Part 2
Ich ehre Dein Gefühl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig heißen kann, und es liegt mehr Egoismus darin, als Du glaubst. Du gefällst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist Beides. Ich weiß, was Du geduldet, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist einmal das Opfer Deiner Liebe und Robert's geworden, ein zufälliges Opfer gegen Deinen Willen: das entbindet Dich nicht der Pflicht, Dich mit Bewußtsein, aus freier Wahl für das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib ist geschaffen zu leiden und zu beglücken; thust Du das? Du glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest, ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, und glaubst sie zu erziehen, und der Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen. Belüge Dich nicht selbst, meine liebe Tochter! Du, vor Vielen dazu berufen, einem Manne das Leben zu verschönen, mit dem unerschöpflichen Reichthum an Liebe und Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine Neigung zu kämpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewiß nicht einmal wünscht und Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst, heranwachsen; wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedürfen werden, was wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfüllen? --
Ich habe das Glück Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft das Andenken daran ein verschönendes Licht über mein ganzes Leben; magst Du noch so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fühlen, _das_ Glück kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt. Ich selbst habe Alven ohne alle Neigung geheirathet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber schwöre ich Dir, so lieb mir Dein Glück ist, ich habe den Vater meines Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bösen Stunden treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschließen können, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es mir, wie Du weißt, an Bewerbern nicht fehlte.
Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du hältst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren, weil Dir das leichter wird, als die unsere zu verdienen. _Du_ achtest Dich, wenn Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht -- wir aber würden Dich achten, wenn Du dem Glücke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern im Stande wärest. Zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhängig in jeder Beziehung -- aber ich appellire an Dein richtiges Urtheil, an Deine Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Täusche Dich nicht selbst; täusche nicht die Erwartungen Deiner mütterlichen Freundin.
Clementine an den Geheimrath v. Meining.
Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft weihen will, muß wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich selbst, will ich gegen Sie sein.
Eine heiße, tiefe Liebe hat seit meiner frühesten Jugend mein Herz erfüllt; diese Liebe ist nur flüchtig erwidert worden, sie hat mein Herz gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des Leidens vergangen; ich habe mich gewöhnt allein zu stehen, ich habe es versucht, die Erinnerung an meine Liebe zu bekämpfen -- es ist mir nicht gelungen; und so konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig, und ich ihnen fast ganz fremd war.
Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, daß Ihre Freundschaft mir werth, daß mir an Ihrer Achtung gelegen war -- aber niemals die Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschluß; ich wollte mich nicht verheirathen. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekämpft, und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen nach diesen Geständnissen genüge. Ich erkenne vollkommen und freudig Ihren Werth, darum aber zweifle ich, daß ein gebrochenes Herz Ihrer würdig sei.
Glauben Sie dennoch, daß ich zu Ihrem Glücke beitragen könne, so thue ich es von Herzen, und will streng über mich wachen, das Glück zu verdienen, das einer Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster Achtung.
_Clementine._
Der Geheimrath v. Meining an Clementine.
Haben Sie Dank! wir werden glücklich sein. Armes, krankes Kind! Ist es denn nicht die Pflicht des Arztes zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken Weibes hüten und heilen. Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir werth ist; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens -- nenne mir _nie_ den Namen des Mannes, der Dich leiden machte, niemals Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurück; möge die Hoffnung auf dies Wiedersehen, meine holde, meine theure Braut! Dich so beglücken, als mich. Auf Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.
_Meining._
Drittes Kapitel.
Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung. Der Brief Ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen Reich's und Mariens hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen sie sich nie fähig gehalten hätte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob sie momentan in ihren eigenen Augen, daß sie, deren Herz seine Jugend eingebüßt hatte, noch einen so bedeutenden Mann als Meining, fesseln und beglücken könne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwürfen zitterte sie vor dem Gedanken an Meining's Ankunft. Während der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr plötzlich ein, sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut! -- ihm befehlen, sie zu meiden, hieße ja, ihm bekennen, daß er ihr theuer und gefährlich sei, und befehlen! -- ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstößlichstes Gesetz gewesen war? Alle Qualen, alle Gewissensbisse bestürmten sie, sie wollte für Meining leben und dachte nur an Robert. In wilden Fieberträumen verging der letzte Theil der Nacht; der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die schweren, müden Augenlieder aufschlug; sie war vollkommen ermattet, ließ sich theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die Marie, mit unruhiger Freude, für die Ankunft des Geheimraths traf.
Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine große Gewalt über sich besaß, ging ihm bis zur Thüre entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining schloß sie herzlich in seine Arme, küßte ihre Stirne und der Bund war geschlossen.
Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, für möglich halten könnte. Jetzt war die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining entzückte, und ihrer Familie die Ueberzeugung gab, daß sie Recht gethan hätten, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden. Clementine traf selbst die nöthigen Anstalten für den neuen Haushalt, hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Thätigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken übrig ließ. Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei ließ, in ihrer Gesellschaft zu und hatte aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er längst verloren und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab.
Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen, und Meining äußerte lachend, am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt, von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken; weil sie selbst so ernst, so feierlich gestimmt war, daß jeder Scherz sie verletzen mußte. Meining hingegen fand das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht aushalten könne, und mußte über manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben und sie einen Augenblick vor der Thür weilend, sich nach dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darüber hin, und es schien ihr unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen, in die engen Räume eines Zimmers zu sperren.
Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu müde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht extravaganten Einfalle nach; ich will dafür auch von morgen ab eine grundvernünftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schloß, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.
Meining war es gern zufrieden; die Nacht war unbeschreiblich mild und schön. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwärts führt. Eine Welt von Gedanken zog durch Clementinens Brust, sie sah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben, ihre Zukunft vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen. Oben auf der Höhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weißen Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte kühl und Meining hüllte besorgt die erbleichende Clementine in die wärmende Mantille. Gedankenvoll ließen sie sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder -- da plötzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreißt vor dem ersten Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen, schwindet der dichte, weiße Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen Augen der Entzückten. Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten, weißen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom mit Kähnen, die von Neckargemünd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bäume, die am Fuße des Berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation und zu ihren Füßen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war selig vor Wonne, das reinste, heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt werth gehalten und mit Thränen der Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach:
Ach! laß uns schön sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt, bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts auf der Welt als Dich; sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!
Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden, nun in heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hände in Thränen. Er zog sie empor, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit; preßte sie fest an seine Brust und der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner Stimme hatte noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. -- Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmälig zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm, mein Herz! daß uns die guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen; was würden die von ihrem Aeskulap denken, wenn sie wüßten, daß er seine zarte Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt. So, unter freundlichen Gesprächen, führte er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause.
Viertes Kapitel.
Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren vorüber, das eheliche Leben zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein größeres Werk, das er zu schreiben begonnen und das während des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich in einer Stunde abthun; Meining war den ganzen Morgen außer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die große, angreifende Praxis so müde gemacht, daß er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mußte, um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, daß sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden. Führte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut, so geistig beschäftigt und abgespannt, daß er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der ihn ganz und gar absorbire, und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit unmöglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den größeren Gesellschaften, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht, fern zu halten, da er derselben überdrüssig geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genuß versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufällig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so daß auch dieser Versuch bald aufgegeben werden mußte, besonders da Meining selbst auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklärte, er fände diese Art von Geselligkeit noch viel unbequemer, als die großen Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er fühle entschieden, daß er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht für mich allein; und finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß, als mir jemals die Salons boten, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhören mußte. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.
Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt groß geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich erweitert in den neuen Verhältnissen; sie fühlte sich berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran finden; er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthümlich war, erzählen; ihr seine Gedanken darüber mittheilen, ihre Ansichten hören und berichtigen -- mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthüllt werden muß, weil er ihn versteht; weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, daß Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schätze, daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht zu müde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet hätte, wenn er vor übergroßer Beschäftigung Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie erfreuen könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, und zweifelte nicht, daß sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je länger sie mit einander lebten.
Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, daß trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glück durchaus nicht geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, daß das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte; daß es uns nicht vergönnt ist, Das zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er für sie hatte; er hatte sich zuerst, das wußte sie, in ihr Aeußeres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr erkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln. Doch jener Schätze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewußt war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte auf's Tiefste kränkte und all ihre Nachsicht erforderte, während die Gluth seiner Liebe morgen ihre Thränen trocknet und eine Versöhnung herbeiführt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, daß Meining auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als in jeder andern, hätte sie es doch gern gesehen, daß er mehr Freude an demselben, den er früher so sehr bewunderte, gehabt hätte; und sie vermißte es oft schmerzlich, daß er ihren Enthusiasmus für das Schöne und Große zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken, daß sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war.
Mag immerhin Egoismus in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint; ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wünschen -- es ist ein Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein möchten und der Clementine doppelt quälte, da sie sich in doppelter Hinsicht beeinträchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefüllt fühlte und dann, weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte, als sie gewünscht. Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute es sich zu -- und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück, sodaß ihr oft in besonders traurigen Stunden der demüthigende Gedanke gekommen war, jede tüchtige, gutmüthige Haushälterin könne sie ihrem Manne ersetzen, ihm das Glück gewähren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an sich die Erfahrung, die sich täglich im Leben wiederholt, daß Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man gewöhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfüllen beginnt, und man sieht häufig, selbst in körperlicher Beziehung, ganz passirte Mädchen zu schönen Frauen werden, die den Titel einer »jungen Frau«, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen. Während der ältere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren, einen galanten Mann nannte, plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in der Regel geschieht, die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und galant zu scheinen, befreit. Der ältere Mann, der sich verheirathet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben üsirt ist, wie das der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und natürlich kann es dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen nicht ausblieben.