Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 11

Chapter 113,782 wordsPublic domain

So war er über eine Stunde gelaufen -- ohne daß diese ihm länger als ein Augenblick vorgekommen wäre. Jetzt schlug er die Augen auf und fand sich in einer ihm ganz unbekannten Gegend. Doch mußte es fern von der Stadt sein, denn ihn umgab hier Wald und rauhe Wildniß. -- Diese Landschaft war ihm willkommen; diese tiefe Einsamkeit that ihm noth und er eilte, von ihr Gebrauch zu machen. Er warf sich in eine Vertiefung des Bodens nieder, rings herum standen Büsche und Sträucher so dicht, daß sein Blick sie nicht zu durchdringen vermochte.... Sein Lager war jenes alte vorjährige Laub, welches um diese Zeit bereits in Fäulniß übergeht und den natürlichen Dünger des Waldes bildet. -- Was kümmerte ihn das -- er achtete der Feuchtigkeit und des Moderduftes nicht, welche sich unter ihm verbreiteten.... er sah sich von Insekten umschwirrt, von Kröten umhüpft -- er achtete nicht darauf;... in der Nähe seines Hauptes raschelte und zischelte es im Grase -- vielleicht war es eine Schlange -- auch darauf achtete er nicht; ja selbst als eines jener häßlichen Thiere, die in feuchten und moderigen Plätzen wohnen, als eine graue Wasserratte bei ihm vorbeilief -- durchzuckte weder Ekel noch eine andere Empfindung seinen Körper....

Er schien für die äußere Welt gänzlich erstorben -- und versenkte sich nur tief und tiefer in den Feuerpfuhl, der in seiner Seele glühte...

„So ist sie also falsch?!“ sagte er, ohne zu wissen, daß dieser Gedanke sich auf seinen Lippen belebt hatte... „Sie ist treulos,“ fuhr er fort: „ich habe es ja geahnt! -- Ich kann nicht glücklich sein! das hätte ich wissen und mich darnach benehmen sollen. Ach! habe ich es denn nicht gewußt -- daß in dem Garten dieser Welt für mich die Rose der Liebe nicht blüht? Vielleicht blüht sie auch für keinen Andern... und vielleicht ist das, was wir Weibesliebe und Weibertreue nennen, die größte Thorheit, der größte Unsinn, der je ausgesprochen wurde..... O! ich bin hinlänglich bestraft worden für meinen Vorwitz. -- Habe ich mir nicht schon einmal den scharfen Dorn in den Fuß getreten?... mußt’ ich noch ein Mal auf diesem Pfade wandeln? -- Freilich jenes erste Mädchen habe ich verkannt -- an ihrem Sterbebette enthüllte sich die Reinheit ihrer Seele mir! -- Aber -- konnte ich mich nicht auch hier getäuscht haben? -- und ist vielleicht nicht gar diese Sterbende mit einer Lüge aus der Welt gegangen? -- Wer will mir das bestimmen? Fälle solcher Art sind schon vorgekommen! -- zu Hunderten; zu Tausenden da gewesen! -- -- --“

Er verstummte. Plötzlich schrie er wieder auf: „Welcher Gedanke entsteht da in meiner Seele? -- Seit ungefähr vierzehn Tagen besucht jener Chevalier de Marsan, von welchem man so Fabelhaftes erzählt, mein Haus fast Tag um Tag. +Seine Ruhe und Stille ist mir aufgefallen!+ -- Sagte man mir denn nicht, dieser Mensch sei ein Phänomen im Weltleben; das Leben der Welt aber ist regsam und laut. -- -- O, meine vertrauende Seele, wohin hast Du mich geführt?!.. Jetzt, jetzt erst fällt mir ein, daß Marsan bis jetzt weder mit mir, noch mit meiner Frau gesprochen hat. Was fesselt ihn also so sehr an unser Haus? -- Doch nicht eine fremde Person, die er hier stets antrifft?... Allein, auch das wäre möglich! -- -- Aber +möglich+! Was nützt mir dies Wort? -- Möglich ist Alles. O mein Gott, ich muß +Gewißheit+ haben. --“

„Und ist es -- der Chevalier nicht, ist es vielleicht ein Anderer! denn jene Worte drückten es ja deutlich aus: Nehmen Sie sich vor einem glänzenden jungen Manne in Acht! -- Aber o Gott! -- könnte der Elende, der sie mir zuraunte -- könnte er mich nicht betrogen, oder konnte er sich nicht auch in mir geirrt haben? -- Welche Thorheit, welches Verbrechen, einem Menschen, den man nicht kennt, und welcher ganz so aussieht wie ein Schurke, zu vertrauen??........... Ach! Ach! reißt mir erst den Pfeil des Verdachts aus der Brust.... bis dahin kann ich nichts Anderes thun, als: fürchten, argwöhnen, beben, zittern und -- glauben!! -- --“

Erst zu später Tageszeit verließ Alexander diesen Wald und fand sich endlich mit dem Wege zurecht. Er ging nun nach Hause, in der Absicht, sich in sein Zimmer zu begeben und darin bis zum Morgen eingeschlossen zu bleiben; denn es war bereits dunkel geworden.

Für den Eifersüchtigen, für den Unglücklichen ist es eine Wollust, sich in seinen Schmerz zu vergraben -- in den Wunden seiner Seele zu wühlen, und er hört damit oft nicht eher auf, als bis er unter dieser wahnsinnigen Selbstqual den Geist aushaucht.

Doch blieb Alexander nicht lange allein; man hatte ihn in das Haus treten sehen und es Cölestinen gemeldet. Diese, in qualvoller Angst wegen der Abwesenheit ihres Gatten, eilte auf den Flügeln der Liebe zu ihm -- -- ach, wie erschrak sie, ihn in diesem Zustande zu finden!

„O mein Gott!“ schrie sie auf und stürzte an seine Brust: „Was ist mit Dir geschehen, Alexander? -- Wo bist Du gewesen? -- Welcher Unfall hat Dich getroffen? -- Rede, rede, um Himmelswillen, befreie mich von meiner Angst!“

Er hatte sich in einem frühern Augenblick vorgenommen, ihr +Alles+ zu sagen; in einem nächsten faßte er den Vorsatz, ihr +Nichts+ wissen zu lassen -- d. h. ihr mit kalter Ruhe, unter welcher tiefer Abscheu lag, zu begegnen....

Jetzt, in dem gegenwärtigen Augenblicke faßte er einen dritten Entschluß: +er wollte heucheln, um sie auf die Probe zu stellen!+

Es gelang ihm in sehr kurzer Frist, ein so heiteres Lächeln auf seine Lippen zu zaubern, daß Cölestine freudig aufathmete und ihn mit dem Ruf: „So darf ich also ruhig sein!“ umarmte; „doch sprich,“ setzte sie hinzu -- „was ist das heute gewesen? Beruhige mich vollständig, denn irgend etwas Ungewöhnliches muß dennoch mit Deinem Ausbleiben zusammenhängen.“

„Nichts, nichts, meine theure Cölestine!“ versetzte er: „nichts -- oder nur sehr wenig. Mich hatte, als ich das Haus verließ, um nach dem Bureau zu gehen, auf einem Umwege, welchen ich nahm -- eine leichte Unpäßlichkeit überfallen, und da ich glaubte, dieselbe würde bald vergehen, trat ich in ein nicht weit von dem Orte stehendes Gasthaus -- wo ich mir ein Zimmer öffnen ließ, um daselbst etwas Stärkendes zu mir zu nehmen; denn, wie Du weißt, ich habe heute nicht gefrühstückt. -- Doch zum Unglück verlief mein Zustand nicht so schnell, als ich erwartete -- ich mußte mich auf eine Ruhebank hinstrecken und blieb da so lange liegen, bis ich wieder hinlängliche Kräfte gesammelt hatte, um den Rückweg nach Hause anzutreten. --“

„Aber mein Gott,“ versetzte die Gattin und Thränen traten ihr in die Augen: „warum hast Du mir davon nichts wissen lassen? Ich wäre mit dem Eifer der Liebe zu Dir geeilt, und hätte Dich gepflegt.... Mindestens hättest Du Dich ja in einem Miethwagen nach Hause können bringen lassen. -- --“

„-- -- Es war mir jedoch darum zu thun, Dir jede Unruhe zu ersparen, theure Geliebte!“

„+Jede?!+ Unruhe wolltest Du mir ersparen? -- O das hat Dein Herz nicht gesprochen, Alexander. Weißt Du denn nicht, daß ich es für meine Pflicht halte, Leid und Freude mit Dir zu theilen -- und daß diese Pflicht mir Lust ist?.. Und dann, könntest Du glauben, Deine lange Abwesenheit, Dein Wegbleiben zur gewöhnlichen Zeit hätte mich nicht doppelter Unruhe, der Unruhe und Qual der +Ungewißheit+! preisgegeben?..... Geh doch -- -- abscheulicher Mann! Böser, böser Alexander! Welche Angst, welche Sorge habe ich um Dich ausgestanden!“

Er sah sie mit einem Blicke an, der sie bis in dem tiefsten Winkel der Seele ausholen sollte, und fragte mit halblauter Stimme: „Wirklich hast Du das?“

„Nun!“ erwiederte Cölestine arglos: „und Du zweifelst noch? Du willst es mir am Ende nicht einmal glauben? -- Wahrhaftig -- Du schlimmer Mensch, wäre in diesem Augenblick freudigen Wiedersehens die Zeit dazu -- ich würde sie Dir recht fühlen lassen, diese Worte, welche Du so eben gesprochen; doch hat Dein Herz sicherlich keinen Antheil daran. --“

„Sicherlich -- nein!“ erwiederte er mit heiterer Miene und nahm die Beweise ihrer Zärtlichkeit, mit denen sie ihn überschüttete, wie ein glücklicher, wie ein froher Mann hin.

Und doch war dieser Mann im Grunde seiner Seele so unglücklich, so kummervoll.

Aber das ist eben die Natur des Eifersüchtigen, daß seine entsetzliche Leidenschaft, einmal erregt, durch nichts zu stillen ist -- als durch die Macht der Zeit. Der größte Beweis von Liebe überzeugt ihn nicht -- er sieht, wie der Fieberkranke, Alles blutroth und schwarz -- selbst die reinste Lilie erscheint ihm ihres jungfräulichen Schmuckes entkleidet als dunkle Todesblume. -- Die Eifersucht ist ein niederer Grad von Wahnsinn, der jedoch bisweilen zum höchsten führen kann.

„Nun aber“ sagte Cölestine, als sie ihren Mann sich aufrichten und an ihrer Seite Platz nehmen sah: „will ich Deiner Gegenwart mich auch in doppeltem Maße erfreuen. Du warst einen ganzen Tag nicht bei mir -- ich will jetzt in einer Stunde so viel Glück zu erwerben suchen, wie sonst in dreien; und es wird mir auch gelingen, denn ist Dein Herz nicht reich und ist es das meine etwa weniger? O wir dürfen ja nur mit beiden Händen zulangen -- das Füllhorn unserer Freude ist unerschöpflich! Meinst Du dies nicht auch, Alexander?“

„Gewiß, gewiß, mein holdes Weib! -- Und so bist Du denn meiner Wiederkunft, wie ich sehe, recht inniglich froh! Ja, ja -- ich begreife es, wie Du während meiner Abwesenheit Dich in Sehnsucht nach mir verzehrt haben wirst -- ich kann mir Deine Seufzer, Deine Thränen so lebhaft vorstellen! --“

„Du kannst es -- Alexander? -- Und doch hast Du sie -- ich möchte sagen -- muthwilliger Weise hervorgerufen; denn eine Zeile, die Du mir geschrieben -- ein Wort, das Du mir hättest sagen lassen, würden mich beruhigt, dieses Fürchten, diese Angst von mir gebannt haben. -- Ach, es ist nicht schön, eine Gattin, welche Dich so zärtlich liebt, zu quälen.... es ist nicht schön....“

„Es ist nicht schön -- Du hast Recht.“

„Nun, wenn Du es nur selbst zugibst! -- Doch Alles das ist ja vorbei, und so reden wir nicht mehr davon. Ach gewiß, mein Geliebter -- der gütige Schöpfer hat auch den Schmerz zu unserem Glück erschaffen. Wir empfinden nach ihm die Freude um so inniger. -- Und überdies, welches Herz vermag unausgesetzt Wonne zu ertragen? Es erlahmt, es sinkt dahin unter ihrer Last.“

„Eine richtige Bemerkung,“ entgegnete der Mann mit bitterem Lächeln: „und darum wurde von der Natur die -- +Abwechslung+ erschaffen.“

Sie hatte weder in seine Mienen geblickt noch den Ton seiner Stimme abgewogen. Sie schien so selig, so zufrieden -- -- in ihrer Brust war für nichts Anderes Raum. --

Sein Blick lief jetzt auf ihre ganze Gestalt umher. Er bemerkte zuerst, daß Cölestine nicht das gewöhnliche Deshabillé, welches sie sonst zu Hause trug, und das er so sehr liebte -- sondern ein elegantes Gesellschaftskleid angezogen habe.

An diesem Strohhalm hielt er zuerst sich fest. --

Er sprach noch über Dies und Jenes, dann leitete er die Unterhaltung so, daß er unvermerkt die Frage stellen konnte: weßhalb Cölestine gesellschaftsmäßig gekleidet sei. --

„Weßhalb?“ -- wiederholte sie: „Ach, in der That -- wenn ich Dir einen Grund angeben soll, ich weiß keinen. Es ist dies eins von den neuen Kleidern, welche ich neulich bestellt habe.... Da ich den ganzen Tag über nichts Anderes zu thun hatte und um mich von den bösen Gedanken wegen Deiner Abwesenheit zu befreien, machte ich mir mit meiner Garderobe zu schaffen: ich zog ein Kleid um’s andere an -- -- und dachte bei mir: in welchem würde ich ihm wohl, wenn er nach Hause kommt, am besten gefallen? Da fiel meine Wahl auf dieses da -- und darum stecke ich noch in demselben -- wiewohl es mir sehr unbequem ist und mich hindert, Dich tausendmal zu umarmen.“

Alexander blieb nach dieser Erklärung stumm und senkte den Blick. Höllischere Argwohnsflammen hatten aus demselben heute noch nicht gezüngelt.... Er glaubte seine Frau auf einer Lüge ertappt zu haben -- ihre ganze Rede schien nichts als Widersprüche zu enthalten. Denn weßhalb hatte sie früher gesagt, daß sie den Tag in Angst und Sorge zubrachte -- da sie doch jetzt erklärte, sich mit ihren Kleidern unterhalten und ihrer Eitelkeit gedient zu haben. -- Ferner welche erbärmliche Unwahrheit lag darin versteckt, daß sie einmal vor Schwermuth und Verlangen nach seiner Wiederkehr fast vergangen sei -- und gleich darauf sich die Frage gestellt habe: in welchem Kleide sie ihm bei seiner Ankunft wohl am besten gefallen möchte?

Dieser Mann, der hier so vortrefflich philosophirt, glaubte seiner Geistesgröße nun dadurch die Krone aufzusetzen, daß er sich äußerlich von dem, was in ihm vorging, nicht das Geringste merken ließ. Von dem Augenblick, wo er gegen seine Gemahlin einen so wichtigen Beweis, wie den obigen, in Händen zu haben meinte, war er der Ueberzeugung, die Rolle, welche er zu spielen angefangen habe, sei vortrefflich gewählt, -- und er werde unter ihrem Beistande dem Dinge nach und nach völlig auf den Grund kommen.

Cölestine lud ihn ein, den Abend mit ihr im Garten zuzubringen, und er willigte sogleich mit der liebevollsten Freundlichkeit ein. Er bot ihr den Arm -- führte sie zuerst nach ihren Zimmern, wo sie das Salonkleid mit einem bequemeren vertauschte, dann warf sie einen Shawl um -- und nun schritten sie Beide hinab in den Garten. -- Sie zog ihn zuerst zu allen den Plätzen, die durch irgend eine Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe geheiligt waren. Da traten sie hinein in die Lauben -- in die Grotten -- da setzten sie sich hin auf die Rasensitze und Blumenplätze -- -- überall verweilten sie einige Augenblicke -- und als sie überall gewesen waren, fingen sie den süßen Erinnerungsgang wieder von Neuem an.

Ach, wie erfinderisch ist wahre Liebe! Sie weiß in einen gewöhnlichen Schritt, in einen kurzen Spaziergang Welten voll Seligkeit zu legen.... Sie weiß auf einer Scholle Erde ein Paradies erblühen zu lassen.

Das Silberlicht des Mondes ergoß sich über den ganzen Garten und tauchte jedes Blatt und jedes Steinchen in ein Meer voll stillen Zauberscheins. Einem entzückten Auge, wie dem ihren, schien die ganze Welt jetzt eine höhere, eine mehr als irdische zu sein.

+Ihrem+ Auge? -- Ja dem +ihren+, dem Auge Cölestinens... nicht dem seinen. Dieses sah nichts. Dieses sah nur eine gewöhnliche, schlechte, schändliche Welt. --

Nach und nach fand er, unter dem Beistand der früheren, neue Gründe, die ihn in seinem Verdachte bestärkten -- er nahm sie als Beweise gegen sein Weib hin, wie er die früheren als solche genommen. -- Woher, sagte er zu sich -- diese Fröhlichkeit, diese lustige, diese muthwillige Fröhlichkeit? -- Jedenfalls ist es das erste Mal, daß ich Cölestinen +so+ sehe. Sie war heiter, zufrieden, wonnevoll; aber sie war noch niemals lustig und ausgelassen..... Und doch und doch! Damals gleich nach unserer Vermählung, auf dem Balle! -- -- Ah! ah! -- habe ich das so schnell vergessen? -- Aber jetzt fällt es mir dennoch wieder bei. Jetzt, jetzt, da ich es am besten brauchen kann. -- -- Und ich Thor ließ mich zu jener Zeit so schnell beruhigen, ließ mich von ihrer glatten Zunge beschwatzen. -- Ich Thor! -- Das war damals der Anfang -- dieses jetzt ist die Fortsetzung.

„War Niemand zum Besuche da?“ warf er später die Frage hin und erfuhr nun, daß +Edmund+ mit seinem Freunde dem +Chevalier von Marsan+ sich hatten anmelden lassen.... sie, Cölestine, jedoch habe ihren Besuch nicht angenommen und ein Unwohlsein vorgeschützt. --

„Und diese zwei Herren gingen fort?“

„Allerdings -- -- jedoch soll Edmund sehr ungehalten gewesen sein, nicht vorgelassen zu werden; nun Du kennst die Weise des Tollkopfes!“ entgegnete sie.

„Er wird es nicht allein gewesen sein, der ungehalten war;“ meinte der Ehemann bei sich: „vielleicht war Edmund nichts weiter, als das Echo seines Freundes -- -- das Organ, welches der innern Stimme Marsans Worte lieh.“ Und laut setzte er hinzu: „Diese beiden Herren besuchen uns in der That sehr fleißig.“

„Findest Du das? -- Ich habe daran noch gar nicht gedacht. Ja in der That, Du hast Recht: sie waren in der letzten Woche mehrmals bei uns.“

„Sie waren“ verbesserte er: „+alle Tage+ bei uns.“

„Nun ja, gewiß, gewiß. -- Aber was liegt daran? Reden wir von andern Dingen, mein Freund...“

„Und warum nicht von diesen -- meine Freundin?“

„Wie? scheinen diese Dir von so großer Wichtigkeit?“ fragte sie und sah ihn dabei an.

„Eine solche Frage“ meinte er bei sich: „hätte ich eher an sie stellen sollen -- -- indeß nicht als Frage -- sondern als -- Anklage. -- O bei Gott, diese Heuchlerin ist in ihrer Kunst erfahrener als ich glaubte. -- Ach, ach, ein so junges Wesen und doch schon so verderbt! -- Aber liegt so Etwas nicht im Blute? -- Und ist es von ihr nicht bekannt, ja von ihrem ganzen Stamme -- daß sie insgesammt leichtsinnige, thörichte, eitle und gefallsüchtige Menschen sind? -- +Schlecht+ jedoch... ist nur diese da! Von ihren Verwandten habe ich noch niemals gehört, daß sie ein böses Herz besäßen.“

„Du bist heute ungewöhnlich nachdenklich, Alexander!“ bemerkte Cölestine und fuhr nach einer Pause, in welcher sie vor sich hinblickte, fort: „Was fehlt Dir? Rede! Was hast Du, lieber Mann?“

„Dies soll“ sagte er wieder zu sich: „das letzte Mal sein, daß ich ihr von meiner Gemüthsbewegung etwas merken ließ.... Hinfort mag ihr Blick nicht mehr durch diese äußere Hülle dringen, welche ich glatt, geschmeidig, lustig und so weltnärrisch als nur möglich machen will. --“ Und von dem gegenwärtigen Momente an seiner Gestalt, seinen Reden, seinem Benehmen einen Schein der natürlichen Heiterkeit gebend -- fing er an mit ihr nur mehr von Liebe und Lust, von Welt und Thorheit zu sprechen, Tändeleien zu treiben -- -- u. s. w. -- Sie spielten wieder wie die Kinder, hüpften und tanzten im Garten umher, so daß der alte Mond gar satirisch d’rein sah.

Es war, als hätten sie Raum und besonders -- Zeit vergessen... denn Mitternacht war bereits vorüber; doch

„die Uhr schlägt keinem Glücklichen!“

Endlich ließ Alexander matt und müde sich auf einen Ruhesitz nieder und zog sie, die Lachende, neben sich: „Was meinst Du,“ sagte er -- „werden wir hier bis zum Morgen bleiben?“

„Ich hätte“ versetzte sie ausgelassen: „große Lust dazu.“

„Ich --“ meinte er sehr aufrichtig -- „nicht!“

„Und weßhalb nicht?“

„Weil -- -- -- wie Du weißt, ich mich leicht erkälte.“

„Aufrichtig, mein Freund, davon hast Du mir bisher noch nichts gesagt.“

„Wozu sollte ich Dich mit dergleichen belästigen. Kommen diese Dinge heran, so ist es noch immer Zeit genug, sie beim Namen zu nennen.“

„Nun ja; dann aber will ich Dich auch keinen Augenblick länger der Nachtluft ausgesetzt sehen -- Alexander. -- Komm, komm -- laß uns hinauf gehen. Da, nimm meinen Shawl.“

„Warum nicht gar! Ich würde darin schön aussehen.“

„Wer sieht es denn? -- Es ist ja pechfinster. Nun denn, sei nicht eitel -- und folge meinem Rathe.... siehst Du, so will ich Dich einhüllen -- so --“ Sie war im Begriffe, ihm den Shawl um den Hals zu wickeln; er ließ es jedoch nicht geschehen...

„Behalte, was Du mitgebracht hast, für Dich; Du bist dessen eben so bedürftig wie ich.... und lass’ uns lieber die Schritte beschleunigen, so werde ich nichts zu fürchten haben.“ Er hüllte nun sie in den Shawl ein, gab ihr den Arm, zog sie dicht an sich, und eilte mit ihr raschen Schrittes aus dem Garten in ihre Wohnung.

Sie langten im Schlafzimmer an, wo eine große Kugellampe ihren milchweißen Schein auf alle Gegenstände warf. Als der Graf diese Zeugen ihrer ersten beiderseitigen Zärtlichkeit, ihres ersten Liebesschwures, den er ihr, den sie ihm feierlicher leistete, als dies am Altare geschehen war, gewahrte -- als sein Blick auf die Stätte fiel, wo sich ihre Arme so heiß, so brünstig, so selig in einander verschlungen hatten... da konnte er einen leisen Schauer, der seine Glieder schmerzlich und wild durchzog, -- nicht unterdrücken. -- Aber seine Selbstbeherrschung kehrte rasch zurück und er erwiederte auf die Frage, welche sie mit süßgeschämiger Stimme und begleitet vom feuchten Liebesblick, ihm zulispelte: „Du wirst mich nicht verlassen, mein Geliebter?“

„Nein, ich bleibe bei Dir, meine holde Seele.“ Er sprach es mit dem Tone glückseliger Uebereinstimmung aus.

Ach, wie viel hatten sie sich jetzt noch zu sagen, zu erzählen.... Die Liebe, die Leidenschaft ist nicht stumm, wie man glaubt -- sie ist beredsam und phantasievoll wie ein Dichter. Jene einsilbige Liebe gehört den Kindern und den schüchternen Jungfrauen an.

Eine glühende Stunde war vergangen.

„Wirst Du mich immer so lieben?“ fragte das beglückte Weib.

„Immer, ewig; und Du?“ flüsterte er.

Hierauf konnte sie nur mit einem Kusse, der ihre Seele in seine Brust hinüberzuhauchen schien, antworten....

„Und -- --“ sagte sie mit vor Angst zitternder Stimme: „hast Du nie einer Andern so angehört wie mir? Rede mir Wahrheit, Alexander!“

„Nie! niemals!“ Er konnte dieses mit gutem Gewissen sagen.

„Niemals --?-- auch vor Jahren, vor vielen Jahren nicht?“

„Nein, nein. Aber wozu diese Fragen?“

„Weil -- -- ich zu glücklich in Deinem Besitze bin, und ihn keiner Andern, wäre es selbst jene Todte -- Du weißt, welche ich meine -- vergönne. O -- ich bin eifersüchtiger als Du wähnst!... Ich könnte es nicht ertragen, Dich mit einer Zweiten getheilt zu haben, zu theilen -- oder -- --“

„Oder?“ nahm sie wieder das Wort: -- „Es gibt hier kein Oder. -- Denn der Zukunft wirst Du mich doch hoffentlich nicht berauben, wenn Du mich auch willenlos um die Vergangenheit oder selbst um die Gegenwart betrogen hättest. Nicht wahr -- -- Du wirst mich nicht unglücklich, nicht elend, nicht verzweifeln machen, mein Mann?“

„O nein, nein!“ rief er mit leidenschaftlichem Feuer aus, das sich in seinem ganzen Wesen verbreitet zu haben schien.

„Herz meines Herzens! Seele meiner Seele! --“ lispelte sie, sich innigst an ihn schmiegend --: „O!“ seufzte sie: „möchte ich doch mein ganzes Leben in diese holdselige Stunde bergen -- oder möchte ich dieselbe zur Dauer meines ganzen Lebens ausdehnen können. -- Niemals, niemals noch war ich so glücklich!“

Zwölftes Kapitel.

Die Beweise der Untreue.

Die Nacht mit ihren dunkelsten Fittigen umfing die Schläfer und ließ sie ein kurzes Vergessen ihres Daseins finden. Bald aber erschienen die Genien der Träume und flatterten mit kleinen Spiegelchen, in denen sich irgend ein Stück aus dem Leben der Schläfer abconterfeite, (oft sehr verworren und verkehrt) um deren Häupter herum.

Cölestine träumte von ihrer Liebe -- ihr Mann von seinem Schmerze. Da fand er Alles wieder, wie er es gestern liegen gelassen: da war wieder der fremde Kopf -- da dröhnte dessen unheimliche Ermahnung -- da der Wald mit Schlangen und Salamandern -- dort Cölestine an ihrer Toilette -- -- und hinter ihr, hinter ihr lauschte ein junger, schlanker, feiner Mann, dessen Antlitz man jedoch nicht sehen konnte...

Mit schwerem Kopfe und noch schwererem Herzen erhob Alexander sich vom Lager, während seine Gattin noch schlief:

„Diesen ruhigen, festen, tiefen Schlummer“ sprach er, sie anblickend, „hat nur ein reines Gewissen -- -- oder ein gänzlich verderbtes...“

Dann trat er leise vom Lager weg und blickte überall umher im Gemache, welches er jetzt sich vornahm zu durchsuchen...: „Ich werde“ sprach er vor sich hin -- „ohne Zweifel auf Etwas stoßen, was mir Aufschluß geben oder mindestens als Faden in dem Labyrinthe dienen wird, worein ich gerathen bin.“

Ein Dieb hätte es ihm nicht so geschickt nachthun können. Es schien, als wären seine Füße, als wäre sein Körper nicht von Fleisch und Blut: so leise, so luftig, so schattenhaft strich er in diesem Gemache umher. Er öffnete zuerst einige Kästchen und einen Schrank;.. hier fand er nichts als Dinge, die dahin gehören und mit denen man jedes Schlafgemach ausstattet.

Er schritt sodann zu einem Tische und zog dessen Schubladen heraus. Er fand nichts. -- Er hob den Deckel ab -- auch hier nichts; -- er untersuchte die Winkel, Ritzen, ja selbst die Unterlage der Füße, wie er es früher bei dem Schranke gethan: nichts, nichts! --

Jetzt trat er zu einem Repositorium, auf welchem einige Bücher standen. Zuerst prüfte er das Gestell, sodann bespionirte er die Bücher, Blatt für Blatt....