Christuslegenden

Part 5

Chapter 53,961 wordsPublic domain

Einmal zu der Zeit, da Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er auf der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt in Nazareth und war damit beschäftigt, aus einem Klümpchen geschmeidigen Tons, das er von dem Töpfer auf der anderen Seite der Straße erhalten hatte, Tonkuckucke zu verfertigen. Er war so glücklich wie nie zuvor, denn alle Kinder des Viertels hatten Jesus gesagt, daß der Töpfer ein mürrischer Mann sei, der sich weder durch freundliche Blicke noch durch honigsüße Worte erweichen ließe, und er hatte niemals gewagt, etwas von ihm zu verlangen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war: er hatte nur auf seiner Schwelle gestanden und sehnsüchtig den Nachbar betrachtet, wie er da an seinen Formen arbeitete, und da war der aus seinem Laden gekommen und hatte ihm so viel Ton geschenkt daß er gereicht hätte, um einen Weinkrug daraus zu fertigen.

Auf der Treppenstufe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und rothaarig war und das Gesicht voller blauer Flecke und die Kleider voller Risse hatte, die er sich bei seinen beständigen Kämpfen mit den Gassenjungen zugezogen hatte. Für den Augenblick war er still, er reizte niemand und balgte sich nicht, sondern arbeitete an einem Stück Ton, in gleicher Weise wie Jesus. Aber diesen Ton hatte er sich nicht selbst verschaffen können: er traute sich kaum, dem Töpfer unter die Augen zu treten, denn dieser beschuldigte ihn, daß er Steine auf sein zerbrechliches Gut zu werfen pflege, und hätte ihn mit Stockhieben verjagt; Jesus war es, der seinen Vorrat mit ihm geteilt hatte.

Wie die zwei Kinder ihre Tonkuckucke fertig machten, stellten sie sie in einem Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu allen Zeiten ausgesehen haben, sie hatten einen großen roten Klumpen als Füße, um darauf zu stehen, kurze Schwänze, keinen Hals und kaum sichtbare Flügel.

Aber wie das auch sein mochte, alsbald zeigte sich ein Unterschied in der Arbeit der kleinen Kameraden. Judas Vögel waren so schief, daß sie immer umpurzelten, und wie er sich auch mit seinen kleinen harten Fingern mühte, er konnte ihre Körper doch nicht niedlich und wohlgeformt machen. Er sah zuweilen verstohlen zu Jesus hinüber, um zu sehen, wie der es anstellte, daß seine Vögel so gleichmäßig und glatt wurden wie die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor.

Mit jedem Vogel, den Jesus fertig hatte, wurde er glücklicher. Einer däuchte ihn schöner als der andre, und er betrachtete sie alle mit Stolz und Liebe. Sie sollten seine Spielgefährten werden, seine kleinen Geschwister, sie sollten in seinem Bette schlafen, mit ihm Zwiesprach halten, ihm ihre Lieder singen, wenn seine Mutter ihn allein ließ. Er hatte sich nie so reich gedünkt, niemals mehr würde er sich einsam oder verlassen fühlen können.

Der hochgewachsene Wasserträger ging vorbei, gebeugt unter seinem schweren Sack, und gleich nach ihm kam der Gemüsehändler, der mitten zwischen den großen leeren Weidenkörben auf dem Rücken seines Esels baumelte. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus blondlockigen Kopf und fragte ihn nach seinen Vögeln, und Jesus erzählte, daß sie Namen hätten und daß sie singen könnten. Alle seine kleinen Vögelchen wären aus fremden Ländern zu ihm gekommen und erzählten ihm Dinge, von denen nur sie und er wüßten. Und Jesus sprach so, daß der Wasserträger wie der Gemüsehändler lange ihre Verrichtungen vergaßen, um ihm zu lauschen.

Als sie weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas. „Seht, was für schöne Vögel Judas macht!“ sagte er.

Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas, ob auch seine Vögel Namen hätten und singen könnten. Aber Judas wußte nichts hierüber, er schwieg eigensinnig und hob die Augen nicht von seiner Arbeit; der Gemüsehändler stieß ärgerlich einen seiner Vögel mit dem Fuße weg und ritt weiter.

So verstrich der Nachmittag und die Sonne sank so tief, daß ihr Schein durch das niedrige Stadttor hereinschreiten konnte, das sich, mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Straße erhob. Dieses Sonnenlicht, das um die Neige des Tages kam, war ganz rosenrot, und als wäre es aus Blut gemischt, gab es seine Farben allem, was ihm in den Weg kam, während es durch das schmale Gäßchen rieselte. Es malte die Gefäße des Töpfers ebenso wie die Planke, die unter der Säge des Zimmermanns knirschte, und das weiße Tuch, das Marias Gesicht umgab.

Aber am allerschönsten blinkte der Sonnenschein in den kleinen Wasserpfützen, die sich zwischen den großen holprigen Steinfliesen, die die Straße bedeckten, angesammelt hatten. Und plötzlich steckte Jesus seine Hand in die Pfütze, die ihm zunächst war. Es war ihm eingefallen, daß er seine grauen Vögel mit dem glitzernden Sonnenschein anmalen wollte, der dem Wasser, den Hausmauern, kurz allem ringsum eine so schöne Farbe verliehen hatte.

Da war es dem Sonnenlicht eine Freude, sich auffangen zu lassen wie die Farbe aus einem Malertiegel, und als Jesus es über die kleinen Tonvögelchen strich, da lag es still und bedeckte sie vom Kopfe bis zum Fuße mit diamantenähnlichem Glanze.

Judas, der hie und da einen Blick hinüber zu Jesus warf, um zu sehen, ob dieser mehr und schönere Vögel mache als er, stieß einen Ausruf des Entzückens aus, als er sah, wie Jesus seine Tonkuckucke mit Sonnenschein bemalte, den er aus den Wassertümpeln der Gasse auffing. Und Judas tauchte seine Hand auch in das leuchtende Wasser und suchte das Sonnenlicht aufzufangen.

Aber das Sonnenlicht ließ sich nicht von ihm fangen. Es glitt zwischen seinen Fingern hindurch, und wie hurtig er sich auch mühte, die Hände zu regen, um es zu greifen, es entschlüpfte ihm doch, und er konnte seinen armen Vögeln kein bißchen Farbe schaffen.

„Warte, Judas!“ sagte Jesus. „Ich will kommen und deine Vögel malen.“

„Nein,“ sagte Judas, „du darfst sie nicht anrühren. Sie sind gut genug, wie sie sind.“

Er stand auf, während seine Stirn sich furchte und seine Lippen sich aufeinander preßten. Und er setzte seinen breiten Fuß auf die Vögel und verwandelte sie einen nach dem andern in kleine abgeplattete Lehmklumpen.

Als seine Vögel alle zerstört waren, ging er auf Jesus zu, der dasaß und seine kleinen Tonvögel streichelte, die wie Juwelen funkelten. Judas betrachtete sie eine Weile schweigend, aber dann hob er den Fuß und trat einen von ihnen nieder.

Als Judas den Fuß zurückzog und den ganzen kleinen Vogel in grauen Lehm verwandelt sah, empfand er eine solche Wollust, daß er zu lachen begann, und er hob den Fuß, um noch einen zu zertreten.

„Judas,“ rief Jesus, „was tust du? Weißt du nicht, sie sind lebendig und können singen?“

Aber Judas lachte und zertrat noch einen Vogel.

Jesus sah sich nach Hilfe um. Judas war groß, und Jesus hatte nicht die Kraft, ihn zurückzuhalten. Er schaute nach seiner Mutter aus. Sie war nicht weit weg, aber ehe sie herankäme, konnte Judas schon alle seine Vögel zerstört haben. Die Tränen traten Jesus in die Augen. Judas hatte schon vier seiner Vögel zertreten, es waren nur noch drei.

Er war seinen Vögeln gram, daß sie so stille standen und sich niedertreten ließen, ohne auf die Gefahr zu achten. Jesus klatschte in die Hände, um sie zu wecken, und rief ihnen zu: „Fliegt, fliegt!“

Da begannen die drei Vögel ihre kleinen Flügel zu regen, und ängstlich flatternd vermochten sie sich auf den Rand des Daches zu schwingen, wo sie geborgen waren.

Aber als Judas sah, daß die Vögel auf Jesus Wort die Flügel regten und flogen, da fing er zu weinen an. Er raufte sein Haar, wie er es die Alten hatte tun sehen, wenn sie in großer Angst und Sorge waren, und warf sich Jesus zu Füßen.

Und da lag Judas und wälzte sich vor Jesus im Staube wie ein Hund und küßte seine Füße und bat, daß er seinen Fuß erheben und ihn niedertreten möge, wie er mit den Tonvögeln getan hatte.

Denn Judas liebte Jesus und bewunderte ihn und betete ihn an und haßte ihn zugleich.

Aber Maria, die die ganze Zeit über das Spiel der Kinder mit angesehen hatte, stand jetzt auf und hob Judas empor und setzte ihn auf ihren Schoß und liebkoste ihn.

„Du armes Kind!“ sagte sie zu ihm. „Du weißt nicht, daß du etwas versucht hast, was kein Geschöpf vermag. Vermiß dich nicht mehr, solches zu tun, wenn du nicht der unglücklichste aller Menschen werden willst! Wie sollte es wohl dem von uns ergehen, der es unternähme, mit ihm zu wetteifern, der mit Sonnenschein malt und dem toten Lehm den Odem des Lebens einhaucht?“

Im Tempel

Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher. Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten.

Der Sohn war nicht im Tempel gewesen, seit er so groß war, daß er verstehen konnte, was er sah; und jetzt gingen seine Eltern mit ihm umher und zeigten ihm alle Herrlichkeiten. Da waren lange Säulenreihen, da waren vergoldete Altäre, da waren heilige Männer, die saßen und ihre Schüler unterwiesen, da war der oberste Priester mit seinem Brustschild aus Edelsteinen, da waren Vorhänge aus Babylon, die mit Goldrosen durchwebt waren, da waren die großen Kupfertore, die so schwer waren, daß es eine Arbeit für dreißig Männer war, sie in ihren Angeln hin und her zu schwingen.

Aber der kleine Knabe, der erst zwölf Jahre zählte, kümmerte sich nicht viel um das alles. Seine Mutter erzählte ihm, daß, was sie ihm zeigten, das Merkwürdigste auf der Welt sei. Sie sagte ihm, daß es wohl lange dauern würde, ehe er noch einmal so etwas zu sehen bekäme. In dem armen Nazareth, wo sie daheim waren, gab es nichts anderes anzugucken als die grauen Gassen.

Ihre Ermahnungen fruchteten aber nicht viel. Der kleine Knabe sah aus, als wäre er gerne aus dem herrlichen Tempel fortgelaufen, wenn er dafür in der engen Gasse in Nazareth hätte spielen dürfen.

Aber es war wunderlich: je gleichgültiger der Knabe sich zeigte, desto froher und vergnügter wurden die Eltern. Sie nickten einander über seinen Kopf hinweg zu und waren eitel Zufriedenheit.

Endlich sah der Kleine so müde und erschöpft aus, daß er der Mutter leid tat. „Wir sind zu weit mit dir gegangen,“ sagte sie. „Komm, du sollst dich ein Weilchen ausruhen!“

Sie ließ sich neben einer Säule nieder und sagte ihm, er solle sich auf den Boden legen und den Kopf in ihren Schoß betten. Und er tat es und schlummerte sogleich ein.

Kaum war er eingeschlafen, da sagte die Frau zu dem Manne: „Ich habe nichts so gefürchtet wie die Stunde, da er Jerusalems Tempel betreten würde. Ich glaubte, wenn er dieses Haus Gottes erblickte, würde er für alle Zeit hier bleiben wollen.“

„Auch mir hat vor dieser Fahrt gebangt,“ sagte der Mann. „Zur Zeit, da er geboren wurde, geschahen mancherlei Zeichen, die darauf deuteten, daß er ein großer Herrscher werden würde. Aber was sollte ihm die Königswürde bringen als Sorgen und Gefahren? Ich habe immer gesagt, daß es das beste für ihn wie für uns wäre, wenn er niemals etwas andres würde, als ein Zimmermann in Nazareth.“

„Seit seinem fünften Jahre,“ sagte die Mutter nachdenklich, „sind keine Wunder um ihn geschehen. Und er selber erinnert sich an nichts von dem, was sich in seiner frühesten Kindheit zugetragen hat. Er ist jetzt ganz wie ein Kind unter andern Kindern. Gottes Wille möge vor allem geschehen, aber ich habe fast zu hoffen begonnen, daß der Herr in seiner Gnade einen andern für die großen Schicksale erwählen und mir meinen Sohn lassen werde.“

„Was mich betrifft,“ sagte der Mann, „so bin ich gewiß, daß alles gut gehen wird, wenn er gar nichts von den Zeichen und Wundern erfährt, die sich in seinen ersten Lebensjahren begeben haben.“

„Ich spreche nie mit ihm über etwas von diesem Wunderbaren,“ sagte die Frau. „Aber ich fürchte immer, daß ohne mein Hinzutun etwas geschehen könnte, was ihn erkennen läßt, wer er ist. Vor allem hatte ich Angst, ihn in diesen Tempel zu führen.“

„Du kannst froh sein, daß die Gefahr nun vorüber ist,“ sagte der Mann. „Bald haben wir ihn wieder daheim in Nazareth.“

„Ich habe mich vor den Schriftgelehrten im Tempel gefürchtet,“ sagte die Frau. „Ich fürchtete mich vor den Wahrsagern, die hier auf ihren Matten sitzen. Ich glaubte, wenn er ihnen unter die Augen träte, würden sie aufstehen und sich vor dem Kinde beugen und es als den König der Juden grüßen. Es ist seltsam, daß sie seiner Herrlichkeit nicht gewahr werden. Ein solches Kind ist ihnen noch niemals vor Augen gekommen.“

Sie saß eine Weile schweigend und betrachtete das Kind. „Ich kann es kaum verstehen,“ sagte sie. „Ich glaubte, wenn er diese Richter sehen würde, die in dem heiligen Hause sitzen und die Zwiste des Volkes schlichten, und diese Lehrer, die zu ihren Jüngern sprechen, und diese Priester, die dem Herrn dienen, so würde er erwachen und rufen: ‚Hier unter diesen Richtern, diesen Lehrern, diesen Priestern zu leben bin ich geboren.‘“

„Was sollte dies wohl für ein Glück sein, zwischen diesen Säulengängen eingesperrt zu sitzen?“ fiel der Mann ein. „Es ist besser für ihn, auf den Hügeln und Bergen rings um Nazareth umherzuwandern.“

Die Mutter seufzte ein wenig. „Er ist so glücklich bei uns daheim,“ sagte sie. „Wie zufrieden ist er, wenn er die Schafherden auf ihren einsamen Wanderungen begleiten darf, oder wenn er über die Felder geht und der Arbeit der Landleute zusieht! Ich kann nicht glauben, daß wir unrecht gegen ihn handeln, wenn wir versuchen, ihn für uns zu behalten.“

„Wir ersparen ihm nur das größte Leid,“ sagte der Mann.

Sie fuhren fort, so miteinander zu sprechen, bis das Kind aus seinem Schlummer erwachte.

„Sieh da,“ sagte die Mutter, „hast du dich jetzt ausgeruht? Stehe nun auf, denn der Abend bricht an, und wir müssen heim zum Lagerplatz.“

Sie befanden sich in dem entferntesten Teil des Gebäudes, als sie die Wanderung zum Ausgang antraten.

Nach einigen Augenblicken hatten sie ein altes Gewölbe zu durchschreiten, das sich noch aus der Zeit erhalten hatte, als zum ersten Male ein Tempel an dieser Stelle errichtet worden war, und da, an eine Wand gelehnt, stand ein altes Kupferhorn von ungeheurer Länge und Schwere gleich einer Säule da, damit man es an den Mund führe und darauf blase. Es stand da, bucklig und verschrammt, innen und außen voll Staub und Spinngeweben, und von einer kaum sichtbaren Schlinge von altertümlichen Buchstaben umgeben. Tausend Jahre mochten wohl vergangen sein, seit jemand versucht hatte, ihm einen Ton zu entlocken.

Aber als der kleine Knabe das ungeheure Horn erblickte, blieb er verwundert stehen. „Was ist das?“ fragte er.

„Das ist das große Horn, das die Stimme des Weltenfürsten genannt wird,“ antwortete die Mutter. „Mit ihm rief Moses die Kinder Israels zusammen, als sie in der Wüste zerstreut waren. Nach seiner Zeit hat niemand es vermocht, ihm auch nur einen einzigen Ton zu entlocken. Aber wer dies vermag, wird alle Völker der Erde unter seiner Gewalt sammeln.“

Sie lächelte über dies, was sie für ein altes Märchen hielt, aber der kleine Knabe blieb vor dem großen Horn stehen, bis sie ihn fortrief. Von allem, was er in dem Tempel gesehen, war dieses Horn das erste, was ihm wohlgefiel. Er hätte gern verweilt, um es lange und genau anzusehen.

Sie waren nicht lange gegangen, als sie in einen großen, weiten Tempelhof kamen. Hier befand sich im Berggrunde selbst eine Kluft, tief und weit, so wie sie von Urzeit an gewesen war. Diese Spalte hatte König Salomo nicht ausfüllen wollen, als er den Tempel baute. Keine Brücke hatte er darüber geschlagen, kein Gitter hatte er vor dem schwindelnden Abgrund errichtet. Statt dessen hatte er über die Kluft eine mehrere Ellen lange Klinge aus Stahl gespannt, scharfgeschliffen, mit der Schneide nach oben. Und nach einer Unendlichkeit von Jahren und Wechselfällen lag die Klinge noch über dem Abgrund. Jetzt war sie doch beinahe verrostet, sie war nicht mehr sicher an ihren Endpunkten befestigt, sondern zitterte und schaukelte sich, sowie jemand mit schweren Schritten über den Tempelhof ging.

Als die Mutter den Knaben über einen Umweg an der Kluft vorbeiführte, fragte er sie: „Was ist dies für eine Brücke?“

„Die ist von König Salomo hingelegt worden,“ antwortete die Mutter, „und wir nennen sie die Paradiesbrücke. Wenn du diese Kluft auf dieser zitternden Brücke zu überschreiten vermagst, deren Schneide dünner ist als ein Sonnenstrahl, so kannst du gewiß sein, ins Paradies zu kommen.“

Und sie lächelte und eilte weiter, aber der Knabe blieb stehen und betrachtete die schmale, bebende Stahlklinge, bis die Mutter nach ihm rief.

Als er ihr gehorchte, seufzte er, weil sie ihm diese zwei wunderbaren Dinge nicht früher gezeigt hatte, so daß er vollauf Zeit gehabt hätte, sie zu betrachten.

Sie gingen nun ohne Aufenthalt, bis sie den großen Eingangsportikus mit seinen fünffachen Säulenreihen erreichten. Hier standen in einer Ecke ein paar Säulen aus schwarzem Marmor, auf demselben Fußgestell so nahe aneinander aufgerichtet, daß man kaum einen Strohhalm dazwischen durchzuschieben vermochte. Sie waren hoch und majestätisch, mit reichgeschmückten Kapitälen, um die eine Reihe seltsam geformter Tierköpfe lief. Aber nicht ein Zoll breit dieser schönen Säulen war ohne Risse und Schrammen, sie waren beschädigt und abgenützt wie nichts andres im Tempel. Sogar der Boden rings um sie war blankgescheuert und ein wenig ausgehöhlt von den Tritten vieler Füße.

Wieder hielt der Knabe seine Mutter an und fragte sie: „Was sind dies für Säulen?“

„Es sind Säulen, die unser Vater Abraham aus dem fernen Chaldäa hierher nach Palästina gebracht hat und die er die Pforte der Gerechtigkeit nannte. Wer sich zwischen ihnen durchdrängen kann, der ist gerecht vor Gott und hat niemals eine Sünde begangen.“

Der Knabe blieb stehen und sah mit großen Augen die Säulen an.

„Du willst wohl nicht versuchen, dich zwischen ihnen durchzuzwängen?“ sagte die Mutter und lachte. „Du siehst, wie ausgetreten der Boden rings um sie ist, von den vielen, die versucht haben, sich durch den schmalen Spalt zu drängen, aber du kannst es mir glauben, es ist keinem gelungen. Spute dich nun! Ich höre das Donnern der Kupfertore, an die die dreißig Tempeldiener ihre Schultern stemmen, um sie in Bewegung zu setzen.“

Aber die ganze Nacht lag der kleine Knabe im Zelte wach, und er sah nichts andres vor sich als die Pforte der Gerechtigkeit und die Paradiesesbrücke und die Stimme des Weltenfürsten. Von so wunderbaren Dingen hatte er nie zuvor gehört. Und er konnte sie sich nicht aus dem Kopfe schlagen.

Und am Morgen des nächsten Tages erging es ihm ebenso. Er konnte an nichts andres denken. An diesem Morgen sollten sie die Heimreise antreten. Die Eltern hatten viel zu tun, bis sie das Zelt abgebrochen und einem großen Kamel aufgeladen hatten und bis alles andere in Ordnung kam. Sie sollten nicht allein fahren, sondern in Gesellschaft von vielen Verwandten und Nachbarn, und da soviel Leute fortziehen sollten, ging das Einpacken natürlich sehr langsam vonstatten.

Der kleine Knabe half nicht bei der Arbeit mit, sondern mitten in dem Hasten und Eilen saß er still da und dachte an die drei wunderbaren Dinge.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch Zeit hatte, in den Tempel zu gehen und sie noch einmal anzusehen. Da war noch viel, was aufgeladen werden mußte. Er könnte wohl noch vor dem Aufbruch vom Tempel zurückkommen.

Er eilte von dannen, ohne jemand zu sagen, wohin er sich begab. Er glaubte nicht, daß dies nötig sei. Er wollte ja bald wieder da sein.

Es währte nicht lange, so erreichte er den Tempel und trat in die Säulenhalle, wo die zwei schwarzen Geschwistersäulen aufgestellt waren.

Sowie er sie erblickte, begannen seine Augen vor Freude zu leuchten. Er setzte sich auf den Boden neben sie und starrte zu ihnen empor. Wenn er daran dachte, daß wer sich zwischen diesen zwei Säulen durchdrängen könnte, gerecht vor Gott wäre und niemals eine Sünde begangen hätte, da däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Wunderbares geschaut hätte.

Er dachte, wie herrlich es sein müsse, sich zwischen diesen zwei Säulen durchdrängen zu können, aber sie standen so nah nebeneinander, daß es unmöglich war, es auch nur zu versuchen. So saß er wohl eine Stunde regungslos vor den Säulen, aber davon wußte er nichts. Er glaubte, daß er sie nur ein paar Augenblicke betrachtet hätte.

Aber es begab sich, daß in der prächtigen Säulenhalle, in der der Knabe saß, die Richter des Hohen Rats versammelt waren, um dem Volke bei seinen Zwistigkeiten zurechtzuhelfen. Der ganze Portikus war voller Menschen, die wegen Grenzmarken klagten, die man verschoben hatte, über Schafe, die aus der Herde geraubt und mit falschen Zeichen versehen worden waren, über Schuldner, die ihre Schulden nicht bezahlen wollten.

Unter allen den andern kam auch ein reicher Mann, der in schleppende Purpurgewänder gekleidet war und eine arme Witwe vor den Richterstuhl führte, die ihm einige Sekel Silber schuldig sein sollte. Die arme Witwe jammerte und sagte, daß der Reiche unrecht an ihr handele. Sie hätte ihm schon einmal ihre Schuld bezahlt, nun wolle er sie zwingen, es noch einmal zu tun, aber das vermöge sie nicht. Sie wäre so arm, daß sie, wenn die Richter sie verurteilten, zu bezahlen, gezwungen wäre, dem Reichen ihre Töchter als Sklavinnen zu geben.

Der zuhöchst auf dem Richterstuhle saß, wendete sich an den reichen Mann und sprach zu ihm: „Wagst du einen Eid darauf zu leisten, daß diese arme Frau dir das Geld noch nicht bezahlt hat?“

Da antwortete der Reiche: „Herr, ich bin ein reicher Mann. Sollte ich mir die Mühe machen, mein Geld von dieser armen Witwe zu fordern, wenn ich nicht das Recht dazu hätte? Ich schwöre dir, so gewiß niemand je durch die Pforte der Gerechtigkeit wandern wird, so gewiß ist mir diese Frau die Summe schuldig, die ich begehre.“

Als die Richter diesen Eid vernahmen, glaubten sie seinen Worten und fällten den Spruch, daß die arme Witwe ihre Töchter als Sklavinnen hingeben solle.

Aber der kleine Knabe saß dicht daneben und hörte das alles. Er dachte bei sich selbst: Wie gut wäre es doch, wenn jemand sich durch die Pforte der Gerechtigkeit drängen könnte! Dieser Reiche hat sicherlich nicht die Wahrheit gesprochen. Wie jammert mich die alte Frau, die ihre Töchter als Sklavinnen hingeben muß.

Er sprang auf das Fußgestell, von dem die beiden Säulen in die Höhe strebten und blickte durch die Spalte.

Ach, daß es doch nicht so ganz unmöglich wäre! dachte er.

Er war so betrübt um der armen Frau willen. Nun dachte er gar nicht daran, daß wer sich durch dieses Tor zu drängen vermöchte, gerecht und ohne Sünde wäre. Er wollte nur um des armen Weibes willen hindurchkommen.

Er stemmte seine Schulter in die Vertiefung zwischen den Säulen, gleichsam, um sich einen Weg zu bahnen.

In diesem Augenblicke sahen alle Menschen, die in der Säulenhalle standen, zur Pforte der Gerechtigkeit hin. Denn es donnerte in den Gewölben, und es rauschte in den alten Säulen, und sie schoben sich zur Seite, eine nach rechts und eine nach links, und ließen einen so großen Raum frei, daß der schlanke Körper des Knaben zwischen ihnen durchschlüpfen konnte.

Da entstand großes Staunen und Aufsehen. Im ersten Augenblick wußte niemand, was er sagen sollte. Die Leute standen nur und starrten den kleinen Knaben an, der ein so großes Wunder vollbracht hatte. Der erste, der seine Fassung wieder erlangte, war der älteste unter den Richtern. Er rief, man solle den reichen Kaufmann ergreifen und ihn vor den Richterstuhl führen. Und er verurteilte ihn, sein ganzes Hab und Gut der armen Witwe zu geben, weil er falsch geschworen hatte in Gottes Tempel.

Als dies abgetan war, fragte der Richter nach dem Knaben, der die Pforte der Gerechtigkeit durchschritten hatte, aber da die Menschen sich nach ihm umsahen, war er verschwunden. Denn in demselben Augenblick, wo die Säulen auseinanderglitten, war er wie aus einem Traum erwacht, und er hatte sich an seine Eltern und die Heimreise erinnert. Jetzt muß ich von hier forteilen, damit meine Eltern nicht auf mich warten, dachte er.