Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 14

Chapter 143,637 wordsPublic domain

„Möge der Himmel,“ schrie +Wollheim+, „Dich zu einem eben solchen Manne machen, wie ich bin, mein Junge! Besseres kann ich Dir nicht wünschen, Hurrah!“

„Hurrah! -- Hussah!“

„Ich habe nur gerufen +Hurrah!+ und nicht Hussah! -- Achtung auf den Ruf des Meisters! -- Hurrah!“

„Hurrah! Zehntausend Mal Hurrah!“

„Blos ein Mal: Hurrah! mein Jüngelchen; blos ein Mal!“

„Nein, nein -- zehntausend Mal!“

„Alle Sechzehnender! -- Was für zehntausend Teufel sind Dir denn heute in den Magen gefahren -- verdammter Bursche, Du!“

Es war ihm indessen blos der Wein in den Magen gefahren und der Dunst davon in den Kopf.

„Ich sage Dir,“ fing der Alte wieder an: „etwas Besseres als ich kannst Du doch nicht werden. Befleißige Dich also, in meine Fußstapfen zu treten. Nimm z. B. diesen Krug so, -- siehst Du! -- und leer’ ihn mit einem Guß -- -- so, siehst Du!“

Und der größte Humpen entledigte sich seines Inhalts im Nu -- vermöge der freundlichen Bereitwilligkeit von Nimrods breiter Kehle. --

Edmund wollte es auch versuchen, um der Aufforderung seines Lehrers zu genügen....

„Ah! Ah!“ schrie dieser so dröhnend, daß das Gewölbe des Kellers in Schrecken gerieth: „das will nichts sagen, das will nichts sagen -- Freund Edmund! -- Du hast zwar den Humpen geleert, aber dabei Dein ganzes Gesicht begossen... Dies darf nicht stattfinden! Dies ist nicht in der Ordnung!... Du mußt den Humpen mit dem Munde allein aussaufen: So, siehst Du?!“ Und abermals rollte eine ganze Sündfluth hinab in des Jägers verderblichen Schlund...

Sein Leib schien ein wahrer Abgrund zu sein.

Edmund versuchte es sogleich nochmals -- und in Wahrheit er that es diesmal mit solcher Virtuosität, daß sein Meister auf eine Bank sprang und ausrief: „Ein dreimaliges Hussah auf das Wohl meines Jüngelchens und Jagdkumpans!“

Und „Hussah! Hussah! Hussah!“ schrien Beide, als ob sie toll wären.... die Kellerratten und Maulwürfe liefen einstweilen in’s dritte Nachbarhaus hinüber...

.... Aber als sollte das Alles noch nicht ausreichen, seines Zöglings Ruhm zu verkünden, sprang Wollheim auf ein in der Nähe stehendes großes Weinfaß, welches, gegen den Gebrauch, mit dem Boden aufgestellt war -- -- auf dieses Faß also sprang er und zwar mit einem solchen Aplomb seines dicken Leibes, daß der obere Boden unter seinen Füßen durchbrach und er im Nu unter entsetzlichem Geschrei bis an die Ohren im rothen Ofner schwamm: „Au! Au! Weh! Hurrah! -- Zur Hilfe -- Kumpane! Jäger! Piqeurs!“ brüllte er in der Verzweiflung.... wobei er, vermöge des Wellenschlags, welchen der Ofner beständig um sein Kinn machte, von demselben _nolens volens_ ein gutes Theil abtrank....

Nur mit Mühe entkam er dem Verderben und stieg endlich heraus. Er stieg allein heraus -- denn Edmund war nicht fähig, ihm dabei zu helfen..... er hatte mit sich selbst genug zu schaffen.

„Alle Doppelbüchsen!“ rief Nimrod und schüttelte sich wie ein Bär, der untertauchte -- „das war ein unvorhergesehenes Bad... Aber der Ofner war gut!... Schade um das Faß, welches von schweizerischer Arbeit schien. -- Hol’ der Teufel indeß ein schweizerisches Faß, welches durchbricht, kaum daß man es betastet. -- -- Wo aber jetzt sich abtrocknen.... Brr! brr! -- denn es ist hier verteufelt kalt.... Ha! da kommt mir ein göttlicher Einfall! Diesen lieben Ort hier zu verlassen wäre unmenschlich. -- Wie wär’ es, wenn ich meine Kleider hier trocknete?.. Wir machen dort im Hintergrunde ein Feuer.... Holz ist genug vorhanden... der Rauch kann auch zu den Kellerluken abziehen. Beim St. Hubertus! das geht! -- Hat man es doch von Faßbindern hundert Mal gesehen, daß sie bei Reparaturen mitten im Keller ihren Herd aufschlugen.... Also -- vorwärts mein Jüngelchen! und sogleich soll hier eine Flamme brennen, so lustig und hoch, daß man dabei zwei und zwanzig Ferkel braten kann.... Dann will ich meine Kleider ausziehen -- wir wollen uns an’s Feuer setzen -- unsere Krüge in die Hand nehmen.... Hurrah! das soll ein Teufelsleben werden!“

„Hurrah!“ lallte Edmund mit schwerer Zunge nach.

Gesagt, gethan. In kurzer Zeit loderte ein Feuer mächtig auf und seine Flamme leckte das schwarze Gewölbe des Kellers... Aber was man nicht berechnet und erwartet hatte, geschah. Die Luken waren zu klein und konnten den Rauch nicht hinreichend ableiten, so daß sich dieser nun hier im Innern zu einer schauderhaften Menge anhäufte... und jeden andern Menschen als diese zwei Ehrenmänner vertrieben hätte. -- Aber sie waren nicht so leicht von diesem Orte wegzubringen und zwar: ob der ruhmwürdigen Wein-Eigenschaften, die er neben diesem Uebelstande noch besaß....

Was den Jäger betrifft, so stürzte er eine Kanne um die andere hinunter -- und hustete beständig dazwischen. Er schien einen ordentlichen Kampf mit dem Rausche eingegangen zu sein -- und eben deßwegen war ihm der letztere nicht ganz unangenehm...

Edmund jedoch, nicht so taktfest in vorliegender Kunst, sprang sinnlos wie er bereits war, umher und stotterte:

„Donnerwetter! -- wir -- stecken -- ja da -- in einem -- Schornsteine! -- Donnerwetter! -- -- Wie -- kommen -- wir da heraus? -- Puh! Brr! -- --“

„Ei warum nicht gar!“ brüllte Wollheim: „Was sind das für dumme Faxen --? Schornstein? -- Im Keller sind wir! Im Keller! -- --“

„Nein -- im -- Schorn -- steine -- -- Ah -- Ah -- ich -- ersticke -- --.“ Und der arme Jüngling fuhr wie ein Gehetzter umher, stieß überall an -- und wäre beinahe in’s Feuer gerannt -- wenn der Jäger ihn nicht schnell bei der Hand ergriffen hätte. -- Aber das Tanzen hörte bei Jenem deßhalb nicht auf und wider Willen sah sich der Alte jetzt selbst davon fortgerissen. Er, in seinem halbnackten Zustande (er hatte Alles, nur die Strümpfe nicht, ausgezogen, aus angeborner Schamhaftigkeit hatte er sich noch überdies sein Taschentuch, statt eines Feigenblattes, vor den Bauch gebunden) -- tanzte nun wie ein wilder Neuseeländer mit seinem Schüler um die Flamme herum.... Es war ein Bild zum Malen! --

In diesem Augenblicke öffnete sich die vorhin geschlossene Thür des Kellers und ein halbes Dutzend Bediente traten mit den Worten ein: „Aber was giebt es denn da? Ein Rauch verbreitet sich aus den Luken im ganzen Hause!... Ist denn hier ein neues Gomorrha untergegangen?..“

Man denke sich die Ueberraschung dieser guten Leute, als sie unser Freundespaar in einem eben so interessanten Costüme als Geschäfte erblickten....

* * *

Aber während hier Momus, Comus und noch andere närrische Halbgötter ihre Schellenkappen schüttelten, ward einige Fuß über diesem Orte -- ein Gemüth von höllischen Qualen durchwühlt und hätte zerreißen müssen, läge für manche Naturen nicht eben im Schmerze selbst eine nährende, eine belebende Kraft. Es sind dies jene Naturen, die zum Unglück geboren scheinen -- die schon in der Wiege von demselben mit Milch getränkt, später mit Speisen genährt und mit Kleidern versehen werden -- denen also das Unglück: Amme, Erzieherin, Lehrerin und Lebensgefährtin ist.

Man hört, wenn von solchen armen Verfluchten die Rede ist, oft sagen: „Mein Gott, wie konnte er das nur Alles ertragen? Ich wäre unter solchen Umständen schon hundert Mal untergegangen.“

Gewiß, denn Dich hat das Schicksal bei Deiner Geburt gesegnet und es hatte nicht nöthig, Dir Nerven von Stahl für’s Leben mitzugeben. --

Allein von wem haben wir zuvor gesprochen? -- Wer war der Unglückliche, der Elende, der vom Schicksal Verfluchte -- welcher sechs Fuß über dem Keller der zwei lustigen Ritter -- von Qualen gepeitscht wurde, wie eine Feder sie nicht beschreiben kann? --

Der Leser wird es wissen. Es war Alexander, der Gemahl Cölestinens, Alexander, der sein Weib mehr wie sich selbst liebte -- -- und der sich von ihr betrogen, verrathen, um seine ganze irdische Seligkeit gebracht sah. --

Ach, diesmal war ihm der milde Trost, der ihn noch vor einigen Stunden, wenn auch blos vorübergehend, erquickte, gänzlich geraubt. Diesmal konnte er nicht, wie zuvor, sich zurufen:

„Vielleicht -- ist sie doch unschuldig! --“

Er hatte sie jetzt an der Seite jenes Menschen, der ihm ihr Herz geraubt hatte, beobachtet -- hatte gesehen, wie Jener für sie glühte und wie sie von dieser Gluth erwärmt schien. Welche Blicke hatte sie ihm gegeben -- und welche von ihm empfangen! Und Alles das so offenbar, so vor aller Welt. --

Sollte es denn schon so weit gekommen sein, daß sie sich nicht einmal mehr verstellen konnten oder daß sie es nicht wollten? -- So war er, Alexander, also nicht mehr blos das Opfer, er war auch das Spielzeug, die Puppe, der Narr, durch welche Dinge sie ihrem Vergnügen neue Reize verliehen. --

Ach -- was kümmerte ihn Dieses. Er hatte an Jenem schon genug. Er war geopfert, verkauft, sein Herz zertreten -- seine Seele zerrissen, sein Leben vergiftet.... So konnte es mit ihm nicht mehr lange bestehen....

Er rannte hinaus aus den Sälen, wo Alles Lust, Freude und herzloser Verrath war -- er stürzte hinaus auf eine Terrasse.... Es war wieder eine Terrasse, wie dort in der ersten Nacht ein Balkon -- es war wieder eine Sternennacht -- und durch diese Nacht strich wieder jener allwaltende Geist, der sich eines Elenden erbarmt, oder aber ihn verstößt, ihn nicht kennen will....

Diesmal aber war das Letztere der Fall. Diesmal erschien keine Cölestine auf dem Balkon und schlang liebewarm ihre Arme um seinen Hals. -- Diesmal, diesmal, als Alexander verzweiflungsvoll, wahnsinnig die Hände rang gegen das dunkle Firmament, rufend:

„O -- hat sie wirklich an mir gefrevelt? -- Nur noch ein Zeichen! Einen letzten Beweis!“

Diesmal antwortete eine Stimme hinter ihm: „Warten Sie einige Tage ab -- und Alles wird Ihnen offenbar werden.“

Rasch drehte Alexander sich um. Er bemerkte nur noch die Umrisse einer dunkeln männlichen Gestalt, die gleich einem Schatten forteilte -- in der Nähe um eine Ecke verschwand -- und weiter keine Spur hinter sich ließ, als den Wiederhall ihrer schrecklichen Worte...:

„Warten Sie einige Tage ab -- und Alles wird Ihnen offenbar werden.“

Alexander fiel ohnmächtig gegen die marmorne Balustrade des Balkons und schlug sich daran die Stirne blutig.

Er erwachte erst nach einer Stunde. --

Vierzehntes Kapitel.

Die Morgenszene nach dem vorigen Tage.

„Ach, mein lieber Alexander, wie köstlich haben wir uns gestern unterhalten. Es herrschte die allgemeinste Fröhlichkeit. -- Alles war vergnügt: man wird sich gewiß dieses Tages noch lange erinnern, und das gereicht uns zu großer Ehre. -- Man hat nun den Maßstab in Händen, nach welchem man für die Zukunft unser Haus beurtheilen wird.... Wie bin ich erfreut, daß dieser Maßstab kein gewöhnlicher ist.“

So, mit diesen Worten begrüßte Cölestine den folgenden Morgen ihren Gatten, als dieser, wie es seine Gewohnheit war, in ihr Boudoir trat, um ihr hier galanterweise einen Guten Morgen zu wünschen. -- Alexander schien sehr heiter -- fast so wie seine Frau; er küßte mit dem Ausdruck inniger Zärtlichkeit ihre Hand und nahm neben ihr auf einem Tabouret, welches etwas tiefer als ihr Sessel stand, Platz.

„Allein,“ fuhr sie fort, indem sie sich mit jenen tausend Quincaillerien, die eine vornehme Dame in einem Boudoir vor sich liegen hat, zu schaffen machte: „allein,“ sagte sie: „wie kommt es, daß wir seit dem gestrigen Tage bis zu dieser Stunde für einander fast gar nicht existirt haben, mein Freund? Ich erfuhr weder, zu welcher Stunde Du schlafen gingst, noch wann Du aufstandest....“

„-- Noch,“ setzte lachend der Graf hinzu: „was mit mir gestern während des Festes geschah, nicht wahr, mein liebes Kind?“

„Ja, ja -- ganz recht. Jetzt erinnere ich mich, daß ich Dich in der That gestern während der Dauer der Unterhaltung auch nicht mit einem Auge sah --“

„Jetzt erst erinnert sie sich!“ sagte er zu sich, und, ohne sie zu unterbrechen, ließ er sie fortfahren: --

„Wie hängt das zusammen, mein Freund? Erkläre mir es!“

„Ach, was liegt daran?“ versetzte er unbefangen und fast im lustigen Tone: „es ist eine Kleinigkeit -- eine Kinderei, wer wird von ihr reden. Dir sowohl, der Frau, wie mir, dem Herrn vom Hause, war der Platz getrennt angewiesen, und wir durften ihn nicht verlassen, um uns einander zu nähern... Bei solcher Gelegenheit besteht eine Pflicht, wie die unsrige war, darin, daß man sich dem Vergnügen seiner Gäste opfert ... und dies, meine liebe Cölestine,“ sagte er, ohne dem Drange widerstehen zu können, eine Schärfe in den Ton zu legen: „hast mindestens Du in vollem Maße erfüllt...“

„Ach ja,“ entgegnete sie, nicht ahnend, worauf er zielte: „ich sah mich gestern ununterbrochen von einem Kreise interessanter und liebenswürdiger Bekannter umgeben, und muß gestehen, daß ihnen gegenüber meine Obliegenheit als Frau vom Hause mir nicht schwer erschien. Gewiß bin ich jenen Personen zu eben so großem Danke verpflichtet wie sie mir. -- Es war ein reizender Abend!“

„Er war reizend und die Nacht darauf ebenfalls!“

„Ich erinnere mich z. B. nicht, daß die Baronin von +Halderstein+, diese Blume der guten Gesellschaft, ihren glänzenden Geist sowohl wie ihre schöne Seele jemals freudiger entfaltet hätte, als sie es gestern in meiner Nähe that. So war auch Herr von Labers dadurch, daß er sich meiner Gesellschaft gütig erwies, dies gegen mich; -- er allein streute so viel edle Heiterkeit im Kreise aus, daß man noch manchen Tag daran wird zu zehren haben.... Sodann die liebe gute E--z, diese alte Freundin meiner Mutter, und die Letztere selbst: o, wie sind uns an der Seite dieser ehrwürdigen Frauen die Stunden verflossen!... Endlich mein guter Vater, sogar Edmund, Alle schienen sich wonnevoll nur um mich zu vereinigen....“

„Sie verschweigt absichtlich den Namen Marsan’s!“ sagte er im Stillen: „O -- diese Manier ist ungeheuer veraltet -- -- wiewohl man sie in neuerer Zeit wieder in Mode zu bringen versucht.“

In seinem Herzen wühlten die Leiden eines Trostlosen, eines in der innersten Seele Verzweifelnden -- -- aber auf dem Angesichte zeigten sich hiervon keine Spuren; dieses glänzte nicht minder zufrieden, wie jenes Cölestinens.

„Was sagst Du,“ warf er leicht hin -- „zu Herrn von Marsan, der, wie ich mich erinnere, gestern längere Zeit mit Dir gesprochen? --“

In diesem Augenblicke überzog eine schreckliche Blässe das Gesicht der jungen Frau -- und indem sie starr nach seiner Stirne blickte, schrie sie auf: „Um Gotteswillen! was ist das? Was ist mit Dir geschehen, Alexander? -- Deine Stirne ist verwundet -- mit Blut unterlaufen....“

„Oh!“ höhnte es in seinem Innern: „die Elende! Welche Ausflucht! -- Jetzt da meine Frage sie in die Enge getrieben, weiß sie keinen Ausweg, als daß sie von einer unbedeutenden Verletzung redet, die sie schon längst bemerkt haben muß....“

Ob er Recht hatte, so zu urtheilen, bleibt dahin gestellt. Da jedoch seine Wunde sehr hoch oben auf der Stirne war, so konnte sie zuvor leicht durch sein dunkles Haupthaar bedeckt -- und erst jetzt, da er mehrmals mit den Fingern durch dasselbe strich -- blosgelegt und von Cölestinen bemerkt worden sein... Sie hatte sich ihm rasch genähert, sein Haupt mit beiden Händen ergriffen und bebend in ihn gedrungen: „Sprich, um Alles in der Welt! Was soll ich denken, Alexander? -- Erkläre mir’s! Lasse mich nicht in Ungewißheit? -- Dir ist irgend ein Unglück widerfahren! -- O rede, rede! hörst Du denn nicht?..“

„Wie man’s nehmen will,“ entgegnete er in dem gleichgiltigsten Tone: „ein Unglück oder auch keins. Jedenfalls aber ist das Ganze nicht dieses Aufhebens werth -- und deßhalb laß uns endlich schweigen.“ Er entwand sich sanft ihren Händen, die aber sogleich wieder nach ihm griffen, sich um seinen Hals legten, ihn heran zogen....

„Die nichtswürdigste aller Heuchlerinnen!“ dachte er und ließ sie gewähren. -- Indessen jammerte sie fort: „O mein Alexander, o mein Gemahl! Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen bei einer Gelegenheit wie diese zu entziehen. Womit hätte ich das auch verdient? -- Alexander -- etwas Besonderes muß seit der ewiglangen Zeit, daß wir uns nicht sahen, vorgefallen sein -- -- etwas sehr Schlimmes.... mir sagt es mein Herz.... Bei unserer Liebe, bei unserer Treue beschwöre ich Dich, meine Bitte zu erhören!“

Während der letzteren Worte lachte er gellend auf, so daß sie entsetzt von ihm losließ und die Hände zusammenschlagend vom Sitze aufsprang, indem sie rief: „Mein Gott -- erbarme Dich seiner und meiner! Träume ich blos oder geschieht das wirklich hier, was ich nicht fassen kann?!“

Er richtete sich nun selbst auf und antwortete ganz in der Art, wie er sie heute seit seinem Eintritt in das Boudoir angenommen: „Aber -- meine Freundin, Du bist in der That ganz außer Dir, und ich, ich selbst hätte Grund, jene Fragen an Dich zu stellen. -- Was soll denn geschehen sein? Weßhalb erschrickst Du? weßhalb fährst Du von Deinem Sitze so auf -- als sei der Tod vor Dich hingetreten? -- Es ist ja nichts geschehen -- sonst hätte ich Dich davon natürlich schon in Kenntniß gesetzt. -- Du starrst noch immer nach meiner Stirne! Nun wohl, diese Wunde von der ich bisher selber nichts wußte -- und die ich erst jetzt im Spiegel bemerke -- ich muß sie mir im Schlafe geschlagen haben....“

„Nachts im Schlafe?“ schüttelte Cölestine das Haupt.

„Nun ja. Es ist wohl schon vorgekommen, daß man so fest schlief, daß man selbst von einem Stoß an die Wand -- an die Säulen der Bettvorhänge -- nicht erwachte.... Uebrigens, wie gesagt, ich spüre die Wunde kaum. Ich fühle keinen Schmerz!“

Wirklich konnte diese Rede auch ein furchtsameres Herz beschwichtigen, und nach einigen Augenblicken sprach man bereits nicht mehr von diesem Gegenstande...

„Es war ihr nur darum zu thun,“ meinte er „recht lange hierbei zu verweilen und mich die Frage wegen des Chevaliers vergessen zu machen;..“ und laut setzte er hinzu:

„Hast Du dem engern Kreise unserer Freunde gestern nicht eröffnet, an welchem Tage außer dem Sonnabend Du Dich ihrer Gesellschaft erfreuen möchtest?“

„Ich sprach davon, mein lieber Mann,“ sagte sie: „und wir wählten den Dienstag, den Donnerstag und den Freitag....“

„Auf diese Weise,“ bemerkte er laut: „wird ja in unserem Hause ewige Lust und Freude herrschen....“

„Ich dachte bei mir, es sei dies zu Deinem Besten, Dein ernster Sinn werde dadurch zerstreut werden.“

„Gewiß, gewiß -- Sie hat bei jedem Schritt, den sie thut, mich im Auge -- -- wie ein kluger Fechter seinen Gegner. Und,“ fragte er sie: „wird auch die Baronin von Halderstein uns recht oft besuchen --“

„Ja, mein Freund, sie hat mir’s bestimmt zugesagt.“

„Auch der Chevalier von Marsan.“

„Du weißt -- daß er sich in letzterer Zeit innig an meinen Bruder Edmund anschloß, und demnach dürften wir ihn wohl häufig bei uns sehen.... Uebrigens,“ lächelte sie fein: „habe ich mit Herrn von Marsan noch einen eigenen Plan...“

„Wirklich?“

„Wenn mich nicht Alles trügt, so hat er während des gestrigen Abends -- sich mit unserer theuren Baronin von Halderstein angelegentlicher als mit einer andern Person beschäftigt. -- Es verging keine Viertelstunde, so kehrte er immer wieder zu ihr zurück....“

„Nämlich -- von Dir!“ dachte Alexander: „denn für diesen Herrn scheint es nicht zu viel, bei zwei Damen auf einmal den Ritter zu spielen...“

„Und was die Baronin betrifft --“

„Nun?“

„Es schien nicht eben -- daß sie seine Bewerbungen zurückgewiesen hätte.“

„Das Alles ist möglich!“ murmelte der Mann.

„Kurz, wenn es glückt, so soll die reizende Frau, welche gegen einen Gatten, der sie verließ, keine Pflichten mehr hat, -- die schöne Freundin Halderstein soll es übernehmen, den unbezwinglichen Roland, den nie überwundenen Tankred in Fesseln zu legen...... Wir haben uns dieses gelobt...“

„Wir? -- Wer ist darunter zu verstehen?“

„Das Nähere kann ich Dir leider nicht vertrauen, mein Freund. Genug an dem -- ich bin es nicht allein, die sich über diesen Fall freuen wird...“

„Und,“ fragte nach einigem Sinnen Alexander: „wird das Spiel, von dem Du sprichst, bald beginnen?..“

„Es nimmt mit dem morgigen Tage seinen Anfang. Du weißt, wir sind morgen bei der Generalin E--z. Es ist ihr Tag.“

„So wird also auch der Chevalier dort sein?“

„Ohne Zweifel -- und auch die Halderstein wird nicht fehlen....“

„-- Ich weiß genug!“ sagte er zu sich. -- -- Er verließ seinen Platz, umarmte Cölestine und empfahl sich ihr.

„Wohin so eilig?“ fragte sie.

„Eine wichtige Angelegenheit ruft mich nach der Stadt.“

„Wirst Du heute nicht mit mir frühstücken?“

„Ich habe dies bereits allein auf meinem Arbeitszimmer gethan.“

„So geh mit Gott und komme bald zurück!“

„Sehr bald, liebe Cölestine.“ Er war bereits an der Thür, als sie ihn noch einmal zurückrief -- ihn umfing, leidenschaftlich mit Küssen bedeckte und dann mit den Worten zärtlich fortstieß: „Jetzt gehe!“ -- Sie wandte sich von ihm ab -- gleichsam um sein Scheiden nicht zu sehen. Er aber draußen vor der Thür schüttelte das Haupt, sein Gesicht verfinsterte sich und wild rief er aus: „O schändlich! schändlich! -- -- und dies Alles ist Lüge..... Falschheit...... Betrug!...“

Fünfzehntes Kapitel.

Abend und Nacht.

Viel beschäftigte den Grafen A--x der Gedanke, wer jener geheimnißvolle Unbekannte sein könne, der wie ein Schatten ihm auf allen Wegen zu folgen schien, um sich von Zeit zu Zeit zu verkörpern und Warnungen zuzurufen, für welche er ihm bis jetzt noch stets dankbar sein zu müssen glaubte -- und welche Warnungen diesen mysteriösen, geisterhaften Freund zu seinem Schutzgeiste erhoben. -- Bisweilen redete er sich vor, eine Stimme seines eigenen Innern ertheile ihm diese Nachrichten -- oder, was dasselbe ist, es seien Ahnungen, die auf solche Weise zu ihm sprächen. -- Genug an dem, wegläugnen ließ sich diese Erscheinung, so geheimnißvoll sie auch war, keineswegs.... eben so wenig, wie die Wahrhaftigkeit in ihren Worten. -- Auch gehörte der Graf nicht zu jenen hausbackenen Flachköpfen, die dasjenige, was sie nicht begreifen können, kurzweg läugnen... und nach deren Meinung es in der Welt nichts geben kann, was nicht mit ihrer armen Alltagsweisheit übereinstimmt; Menschen, die da glauben, Alles müsse sich mit den Händen greifen und mit den Augen, über welche eine zwei Linien breite Hornhaut einen ewigen Schleier legen kann, sehen lassen.... arme bedauernswürdige Tröpfe, die, gleich den Kindern, welche die Meinung hegen, außer ihrem Dorfe gebe es weiter keins mehr in der Welt, ihre fünf Sinne für das einzige Medium halten, wodurch sie mit dem Universum in Verbindung treten... weil sie von dem sechsten und siebenten göttlicheren Sinn, der im Hirne und in der Brust wohnt, keine Ahnung haben....

Zu diesen spaßhaften Leuten gehörte Graf A--x keineswegs. Nicht daß wir ihm hieraus ein Verdienst machen wollten; in unseren Tagen ist man, Dank den ewigen, Alles wieder zu sich selbst zurückführenden, Gesetzen der Natur -- nachdem man sich am schöngedrechselten Springbrunnen der Philosophie hinlänglich vollgetrunken hatte und nun sah, daß es doch nur Wasser war -- wieder zu dem einfachen Felsenquell der Natur zurückgekehrt, dessen geheimes Herkommen, dessen sanftes Rauschen uns so Manches erzählt, wovon jene künstlichen Wasserbogen nichts sagen können. Wir sind, sage ich, auf unserer zirkelförmigen Wanderung, von traurigem Halbwissen endlich zu einem glaubensvollen höhern Anschauen gelangt...

Wer war aber jener Warner, falls es ein Mensch wie der Graf selbst war? Er wußte Keinen zu nennen -- er kannte Niemand, den er fähig hielt, ein so seltsames und edles Amt bei ihm zu übernehmen. -- Nach einigem Nachdenken mußte Alexander seine Forschung völlig einstellen; auch gestehen wir in seinem Namen, diese Sache schien ihm nicht wichtig genug, um sein Augenmerk von einer weit größern lange abzulenken. Welche dieses war, begreifen wir: es war der Gedanke, es war der Schmerz seiner liebenden Seele.