Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 13
„Ach, Sie tragen Ihr Tagebuch bei sich, meine Beste?“
„Immer. Sie wissen doch, mein Gedächtniß zwingt mich zu dieser Vorsichtsmaßregel! O ich habe ein schrecklich schwaches Gedächtniß...“
„Ich weiß, ich weiß...“
„Apropos -- Sie erinnern sich wohl noch jenes hübschen jungen Mannes, der vor beiläufig einem halben Jahre hier anwesend war... ich meine den Herrn von Ingelstein, **schen Gesandtschafts-Sekretär?“
„Ganz recht, ganz recht!... O wie sollt’ ich nicht? -- Nun, was ist mit ihm geschehen?“
„Dieser Herr, wie Sie wissen werden, hatte damals die Absicht, dem Fräulein von Randow den Hof zu machen....“
„Richtig, richtig --“
„Wurde jedoch -- wie Sie ebenfalls wissen müssen -- von ihr sehr gleichgültig behandelt --“
„Sehr wahr, sehr wahr. Und -- nun --“
„Er reis’te demzufolge plötzlich ab.... es war, wenn ich nicht irre, am 11ten Februar -- einem sehr häßlichen, frostigen Tage....“
„Dieses Umstandes erinnere ich mich nicht mehr --“
„Ja, ja, ich weiß es noch wie heute: es schneite, hagelte -- es glatteis’te --“
„So -- so --“
„Ach und der arme schöne junge Mann -- er fuhr ab, verzweifelnd -- halbsterbend...“
Diese Dame schien demnach kein gar so schlechtes Gedächtniß zu haben, wie sie klagte. Sie führte ihre Erzählung von dem schönen jungen Manne noch bis zum Schlusse, wobei sie nicht undeutlich merken ließ, daß dieser schöne, junge Mann in ihrer Brust kein Felsenherz gefunden hätte, falls es auf einen Versuch angekommen wäre.
In diesem Augenblicke trat Graf Wollheim ein, näherte sich dem alten General und zog ihn mit sich fort. Dadurch wurde den Verzweifelnden und Harrenden Platz gemacht.
„Wirklich,“ setzten jene zwei Damen ihr Gespräch fort: „es war endlich Zeit! Dieser alte General hielt seine Tochter occupirt, als wäre es ein erobertes Land. -- Dies ist eine Undelikatesse, wie sie mir noch nie vorgekommen....“
„Was wollen Sie, meine Beste? -- -- diese Randow’s, so vornehm und stolz sie sein mögen, haben keinen Ton, keinen Takt; bei ihnen ist noch Alles polnisch...“
„Ja, ja, -- ganz wojwodenmäßig -- bojarisch -- baschkirisch -- hahaha!“
Wollheim hatte unterdessen den General in einen Winkel gezogen: „Ich bitte Sie um Himmelswillen,“ fing er mit der Miene eines Menschen an, der andeuten will, daß er keinen Spaß versteht: „wo ist denn dieser Edmund hingekommen? Ihr Sohn, Ihr einziger Sohn Edmund? -- --“
Es mußte in Wahrheit weit gediehen sein, da der Jäger sich so geradewegs an den Vater seines Intimsten wandte, von dem er doch wußte, daß ihm diese Intimität sehr fatal sei. Aber unser Nimrod dachte, wie jener Araber, der sich seinem Kalifen näherte, um den Aufenthalt von dessen Tochter zu erforschen: „Sagt er mir’s, so weiß ich es genauer, als wenn mir’s ein Anderer sagen würde; sagt er mir’s nicht -- so steh ich auf dem alten Fleck -- und wegen meines Kopfes ist dann noch immer Zeit Sorge zu tragen; jedenfalls ist der Kopf hier blos Nebensache.“ „Hinsichtlich meines Sohnes Edmund,“ antwortete der General -- „weiß ich Ihnen nichts zu sagen, als daß er in letzterer Zeit sich an den Chevalier von Marsan, mehr als mir lieb ist, angeschlossen hat. --“
„Und mehr als mir ebenfalls lieb ist!“ setzte der Jäger im Stillen hinzu: „Aber,“ bemerkte er laut -- „sollte es nicht Mittel geben, den jungen Mann von dieser Gesellschaft zu trennen?.. Der Chevalier ist glänzend, verschwenderisch -- seine Nähe demnach äußerst gefährlich, wie Sie selbst einsehen werden, mein bester Freund. -- Ach! hier sollten Sie fürwahr Ihr Ansehen als Vater geltend machen. Es gilt, einen arglosen Jüngling vor den Fallstricken der Welt zu schützen.... ihn vor einem finstern Abgrunde... zu bewahren. Es ist Christenpflicht! Es ist Vaterpflicht, hier einzuschreiten -- glauben Sie mir’s, mein alter Freund Randow...“
Der General, als er Wollheim so pathetisch deklamiren hörte, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; er mochte insgeheim an die Fabel denken: Wie der Fuchs das Lamm vor dem Wolfe warnt -- es bleibt indeß doch das Opfer. --
„Lieber Wollheim,“ versetzte er: „es scheint, daß Sie dem Chevalier nicht minder gram sind, als Sie es gut mit meinem Sohne meinen; ich bin Ihnen jedoch, aufrichtig gesagt, weder für das Erste noch für das Zweite sehr verbunden; denn wiewohl ich im Ganzen dieses schrankenlose Anschließen Edmunds an den Chevalier nicht gerne sehe, so muß ich doch gestehen, daß dies keineswegs aus Mißbilligung des, wie Sie sagen, glänzenden und verschwenderischen Charakters Marsans entspringt, welchen Charakter ich im Gegentheil bei einem großen Herrn von diesem Schlage mit Vergnügen erblicke; es ist also hier nicht von den Fehlern Marsans -- sondern von dem Uebermaß der Liebe Edmunds zu ihm die Rede. -- Sie wissen, wozu eine solche Hingebung führt: man wird ein Sklave, verliert alle selbstständige Würde -- u. s. w. -- Anderseits, um von dem zweiten Punkte zu reden: so habe ich das Verhältniß, welches bisher zwischen Ihnen, lieber Graf, und meinem Sohne bestand -- ebenfalls nicht gebilligt. Abgesehen vom Unterschied der Jahre --“
„Ach -- warum nicht gar!“ fuhr der Jäger auf: „Unterschied der Jahre! -- Zwischen Freunden gibt es keinen solchen!“
„-- So ist auch die Grundlage und das Motiv dieser Freundschaft nicht geeignet -- mich zu beruhigen, wie Sie selbst einsehen müssen.“
„Alle Guckuck -- mein Freund! Wie ich selbst einsehen muß, sagen Sie? -- Aber ich sehe hier gar nichts ein, mein bester Randow! -- ich sehe hier nicht das Geringste ein...“
„Sie sehen hier nicht das Geringste ein, lieber Graf? -- So finden Sie, daß Trinken, Spielen -- Gelage -- Müßiggehen -- in Wäldern umherstreifen, welche überdies zum kaiserlichen Revier gehören, -- -- finden Sie, daß dies Alles nichts sei. -- --“
„Ei -- allerdings ist es Etwas, mein bester Randow... Allein, hoffentlich werden Sie mir glauben, daß es dies nicht ist, worauf unsere Freundschaft beruht. -- Unsere Freundschaft -- der Bund unserer Herzen gründet sich auf ganz andere Dinge -- auf Tugenden und ritterliche Gesinnungen, bei St. Hubertus! -- auf Gesinnungen, sag’ ich, die einem Bayard zur Ehre gereicht haben würden...“
„Unter uns,“ bemerkte der General leise: „rechnen Sie hierher auch jene That, die Sie neulich -- im Hühnerhofe dieses Hauses vollbracht haben? -- --“
Zum Glück für den Jäger, welcher bei dieser Frage seine sonst derbe Fassung ein wenig verlor -- zum doppelten Glück für ihn öffnete sich jetzt die Thür, und Edmund, wie gewöhnlich am Arme des Chevaliers, trat ein. -- Sogleich wollte der Jäger auf ihn zustürzen, der General jedoch hielt ihn zurück und sagte mit ernster Stimme: „Mäßigen Sie sich, Graf Wollheim! Sie bemerken, daß Alles aufmerksam ist und nach den Beiden sieht.“
„Nun -- und was weiter?“
„Sie würden sich in eine lächerliche Lage versetzen. Sehen Sie das nicht ein, bester Wollheim?“
Nach kurzer Ueberlegung entgegnete dieser: „Sie haben Recht, Freund Randow. Ich bin Ihnen dankbar für diesen Wink, und wollen Sie sich mir noch mehr verpflichten -- --“
„Nun?“
„-- So reden Sie mit Edmund und fragen ihn, wie er es bei sich verantworten kann, seinen alten Freund Wollheim, seinen Lehrer und Führer in den edlen Künsten des Ritterthums -- seit vier Wochen mit keinem Auge angesehen zu haben...“
Wir wenden uns jetzt von diesem Vorspiel des Drama’s ab.
Seit etwa einer Viertelstunde war Cölestine wieder von einem Kreise jener intimeren Freunde des Hauses umgeben, die sich zu dieser Würde größtentheils aus eigener Machtvollkommenheit zu erheben pflegen. Nicht nur Gräfin Wollheim -- Fräulein Eugenie von Bomben -- Frau von Rabenstein und Andere, deren Namen weder die Blätter der Weltgeschichte noch die gegenwärtigen je nennen werden -- -- sondern sogar Frau von Porzenheim, die edle und obligate Mitlacherin ihres Mannes, gehörten hierher, saßen neben Cölestine und deren Mutter. -- Der Graf, ihr Gemahl, hatte in der Nähe, doch so, daß sie ihn nicht im Auge behielt, einen Sitz eingenommen und unterhielt sich hier mit einigen Herrn über Staatsgeschäfte und die neuesten Zeitungsnachrichten. Er schien ganz Aug und Ohr für seine Gesellschaft -- während er doch so achtsam, als hätte er neben seinen zwei Menschenaugen die tausend kleinen der Insekten gehabt, den ganzen Salon überwachte, so daß ihm hier nichts entgehen konnte. --
Dieser Mann war in der Kunst des Lauschens, wozu er vermöge seiner mißtrauischen Natur die besten Anlagen zur Welt mitgebracht hatte, bereits zu jenem hohen Grade gekommen, welcher seinem Besitzer eine Art dämonischer Gewalt verleiht, vermöge deren er eine Sache nicht einmal zu sehen braucht, um sich von ihrem Zustande zu überzeugen.... er fühlt, er ahnt, er schaut, wie der Clairvoyant, mit geschlossenen Augen Alles.
In dem Augenblicke, als Herr von Marsan eintrat, hatte Alexander eben über einen Gegenstand gesprochen, der seine volle Aufmerksamkeit erforderte -- und dennoch verrieth es ihm ein magnetisches Gefühl, daß der Chevalier hier sei. --
Indeß blieb er dabei ruhig, kalt, theilnahmlos im Aeußern -- und nur ein Blick, den er später so rasch, daß Niemand ihn gewahrte, nach seinem Nebenbuhler warf, sollte ihn überzeugen, ob er richtig gefühlt habe. -- Wider Erwarten näherte sich ihm jetzt Dieser mit Edmund und Beide nahmen in seiner Nähe Platz. „Dies ist,“ dachte er bei sich: „eine Schicksalsfügung welche ganz in meine Intention paßt, so daß ich die Götter heute zum ersten Male in meinem Leben preisen muß, mir einen +wirklichen Dienst+ erwiesen zu haben.“ -- Alexander hatte sehr gut bemerkt, daß, so oft sich zwischen Marsan und Cölestine noch ein Dritter oder, wie hier, eine ganze Gesellschaft befand, Jener seinen glühenden Blicken einen ehrfurchtsvollen Ausdruck gab. Dies, rief Alexander bei sich -- soll blos das heilige Pilgerkleid sein, unter welchem sich ein Mörder mit Dolch und Gift verbirgt --; -- so will ich ihm denn den Weg abkürzen und die Arbeit erleichtern.... den Moment der Ausführung rascher herbeiführen. -- Dann soll er entweder entlarvt werden -- oder aber das Opfer, welches für mich keinen Werth mehr hat, mag verbluten -- zum Aase werden, auf welches Tags darauf sich die Raben setzen.
„Herr von Marsan,“ sagte er nach mancherlei Hin- und Herreden zu dem Chevalier -- „ich weiß nicht, ob Sie mir erlauben, eine Bitte an Sie zu stellen, welche Ihnen vielleicht an sich sonderbar vorkommen wird, es jedoch durch die nähern Umstände, die mich dazu veranlassen, nicht ist. Sie erzählten so eben eine hübsche Anekdote aus der Zeit Ihrer Anwesenheit im südlichen Frankreich -- diese Begebenheit nun ist mir selbst einmal in der Schweiz arrivirt, und so wahrscheinlich ich dieselbe auch stets der Gräfin, meiner Frau, zu machen suchte -- sie wollte mir niemals glauben. In diesem Falle fertigte sie mich stets mit dem gewiß sehr vernünftigen Satze ab: es giebt keine Geister, keine Gespenster, selbst die Kinder glauben nicht mehr daran. -- Da Ihr Zeugniß, mein Herr, nun von großem Gewicht ist, würden Sie sich hier ein Verdienst erwerben, wenn Sie mit einigen Worten die Glaubwürdigkeit eines Mannes bei dessen Gemahlin feststellen wollten.“
„Und auf welche Weise würde ich Ihnen diesen Dienst, den ich mit so großer Bereitwilligkeit übernehme, leisten können?“ fragte aufmerksam der Chevalier.
„Einfach dadurch, daß Sie die artige Historiette, die Sie uns so eben vortrugen, meiner Gemahlin wieder erzählen. -- Sie wird diese Gelegenheit ergreifen, einen unserer interessantesten Kavaliere näher kennen zu lernen...“
Ein mephistophelisches Zucken bewegte sich, während er diese Worte sprach, um den Mund des Grafen. Marsan seinerseits ließ ein augenblickliches Freudeleuchten über sein Gesicht ziehen, welches jedoch bald einer merkbaren Blässe wich.
„Nur so fort!“ dachte der Graf im Stillen, erhob sich jetzt kalt und führte den Chevalier zu Cölestinen: „Meine Gemahlin -- Sie sollen diesen liebenswürdigen Herrn einige Augenblicke +in meinem Interesse+ anhören -- dies ist meine inständige Bitte. Herr von Marsan wird Ihnen Etwas, worüber unter uns so oft Streit war, bestätigen und sich dadurch nicht nur um mich, sondern auch um Sie, meine Theure, ein Verdienst erwerben.“
Cölestine starrte bei dieser Rede ihren Mann an, als verstände sie den Sinn seiner Worte nicht; zugleich aber ihrer Pflicht als Frau vom Hause eingedenk, wies sie dem Franzosen und Alexander Plätze in ihrer Nähe an, indem sie zu Jenem gewendet sprach: „In der That, mein Herr, Sie erweisen mir kein geringes Vergnügen, indem Sie mir eine Mittheilung machen, die von solchem Interesse ist, daß dieselbe meinen Gemahl sogar zu Gedächtnißfehlern verleiten konnte; denn meines Wissens haben wir nie über einen Punkt gestritten, der nicht sofort aufgeklärt worden wäre. --“
„Du erinnerst Dich jedoch jenes Vorfalls, den ich in Lausanne erlebte. --“
„Ach -- jene Geistergeschichte, worüber ich so lachte! -- Und diese scheint Ihnen so wichtig, mein Gemahl? -- --“
„Gnädige Frau,“ nahm Marsan das Wort, der nicht mehr wußte, ob man hier Ernst oder Scherz treibe, und der seinerseits zu dem Letzteren sehr wenig Lust haben mochte. „Gnädige Frau,“ sagte er in einem ruhigen, gemessenen Tone: „nicht mich klagen Sie an, falls es sich hier um Etwas handelt, was ich noch nicht begreife... ich bin blos das Werkzeug des Herrn Grafen und habe mich aus Hochachtung für Sie gerne diesem sonderbaren Berufe unterzogen. --“ Er warf hier zugleich einen jener leichten, blitzenden unaussprechlichen Blicke auf Alexander, womit ein Mann von gutem Tone eben sowohl seine unerschütterliche Fassung wie die Geringschätzung einer Gefahr oder auch eines Menschen zu erkennen giebt. Alexander kämpfte, seit Marsan die erste Silbe an Cölestine gerichtet hatte, mit einem convulsivischen Zittern, welches er zwar bezwang, -- doch nicht so ganz, daß es dem scharfen Blicke seines Gegners entgangen wäre.
Das Letztere ward für ihn Marsan von diesem Augenblicke an in der That. Er ward sein Gegner, sein Feind, sein entschiedener Widersacher. Der größte Beweis hierfür war wohl der, daß er beschloß, es ihn sofort merken zu lassen.
So groß war die Zuversicht des Chevaliers auf Eigenschaften, die ihn bereits unzählige Mal als Sieger aus den gefährlichsten Kämpfen hatten hervorgehen lassen: „Dieser Mensch da,“ murmelte er lächelnd: „hat es gewagt, Dich mit Waffen zu bedrohen, welche Du mit der Fußsohle zertreten und ihm die Bruchstücke davon an den Kopf werfen solltest...“
Und ohne Weiteres forderte er Cölestine in Gegenwart ihres Mannes zu einem Gespräch auf, welches himmelweit von demjenigen verschieden war, zu dessen Behuf der Graf ihn mit seiner Frau zusammengeführt hatte; dieses Gespräch, in welches er sie mit großer Gewandtheit und rasch zu verschlingen wußte, betrieb er überdies mit einem so auffallenden Eifer, daß derjenige, welcher hieher gekommen war, um zu beobachten und zu beschämen, dies durch die Umstehenden selbst ward, und zwar in einem Maße, daß er, so heftig er sich auch dagegen sträubte, endlich gleichwohl sich zu erheben gezwungen war, um nur nicht als schmählich Ueberwundener dem allgemeinen Bedauern zu verfallen.
Wozu hatte er nöthig gehabt, die Fehde so offen zu provociren?
Vermöge des heitern, lustberauschten Sinnes, von welchem Cölestine heute den ganzen Tag, beiläufig in derselben Weise, wie an jenem Vermählungstage, beherrscht wurde, war sie nicht fähig, ihrem Gatten in die Region der Melancholie, des Unmuths und des Schmerzes zu folgen, um so weniger, als er diese Stimmungen durch sein äußeres Betragen auf alle Weise zu verdecken sich bemühte; so geschah es denn auch, daß, während alle Welt auf ihn aufmerksam ward und ihn mit penetranten Blicken verfolgte, sie die Einzige war, welche hievon eine Ausnahme machte. --
„Aber sehen Sie doch dorthin! Was bedeutet das?“
„Ach, die Gräfin A--x scheint der berühmten Unwiderstehlichkeit des Chevaliers endlich auch ihren Tribut zu entrichten. In der That, diese Unterredung ist eklatant.“
„Von ihrer und von seiner Seite. Wer hätte dies erwartet.“
„Mindestens von der Gräfin war es nicht vorherzusehen. Allein da hat man nun den besten Commentar zu jenen Berichten, durch welche diese jugendliche Ehe als eine solche geschildert ward, wie sie Adam und Eva im Paradies geführt haben. --“
„Nämlich -- den Baum und den Apfel mitinbegriffen...“
„Ah, ah -- meine Besten, was wollen Sie? Gräfin A--x hat, Alles erwogen, den gegründetsten Anspruch auf unsere Bewunderung. Sie hat sich so schnell als es kaum zu erwarten war -- aus einer Gefühlsnärrin zur Weltdame aufgeschwungen. Das verdient Anerkennung.“
„Ja, ja -- es verdient dieselbe.“
„Aber mein Himmel! was ist das?“ rief mit einem Male Jene aus, indem sie mit den Augen nach Cölestinen deutete: -- „Haben Sie nichts bemerkt, meine Damen? -- So eben hat der Chevalier die Gräfin verlassen -- und sie, diese junge hoffnungsvolle Calypso -- -- ist ihm mit einer sonderbaren Bewegung in Blick und Miene gefolgt, mit einer Bewegung, sag’ ich, die den Grafen, ihren Mann, welcher dort hinter der Blumenpyramide -- wie eine Klapperschlange hinterm Gesträuche -- verborgen lauert, dem Wahnsinn nahe gebracht zu haben scheint.... denn sehen Sie -- seine Hand, die krampfhaft einen Oleander hielt -- hat denselben wahrscheinlich ohne daß er es weiß mitten entzwei gebrochen.“
„Richtig! richtig! -- Ah, es ist zu reizend! zu interessant! -- -- Ein Herkules also -- der Bäume entwurzelt....“
„Ah! Ah! Ah! -- Ungeheuer großartig! -- Dieser Marsan ist ein Phänomen! -- -- Er hat sich der Gräfin wieder genähert -- -- -- und bei Anadyomene! -- ihr Auge scheint ihm dafür einen eben so stillen als ausdrucksvollen Dank zu spenden....“
„Der Mann aber -- der Gemahl -- was thut er?“
„Mein Gott -- er ist halbtoll...... Um Himmelswillen! bemerken Sie doch, holde Freundin. -- Seine Phrenesie geht so weit -- -- daß er im Angesicht des ganzen Salons sich hinter den Blumen auf alle Vier niederläßt, um bequemer zu beobachten, der Bedauernswerthe. Gleicht er nicht dem Nabuchedonosor -- und scheint es nicht, als wolle auch er Gras fressen?.. hahaha!“
„Es ist entsetzlich! Es ist entsetzlich! -- Das ist noch nie da gewesen!“
„Inzwischen scheinen die beiden jungen Leutchen dort -- Marsan und die niedliche Frau vom Hause -- sich gar köstlich die Zeit zu vertreiben. Sie lacht so viel und er erzählt so unermüdlich, daß man seine Freude an diesem Gedeihen haben kann....“
„Der Nabuchedonosor aber huckt noch immer in froschähnlicher Positur hinter den Blumen.... Meiner Treu, dieser Mensch muß complett den Verstand verloren haben...“
„O wie Schade! -- Jetzt entzieht uns eine allgemeine Bewegung der Gesellschaft seinen Anblick. Allein, was soll das bedeuten? -- Auch Cölestine hat sich erhoben.“
„Man hat das Zeichen zum Tanzen gegeben -- man wird in den nächsten Salon gehen...“
„Also man tanzt heute auch hier?..“
„Man tanzt, man spielt -- man wird sich noch ganz allerliebst unterhalten.“
„Meinetwegen. Dann aber lassen Sie uns den Paaren nicht folgen, sondern lieber nach dem Spielzimmer gehen -- so werden wir an jener Blumenhecke vorbeikommen und unsern Vierfüßler ganz nahe beaugenscheinigen können...“
„O was ist das? -- Er ist fort! Verschwunden! -- Keine Spur von ihm mehr vorhanden! -- -- Wahrscheinlich durch eine Versenkung wie im Theater. --“
„Hahaha! -- -- Vorwärts, meine Freundinnen!“
Und fast Alles verließ diesen Salon, in welchem nur noch wenige Gruppen, bestehend aus ältern Herren, zurückblieben, die ein angesponnenes Gespräch augenblicklich zu unterbrechen nicht für gut fanden.
Was den Chevalier betrifft, so hatte er Cölestine den Arm gegeben -- -- und Edmund, dadurch allein gelassen, entging seinem Schicksale nicht: er, der seine Mutter führen wollte, sah plötzlich -- -- den Grafen +Wollheim+ ihren Platz einnehmen.
„O! O! O!“ schrie dieser mit einer Freude, die sich glänzend auf seinem Gesichte malte: „da hätten wir ihn endlich den Bösewicht -- den Undankbaren -- den treulosesten aller Freunde und Schüler! -- Also so weit ist es mit uns gekommen, daß wir auf Bällen als +Paar+ zu einander treffen müssen. Wir, wir -- die den Tanz und die Springerei verachten -- außer er würde in Wäldern hinter den Rehen aufgeführt! -- Allein schon gut. Ich werde mir das merken. -- So voll Wonne mein Herz in diesem Augenblick auch ist -- eine Wunde, eine Blessur hat es dennoch erwischt, die nie vernarben wird -- und das sind: die letzten 40 Tage, die ich in der Wüste zugebracht habe -- -- in der Wüste, sage ich, und verstehe unter diesem Bilde die Welt, in so fern es in derselben weder zu trinken, noch zu spielen, noch zu pirschen giebt -- was Alles ich, wie bekannt, allein nicht thun kann, sintemalen ich dazu auch meine Schüler und Freunde brauche. -- So verhalten sich die Dinge! Ja so! -- Und nun sprich, Unglückseliger: was konnte Dich zu solchen Verbrechen gegen Deinen Meister verleiten?...“
Edmund sah sich vergebens nach einem Ausweg um; der Jäger hatte ihn dermaßen gepackt, wie man es etwa mit einem Fuchs, welcher der Schlinge entwischen will, thut; wollte er also kein Aufsehen machen, mußte er dem Alten folgen -- und Dieser zog ihn geradewegs in ein Gemach, das nach der Kellnerei führte. --
Nun wissen wir zwar, daß des jungen Mannes Hingebung in letzterer Zeit dem Chevalier von Marsan gegolten, und zwar in jenem Uebermaße, welches wir an dem gutmüthigen Roué bereits kennen. -- Indeß, und dies muß zu seiner Ehre gesagt werden, glich er darum doch nicht jenen unbeständigen und undankbaren Leuten, die aus Liebe zur Abwechslung, indem sie das Neue erwählen, des Alten vergessen .... Er hatte seines Freundes Nimrod nicht vergessen -- er hatte denselben nur auf einige Zeit in den Hintergrund gestellt: aufrichtig gesagt, weniger aus eigenem selbstständigen Antriebe -- als weil er, durch Marsan occupirt, von diesem ununterbrochen absorbirt worden war, was ihm im Ganzen schmeichelte, da er so gut wie jeder Andere sein Stück Eitelkeit besaß -- und Marsan war ja ein Glanzpunkt in der Gesellschaft...
Das Entscheidende bestand darin: daß Marsan ihm mehr zu imponiren wußte, als der Jäger. Denn wir haben schon erwähnt: Edmund mußte sich stets an Jemand anlehnen. -- Dies war eine jener Naturen, die allein nicht leben können.
-- Es wird nach Allem diesen Niemand Wunder nehmen, wenn er erfährt, daß Edmund binnen weniger als einer Viertelstunde mit Leib und Seele wieder seinem alten Mentor gehörte, d. h. mit demselben in einem dunkeln Kellerwinkel (denn diesmal gingen die Edlen direkt in den Keller: sie hatten ja so Vieles nachzuholen) zechte und Trinklieder sang. -- Wer oben in den Gemächern gute Ohren hatte, konnte folgende Strophen herauftönen hören:
„Zwei Flaschen wollten einander frei’n, Die eine, die war leer -- Die and’re war zwar etwas klein -- Doch war sie gefüllt und schwer.“
Hier ward die Hymne durch eine Art unverständlichen Lärmens unterbrochen -- -- und erst nach einiger Zeit ließ sich das Ende vom Lied nachstehender Weise vernehmen:
„Ich nehme, ich nehme Dich nicht zum Mann -- Du bist zwar dick und reich -- Doch dabei ein grober Bauersmann, Ein Stadtkind ich, fein und bleich.“
„So geht es auch im Leben her -- Der Dicke der thut dick -- Da kommt darauf ein mag’rer Herr Und ruft: Vor mir -- zurück!“
Besonders schön nahm sich zuletzt die Moral, die Nutzanwendung aus. Sie war ganz aus den Zeiten des Meister +Rothnas+ in Nürnberg († _Anno Domini_ 1352,) genommen und hätte auch ganz wohl in die Liedersammlung eines sichern +nasenlosen+ Poeten -- dieser Poete lebt heutigen Tag’s in Wien -- gepaßt.
Das Lied hatte man wohl bis hinauf gehört; aber die sublimen Discourse, welche hier unten geführt wurden -- vernahm, außer den zwei Glückseligen, welche dieselben führten, Niemand.
„Und so säßen wir denn wieder beisammen....“ begann der Jäger, der mit aufgestreiftem Hemdärmel (die Edlen saßen im Hemde bei diesem anstrengenden Geschäft,) seine Kanne emporhob: „Und so könnt’ ich denn wieder aus vollem Herzen rufen: Auf Dein Wohlsein, mein Jüngelchen, Hurrah!“
„Hurrah!“ rief auch Edmund mit erhobener Kanne -- -- seine Stimme war bereits sehr klar und metallisch geworden.