Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 10
Man brachte ihn aus dieser Rauchatmosphäre heraus, die sehr nachtheilig auf das metamorphosirte Glied einzuwirken schien, und trug ihn in ein anderes Zimmer. Hier wurde er auf ein Sopha gelegt und man begann ihn oder eigentlich seinen Rüssel mit Eisumschlägen zu traktiren. Die jedoch schienen seine Schmerzen nur zu vergrößern und so sah man sich denn genöthigt -- da keiner von den Dienern medizinische Kenntnisse besaß -- nach einem Arzte zu senden. Aber die Zeit, bis dieser erschien, war für unsern unglücklichen Adonis eine Epoche schauderhafter Höllenqualen: „Oh! Oh!“ wehklagte er -- „was ist mit mir geschehen?.. Das brennt und sengt ja, als wenn zehntausend Pechfackeln darauf geschleudert würden! -- Ein ganzes Rudel von Beelzebubs tanzt mir auf dem Munde herum! -- Ein Gehenna, ein Gehenna -- wächst mir unter der Nase hervor! -- --“ Aber so deutlich wie hier angegeben wird -- konnte der Gequälte nicht sprechen. -- Es war ein stotterndes und stammelndes Geschrei, was seinem Munde entströmte... Zuletzt wurde es ganz unverständlich -- er konnte die Lippen nicht mehr auseinander bringen -- sie schienen zu verwachsen. --
Nach ewiglangem Zögern erschien der Sohn Aeskulaps. Sogar er schlug die Hände zusammen und konnte ein leises Gelächter nicht unterdrücken -- als er hier einen berüsselten Menschen vor sich erblickte. Der Fall war ihm noch nicht vorgekommen. -- Die Gesetzbücher Aeskulaps jedoch haben auch einem solchen Fall vorgesehen; überhaupt findet man in ihnen selbst für die unmöglichsten Fälle Rath -- -- nur daß letzterer häufig nicht viel hilft.
War es Bleiweißsalbe oder ein anderes Spezifikum, was der Doctor verordnete, genug es wurde eine Salbe auf einen Leinwandlappen gestrichen und dies dem Patienten auf den Rüssel gelegt.... Da ein ungeschickter Lakai ihm auch die Nase damit bedeckte, so war der Arme in Gefahr zu ersticken -- und nur indem er sich des Lappens mittelst eines kühnen Risses entledigte, befreite er sich vom Tode.... Eine gewandtere Hand legte das Pflaster jetzt dahin, wohin es gehörte -- und so ward die Ordination des Doctors vollzogen.
-- -- Mittlerweile fand in dem Zimmer nebenan ein sonderbarer Auftritt statt. Es war dies dasselbe Zimmer, wo Edmund sich mit jenem +fremden Herrn+, von welchem der Diener zu Althing, als dieser sich im Banditenkostüm die Treppe hinauf begab, gesprochen...
Der +fremde Herr+ nun war noch bis zur Stunde mit Edmund in diesem Zimmer eingeschlossen. Man urtheile also, von welcher Wichtigkeit diese Conferenz sein mußte -- da nicht einmal der pathologische Vorfall mit Althing im Stande war, Edmund aus dem Zimmer zu locken.
Der +fremde Herr+, von welchem die Rede ist, war ein merkwürdiger Kauz. Seine Figur rangirte ihn zur Hälfte unter die Affen, zur andern Hälfte unter die Menschen. Seine Physiognomie läßt sich am besten mit der jenes Meisters +Jocko+ vergleichen, der in +Van Akens+ Menagerie so große Sprünge machte. Aber unter dieser Physiognomie saß der Verstand eines Archimedes. Mit einem Worte, unser Mann war in der Mathematik ein wahres Phänomen; denn er konnte Euch auf’s Haar beweisen -- daß Ihr, falls Ihr ihm für 1000 Thlr. 3000 verschreibt, mindestens 500 dabei gewinnen müsset.
Ich glaube für einige meiner geliebten Leser deutlich genug gesprochen zu haben.
Was den Anzug des Biedermannes betraf, so bestand dieser aus folgenden Stücken:
Ein graues Beinkleid aus dem Zeitalter der Maria Theresia mit einem braunen Fleck am Hintertheil, welcher (nämlich der Fleck) aus der Zeit Josephs stammte -- einem blauen Fleck auf dem rechten Knie, der unter Leopold geboren war und einem hellgrünen Besatz vorne auf dem Bauche; dieser Besatz entstand während der ersten französischen Invasion.
Ferner ein Rock -- zweien Dritteln nach einen Frack und einem Drittel nach einen Spenzer bildend -- von einer unzuenträthselnden Farbe. Dieser Rock war zu allererst ein Mantel gewesen -- aus welchem man später ein Wams -- dann einen Ueberrock -- dann eine altfränkische Schößen-Weste -- und endlich das gegenwärtige Mittelding zwischen Frack und Bonjour gedrechselt hatte. -- Der älteste Ursprung dieses Kleidungsstückes verliert sich in die Zeiten Gustav Adolphs.
Ferner die Weste. Ihr Ursprung war nicht anzugeben. Sie schien indeß schon bei dem heidnischen Götzendienst der alten Germanen als Priestergewand funktionirt zu haben.... Statt der Knöpfe waren an dieser Weste natürliche Eicheln angenäht.... Zur Schonung jedoch knöpfte ihr Eigenthümer seine Weste niemals zu.
Vom Hemde war bei ihm keine zuverläßliche Spur.
Das Halstuch mochte wohl schon einmal bei einer Leiche als Trauerflor geglänzt haben.
Die Stiefeln des Mannes waren veritable Wunderstiefeln, unzugänglich dem Wasser sowohl wie dem Feuer. -- Hier saß ein Fleck auf zehn andern... Man konnte sagen: vor lauter Flecken sah man den Stiefel nicht.
Den Hut endlich anlangend, so mochte derselbe in guten Zeiten auch als Pferdesattel gedient haben... Man konnte nicht sagen: „er hatte diese oder jene Form,“ weil dieser merkwürdige Hut alle Formen annahm...
Von den Stiefeln bleibt noch zu bemerken, daß sie ursprünglich verschiedenen Gattungen angehört hatten: der eine war lang und mit Kanonen versehen -- der andere ein Trichterstiefel, wie sie die Ritter trugen. An dem letzteren war noch ein Stück, von einem Sporren zu sehen.
Es darf jedoch das Beste nicht vergessen werden. Der achtungswürdige Besitzer dieser Kleidersammlung trug in der Hand ein Instrument, welches einer Keule nicht ganz unähnlich war: deßhalb man auch eher sagen konnte, er +schleppte+, als er +trug+ dieses Instrument. An diesem Instrument oder an dieser Keule war oben ein Handriemen, welchen der Biedere um seine Finger geschlungen hatte.... so daß er das holde Instrument daran hin und her schwingen konnte wie einen Glockenschwengel.
Der Mann nannte die Keule sehr zärtlich seinen „besten Freund“ und dabei lächelte er so seelenvergnügt, als hätte Achilles von seinem Freunde Patroklus gesprochen.
Nachdem wir nun die Gestalt des Mannes beschrieben haben, bleibt uns nur noch übrig, Einiges von dem Gespräche mitzutheilen, welches er mit Edmund in diesem Zimmer bei festverschlossenen Thüren seit länger als einer Stunde führte. -- Freilich muß der Leser darauf verzichten, das +Ganze+ dieser interessanten Unterredung zu erfahren; indeß wird er sich hoffentlich auch bei dem Wenigen begnügen.
„+Lips+“ hatte Edmund gesagt, indem er mit zorniger Miene ein Papier zwischen seinen Händen herumzerrte: „Lips, Sie sind mir ein entsetzlicher Mensch! Ein Teufel, ein Schurke!“
„Alles was Euer Gnaden beliebt,“ hatte Lips geantwortet; „ich bitte nur um Eins -- -- zerren Sie dieses Papierchen nicht so sehr hin und her: es wird, auf Ehrenwort! noch entzwei gehen...“
„Was schadet das, da Du Dir von jeder Schuldverschreibung, von jedem Wechsel +zwei Originale+ geben lässest.“
„Zwei ist besser als Eins -- -- sagte ein großer Philosoph in Spanien, und dieser große Philosoph hatte, auf Ehrenwort! Recht....“
„Aber -- Lips.... Du mußt mir noch in dieser Stunde 300 Dukaten schaffen -- und solltest Du sie in der Hölle holen.“
„Das ist nicht nöthig, mein Gnädiger: ich trage die 300 Füchse bei mir -- --“ antwortete Lips und schwang seine Keule hin und her...
„Nun was zögerst? Du dann? Heraus mit ihnen!“
„Augenblicklich -- sobald es Ihnen früher gefallen wird, mir das Papierchen, welches ich da Ihren hohen Händen präsentirte und was Sie so erschrecklich verarbeiten -- zu honoriren. Es macht 1500 Gulden! Auf Ehrenwort! Eine Kleinigkeit!“
„Aber wenn ich sie besäße -- brauchte ich ja Deine 300 Dukaten nicht.“
„Das ist gewiß; allein wie können Sie einem Geschäftsmanne zumuthen, Ihnen neuen Kredit zu geben -- da Sie Ihre alte Schuld bei ihm noch nicht getilgt haben...?“
„Aber -- ich sagte Dir, bei allen Teufeln, zum hundertsten Male: ich habe kein Geld.“
„-- Aber -- ich sagte Ihnen ebenfalls schon hundert Mal: Was nützt mir das? -- Sie brauchen Geld, Sie brauchen Geld! -- -- Ich, auf Ehrenwort! brauche auch Geld, mein gnädigster Herr Graf.“
„-- Du hast dessen genug -- -- bei Dir wachsen die Banknoten in allen Winkeln.... bei mir fliegen sie zu allen Fenstern hinaus.“
„Dies ist eben der Unterschied zwischen unsern Geschäften, mein Gnädigster. Auf Ehrenwort!“
„Lips!“ schrie Edmund: „bringe mich nicht zur Verzweiflung. Bei Gott, ich lasse Dich zur Thür hinauswerfen. --“
„Wie es Euer Gnaden gefällt!“ lächelte dieser und schwang seine Keule. -- „Aber“ fuhr er fort, „bedenken Sie, daß, wenn Sie mich zur Thür hinauswerfen lassen -- die 300 Dukaten darum noch nicht zur Thür herein spaziert kommen... Auf mein Ehrenwort!“
„Hol’ Sie der Satan mit Ihrem Ehrenwort! Mißbrauchen Sie diesen Ausdruck nicht, der nur Ehrenmännern ziemt... und schaffen Sie lieber das Geld herbei!“
„Auf Ehrenwort, Gnädigster -- ich kann nicht anders --“
„Als --?“
„Als -- wenn Sie, wie ich gesagt habe, zuvor das alte Papierchen bezahlt haben...“
„Sind Sie denn taub, Verdammter Lips? Habe ich denn nicht schon so laut wie ein Löwe gebrüllt: +ich habe kein Geld! ich habe kein Geld!+ --“
„Auf Ehrenwort, das ist schlimm! Auf Ehrenwort!“
„Endlich -- zum letzten Male: Geld! oder packen Sie sich im Augenblick aus meinen Augen fort -- elender Wucherer! Seelenverkäufer!“
„Auf Ehrenwort, das trifft mich nicht! -- Ich habe noch in meinem Leben keine Seele gekauft. Was soll ich mit diesem Artikel? -- Er ist nicht courant! -- Auf Ehrenwort, behalten Sie Ihre gnädige Seele -- und geben Sie mir lieber mein Geld....“
Edmund ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder... er hatte tausend Mal Lust, den Spitzbuben zu erwürgen; aber damit half er weder sich noch seiner fatalen Lage. Er brauchte Geld, er brauchte 300 Dukaten, keinen Pfennig weniger... Er hatte eine Schuld zu bezahlen, die morgen fällig war und welche nicht zur Wissenschaft seines Vaters gelangen durfte; denn wiewohl der alte General seinen Sohn liebte -- so stand gleichwohl der Grundsatz bei ihm fest -- nicht einen Thaler an Edmunds Gläubiger zu bezahlen. Er wollte diesen dadurch vom Schuldenmachen abschrecken. Vergebliche Mühe! -- Ein junger Mensch wie dieser, den Verlockungen seiner Standesgenossen und Freunde -- dem Anbringen jener Blutigel, welche an dem Mark einer großen Stadt saugen, preisgegeben -- war von diesen Wegen nicht abzuhalten -- oder man hätte seiner ganzen Erziehung eine strengere Haltung, eine ernstere Richtung geben müssen, woran es jedoch im Hause des Generals gänzlich fehlte: er selbst mochte in seiner Jugend nicht die wenigsten tollen Streiche gemacht haben.
Während Edmund so auf und ab lief, sah der biedere Herr Lips ihm ruhig zu. „Was soll das Alles heißen?“ sagte er achselzuckend: „Wozu rennen Sie so umher, Gnädiger! -- Auf Ehre, damit wird die Sache nicht besser werden.... Oder können Sie, wie Schillers Wallenstein, „+Dukaten aus dem Boden stampfen+?““
Meister Lips war auch in der Literatur bewandert. Ja, ja -- dieser Mann konnte Alles. Er wußte aus seiner Waare immer drei und vierseitigen Nutzen zu ziehen. So pflegte er die +Bücher+, welche man bei ihm verkaufte,[E] zuerst selbst zu lesen, sodann verlieh er sie für Geld an Andere -- dann gab er sie seiner Tochter zum Lesen (sie war ein sehr gebildetes Fräulein und hieß +Philomela+) und endlich verkaufte er dieselben.
-- In diesem Augenblick sprang Edmund auf, lief nach einem Schranke, öffnete ihn und zog eine Pistole heraus. Mit grimmigem Tone schrie er: „Jetzt, nichtswürdiger Elender, wirst Du mir Geld geben -- oder beim Allmächtigen!“ Und hiermit legte er die Pistole nach ihm aus...
Doch Lips war bei dem Manoeuver kein bloser Zuschauer geblieben. Flink wie der Wind hatte er seine Keule erhoben -- und an eine Feder gedrückt -- sogleich verwandelte sich diese bescheidene Keule zu einem allerliebsten Doppelgewehre, dessen Mündungen sich noch überdies trompetenförmig erweiterten (wie die alten Musketons), daß die Ladung (gewöhnlich bestehend aus einem Dutzend kleiner Kugeln) sich in die Höhe und Breite zerstreuen konnte und also ihren Gegenstand mehrfältig traf.
Man muß gestehen, dieser Lips war ein Originalmensch.
Als Edmund solche Demonstrationen sah, konnte er, so wüthend er war, das Lachen nicht halten. Die Pistole warf er auf den Tisch -- und ließ sich auf einen Stuhl nieder:
„Aber zum Teufel!“ sagte er -- „Du bist ja eine wahre Festung, mein Freund Lips!..“
„Das muß man bei dieser Zeit auch sein, in welcher man einen armen Teufel, wie Unsereins, seines ehrlichen Erwerbes nicht froh werden läßt.... Glauben Sie mir, gnädiger Herr, ich habe ein weiches Herz -- -- aber es hätte Ihnen nur noch eine Miene gekostet -- und ich hätte Sie zusammengepfeffert, wie ein Schock Lerchen. Auf Ehre!“
„Aber -- dann wärest Du ja gehängt worden!“
„Wer weiß. Ich hätte mich aus dem Hause so ungesehen hinaus gemacht, wie ungesehen ich mich hereingeschlichen habe.“
„Jedoch man hätte Deinen Schuß gehört...“
„Sie vergessen, daß mein Gewehr eine +Windbüchse+ ist...“
„Spitzbube -- von einem Lips! Wer könnte Dir böse sein?“
„Auf Ehre, während der Dauer dieser guten Meinung, die Sie jetzt für mich gefaßt haben -- könnten Sie mir schnell das Papierchen bezahlen... Gnädigster.“
„Lips! Endlich höre mit Deinen Possen auf. Es ist Zeit, daß wir ernstlich in der Sache verfahren. Hinweg mit den Phrasen! Schenken wir uns gegenseitig reinen Wein ein. Ich habe keinen Groschen Geld und brauche 300 -- besser 400 Dukaten. -- Willst Du sie mir geben? Und was verlangst Du dafür?“
Lips hatte sein Gewehr wieder maskirt; es war wieder die schlichte, alte, treue Keule -- -- er erhob den Kopf -- zog Stirne, Mund und die übrigen Theile des Gesichtes, soweit dies nämlich möglich war, in den Mittelpunkt des Gesichtes zusammen (man erinnere sich seiner eigentlichen Physiognomie!) und nachdem er zwei Mal mit den Lippen geschmatzt und im Ganzen zwei Minuten nachgedacht hatte -- versetzte er:
„Sie wollen reinen Wein haben? Nun gut! -- Zuerst: ob ich Ihnen Geld gebe? -- Ja -- -- wenn nämlich zweitens: Sie mir das geben, was ich brauche.“
„Und worin besteht dieses?“
„In einer Verschreibung von lumpichten 4000 Gulden nebst den +gesetzmäßigen Zinsen+!... Ist Ihnen das recht, sollen Sie: 1tens augenblicklich die 300 Dukaten -- und 2tens sollen Sie Ihr altes Papierchen über die 1500 Gulden zurückhaben in beiden Originalen, mein Gnädigster. -- Dies nennt man einen brüderlichen Handel, auf Ehre!“
Edmund besann sich nicht lange; so Etwas lag, bei einem Falle wie der gegenwärtige, nicht in seiner Art. Er +unterschrieb+ -- zerriß die alten Papiere und empfing das neue Geld.
So endete diese Szene, nach welcher Meister Lips sich gehorsamst empfahl -- und durch eine Hinterthüre aus dem Palais schlich -- begleitet von Edmund, der ihn die verborgensten Wege führte. --
Elftes Kapitel.
Die beiden Gatten und der Verdacht.
Der Graf v. A--x hatte die Gewohnheit, sich nach dem Bureau, in welchem er arbeitete, zu Fuße zu begeben. Diese Sitte behielt er auch nach seiner Verheirathung bei, wiewohl jetzt seine Wohnung (wir wissen, daß sie sich in der Nähe des Augartens befand) von dem betreffenden Regierungsgebäude ziemlich entfernt lag. -- Aber der Weg dahin war größtentheils einsam, zum Theil sogar romantisch, denn Alexander wußte, indem er die Häuser vermied, ihn zwischen Gärten und Pflanzungen zu wählen -- und so stimmte er ganz zu seinem Gemüthe, das, wenn auch beglückt und froh, einen ernsten Grundzug niemals verläugnete.
Eines Tages schritt der Graf wie gewöhnlich -- langsamen Schrittes in dieser Richtung seinem Ziele zu. Es war ein trüber nebeliger Tag und die Morgensonne -- die Zeit war 9 Uhr -- kämpfte ununterbrochen mit den Wolken, welche ihr den Weg zur geliebten Erde, auf welche sie täglich niedersteigt, zu verwehren strebten. -- Die Atmosphäre war schwer und drückend -- kein Lüftchen regte sich, und zudem befand man sich jetzt im höchsten Sommer: es läßt sich demnach begreifen, unter welcher Last die Brust eines düstern Melancholikers wie der Graf erseufzte.... Ohnehin waren die letzteren Tage nicht so ganz voll gewesen des ungetrübten Glückes. -- Grillen, Launen, Mißtrauen beschleichen eine Seele wie diese dann eben am heftigsten, wenn sich dieselbe auf dem höchsten Gipfel der Freude befindet. Indeß hatten alle diese Anfechtungen eine unbestimmte Natur -- Alexander wußte nicht recht, gegen wen er eigentlich mißtrauisch sein sollte!... Am liebsten wäre er es gegen den theuersten Gegenstand seines Herzens gewesen -- wenn er an diesem nur, selbst bei der schärfsten mikroskopischen Untersuchung, den geringsten Makel hätte entdecken können...
Aber so ist jene versteckt glühende, rasende, melancholische Liebe. Sie fürchtet, das Geliebte zu verlieren -- und tödtet es lieber mitten im Taumel der höchsten Seligkeit, an welcher so eben Beide Theil genommen. --
Alexander ließ sich auf Gängen, wie der, welchen wir so eben berühren, von Niemanden begleiten, selbst nicht von einem Diener, und wie sehr Cölestine ihn auch bat und beschwor, von dieser Sitte abzulassen, da ihm ja so leicht einmal ein Unfall widerfahren könnte, wo er dann Niemand an seiner Seite haben würde -- so ließ er doch nicht ab. Zärtlich sprach er zu ihr: „Ich bin ja nicht allein, mein theures Weib! -- Begleitest doch Du mich im Geist und in der Seele überall, wo ich auch gehen oder stehen mag.“ Um dieser Zärtlichkeit willen ließ sie ihn endlich doch gewähren -- -- aber sie sendete, ohne daß er’s wußte, ihm zeitweise einen ihrer treuen Diener nach, der ihm in der Ferne folgen mußte. -- Heute hatte sie es unterlassen. --
Wie Alexander nun hinwandelte, fing er an, immer mehr und mehr seine Schritte zu verkürzen; zuletzt blieb er stehen. Er war im tiefen Nachdenken verloren. Ohne daß er’s wußte, stand er schon länger als eine Viertelstunde auf demselben Fleck, die Arme verschränkt, den Kopf auf die Brust gesenkt. -- Mit einem Male jedoch fuhr er auf -- über seine trübe Miene zog, wie Sonnenschein, eine freundliche Helle, der ganze Körper strebte leicht und jugendfroh zur Höhe, die Lippen aber murmelten: „Nein! nein! -- Ich will mir die Süße des Lebens nicht verbittern -- durch unsinnige Betrachtungen! -- Bin ich nicht glücklich -- so ist es die ganze Menschheit nicht! denn wer unter allen Männern besitzt ein Weib wie Cölestine? -- -- -- Ach!“ fuhr er fort und seine Stimme nahm den Ton tiefer Rührung an: „Vergib mir, theure Gattin! Ich habe an Dir ein Verbrechen begangen. Du bist rein wie ein Engel und gütig wie eine Heilige -- und doch konnten meine Gedanken, meine tollen Einfälle Dich beflecken! -- -- Ich verdiene Dich nicht! Ach -- und doch liebe ich Dich so sehr! --“ Und er beflügelte jetzt seine Schritte -- die nicht mehr ihm zu gehören schienen, sondern einem Jüngling von sechzehn Jahren...
Er hatte jetzt einen Hohlweg, dessen obere Flächen mit Wald bewachsen waren, durchschritten -- rechts neben dem Ausgange stand ein Gesträuch, an welches dann später wieder Wald gränzte. -- In dem Augenblick, wo Alexander dieses Gesträuch erreichte, ganz Lust und Freude im Gemüth -- -- hörte er in der Nähe ein Knistern, welches aus dem Dickicht zu kommen schien. -- Bald zeigte sich ihm der Kopf eines unbekannten Menschen; von der übrigen Gestalt aber war nichts zu sehen, sie war gänzlich hinter der Pflanzung verborgen. Dieses Gesicht nun, welches so plötzlich und unheimlich auftauchte, war mit einem dichten Bartwuchse bedeckt und überdies noch von einem großen Hute so stark beschattet, daß man von seinen Zügen wenig zu entdecken vermochte. Es konnte einem Bettler, einem Hirten, einem Bauer und auch einem Räuber gehören -- wiewohl es der Letzteren auf dem gegenwärtigen Stück Erde nicht eben viel geben mag.
Alexander, überrascht, rief den Menschen an. -- Dieser begnügte sich damit, den Grafen mit einem unbeschreiblichen Blicke zu betrachten.
„Wer bist Du und was willst Du, Bursche?“ rief Alexander zum zweiten Male, zugleich ging er fest und kalt, wie es seine Art mit sich brachte, auf ihn zu....
„Halt!“ rief dieser jetzt -- „keinen Schritt weiter!.. oder Sie haben sich unnöthige Mühe gegeben und erfahren nichts, -- während ich jetzt im Begriffe stehe, Ihnen eine für Sie wichtige Nachricht zu ertheilen. --“
Diese Szene paßte so ziemlich in eine komische Räuberaffaire, welche man auf den Theatern, wohl auch in der Wirklichkeit, zu sehen bekommt. Dessenungeachtet brachte sie den Grafen nicht zum Lachen; im Gegentheil seine Neugierde ward durch deren Seltsamkeit auf’s lebhafteste erregt, so daß er unwillkührlich dem Verlangen des Fremden nachgab und den Fuß nicht weiter setzte. -- Aber er schärfte seinen Blick und suchte die Hülle seines Gegners zu durchdringen -- woran er jedoch sogleich scheiterte, denn der Fremde bedeckte nun auch mit seinem Arme das Gesicht, gleichsam als hätte er die Absicht des Grafen errathen.
„Nun!“ rief dieser ungeduldig: „was hast Du mir zu sagen, Unbekannter! -- Oder sollte das Ganze nur ein Scherz sein, den Du Dir mit mir erlaubst? -- Möglich auch, daß Du nicht völlig bei Sinnen bist...“
„In der Welt, mein verehrter Herr“ antwortete der Mann mit einer tiefen Stimme: „ist Alles möglich; dieß habe ich erfahren. So ist es zum Beispiel möglich, daß ein Weib unter ihren Anbetern gerade denjenigen glücklich macht -- der von diesem Glücke am allerwenigsten einen Begriff hat. Sodann ist noch folgendes möglich: dasselbe Weib, welches den Ersten vermöge einer augenblicklichen +Laune+ wählte -- entledigt sich desselben wieder, sobald jene Laune vorbei ist.... und sucht sich einen Andern, gleichfalls aus Laune.... Das Alles ist möglich, mein verehrter Herr -- und dieß ist zugleich das Ganze, was ich Ihnen sagen wollte!“
Kaum verklang das letzte Wort, als der Kopf des Unbekannten verschwunden war; -- man hörte nur noch folgende Worte: „Nehmen Sie sich vor einem glänzenden jungen Herrn in Acht!“ Dann knisterte es noch in den Zweigen, bald hörte auch dieß auf und Alles war still. Der Graf aber stand da, wie von einer furchtbaren Macht festgebannt -- er konnte kein Glied bewegen und glich im ersten Augenblicke vollkommen einer Statue. -- Endlich ermannte er sich und rief dem Verschwundenen nach: „Halt! halt! Noch ein Wort!“ -- Umsonst! von diesem war längst nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören.
Alexanders ganzes Wesen verfinsterte sich und schien zu erstarren. Seltsame Gedanken wütheten in seiner Seele. Was hatten jene Worte zu bedeuten? Standen sie in irgend einer Verbindung mit ihm, mit Alexander? -- Das mußten sie; sonst hätte der Unbekannte sie nicht ihm zugerufen.... Aber vielleicht war es wirklich nur Scherz, vielleicht Wahnsinn! -- -- Ach, hatte Jener denn nicht gesagt:
„Ich stehe im Begriffe, +Ihnen+ eine wichtige Nachricht zu ertheilen!“? --
Es war nicht länger zu zweifeln, diese Nachricht betraf das innerste Leben Alexanders -- das seines Hauses und seines Glückes: seines Weibes! mußte er hinzusetzen, um sich selbst zu verstehen.
Wie der Zahn einer Hyäne nagte diese Idee an dem Herzen des Unglücklichen, der es vom jetzigen Augenblicke an auch wirklich ward. Er stürzte weg von dem Orte des Schreckens -- als fürchtete er, daß aus dem Gesträuche noch mehrere solche Gedanken-Bestien auf ihn hervorbrechen könnten... er rannte in wilder Eile auf dem Wege fort: ob es der rechte war oder nicht, er wußte nichts davon, es kümmerte ihn auch wenig. --