Part 4
Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein Verwandter für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verließ, und hatte sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Räume. Es war ihr, als hätte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde! Die Zimmer, kaum nothdürftig möblirt, schallten wieder von der Stimme der Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr -- sie waren todt, entfernt! und doch saß da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem Wachtelhündchen, vor der Thüre die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüßend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen zu Thiermann -- es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren, auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung wurde durchwandert, Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze nächste Zeit.
Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für sie. Meining wünschte sein Haus glänzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der geistigen Celebritäten zu machen, und in diesem Sinne mußten die Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geläuterter Geschmack, ihr angeborner Schönheitssinn ihm vortrefflich zu Statten kamen. In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in die eleganteste Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in diesen neuen Verhältnissen zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde vorgestellt. Ein großer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermißte sie doch gar sehr ihre früheren Bekannten, deren nur noch äußerst wenige in Berlin lebten. Von den Mädchen waren die meisten verheirathet und mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls versetzt; so, daß ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von dem frühern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig und unglücklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, daß Jemand so lebensfroh, so vollkommen glücklich sein könne, als Marianne, deren gutmüthiges, offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus fast täglich bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen Einfluß auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen, ließ Clementine die Hoffnung nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den neuen Verhältnissen angenommen, zurückkommen, je mehr diese ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschäftigung werden würde. So gab sie sich ohne Rückhalt dem Vergnügen hin, das ihr das Beisammensein mit Mariannen gewährte, die »außer sich vor Entzücken« über die Rückkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen viel beisammen zu sein, weil ihre Männer durch Geschäfte gefesselt und sie dadurch oft allein waren.
Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu übernehmen, durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchführen, da er bald von den ersten Familien in bedenklichen Fällen zu Rath gezogen wurde und die Hülfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, daß er kaum Zeit für die nöthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei der Universität behielt, und die Folge davon war, daß Clementine ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, daß die Eheleute, die sich Morgens nur flüchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie außer dem Hause oder in Gesellschaft im Hause einnahmen, und daß dann Meining seiner Frau dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe.
Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und Madame Klenke beschwor Clementine, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mädchenzeit, _ein wenig zu plaudern_, welches der Kunstausdruck der Damen für ihre vertrautesten Herzensergießungen ist. Später, zum Thee, sollten die Männer zurückkehren. Marianne hatte der Geheimräthin nie nahe genug gestanden, als daß diese geneigt sein konnte, mit ihr über die Verhältnisse ihrer Vergangenheit oder über ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genuß versprach, willigte sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen zu sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich auf ein Sopha und begannen, wie gewöhnlich, mit den nahliegendsten Dingen. So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette.
Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine! sagte sie; schon als Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und die Diener in schönster Livree sieht, müßte man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen -- =mais non!= eine Herrnhutherin, eine =soeur grise= sieht heraus, mit edlen Zügen, dunkeln Augen, der interessantesten Blässe; und man erfährt verwundert, die Dame im schwarzen Kleide, =collet monté=, die in graziöser Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche Geheimräthin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer, der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Und weißt Du, =dearest love=! Man muß in der That glauben, Du wärest nicht glücklich. Die junge, schöne Frau eines alten Mannes, die so =languissante= aussieht und jeden Schmuck verschmäht, muß durchaus unglücklich sein. Aber =plaisanterie à part!= bist Du denn glücklich verheirathet? Ich konnte mir gar nicht denken, daß Du jemals einen so alten Mann heirathen würdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz?
Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben kann. Und in der That! jung bin ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreißig Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau.
Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger wäre! und doch behandelt mich mein 34jähriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur daß er gern möchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wünscht. Schade überhaupt, daß Du nicht meinen Mann geheirathet; er ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verständigen, geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzählte, daß Ihr in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie häuslich Du eigentlich wärest, schien das meinem Manne =le comble du bonheur=, während ich mir fest vornahm, Dich für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen. Was hast Du denn eigentlich dort angefangen?
Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein -- aber hier sehe ich Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft unterhält, so werde ich es sehr bald müde werden und Meining vielleicht noch früher als ich. Dann beginnen wir wol unser stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es machen.
Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast; =quant à moi!= Ich stürbe bei dem bloßen Gedanken.
Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt, Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du weißt, ich bin auch als Mädchen gern zu Hause gewesen.
Madame Klenke sah plötzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit schmeichelnder Stimme: Hören Sie, gnädige Frau! =je me méfie de votre sincérité= -- mir ist es oft gewesen, als hätten Dero Gestrengen, was man so nennt, =une passion malheureuse= gehabt, und als hätten Sie sich nachher aus =dépit amoureux= verheirathet. Nein, sei nicht böse, süße, einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß Letztere plötzlich glühendroth und sehr ernst wurde -- ich habe es in der That geglaubt, als ich Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verließ, einmal deshalb anging, weil Du mit ihr früher so bekannt warst, sagte mir, sie hätte nie davon gehört. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen, und da wirst Du böse! sei gut -- ich weiß ja, Du bist ein Tugendspiegel; aber daß Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir.
Clementine war schnell ihrer Aufwallung Meister geworden und bemühte sich, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie versuchte die Neckerei in derselben Art zu erwiedern, bat endlich, Marianne möge ihr die kleine Nanny holen lassen, und in dem Tändeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zur Rückkehr der Männer. Meining fand seine Frau verstimmt; sie klagte über Ermüdung und trieb früher als gewöhnlich zum Aufbruch.
Siebentes Kapitel.
Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften, Theater, Bälle und Concerte wechselten fast täglich mit einander ab. Meining, der in Heidelberg sich ganz in die engste Häuslichkeit zurückgezogen hatte, fand nun, wie er es selbst vorausgesehen, eine große Freude an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und höchst schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten gehuldigt ward, freute ihn und regte ihn an; dazu kam, daß er sich von seinen nähern Bekannten hatte überreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine so angenehme Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit, daß ihm schon darum die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war, dort seine Partie Whist oder =L'hombre= nicht zu entbehren. Dadurch sah sich Clementine aus der abgeschlossensten Einförmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphäre versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang und Reichthum und ihre eigne Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie. Man bemühte sich, sie in den Zirkeln zu haben, und der Nachsatz: kommen Sie, Frau von Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung hinzugefügt. Clementine lächelte oft selbst, wenn sie bedachte, wie sie gar Nichts dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit und des anmuthigsten Geistes zu verdienen; denn sie fühlte, daß das ganze Geheimniß der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin läge, Jeden gewähren zu lassen. Sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hörte mit Verstand zu, konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefühl angeregt wurde, zu dem lebhaftesten Gespräch hingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Männer für sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf die Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu keinen ähnlichen Bemerkungen Anlaß zu geben, machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung, die durch eigne Schönheit und Pracht der Kleidung hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst sich leicht ihrer bemächtigt und ihre Ruhe gestört hätten. Meining's zärtliche Eitelkeit auf seine Clementine fand hier in dem größern Kreise die reichlichste Nahrung. Mehr als jemals entzückt von seiner Frau, hätte er gern alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie vereinigt, um den Edelstein, den er in ihr besaß, auch in der glänzendsten Fassung zu zeigen. Hatte er sie früher geachtet und werth gehalten, so war er nun recht eigentlich verliebt in sie, wie er es nur jemals in frühster Jugend gewesen. Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn dieser Frau wegen glücklich pries. Dann unterließ er nie, ihre häuslichen Tugenden, von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen, wie thöricht es sei, zu einer glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glücklich.
Und in der That, die Ehe des Geheimraths von Meining galt für ein Muster von Zufriedenheit, Eintracht und Glück. Denn daß Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der größten Gesellschaft häufig verlassen fühlte, das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens Kindern, mit denen sie sich in Heidelberg viel beschäftigt, und hätte Alles darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut hätte, wozu aber weder Marie noch Meining, der das unruhige, kindliche Treiben nicht liebte, die geringste Neigung zeigten, sodaß sie auch diesen Wunsch bald aufgeben mußte und das tiefe Liebebedürfniß in ihrer Seele unbefriedigt blieb. Sie fühlte sich alt werden und arm in all' dem Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben könne keine Freude mehr erblühen, faßte tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam, daß die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte, Robert's Bild trat hier, wo sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich vor ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen saß, das sie sich jetzt zum Boudoir erwählt hatte, gedachte sie mit inniger Wehmuth an die Stunden, die sie hier in Robert's Andenken verträumt, und ein Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer, ohne daß sie selbst sich dessen deutlich bewußt war.
In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Dezembers folgendes Billet von Frau von Stein, einer Dame, die für einige Zeit in Berlin lebte und in deren Hause der Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in nähern geselligen Beziehungen standen.
Frau v. Stein an die Geheimräthin v. Meining.
Liebste Meining! Ihr Mann verläßt mich eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei mir ein Diner =à l'improviste= anzunehmen, wenn Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um den interessantesten Mann von der Welt, den =lion= der letzten marienbader =saison=, kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde auch die geistreichste, liebenswürdigste Frau Berlins bei mir finden.
Machen Sie mich nicht zur Lügnerin, Beste! und stellen Sie sich hübsch um vier Uhr ein. Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also?
_Anna von Stein._
Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd. Auch Meining trat in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurück, den Clementine, da sie mit dem Rücken gegen die Thüre gesessen, erst erblickte, als Meining ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der, wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.
Clementine war wie gelähmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, daß es sie betäubte, sie war keines Wortes mächtig, und ihre Aufregung wäre Niemand entgegen, wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdruße ausgerufen hätte: Also Sie kennen einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist ja der marienbader =lion=, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.
Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete: Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir zugedacht, um so größer, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der großen Welt, daß wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig erfahren.
Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine gleichgültig höfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, daß er, nach dem Tode eines Verwandten, dessen große Güter an der mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene Thätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloß er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjähriger Abwesenheit zu besuchen. Doch denke ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.
Ein Diener meldete, daß servirt sei, und die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einfluß eines schönen Traumes zu sein, dem sie ewige Dauer wünschte. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die königliche, bleiche Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so süß, so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herabließ; das war das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrückt hatte. Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Vergangenheit an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug frei, -- so mag es Dem zu Muthe sein, der nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt würde und rings umher Frühling sähe. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glücklich im Moment.
Während Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend über die ganze Richtung aus, die er in der preußischen Verwaltung gefunden, und die es ihm, außer manchen Andern, sehr lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, daß Thalberg, der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hätte.
Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung.
Und ich hätte grade geglaubt, daß der Wunsch nach Wirksamkeit in der Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse, sagte Meining.
Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen muß, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen.
Mich dünkt aber, daß es in Preußen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens können Sie nicht leugnen, daß überall der beste Wille vorhanden ist! fuhr Meining fort.
Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage für den Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die, ob seine Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefördert wurde; aber mir blieb das drückende Gefühl von Unvollständigkeit, das ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und für eine Freiheit kämpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben, vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unerträglich, weil ich für Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte.
Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße, ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath.
Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach längerer Abwesenheit in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen, die eine herrliche Basis für die demokratische und constitutionelle Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die Städteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben des Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten könnte. Aber daß sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet, stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es, was ich tadle und wogegen wir kämpfen müssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhängige Mann. Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte ich keine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls, doch oft erst erreicht, wenn man müde vom Wege und Kampfe ist; -- um den unbedeutenden Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen nicht zu thun, und ich dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschluß, der mich keinen Augenblick gereut hat.
Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurückziehen wollten, so würde diese Art von Patriotismus der guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre Neigung opfern müßten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.