Clementine

Part 8

Chapter 83,905 wordsPublic domain

Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsräthin Ringer herbei, fragte neugierig nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den Zweck dieser Fragen wohl kannte, daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch finde, daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg reise. Dankbar entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gäste folgten Abschied nehmend, preisend und scherzend -- Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die matter brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die die Köpfchen sinken ließen, und sowie diese, gebrochen an Körper und Geist, zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank auf ihre Augen.

Dreizehntes Kapitel.

Mit dem Gefühl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine am nächsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles gleichgültig. Ein grauer Nebel schien ihr über die Welt gebreitet, die warme Frühlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang würde die Zeit ihr werden -- was sollte sie denken überhaupt, was erwarten? wie das Leben ertragen? Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte nochmals zu schlafen versuchen -- ach! im Schlafe hatte Robert's Bild vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Sünde. Da öffnete Meining leise ihre Thüre und fragte: Bist Du schon wach, mein Kind? Ich muß um acht Uhr fort, komme erst spät zurück und wollte sehen, wie es Dir nach dem Balle geht?

Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhänge fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, daß Meining nicht aufhören konnte, ihr zu sagen, wie hübsch sie sei, sie zu herzen und zu küssen, während sie kalt und regungslos dasaß. Jetzt, das fühlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den entschiedensten Abscheu eingeflößt hatten; sie mußte die Liebkosungen eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehörte einem Andern. Ein eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmächtig auf ihr Lager zurück. Meining schellte nach dem Mädchen und eilte selbst Essenzen und =Eau de Cologne= aus der Toilette herbeizuholen, um ihr beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte, befragte er das Mädchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau Geheimräthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas vorgefallen wäre? erhielt aber nur den Bescheid, die gnädige Frau hätte gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell als möglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulöschen, da sie nicht mehr lesen werde. Nur das wäre ihr aufgefallen, daß der gnädige Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und daß sie ein immerwährendes Schauern gehabt hätte, als ob es sie kalt überliefe. Ueberhaupt, schloß sie, muß unsre gnädige Frau doch wol krank sein, obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn während sie in Heidelberg fortwährend las oder schrieb oder die Kinder von Professors bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch, wenn sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen oder mit gefalteten Händen starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder dürfen nicht mehr zu ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen; dann ist es plötzlich vorüber, die gnädige Frau erholt sich und wird wieder ganz munter.

Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgniß zu beruhigen. Eine körperliche Störung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden. Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb ihm daher nur die Vermuthung, daß irgend ein Seelenleiden seinen nachtheiligen Einfluß auf Clementine äußere. Vergebens aber sann er, was es sein könne. Er war es sich bewußt, seine Frau mit der herzlichsten Liebe umgeben zu haben, sie besaß Alles, was das Leben angenehm machen, es verschönen konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das Glück stören -- er wußte keinen Grund für das plötzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und beschloß, sich noch heute an Madame Klenke zu wenden, um vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet zu werden, da der Zustand seiner Frau ihn im höchsten Grade beunruhigte.

Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschluß geben. Sehen Sie, bester Geheimrath! Ihre Frau war immer anders als wir Andre, stiller, sehr =posée=, vernünftiger und besser als wir. Schon als Mädchen hatte sie an Putz und Gesellschaft keine Freude und nun als Frau ist sie auch wieder nicht wie wir. Sie hat gewiß die nobelsten Grundsätze, aber sie exagerirt, daß sie z. B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist -- daß sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine Schlittenpartie machten und wir Alle und Thalberg sie so sehr darum baten, nur darum nicht fuhr, weil Sie nicht daran Theil nahmen; das sind Alles eigenthümliche Ansichten, mit deren Ausübung sie uns Andre tadelt -- und wir, ich an der Spitze, möchten es ihr übel nehmen, =mais comment faire=? Sie ist so gut, so zuvorkommend, daß es ganz unmöglich ist, nicht für sie eingenommen zu sein, und das sind wir Alle, Frauen und Männer und mein gestrenger Herr und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden rühmen sie noch nebenher als das Muster einer Ehefrau, und wirklich »Meining wünscht oder Meining möchte nicht gern« ist das A und O bei ihr. Machen Sie nur, daß sie sich erholt, denn sie sieht jetzt bisweilen übel aus =à faire pitié=.

O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte Meining, hätte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden, der Ball mußte durchaus gegeben werden, weil die Arrangements einmal getroffen waren. Nun haben wir leider die Folgen.

=As for the ball=, damit hat es seine eigne Bewandtniß, und da hat Clementine Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Die Arrangements ließen sich wol abändern, aber der Ball galt Thalberg und noch Jemand, sonst hätte sie ihn gewiß aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst sagte, sehr unwohl fühlte.

Er galt Thalberg? Was soll das heißen?

Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt weiß ich es nicht -- =mais pas si bête qu'on voudrait me croire=! Als ich neulich bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hieß, sie hätte ein =tête à tête= mit der Staatsräthin Ringer -- was kann sie mit der fremden Frau haben? Nachher des Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen, sie hätte eine Weile mit ihm geplaudert und gestand mir, =en secrêt=, es sei die Rede von einer Verheirathung Thalberg's gewesen. Dabei war sie in der glücklichsten Laune, also hatte er gewiß eingewilligt. Nun kommt ihr Ball. Die kleine Ringer mußte die Tochter vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und =c'est une affaire finie=!

Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg sagte mir vor einigen Tagen, daß er genöthigt sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist möglicher Weise schon fort, sagte Meining.

=Comment donc!= abgereist? =I do'nt believe!= rief Marianne.

Glauben Sie es immer, Sie werden bald seinen Abschiedsbesuch oder seine Karten empfangen; indeß wußte er selbst nicht, wie lange er fort bleiben würde. Dabei fällt mir ein, daß ich sehr lange hier bin und mich Ihnen empfehlen muß. Gehen Sie immer eine Stunde zu Clementinen, schöne Freundin; es wird ihr gut sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst damit; denn sie muß Zerstreuung haben. Adieu! und reden Sie ihr recht zu, bald in den Thiergarten zu ziehen; sie muß Ruhe haben, frische Luft und Bewegung, das wird das Beste für sie sein.

Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken zu hegen schien, daß die Geheimräthin sich unglücklich oder nur unzufrieden fühle, beruhigte Meining bedeutend; er ging rüstig an seine Tagesgeschäfte und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine Frau in zierlichem Negligée, heiter und freundlich seiner wartend. Sie hatte, weil Meining ihr die größte Stille empfohlen, in ihrer Stube serviren lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fühlte, und sie bemühte sich, den Schreck, den sie ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als möglich in den Hintergrund treten zu lassen; da sie von Mariannen erfahren, welch beunruhigenden Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht hätte.

Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus sehr zeitig zu beziehen, machte Clementine den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich dort eine Weile zu ergehen und zu überlegen, wie man sich daselbst am behaglichsten einrichten werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden war. Die Bewegung in frischer Luft that ihr sehr wohl und lohnte ihr den Zwang, den sie sich ihrem Manne gegenüber auferlegt hatte, als sie die Fahrt, ohne die geringste Neigung dazu, in Anregung brachte. Dann ließ sich Meining zu einem Freunde fahren, dem er den Abend zugesagt hatte, rieth seiner Frau sich zeitig zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch eine Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte, und so trennten sie sich für den Tag wieder auf die freundlichste Weise.

Vierzehntes Kapitel.

Aus Clementinens Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es büßen, daß Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines Alters sein, daß Dich in Deinem Hause ein kränkelndes, mißmüthiges Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist, wie er für mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der -- -- O! Gott! fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glück, sein Wohl allein dürfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.

Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür, wenn ein Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorüber, Thalberg ist fort -- auch er wird Frieden finden und glücklich werden. Ich -- muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.

_Im Thiergarten_, d. 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals anders werden möge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so überreich an Liebe in das Leben sah? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte -- das wäre das Einzige, was ich wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und Robert freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es bedarf.

Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schön zu erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, daß es mich versteht, daß es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Hätte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen dürfte, die würde mich nicht so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen und mich beklagen.

Pflicht! -- hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu _schaffen_, die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.

Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan, und hauptsächlich hoffte ich Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich hätte und in K.... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Bergluft nicht ertragen können. Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei sein höchstes Gut! -- Wie es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham, und Meining glaubte, daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten -- ich täusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein, daß ich für ihn hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!

Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe -- weil ich nicht, wie ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme. Nur noch einmal möchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen! aber wozu auch? Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort -- bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden, wie das Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt.

Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.

Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben ist mir Eins -- wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath zu überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben. Thörichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen Liebe -- sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir zerstört und keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hören -- ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.

Den 12. Mai. Robert ist _hier_; er ist hier, in meiner Nähe, ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt; ich hätte es nicht thun sollen. Und doch weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verächtlich wird es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte zu ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn anbete; ich, die dreißigjährige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue, die Ehe.

Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und möge Meining nie ahnen, was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll und muß ruhig bleiben, und muß ich leben, elend wie ich bin, so will ich allein es tragen -- allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude entbehrend, allein leben und am liebsten -- bald allein und einsam sterben.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

_Berlin_, d. 16. Mai.

Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufällig geschrieben, daß Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und ich bin ihr Mörder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte, mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich weiß es, an meiner tiefen Begeisterung für sie, daß sie mich liebt, daß sie für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es büßen, daß sie sich unwürdige Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken? Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht weiß, was dieses große Herz bedarf, wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt muß ich sie ungestört sprechen, mich mit ihr verständigen, da Meining nicht hier ist.

Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen, die sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht. Sie muß sie durchkämpfen, wie ich es that, um später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, außer dem Bereich der Natur und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen für einander geschaffen, so ist es Clementine für mich; ich könnte sagen, sie sei der Weib gewordene Robert, sowie ich alle _ihre_ Gefühle, nur männlich stärker, in mir wiederfinde; und doch drückt es Das nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Großen, das ich gedacht -- sie war mein, sie soll es wieder werden.

Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben hätte; ich hatte sie vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis! -- nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet.

Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde, mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Hätte ich sie nur gesprochen -- aber sie will lieber sterben, als abweichen von Dem, was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste Mensch auf der Welt -- selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nähe. Lebewohl!

_Robert Thalberg._

Funfzehntes Kapitel.

Es war ein schwüler, heißer Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und eine namenlose Beängstigung drückte Clementinens jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubniß, den Sonntag auswärts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das Domestikenzimmer befand, da die Geheimräthin erklärt hatte, ihrer nicht zu bedürfen. Alles um sie her war still und einsam, sie saß lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trüber und trüber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben, die ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden unermüdlich fort, so oft er abriß, ihn auf's Neue knüpfend -- kein Laut in der Natur, außer dem heimlichen Flüstern der Bäume, die nicht aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glühenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie mußten Clementinen erdrücken, wenn es so fortging -- sie hielt es nicht länger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Kühlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei der Straße und sah den Briefträger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths brachte.