Part 6
Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich würde es gewiß meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, sehr verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche würde; und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für allgemeine Weltfreiheit Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.
Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau! fragte sie der Obrist.
Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich die demagogischen und liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, daß ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr =un et indivisible= ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.
Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundsätze für Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben -- und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unerträglich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes groß und prophetisch geklungen hatten.
Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich glaube auch, daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muß. Ich wünsche nur, daß sie von dem freien Manne abhänge, der in ihr den Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns den Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil für sie dieselbe ein Unding ist.
Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu Thalberg's Aeußerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein; denn, wenn sie auch die =femme libre= der St. Simonisten empörend finden, so ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren, und ich für meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige so recht schöne junge Mädchen als Collegen oder Schüler in mein Atelier geschickt würden.
Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen!
Und glaubst Du, Lieber, daß ich dazu nicht vortrefflich wäre? Glaubst Du, wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet hätte, mit denen man die jungen Leute so früh bekannt macht, ich hätte das nicht auch erlernen können? fragte Clementine.
Im Gegentheil; ich bin überzeugt, Du wärest der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge gehalten haben. In Fällen, in denen psychische Leiden der Krankheit zum Grunde liegen, würde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswürdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir Männer; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen die Frauen gewiß in höherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des Herzens, der wirklich sehr groß bei ihnen ist.
Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist, noch die Pferde, vor denen Sie sich fürchten, und auch mein Adjutant wird bei aller Verehrung für Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die Ihnen ebenfalls Angst verursachen.
Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Züge und Augen drücken Nichts davon aus.
O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flößt fast jedes Thier ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein ordentliches Gewitter schickt, führt er mir damit jedesmal meine Frau ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet, ehe sie während eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf zurückzukommen! ich möchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir z. B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.
Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie, meinem ganzen Wesen nach, für mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch gleiches oder wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig Leid aufbürden, das sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir müssen Herr sein über uns selbst, sonst über Niemand -- und so denke ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken könnte, wäre, eine Erziehung zu befördern, die uns für unsern Beruf tüchtiger machte.
Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie nicht? fragte der Obrist.
Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken kann -- es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.
Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden läßt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hölle machten und ein Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen erblühen könnte?
Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiß ich bestimmt, daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und daß ich die Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, durchaus nicht begreife.
Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küßte sie, trotz der Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft sich bald trennte.
Zehntes Kapitel.
Thalberg war allmälig ein täglicher Gast im Meining'schen Hause geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den er immer auf sie geübt, kämpfte unaufhörlich gegen eine Liebe, die nie in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je, erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde folgenden Brief schrieb.
Thalberg an den Hauptmann v. Feld.
d. 18. Dezember.
Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, daß ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde hersenden möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.
Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet, die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich häufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt dazu die Geheimräthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste Tournüre und die wohlwollendste Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich müßte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir denke, daß diese noch junge Frau dem alten Manne gehört, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als die Geheimräthin, ich glaube, ich könnte mich noch entschließen, mich zu verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges, das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.
Du siehst, Dein guter Rath von neulich trägt vielleicht noch Früchte; willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide.
_Thalberg._
Derselbe an denselben.
Am zweiten Weihnachtstage.
Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath hätte außer dem Hause gespeist, die gnädige Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll, lächelte so pfiffig, daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schönste und größte Puppe, wenn Du nur still halten möchtest.
Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je im Leben gesehen habe. Das glänzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein geröthete Gesicht blendend schön in dem Ausdruck von Glück, das aus ihren Augen strahlte.
Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit sein, mich zu sehen. Die Thüren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir geführt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.
Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet, die beiden größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste saß bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter von Madame T..., die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.
Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden größern Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Röschen, das ist der Onkel Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön und freundlich wie Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt thun konnte.
Clementine wurde glühendroth und gleich darauf sehr bleich; Thränen traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr herkommen, Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt -- o! mein Gott! ich hätte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen -- ich liebe Clementine.
Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß ich, daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, daß ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glück gebracht; ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet.
Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Füßen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich -- ein unvergeßliches Bild in der Seele. Es ist mir lieb, daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich sie anbete, will ich selbst über sie wachen und fast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde -- und doch scheint mir das Leben nur möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.
Daß ich bleibe -- bedarf nun keiner Bestätigung.
_Thalberg._
Der Hauptmann v. Feld an Robert Thalberg.
Den 27. Dezember.
Unsinniger, was fängst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht mehr, daß Du Caroline eben so heiß geliebt, daß sie Dir auch das vollkommenste Weib geschienen? Rede mir nicht davon, daß Du bleiben willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu verlassen, ehe es für Euch Beide zu spät wird. Grade weil ich überzeugt bin, daß Clementine nie einen Andern liebte, als Dich, weil ich auch glaube, daß nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln -- weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und fürchte, grade darum mußt Du fort.
Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglücklicher zu werden, als sie es vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewußtsein, das sie bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren häuslichen Frieden Deinen Wünschen opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie mehr, daß Du Clementine geliebt hast.
Der Deinige v. _Feld_.
Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.
Den 29. Dezember.
Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwürfe vergebe ich Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwähnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt fühle ich es mehr als je, daß nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzückte, stürmische Beifall des Publikums sie über sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst zu fühlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest und groß, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so gewaltig, daß es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in ihr, was ich erwartet hatte, einen großen Charakter, ein glühendes Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flößte sie nicht ein. Ich war eitel darauf, _sie_ zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen und ihr kühnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthümliches Glück empfunden. Es liegt ein großer Reiz in der Hingebung einer Frau, die der Bühne, der Welt angehört; sie regte meine Phantasie mächtig an, meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr, ich war außer mir. Ich hätte sie und den Grafen ermorden können, als sie mit ihm entfloh -- ich hätte mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen; aber nie ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wäre Caroline mir treu gewesen, ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie hätte mich fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet, hätte ich mich über mich selbst, über sie, über Alles noch lange, wer weiß, ob nicht fast für immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand. Nun aber! Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte meiner ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der züchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses -- ich wäre der seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glücklich sein oder unendlich elend -- und jetzo bin ich elend.
Sie verlassen kann ich nicht; genug, daß sie sich mir entzieht, so viel sie kann, daß ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiß es ihr Dank, daß sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich weiß, sie und ich, wir haben Beide keine Hoffnung auf Glück, als das, uns in flüchtigen Momenten zu begegnen, die abzukürzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe.
_Thalberg._
Elftes Kapitel.
Aus Clementinens Tagebuch.
Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen Arm zu stützen, während mein Herz Nichts mehr kennt, als Robert und diese unglückselige Liebe? Ach, ich hätte mich so gern getäuscht; ich wollte mich überreden, daß ich ihn jetzt mit Ruhe sehen, daß er mir ein Freund werden, daß er mein armes, einsames Leben verschönen könne -- und ein Kind mit seiner Einfalt muß mir die Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafür?
Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So muß ich ihm täglich begegnen, mich verstellen, lügen und kalt scheinen, während die heißeste Liebe mich zu ihm zieht, während ich fühle, wie er mich liebt. Ach, nun ist es zu spät, Alles vorbei für mich, und mir bleibt keine Wahl, als fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern liebt! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte! -- und wie soll es enden.
Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straßen und peitscht den Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es fröstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er käme zurück und bliebe bei mir -- denn ich fürchte mich allein, vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich holen ließ, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Straße hinaus; eine arme Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte; ich ließ sie hereinholen, wärmen, speisen und kleiden -- wohl ihr, daß man ihr helfen kann. Mir kann Niemand helfen!
Den 2. Januar. Mir träumte die ganze Nacht von Dir. Ich saß mit Dir und den Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und niederwogte, und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer neue bildend und die frühern zerstörend. Darauf erzähltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon früher begegnet, da haben wir uns geliebt, und Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing ich bitterlich an zu weinen. Du aber küßtest mein Haar und führtest mich hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf Deinem Arme, wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du zogst lange, weiße Perlenschnüre aus den Wellen und schmücktest mein Haar, daß mir die vollen Perlenreihen bis an das Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte: aber Perlen bedeuten ja Angst und Thränen? und Du lächeltest trübe und sprachst: erwartest Du es anders, Geliebte?