Part 14
Die Menschen saßen staunend da und hörten dies. Francesca hatte nie eine so selige Stunde erlebt. „Oh, Gott,“ seufzte sie, „dies ist mehr Glück, als ich tragen kann.“ Ihre Tränen strömten, während sie lauschte.
Der Priester sprach lange und beredt. Zum Schlusse sagte er mit mächtiger Stimme: „Nun kann es gewißlich eine geringe Sache scheinen, daß eine Lichtflamme hierher nach Florenz gebracht wurde. Aber ich sage euch: Betet zu Gott, daß er Florenz viele Träger des ewigen Feuers schenke, dann wird es eine große Macht werden und gebenedeit unter den Städten!“
Als der Priester zu Ende gesprochen hatte, wurden die Haupttore der Domkirche weit geöffnet, und eine Prozession, so gut sie sich in aller Eile hatte ordnen können, zog herein. Da gingen Domherren und Mönche und Geistliche, und sie zogen durch den Mittelgang zum Altare. Zu allerletzt ging der Bischof und an seiner Seite Raniero in demselben Mantel, den er auf dem ganzen Wege getragen hatte.
Aber als Raniero über die Schwelle der Kirche trat, stand ein alter Mann auf und ging auf ihn zu. Es war Oddo, der Vater eines Gesellen, den Raniero in seiner Werkstatt gehabt hatte, und der sich um seinetwillen erhängt hatte.
Als dieser Mann zum Bischof und zu Raniero gekommen war, neigte er sich vor ihnen. Hierauf sagte er mit so lauter Stimme, daß alle in der Kirche ihn hörten: „Es ist eine große Sache für Florenz, daß Raniero mit heiligem Feuer von Jerusalem gekommen ist. Solches ist nie zuvor vernommen worden. Vielleicht, daß darum auch manche sagen werden, es sei unmöglich. Darum bitte ich, daß man das ganze Volk wissen lasse, welche Beweise und Zeugen Raniero dafür gebracht hat, daß dies wirklich Feuer ist, das in Jerusalem entzündet wurde.“
Als Raniero diese Worte vernahm, sagte er: „Nun helfe mir Gott. Wie könnte ich Zeugen haben? Ich habe den Weg allein gemacht. Wüsten und Wildnisse mögen kommen und für mich zeugen.“
„Raniero ist ein ehrlicher Ritter,“ sagte der Bischof, „und wir glauben ihm auf sein Wort.“
„Raniero hätte wohl selbst wissen können, daß hierüber Zweifel entstehen würden,“ sagte Oddo. „Er wird wohl nicht ganz allein geritten sein. Seine Knappen können wohl für ihn zeugen.“
Da trat Francesca degli Uberti aus der Volksmenge und eilte auf Raniero zu. „Was braucht es Zeugen?“ rief sie. „Alle Frauen von Florenz wollen einen Eid darauf ablegen, daß Raniero die Wahrheit spricht.“
Da lächelte Raniero, und sein Gesicht erhellte sich für einen Augenblick. Aber dann wendete er seine Blicke und seine Gedanken wieder der Lichtflamme zu.
In der Kirche entstand ein großer Aufruhr. Einige sagten, daß Raniero die Lichter auf dem Altar nicht entzünden dürfe, ehe seine Sache bewiesen war. Zu diesen gesellten sich viele seiner alten Feinde.
Da erhob sich Jacopo degli Uberti und sprach für Ranieros Sache. „Ich denke, daß alle hier wissen, daß zwischen mir und meinem Eidam nicht allzugroße Freundschaft geherrscht hat,“ sagte er, „aber jetzt wollen sowohl ich wie meine Söhne uns für ihn verbürgen. Wir glauben, daß er die Tat vollbracht hat, und wir wissen, daß der, der es vermocht hat, ein solches Unternehmen auszuführen, ein weiser, behutsamer und edelgesinnter Mann ist, den wir uns freuen, in unsrer Mitte aufzunehmen.“
Aber Oddo und viele andre waren nicht gesonnen, Raniero das Glück, das er erstrebte, zu gönnen. Sie sammelten sich in einem dichten Haufen, und es war leicht zu sehen, daß sie von ihrer Forderung nicht abstehen wollten.
Raniero begriff, daß sie, wenn es nun zum Kampfe käme, sie gleich versuchen würden, nach der Lichtflamme zu trachten. Während er die Blicke fest auf seine Widersacher geheftet hielt, hob er das Licht so hoch empor, als er nur konnte.
Er sah todmüde und verzweifelt aus. Man sah ihm an, daß er, wenn er auch so lange wie möglich aushalten wollte, doch nur eine Niederlage erwartete. Was frommte es ihm nun, wenn er die Flamme entzünden dürfte! Oddos Worte waren ein Todesstreich gewesen. Wenn der Zweifel einmal geweckt war, dann mußte er sich verbreiten und wachsen. Es däuchte ihn, daß Oddo schon die Lichtflamme für alle Zeit gelöscht hätte.
Ein kleines Vöglein flatterte durch die großen geöffneten Tore in die Kirche. Es flog geradewegs auf Ranieros Licht zu. Dieser konnte es nicht so rasch zurückziehen, der Vogel stieß daran und löschte die Flamme.
Ranieros Arm sank herunter, und die Tränen traten ihm in die Augen. Aber im ersten Augenblick empfand er dies als eine Erleichterung. Es war besser, als daß Menschen sie getötet hätten.
Das kleine Vöglein setzte seinen Flug in die Kirche fort, verwirrt hin und her flatternd, wie Vögel zu tun pflegen, wenn sie in einen geschlossenen Raum kommen.
Da brauste mit einem Male durch die ganze Kirche der laute Ruf: „Der Vogel brennt! Die heilige Lichtflamme hat seine Flügel entzündet!“
Der kleine Vogel piepste ängstlich. Er flog ein paar Augenblicke wie eine flatternde Flamme unter den hohen Wölbungen des Chors umher. Dann sank er rasch und fiel tot vor dem Altar der Madonna nieder.
Aber in demselben Augenblick, wo der Vogel auf den Altar niederfiel, stand Raniero da. Er hatte sich einen Weg durch die Kirche gebahnt, nichts hatte ihn halten können. Und an den Flammen, die die Schwingen des Vogels verzehrten, entzündete er die Kerzen vor dem Altar der heiligen Jungfrau.
Da erhob der Bischof seinen Stab und rief: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“
Und alles Volk in der Kirche, seine Freunde wie seine Widersacher, hörten auf zu zweifeln und zu staunen. Sie riefen alle, von Gottes Wunder hingerissen: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“
* * * * *
Von Raniero ist noch zu berichten, daß er hinfort seiner Lebtag großes Glück genoß und weise, behutsam und barmherzig war. Aber das Volk von Florenz nannte ihn immer Pazzo di Raniero, zur Erinnerung daran, daß man ihn für toll gehalten hatte. Und dies ward ein Ehrentitel für ihn. Er gründete ein edles Geschlecht, und dieses nahm den Namen Pazzo an, und so nennt es sich noch heute.
Es mag weiter berichtet werden, daß es in Florenz Sitte wurde, jedes Jahr am Karsamstagabend ein Fest zur Erinnerung an Ranieros Heimkunft mit dem heiligen Feuer zu feiern, und daß man dabei immer einen künstlichen Vogel mit Feuer durch den Dom fliegen läßt. Und so wird dieses Fest wohl auch noch in diesem Jahre begangen worden sein, wenn nicht ganz vor kurzem eine Änderung eingetreten ist.
Aber ob es wahr ist, wie viele meinen, daß die Träger heiligen Feuers, die in Florenz gelebt und die Stadt zu einer der herrlichsten der Erde gemacht haben, ihr Vorbild in Raniero fanden und dadurch ermutigt wurden, zu opfern, zu leiden und auszuharren, dies mag hier unausgesagt bleiben.
Denn was von dem Lichte bewirkt wurde, das in dunkeln Zeiten von Jerusalem ausgegangen ist, läßt sich weder messen noch zählen.