Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 15

Chapter 153,488 wordsPublic domain

So ungeduldig kann der Räuber hinter einem Felsenvorsprung auf einen die Straße herabkommenden Reisenden nicht warten, um ihm Geld, Glück, Leben und vielleicht den Himmel zu rauben, wie Alexander des morgigen Abends harrte, an welchem er doch -- wie er mit Gewißheit annahm -- Alles dieses selbst verlieren sollte. -- Er glaubte vor Sehnsucht, vor Erwartung rasend zu werden.... die Stunden rollten so unerbittlich gemessen dahin... ihm schien es, als sei jede der doppelte Inbegriff aller früheren. --

Endlich brach die entscheidende an. -- Es war um neun Uhr Abends, als der Bediente eintrat, meldend, daß die Equipage bereit stehe. Alexander war im Zimmer wild auf und niedergerannt, er stieß gegen jeden Gegenstand an, ohne es zu wissen, und beinahe hätte er auch seine Frau, die eben in diesem Augenblick von ihrer Toilette zurückkehrte, niedergeworfen.

„Mein Gott, Alexander, was ist Dir denn?“ redete ihn Cölestine an, nachdem der Lakai das Zimmer verlassen hatte: „Ueberhaupt kommst Du mir seit einiger Zeit so sonderbar vor -- -- Du bist nicht traurig, bist aber auch nicht heiter, und wenn Du lachst, scheint es beinahe, als ob Du Dich dazu zwingen wolltest....“

„Meine gewöhnlichen Anfälle -- -- krankhafte Reizungen -- Du kennst diesen Zustand bei mir; also bringen wir denselben nicht neuerdings zur Sprache...“ versetzte er, indem er ein Paar Handschuhe anzog; den Hut ergreifend fragte er dann: „Bist Du bereit, Cölestine? Können wir gehen?“

„Wenn es Dir gefällt!“ sie legte ihren Arm in den seinen und ging mit ihm die Treppe hinab....

Sie saßen neben einander in einem weiten Batard, und da es überdies auf den Straßen bereits ganz dunkel war, konnte Cölestine sich ihrem Manne ungesehen nähern; sie ergriff seine Hand mit ihren beiden: „Alexander,“ sagte sie mit sanft einschmeichelnder Stimme: „Was hast Du? Es ist nicht Alles so, wie Du mir sagtest. Deine düstere Stimmung hat einen andern Grund.... Alexander!“ wiederholte sie mit rührender Stimme: „soll ich denn Deine Liebe verloren haben -- daß Du gar nicht sprichst?“

Dies indeß bewog ihn keineswegs zur Aenderung seines Entschlusses. Wirklich ließ er seine Gemahlin heute und in diesem Augenblick mehr als je eine Kälte, eine Theilnahmlosigkeit fühlen, an welche sie noch nicht gewöhnt war. -- Er redete auch nur wenig zu ihr -- er beschränkte sich auf die kürzeste Beantwortung ihrer Fragen, durch +Ja+ oder +Nein+.

„Es ist gleichwohl möglich,“ sagte sie zu sich, -- „daß dieser Trübsinn aus der alten Quelle entspringt. -- Und so wird er durch Geduld allein zu bannen sein....“

In diesem Augenblick blieb der Wagen stehen, er war vor dem Hause der Generalin E--z angekommen. --

Einsilbig, wie man eingestiegen, verließ man den Wagen und begab sich durch ein hellerleuchtetes Portal zum Saale hinauf. Die Gesellschaft, welche sich hier versammelte, war nicht außerordentlich zahlreich, aber man konnte sie eine gewählte nennen. Die Generalin E--z, alt und ohne Kinder, ohne Erben, verwendete ihr ziemlich ansehnliches Vermögen darauf, ihren Freunden und dadurch sich selbst Vergnügen zu bereiten. -- Bei ihr fand man Alles, wornach einer zerstreuungssüchtigen Seele verlangt: die trefflichsten Concerte, Theater, Bälle, literarisch-artistische Matinées u. s. w. u. s. w. Im Sommer wurden kurze Ausflüge nach ihren Landsitzen -- im Winter auf diesen echt russische Divertissements: Schlittagen, Rutschpartien und was weiß ich sonst noch, veranstaltet... Hierbei machte dann, da die Frau vom Hause zu einer Glanzrolle dieser Art nicht mehr taugte, stets eine ihrer jüngern Freundinnen die Honneurs, und so kam es, daß ihr Haus in der That unter die besuchtesten gehörte...

Als Cölestine mit ihrem Gemahl eintrat, wurde sie von der Matrone und der Gräfin Wollheim mit jener Auszeichnung empfangen, die man einer jungen Frau, welche in dieser Eigenschaft zum ersten Male unser Haus besucht, immer zu Theil werden läßt. Wie Alexander bemerkte, so war der Chevalier von Marsan schon hier -- er stand nach seiner Gewohnheit an der Seite Edmunds und zwischen mehreren Herren, die irgend eine Debatte führten. -- Der Chevalier hatte ihn fast in demselben Augenblicke wahrgenommen, und es wäre für einen Psychologen interessant gewesen, diesen heftigen und völlig naturgesetzlichen Moment: das Zusammenfahren zweier feindlicher Elemente, die sich gleich darauf wieder abstoßen, zu beobachten.

Diese zwei Menschen verstanden sich schon vollkommen, sie lasen einer in des andern Seele. Auf ihren beiden Gesichtern spielte ein geringschätzendes Lächeln -- und in ihren Augen blitzte das Feuer des Zornes.... Aber als jetzt Alexander nothgedrungen seine Schritte neben dem Chevalier vorbei lenken mußte, grüßte dieser artig und als ein Mann von Welt -- während jener es nicht überwinden konnte, diese Eigenschaft völlig zu verläugnen -- tyrannisirt von der tödtlichen Eifersucht und dem tödtlichen Rachedurst eines betrogenen Ehemanns. --

Ach, es ist leichter zu hoffen, zu besitzen -- als zu verlieren!

Cölestine war bei ihren Freundinnen zurückgeblieben und eilte nun, sich ihrer Mutter, die auch zugegen war, in die Arme zu werfen... Aber ihr Blick folgte von Zeit zu Zeit dem Grafen; wie erschrak sie, als sie ihn jetzt nicht weit von dem Chevalier stehen und diesen mit Blicken und Mienen durchbohren sah...... In einem Augenblicke wurde ihr so Vieles klar. Sie glaubte nun den wahren Ursprung von ihres Mannes Gram zu kennen.... Aber welches Entsetzen faßte sie, als sie in dem nämlichen Augenblicke den Chevalier seinen Platz verlassen und ihn mit Edmund auf sich zukommen sah. -- Wenig fehlte und sie wäre umgesunken; sie zitterte an allen Gliedern -- diese schienen gelähmt. Sie mußte sich niederlassen und empfing so, mit farblosem Angesichte, die Huldigung der zwei Herren. --

Als jetzt ihr Auge wieder Alexander aufsuchte, sah sie, wie dessen Miene sich zu einem gräßlichen, grinsenden Lachen verzog, während sein Haupt fast unmerklich nickte, -- gleichsam als wollte er sagen: „Also so? Es ist gut! --“

Kaum hatte sie dies erblickt, als sie Marsan, der sie in ein längeres Gespräch verflechten zu wollen schien, ohne ihn ausreden zu lassen -- rasch und gegen die bisher in allen Gesellschaften herrschende Gewohnheit, verließ -- und sich, so schwach sie war, einige Schritte weiter zur Generalin E--z begab, an deren Seite sie Platz nahm...

Marsan schien bei diesem Impromptu einen Augenblick überrascht, sogleich aber faßte er sich wieder und lachte vor sich hin: „Ach, meine reizende Kleine -- das war ein Meisterstreich, den Sie da Ihrem Herrn Gemahle spielten!... Freilich etwas ungewöhnlich, aber eben darum um so eher geeignet, ihm Sand in die Augen zu streuen...“

Dieser Alexander hingegen zuckte dabei mit den Achseln und sagte: „Der Kunstgriff ist so plump, daß Du mich fast dauerst, armes Weib! Elendes Weib!“ setzte er zähneknirschend hinzu. Sodann mischte er sich unter eine Gesellschaft, nahm an Allem Theil, was um ihn vorging -- ließ sich jedoch vermöge seiner Kunst des Beobachtens, worin er sich ununterbrochen übte, keine Bewegung Cölestinens entgehen. --

Der Chevalier hatte sich ebenfalls auf einen andern Punkt begeben und schien schnell den ganzen früheren Vorfall vergessen zu haben, denn mit aller Unbefangenheit und mit dem feinsten Takte eines Mannes, der zwar Geist und Liebenswürdigkeit, aber kein Herz besitzt -- begann dieser glänzende Salonsmann sich mit einem Kreis von Damen zu beschäftigen, die ihn gewiß nicht mehr interessirten, als alle jene Schönheiten der Welt, die er noch mit keinem Auge geschaut. Aber Alexander meinte: „Alles das gehört zu seiner Rolle... Alles das ist schon abgekartet gewesen, bevor wir noch in diesen Salon traten. -- Wo aber ist jene Baronesse von Halderstein, um derentwillen Marsan eigentlich erschienen sein soll? Ich sehe sie nirgends. -- Und Cölestine wußte es doch so gewiß, daß dieselbe hier zugegen sein werde.... Es handelt sich um nichts anderes, als die beiden sich vis à vis zu bringen.... Hahaha, -- Um nichts anderes -- nein, um gar nichts sonst! -- --“

Eine sonderbare Unruhe war heute an Edmund von Randow sichtbar. -- Er hatte Marsan seit jenem letzten Impromptu verlassen und schien deutlich eine Gelegenheit zu suchen, mit seiner Schwester insgeheim zu reden. Er hatte ihr bereits mehrere Winke gegeben -- er hatte sich ihr schon einigemal genähert -- sie jedoch schien das Alles nicht zu beachten, oder vielmehr, sie vermied absichtlich das Zusammentreffen mit ihm; ohne Zweifel weil sie, die bereits hinlänglich gelesen hatte auf dem Gesichte ihres Mannes, fürchtete, hierdurch dessen Verdacht noch zu nähren. -- Die Angst Cölestinens läßt sich nicht beschreiben...

Sie hatte Recht. Selbst dieses Letztere entging den Argusblicken Alexanders nicht: „Dort,“ sprach er, indem er auf Edmund sah, „geht der Busenfreund, der Abgesandte ihres Geliebten, um ihr das zu sagen, wozu für ihn die Gelegenheit nicht günstig ist. O, nicht umsonst hat mein ahnendes Herz diesen Menschen, der sich ihren Bruder nennt, vom ersten Augenblick an gehaßt.“

Die Qual des armen Grafen ward jetzt auch noch durch seine Umgebung erhöht. Da man nämlich am andern Ende des Salons begann, Musik zu machen (+Parish-Alvar+’s hatte unschuldigerweise eine neue Terzett- und Quartett-Epoche heraufbeschworen) -- beschloß unser guter Freund, der Herr von +Porgenau+, welcher sich an diesem Ende befand, die Gesellschaft hier zu entschädigen, indem er anfing, haarsträubende Witze zu machen, nachdem er natürlich zuvor auf haarsträubende Weise pränumerando gelacht hatte:

„Wissen Sie, meine Freunde,“ sagte er: „wie viele Dinge -- hahahaha! -- die Franzosen bei ihrem Kriege -- hahahaha! in Algier brauchen... hahahaha! hahahaha!“

Alles schwieg. Einige, die Herrn von Porgenau noch nicht kannten, erwarteten hier etwas ganz Besonderes zu hören.

„Sie wissen also nicht -- wie viele Dinge -- hahaha! die Franzosen dort brauchen -- -- um hahaha! -- sicher zu reussiren?...“

„Nein, nein!“ versetzten jene Neulinge.

„Nun,“ antwortete Porgenau -- -- „aber -- hahahaha! hahahaha! er ist wirklich zu gut dieser Einfall... hahaha! ich kann ihn vor Lachen kaum von mir geben...“

„Die Franzosen brauchen,“ sagte er einigermaßen gefaßt: „drei Dinge: Erstens:“

Aber in diesem Augenblick platzte die Gemahlin des Bonmotisten, die natürlicherweise in seiner Nähe saß, um ihr Amt zu verwalten, in ein so markerschütterndes Wiehern (Lachen konnte man’s nicht nennen) aus, daß selbst ihr Mann erstaunte.

Endlich hörte ihr Wiehern auf. Aber ein neues Hinderniß trat ein, nun begann wieder er zu lachen -- und dieses abwechselnde ehelich-zärtliche Anticipations-Gelächter dauerte so lange, daß sich schon einige Personen erhoben -- -- da schrie Porgenau laut auf: „Sie können nicht fortgehen, bevor Sie nicht meine drei Kriegsbedingungen gehört haben. Also zum Kriege brauchen die Franzosen: 1tens Geld, 2tens Geld und 3tens -- -- was glauben Sie wohl, was wird das sein? -- Ebenfalls Geld! -- hahahahahahahahahahahahaha!! --“

(Aus Mangel an Raum geben wir nur -- wie Handlungsreisende -- eine Probe dieses Lachens, welches nach genauer Berechnung zwei und eine halbe Meile lang wäre, falls man es ganz niederschreiben wollte.)

Das war zu schauderhaft. Auch die Geduldigsten und die Trägsten von den Umstehenden hielten es in der Nähe Porgenau’s nicht länger aus -- Alles verließ seine Plätze. Da rief er in edlem Unwillen ihnen nach: „So! Sie gehen, meine Herren? --“ Und sich umwendend, bemerkte er gegen seine Frau, der noch immer alle Muskeln des Gesichts krampfhaft manoeuvrirten: „Die Undankbaren! Nachdem man ihnen seine Ideen mitgetheilt hat -- suchen sie das Weite, um damit zu wuchern!“

Unter den Zweien oder Dreien, welche zurück blieben, befand sich auch Alexander. An ihn hielt sich nun Porgenau vorzüglich und fragte den düster vor sich Hinstarrenden --: „Nun, liebster Graf -- es freut mich, Sie bei mir behalten zu haben. -- Was sagen Sie zu der Aufführung der übrigen Herrn? -- Abscheulich, nicht wahr? -- Allein ich will mir’s auch merken. Künftig sollen meine Bonmots nur Ihnen, lieber Freund, und diesen zwei, drei Herrn hier mitgetheilt werden. Und zum Beweis wollen wir gleich jetzt den Anfang machen....“ Er gab seiner Frau einen Wink; sie fing wieder an zu wiehern...

„Was meinen Sie,“ sagte er -- „-- ich werde Ihren Scharfsinn, lieber A--x, ein wenig auf die Probe stellen... Sie werden ohne Zweifel glänzend bestehen. Also sagen Sie mir gefälligst, welcher +Nuß+ haben die Alten göttliche Ehren erwiesen? -- hahahaha! hahaha! -- --“ Er hielt ein wenig inne und gab seiner Frau ein Zeichen, worauf auch sie schwieg.

Es erfolgte jedoch keine Antwort.

„Nicht wahr?“ begann Porgenau nach einer Pause -- „nicht wahr? -- hahahaha...“

Jetzt platzte auch seine Dame wieder aus...

„Nicht wahr -- das ist ein göttliches Wortspiel! -- hahaha! -- O -- ich habe hundert ähnliche alle Tage erfunden -- hahaha! hahaha! -- Bei mir kommen die Wortspiele, Bonmots und geistreichen Einfälle wie im Sommer die Frösche -- hahaha, auch wieder ein guter Vergleich! -- -- Also noch einmal, bester Graf: Welches war die Nuß, der die Alten -- --“

In diesem Augenblicke sprang Alexander plötzlich auf und eilte davon -- im Nu war er vor den Augen des großen Witzboldes verschwunden, welcher, nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, ausrief: „Ach -- Sie entwischen, lieber Graf? Das ist ein alter Kniff. Sie schämen sich, das Räthsel nicht auflösen zu können -- -- hahaha! hahaha! -- --“ Und zu den drei Letzten des Platzes, die seit einiger Zeit sich unter dem Einflusse seiner Unterhaltung einem köstlichen Schlummer ergeben hatten, rief er: „Nun -- ich will Sie nicht länger warten lassen, meine Herrn -- -- Jene Nuß, der die Alten göttliche Ehre erwiesen, war -- -- hahahahahahahahahaha u. s. w. es war: _Venus!_

Hahahahahahaha -- -- -- -- u. s. w.“

(Das Schlußgewieher der Ehehälfte läßt sich typographisch nicht darstellen; es fehlen im Setzkasten die Zeichen dafür.)

Jetzt erst bemerkte Porgenau den Zustand der Drei. „O!“ sprach er: „meine Freunde, Sie stellen sich, als ob Sie schliefen!... Hahaha! -- Wieder ein neuer Kniff! Doch auch er ist mir bekannt: Sie fürchten, daß ich Ihnen einen neuen Calembour aufgeben würde -- den Sie nicht lösen könnten... Fürchten Sie nichts, fürchten Sie nichts! Ich weiß, was ich echten Freunden schuldig bin... wiewohl +Schuldner ein schlechtes Gedächtniß haben+.... hahaha! hahaha! Wieder ein Witz! hahaha! wieder ein Witz!“

Wir wenden uns von dieser _partie honteuse_ der Gesellschaft unseres Salons ab, um zu einer interessanteren zu eilen. -- Als Alexander so plötzlich seinen Sitz neben dem unglückseligen Porgenau verlassen hatte, war dies auf eine Veranlassung geschehen, welche hier näher beschrieben werden muß. Wir wissen, daß Alexander ununterbrochen seine Frau sowohl wie ihren Bruder und den Chevalier im Auge behielt; wir wissen ferner auch, daß Cölestine, als wir zuletzt von ihr gingen, von Edmund, welcher sie durchaus zu sprechen verlangte, auf alle mögliche Weise verfolgt ward. Sie hatte diesen Aufforderungen bisher hartnäckig widerstanden -- indem sie dieselben durchaus nicht zu verstehen schien.... sie war, bald dadurch, daß sie sich abwendete, bald dadurch, daß sie mit irgend einer Dame sich in ein Gespräch einließ -- bald durch die Aufmerksamkeit, die sie der Musik schenkte -- dem Andringen ihres Bruders entgangen. -- Dieser schien darüber in Verzweiflung -- er hatte sich bereits vorgenommen, Cölestinen geradezu entgegenzutreten -- bald jedoch verließ ihn der Muth -- und er stand einige Augenblicke in kläglichem Zorne, stumm an die Wand gelehnt. Ein leichter Schlag weckte ihn aus seinem Trübsinn -- es war Marsan.

„Ah!“ rief Edmund so laut, daß seine Stimme bis zu Alexander drang -- „Sie sehen, guter Marsan -- es ist umsonst!“

Mehr hatte Alexander nicht vernommen; dies aber war für ihn genug, um, wie wir wissen, gleich einem Wahnsinnigen von seinem Sitze aufzuspringen -- und die Nähe der Zwei aufzusuchen, welche er behorchen wollte. Zum Glück boten die Draperien des Salons an dieser Stelle einen vortrefflichen Schlupfwinkel und der Ehemann eilte, davon Gebrauch zu machen. Er hörte -- freilich hatte er jedoch den Anfang ihres Gesprächs versäumt -- Folgendes:

„Aber -- es ist mir unerklärlich, daß Ihre Schwester Sie durchaus nicht hören will....“ sagte Marsan; „bei mir freilich ist das eine andere Sache -- -- sie hat Rücksichten auf den Narren, ihren Mann, zu nehmen!...“

„Sagen Sie lieber -- den Elenden!“ versetzte Edmund: „dieser Mensch hat sie gegen mich aufgehetzt -- es ist klar. Doch ich will ihm das entgelten....“

„Ja, ja -- wir wollen es gemeinschaftlich thun, mein Freund! -- Also sie will Ihnen die ersehnte Gelegenheit durchaus nicht gewähren, Edmund? -- Nun, wissen Sie was? -- Dringen Sie jetzt nicht weiter in sie.... Man darf es mit dem Narren Alexander nicht vorzeitig verderben.... Zwar übt er durchaus keine Macht auf sie aus... allein da er fähig ist, einen öffentlichen Skandal zu provociren, so muß man Cölestinen wenigstens in seiner Gegenwart schonen.... Befolgen Sie also die Regel, die ich Ihnen vorhin gegeben habe.... Ach!“ rief mit einem Male der Chevalier aus: „jetzt ist die Zeit dazu -- der Narr Alexander ist nirgends zu sehen -- er muß den Saal verlassen haben.“

„Bei Gott, Sie haben Recht -- Marsan!“ versetzte der Jüngling: „Ha! sehen Sie doch -- -- Cölestine blickt überall herum -- sie scheint dieselbe Entdeckung gemacht zu haben.... sie sieht den Tyrannen nicht -- -- -- jetzt giebt sie mir einen Wink! Ich eile zu ihr!“

Hier hörte das Gespräch auf; die zwei Freunde verließen rasch den Platz. -- Aber sie waren nicht rascher, wie der Gatte, welcher über das, was er so eben gehört hatte, entsetzt aus seinem Hinterhalte hervor eilte, um den Zweien nachzugehen. -- Beim ersten Schritte jedoch schon blieb er stehen; Cölestine hatte in dem Momente, wo sie im Begriffe war, sich mit ihrem Bruder in ein Fenster zurückzuziehen -- ihn erblickt und war rasch umgekehrt -- indem sie sich auf eine Ottomane warf....

Ihr Mann aber zog sich mit einem schweren, tiefen Seufzer zurück -- in ein anstoßendes Kabinet. Doch konnte er noch, als er an der Thür sich umwandte, sehen, wie sowohl Marsan als Edmund mit kühnem Schritt sich abermals Cölestinen näherten -- und sie jetzt anredeten.

„Aber, meine Freundin, ich versichere Ihnen -- dieser Verein unserer Damen hat keinen andern Zweck -- als Aufsehen zu erregen, und dann noch einen, welchen ich schon einmal angedeutet und hier, vor dieser Gesellschaft nicht wiederholen will....“

„Nein, nein, meine Liebe -- Sie irren sich wirklich, Sie thun uns Allen so bitteres Unrecht.“

„Wem ist das größte geschehen?“ rief das Stiftsfräulein aus und öffnete dabei ihren zahnlosen Mund so gewaltig, daß man, wie am Rande eines Precipisses in der Schweiz, den Schwindel bekam -- --: „Ist es nicht etwa mir geschehen? -- Mir, mir, die so viele menschenfreundliche Plane hegte -- mir, die den Frauenverein zu einer respektableren Bedeutung führen wollte -- mir, der Erfinderin jener Composition und jener Schlösser, jener Ketten -- jener Fangeisen....“

„Freilich, freilich, es war nicht wohlgethan, Sie, beste Freundin, so zu behandeln, wie geschehen ist,“ erwiederte Gräfin von Wollheim.... „man hat sich übernommen, man war zu strenge -- man -- --“

„Wie? man war zu strenge?!“ schrie die verkannte Edle, auf das Wort „zu“ ein Gewicht legend.... „Was hatte man für ein Recht, +strenge+ zu sein gegen mich? -- Gegen mich, ein Mitglied, welches sich rühmen kann, zeitlebens für die Tugend, die Sittsamkeit, die Menschenfreundlichkeit und für das Menschenwohl im Allgemeinen gelebt zu haben..? -- für mich, die Erfinderin -- die Entdeckerin so vieler vortrefflicher Dinge, welche ich alle hier nicht aufzuzählen brauche, da man dieselben hinlänglich kennt!... Oder wie, kennt man sie nicht, die Fußangeln! die Daumenschrauben? -- --“

Mehrere von den buckligen und liebenswürdigen Zuhörerinnen (wir wissen, daß das Fräulein ihr eigenes Auditorium hatte) hielten sich hier die Ohren zu; selbst ihnen, die doch an Humanität auf gleicher Stufe mit ihr standen -- wurde es endlich zu arg.

„Es ist indeß, wie ich Ihnen vorhin sagte, Hoffnung vorhanden, daß Ihr Wiedereintritt in den Verein nicht länger beanständigt werden wird, beste Bomben!“ nahm die Gräfin das Wort.

„Ich habe Ihnen gleichfalls bemerkt,“ erwiederte diese aufgebracht -- „daß ich das nicht annehmen werde! Mich, mich soll man nie mehr -- ich hab’s geschworen! -- in einem Vereine sehen, dessen geheimer Zweck darin besteht -- -- hübsche Bauernbursche --“

Hier hielten sich die Zuhörerinnen abermals die Ohren zu, und die Wollheim wandte sich mit gefalteten Händen an die Rednerin: „Um Gotteswillen -- nicht weiter, meine Freundin! Was denken Sie? Wenn diese Worte zur Kenntniß des Vereins kommen sollten!... des Vereins, der Sie ohne Zweifel wieder in seine Mitte zurückrufen wird...“

„Aber ich wiederhole zum hundertsten Male: daß ich nichts mehr mit diesem Vereine zu thun haben will. Ich bin hierzu viel zu moralisch! -- Hinfort soll es mein Beruf nur sein: mich dem saubern Vereine +entgegenzustellen+... ihn zu bekämpfen... ihn zu ruiniren..... Oh! Oh!“ schäumte sie: „Wenn ich schon Nero’s Schwert nicht besitzen kann, um diesem hübschen Damenkranz mit einem Hiebe die Köpfe abzuschlagen.... so möchte ich doch wenigstens das Gift der +Lukretia Borgia+ haben -- -- -- --“ Hier hielt die genügsame Dame plötzlich inne, gemahnt ohne Zweifel von der Erinnerung, daß wir in dieser verderbten Welt auch eine Polizei haben....

Die buckligen und anderen Zuhörerinnen aber erhoben sich, und ohne ein Wort zu sprechen, verließen sie die Aspirantin des Giftes der Borgia --

Es mußte wirklich bis zu einem solchen Punkte kommen, um diese Damen zu vertreiben. --

Allein Gräfin Wollheim überdauerte sie alle, vermöge ihrer Gutmüthigkeit und einer Leidenschaft für Strumpfgespräche, die beide, seit die Welt steht, noch nicht da waren.

Indessen, als diese Episoden sich hier zutrugen, rollte anderwärts die Haupthandlung des Abends in ununterbrochener Gleichförmigkeit fort. Die Musik war zu Ende -- d. h. jenes Harfenterzett oder Quartett, von dem wir oben gesprochen haben. Jetzt -- sollte etwas Neues kommen; eine große brillante Arie aus der jüngsten Oper Donizetti’s, dieses Lieblings der Musen, der es bleiben wird, mögen seine nordischen Eiferer und Geiferer sich und ihre traurigen Federn noch so vollsaugen mit Gift und Galle.[F] -- Da die Arie, welche wir meinen, von einer sehr berühmten Dilettantin (Fräulein von G--e--) gesungen wurde, so widmete man derselben die größte Aufmerksamkeit, und einige Augenblicke schien der Geist dieser Versammlung sich nur um die Sängerin zu concentriren. -- Dies schien jedoch blos so. Es mochten in so manchen Herzen Dinge vorgehen, die keinen Bezug auf die schöne Sängerin hatten, wiewohl man Blicke und Mienen nur auf sie richtete -- wiewohl man nur zu athmen schien, um Worte des Beifalls für sie zu haben. Wo in aller Welt wäre auch eine größere und tiefere Schauspielkunst zu finden, als in den Kreisen jener Gesellschaft, die sich ausschließlich die gute nennt? Mich dünkt -- es könnte hier Jemand wissen, daß die nächste Minute die seines Todes sein werde, und er würde, in der vorhergehenden zu einer Polonaise aufgefordert -- süß lächelnd entgegnen: „Mit dem größten Vergnügen!“