Claus Störtebecker

Part 19

Chapter 193,589 wordsPublic domain

»Franzosen,« schmetterte die helle Stimme, »ja, der Störtebecker spricht zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten Erdvölker traure. Was seid ihr anderes als wir -- zertretene Halme unter dem Eisenschuh eurer Unterdrücker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme -- wir wissen es wohl -- liegen verödet, eure Städte wurden durch Hunger und Pest entvölkert, eure Bauern leben als Räuber in den Wäldern, damit die Seidenwämser behaglich in eurem Schweiß baden können! Sperrt eure Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der Völkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf daß wir zusammen das Reich der Gotteskinder begründen. Brüder, denn das sind alle Gemißhandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lügen eurer Schlagbäume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und folgt mir nach Wisby. Dort, mögt ihr wissen, dort sollen die Nägel der Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub -- Gerechtigkeit.«

Es war wieder, als ob der Mensch dort oben völlig allein Zwiesprache hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrünstig entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkürlich heißer, obwohl ihr enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff. Nur vor dem blonden Dänenknaben zerfloß die Gefahr, ja die Planken des Schiffes schwanden ihm unter den Füßen, denn er allein nahm wahr, wie die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er allein ahnte etwas von der glühenden Aufrichtigkeit der Verkündung, und ein ungeheures Glücksgefühl überwältigte die ergriffene Seele und trug sie verbrüdert bis zu den Füßen dieses Sehers. Was machte es, daß sich vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwälzten, was galt noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewißheit erlangt hatte, daß sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen sei, über dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthöhe wölbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten.

Ein hartes Geräusch knarrte in die Schwärmerei der Hingerissenen hinein. Eine Bordschwelle des »Connetable« war plötzlich zurückgeschoben worden, und zwischen den Mäulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich die zierliche Gestalt des französischen Kapitäns. Ein vornehm gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde rief scharf und abgehackt herüber:

»Hör auf mit deinem Gewäsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen das verlogene Gefasel, durch das du deine Büberei bemänteln möchtest. Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Königin Margareta erhabene Majestät hat 50 Goldgülden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weißt warum, Mädchenräuber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich, obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an dir verdienen zu wollen«.

Zwei düstere Glimmkäfer krochen während der letzten Worte auf die Schlangen, im nächsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen, zwei unförmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der »Agile«, rissen den jenseitigen Bord in Stücke, und auf der weit auseinandergefegten Gasse wälzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den Mast, dann ein Stoß, die Rippen des verwundeten Schiffes stöhnten, ein Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und über die Enterbrücken stürzte es heran, ein Gewoge wütender, verzerrter Gesichter, ein Busch gebeugter Spieße streckte sich wie unter niedermähendem Wind, und zwischen den Hämmern der blutigen Walkmühle stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel.

Wo sich Linda befand, das wußte sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in dem wüsten Gedränge wurde sie vorwärts geschoben, ein Schlag traf ihre Brust, krampfhaft gekrümmte Finger krallten sich im Fallen in ihre Locken, Gekreisch und Gebrüll lähmten ihr Gehör, nur eines vermochten ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf dem Bugaufbau. Merkwürdig, dort oben lachte etwas, ein fürchterliches, brennendes Gelächter, das die Nüchternsten umwerfen und toll machen konnte. Ein regelmäßiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in jenen sprühenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob trunkenen Motten befohlen wäre, sich in jenen Feuerstrudel zu stürzen.

Noch ein paar taumelnde Schritte, immer näher, immer überzeugter und verwegener tönte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoßen, und scharf von einem Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewußtseins in dem gepeinigten Mädchenhirn auseinander.

* * * * *

Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren? Deutlicher spürte sie freilich, daß jemand an ihrem Brustlatz rüttelte, aber schließlich war es doch wieder das gleiche, unerklärliche Lachen, durch das sie plötzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Räume zurückgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum ungetrübte Ruhe, bläuliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam über die Teppiche, und über sie, die schwach auf einem Schemel an der Kajütenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste er wieder an ihren Locken, aber es war nicht böse gemeint, denn als er merkte, daß sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben lebhaft auf die Schulter.

»Gott zum Gruß, junger Kriegsheld,« tönte es der Erwachenden hell in die Ohren. »Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bübchen? Schnell, dir widerfährt groß Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben packen wir die Überlebenden vom »Connetable« in ein paar Snyken und schicken sie deiner Königin als Morgengruß ans Bett. Ha, ha, die Dame weiß, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und Würzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich meine es ehrlich.«

Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den Abschied sogleich ohne Rührung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe jedoch erhob sich auf zitternde Füße und starrte dem Befehlshaber mit kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut floß dem Störtebecker stromweise über die Stirn und verwandelte die stolzen Züge in eine rote Maske. Ein Rinnsal sickerte auch über die gelüftete Brust des Mannes, und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und zog in klebrigen Streifen über die Schifferhose.

Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.

»Es kostet dich das Leben,« schrie sie schrill und in jäher Verzweiflung auf.

Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden. Aber es mußte ja erst unvergängliche Wurzeln strecken, es mußte höher, weit höher wie andere Bäume emporschießen, um durch Einengung und Schatten hindurch tausend grüne Blätter zum Himmel zu tragen. Auch ihr Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.

»Es kostet dich das Leben.«

Der Störtebecker schnürte unwillig die Augenbrauen zusammen, die leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an etwas, das er bereits vergessen glaubte.

»Torheit,« entzog er sich ihrer tastenden Hand. »Was soll das Geplärr über den lumpigen Aderlaß? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort. Willst du mit den Franzosen hinüber oder nicht?«

Der Knabe antwortete nicht. Er schüttelte nur bestimmt das Haupt.

Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur durch den Tod zu brechen war.

»Dann bleib, zum Teufel,« schrie der Störtebecker ingrimmig und enttäuscht. Das Haupt zurückgeworfen, die blutende Linke in die Weiche gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchmaß der Verwundete heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal etwas Fegendes, Zerstörungslustiges, und sein Jähzorn stürmte vollends zur Höhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten Laternenpfähle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der kunstreichen Gläser aus seiner Fassung, und während es auf der Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurück, bis er endlich in ein beschämtes Lachen ausbrach. Das Ungezügelte, Knabenhafte seiner Natur verließ ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemäßigter vor den Knaben auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des Sitzenden zu betten. »Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Kröte,« fuhr er ihn an, »sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehört, daß es den Schnürleibern Spaß bereitet, Blut zu riechen. Oder lüstet es dich vielleicht nur, mich hängen zu sehen?« Er preßte die weiche Frauenschulter etwas stärker. »Dann laß dir bedeuten, Junker, der Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fährt eben mit zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum nächstenmal harren müssen.«

»Laß mich auf etwas anderes warten,« sprach Linda still und erschöpft. Ergeben faltete sie die Hände im Schoß, und ihre blauen Augen füllten sich wieder mit innigster Gläubigkeit. Es war jener hingenommene, bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken versetzt hatte. Ein unerklärlich Frösteln faßte ihn auch diesmal, er wich zurück.

»So sprich, was ist das für ein Wunder?«

Da erhob sich Linda.

»Es ist das Wunder,« sprach sie ganz leise und voll träumerischer Gewißheit, »das du uns Unglücklichen versprachst. Aber eile, Claus Störtebecker, daß ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche.«

Da schüttelte der Störtebecker befremdet und verständnislos das Haupt. Es war noch nicht die Zeit, daß Männer die Mitarbeit der Frauen erwünschten, und so drängte sich dem Freibeuter dieses heiße Verlangen zuvörderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine stürmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug brennender Vögel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu zähmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stieß er endlich ein gepreßtes Lachen aus und brach das Gespräch ohne weiteres ab.

»Gut, gut,« endigte er, »das ist Männerwerk. Warte meinethalben. Aber jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.«

Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, riß das Hemd über seiner Brust auseinander und drückte die Ränder der frisch empfangenen Wunde ohne große Umstände fest aneinander.

»Mutig, Licinius,« rief er, »scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen übt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.«

Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wäre. Glühend vor Diensteifer stürzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf mit einer Schüssel voll kalten Wassers zurück, und als er dann, über den Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen vermißte, öffnete er ohne Bedenken sein Wams und riß von seinem eigenen Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des Störtebeckers entzündete sich blitzartig jenes züngelnde Feuer, das schon einmal in der Nacht des Niederbruchs über ihr geleuchtet. Ungestüm griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da -- als das schmerzliche Stöhnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein düsterer Schein der Selbstverachtung über seine gespannten Züge, freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun stöhnte er selbst auf und warf sich gebändigt zurück.

»Bleib, bleib,« murmelte er, »vertrag dich mit dem bösen Geist, der in mir haust. Beim ewigen Leid, ich wünschte manchmal selbst, es flösse Milch durch meine Röhren und ich hätte gelernt, weiße Lämmer zu weiden. Bleib, ich tu dir fürder nichts.« Er streckte sich aus, schloß die Augen und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er spürte, wie eine Decke wärmend über ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hülle entschieden zurück. Schonend strich er sodann über die Locken seines Gefährten. »Armer Bursch,« sagte er gutmütig, »armer Bursch, ich wollte, wir wären auf andere Art Freunde geworden.« Und als er gewahrte, welche Blässe seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spöttischen Schlag auf die Wange und rief ermunternd: »Laß gut sein, Licinius. Dem Tier sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beißt es für eine Weile nicht und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knäblein, dann aber bring eiligst den Weinkrug und laß uns trinken!«

II.

Bis dahin hatte die »Agile« allein das blaue Feld der Ostersee gepflügt, einzig gefolgt von dem »Connetable«, der von den Schuimern besetzt worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten Schwarzflaggen auf, allmählich wurde ein dichter Schwarm daraus, der sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschloß. Je stattlicher aber sich seine Flotte verstärkte, je zahlreicher spitze Pfeifentriller oder emporschießende Wimpel die sich einordnenden Genossen begrüßten, eine desto auffälligere Unruhe zeigte der Mann, auf dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit trieb den Störtebecker umher. Bald mußte ihm Licinius, den er jetzt ebensooft herbeirief, wie er ihn früher verjagt hatte, beim Schachspiel in der Kajüte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel hindurchspähte, ob die gotländische Küste sich noch immer nicht vom Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trümmerhaufe, schien den Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die Ahnung quälte, daß ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen umschlingen würde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und Schätzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders Gemißhandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mörder, Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Engländer, die kein anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Füßen, zumal wenn die Segel sie möglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese raubsüchtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger schmerzlich empfanden als ihr Anführer, in dem ihre menschliche Schmach wie eine Eiterwunde fraß? Konnte in solchen, von allem Herkömmlichen getrennten Gesellen die Gier nach Genuß und Ungebundenheit nicht heißer lodern als die Freude an der Möglichkeit, jene Welt, die sie verstoßen, durch ein nie geschautes Beispiel zu beschämen? Was geschah, wenn sich der Haufe schon zu roh und verwöhnt zeigte, um zu einer regelmäßigen Arbeit zurückzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn in seinen Träumen schon zu häufig der Jubel umbrandet, den allein die Verkündung, die Preisgabe seiner weltverändernden Pläne in den Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die neuen Römer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mußte? Der höhnische Einwurf der Königin fiel ihm ein: »Und mit einer Bande von Räubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?« Und während er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, daß er bis jetzt nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgültigen Dunkel verschwanden. Was brütete die Masse? Und weshalb hielt er sie von sich fern?

»He, Licinius,« unterbrach er in einem solchen Augenblick des Erschreckens seinen Gefährten, der ihm bis jetzt unbeachtet und folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, »in die Ecke mit der Eselshaut! Der Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnüffelt, nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit ich dir eine Handvoll unserer künftigen Werkleute zeige.«

Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem Vorwand, seinen zarten Gefährten unterrichten zu müssen. Da öffnete sich denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe, wie sich hier Sünde und Gegensünde zum Knäuel verstrickten.

Da war zuerst der Steuermann Lüdecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit einem blonden Strohdach, das ihm wirr über die Augen hing. Aber auch so irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschöpfes an, und nur in den Stunden vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf, und ein Blutreifen umschloß sie, gleich dem eines tobsüchtigen Hundes. Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen müssen. Tanzen? Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nämlich auf dem flachen Lande die ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet fühlte, dann mußten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergötzung um den Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloßen Knien, die Männer aber tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne Rast, ohne Aufhören, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Lüdecke Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei dieser Belustigung ohnmächtig liegen blieb und Marik, sein Töchterchen, unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tänzer die adlige Zuschauerin erwürgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick gestoßen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz überdies noch ein Feuerwerk, das Schloß brannte ab. Seitdem war dem Flüchtling ein bös Erbteil geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann mußte Lüdecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wütende in den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch immer mit bloßen Fäusten an, um sie brüllend zu erwürgen.

Als Linda jene Geschichte hörte, bedeckte sich ihr die heitere See mit Nacht, Claus Störtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn er wußte nicht, ob er des Mannes sicher sei.

Da war der schmächtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer grinsend, immer lächelnd, was vielleicht daher rührte, weil ihm das geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zähne gezogen, immer einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch nicht eingestehen, was er über die Besuche Urians bei seinem Weibe wußte? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend gefunden? Und anders ließ es sich auch nicht erklären, warum ein armer Töpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber schließlich hatte das Recht triumphiert. Punkt für Punkt stand es bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begründet! Und nur eines blieb merkwürdig. In Meister Frowein mußte sich selbst etwas Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den Wänden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl nur ein Gerücht, daß er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.

Ungeduldiger, rastloser rührte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er suchte. Er fahndete nach Bürgertugend und Bürgersehnsucht! Wie tief lagen diese so selbstverständlichen Dinge wohl versteckt?

Der nächste!

Ein himmelblauäugiger, rotmähniger, wüster Bursche, denn obwohl sich Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der »grünen Irin« ausdrückte, so war er doch gefürchtet als streitsüchtiger Zänker, aber noch mehr verschrien als Anführer bei jeder maßlosen Ausschweifung. Weiber, Würfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie wußten nicht, daß Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begüterten Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frühzeitig in die Zelle eines der Irinsklöster gesteckt worden war, damit er durch Hunger und Geißelungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbüße. Eines Tages aber, als er gerade vom Fluß für die Küche Holz schleppen sollte, hatte eine Flößerin den Buben in ihre schwimmende Strohschütte kriechen lassen, und seitdem wußte das abgezehrte Gebein, wie hell der Tag schimmern und wie betörend ein Frauenleib strotzen konnte. Heißa, jetzt fraß er die Sonne und soff die Weiber, und seine größte Belustigung bestand darin, Nonnenklöster wie Vogelnester auszunehmen, und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei Wollust zu unflätigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermüden Gläubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem Kopfschütteln, und ein zweifelhaftes Lächeln mischte sich in seinen herablassenden Gruß, als er sich von ihm trennte.

»Da, Licinius, betrachte dir zum Schluß die Krummnase genau. Womöglich haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Säge und Hobel gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebräeraugen?«

Der Admiral hätte noch hinzufügen können, daß der Jude ein alter Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe unglückliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den Händen abergläubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich gekehrte, demütige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste Würger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu gebärenden Rachegelüstes hatte er den gelben Judenfleck auf das Schifferwams genäht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhöhnten, desto zärtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem Hebräer lebte auch eine unheimliche, vergötternde Liebe. Sobald der Admiral in seine Nähe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die alte, tausendjährige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte unverbrüchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und Menschenhaß erlösen würde. Und nach den Sagen seines Stammes würde der Gesandte Jehovas kein Lämmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern ein Gerüsteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert über die Erde funkelte. Wer war's? Claus Störtebecker war's, der Schimmernde, Überlebensgroße, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel! Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich im Herzen trug.