Part 3
Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. »Was sind Schuimer?« drängte er ungebärdig. »Sag es mir.«
Der Mönch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk für die unter der schwarzen Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein Feuer entzündet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit hinter strenge Abweisung.
»Schweig,« befahl er. »Was schiert sich ein Sasse, der von der Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafür -- der du ein nährend Gewerbe und einen sicheren Platz hast -- daß die Fürsten und Städtischen dem wüsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen.«
Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stämmen sichtbar. So blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben und den wesenlos Gaffenden gutmütig zuzuflüstern:
»Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der Königin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mächtige Herren.«
Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefährtin ergriffen hatte. So übergewaltig, so betörend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Großen. Allmählich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuschoß. Da --
Trat aus der Pforte über den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior hervor? Beides hinfällige Greise. In seinem schneeweißen Gewand, das goldene Kreuz klappernd auf den dürren Gliedern, trippelte das Männchen, achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul saß der Drost zurückgelehnt, die überlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefältig war das Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten gelb, während Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu saß ihm eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterfloß. Man sah ihm an, der lange Ritt hatte ihm heiß gemacht, denn er schob luftschöpfend an dem schwarzen Ledergürtel unterhalb seiner schmalen Hüften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht widersprochen hätten, so hätte man den Reichshofmeister der Königin Margaretha für einen abgedienten und eitlen Höfling halten können. Aber die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und über die verschrumpfte Stirn flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese vermorschte, im Winde schwankende Leiter hätte die Sprossen geboten, auf denen die zierlichen Füße seiner Königin bis in die kältesten Höhen der Staatskunst emporgeklettert wären. Doch die Sage fügte ihm Unrecht zu, denn er selbst hatte in dem fürstlichen Frauengemach erst die unmerklichen Windungen und herzenskühlen Methoden gelernt, die die nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein Gefährte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den schweißenden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein linkes, von einem grünen Strumpf umspanntes Bein hatte er lässig in die Höhe gezogen, so daß er den Arm darauf stützen konnte. Und auf diesem ruhte wieder der völlig kahle, in der Sonne glänzende Schädel, unter dem eine krumme Geiernase rauflustig und hochmütig in die Welt stach. Die eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drücken mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen Augenlider blieben hartnäckig geschlossen, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht aus Abneigung gegen das Mönchsgesindel, dem seine Herrin so auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der verkniffene Mund des Dänen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht.
»Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat,« dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem Knochenmann abwenden zu können.
Inzwischen hatte sich die hinfällige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen aufgerichtet. Ängstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Männchen, dem ein paar einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen wohler fühle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung.
»Herr Henning von Putbus,« lispelte er ohne Mark und kaum hörbar, »Reichshofmeister und Drost der großmächtigen -- -- --«
Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul höchst wuchtig gegen den Hals und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen.
Der Abt verwirrte sich.
»Der Herr führte Euch zum Segen an die deutsche Küste,« stotterte er verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. »Er führte Euch an die Küste -- ja -- und möge die Tagfahrt zu Stralsund Euren Wünschen entsprechen.«
Höflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem vertrockneten Gerüst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. »Da der redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt ist,« sprach er ziemlich unbeteiligt, »so werden Eure Gebete mit uns sein. Ich weiß -- ich weiß.« Er führte den Pokal oberflächlich und ohne zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke, riß ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und stürzte das Getränk gierig hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er inne, und während er böse die verschwollenen Augen aufriß, goß er gereizt den Rest auf die Erde.
»Gemischt,« knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben gegeneinander reibt. »Himmel und Hölle -- ich -- --«
In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend dürre Hand und schwenkte sie dem neuen Ankömmling entgegen. »He, Cona,« krähte er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, »meiner Seel, Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wißt Ihr noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr hättet über See recht einträgliche Geschäfte betrieben. Und kenntet die Schliche der Schuimer aus Erfahrung.«
Es mußte eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn der Reichshofmeister, der plötzlich noch fahler aussah als gewöhnlich, hob abwehrend die Rechte, schöpfte vergeblich Luft und versuchte, sein Unbehagen hinter einem begrüßenden Lächeln zu verbergen. Er brachte es jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona, der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der Lichtung hielt, verärgert und beschämt das feiste Vollmondgesicht verzog. Spähend blinzelte der so Wohlgenährte im Kreise umher, ob auch die Mönche den beißenden Spott verstanden hätten. Dann strich er mit der fleischigen Hand über den halblangen blauen Tappert, der ihn schlafrockartig umhüllte, und stieß endlich kurzatmig, nach Art der Dicken hervor:
»Seid gegrüßt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt für uns gerüstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja manchem ein verstecktes Plätzchen gut zu bezahlen wußten -- nicht wahr, nicht wahr, so ist es doch? -- dann werden wir morgen in Stralsund weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch, liebe Herren.«
Schwerfällig und ächzend schwang er das rechte Bein vom Roß. Allein durch die weitausladende Bewegung des unförmlichen Körpers mochte der dürre unruhige Gaul des Dänenhauptmanns gereizt werden. Mit einem schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Höhe. Ringsum wurde ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zögern schlossen sich die sehnigen Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rührte sich kaum, so fest saß er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie der Knabe im weißen Kittel hochauf in den Zügeln des Schimmels hing. Die kleinen Fäuste rissen erbarmungslos am Maulbügel des Tieres.
»Laß los,« krähte der Däne ungehalten und fletschte die stockigen Zähne. Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun, keineswegs befangen, sondern die Hände stolz in die Hüften gesetzt, geschwellt von einem rauschenden Kraftgefühl, mitten in dem ihn umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, daß seine Gefährtin auf ihn zugestürzt war, um ihm ängstlich Brust und Glieder zu befühlen.
»Unsinn,« schimpfte der Hauptmann mißfällig. »_Ragazzaccio maledetto_!« vervollständigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Städtekriegen erworben. Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar Scheidemünzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterließ er diese Spende wieder auf halbem Wege.
»Wer ist der Bursche?« fragte statt seiner der Graf von Cona, der inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und daneben den prächtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen wußte, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer Hungrigen: »Schnell, schnell, wer ist es? Gäbe einen stattlichen Knecht.«
Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend, hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt die Auskunft:
»Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera.«
»Das ist ein lauer Hund,« stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick seine unangenehme Überraschung nicht meistern konnte. »Sorgt schlecht für uns.« Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: »Wozu treibt sich der Sasse hier herum?«
In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, böse zerrten die dunklen Augen an dem blauen Faltenrock herum.
»Mein Vater -- --« schrie er.
Da wurde er von dem Mönch zurückgerissen. Zugleich fühlte er, wie ihm die Lippen fest verschlossen wurden.
»Er hat eine Sternscholle für die Tafel gebracht,« erklärte der Bruder ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der Abendsonne glitzerte.
Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, daß ihn der Anblick des mächtigen Fanges versöhnte, oder war er sonst froh, der lästigen Begegnung überhoben zu sein, gemütlich schob er seinen Arm unter den des Reichshofmeisters und zog ihn mit sich.
»Man speist gut bei den Brüdern,« schmatzte er mit breitem Lachen. »Wer weiß, welche Überraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen.«
So zogen die Gäste, geführt von den Mönchen, durch die enge Pforte über den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in die Ställe, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit.
Nur ein einzelner Reiter war zurückgeblieben. Auffällig zögerte er mit dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis der Junggraf Malte von Cona seinen Entschluß gefaßt haben mußte. Mit einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern her, und während die Jungmännerfaust keck und ohne Umstände in die Haarflechten des aufschreienden Mädchens griff, rief er wie zur Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen.
»Dirn, versteh Spaß, wo kommst du her?«
Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor dem vornehmen Herrn zu zittern.
»Laß ab, Herr,« stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender Empörung, »es ist noch ein Kind.«
Doch der Jüngling warf dem Mönch nur einen verächtlichen Blick zu, es kümmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung auf offener Straße treiben wollte. Doch verwunderlich dünkte es den Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gnädigen Scherz aufnahm. Atemlos lehnte der weiße Kittel an einer mächtigen Buche, von wo der Knabe zuvörderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die überlangen Schnäbel der rosa Strümpfe, die enggepreßte rote Schecke des Wamses und darüber den kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstücken besetzt war. Und doch -- die Faust des Burschen riß und zerrte dabei auf eine sonderliche Art an einem stämmigen Ast herum. Wollte der Lümmel etwa die schuldige Ehrfurcht vergessen? Ungläubig und geringschätzend zuckte der Junker die Achsel, dann ließ er seinen Blick von neuem hartnäckig über die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so völlig der Sprache beraubt hatte.
»Komm zu dir, Rotröckchen,« meinte er ungeduldig, obwohl er beifällig genug auf die nackten Füße des Kindes herabschaute. »Wo kommst du her? Bist du die Schwester des Sassen da?«
Noch immer hielt er das Ganze für einen ihm ziemenden Scherz und wunderte sich nur, warum das Mädchen so sehr in Zittern und Beben versank.
»Nein,« flüsterte sie und senkte das Haupt, »ich bin Anna Knuth.«
»Und meiner Mutter Schwestertochter,« sprach Claus hart dazwischen. Er hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, näher. Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte Achtung bäumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wußte selbst nicht, wogegen er kämpfen sollte.
»Du bist nicht gefragt,« schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen, wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. »Gleich packst du dich von dannen, Tölpel.«
Der im weißen Kittel rührte sich nicht. Nur der Buchenast hörte auf zu zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepreßt unter dem einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner Herzensangst am frühesten aus der Lähmung emporzuraffen. Kaltblütig schritt er, als wäre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend über den Hals zu klopfen. Mit großen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein Tun.
»Ja, es sind Annerbäulkenkinder[*],« sprach er im weichen Dialekt der Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz, wie sehr er mit der Überlegenheit des Alters bemüht war, die aufgepeitschten Sinne der anderen zu besänftigen. »Anna Knuths Vater ist ertrunken. Man sagt, die Schuimer hätten ihn ins Meer geworfen. Da hat sich ihre Mutter nun ein Hüttlein dicht neben den Beckeras errichtet, und Mutter und Tochter nähren sich recht und redlich vom Mattenflechten. Ein mühselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet.«
[*] Vetter und Base.
Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwärzlichen Kerben durchfurcht war. Das lenkte seine unüberlegte Begehrlichkeit wohltätig ab. Sofort suchte er nach Art der großen Herren das Leid der Armen durch ein Almosen zu lindern.
»Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gör,« tadelte er wohlwollend, während er ungestüm an einer Silbermünze seines gelben Kragens herumdrehte. »Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier, Rotröckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus.«
Lachend, mit einer freigebigen Gebärde schleuderte er den abgerissenen Knopf dem Mädchen vor die Füße. Und ehe die drei Zurückgebliebenen sich noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu.
»Eilt nach Hause,« drängte der Bruder die beiden Kinder, die bestürzt auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Münzen lauschten. »Geht -- geht rasch, der Mann will euch nicht wohl.«
III.
Sie saßen in der Hütte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, früh ergrautes Weib mit unzähligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah sie aus, und vor der hereinströmenden Kühle des Meeres fröstelte die Abgezehrte häufig zusammen.
»Kalt -- immer kalt,« schüttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten Silberknopf von ihrem Schoß, um ihn beinahe ungläubig gegen den ungewissen Lichtschein zu kehren. »Warum er das wohl geschenkt?« suchte sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergründen; als aber die Hausfrau, die prall und rund, voll gesparter, selbstbewußter Kraft ihr gegenüberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausführte, wie wenn sie das Wertstück am liebsten in die Flammen schleudern möchte, denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schüttelte die Mattenflechterin müde das Haupt. »Nicht doch -- nicht doch,« wehrte sie sich gegen diesen Gedanken ihrer gewalttätigen Schwester. »Wie käme ich wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund und kaufe für uns Decken. Die Hauptsache ist, daß wir es warm haben.«
»Ja, ja, hübsch warm,« murmelte der alte Claus Beckera und zog seine allmählich spindeldürr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten Leib wieder verkrümmte. Mit äußerster Kraft rang er danach, das laute Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so groß und erkennend auf sich gerichtet fühlen. Das Weib wußte alles, sie war klug und ließ sich nicht täuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen sträubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte einmal sehen, wer zäher war, er oder die Augen von ihr.
So strich er sich scheinbar aufgeräumt über die Welle des roten Bartes, der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende Ermahnung an seinen Sohn:
»Iß, Jünging, iß.«
Der Knabe träumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgestützt, und nur ab und zu führte er den Holzlöffel ungewiß und willensunmächtig in den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als könne er das Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine Angehörigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen.
»Iß, Claus,« bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenüber saß, wobei sie ebenfalls versäumte, ihren Löffel gegen den Napf zu lenken, denn ihr Gemüt nahm willigen Anteil an dem völligen Verstummen ihres Gefährten. »Wir sind lange gelaufen -- du bist müde.«
Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demütige Stimme gar nicht vernommen. Über die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer ausdrucksloser durch die offene Luke der Hütte, dorthin, wo das letzte Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand der Nacht über die Ränder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch die Stirn des Träumenden immer auffälliger.
»Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt?« drohte Hilda, seine Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes getreten. Nun ließ sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur sträubte sich gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindämmern. Was hatte der große, kräftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem arbeitsunfähigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. »Junge, willst du wohl?«
»Mutter,« unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals gegen den gefährlichen Hustenreiz ankämpfte, und dabei versuchte er, sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. »Laß -- laß den Jungen. Wer weiß, was er hat. Er trägt Gedanken in seinem Kopf. Und Gedanken kann man nicht immer verstehen.«
Hieraus war zu entnehmen, was Hilda längst wußte, daß der alte Beckera in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes dahinlebte, daß er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank, sobald sein Pflegling merkwürdige Fragen und Ansichten äußerte, wie sie der Rotbart in seinem einförmigen Gewerbe niemals für möglich gehalten. Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns begriff, desto rückhaltloser fühlte er sich heimlich geschmeichelt, weil solches an seinem eigenen Sassenherde geschah.
»Laß ihn, Mutting, laß, wer weiß?«
»Ih, was hier, wer weiß?« schalt Hilda. »Was nützt das?« Sie schlug noch einmal zu.
Mit einem Sprung war der Knabe auf den Füßen. Der zweite Hieb hatte ihn geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestümen Auffahren, selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug rauchend zur Höhe.
»Was ist?« ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine Angehörigen so dunkel und fremd, daß alle merkten, sein Körper sei eben erst, wie ein Stein aus Himmelshöhen, unter sie gefallen.
Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera, sein harmloses Gemüt bückte sich tief vor diesem vornehmen Entrücktsein in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte, faltenreiche Faust.
»Laß,« murmelte er noch einmal, kaum hörbar.
Die Mutter aber wünschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindämmern aufzujagen.
»Fehlt dir was?« forschte sie barsch, während sie ihm ohne weiteres den Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten gesättigt werden. »Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin?«
Heftig schüttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene Luke und trotz der feuchten Abendluft riß er sich den weißen Kittel vorn am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind über die nackte Brust spülte.
»Kalt,« fröstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen. Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig.
»Zu warm, viel zu warm,« wehrte sich der Knabe. Plötzlich aber warf er das braune Lockenhaar ungestüm zurück und führte mit geballter Faust einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und stürmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrüten bedrohlich gegen ihn aufgestanden war.
»Wir wissen hier von nichts,« schrie er in bitterem Zorn, und seine funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines unsühnbaren Verbrechens an, »wir wissen nichts von dem, was draußen geschieht.«