Claus Störtebecker

Part 32

Chapter 323,523 wordsPublic domain

Eben wollte sie ihre Gewandung schürzen, um desto ungestörter wieder den Fahrweg hinaufeilen zu können, da stutzte sie, und im ersten Schrecken stürzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte etwas Ungefüges aus der Schwärze hervor, das durchdringende Quietschen trockener Räder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschluß fassen konnte, wieder durch das Tor zurückzuschlüpfen, wurde ihr Antlitz von dem Flackerschein einer Fackel übermalt. Ein Knecht trat hinter dem Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmückte Herrin gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mußte das schöne, fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wäppner die gemästete Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem Schmuck der Wegbereiten, während die schmalen Schweinsäuglein fast hämisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er vermochte:

»Wohin, mein Trautchen?«

»Zum Störtebecker,« brach Occa zornig aus, da sie es verschmähte, vor ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.

»Recht,« nickte der Sternendeuter beifällig, als wenn nicht das geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wäre, »dacht ich mir doch, daß ich dich warnen müßte.«

Dabei griff seine schwammige Rechte nach dem Arm der Schönen, schob sich selbst dicht unter ihren Mantel und drängte die noch immer Widerstrebende auf diese Weise mit sich in den Hof. Erst unter dem Hauseingang löste sich der Fettwulst von seiner Begleiterin, um schnaufend gegen den bedeckten Himmel zu weisen.

»Was schaust du dort oben an dem Bogen des Wechsels?« stöhnte er bedeutungsvoll, und es sah beinahe grausig aus, wie die fette Ungestalt mit der Sicherheit des Besitzers die Hand gegen das finstere Gewölbe reckte, als wollte er dort droben einen Schrein voll Kostbarkeiten aufschließen.

Doch Occa brachte seiner Wissenschaft nicht die von dem Ferkel gewünschte Verehrung entgegen.

»Ich sehe nur, daß es regnen wird,« erwiderte sie spottend und wollte sich abkehren.

Der Klumpen aber hielt sie zurück.

»Leichtfertig Kind,« grunzte er, »und ich hab' deinetwillen die schmerzhafte Fahrt angetreten. Siehst du nicht, wie das Siebengestirn drohend nah gen Luna rückt? Und wie von der anderen Seite das Gewimmel der Plejaden gegen die Sichel drängt? Das bedeutet Abnahme und Tod eines Mächtigen. Übermacht rottet sich zusammen. Mit vierzig Koggen segeln die Hamburger schon in Sicht der Inseln, so daß es kein Entrinnen mehr gibt. Wer in Marienhaven morgen Wäsche spült, wird sie rotgefärbt herausziehen.«

Da lehnte sich Occa sprachlos gegen den Torpfosten, aber wunderlich, ihre heiße Regung verflüchtigte sich überraschend schnell vor dem Heranziehen des Ungemachs oder des Zusammenbruchs, so daß es fast nur noch der Schreck über ihre eigene Verbindung mit dem Gezeichneten war, der ihr ein Zittern einflößte.

»Wer trug dir dies alles zu, Luitet?« fragte sie um vieles vertraulicher.

Der Dicke streichelte sacht ihren Mantel, bevor er zögernd, aber mit einem schlauen Blinzeln in den Schweinsäuglein erwiderte:

»Lasse mir meine Erkenntnis gern nachprüfen, Occa. Bin nicht stolz darauf. Diesmal taten es eine Anzahl von Fischern, die Hisko in Sold hält. Ja, der Pfaffe hat den Hansen sogar schon einen Unterhändler entgegengeschickt.«

Als das geschmückte Weib diesen nackten Bericht über Abfall und nahende Schande überlegte, da überkam es beinahe eine Art Dankbarkeit für den rechtzeitigen Warner. Übermütig, wie sonst, klopfte sie ihm die feiste Wange.

»Bist doch ein klein kluges, nachdenkliches Vieh,« lobte sie ihren Eheherrn und versetzte ihm einen leichten Schlag, der das Ferkel jedoch befriedigt aufbrummen ließ. »Komm, ist kalt hier. Die Mutter soll dir warmen Wein in den Trog schütten.«

Schritt vor Schritt zog sie das schwankende Ungeheuer die unbequemen Treppen hinauf. Aber noch während des schwierigen Hinaufklimmens hing sich der Klumpen fest unter ihren Arm und schnaufte recht aus Herzensgrund, fast wie ein ehrlicher Beichtiger, der seinem Seelenkind zuredet:

»Meinst du nicht, Liebe, daß dieser Gottversucher mit Recht Pein und Block verdient? Gibt es wohl ein boshafter Beginnen, als die frommen Satzungen von reich und arm umzuwühlen, so daß schließlich der Edelingsrock auf deinem schönen Leib nicht mehr gilt als der Bettlerkittel?«

»Komm, komm,« rief Occa schaudernd, »laß uns am warmen Feuer niedersitzen. Und dann wollen wir der Ausgeburt eines Tollwütigen für immer vergessen.«

* * * * *

Die grünen und roten Lichter zogen flußabwärts. Eine langsam gleitende Bewegung war in die hölzernen Massen geraten, und während die Ungetüme im Schein ihrer Laternen, schattenhaft nachgebildet und wie flach über das Land hingeworfen, ihre huschende Wanderung antraten, da schrillte, trillerte und pfiff es von allen Seiten durcheinander, als wenn die großen Vögel nunmehr auch ihre Stimmen wiedergewonnen hätten, damit sie sich gegenseitig warnen könnten. Allein es handelte sich um keinerlei Vorsicht, denn dies war der Gesang des Angriffs, des Stoßes und des Ausbrechens aus dem Käfig. Zur selben Stunde, da Occas Eheherr ihr die dunklen Sprüche des Himmels offenbarte, da standen drei Snykenführer,[*] die schon seit Tagen draußen auf offener See Vorpostendienste leisteten, vor ihrem Admiral, und das, was sie meldeten, das war der Ruf des Lebens und des Todes zugleich, das war die ernste unerbittliche Ordnung und das lustige leidenschaftlich wühlende Chaos.

[*] Befehlshaber leichter Schaluppen.

Zwischen ihnen auf den Wellen schwankte die Wage.

Der Feind war da. Auf unbegreifliche Weise erschienen. Wie der Dieb in der Nacht. Vierzig kriegsstarke Koggen. Das ganze hansische Aufgebot, vor allem Hamburger, und an ihrer Spitze ein ungefüges, plumpes, breitstirniges Schiff, das im Topp die Admiralsflagge gesetzt hatte. Die »Bunte Kuh«.[*]

[*] Es war aus Utrecht gechartert.

Es war der Name des Fahrzeuges, der dem Störtebecker zuerst während des Kriegsrates in der Kajüte ein hämisches, nach Hellebarden und Schwertern klirrendes Gelächter entlockte:

»Ho, Brüder,« hieb er sich auf die Brust, »welch gutes Omen! Wir wollen das Hamburger Tier erst melken und dann schlachten. Gönne ich doch meinen Kindlein schon lange solche Milch. Und nun« -- er wanderte weiten Schrittes durch den hell erleuchteten Raum und zog dabei ein paar der Lukenbretter zurück, um finstere Blicke auf das vorüberziehende Land zu heften, »nun, Heino, sprich, mein Freund, wie siehst du das Ding sonst an?«

Der Kleine lehnte am Tisch und stützte sich auf seinen Hieber. In dem faltenlosen, glatten Kindergesicht stand dunkler Ernst.

»Daß die Krämer mit einer solchen Übermacht erscheinen,« sagte er bestimmt, »beweist mir, daß der Michael geliefert ist.«

»Möchten dich doch die Furien erwürgen,« unterbrach der Störtebecker hier dunkelrot, denn seit seiner Kindheit hatte sich der Unbändige stets in beleidigter Auflehnung dagegen gesträubt, ohnmächtig gegen ein schwarzes Wetter zu starren. »Der Gödeke lebt. Meinen Kopf dafür. Ich sehe ihn, ich höre ihn sprechen. Meinst du, der Satan würde mir sonst Dietrich und Brecheisen ins Wappen setzen, wenn's nicht der guten Kumpanei wegen geschähe?«

Wütend schlug er gegen die Schiffswand. Unter den Führern erhob sich ein widerstreitendes Gemurmel. Unbeirrt jedoch und kühl streichelte sich der Magister das Kinn.

»Wie dem auch sei,« beharrte er, »ist jetzt nicht an der Zeit, Claus, sich in den römischen Triumphmantel zu hüllen. Hab' all mein Tag auf die Ehre gepfiffen. Ha, ha, ohne Ehre kann man leben, aber ohne Kopf nimmer. Ich stimme dafür, wir wollen entwischen, solange es noch Zeit ist.«

Die anderen schwiegen.

Auch der Admiral stand wortlos am Ende der Kajüte, dort, wo sie sich sanft verjüngte. Ohne Absicht hatte er einen dicken Folianten von der Truhe emporgerissen und nagte emsig an der Unterlippe. Jetzt aber warf er den Wälzer polternd zur Erde und richtete sich jäh zur Höhe.

»Habt ihr euch,« rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die jedem einzelnen einen Messerstoß in die Brust versetzte, »während ich euch Wohnsitz und Unschuld geben wollte, nach Blut und Beute gesehnt?«

»Ja,« sprachen die Männer gemeinsam.

»Und ist's nicht euer einziger Freibrief, daß ihr mit Beelzebub Karten zu spielen wagt, ganz gleich, ob der Gehörnte die Bilder in der Klaue hält und ihr die Nieten?«

»Ja,« schrien die Freibeuter überzeugt. Fuhren aber gleich darauf wild durcheinander. »Haben selbst einen Trumpf im Spiel, heißt Claus Störtebecker.«

Da glitt ein stolz zerrissener Schein über das dunkle Antlitz des Riesen, den man früher nicht an ihm gekannt.

»Habt mir nur die Helmzier abgebrochen, ihr wetterwendisch unbelehrbar Volk,« grollte er mehr zu sich selbst, »aber gleichviel« -- er trennte die Seekarte von der Wand und schleuderte sie auf den Tisch -- »will das Kunststück ausführen, um des Kunststücks selbst willen. Wohlan, Heino, gib dich, wir schlagen morgen. Und jetzt habt mir acht auf ein gar sauber Stücklein von einem Plan.«

* * * * *

Es war tief in der Nacht, als der Admiral in seine Kajüte zurückkehrte. Bis dahin hatte er bei Laternenschein jeden Winkel seines Schiffes gemustert, er hatte die Rüstkammer besucht, die Winde der drehbaren Geschütze geprüft, Leinen und Segel zur Probe gezogen und überall die verwegenen Gesellen, die ihm an ihren Rollen ihre Künste weisen mußten, durch ein wildes zündendes Scherzwort in jene bis zum Reißen straffe Spannung versetzt, die auf der »Agile« bisher immer die letzte, unwiderstehlichste Waffe gebildet. Jetzt hatten die Schiffe, schon außerhalb der Inseln, Anker geworfen, Ruhe war vor dem roten Erntetag befohlen, und der Störtebecker selbst betrat müde und in sich gekehrt seine Wohnstätte. Er hatte noch nicht sein Haupt entblößt, als der Heimgekehrte mitten auf einem der dicken Teppiche des Fußbodens seinen Knaben hingelagert fand, den wohl beim Warten auf seinen Herrn der Schlaf übermannt haben mochte. Gedankenvoll blieb der Störtebecker vor dem friedlichen Bilde stehen, denn die scharfen Lichter aus den venezianischen Gläsern enthüllten ihm deutlicher als je zuvor, wie hager und abgezehrt die Wangen seines folgsamsten Gesellen eingesunken waren, ja, wie tief die ganze schwärmerische Bildung seiner Züge in Leid eingebettet ruhte. Wahrlich, der Sturz, den diese ihm hingegebene Seele aus einem versprochenen Himmel getan haben mußte, er hatte der Ärmsten gewiß für immer jene Inbrunst geraubt, in der sie wie eine steile Flamme aufstieg und ohne die ihr Dasein zu Asche sank. Die Menschheit hieß der große Tempel, in dem der Gläubigen ein Hüterinnenamt zugesichert war. Wohin würde sie sich nun flüchten, nachdem offenbar geworden, daß die Fratze des Wahnwitzes vor der Tür des angeblichen Heiligtumes grinste? Leise berührte der Hinabschauende die Weiche des Schläfers mit dem Fuß, um sich von der ungestörten Fortdauer des Schlummers zu überzeugen, dann aber verdüsterte sich seine Miene, und er sprach dumpf vor sich hin:

»Zerbrochener Scherben! Deinetwegen könnte ich Reue lernen. Kein morgenrotes Eiland mehr in der Ferne, mein Büblein, nur die Fahrt in den Pfuhl, darüber das Fieber tanzt. Dir wäre besser, du blasser Traum, du gingest gänzlich in Schlaf über.«

Vorsichtig beugte er sich, nahm den schlaff herabhängenden Körper in seine Arme und las eine Weile angestrengt in den gelösten Zügen, die ohne das Licht der Augen nur den Ausdruck versenkter Ruhe wiesen. Aber gerade diese unbeteiligte Ferne schien den Späher zu trösten. Leise ließ er seine Last wieder auf die Kissen sinken, blickte noch einmal mit vollem Verlangen auf die Pracht des kostbaren Raumes, dann löschte er selbst das Licht, und bald verkündeten kräftige Atemzüge von seiner Lagerstatt, daß auch dieses unruhige Hirn der Betäubung unterlegen sei. Drückendes Schweigen webte in dem weiten Gemach, und nur das regelmäßige Gewoge der See zählte in der Finsternis seinen eigenen Herzschlag.

Und doch -- es gab hier noch ein ander Hammerwerk, das in einer menschlichen Brust aufgestört fieberhaft seine enge Kammer zu sprengen drohte.

Linda schlief nicht.

In den Armen ihres Gebieters war sie aus ihrer schweren Verstrickung erwacht, sie hatte seine dunkle Prophezeiung vernommen, und nun lag sie angehaltenen Atems und suchte kältegeschüttelt zu ergründen, ob sie wirklich das mit sich selbst bekannte und einige Wesen sei, in dessen Brust vom Schicksal Urteil und Vollstreckung zugleich gelegt wären.

Draußen schlugen die Wellen unabänderlich an die Planken: »Du mußt -- du mußt,« und während der Hingestreckten vor dieser Bedrängnis die Zähne gegeneinander bebten, da warf ihr schäumendes Hirn allerlei Fetzen jener Verhaltungsmaßregeln durcheinander, die ihr von dem scheusäligsten aller Verbrecher, dem dicken Wichbold, überkommen.

»Sieh, du mußt erst das tun -- mein schlaues Büblein, und dann mußt du jenes -- -- aber vorsichtig, damit er dir nicht deine Sprünge ablauert.«

Er -- er, das war der Mann, der ohnehin schon den Glanz, den Strahl, das Gold seines Ichs eingebüßt und nur noch dahinraste, um hinter wilden Lastern seine Niederlage zu verstecken. Kein Messias mehr, sondern ein frecher, sich selbst verspottender Judas! Keine Labe in den Händen für die Schmachtenden und Niedergebrochenen, nein, nein, vielmehr ein Gurgelschneider, der in Selbstverzweiflung seinen Opfern wohlzutun glaubte, weil er sie abschlachtete.

Der Morgenstern in einen Kothaufen verloren.

Nimmer!

Linda erhob sich. In ihrer Blässe stand wieder jene unerbittliche Treue zu ihrem Entschluß, die in dem langen Zusammenwirken mit dem Gewaltmenschen ihr Erbteil geworden. Jetzt lauschte sie nicht mehr, keine spitzfindigen Fragen legte sie sich weiter vor, getrieben von einer finsteren Notwendigkeit, furchtlos und überzeugt schlich sie unhörbar die Treppe der Kajüte hinauf.

Wie hatte es doch der dicke Wichbold gemeint?

Immer seine listig heisere Einflüsterung im Ohr, strich der Schatten über Deck, dann wand er sich wieder zwei enge steile Treppen hinab, bis dahin, wo tief im Bauch des Fahrzeuges der rote Schein der Schiffsschmiede glimmte. Vorsichtig öffnete Licinius die rußige Höhle, allein die halbnackte Zyklopenschar, die noch vor wenigen Stunden hier an ihren Amboßen Pfeil- und Lanzenspitzen geglüht und gehärtet hatte, sie lag jetzt irgendwo in der Schwärze verborgen, und mit der rasselnden Wucht arbeitender Blasebälge entströmte ihr Atem. Halblaut, prüfend rief sie der Schatten an:

»He, Detlev -- Olav -- Henneke!«

Als sich jedoch nirgendwo ein Zeichen des Verständnisses kundgab, da wandte sich der Knabe gegen den verlassenen Herd und schob einen der Schmelztiegel in die noch lebende Glut. Dann bückte er sich und blies seinen eigenen ängstlichen Odem in die müde Asche.

Und wieder und wieder versuchte der nächtliche Gast während seines Tuns die hingestreckten Schmiede: »He, Detlev -- Olav -- Henneke.«

Umsonst. Keiner von ihnen bemerkte das zitternde Menschenkind, wie es rötlich angestrahlt und doch mit geschlossenen Augen die Nägel zu dem gemeinsamen Sarge goß.

Kurz darauf wurde über die Hintergalerie der »Agile« eine Strickleiter geworfen, derselbe geschmeidige Schatten glitt hinüber und an dem ungeheuren Steuer tauchte er hinab von Rippe zu Rippe. Immer tiefer.

Dazu pfiff der Wind sein einförmig Lied, und die Wache im Mastkorb sang sich zum Zeitvertreib eine Weise von Heimkehr und Magdtreu.

* * * * *

Es war bestimmt, daß man durch eine vorgetäuschte Flucht gen West die Übermacht der Hansen erst auseinander zerren solle, um dann nach einiger Zeit gewendet, die ungefügeren Koggen der Krämer einzeln überfallen und niedersegeln zu können.

Auf dem Fischmarkt zu Hamburg erzählte man sich später vielerlei über den glückhaften Hergang.

Ein regenfeuchter Oktobermorgen war angebrochen. Die Schwarzflaggen unter Führung von Wichmanns »Goldener Biene« waren längst nach West ausgeschwärmt, nur die »Agile« lag noch verhaftet an ihren Ketten, ein riesiger Adler, der den Abzug seiner Küchlein decken wollte. Oder reizte es den Störtebecker nur, Schußsicherheit für eine Ladung seiner Steinkugeln zu gewinnen? In Lederwams und Kappe stand er breitbeinig auf dem Bugaufbau, nicht mehr jenes goldene Leuchten im Antlitz, dafür aber von einem verbissenen, fürchterlichen Grimm durchwettert, der sich allen mitteilte, die auf diesen Mittelpunkt ihres Schicksals hinstarrten.

Jetzt kam der erste Befehl.

»Schießt,« forderte er nach einem scharfen Ausspähen, von den ihn umdrängenden Bombardieren. Er sprach ganz ruhig. Die Lunten senkten sich, ein Rollen, und dort drüben in der langen hölzernen Zeile begann es Takelwerk und Leinen zu regnen.

»Gut, meine Kindlein,« lobte der Admiral, und das unheimlich niedergehaltene Feuer in seinen Augen stäubte etwas höher. »Es war nur, um ihnen den Morgenbrei zu wärmen.« Er riß sich die Kappe vom Haupt und schwenkte sie höhnisch nach der Gegenseite. »Grüß Gott, ihr Herren. Die Diebe mit dem Brecheisen grüßen die Spitzbuben vom Gänsekiel! Gibt's was zu schachern? Haben nur unsere Freiheit, und die ist ein teuer Ding!«

Damit setzte er die Sprachdrommete an die Lippen: »Anker auf.«

Die Ketten rasselten, die Brust des Schiffes hob und senkte sich, wie ein Schwimmer, der sich die erste Glut kühlen will.

»Schüttet Segel aus. Ruhe -- kalt Blut, meine Kinder. Bevor die Krämer drüben ihr Leinen mit der Elle gemessen, sind wir davon. Nun die Pinne hart an Steuerbord; lebe wohl, Hamburg!«

Allein die »Agile« vollführte die gewünschte Schwenkung nicht. Wie von unsichtbaren Geisterfäusten gepeitscht, sauste der Renner dem Halbkreis seiner Häscher entgegen.

»Plagt dich der Böse, Wulf Wulflam?« brüllte der Störtebecker von seinem erhöhten Stand halbtoll über Deck und schob sich vor ratlosem Erstaunen die Kappe aus der Stirn. »Hundsfott, dreh augenblicks gegen den Wind ab, sonst lade ich deinen Kopf in die nächste Lederschlange. Hölle und Graus, was geschieht hier?«

Inzwischen war der Freibeuter Lüdeke Roloff neben den stiernackigen Wulf und seine Gesellen gesprungen, beide Männer schoben sich gegen den Baum, daß ihnen das Blut aus den Wangen spritzte. Doch unverändert tobte die »Agile« ihre böse Fahrt weiter. Vom Land aus einen steifen Südwest in den Segeln, so schnitt das Schiff durch die spitzen Wellen, als müsse es in wenigen Sprüngen sein Ziel erreichen.

»Herr,« keuchte es jetzt zweistimmig vom Heck, »geliefert sind wir -- es ist Blei in die Angeln gegossen.«[*]

[*] Die Sage vermochte sich den Hergang nicht anders zu erklären. Übrigens war die geschilderte Kriegslist zu jener Zeit eine durchaus übliche. Auch der gefeierte Seeheld Paul Beneke von Danzig benutzte sie etwa um das Jahr 1473.

Einen Atemzug lang blieb alles still, das Entsetzen wohnte an Bord. Dann aber wirbelte eine riesige Gestalt vor aller Augen die zwei Stockwerk aus der Luft herab, schoß durch die heulende, kreischende Mannschaft hindurch und warf sich gleich darauf mit ihrer ungeheuren, durch Verzweiflung und Grimm verzehnfachten Körperwucht gegen die Pinne. Das Holz ächzte und krachte, das Steuer bewegte sich nicht.

Jetzt lösten sich die Bande des Gehorsams. Die Schwarzbrüder verließen ihre Posten, die meisten warfen ihre Waffen fort, sie irrten durcheinander gleich den Ameisen, und der Wahnwitz fächelte sie mit seinen Mohnflügeln. Das Unsinnige gewann die Oberhand.

»Reißt die Segel herab.«

Als ob das verlangsamte Fahrzeug weniger verloren gewesen wäre!

»Flieht -- flieht -- in die Boote!«

Als ob angesichts des Gegners und bei der rasenden Fahrt die aufgepeitschte Menge in den winzigen Kähnen Platz gefunden!

Immer hurtiger hetzte der Springer über die Wogenhügel. Aber gerade in dem Augenblick, da er das ihn bändigende Halfter völlig zerknirschen wollte, da fühlte sich das Roß noch einmal von jener stählernen Faust gepackt, die es bisher noch immer bezwungen und beruhigt. Hoch auf dem Heckaufbau zeichnete sich in seinem verwitterten Lederkoller der Schwarzflaggenfürst gegen den wolkigen Dunst ab. Um kein Haar anders stand er da als sonst, da er die letzten Befehle zum siegreichen Angriff zu geben gewohnt war. Nur der bösartige Grimm war aus seinen Zügen entwichen, ja, er lächelte jetzt sogar, ein helles, gereinigtes Lächeln, wie es nur die von sich selbst befreiten Sterblichen kennen.

Die Gefahr, die drängende Sorge um andere hatte unvermerkt das Beste in diesem Menschen geweckt.

»Hört ihr mich, meine Kinder?«

»Ja, Claus,« schrien sie hoffnungsvoll. Sie sammelten sich um diesen Klang wie um einen schützenden Turm.

»Das Spiel fängt erst an, ihr Schuimer. Schüttet Segel aus, bindet Leinen auf, der letzte Fetzen muß fliegen.«

»Segel?« Sie glaubten, er rede im Fieber.

»Ich sage, knüpft eure Hemden an die Rahen, ihr Burschen, und fegt durch die Luft. Unter dem Bug gibt's gleich ein Schädelknirschen. Schießt -- schießt!«

Was weiter geschah, das sauste von der Spule, ruckartig, unpersönlich, gedankenlos, denn all die von Tod und Untergang angegrinsten Menschen, sie hatten ihre eigene Überlegung, ihre Glieder, ihr Handeln und Aufhören diesem einen überliefert, und der riß nun an ihren Fäden und lenkte seine Figuren, willkürlich, gnadenlos, nur zu dem einen Zweck des Lebens.

Alle eigneten sie ihm, bis auf die schwächste und hilfsbedürftigste. Die lehnte an der Bordschwelle, hatte ihre Hände krampfig über der Brust ineinander geschoben, aber ihr ungesprochenes Gebet war zum erstenmal nicht mit dem Herrn ihres irdischen Loses, sondern sie rief und flehte zu dem Schicksal, auf daß es größer und auch barmherziger walten sollte als jener lebend Tote, der jetzt dort oben den letzten gespenstischen Kampf focht. Sie bereute nichts, sie widerrief nichts, sie fühlte, daß Mitleid und Gnade einzig bei ihr wären, die mit ihrer schwachen Hand das Tor des Gemeinen und Verworfenen vor dem sterbenden Messias abschloß.

Vor ihren umflorten Augen wandelte sich das flutüberströmte Schiff in eine langhingestreckte, menschenwimmelnde Kirche. Schwärzlicher Himmel wölkte sich über dem Dom als tiefe unergründliche Decke, und die Musik des Meeres pfiff und stürmte in fernen Orgelweisen einen silbernen Engelsgruß.

Sie sah nur den einen, dessen bleiches, lockenumflattertes Antlitz schon jetzt hoch droben dem Irdischen entrückt war.

Ein Krach! Ein herzumwühlender Stoß. Die Hamburger hatten dem unter stärkstem Druck daherfliegenden Admiralsschiff einen alten unbrauchbaren Kasten mit der Breitseite entgegengeworfen -- die »Agile« schnitt ihn mit ihrem Rammsporn auseinander, wie dünnes Glas.

»Triumph,« schrien die berauschten, vom Wunder bereits in eine andere Welt geschleuderten Gleichebeuter, und jeder packte seinen Spieß oder die Armbrust nerviger. Ein wildes, tumultuarisches Gebrüll stieg zum Himmel.

Da schwang schon wieder der schrille, gellende Pfeifentriller des Admirals, die Schwarzflaggentrommel wurde gerührt -- der alte fortreißende Wirbel zuckte durch die Herzen.

»Entert,« schrie der Störtebecker von seiner Höhe.

Er befahl es mehr mit seinen blutig leuchtenden Augen, mit dem hoch erhobenen Hieber, mit der weit ausgestreckten Linken.

»Aller Welt Feind,« antworteten die Vitalianer mit ihrem fanatischen Schlachtruf.

Die Brücken rasselten, ein splitterndes Reiben und Knirschen meldete, daß sich jetzt zwei der ungeheuren Rümpfe eng nebeneinander geschoben hatten. Die »Agile« biß in die Wange der »Bunten Kuh«.