Part 3
In einer Art stummer Resignation gewöhnte sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewiß, bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher, je länger dies Leben währte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, wo sie einsam da gestanden und ungestört das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorüber -- was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fände? Hieße es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? -- ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Körper so auf, als zufrieden und glücklich zu scheinen, weil die Vernunft es fordert, während das Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon weiß. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich Clementinens, die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mußte. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie, sie sei durchaus gesund, er sähe ja selbst, daß sie keinen Schmerz habe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein, das sich gewiß bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit Marien und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so sehr an sie gewöhnt hatte, daß er sie ungern vermißte, nicht allein lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glücklich zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als je vor, über sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es blieb Alles, wie es gewesen war.
Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem tropischen Himmel glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in die gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, wo ihr üppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüthe, durch die angeborne Kraft ihres innern Markes.
Fünftes Kapitel.
Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer saß, in einer jener Stimmungen, in denen das Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn aber beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie, weil ihr das Herz so übervoll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht und ein Wort der Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit, eine Müdigkeit, die an Auflösung grenzte. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, daß sie nicht glücklich zu sein vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten. Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht für ihn hatte? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit ebenso und früher der ganzen Menschheit und der Welt gehört hatte, als ihr. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten können, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken ihrer Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hörte, sie aufschreckten.
In der besten Laune trat er, mit einem großen Briefe in der Hand, in das Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe etwas Großes, Gutes, denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen!
Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab, der eine Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt, ob Meining sich entschließen könne, seine heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14 Tagen erhalten, fügte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich überlegt und denke, heute an die preußischen Behörden zu schreiben, daß ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glänzendere Stellung haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.
Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Veränderung, die ihr augenblicklich erwünscht schien, weil es eben eine Veränderung war.
Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so?
Clementine hatte es allerdings wehe gethan, daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen störe mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; daß er auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich öfter geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage hätte er kommen müssen, den hätte er nicht vergessen dürfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschämt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so leicht vergibt; aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar entfallen, und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine Freundlichkeit vertrieb indeß den innern Verdruß gleich, und sie setzten sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft; er klagte sich an, daß er seine arme Clementine über die Gebühr vernachlässigt, daß er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen hätten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit muß und wird es nützen. Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mögen meine Schüler den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung will ich machen, daß Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich die Honneurs eines großen Hauses, als das Glück der engsten Häuslichkeit zu machen verstehst, daß Du überall gleich liebenswürdig, überall dieselbe bist.
Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber Meining? Und wird Dir das Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergnügen machte? fragte sie.
Ganz gewiß! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand, so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch für Dich. Ich habe mir das Alles überdacht, schon meine Verhältnisse zum Hofe werden mich nöthigen, ein Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und daß Du Dich gleich jetzt davon überzeugst, lasse ich meine Collegia für den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen.
Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft; nicht erwägend, daß unsere Entwürfe und Hoffnungen dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prächtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den Händen hält, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glücklich diejenigen Gemüther, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem der Wunsch hinstrebt.
Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie müsse das neue Glück mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wußte. Aber daran hatte er gar nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt, weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch einen Entschluß, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schloß. Meining konnte gewiß sein, daß sie sich keinem Plane entgegen zeigen würde, den er werth hielt, aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte es verlangt, daß er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte. Das war es eben, was sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr liebt, dem man jeden Kummer ersparen möchte -- aber sie war kein Kind, sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas über seine früheren Verhältnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt; sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das störend, es schien ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwürfen für die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm über ihre frühere Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt zurückkehren sollte, fast wie eine unerläßliche Pflicht schien.
Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir müssen uns einmal darüber verständigen. Ich weiß, mein Kind! daß Dir vielleicht Manches über mein früheres Leben erzählt worden ist, das Deine Besorgniß und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag; aber....
Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier ist es wahrhaftig nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich plötzlich, mitten in einer heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es möchten wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschäftigten; und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu können, was Dich bewegte. Eheleute dürfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlösbaren Räthsel zu stehen.
Nun, ein für allemal, liebste Clementine! laß das Räthsel unerrathen! Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schämen hätte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft beunruhigen könnte -- und was das Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, für eine unnöthige, kaum delikate Neugier. Mache kein böses Gesicht, liebe Frau, und überlege, ob ich nicht Recht habe?
Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.
Das sind ja Redensarten, mein Kind! Daß ich jung war, Leidenschaften hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, daß ich dabei eben so oft glücklich als unglücklich war, das versteht sich von selbst; und ob die Gegenstände dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hießen, ob sie blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgültig, da sie jetzt jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen können. Uebrigens, schloß er scherzend, übrigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine Frei, das, einige überspannte Ideen abgerechnet, ein ganz vollkommenes Geschöpf ist. Von dieser Clementine hängt das Glück meiner Zukunft ab, und ich glaube an sie so unbedingt, daß mir ihr liebes, offenes Auge mehr Garantien gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit.
Clementine mußte lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so daß Meining wohl fühlte, heute müsse er sich ganz darüber aussprechen. Deshalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort: Wenn ein verständiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein könnte, so muß es mit vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir aus meinen frühern Verhältnissen ein Geheimniß zu machen, vermeide ich die Berührung der Vergangenheit, sondern aus Schonung für uns Beide. Du hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, daß Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch gewünscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist, bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frühern Geliebten _niemals_ wissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, daß ich Dich nicht ängstlich beobachten, daß ich nicht ganz gleichgültige Dinge mißdeuten würde?
Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich schweigen? Kannst Du denn glauben, daß ich jemals....
Ich glaube, daß ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust, ohne daß ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten, von der sonst vielleicht Niemand etwas gewußt hätte. Darum also, um Dir den Sieg über eine Neigung, die Du selbst unterdrücken wolltest und mußtest, zu erleichtern, um mir das Ridikül eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich, daß nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum wünsche ich es noch jetzt so. Ich weiß Dir Dank für das Glück, das ich in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl und Dich -- aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du verstehst mich; wo nicht -- nun so verlange ich, als strenger Herr, Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wäre.
Meining schien höchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mächtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes gütiger und kluger Liebe, that es ihr Leid, ein Gespräch herbeigeführt zu haben, das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte -- und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden unbeschreiblich wohl. Sie sah, daß er sie heftig liebe, daß er sie nicht entbehren könne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefühls in seiner Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwährend vermißt hatte. Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen könnte, ihn abzöge von den peinlichen Gedanken; sie war selbst so erschüttert, daß sie ihren Gefühlen Raum lassen mußte. Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, über Dinge, die sie beschämen, mit verstellter Ruhe fortzugehen -- darum stand sie auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht böse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du böser, strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an. Indeß bereite ich den Thee und -- das ist _mein_ Friedens- und Versöhnungspfand.
Ein Kuß, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preußische Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern über die künftigen Verhältnisse und langem Ueberlegen, wie es möglich sein würde, später auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit Clementine und Marie nicht wieder getrennt würden, was beiden Schwestern gar schwer fiel.
Sechstes Kapitel.
Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die für den Oktober festgesetzt war, schneller heran, als man es wünschte. Nun es dazu gekommen war, fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima, an den kürzern Winter gewöhnt. Meining hatte eine lange Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden; Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht losreißen, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit heißen Thränen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.
Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge, liebenswürdige Frau all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu präsentiren und ihrer Bewunderung zu genießen; während Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten Genuß davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein eigner Zauber für sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst beschränkt. Sie wußte, daß ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergönnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mußten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraßen neblig, trotz der noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, daß ihr Anblick ihm peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre mahnte. Er fand Einige mitten in einer großen Familie, gedrückt von Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhältnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, daß er doch eine gar junge Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein, um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die größte Beschleunigung der Reise und beschloß Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen, ganz einverstanden sein mußte.
Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie eine so tiefe Wehmuth, daß ihr die Thränen aus den Augen stürzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorüber, und ein Gefühl von unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Thränen. Nun war es bald ein Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft -- kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so glänzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der Wagen in die Jägerstraße ein; Clementine zitterte -- sie hielten vor ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt wieder wohnen sollte.