -- die Beiden hatten sich bereits in einem der nächsten Gemächer verloren. --
Alexander vermuthete, daß Cölestine ihren Geliebten zuerst unten im Garten abgeholt und sodann durch eine Reihe von Zimmern, also auf Umwegen, hierher geführt habe. -- Seiner Berechnung nach, mochten hierüber bis zum gegenwärtigen Augenblick eine und eine halbe Stunde verflossen sein, denn es war jetzt ein Viertel auf vier Uhr.
Er hatte von seiner Waffe keinen Gebrauch machen können und trat nun den Rückweg nach seinem Arbeitszimmer an -- dumpf im Hirn, todt in der Brust.
Ende des ersten Theiles.
Fußnoten:
[A] Befehlen.
[B] Man verzeihe es uns, wenn wir nicht im Stande sind, die klassische Mundart der Dame in ursprünglicher Form wiederzugeben.
[C] Man kennt diese und andere sinnreiche Werkzeuge, welche jene zwei Tyrannen des Alterthums zum Verderben ihrer Opfer erfanden.
[D] Trödler.
[E] Meister Lips Firma, die über seiner Wohnung hing, lautete: +Sophronias Lips+, +Wechsler+, +Antiquar+, +Juwelier und Hühneraugen-Operateur+.
[F] Es fallen mir hierbei Heine’s Worte ein, der den Feinden des göttlichen +Rossini+ wünscht, daß sie verdammt sein sollen, nach dem Tode in alle Ewigkeit +Bach’sche Fugen+ anzuhören.