Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin
Part 9
Sie sehen schon, wie nahe wir zu Ihrer Lieblings-Leidenschaft gekommen sind. Eben dieselbe Lebhaftigkeit, dasselbe Feuer der Impression, durch welche große Geister gebildet und große Unternehmungen vorbereitet werden, bringt diese reizende Tochter, die Liebe, hervor, wenn die Vollkommenheiten eines andern denkenden Wesens der Gegenstand sind. Eben diese Dauer, dieses Anhalten der Impression, welche dem Mathematiker die langwierigsten Untersuchungen zu Ende bringen hilft, und die weitaussehendsten Entwürfe durch alle Hindernisse und Schwierigkeiten verfolgt, bringt die Treue in der Freundschaft, und die Beständigkeit in der Liebe hervor. Wenn sich nun noch mit der Empfindung, welche Vollkommenheit und Schönheit erregen (und das ist alles, was bey der Freundschaft nothwendig ist), noch diese süße Wallung, dieses Gefühl von Lust verbindet, die das Eigenthum der Liebe ist; wenn der Körper, sonst ein Störer unsrer geistigen Vergnügungen, sie hier unterstützt, und seinem edlern Theile zu neuen Quellen von Empfindungen verhilft: dann steigt vom Himmel diese ehrwürdige Göttin herab, und knüpft zwey menschliche Wesen mit unauflöslichen Banden an einander; dann weist sie jedem von ihnen als den vornehmsten Gegenstand und die größte Uebung seiner Empfindungskraft, seinen Geliebten an. Von ihm soll die Seele diese ewig dauernden Einflüsse bekommen, die ein Beweis und eine Ausübung ihrer eignen Kraft sind. Durch diese Gewohnheit gestärkt, und durch diese unaufhörliche Uebung erhöht, soll seine Empfindung sich von da aus über das ganze Gebiet von Vollkommenheit und Schönheit ausbreiten; sich nach jeder Tugend, jeder Vortrefflichkeit ausstrecken, dieselbe umfassen, und durch eine untergeordnete, aber eben so unveränderliche Liebe mit sich verbinden. -- So wie die allgemeine Menschenliebe durch die beständige, aber stufenweise Erweiterung der Familienliebe entsteht; so wird in edlen Seelen die Tugend durch die Liebe geboren. Die in dem Geliebten koncentrirte Empfindung entwickelt sich, und geht von einer Vollkommenheit zur andern, die alle zusammen in dem Gegenstande der Liebe durch ein dunkles Gefühl wahrgenommen wurden. Die Seele erlangt die Macht, den äußern Dingen und dem Strome ihrer eignen Ideen zu widerstehn; sie lernt, mitten unter den beständigen Revolutionen, die der stets veränderte Eindruck der äußern Dinge in unsern Gesinnungen hervor zu bringen sucht, die Ideen, die ihr wichtig sind, aufrecht zu erhalten; und so lehrt die Liebe einen verständigen Geist denken, und ist die Vorbereitung zur Tugend für das Herz u. s. w.
Sechs und zwanzigster Brief.
Den 21. November.
Noch ist die Sonne nicht über dem Haupte meiner schlafenden Freundin aufgegangen. Aber ich, von der Freundschaft und der Begierde bey ihnen Ihnen zu seyn aufgeweckt, empfinde ein weit süßer und höher Vergnügen, als Sie selbst in den Armen des Schlafs. Unter dem Schirme dieser stillen und ehrwürdigen Dunkelheit, die noch Ihr Schlafzimmer bedeckt, kann ich ungestört den angenehmen Schwärmereyen nachhängen, die von dem Gelärme und den Zerstreuungen des Tages verdrängt werden. Mich dünkt, ich sehe Sie mit der Miene der Unschuld, und mit einem gewissen sanften Lächeln, das durch fröhliche Träume hervor gebracht wird, an der Seite Ihres lieben Gatten. Wenn Ihre tugendhafte Seele, für die Ruhe und Glückseligkeit erschaffen, zuweilen durch die verdrießlichen Zufälle des Tages aus sich selbst heraus gerissen, und mit einer unruhigen Heftigkeit von Gegenstand zu Gegenstand umher getrieben wird, so kehrt sie doch des Nachts wieder zu sich selbst und zu der Wohnung der Zufriedenheit und der Ruhe zurück. Der Geist, der des Tages über oft von seinem Gefährten, dem Körper, Befehle annehmen mußte, wird nunmehro ganz wieder sein eigen, und bringt unter den Bildern, die ihm vorher aufgedrungen wurden, jetzo nur die reinsten und schönsten wieder hervor. O möchten Sie doch beym Erwachen diese muntre und fröhliche Heiterkeit, diese Erhöhung Ihrer Kräfte, diese wiedererlangte Leichtigkeit fühlen, die eines solchen Schlafs unausbleibliche Frucht ist. O möchten doch meine Wünsche über Ihren heutigen Tag den glücklichen Einfluß haben, daß dieses Licht, welches Sie jetzt zum ersten Mal erblickt, keine andern, als die Scenen der Liebe, der Tugend und der Freundschaft erleuchtete. Möchte der Himmel Ihnen heute manchen Unglücklichen in den Weg führen, dem Sie beystehen, manchen Rechtschaffenen, dessen Glück Sie befördern können! Möchte Ihre Seele, wie die Fläche des Meeres an einem stillen Morgen, von keinem Sturme bewegt, das Bild des Himmels in sich auffangen, und dem betrachtenden Zuschauer, Ihrem Gemahl oder Ihrem Freunde, in gemildertem aber unverfälschtem Glanze wieder zurück werfen. Nun gehe ich zu meiner alten Materie fort.
Wenn die Metaphysik der Liebe, die in den Französischen Dichtern und Schriftstellern so häufig ist, ein elender Ersatz für die wirklichen Ergießungen der Empfindung ist, die wir in der Julie von Shakspeare oder Rousseau finden; so wäre sie doch immer ein sehr wichtiges Stück von Psychologie, wenn man nur mehr die Art, wie diese Leidenschaft entsteht, und die Zusammenstimmung der verschiedenen Fähigkeiten der Seele, die da seyn muß, wenn sie zu einem gewissen Grade gelangen soll, erklärte, als alle die kleinen Symptome, die sich bey ihrer Gegenwart äußern, und die doch so oft nur von der Galanterie erzeugt, und von der wahren Empfindung, wie von einem zu heftigen Feuer, verzehrt werden. -- Man kann schon daraus, daß diese Leidenschaft so selten ist, und daß von tausenden, die sich mit einander verbinden, oft nur zwey von dieser himmlischen Göttin einander zugeführt werden, -- schon daraus kann man vermuthen, daß diese Eigenschaft, welche die Seele des Feuers der Empfindung fähig macht, eine eben so seltne Gabe sey, als die, welche den Verstand zur Hervorbringung neuer Ideen in den Stand setzt.
Die Geschichte macht gewissen großen Männern, deren Andenken sie uns aufbehalten hat, eine Schwachheit aus ihrer Liebe. Aber gewiß, diese Geschichtschreiber waren keine Philosophen; sie verstanden es nicht, daß eben dieselbe Quelle die beyden Ströme der Empfindung und der Einsicht ausgießt; daß die Fähigkeit zu großen Leidenschaften die großen Männer hervor bringt; und daß Heinrich, wenn er in Nacht und Nebel, in einem Bauerkittel verkleidet, sich mitten durch die Postirungen und Wachen der Feinde zu seiner geliebten Estrées schleicht; wenn in dem heftigesten Anfalle körperlicher Schmerzen diese Emfindung dennoch bey ihm siegt, und er am Rande des Grabes seiner Estrées noch schreiben konnte: ~Mon premier penser est à Dieu, et le second à Vous~; eben dieselben Fähigkeiten des Geistes brauchte, durch die er der große Feldherr und der vortreffliche König wurde.
Ich habe die Liebe neulich blos als eine Folge von Eindrücken angesehen, deren Stärke und Dauer zeigt, wie sehr die Seele fähig ist, lebende und bleibende Bilder der äußern Gegenstände zu empfangen. Aber die Seele verhält sich nicht blos leidend; es sind nicht Wirkungen, die nur auf sie geschehen, und denen sie nur nicht widerstehen darf. Ihre eigne Kraft muß diese Eindrücke beleben, sie fest halten, sie in diejenige Form bringen, in welcher sie ihren Einfluß noch immer auf dieselbe fortsetzen, wenn sie gleich selbst ihre erste Stärke verloren haben. Akenside macht in seinen ~Pleasures of Imagination~ eine vortreffliche Anmerkung, die für den Moralisten, und ich denke auch für den Liebhaber, höchst wichtig ist. Gewisse unsrer Pflichten und unsrer schönsten Neigungen beruhen auf einer Art von Illusion, die nur durch eine starke und mächtige Einbildungskraft aufrecht erhalten werden kann. Von der Art ist die Vaterlandsliebe. Der Begriff von Societät ist viel zu allgemein und abstrakt, und die Bande, mit welchen wir an diesen Haufen unbekannter und uns gleichgültiger Menschen geknüpft sind, wären für uns viel zu schwach, um uns Gefahr und Tod für diese leicht zu machen: wenn nicht die Einbildungskraft an die Stelle dieser reellen Objekte, die zu groß und zu weit sind, als daß wir sie mit unsrer Empfindung umfassen könnten, ein gewisses Phantom setze, welches wir selbst ausschmücken, und unter dessen Bilde wir diese unsichtbare Gottheit, das Vaterland, anbeten. So erhitzte sich der Römer bey dem Anblicke seines Senats, des Kapitols oder irgend eines andern öffentlichen Monuments, das himmelweit von dem wahren Vaterlande entfernt war, und welches er doch dafür annahm, um seine Empfindung in eine engere Sphäre zusammen zu drängen, und sie dadurch zu beleben.
Lassen Sie uns dieses auf die Liebe anwenden. Sie ist, wenn wir sie zergliedern, das Resultat aus den vereinigten Wirkungen des Vergnügens an Vortrefflichkeit, der Freundschaft und der sinnlichen Lust. Es ist augenscheinlich, daß, wenn die Leidenschaft nur aus einer dieser Quellen entsteht, sie mit derselben zugleich versiegt; und da alle Arten von sinnlichem Vergnügen vermöge der Natur der Seele abnehmen, so muß ein Feuer erkalten, welches blos durch sie angezündet war. -- Aber es giebt eine andere Art von bessern Seelen, die nicht blos wie Silenen lieben, und die die Venus, die aus dem Schaume des Meeres entstand, von der himmlischen, die vom Olympus entspringt, und an dem Throne Jupiters selbst ihren Sitz hat, unterscheiden; ihr Geist liebt in der That, nicht blos ihr Körper; und demungeachtet werden diese rechtschaffnen Liebhaber doch kalte Ehemänner. Die Gewohnheit übt über ihre Seelen ihre gewöhnliche Gewalt aus, und weil ihre Leidenschaft blos durch die Eindrücke auf sie hervor gebracht wurde, so verlischt sie, so wie die Zeit ein Stück nach dem andern von diesen Eindrücken verwischt, und sie zu der gewöhnlichen Stärke aller übrigen Begriffe in unsrer Seele zurück bringt. Nur eine dritte Gattung von Seelen, die an die Stelle ihres Freundes oder ihres Geliebten ein gewisses erhöhtes Ideal setzen; die aus den Vollkommenheiten, die sie wirklich in ihm gewahr werden, die sie aber noch verschönern, ein Ganzes zusammen setzen, welches wirklich vollkommner ist, als der Gegenstand selbst; die in sich selbst beständig eine neue Quelle von Empfindung finden, und in der Beschauung des Bildes, was sie sich selbst geschaffen haben, und zu dem ihnen das Original so zu sagen nur die ersten Striche gegeben hat, sich mit neuem Feuer beleben: diese sind es allein, die der Liebe ihre Schwingen ausreissen, und das Feuer, das sonst durch den Zufluß neuer Materie unterhalten werden muß, durch ihr eignes ernähren.
Ich bin jetzt auf dem Wege, zu zeigen, wie eben diese Kraft der Imagination, ohne die niemals eine große oder dauerhafte Liebe gewesen ist, große Männer und vortreffliche Thaten hervor bringt. -- Aber dieses ist selbst für einen neuen Brief noch zu viel Materie, und man ruft mich schon ein Mal über das andre u. s. w.
Sieben und zwanzigster Brief.
Ich habe heute einen so heftigen Schnupfen und Kopfschmerzen, daß nichts in der Welt, als die Begierde, Ihnen auch die kleinste, und wenn es nur eine minutenlange Unruhe wäre, zu ersparen, mich hätte bewegen können, die Feder anzusetzen. Demungeachtet habe ich zwey so liebe werthe Briefe von Ihnen vor mir, die ich beantworten sollte; und die mir auch Stoff genug geben würden, wenn ich nicht heute zu allem, als zu einem gänzlichen Müßiggange, unaufgelegt wäre. Wenn Sie meine Briefe nicht verstehen, so ist es immer gewiß meine Schuld. Ich bringe oft meine Gedanken zur Welt, ehe sie völlig ausgebildet sind; und es ist natürlich, daß meine Freunde, wenn ich sie ihnen in diesem Zustande übergebe, nicht recht wissen, was sie mit diesen ungeformten Massen machen sollen. Thun Sie an diesen verunglückten Geschöpfen die Barmherzigkeit, die Sokrates an ähnlichen Geburten seiner Freunde that; wenn Sie sie nicht gleich bey der Entstehung haben retten können, so geben Sie ihnen wenigstens, so wie sie da sind, die erträglichste Figur, die sie machen können. Bilden Sie sie aus, erziehen Sie sie; und wenn sie es werth sind, so vermählen Sie sie mit den weit liebenswürdigern Kindern eines so sanften und zarten Herzens, und eines so richtigen Verstandes, als der Ihrige ist.
Ich habe diese Materie noch nicht erschöpft. Ich habe mir die Liebe blos in ihrer Entstehung vorgestellt. Sie sollen nun auch meine Gedanken über ihre Wirkungen wissen. Ich sehe schon zum Voraus, daß ich in Gefahr komme, meine Schwäche sehen zu lassen, indem ich vielleicht mit meinen Beschreibungen bey Ihnen, die es empfinden, nicht schließen, was Liebe ist, ungefähr in eben den Rang kommen werde, in welchem bey uns Sehenden der blinde Philosoph steht, der sehr gründlich, wie er dachte, die rothe Farbe durch den Schall einer Trompete erklärte. --
Ich sehe, ich fange an, meinen Kopfschmerz zu vergessen, indem ich mit Ihnen rede. Wäre der Abgang der Post nicht so nahe, so glaube ich, ich schriebe vier Seiten voll, ehe ich daran dächte, daß ich nur so viel Zeilen schreiben wollte. Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer jetzigen Lektüre u. s. w.
N. S. Romeo und Julie ist nun gedruckt. -- Aber Sie müssen das Stück entweder schon gesehen haben, oder es noch sehen, ehe Sie es lesen.
Acht und zwanzigster Brief.
Den 9. December.
Ich bin jetzo etwas mehr beschäftigt, als sonst; und wenn ich also jetzt etwas kürzere Briefe schreibe, so ist es doch gewiß wenigstens mit dem Wunsche, Ihnen längere schreiben zu können.
Der Freundschaft, so wie der Tugend ist die nächtliche Stille heilig. Ich ergötzte mich schon sonst an der Vorstellung, daß sich alsdann vielleicht oft unsre Gedanken und Betrachtungen begegnen, und unsre Wünsche vereinigt zum Himmel steigen; und jetzt sehe ich, daß ich Ursache dazu hatte. Ja, liebe Freundin, die Tugend, diese himmlische Göttin, breitet ihren Glanz auf alles aus, was sie umgiebt; sie erleuchtet die Freundschaft, und sie erwärmt sie auch; sie verwandelt die Liebe, die ein blos körperliches Bedürfniß ist, in die edelste und erhabenste Leidenschaft, deren eine menschliche Seele fähig ist, und verlängert sie, die sonst mit dem Genusse zugleich unterging, bis an die letzten Gränzen unsrer Existenz. Durch sie wird die mütterliche Zärtlichkeit das Glück des menschlichen Geschlechts, und der Grund, worauf die Wohlfahrt und die Tugend seiner Glieder erbaut wird; sie endlich macht alle unsre Vergnügungen heilig, und unsre Ergötzungen zu so viel guten Werken.
Sie haben ohne Zweifel jetzo Romeo und Julie gelesen oder gesehen. Wenn ich es eher bedacht hätte, so hätte ich meine ganze Philosophie ersparen können. Dieses Stück ist der vortrefflichste Kommentar über die Liebe. Alle Ausdrücke scheinen von dem Hauche dieser Leidenschaft beseelt; und das heftigste Feuer brennt durch und durch, und greift selbst die unempfindlichsten Herzen an. -- Aber sagen Sie mir, wenn Sie es gelesen haben, warum ist die Rührung im dritten Akte angenehmer, als die heftige Erschütterung im fünften? Ist es nicht, daß dort Pflicht mit Liebe, Tugend mit Leidenschaft streitet? Die vortrefflichste Seele ist zwischen der kindlichen und ehelichen Zärtlichkeit getheilt. Man sieht sie kämpfen, und wenn endlich die Liebe alle übrigen Empfindungen verschlingt, so ist sie uns doch schon auf einer so vortrefflichen Seite bekannt, daß wir ihr ihren Entschluß zum Heldenmuth anrechnen. Im fünften Akte wirkt blos die Situation, wenig der Charakter. Die Begebenheit auch bey jeden andern Personen würde eben so traurig seyn. Die beyden Verliebten zeigen nun nichts mehr als Liebe, mit keiner andern Empfindung, mit keiner Tugend mehr vermischt. So wie Fluthen des Meeres, wenn sie sich über ein Land ergießen, die Mannigfaltigkeiten der Natur auf ein Mal verdecken, und statt tausend verschiedner, ergötzender Gegenstände nur ihre eigne traurige, allenthalben gleiche und einförmige Fläche dem Auge darbieten: so löscht in diesen Augenblicken die Liebe jeden andern Begriff, jedes Gefühl in der Seele aus. Der Begriff von Tugend, den wir in die Liebe dieser Personen geheftet hatten, und der uns diese Liebe noch weit schöner macht, verschwindet vollends, da sie sich zu Ausschweifungen bringen lassen, die der Tugend so durchaus entgegen sind. Die ganze Scene ist theatralisch vortrefflich. Der Selbstmord mag nun entweder durch die heftigen Triebfedern, die in dem außerordentlich Schrecklichen der Begebenheit dazu enthalten sind, bey uns entschuldigt werden; oder er mag, wie Moses glaubt, gar nothwendig seyn, um uns von der Größe der Leidenschaft, auf der doch unsre ganze Rührung beruht, zu überzeugen. Ob ich gleich das letztre nicht recht glaube. Vergebens wäre der Selbstmord, um uns zu rühren, wenn wir nicht schon zuvor für die Person eingenommen, und von der Leidenschaft, die sie einnimmt, ergriffen wären. Aber im Leben wenigstens würde uns ein solches Schauspiel mehr Schaudern als Vergnügen erwecken. Lieber wünschte ich, Julien wie Heloisen in einem Kloster zu sehen. Oft würde ich dieses alsdann besuchen, um durch die dunkeln und einsamen Wohnungen die durchdringenden aber doch süßen Klagen der Schwermuth, der Liebe und der Sehnsucht zu hören. Gottseligkeit sollte mit der Liebe kämpfen; und Julie würde eine Heilige werden. --
Einen Theil der Wirkungen der Liebe sehen Sie also in dem Stücke meines Freundes zugleich mit ihren Symptomen. Freylich nur die schrecklichsten und die traurigsten. Aber mich dünkt, sie sind doch sehr geschickt, uns auf die erfreulichen zu führen. Wie schmerzlich sollte es mir seyn, wenn hier meine Grundsätze von Ihren Empfindungen abwichen. Aber doch muß ich sie sagen; die Freymüthigkeit, die in dem Gefolge der Freundschaft ist, und ein gewisser Eifer, den ich in mir selbst fühle, Ihnen auch alle meine Vorurtheile, so lange ich sie noch für wahr halte, ohne Verstellung mitzutheilen, fordert es von mir.
Sie sehen, ich habe schon meine Meinung gesagt. Es giebt, wie ich glaube, überhaupt bey jeder unsrer Neigungen eine doppelte Seite. Die eine will blos genießen, sie sucht den Gegenstand nur auf, hält ihn fest und ergötzt sich an ihm. Die andre bereitet sich den Genuß erst vor, indem sie den Gegenstand verschönert, vollkommener, besser, und wenn er dessen fähig ist, glücklicher macht. Diese schiebt den Genuß auf, um ihn zu erhöhen. Die Leidenschaft hat eigentlich in dem ersten Theile unsrer Neigung ihren Sitz. Hier gehört weniger Thätigkeit, nur Empfindung dazu; man empfängt blos, fühlt und genießt. Die Vernunft stört hier mit ihren Reflexionen die Heftigkeit der Begierde nicht; sie wird sogar, wenn die Empfindung heftig wird, eine Zeit lang völlig unthätig, -- alle Spannkräfte der Seele erschlaffen, sie sinkt in eine bezaubernde, aber deswegen vielleicht oft gefährliche Schwärmerey. -- So war die Liebe der Julie in Romeo größtentheils. Wenn sie von dem andern Theile abgesondert ist, so geschieht das, dessen ich oben gedachte. Der Grund der Seele, der sonst mit einer Reihe von mannigfaltigen schönen und lieblichen Bildern bemahlt war, wird nun mit einer einzigen einförmigen Farbe überzogen; die Einbildungskraft kennt nunmehr keine andern Bilder, als die zu diesem Gegenstande gehören; und der Verstand selbst entzieht sich einer jeden andern Reflexion, als der, welche die Hitze ernähren oder vermehren kann. Hiervon, wenn sich ein trauriges Geschick mit einer solchen Leidenschaft verbindet, erwarte ich alle schrecklichen Folgen, die vom Anfange der Welt her so oft die Begleiter der Liebe gewesen sind. Ein solches Feuer verzehrt den Menschen, den es nur erwärmen sollte. -- Zum guten Glück sind auch dazu nur große Seelen fähig. Aber ist es nicht traurig, daß eben diese am leichtesten durch eine Leidenschaft überwältigt werden, die jede andre Kraft, jede Fähigkeit ihrer Seele vernichtet; alle ihre angebornen und erworbenen Vollkommenheiten verschlingt, oder doch für nichts als für sie arbeiten läßt; der Tugend selbst nur die Gestalt der Liebe läßt, und dieselbe zu Boden tritt, sobald sie sich ihr entgegen setzt.
Gesetzt aber, daß das glücklichste Ende eine Liebe, die blos von dieser Art ist, bekrönte. Geben Sie der Julie einen Romeo, der alle Entzückungen der Liebe mit ihr theilt; versöhnen Sie ihre beyden Familien mit einander, lassen Sie sie mit dem Beyfalle des Himmels und ihrer Eltern Eheleute werden. Nehmen Sie der Zeit und dem beständigen Umgange die Gewalt, die sie sonst über die meisten Herzen haben, die Heftigkeit der Neigung zu mäßigen, und Feuer in Wärme zu verwandeln, lassen Sie sie in unaufhörlichen Ergießungen ihrer ersten Liebe ihr Leben zubringen. -- Glücklich können sie vielleicht dabey seyn, -- aber nützliche brauchbare Leute gewiß nicht; sie sind alsdann für die Welt verloren. Und wenn sie das erhabenste Genie und den größten Heldenmuth hätten, so würden sie mit allen beyden nichts weiter ausrichten, als die Flamme, die bey andern Menschen aus Mangel der Nahrung auslöscht, unterhalten; sie würden immer empfinden und genießen, -- aber niemals thun.
Doch nun wollen wir diese unvollständige Neigung ergänzen, wollen den andern weniger eigennützigen Theil hinzusetzen. Wir sehen alsdann in unserm Gemahle oder Freunde nicht mehr blos ein Gut, das wir genießen sollen; sondern auch ein Eigenthum, das wir verbessern, erweitern und vortrefflicher machen wollen. Er ist alsdann nicht mehr ein bloßer Gegenstand unsers Gefühls, sondern auch unsrer Bemühungen. Dieser Theil der Neigung muß nothwendig ruhiger und gelassener seyn, und bey nicht sorgfältigen Beobachtern zuweilen den Schein der Kälte annehmen; zuerst, weil nach der Natur der Seele jede Neigung, die unmittelbar mit dem Genusse verknüpft ist, stärker seyn muß, als die, welche erst durch eine Kette von vielen Gliedern mit dem Genusse zusammen hängt; zum andern, weil wir alsdann von dem Gegenstande selbst mit unsern Gedanken und unsern Betrachtungen eine Zeit lang abgehen, und sie auf unsre Bemühungen, auf die Mittel, die wir zu unserm Zwecke wählen wollen, und auf die Art und Weise, wie wir sie am geschicktesten anwenden, richten müssen. Diese Neigung ist thätig, bringt alle Kräfte der Seele in Bewegung, spannt alle ihre Triebfedern, erweckt alle ihre Begriffe, und erhöht unsre natürliche Stärke bey jeder Handlung, durch den neuen Endzweck, den wir bey derselben außer dem Unmittelbaren der Handlung hinzusetzen. So kann der geschäftigste Mann, aus Liebe zu seiner Gattin, alle die Arbeiten thun, die ihr seinen Umgang entziehen. Weit von seiner Geliebten, kann der Jüngling sich unter einen Haufen gezückter Schwerdter stürzen, oder den brausenden Wellen trotzen, indem das Bild seiner Geliebten wie eine unsichtbare Göttin um ihn schwebt, seinen Arm stärker, und seinen Muth unerschrockner macht. -- Dann lassen Sie auf Mühseligkeit und Arbeiten, selbst auf die Entbehrung, der man sich aus Liebe unterzogen, eine Stunde des Genusses folgen. -- Dann lächelt der Himmel selbst über ihre Freuden! u. s. w.
Neun und zwanzigster Brief.
Meine Geschäfte sind kaum von der Erheblichkeit, daß man ihnen diesen Namen geben kann. Demungeachtet füllen sie meine ganze Zeit aus, besonders, da ich manchmal viele Tage durch Zerstreuungen verhindert werde, daran zu denken. Außer dem, was ich zu meinem eigenen Unterrichte vornehme, haben Gellert und Weise von mir einige Arbeiten gefordert, die ich beschleunigen muß. Ich werde dazu die Zeit zu nutzen suchen, da Herr von K****, der mich sonst jeden Tag einige Stunden kostet, verreist ist. Fürchten Sie aber nichts für unsern Briefwechsel. Die Freundschaft kennt ihre Rechte, und sie weiß sie gegen alle andre Ansprüche und Forderungen zu vertheidigen. Ueberdieß ist ihre Sprache kurz. Man versteht sie durch Sympathie. Sie erklärt nicht sowohl ihre Empfindungen, sie macht nur den andern auf seine eignen aufmerksam; und nur indem sie des Freundes Herz in Bewegung setzt, zeigt sie ihr eignes. --