Part 20
Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajüte und zechte singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von Glühkäfern schwärmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort grölten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder, denn es war eine laue, windstille Nacht, und die »Agile« plätscherte kaum noch ihren Pfad.
»Horch,« warf sich der Störtebecker zu dem Knaben herum, der müde und schon vom Schlaf bezwungen den Unmäßigen bediente. »Ermuntere dich, Büblein. Du mußt lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flüstere mir ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht, es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?«
Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick streifte den Gebieter, denn seine wüste Freude an Trunk und Prasserei schmerzte die ewig Grübelnde.
»Wer den heiligen Gedanken trägt,« erwiderte sie mit leisem Vorwurf, »was braucht der die Menge? -- Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich dünkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her.«
Sonderbar, das Wort übte eine unerwartete Wirkung auf den lässig auf seinem Stuhl hängenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der Störtebecker stürmisch in die Höhe, das sonnige Strahlen leuchtete unvermutet wieder von seinen Zügen, und ohne Besinnen riß er den Knaben an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er spürte nicht, daß es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hämmerte.
»Gesegneter,« jubelte er und hob seine Last hoch in die Höhe. »Du hast recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht.«
Und er küßte seinem Gefährten ungestüm das blonde Haar. Der Knabe aber wand sich beschämt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden zu erheben, und ein langes Zittern lief über die schlanken Glieder.
* * * * *
In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb »Land« ausgerufen worden, und die »Agile« hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Höhe von Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu den Schiffen des Admirals gestoßen, und jetzt hockte der strohblonde Zwerg seinem einstigen Zögling an dem Prunktisch gegenüber, vor ihm brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gerät, und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hände nicht nach Speise und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden Augen überfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwäche des anderen erspähen und begleichen müßte. Gar verborgen betrieben sie die Unterredung, niemand durfte die Anführer bedienen, einsam, erhitzt saßen Erzähler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajütentür bei dem wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald ein Ruf erreichen würde.
Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfänglich kühl und überlegt, war immer höher und höher gestiegen, wie jemand, der Sprosse um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende Glut hoch über dem Haupt seines Zuhörers hinweg. Der krümmte sich in seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche Frauenkinn auf den Hieber gestützt hielt, glitzerte es aus seinen zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Händchen wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarsträhnen fest. Zum Schluß ertrug sein Schüler die erkünstelte Beherrschung nicht länger. Rücksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit über den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig, daß die Ringe der Halskette ein metallisches Geräusch hören ließen.
»Nun, Magister,« rief er in schlecht verhehlter Spannung, »warum kostest du, als hätte ich dir die tägliche Milch in den Napf gegossen? Hast du vielleicht bei deinen Professoren schon ähnliches geschleckert?«
Der Zwerg schloß die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien ihm Spaß zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu quälen.
»Doch, Geliebter,« hauchte er mit seiner Mädchenstimme, »das Jubeljahr der Hebräer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in den Wäldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit zurückgegangen.«
»Zurück?« schrie der Störtebecker verletzt. Jäh fuhr er in die Höhe, als überwältigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustürzen. Dann jedoch schlug er ein hochmütiges Gelächter an, riß den Weinkrug heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge.
»Ziere dich nicht,« stieß er in greller Lustigkeit hervor. »Was gibt's weiter zu benagen?«
Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen Gast auf die Schulter, daß es hohl durch den Raum hallte. Doch der Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschüttert hatte er den Stoß ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, daß er mit keinem gewöhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den regelmäßigen Gemmenzügen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig bösartiges Lächeln. Er klopfte seinem ehemaligen Zögling auf den grauen Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besänftigen.
»Geliebter,« wisperte er voll zärtlicher Bissigkeit, und dabei hüpften in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, »ich bin nur ein schäbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschämende Größe zu gewöhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann.«
Der Störtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen hart über den Kopf.
»Narr,« sagte er ruhig, »achte mich oder ich zerschmettere dir den Schädel.«
»Später,« entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen abzustehen, »erst laß dir von meiner Narrheit bedeuten, daß sie einen großen Vorsprung für dich wittert.«
»Welchen?«
Bedächtig lehnte sich der Kleine zurück und malte mit seinem Hieber auf den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den einstigen Bakkalaureus mächtig eingefangen zu haben.
»Die Staaten sind lockerer geworden,« murmelte er vergraben. »Die Reiche sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mörtel -- --«
»Ein Faustdruck kann ihren jämmerlichen Bau zerquetschen,« schaltete hier der Admiral ein und durchmaß einmal weiten Schrittes den Saal. »Nur die Menge --« und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. »Wird sie mit mir ziehen?«
»Sie wird. Die Fahne des ewigen Glücks auf dem Neubau lockt sie an.«
»Halt das Maul,« schrie der Störtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn fröstele. »Packt euch zum Teufel, ihr Gehirnkrähen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demütige Nacken, Gehorsam.«
»Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir.«
»Du?«
Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl stürzte er auf den Sitz des Kleinen zu und schüttelte den halb Emporgezogenen wütend an der Brust.
»Wenn du nicht an mich glaubst -- --« schrie er dem Zwerg ins Gesicht. »Heino Wichmann, du weißt, von allen sind mir die Halben und Lauen am meisten verhaßt.« Damit schleuderte er das strohblonde Bündel gewaltsam hin und her, als könnte er ihm die gewünschte Antwort abpressen, und sein Grimm stieg, als er die Zähigkeit dieser grinsenden Maske erkannte. Bereits war ein nahes, gefährliches Ringen aus der freundschaftlichen Unterhaltung geworden.
Da entglitt ihm der Magister geschickt, schöpfte Atem, und nachdem er wie ein spielend Kind auf den Tisch gehüpft, ließ er gemächlich die Beine herabschlenkern.
»Sei ruhig,« schmeichelte er, »dein treuer Lehrer verläßt dich nicht. Saß ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhöhle, um zu warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkräutern den königlichen Leuen[*] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht für meinen Liebling abermals die Küchenschürze umbinden? Paß auf, es glückt dir, es glückt, sofern du es nur fleißig mit den Weibern hältst.«
[*] Das Gold.
Angeekelt wurzelte der Störtebecker fest.
»Mit den Weibern?« wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers übergossen; und unwillkürlich mußte er nach der geschlossenen Tür spähen. »Wo können mir die Dirnen helfen?«
»Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und achte darauf, daß sie dir lauter Claus Störtebecker gebären. Dann wirst du ein Fürst im neuen Reiche sein.«
Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als könnte seine Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreißen, und ein unmäßiges und doch nicht ganz freies Gelächter erleichterte ihm die Brust. Schneidend hatte sein Verstand erfaßt, wie um den von giftigen Zweifeln zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte.
»Armselig glücklos Gemüt,« rief er voll aufrichtigen Erbarmens. »He, Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele zu berauschen, auf daß die Fledermaus sich wieder ans Licht traue.«
Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfährig herbeieilte, um die Befehle seines Herrn zu erfüllen, da zog ihn der Störtebecker an sich und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brüderlich die Wange.
»Hast wieder die Nacht durchschwärmen müssen, mein bleicher Freund?« fragte er teilnahmsvoll. »Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine andächtige Flamme in ihnen brennt?« Und ohne auf das vieldeutige Grinsen des Strohblonden zu achten, führte er das Kinn des Knaben empor, bis er endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch schmetterte seinen Gefährten das ihm eigene glückselige Jauchzen entgegen. »Freu dich, Licinius,« schrie er, »beim Zeus, du kannst fliegen. Könnt ich dich doch als eine weiße Taube aufsteigen lassen! Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefällt dir dies kleine strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann?«
Über die gespannten Züge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein.
»Schöner Knabe,« wisperte er, »welche glücklichen Eltern haben dich geboren? Du bist ein anmutig Kind.«
Allein im Sprechen schien ihm heiß geworden zu sein, denn er sprang auf, um eine der Schiffsluken zu öffnen. Und plötzlich schwiegen die drei.
Drüben zuckten die Lichter von Wisby.
* * * * *
Die tote Stadt regte sich. Ihr prächtig geschmückter Leichnam erhob sich und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu pochen. Von den sechzehn verödeten Kirchen, von den sieben zerbröckelnden Toren löste sich das Schweigen und schwebte als ein graues Spinngeweb über die See.
Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drängte sich an Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Geräusch nägelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich bemalten Holzhäuser anglühte, es rann allmählich auch auf die zusammengeballten Freibeuter herab, so daß aus der Masse zuweilen Gesichter und Hände aufblitzten. Unaufhaltsam wälzte sich die Menge, einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je höher sie stieg, desto mehr entstrebte sie dem Dämmer und desto heller wurden ihre vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das Ungeheuer. Oft hörte man es aus seinem Rachen branden: »Wo, wo ist der Störtebecker?« -- -- »Gott zum Gruß, seid ihr nicht vom Gödeke Michael?« -- »Wir sind Wichmannsche.« -- »Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in den bunten Kästen was übrig gelassen? -- Heda, du Braune, schaff' Platz im Bett, ich steig zu dir.«
An der leeren Kurie ging es vorüber, durch niedrige Laubenhallen schob man sich, hinter denen einst mächtige Kaufherren ihre Kontore und Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fässer. Ach nein, da hätte man früher kommen müssen. Schon vor etwa dreißig Jahren hatte der geräuschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dänenkönig Waldemar Attertag mühelos das köstliche Nest ausgenommen. Aber erst der Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die Stadtgesetze den Flammen überliefert, die verhaßte Ordnung mit Füßen getreten und jauchzend die allgemeine Willkür verkündet hatte, jenes heiß ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrückten, die nur einmal im Leben das Herrengefühl genießen wollten, seitdem war der steinerne Körper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz für geraubtes Gut, lichtscheue, heimliche Geschäfte wurden hier betrieben, wochenlang tönte kein Laut in den verlassenen Straßen, bis sie plötzlich wieder einmal aufgellen konnten von Händlergezänk, Dirnenkreischen, Schifferflüchen und den maßlosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich spürte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein liebliches Grinsen aus dem steinernen Schädel.
Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge »zum silbernen Bischof«, ächzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es Dirnen aus aller Herren Länder, die sich stets einstellten, sobald die jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber auch Krämer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn nirgendwo in der Welt ließ sich schneller und wohlfeiler Verdienst erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut.
Unten in der stickigen Gaststube saß Licinius auf der Ofenbank. Andere hielten gerade Wäsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich nebeneinander. Zwei Schüsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt, und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedürftige noch das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbänken einige Schläfer umher, wieder andere schlürften bereits ihren dickflüssigen Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine Flötenbläserin und ließen zu ihrer gellenden Musik ein gezähmtes Äffchen zwischen sich tanzen. Niemand nahm Anstoß an dem bunten Durcheinander, weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn damals gab es noch keine nach Ständen eingeteilten Wirtshäuser, und der Fürst wohnte dort ebenso wie der Bettler.
Der Knabe auf der Ofenbank verschränkte die Arme über der Brust und ließ sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Müdigkeit, die ihm die Augen zudrückte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser übelriechenden Hölle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem inneren Schauen vorüberstiebte.
Hier entschied sich's. Heute würfelte ihr gotterfüllter Spieler um seine eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte, solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war?
Rascher wehte der Atem des Grübelnden, unbeherrschter zuckten seine Lippen, ein prunkendes, verführerisches Bild trat vor seine Seele. Während er hier saß, um mit immer steigender Bedrückung auf das Plätschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf das Schlürfen der Trinker, sowie auf das Quäken des tanzenden Affen, da zog es den Träumer fort -- es riß ihn auf den Markt. Dort draußen, durch die ausweichenden Haufen schritt der Störtebecker. Über alles Volk hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten Wappenlöwen schimmerten auf dem blauen Fürstenrock, und als er sich zu der Menge umwandte, da kam der Bann über die Tausende, genau so, wie er den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.
Begannen nicht auch markige Glockentöne zu schwingen?
Ängstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er, lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Täuschung. Dort draußen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende Stille legte sich über das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah. Ganz aus der Nähe donnerten Glockenklänge gegen das zitternde Gebäude. Auch unter den Herbergsgästen erstarb jeder Laut, für einen Herzschlag erstarrte alles, um eine Deutung für den Vorgang zu gewinnen, dann aber bäumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und wirre Rufe verknäuelten sich: »Der Störtebecker -- der Störtebecker.« Polternd stob man auseinander, um den merkwürdigen Augenblick nicht zu versäumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus dem kochenden Fieber immer dieselben inbrünstigen Silben hervor, die er selbst nicht begriff.
»Erlösung.«
Wem galt dieser Wunsch?
Draußen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fühlte Licinius, der noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine spürende Hand in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien hatte sich der halbnackte Leib der Flötenbläserin aufgerichtet, jetzt streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.
»Feins Bübchen,« schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten Stimme, »was hast du für ein zartes Gestell? Komm, draußen heckt der Störtebecker etwas Nagelneues aus. Wer weiß, wie voll der großschnäuzige Kerl wieder die Taschen trägt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen.« Und ohne sich darum zu kümmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das fahrende Weib die ihr überlassenen Finger und zog den Willenlosen unter spöttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. »Munter, munter -- hast wohl schon am frühen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.«
Plötzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen, Spaßmachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen Fensterhöhlung, und während ihre Gönnerin schützend den Arm um ihre Hüften schlang, da mußten die Ohren der Halbbetäubten das unsaubere Gewäsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu gleicher Zeit das große heilige Fest.
Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz still, schwarz und rötlich überlaufen, wie Landseen starren, wenn sich die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein Geriesel unerkennbarer Gliedmaßen, bunter Tücher, gefangener Augen, dünne Rinnsale, die in das große Becken hinabflossen. Selbst die Morgenröte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott zugekehrtes Schweigen schien über die Welt gekommen, so gewaltig, daß Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff. Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester umschlossen wurde, während ein Paar heiße Lippen ihr ins Ohr tuschelten:
»Dort drüben, Trauter, auf den Stufen, der Große im blauen Wappenrock, ja, das ist der Störtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhören. Pah, ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wären wir Werg und Flicken. -- Du bist mir lieber.«
Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfröstelte, und Linda duldete es, so körperlos hing sie hier in dem Gedränge. Ihr innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequältes Sehnen, es hatte sich längst von ihr gelöst und schritt nun über die vielen Köpfe hinweg den hellen Tönen entgegen, die unter dem gerippten Portal des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen.
Alles andere ging für sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte Antlitz, überhaucht von einem im tiefsten glühenden Feuer. Seine Worte verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede neue Begründung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Stöhnen durch die Masse. Der fürstliche Verkünder dort auf den Stufen mußte seinem Volk wohl die Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun aber hoben sich die Häupter begieriger, man drängte sich näher, denn der Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wußte es ja. Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequälten, vor dem Auswurf alles Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf ihr wohnen sollten. Ruhe -- Ruhe, Linda preßte die Hände auf das hämmernde Herz. Hier öffnete sich die steile ungewohnte Straße! Würde das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie überzeugt wandeln zu können? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei dem unheiligen Rachegeschäft fest?
Noch regte sich nichts. Keine Welle lief über den Menschensee. Und so tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Gründen wälzte es sich zuweilen, wie ein langes, banges Wühlen.
»Horch,« sagte die schwarze Dirne neben Licinius, »was faselt der Störtebecker? Will er Gold unter uns werfen?«
Aufgeregt nestelte sich die Flötenbläserin los, verließ den Knaben ohne weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Höhlung, wo sie die nackten Beine frech herabschlenkern ließ.
Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein merkwürdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen. Über sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche Pappel, die kein Ende für ihr Aufwärtsstreben finden wollte, und seine letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewußt, gewappnet, fordernd, gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen.
Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewalttätigen Überzeugung seiner Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schüttelte sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte. Gödeke Michael.
Das letzte aber, was man vom Störtebecker vernahm, war ein ungeheures, vermessenes, ihn wahrhaft schüttelndes Gelächter.
Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewiß brütete sie vor sich hin. Träge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres Führers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefärbt, so daß aus dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand.
Die Menge rührte sich nicht.