Part 18
»Viel Ehre, wahrhaftig.« Der untersetzte Kerl vollführte eine spaßhafte Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschämter mit seinen verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fäusten seine höhnenden Gefährten zur Ruhe. »Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, daß ein fürnehmer Junker sich zu uns herabläßt? Eia, welch feines Tuch und welch ein geschorenes Krägelchen!« Er leckte sich die wulstigen Lippen und schlürfte vor Wonne. »Potz Belten, und wie gerade und voll sich die hübschen Beine runden! Traun', wer möchte sich nicht solch einen holden Schatz zum Freund wünschen?«
Spürend, tapsig ließ er die Hand an der Weiche des jungen Dänen herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein verzweifelter Stoß dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so überraschend zurückschleuderte. Aber während der Ungeschickte unter dem schadenfrohen Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zügen des Knaben doch so wunderlich auf den Seemann ein, daß er mürrisch von seinen unangebrachten Scherzen abließ.
»Weißt du auch, Milchbart,« brummte er warnend, wobei sein Blick noch einmal die weichen Formen des Fremden betastete, »was geschieht, wenn du keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfüber ins Meer gestürzt. Denn nur die Stummen halten reinen Mund.«
»Das schreckt mich nicht,« entgegnete der Däne mit einer seltsam bangen Stimme. »Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre.«
Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden.
»Steig ein,« murmelte er nachdenklich, »dann gehörst du vielleicht zu uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen.« Hilfreich bot er dem Knaben die Hand, wenige Augenblicke später knirschte das Boot in die Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Küste, und nur das ausgeplünderte Kastell hob sich schärfer über die Gegend, als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rächendes Leben zu gewinnen.
* * * * *
Unter dem mächtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tür entgegen, und davor stand ein bärtiger Matrose, den Spieß aufgerichtet, die Linke auf ein kurzes Schwert gestützt. Er hielt die Wacht.
»Laß das Bürschlein ein, Tielo,« vermittelte der Bootsmann, der hier zögerte. »Mich dünkt, Claus kennt es schon,« wollte er zweideutig hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglücklichen Blicke getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: »Laß es ein. Es wird Claus Spaß machen. Geh, Bürschlein.«
Vorsichtig öffnete er die Flügel nach innen, der Tag schwand zurück, und eine bläuliche Dämmerung empfing die Eintretende in dem tiefen, langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht floß durch zwei kreisrunde Löcher, deren Bretterverschläge zurückgezogen waren, und die blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, fürstlich geschmückten Saal etwas Kühles und Fröstelndes. Aber es war nicht diese Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von ihrem Dämon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz erstarren ließ, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen Fensteröffnung, einen überlebensgroßen Mann auf seinem Ruhebett lagern sah, den Frevler, der es hartherzig zertrümmert hatte, da bäumte sich sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf, Leichenblässe bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt. Unwillig über die Störung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenüber an der Wand angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte er in jähem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich ihm so überraschend und unglaubwürdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel so wild ins Antlitz, daß er zuvörderst seine herrische Sicherheit einbüßte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine Brauen zusammenschnürte.
»Was willst du?« drohte er in ersticktem Zorn. »Wer ließ dich ein?«
Keine Güte verkündete sich in den heftig hervorgestoßenen Worten, nicht ein Schatten von Reue, nur der verletzte Übermut eines jede Verantwortung Verschmähenden tobte sich hier aus. Aber gerade diese helle, schneidende Stimme riß Linda aus ihrer demütigen Stellung empor. Wie ein Pfeil fuhr es ihr durch den Sinn, daß der Mann auf dem Lager ein bedenkenloser Übeltäter sei, daß er nichts Heiliges an sich trage als seinen fremdartigen, erlösenden, umwälzenden Gedanken, und daß auch dieser nur durch ein unerklärliches Wunder gerade in seine kalte, spiegelglatte Schale verschwendet sei. Und fieberisch getrieben, sich wenigstens das letzte zu retten, was ihr noch von Hoffnung, Himmel und Jenseits übriggeblieben, sich nicht ausschließen zu lassen von jener Gnadenfreistatt, die hier allen armen Seelen gepredigt wurde, erhob sie sich und trat dem Gefürchteten stockenden Schrittes entgegen. Ihre blauen Augen drängten sich suchend, flehend, jeden Widerspruch von vornherein fortstreichelnd, in die seinen.
»Du hast mir alles genommen, Claus Störtebecker, selbst den Winkel, wo ich mich verbergen kann,« sagte sie mit einem unausweichlichen, bebenden Ernst, von dem sogar ihr Zuhörer gebändigt wurde. »Du hast mich getötet, obwohl ich dir nichts Übles sann, da ich dich zuvor kaum zweimal geschaut. Aber sieh, das, was besser ist als du, dein Werk, diese letzte Zuflucht der Gemißhandelten und Niedergebrochenen, sie kannst du auch mir nicht verschließen. Der Heiland spricht nicht mehr zu mir. Aber in deiner Hand leuchtet ein Licht, das mich beseligt. Laß mich dir dienen, Claus Störtebecker, laß mich dir dienen, damit ich den Tag schaue, wo du das Licht zu den Unglücklichen trägst. Denn dies ist der Tag der Auferstehung.«
In ihrer Stimme demütigte sich die ganze Zerbrochenheit eines jämmerlich zugerichteten Wesens, aber zugleich griffen aus jedem Wort zwei flehende Hände in letzter Angst nach einem schwanken Lichtstrahl, als ob er zwischen ihren Fingern zu einem rettenden Seil werden könnte. Der Mann jedoch, ihr Verderber und Zerstörer, von dem ihre hingenommenen, betäubten Augen meinten, daß ihm das weisende Licht in der Rechten flackere, er sprang finster auf, und während er ungehalten das Haupt schüttelte, da stritten sich in ihm niederdrückende Verlegenheit mit der peinlichen Abneigung, seinem lebendig gewordenen Frevel Rede und Antwort stehen zu müssen. Dergleichen war der selbstherrliche Genießer nicht gewohnt. Alle Weiber waren doch nur dazu geschaffen, damit sie auf weichen Kissen der darbenden Lust Genüge täten. Was verschlug es, ob sie unter geschwungenen Weihrauchfässern hingenommen wurden, im Taumel des Weines oder einer überrauschenden Siegerlaune? Nein, nein, den unbequemen Vorwurf wollte er nicht an seiner Seite dulden.
»Weib,« klang es scharf und hitzig von seinen Lippen. »Du träumst. -- Das Freibeuterschiff ist kein Platz für Frauentränen. Hier fließt Blut. Nicht zum Scherz nennen wir uns 'aller Welt Feind'.«
Allein Linda senkte nicht ihren ernsten Blick.
»Ich weiß,« entgegnete sie ohne Zaudern, »du bist ein Feind der verdorbenen Welt. Jedoch, Claus Störtebecker, auch ich habe meine alte Welt abgestreift. Und du darfst es mir glauben, ich will nicht ruhen noch rasten, bis ich, gleich euch Männern, nur noch das Flammenzeichen vor mir schaue, auf das ihr zufahrt.«
»Weib, Weib,« unterbrach hier der Admiral mahnend und ungläubig, und doch geschah es nur, um zu verbergen, wie sehr er von der sehnsüchtigen Hingabe dieses fremden Geschöpfes getroffen wurde. Unruhig durchmaß er den weiten Raum, bis er plötzlich hart vor dem dänischen Knaben stehn blieb. In seinem schmalen Antlitz zuckte jene wilde Entschlossenheit, die stets seine Züge spannte, wenn es zu Streit und Kampf ging. »Weib,« drohte er sonder Rücksicht noch Scham. »Was verstecken wir uns voreinander? Dir ist übel von mir mitgespielt worden. Und ich weiß nicht einmal, was mich dazu trieb. Ob nur der Weindunst oder die Freude daran, deiner Patronin einen Streich zu versetzen. Aber jetzt täusche dich nicht. In mir gibt es keine Bereitwilligkeit, das Begangene wieder gutzumachen.«
Totenblaß warf der Knabe die Hand vor, allein seine Finger wurden von dem Seemann ergriffen und beiseite gepreßt.
»Mein Leben wird kurz sein,« hastete er weiter, »und ich will es mir nicht durch deinesgleichen mindern lassen. Zahlreich schlüpft ihr durch meine Hände, was seid ihr mir?«
Aufgebracht, erzürnt stand der Hochgewachsene vor ihr, als sei er es, der grimme und berechtigte Vorwürfe über die Zudringliche ausschütten dürfe, weil eine Fremde sich unterfinge, sein Dasein zu beladen oder dem Ungebundenen eine Richtung weisen zu wollen. Dazu hielt er noch immer die Hand des Knaben in der seinen und umspannte sie, daß die Blonde einen leisen Wehruf nicht unterdrücken konnte. Und doch, die verletzende Offenheit des wilden Menschen, die das klägliche Schicksal einer Vernichteten erst in seiner ganzen kargen Armut enthüllte, gerade diese schonungslose Roheit, sie ließ die Edelingstochter einen Rest ihres alten angeborenen Stolzes wiederfinden, das Bewußtsein ihrer geraden, rechtlichen Art.
»Was sprichst du von anderen Weibern?« beharrte sie fest. »Begreifst du nicht, daß du mich für immer hinweggelöscht hast? Sei gewiß, niemals werde ich dich an mein Wesen erinnern, aber auch nicht dulden, wenn es im Gedächtnis anderer wieder auflebt. Zudem in der Stunde der Gefahr bietet das weite Meer ringsum für jeden Mutigen eine Freistatt.«
Ruhig entzog sie dem Admiral ihre Hand und lüftete die Kappe von ihrem Haupt. Und jetzt bemerkte der Erstaunte erst, wie ihre Haare kurz abgeschnitten waren, gleich denen eines Knaben. Kopfschüttelnd, mit einem halben Lächeln über die Zähigkeit ihres Willens trat der Störtebecker zurück. Sein Gast aber sprach mit unvermindertem Nachdruck weiter:
»Darum, noch einmal, Claus Störtebecker, dulde mich. Denn mir ist es, als ob mein Leben erst enden könnte, nachdem ich das Glück der vielen Tausende geschaut habe, um derentwillen du geboren bist.«
Es lag ein solcher fernseherischer Glaube in dieser Bitte, daß er jedem anderen an die Seele gerührt hätte. -- Claus Störtebecker indessen begann plötzlich zu lachen, streckte sich auf das Lager, und indem er bequem das Haupt aufstützte, warf er hin:
»Sage mir, wie heißt du, Büblein?«
Obwohl sie alle Kraft aufbot, errötete doch die Gefragte.
»Linda,« entgegnete sie, an sich herabschauend.
»Gut,« lobte der Admiral und betrachtete neugierig die ranke Gestalt, »so will ich dich Licinius taufen.« Und auf ihren verständnislosen Ausdruck setzte er angeregt hinzu: »Merke dir, dein neuer Schutzpatron war im alten Rom einer von jenen, denen weder Suppe noch Braten schmecken wollte, solange die Hungrigen in ihren Pesthöhlen verfaulte Tiberfische fressen mußten. In dir sitzt von dem Mann etwas, das ich gern habe. Und nun suche dir hier ein Loch zur Behausung. Was schiert es mich? Es waren schon viele Weiber auf dem Schiff. Du magst bleiben, solange deine Grille zirpt oder es dir sonst Spaß bereitet. -- Geh, Licinius.«
Ende des ersten Bandes.
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Claus Störtebecker
Zweiter Band
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Das dritte Buch
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I.
Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die »Agile« durch Tag und Nacht. Geschmeidig, zuverlässig, wie ein nimmermüder Läufer rannte das Schiff über die blaue Ebene, und sein Erbauer mußte einen eigenen Zauber in den Kiel gesenkt haben, denn es war befähigt, durch eine unscheinbare Schwenkung mühelos den Zusammenrottungen größerer Flotteneinheiten zu entgehen, wie sie sich jetzt auffällig oft auf der Ostersee zu zeigen begannen. Über die Wasser mußte bereits das Gerücht von der Untat auf Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich auf den Kriegsaufbauten über dem Bug oder hinten über Steuerbord zusammen, verborgen spannten sich die Armbrüste, die Geschützbedienung trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und während unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewöhnlich der Bootsmann Wulf Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lügen auf die Wißbegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff »Roi de France«, bald »Die Perle von Brügge«, und die Flaggen, die er aus Leibeskräften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine Auskünfte über Ziel und Ladung des Seglers. Rückten darauf die fremden Schiffer mißtrauisch und unbefriedigt näher, dann fing mit einemmal die Erfindung des Störtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau über dem Bug, und der Donnergruß aus den drei Mäulern vertrieb den Neugierigen weitere Fragen. Um Linda herum aber gellte der höllische Triumph der Freibeuter. Bei solcherlei unbedeutenden Scharmützeln pflegte sich der Admiral fast niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mußte er sich überzeugen, daß der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmütig vermied er die Gemeinschaft mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, daß dieser Schwarzflaggenfürst einen Wall um sich gezogen hatte, über den keiner seiner Untergebenen hinüberzuschauen wagte. Dafür raunten sie sich über ihn allerlei geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann bereits bunte Fäden um den Lebenden. Daß er eine Hexensalbe besitze, die ihn schußsicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwüchsige Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann wurde er wieder jung und schön, der scharfe Zug um seinen herrischen Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die Herzen betörte. Ferner -- ihr wißt es wohl -- sieben Höhlen eignen ihm in aller Herren Länder. Von unten bis oben vollgestopft mit den herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er doch einmal gewettet, er könne die Ostersee durch eine goldene Kette in zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt. Er hat einen Pakt. Und das ist gut für die Schwarzflaggen, darauf bauen sie. Ein graues Männchen, ein Rauch, fährt manchmal zu Claus herab; dann verschließt sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajüte, selbst der wachthabende Matrose muß abziehen, und mit Grauen hört man zuweilen auf dem Verdeck, wie der Störtebecker stöhnt und ächzt, weil er mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der Anführer am nächsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenblaß aus, die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie können sich an das Licht der Erde nicht so schnell gewöhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloßen Brust trägt, schützt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja gleichfalls um die Zukunft weiß und noch lange nicht tot ist. Brand und Not, das Christentum gilt nicht immer!
* * * * *
Es traf sich, daß sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der Einsamkeit mit dem des Anführers verfing. Aufgerichtet lehnte der Störtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die Stirn, aber während seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit der Weite stritten, da dämmerte eine derartige Blässe auf seinen Wangen, daß das Mädchen, von einem plötzlichen Mitleid erfaßt, auf ihn zutrat. Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen.
»Bist du krank?« fragte sie hastig.
Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajüte mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine günstige Stätte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie kaltherzig von sich wies.
»Torheit,« herrschte er sie an, »um was kümmerst du dich? Wir brauchen hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln.«
Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschätzung, der ihr bewies, wie überflüssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war Licin, wie der Knabe allmählich auch seitens der Mannschaft genannt wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, für die persönlichen Bedürfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne daß es der Störtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein fürstlicher Hausrat von ihrem gefälligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem Edelknaben trug sie dem Gebieter täglich sein Mahl auf. Dafür lohnte ihr wohl manchmal ein lässiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft nie länger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestört sah er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer, daß er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich zurückzuziehen.
So flog die »Agile«, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu munkeln, daß der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich etwas ganz Ungewöhnliches ereignen. Doch worin diese Überraschung bestehen könnte, darüber gingen die Meinungen weit auseinander; vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte der Königin, vielleicht winkte der unglücklichen Stadt abermalige Brandschatzung, denn der Admiral besaß keinen Vertrauten für seine Pläne.
Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glück kommender Geschlechter anvertraut wähnte. Eines Nachts lag sie in ihrem Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre Hüften geschlagen. An die Schiffswand plätscherten dazu die Wogen, wie ferner Gesang.
Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehämmert, und als sie angstvoll und noch in halber Betäubung auffuhr, da hörte sie die rauhe Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mühsam zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der »Agile« verminderte, und über ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen Tritte vieler Männer. Notdürftig bekleidet entstürzte sie ihrer Kammer. Über der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut, als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht sei. Auch von dort drüben quirlte und rasselte es, und an den nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, für den hinstarrenden Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz verknüpften. Woher aber drang diese markerschütternde, übermenschliche Stimme durch die Lüfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nächster Nähe aufgefangen, jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines menschlichen Ungeheuers könnten solche schreckhaft verstärkten Töne ausgestoßen werden. Und doch, durchdringend verständlich klang es, was die geisterhafte Stimme durch den Seequalm dröhnte, und obwohl jede einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hämmerte, so verstand er doch recht gut, wie von dort drüben in französischer Sprache gefordert wurde, der verdächtige Segler möge sofort beilegen, um sich einer Untersuchung seitens des »Le Connetable« zu fügen.
Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schüttelten bereits ihre Häupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein Flüstern schlich unter der Mannschaft der »Agile« umher.
Da -- mitten aus der gepreßten Stille schwang sich plötzlich jene Stahlstimme empor, die allen wie ein glühender Trunk durch die Adern schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des bedrohten Schiffes. Da -- dort -- der Admiral -- Claus -- der Störtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen über der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knöchel geschnürt, den langen Hieber aber in den verschränkten Armen, da vergaßen sie die noch eben geübte Vorsicht, und ein toller Jubelruf brauste in den kühlen Wind, der spöttisch mit den Locken ihres Führers zauste.
Der Störtebecker ergriff ein Sprachrohr.
»Connetable heißt du?« rief er gleichfalls durch das Mundstück. »_Mort de Dieu_, seit wann kriechen die Seidenwürmer von Lyon in unsere Töpfe? Hat Charles, euer geistesverwirrter König[*] Leibweh bekommen, daß er meint, die Schiffe der Ostersee ständen ihm offen wie sein Nachtstuhl?«
[*] Karl VI. von Frankreich.
Darauf von drüben:
»Klärt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone.«
Darauf der Störtebecker:
»Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann freßt den Mörtel eurer Bastille. Dürstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbärmlich, geknechtet Volk, wie maßt du dir Richterspruch an über windfreie Leute?«
Darauf von drüben: »Wir haben Kriegsgerät. Nenn' deinen Namen, Mensch, sonst hängst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft.«
Darauf der Störtebecker mit einem gellenden Lachen:
»Meines Namens lüstet euch? _Cachez vous sous les lits de vos bien-aimées._[*] Seidene Höschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr meinen Namen hört. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen.«
[*] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten!
»Bist du etwa der Störtebecker?«
Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der »Agile« in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden trieb ihr das Blut ungestümer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda, die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mächtig war, wie die überlebensgroße Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerändert von dem ersten Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, daß auf beiden Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat.