Clementine

Part 5

Chapter 53,838 wordsPublic domain

Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfällige Staatsmaschine hat an einem Hügel, der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt gemacht und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt darüber fortzuziehen, wäre Thorheit -- aber wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus und vor Allem den redlichen, durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Königs; ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; -- aber er hält die Zeit noch nicht geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles verderben; darum muß man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizuführen und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur möglich wird, ihm die verheißenen Freiheiten zu gewähren, sondern unmöglich, sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den Gewerbtreibenden, muß und wird die neue Zeit beginnen -- nicht von der Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntniß und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und sicher zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen, um neu zu bauen -- sondern nur schon Vorhandenes, Gegründetes ausbauen, nach den Bedürfnissen unserer Zeit.

So bewegte sich das Gespräch eine Weile fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, daß Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und bat, man möge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest das Sprechen verschworen -- oder wärest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.

Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weißt ja, daß ich manchmal meine stillen Tage habe, und außerdem war mir die Unterhaltung so interessant, daß ich lieber hören als sprechen mochte und gern noch länger zugehört hätte.

Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.

Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht fürchten darf zu stören....

Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen.

Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining ließ es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die Einladung für morgen zurück -- dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, daß Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschäftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen, die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.

Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewußtsein, ihren Mann absichtlich getäuscht zu haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit waren ihr letzter Gedanke.

Achtes Kapitel.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

_Berlin_, d. 5. Dezember 1839.

Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behörden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal begrüßt. Es ist ein Unrecht von Dir, daß Du Deine langweilige Garnison nicht verläßt und die 20 Meilen herüberfährst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich könnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen über das Leben und die Vergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze Generation, die ich früher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, daß diese Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, für Alle eben so alt, als für den Einzelnen immer neu ist. Für mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu genießen, als ich es vermag, und Andern zu nützen, so gut es geht.

Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch weiß ich, daß ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach meinem lieben Hochberg, daß mir die =beau monde= fade, die Stadt eng vorkommen wird, und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen Wäldern, zu meinen gefrornen Seen zurückeilen werde. Auch habe ich, für den Fall, daß diese Lust mich plötzlich anwandelt, meine Einrichtungen getroffen. Die Bücher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen dachte, sind, wie die Flinten und die übrigen Dinge, besorgt, und ich glaube fast, länger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu amüsiren. Es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.

Denke Dir, welch sonderbares =rencontre= ich hier gehabt! Du erinnerst Dich wol der schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brühl'schen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour machtest, bis Du zufällig bemerktest, daß mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und -- doch Du kennst die Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen, die zwischen meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine unerwartet als Geheimräthin von Meining wieder gesehen und sie sehr verändert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und älter, als sie ist; eine wehmüthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen, daß sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter, fast ein Greis. Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehr =en vogue= ist; übrigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich für den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd -- wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.

Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich hier wiederzusehen. Laß mich bald von Dir hören, damit ich meinen Aufenthalt danach einrichte.

Derselbe an denselben.

Den 8. Dezember.

Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg führt? Es ist eine Thorheit, daß Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thöricht, als Dein Vorschlag, daß ich länger in Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg suchen solle. Ich denke, über _den_ Punkt kennst Du meine Gesinnungen. Nach den Täuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward für einen Laffen, bin ich mit der Liebe für immer fertig, und eine bloße Haushälterin -- dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten muß, wenn sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die Charaktere noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! -- und überlege Dir selbst, wie viele von unsern früheren Bekannten glücklich oder innerlich gefördert worden sind durch die Ehe, die ich übrigens nicht angreifen will. Sie paßt nur nicht für Jeden, und ich glaube, ich würde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Hätte ich zu 26 Jahren geheirathet, ich wäre nun vielleicht ein solider Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche führt und die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das nicht mehr angehen. Nimm selbst den Fall, ich fände ein Weib, wie ich es wünschen müßte, das Wort und Probe hielte -- wo wäre die Gewißheit, daß ich für sie paßte? In der Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glücklich -- das scheint mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden -- ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung für den Mann, den Jeder für ihren Vater halten muß. Sie kann wirklich noch hübsch sein, gradezu hübsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig verändert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück, erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer schönen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das heißes Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern der lichte, zarte Wiederschein einer glühenden Seele und ganz etwas Eigenthümliches an ihr. Sie ist überhaupt eine interessante Frau.

Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und dann geht's bald nach Hochberg zurück.

Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg.

d. 11. Dezember.

Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, daß ich diesen Brief in Gottes Namen nach Berlin richten kann, und daß er Dich dort finden wird. Fährst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die Geheimräthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt, daß Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst glaubtest; wo Du von Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, während eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen saß -- bis jene unglückselige, aber doch göttlich schöne Caroline wie ein zerstörender Komet an Deinem Horizonte erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortriß. Es war eine tolle Zeit. Du bist übrigens mit den Weibern gar nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernünftige Frau nimmst, stehe ich für Nichts. Sei gescheut und mache aus Großmuth und Reue, »aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft«, keine dummen Streiche.

Das ist ein ehrlich Soldatenwort -- kurz und bündig, wie ich es liebe.

Aus Clementinens Papieren.

D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorüber. Der Mensch kann doch gewaltig viel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzücken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern wiedersah, hätte ich es nicht für möglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes weinte und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd geworden sein muß, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin. Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Versöhnung einer langen Vergangenheit darin -- oder trog mich mein Wunsch? Er ist noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen, die ich aber nicht wünsche, weil sie mir den größten Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgültigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, muß man erreichen können; auch fährt Thalberg ja in den nächsten Tagen fort, und Alles bleibt wie es war. Er muß viel gedacht und erlebt haben, es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht und was ich dennoch höre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so aufgeregt wäre; ich fiebre und bebe unaufhörlich: so ein Frauenkörper ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wäre schon fort.

D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben von Mariannens Ball zurück, und ich glaube, ich gerathe wieder in die Kindheit, so munter und frisch bin ich. An Schlaf ist noch gar nicht zu denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer einen belebenden Einfluß geübt hat -- sogar schreibelustig bin ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch, vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich möchte es mir zum Maßstab für unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir fast leid gethan, daß ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe. Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst auch nicht mehr, wir müßten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte aber nicht. Als ich mich entschloß, Meining's Frau zu werden, habe ich durch die Verbindung mit einem so viel ältern Manne dergleichen Genüssen entsagt, indeß habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich, während die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glücklich wären, einander wieder zu sehen? Wir müßten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewiß und wünsche nur, daß Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schön ist; und von der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung höchst zuwider, ich schämte mich und fürchtete, mein Mann könne es hören; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, daß er nicht auf das Geschwätz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach; lachte, that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch machen lassen, =ma belle=! und der galante Thalberg hat das noch nicht vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er halte Dich für eine höchst interessante und schöne Frau. Und darin hat er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit =in full dress= bist, siehst Du wirklich so =lady like=, so distinguirt aus, daß es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewisses =je ne sais quoi=, das man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen kann -- heute indeß bist Du ganz reizend! -- Ah! da kommt wieder der schöne Thalberg -- ich will nicht stören, =car l'on revient toujours à ses premiers amours=, nicht wahr Herr Thalberg? -- und damit ging sie fort. Ich war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir sprachen noch einen Moment über Marianne und ihre leichtfertige Weise, welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungenießbar macht. Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach Hause, als man zum =souper= ging.

Neuntes Kapitel.

Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, daß er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht versagen können. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen, überlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken? So entschloß sie sich, ihn für den Abend einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu.

Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist B. und den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mußt Deinen Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.

So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fühlte eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjähriger Trennung, zum erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mußte, allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet waren! Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten; denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte.

Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiß, daß Sie von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzückt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.

Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, daß mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefühlte in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Daß der Schmerz über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend -- daß er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.

Ja freilich, =à l'usage de la jeunesse= ist er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreißt; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und Glaube -- Sie würden Heine vielleicht anders beurtheilen.

Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichter beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, daß er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflößt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schließe, muß Heine's Zerrissenheit....

Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr groß, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? -- etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstößt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung -- wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt, wer sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze -- der ist kein Mensch, der müßte ein Gott sein.

Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.

Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?

O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine, um ihn von dem Gespräch abzuleiten.

Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?

Niemals! -- als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.

Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem das heiße Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?

Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages. Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte sich heute, daß Clementine, die in früher Jugend, als seine gelehrige Schülerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?

Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt, daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein unerläßliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu schwärmen und über Politik zu sprechen -- und nur von _dem_ Glauben bin ich zurückgekommen.

Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?