Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 12

Chapter 123,650 wordsPublic domain

Halt! hier fand er Etwas: einen Zettel mit den Zahlen: 58 -- 21 -- 333 -- und 578 -- --. Was war das? Sicherlich eine Chiffersprache. -- Konnte es aber nichts Anderes sein? -- Und was hätte es sein sollen? -- Mit der Lotterie machte seine Gemahlin sich niemals etwas zu thun... Also steckte hinter diesen Zahlen gewiß irgend ein verborgener Sinn, von dem man nicht haben wollte, daß er einem Andern bekannt werde. --

Mit zitternden Fingern ergriff der Mann das Papier, faltete es und steckte es zu sich.... dann fuhr er mit seiner Nachsuchung fort.

Unter dem Repositorium lag eine halbverwelkte Hortensie. Woher kam diese? Sie mußte erst gestern gepflückt worden sein -- -- aber gestern war ja Cölestine nicht im Garten gewesen, sie hatte sich mit ihrer Garderobe unterhalten. Freilich konnte sie sich eine Hortensie durch den Bedienten haben +holen+ lassen, denn in ihrem Garten gab es deren.... Aber das schien nicht wahrscheinlich, denn Cölestine pflegte sonst diese Blume nicht zu lieben.... Wie, wenn es ein Geschenk jenes eitel-glänzenden jungen Mannes wäre -- dessen sprechendes Bild diese reizende aber duftlose Blume war? Unwillkührlich mochte das Schicksal sie ihm in die Hand gespielt haben -- denn das Schicksal liebt solche Ironien. -- Indeß... so weit konnte die Vertraulichkeit der Beiden doch noch nicht reichen?! -- -- Ach, wer wird dies entscheiden wollen! Alles war möglich und das Schlimmste um so eher! -- -- Wie schön reimte sich Folgendes zu einander: Cölestine hatte gestern die Blume empfangen, (vielleicht ließ der Chevalier sie zufällig fallen) -- sie legte dieselbe an ihr Herz -- ganz dicht an’s Herz -- und dort blieb die Hortensie bis zum Augenblicke des Schlafengehens, wo sie unter die Bücher fiel. --

Er steckte auch sie zu sich.

Jetzt gab es in diesem Gemache nichts mehr zu untersuchen und unser Mann ging hinaus, um sein Geschäft in den andern Gemächern fortzusetzen... Da stand zuerst das Boudoir. -- Ach hier in den tausend Fächern, Büchsen, Dosen -- Schatullen und Kästchen -- hinter diesen tausend Decken, Vorhängen, Falten und Draperien -- -- unter diesen Kissen, Pölstern, Teppichen -- was konnte da nicht Alles versteckt werden? Alexander verzweifelte fast an dem Erfolge einer Untersuchung, die er hier anstellen sollte.... Er wußte nicht, wo er anzufangen habe.... Doch die Eifersucht weiß sich immer Rath zu schaffen; auch ermüdet sie niemals.

Er hatte über eine halbe Stunde gearbeitet. Die Ausbeute davon bestand in einigen Ringen ohne großen Werth, von denen er jedoch bisher nichts gewußt -- -- dann in einer Locke von hellbraunem Haar, besonders sorgfältig in ein kleines Medaillon gelegt, welches man auf dem Herzen tragen kann... die Locke konnte wohl von Edmund sein -- aber sie konnte auch einem Andern gehören. -- Ferner: zwei Briefe folgenden Inhalts:

„Ich habe sehr angelegentlich mit Dir zu sprechen und muß es noch heute. Bestimme der Ueberbringerin eine Stunde.“

Kein Datum, keine Unterschrift.

Das war sehr verdächtig; denn welcher ehrliche Mensch unterschreibt heutzutage ein Billet nicht? -- Es war freilich möglich, daß die Eile und der Umstand, daß Cölestine die Schriftzüge kannte, dies unnöthig gemacht habe, und unter diesen Verhältnissen konnte das Schreiben ebenfalls von Edmund sein.... Allein wer verbürgt diese Alternative? --

Der andere Brief war länger und wo möglich noch verrätherischer. Er lautete:

„Seit Deiner Verheirathung -- lebst Du für mich nicht mehr, meine geliebte Cölestine.... und doch ist es nicht denkbar, daß dieser Mann allein Dein Herz ausfüllen könnte. Hast Du meiner denn ganz und gar vergessen? -- So wisse, daß meine Seele fester als je an Dir hängt! Ach würde uns nicht das mächtigste Band unzertrennlich mit einander verknüpfen, wo Du auch sein magst, wo ich auch weilen möge: wahrlich, ich würde glauben, gänzlich aus Deinem Gedächtnisse ausgelöscht zu sein. Doch so ist dies nicht möglich! -- Magst Du es wollen oder nicht -- wir gehören uns für immerdar an. Darin liegt mein süßer Trost. Leb’ wohl -- ich werde Dich morgen küssen! --“

Auch keine Unterschrift; doch schien sie hier wie +zufällig weggerissen+ zu sein.

Von wem war dieser verliebte, eifersüchtige Brief? -- Es war nicht schwer zu errathen. -- Von einem älteren Liebhaber, der seine Ansprüche noch nicht aufgab. -- -- Diese Züge hatten so viele Aehnlichkeit mit einer Hand, welche Alexander schon irgendwo ein Mal gesehen! Aber wo? -- Auch sie schienen sehr eilig hingeworfen.... Eben darum aber konnte man nichts mit Bestimmtheit annehmen....

Der unglückliche Gatte glaubte nun einen +Beweis+ in Händen zu haben, einen Beweis, der weder zu deuten noch umzustürzen war.... Er suchte sich mit einer Art wollüstigen Wahnsinnes darin zu bestärken, daß hier nicht mehr gezweifelt werden könne -- ja mit demselben wollustvollen Wahnsinn sträubte er sich sogar gegen jede fremde Auslegung, gegen jede genauere Untersuchung... Er fürchtete sein Unglück zu schmälern! --

Denn so ist der Mensch im Leiden. Ein riesiges, ein außerordentliches Weh erscheint ihm willkommener, als jene tausend kleinen Schmerzen und Unannehmlichkeiten des gewöhnlichen Lebens.... Es ist als ob im Kampfe mit dem Ersteren ein göttlicher Theil unserer Natur, der sonst schläft, erwachte, als ob ein höheres Bewußtsein in uns erstände, das uns unser schweres Unglück tragen hilft -- während wir hier allein unter der Last des Tages keuchen und niedersinken.

Aus dem Boudoir begab er sich in das Arbeitszimmer seiner Frau. Welche Ausbeute hoffte er wieder hier nicht zu finden! -- Mit lautem Lachen, welches ein Fremder für den Ausbruch heiteren Frohsinns genommen hätte, -- vergrub er sich hinter allen Möbeln, in allen Cartons, Körbchen -- er stürzte Tische, Stühle um -- zerlegte ganze Schränke.... Ach was fand er da nicht Alles! Ihm erschien jetzt, so weit war es mit ihm schon gekommen -- eine Stickerei, die für einen Mann paßte, ein buntes Tuch -- ja ein Faden Seide zureichend.... um daran die möglichst bösartigen Auslegungen zu knüpfen. O wie jubelte er über seinen neuen Fund -- wie packte er ihn sorgfältig zu seinem übrigen Krame! --

Jetzt betrat er einige Nebengemächer -- -- in einem fand er ein leeres Stück Papier, welches wie ein Briefumschlag gefaltet war, jedoch ohne auch nur einen Buchstaben, ohne ein Stückchen von einem Siegel zu enthalten. Was schadet das? -- sagte er zu sich. Man hat schon Briefe unter solchen Couverts abgesendet -- -- und überdies scheint dieses an der Stelle, wo sonst das Siegel aufgedrückt wird, durchstochen; ein Beweis, daß der Brief mit einer Stecknadel zusammengeheftet war. -- Haha! Eine sehr beliebte Art bei Frauen...

Ferner noch zwei wichtige Indicien! -- Im Gesellschaftssalon war auf einem Teppich -- die Spur eines männlichen Fußes abgedrückt -- und wiewohl sie eben so gut einem Bedienten, der herbeigerufen wurde, wie jedem andern Manne gehören konnte -- schloß unser Gatte dennoch:

„Sie gehört einem Liebhaber!“

Nahe am Fenster auf einem Stuhl lag ein Lorgnon seiner Frau. Was sollte hieraus sonst gefolgert werden, als: „sie sah durch das Fenster auf die Straße -- nach ihm -- nach dem Liebhaber....?“

Mein Gott, dieser Graf hätte heute einem Tollhäusler zum Muster dienen können. Der albernste Einfall erschien ihm als die reinste Vernunft. Er mochte wohl recht stolz sein auf seine geistvollen Einfälle!

Um die Zeit, da Cölestine das Schlafgemach zu verlassen pflegte, war er mit seiner Entdeckungsreise zu Ende. -- Er hörte jetzt ihre Tritte, die sich dem Zimmer, in welchem er, um auszuruhen, sich niedergelassen hatte, sich näherten -- und bald darauf trat sie ein. Alexander empfing sie mit einer Liebenswürdigkeit, welche meisterhaft gespielt sein sollte. Sie war es vielleicht auch -- Cölestine jedoch nahm sie für Wahrheit -- denn was sollte sie sonst -- nach einer Nacht, wie die vergangene? -- Das süße Weib fiel diesem Menschen, welcher einer kalten schönbemalten Bildsäule glich, mit ihren noch von Liebe heißen Armen um den Hals -- stumm, wortlos, stillbeglückt... Er seinerseits brach dies Schweigen auch nicht -- und so war es zuletzt an ihr, ihm die ersten Tagesgrüße zuzurufen: „Theurer Mann!“ sagte sie und sah ihn mit Blicken an, aus welchen Himmel strahlten: „Theurer, einziger Mann -- wie lieb’ ich Dich! -- So bist Du heute wieder mein, wie Du gestern es gewesen! -- ja Du bist mein, ich fasse Dich, ich halte Dich in den Armen -- -- ewig, ewig werden sie Dich als ihr süßestes Eigenthum umklammern. -- Allein, sprich -- was hast Du schon Alles verrichtet?.. warum mich so früh verlassen? -- Ach, ich Schläferin.... und ich fühlte Dich im Traume immer an meiner Seite! -- Da schlug ich die Augen auf: -- da griff ich mit der Hand nach Dir -- da fühlte ich eine leere, kalte Stelle... und der holde Traum war entflohen... Ach warum hast Du mir das gethan? Welcher Seligkeit hast Du mich beraubt! Welches Verlangen brannte beim Erwachen in mir, an Deine Brust zu sinken!.... Vergebens! vergebens! -- -- Da sprang ich auf, entfloh der treulosen Stätte, die mich um mein schönstes Glück gebracht -- -- ich lief Dir nach -- und so kam ich hierher... wo ich Glückliche Dich endlich wieder finde. --“

Er gab sich ihren Liebkosungen bereitwillig hin -- ja er erwiederte dieselben zärtlich und warm; das arme Weib schien sich in Lust zu berauschen -- sie vergoß eine Fluth entzückter Thränen -- ihr weißer Busen wogte heftig, voll süßen Schmerzes -- voll wehmuthsvoller Zärtlichkeit.

„Und nicht wahr,“ begann sie sich zu sammeln und trocknete mit ihrem Battisttuche, woran breite Spitzen hingen, die feuchten Augen, -- „nicht wahr, mein Alexander, Du bleibst heute bei mir? Diesen Tag verlässest Du mich nicht? Du schenkst ihn ganz Deinem Weibe -- Deiner Liebe. -- Hast Du ihn mir doch gestern vom frühen Morgen zum späten Abend entzogen!... Nun, rede doch, mein geliebter Mann. Rede! Sprich: Ja! Hörst Du, Alexander!“

„Theure Cölestine --“ antwortete er mit bebender Stimme und einem sonderbaren Blick, mit welchem er sie seit langer Zeit verstohlen anblickte, dieser Blick aber schien jetzt von Trauer umflort: -- „Cölestine,“ wiederholte er: „ich weiß nicht, ob es bei mir steht, Deinen Wunsch zu erfüllen.... Du kennst die Verantwortung nicht, welche ich dadurch vor meinen Obern auf mich nehme....“

Er schwieg, er vermochte nicht weiter zu reden. Die Wahrheit ist, daß zum ersten Male seit vier und zwanzig Stunden ein guter Engel ihm durch den Mund Cölestinens etwas zugeflüstert hatte, was sein Herz erschütterte. Er hatte, als er heute in ihr reines, spiegelklares Auge sah -- als er es so treu lächeln und weinen sah, wie nur Engel lächeln und weinen -- als er ihre Worte so voll süßen Klanges, voll Liebe und Wahrheit vernahm -- endlich als er diese so seligen Umarmungen -- diesen so beflügelten Schlag ihres Herzens -- diese trunkenen Küsse fühlte: er hatte sich da gefragt: ist es möglich, daß dies Alles Verstellung sei? -- Und er hatte sich hierauf keine Antwort geben können. --

Aber die Beweise, die Zeugnisse vom Gegentheil, die er in Händen hielt? --

Er befand sich in einer entsetzlichen Lage. Sein Herz fing an unter dem Andringen entgegengesetzter Gewalten zu seufzen. Es war jetzt ein Moment, wo er wünschte, daß dies Herz verbluten möchte....

Da fiel ihm der Gedanke ein, die Hortensie aus seiner Tasche zu ziehen und sie Cölestinen zu zeigen: „Kennst Du diese Blume?“ rief er mit einem Tone, als fragte ein Verurtheilter: „Werde ich hingerichtet?“

O Himmel! Eine Purpurröthe überzog plötzlich ihr Gesicht, das sich zitternd senkte.

„Sie ist schuldig!“ sprach eine Donnerstimme in seiner Brust -- diese drohte zu zerreißen -- er fiel fast ohnmächtig um.

Doch sein Stolz ließ ihn sich schon in den nächsten Augenblicken wieder emporreißen und von jetzt an ward er fest und hart wie Granit. Sie, die noch immer gesenkten Blickes vor ihm stand -- wußte nicht, was mit ihm vorging, und erst nachdem er, der jetzt wieder ruhig lächelte wie zuvor -- mit seinen eigenen Händen ihr Haupt aufgerichtet hatte -- wagte sie es, ihm in’s Gesicht zu sehen -- und sie erblickte einen vollkommen gefaßten Mann, der mit liebreicher Stimme zu ihr sprach:

„Nun, meine süße Taube, was ist mit Dir geschehen? Warum diese Ueberraschung? Was lag in meiner Frage wegen jener Blume, die jetzt hier auf dem Boden zu unseren Füßen liegt -- so Sonderbares? Du schienst erschreckt -- hätte ich dies voraussehen können, ich würde die Frage nicht gestellt haben.“

Eine Pause entstand.

„Du antwortest nicht?“ fuhr er fort: „Du hast mir nichts zu sagen. Ei, es ist so auch gut! Was liegt an der ganzen thörichten Blume? Reden wir nicht mehr von ihr.“

„Ja, reden wir nicht mehr davon!“ wiederholte sie, abermals leicht erröthend: „Es ist eine Thorheit, eine Schwäche -- was Du sonst willst... Reden wir also nicht davon, geliebter Mann.“

„Gehen wir“ begann er mit einem lustigen Tone: „zu wichtigeren Dingen über: _A propos_, was unsere Soirées, unsere _jours fix_ betrifft, hast Du deshalb schon einen bestimmten Entschluß gefaßt? Wir müssen uns darüber endlich doch mit der Gesellschaft verständigen; sie ist über unsere Zögerung sehr ungehalten, wie ich vernommen habe. -- Also an welchem Tage öffnest Du Deinen Salon den Leuten von gutem Ton?“

„Ach, mein Freund“ sagte sie bittend: „reden wir jetzt nicht von diesen Dingen. Scheinen sie Dir denn wirklich so wichtig? -- Wie kommt das so plötzlich? -- Du warst sonst eher ein Feind Alles dessen, was sich hindernd zwischen unsere Liebe stellte. --“

„Ich habe jedoch einsehen gelernt, daß ich in einer solchen Gesinnung nicht verbleiben kann. Man hat nicht allein gegen sich, man hat auch gegen die Welt Pflichten zu erfüllen... Und was die letztere betrifft, so gibt sie ihre Ansprüche an uns ebenfalls nicht auf. --“

„Allerdings, und wir wollen ihr auch ihr Recht nicht vorenthalten --.... aber nur heute, nur an diesem Tage, wo ich allein und ganz in Deinem Besitze leben und alles Andere vergessen möchte -- nur heute kein Wort mehr.“

„Ach Du, mein Närrchen,“ lachte er -- „wie bist Du mit einemmale so kindisch und schwärmerisch geworden -- schwärmerischer als in den ersten Tagen unserer Liebe --! --“

Das rauhe Wort hatte Cölestine verletzt. Ueber ihr freundliches Angesicht zog eine trübe Wolke -- und eine von den Thränen, die kaum erst versiegt waren -- perlte wieder an ihrer Wimper: „Du hast Recht!“ sprach sie nach einer Weile eintönig, aber sanft: „Was Du verlangst, soll geschehen. Ich achte Deine Wünsche, so wie Du sie bisher bei mir geachtet hast. -- Noch heute will ich in Betreff unserer Gesellschaften einen bestimmten Plan entwerfen und ihn Dir vorlegen.“

„Warum aber kann das nicht sofort geschehen? Es ist besser, man thut ein solches Geschäft rasch ab -- und da ich über diesen Gegenstand schon selber nachgedacht habe, so will ich Dir ohne Aufschub meine Ansichten mittheilen. --“

„Ich höre Dich!“

„Zuerst also ist meine Meinung, daß wir -- wie schon einmal berührt worden -- den +Sonnabend+ zu unserem _jour fix_ wählen; an diesem Tage wären dann Deine Salons für die ganze Gesellschaft offen...“

„Wohl, mein Freund.“

„Du empfängst alle Welt: Freunde, Bekannte und durch sie eingeführte Fremde. -- --“

Der Bediente trat mit der Meldung ein, daß das Frühstück servirt sei.

„Wir wollen es hier einnehmen -- in diesem Gemache, wenn Du damit zufrieden bist...“ bedeutete Alexander gegen seine Gemahlin.

„Wie es Dir gefällt, mein Freund,“ entgegnete sie, und während man fortging, um das Nöthige herbeizuschaffen, fuhr er in seinem Gespräche fort:

„Es ist einer meiner Lieblingsgedanken, unsern größern Cirkel so glänzend und zahlreich als möglich zu machen und deßhalb möchte ich Dir vorschlagen -- besonders die ausgezeichneteren Fremden herbeizuziehen... Personen, wie z. B. die so eben in der Residenz anwesenden Grafen Orlowosky aus Petersburg -- die Vicomtesse Defour, die aus den Bädern von Ems hierher zurückkehrte -- die Laval’s, die Du Quintin’s, die jungen Lord Walpole -- und Aehnliche.... Ach, beinahe hätte ich den Wichtigsten vergessen: den +Chevalier de Marsan+!“

Bei Nennung dieses Namens heftete er seinen Blick mit zersetzender Schärfe auf Cölestine .... sie, welche diesem Blicke begegnete, entsetzte sich vor demselben dermaßen, daß sie zurückfuhr wie von einem Schlage getroffen und ein heftiges Zittern sich über ihren ganzen Körper verbreitete:

„Die Schändliche! Sie sieht sich entdeckt!“ rief es in seinem Innern und laut fragte er im Tone der Ueberraschung: „Aber was ist Dir geschehen?.. Was hast Du, Cölestine?“

„Dein Blick --“ erwiederte sie -- „hat mich erschreckt.“

„Mein Blick --?“

„Noch nie sah ich Dich so --“

„Eine Einbildung von Deiner Seite -- ein Zufall -- eine Kleinigkeit von der meinen; die Nachwirkung vom gestrigen Unwohlsein...“

Inzwischen ward das Frühstück hereingebracht; der Graf verabschiedete mit einem Winke die Dienerschaft und führte seine Gemahlin zum Tische -- welcher vor einem Divan stand, worauf jetzt Beide Platz nahmen....

Er langte wacker zu -- er hatte freilich auch gestern den ganzen Tag nicht gegessen; indeß auch ohne diesen Zufall hätte er sich zum Essen +gezwungen+; es gehörte zu seiner Rolle. Sie jedoch berührte nichts und dies -- dies schien er gar nicht zu bemerken. --

„Kannst Du, meine Freundin, mir nicht sagen,“ fing er wieder an -- „ob wir den Chevalier noch lange in unserer Stadt behalten werden?“

„Welchen Chevalier?“

„-- Den Chevalier de Marsan. -- Allein was macht Dich fortwährend so nachdenklich -- -- mein Kind?“

„Du sprichst von Herrn von Marsan?“ sagte sie zerstreut -- „ich kann Dir über diesen Herrn keine Auskunft geben.“

„In der That -- er ist einer der glänzendsten Kavaliere...“

„Gewiß!“ versetzte sie, wahrscheinlich an etwas ganz Anderes denkend.

„Und -- einer der interessantesten Charaktere.“

„Ohne Zweifel.“

„Der schönste Mann, den ich je gesehen.“

„Ein reizender Mann!“ bestätigte sie arglos.

Der Graf sprang nun plötzlich von diesem Gegenstande ab und erkundigte sich nach den Eltern Cölestinens.

„Ach!“ sagte sie wehmüthig bewegt: „Du erinnerst mich an meine guten Eltern. Ich bin eine schlechte Tochter. -- Seit mehreren Tagen habe ich an die lieben Ehrwürdigen nicht gedacht. -- Ich dachte nur an -- Dich!“

„Wirklich?“ lachte eine Hölle in seiner Seele.

„Du theures, theures, geliebtes Weib!“ sprach er gegen sie gewendet mit zärtlichem Tone und umfing mit seinen Armen ihren Leib -- zog sie an sich heran -- und berührte mit seinen fieberischen Lippen die ihrigen.

„Dein Mund brennt wie Feuer!“ rief sie.

„Aus Liebe!“

„Dein Hauch ist so glühend -- so heftig. --“

„Die Leidenschaft in meinem Herzen ist es auch!“ rief er und schloß das Weib mit einer Gewalt in seine Arme, die derjenigen glich, da er sie noch so heiß liebte. -- -- Ach, die Arme ließ sich bethören... ihr Herz schlug und glaubte... es glaubte ihm auch jetzt.... Sie hatte in diesem Augenblick ein so großes Bedürfniß, von ihm geliebt zu werden -- und er wußte sich so meisterhaft zu verstellen.. --

So ward denn dieses Frühstück, welches traurig genug anfing, für sie noch zum Freudenmahle. Sie aß wieder, sie trank wieder -- -- -- denn seine Küsse, seine Betheurungen, seine Zärtlichkeit hatten sie besiegt, genesen gemacht.

In Wahrheit, es war ihr leicht beweglicher Sinn, ihr, lebhafter Eindrücke fähiges, und eher zur Lust als zur Trauer geneigtes Gemüth, das ihm hier so trefflich zu statten kam und seine Eroberung in kurzer Zeit vollenden half... Wäre ihre Natur der seinigen ähnlich gewesen, hätte das Resultat leicht ein entgegengesetztes werden dürfen.

Ueberzeugt und sicher gemacht -- entfaltete ihre Natur sich nun wieder rasch in allen jenen eigenthümlichen Formen, die wir von und an ihr kennen und vielleicht auch lieben gelernt haben. Sie war wieder das jugendliche, holde, heitere, fröhliche, tändelnde, eitle und doch so liebenswürdige Wesen, welches die Männer bezauberte und die Frauen erfreute... sie war wieder jene Cölestine, die wir als so glücklich und froh kennen gelernt haben. --

Was ihren Gatten betrifft, so erfüllte er ihren Wunsch und blieb heute den ganzen Tag über bei ihr. Er schien durch sein Betragen Alles wieder gut zu machen -- und sie sagte zu sich im Stillen:

„Ach -- der Arme! Es war eine kurze Rückkehr seiner alten bösen Krankheit.... Diese Schwermuth, diese Hypochondrie machte ihn nicht minder unglücklich als mich.... Man muß Nachsicht mit ihm haben. -- -- Jetzt aber ist Alles vorbei; er ist wieder mein guter, treuer, geliebter Alexander, und ich -- ich bin die seligste der Frauen. --“

Dreizehntes Kapitel.

Neue Proben -- neue Beweise.

Es war heute Sonnabend. -- Mehrere Reihen Equipagen standen bereits draußen vor dem Palaste des Grafen A--x aufgefahren. Die Lakaien in ihren bunten, abstechenden, oft verschwenderisch mit Gold und Silber beladenen Livréen tummelten sich dazwischen und im Thorwege, während das gravitätische Volk der Kutscher auf ihren Wagensitzen voll ernster Unbeweglichkeit thronte und sich gegenseitig die Vorzüge und Eigenschaften ihrer Pferde erörterte, was diese klugen Geschöpfe auch recht gut zu verstehen schienen und wobei sie durch Wiehern, durch Prusten, Stampfen und allerhand Bewegungen (in deren geheimnißvolle Bedeutungen wir noch nicht völlig eingedrungen sind) ihre Freude, ihren Stolz, ihren Unwillen zu erkennen gaben -- denn bekanntlich herrscht zwischen Pferd und Kutscher oder Reiter ein Verständniß, eine Sympathie...

Drinnen im Hause, in den Salons der Gräfin tummelte sich heute eine reiche prunkende und zahlreiche Welt. Nur Gott weiß es, wie sein Himmel alle diese Menschen so auf ein Mal herabgeschneit hatte; denn mehr als die Hälfte unter ihnen waren für unsere holde Hausfrau, wie man sich ausdrückt, „+wildfremd+.“ -- Indeß mangelte es ihnen nicht an jenen Eigenschaften und Bedingnissen, vermöge deren selbst ein „wildfremder“ Mensch in guter Gesellschaft das Recht erhält, sich sofort wie einer ihrer ältesten Bekannten zu geriren. Das heißt: alle diese Leute waren eingeführt und jetzt theils der Gräfin, theils ihrem Manne vorgestellt worden. -- Die beiden Ehegatten schienen heute unvergleichlich liebenswürdig; das sagte die ganze Versammlung -- und wir können hinzusetzen: über Cölestine täuschte sie sich nicht. Was ihren Gatten betrifft, so ist dies freilich eine andere Sache. --

Zum ersten Male nach so langer Zeit hatte die junge Frau wieder die Freude, ihre Eltern bei sich zu sehen; sie umarmte die gute Mutter mit Thränen in den Augen. General von Randow scherzte, wie gewöhnlich, ihr gleich den Willkomm weg und küßte ihr die Worte von den Lippen, so daß sie ihm weiter nichts sagen konnte als: „Mein liebes gutes Väterchen --!“ worauf er in seiner Weise „Schon gut! schon gut!“ entgegnete. --

Mit dem General war auch die Gräfin Wollheim und die Wittwe des Generals E--x angekommen.... Graf Wollheim hatte sich von diesen Personen noch in der Wohnung des Generals Randow getrennt, unaufschiebbare Geschäfte vorschützend, welche von der Art waren, die wir schon kennen. -- In der That war der Graf auch nur deßwegen in das Randow’sche Haus gekommen, weil er gehofft hatte -- seines Sehnens Ziel endlich zu erreichen, nämlich den Freund Edmund, welchen er bereits seit 6 ewiglangen Wochen nicht zu Gesicht, d. h. nicht vor das Glas bekommen; ein Umstand, wegen dessen der alte Bär zu verschiedenen Malen die bittersten Zähren vergossen. --

General Randow unterhielt sich später mit seiner Tochter; hierüber schienen einige von den Anwesenden äußerst ungehalten, indem, ihrer Meinung nach, dies sehr wenig Artigkeit gegen die übrigen Gäste bewies, von denen fünf oder sechs, die so eben eingetreten waren, vorgestellt zu werden wünschten.

„Finden Sie nicht,“ lispelte eine alte Dame einer jungen zu: „daß in diesem neuen Hause auch ein ganz neuer Ton herrscht?..“

„Gewiß, meine Freundin -- ein sehr neuer; er ist äußerst interessant, und ich muß mir in meinem Tagebuche eine eigene Notiz machen. -- Erlauben Sie es wohl?“ Hiermit nahm die Jüngere ein dünnes Maroquinbändchen heraus und fing an zu schreiben...