Clementine

Part 9

Chapter 93,820 wordsPublic domain

Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich nicht entschließen konnte, in das Haus zurückzukehren, ging sie in den Pavillon, wo sie für den Abend zu bleiben dachte, zündete selbst die Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je länger sie las, je bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder, lehnte sich in den Divan zurück, das Gesicht in den Händen verbergend. Meining's zärtlicher, sehnsüchtiger Brief that ihr mehr wehe, als die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten. Es ist so schwer, Lob zu ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wäre ihr nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden -- er war nicht an sie gerichtet; er galt _der_ Clementine, die Meining's würdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung -- das war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewünscht; wozu nützte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu sein und -- auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger Aufregung oft befällt; indem alle Gedanken in einander fließen und verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das uns fremd und vollkommen gleichgültig ist, vor unsern getrübten Blicken erscheint.

Da öffnet sich plötzlich die Thüre -- Clementine! ruft Robert's Stimme und mit einem Ausruf des höchsten Entzückens fliegt sie ihm entgegen und sinkt leichenblaß und bewußtlos in seine Arme.

Unter den glühenden Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die zärtlichsten Worte der Liebe, die süßesten Thränen sagen ihm, wie warm das Herz ihm schlägt, das an dem seinen klopft. Robert bat nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fühlten, daß ihr Wesen, ihr Athem -- ihr Blick Liebe sei, und doch floß das Geständniß ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hörte Robert nicht auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich er sei. Ist doch auch in der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Süßer als die Stimme der sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's Ohr. Er ruhte zu ihren Füßen, küßte ihre Hände, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die feinen Finger gleiten ließ. So wechselten Worte, die dem Himmel angehörten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.

Draußen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in großen, rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die grünen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach. Die ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwäche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer behüten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefühl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hülfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals könnte ich, wie Meining, Deiner süßen Furchtsamkeit lachen; und jedes Gewitter, das über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, künftig in den kühlen Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme führt.

Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte die Welt für sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des Entzückens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glück, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's Munde diese Worte der Liebe zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewußtsein über sie, daß diese erste Stunde des Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein werde und müsse. Aber das Räthsel ihres Lebens war gelöst; der ewig glühende Funke in ihrer Brust war, wenn auch nur für einen Augenblick, frei und schön zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte ihr genügen für ein langes Leben.

Verlasse mich, Robert! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und laß uns scheiden für immer. Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, daß sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! -- rief sie und ihre glühenden Thränen flossen auf seine Brust.

Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mußt Du nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will nicht mehr leben ohne Dich, hörst Du, mein Herz! ich will es nicht -- ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen Kämpfen. Leben sollst Du für mich, für mich allein, Du schöne, reine Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein müdes Haupt in den Blättern der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war namenlos elend damals -- ich fühlte es, daß Meining uns nicht trennen darf, da _wir_ unauflöslich gebunden sind, daß er Dich nicht tödten darf, indem er Dich mir noch länger raubt, und doch hatte ich nicht wie jetzt den festen Glauben, daß er selbst, wenn er Dich liebt, auf....

Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt mich, ich weiß es -- dringe nicht in mich, jetzt nicht -- verlasse mich nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter -- morgen hörst Du von mir -- gewiß, nur jetzt gehe -- eile, mein Robert, ich bitte Dich.

Ich _höre_ von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des höchsten Glückes wieder entziehen? Glaubst Du, daß ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frühe bin ich bei Dir, muß ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins lesen und an Deinem Herzen empfinden, daß die Welt die Mühe des Lebens vergelten, überreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in _der_ Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schönes, holdes Glück. Bleibe mir auch im Traume treu -- ist es mir doch wie ein Traum von Jenseits, daß ich Dich wieder gefunden, daß Du mir wieder leuchtest, Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, süßes Weib!

Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Kuß, den Clementine auf Robert's Stirne drückte, in den sie alle Gluth, alle Liebe ihres Lebens preßte, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und Clementine war allein -- allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen blieb, unerschütterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glück in tiefster Seele. Sie wußte, daß es die letzte Stunde gewesen, die sie mit Robert verlebt, und war doch glücklicher als je, obgleich der Schmerz des Abschiedes ihr Herz zusammenpreßte. Jetzt begriff sie, was das Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafür; nur der Gedanke an Meining, nicht der an Robert's Scheiden, störte sie in ihrer Wonne und trat bald als allein herrschend hervor.

Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hände legen, oder ob sie nach wie vor schweigen solle und dürfe? Sie konnte es sich nicht verbergen, daß Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Träume von Liebes- und Eheglück gingen an ihrem Geiste vorüber; sie sah sich in Hochberg neben und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurückkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glück an ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mußte doch immer wieder des verrathenen Meining's mit Thränen denken, in dessen Leben das ihre so fest gewurzelt hatte, daß sie sich seine Trennung von ihm nicht als möglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren, die sie mit einander verlebt, mit rührender Liebe angehangen; sie war seine Freude, sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie schauderte vor dem Gedanken, er würde ein Recht haben, die Treulose zu verachten und zu verstoßen, und er würde doch unglücklich sein ohne sie -- einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen, unglücklich zu werden, auf den Trümmern seines Glückes. Es war eine furchtbare Nacht für die Unglückliche -- als aber der Tag und mit ihm die Herrschaft der Vernunft über die zügellosen Schöpfungen der Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden.

Der frühe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert:

Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen darf, ich muß Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen. Jene Besorgniß, die uns überfällt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thürme der Vaterstadt uns sichtbar werden -- dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfüllung meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens nähere. Ich möchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines Besitzes fühlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergründlichen Augen blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich oft eifersüchtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewiß, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschönert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefühl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefühlt und doch unendlich schöner wiedergegeben, wenn es durch die läuternde Atmosphäre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja! mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen können wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen möglich ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefühl, daß ich in Dir den schönsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher Verblendung über Dich verhängt hatte? Nur das beruhigt mich, daß eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, daß es kein Opfer gibt, _keines_, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.

Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest, als Dein müdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht des Leidens ist vorüber, und eine schöne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen Herd enthält, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich für die Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht, das nach uns lebt -- o! eine schöne Zeit wird uns jetzt werden. Möge sie Dir mit dem heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ängstigt und quält, Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich vereint -- fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An _die_ Zeit denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wünsche sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe, welcher ein Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott sein, wenn Götter stärker zu lieben vermögen, als wir, um Dich so glücklich zu machen durch meine Liebe, als ich es wünsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu! meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe -- wie lange ist das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ewig Dein

_Robert._

Ruhig, wie ein verklärter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde das höchste Glück des Lebens empfunden, nun fühlte sie die Kraft zu entsagen und beschloß Robert gleich jetzt zu antworten.

Clementine an Robert.

Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dünkt. Wir dürfen uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht für einander leben dürfen.

Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen könnte, muß Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heißen Liebe überzeugt haben. Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit gestört, das Geständniß Deiner Liebe von Deinem Munde zu hören, mein höchstes Glück in Deiner Freude zu genießen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mädchenherzens, der Traum meiner Nächte, war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir gequält, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht, die nun _alle_ ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des Glückes, und diese werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben.

Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glück nicht auf Kosten der Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glück und seine Ehre anvertraut, mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die er für mich hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine Gefährtin war, ihn verlassen, da das Alter sich ihm naht? Soll ich ihn dem Gespötte preisgeben, das grausam jeden verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er großmüthig mir vertraute, obgleich er durch mich selbst wußte, daß mein Herz nicht ihm allein gehören könne? Du weißt es nicht, wie zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung, meinen Dank verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich weiß es nicht -- nur das fühle ich, daß ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reißen, daß ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf und selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich gestern mit Dir verlebt, und der mich über eine freudlose Vergangenheit trösten, für eine schwere Zukunft entschädigen sollte.

Ich lege mein Loos in Meining's Hände; er mag mir vergeben, mich von sich weisen -- Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wäre, meinen Gatten zu überleben. Sieh darin keine Schwärmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weißt es, für ein unauflösliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Händen des Einen in die des Andern übergeht; ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib muß sie dem Manne gehören -- daß ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das Unrecht, welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch Deine hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich überredete, es sei Pflicht; weil ich glaubte, ich könne Dein vergessen und frei werden.

Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Sünde gegen Dich zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu vergessen, so wenig würde das Andenken an Meining je für mich aufhören. Könntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im Stande wäre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrath denken würde, den es begangen? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergällt wäre?

Täusche Dich nicht, mein Robert! so würde es sein. Ich, gequält von innern Vorwürfen, Meining einsam und verhöhnt; sein Name, für dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau -- und Du? Robert, ich fühle, was ich Dir einst hätte sein können, kann und wird Dir keine Andre werden -- was ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, daß ich selbst mich um den Himmel gebracht, Dich so zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre ich zweifach elend, denn ich würde Dich unglücklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wäre verloren. Oder ertrügest Du es ruhig, zu hören, das ist Thalberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden, die Thalberg jetzt geheirathet hat -- und die lächelnden Blicke, welche solche Worte begleiten -- o! es wäre ein Fluch, der über uns schwebte, gegen den wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen fänden.

Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir für einander und nur, wie man der theuren Todten gedenkt, laß uns an einander denken. Die Thränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fühle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weißt es und fühlst, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb.

Lebe denn wohl -- Robert, mein Leben, mein Glück! -- ich nehme Dich bei dem Worte, daß kein Opfer Dir zu schwer sei für mich. -- Versuche es nicht, mich zu überreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, daß Du noch heute Berlin verläßt, daß Du es nicht versuchst, mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.

Und nun Gottes schönster Segen über Dich! Möge eine reiche Zukunft Dich für den Schmerz dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft, wie einer Schwester, der Dein Glück tiefstes Bedürfnis ist; mögest Du das Glück finden, das Du von mir erwartet, mein heißgeliebter Robert! Lebe wohl, mein Robert! und denke ohne Sorge an mich -- jetzt werde ich Ruhe haben. Ich habe das schönste Glück empfunden -- ich konnte es besitzen und opfre es meiner Ueberzeugung -- das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl.

_Clementine._

Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben. Es war geschehen -- tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie ihn nie gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, Meining sollte jede Verirrung ihres Herzens kennen, darum schrieb sie ihm:

Clementine an Meining.

Ich habe gestern Deinen Brief aus K.... erhalten, der mich tief gerührt und gedemüthigt hat -- um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir anklagen muß. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschönigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser scheinen, als ich es bin.

Du weißt, als Du mir Deine Hand angetragen, zögerte ich, sie anzunehmen, nicht aus Mißtrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht verborgen, daß ich einen Andern geliebt, daß sein Andenken mir noch sehr theuer war -- aber ich hatte Dir versprochen, dagegen zu kämpfen, und das habe ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht erstorben -- sie ist neu erwacht, als ich den Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder gesehen. Tausendmal hat das Geständniß auf meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein ausdrückliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich zurückgehalten, und mehr noch, daß ich Dich, den ich von Grund der Seele ehre und achte, nicht betrüben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein Glück war der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg über mich zu gewinnen.

Seit acht Tagen ist Thalberg zurückgekehrt hat täglich versucht, mich zu sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mußte. Gestern ist er unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Geständniß seiner Liebe gehört, ich habe ihm gesagt, daß ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen, weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fühle. Daß ich nicht willig dieser Leidenschaft gefröhnt, daß ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt, dafür bürgt Dir Deine Kenntniß meines Herzens, meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit. Du hast ein Recht, die Treulose von Dir zu weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du mußt mir Deine Achtung erhalten; denn ich selbst habe Robert entsagt und für immer. Halte das nicht für leere Worte, welche Dich bestechen sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewußtsein Dein, während am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg störend zwischen Dir und mir stand. Ich fühle mich unzertrennlich an Dich gebunden und würde mich noch als zu Dir gehörig betrachten, wenn Dein gekränkter Stolz mich verstieße. Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen büßen lassen, was ich gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich dessen durchaus würdig fühle.

Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weißt Du Alles; gewähre mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte mir, wenn Du es vermagst, Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich für Dich fühle -- nur an Dich selbst appellire ich, und ich wünsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden, als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die Krisis ist vorüber, und ich werde genesen, ich fühle es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt, Du wirst die Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um für Dich zu leben.

Vergib mir und sage mir bald, daß Dir mein Leben noch werth sei, daß Du meine Stütze und mein Freund bleiben willst -- schreibe mir bald, ich verlange sehr nach diesem Briefe, und vergib mir Alles, mein guter Mann, was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that. Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben kann, und laß mich Deine Clementine bleiben.