Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 8

Chapter 83,645 wordsPublic domain

Eben da ich im Begriff war, mich zum Schreiben zu setzen, kommt der Bediente vom Herrn von Klöber, und bittet mich, in einer halben Stunde zu ihm zu kommen. Es war Vormittags nach zehn. Ich ziehe mich in aller Geschwindigkeit an, und gehe. -- Hören Sie, sagte er, indem er mich empfing, der Minister ist gestern Abends unvermuthet angekommen, und ich soll Sie jetzo den Augenblick zu ihm führen. -- Diese Nachricht war mir nicht ganz unerwartet; denn da der Minister nicht antwortete, so wußte ich dieß keiner andern Ursache zuzuschreiben, als daß er selbst bald von seinen Gütern, wo er sich aufhielt, herein kommen wollte. Beynahe aber wäre es mir lieber gewesen, ihm zuerst durch Briefe bekannt zu werden, weil ich weiß, daß eine natürliche Furchtsamkeit, über die ich nicht Herr bin, mir bey dem ersten Besuche selbst von Leuten, deren Stand weit unter dem eines Ministers von Schlesien ist, nicht die völlige Gegenwart des Geistes läßt, ohne die man sich niemals von einer vortheilhaften Seite zeigen kann. Ueberdieß ist der Anblick von Hoheit für ein etwas edles Gemüth immer zu demüthigend, als daß man mit der ganzen Freyheit und Freudigkeit des Geistes handeln könnte, die allein unsern Reden und Handlungen Anmuth geben kann. Wir gingen also hin. Die Abwesenheit des Ministers hatte die Geschäfte gehäuft; wir waren nicht die einzigen, die auf einen Augenblick warteten, wo sie ihn sprechen könnten. Endlich kam der Minister aus seinem Kabinet, und ging auf uns zu. Herr von Klöber stellte mich ihm vor. Der Minister that an mich nichts als die gewöhnlichen Fragen, wer meine Eltern und meine Verwandten wären, wo ich studirt hätte, wie lange ich hier wäre; lauter Fragen, die in jedem andern Munde wenig in Verlegenheit setzen würden, und die doch in dem Munde eines Ministers auf gewisse Weise niederschlagend seyn können. Ich beantwortete sie so kurz, als ich konnte; -- aber das hätte ich nicht geglaubt, daß dieß alles seyn würde; ich hielt sie nur für eine Einleitung zu einem Gespräche, das, wie ich hoffte, der Hauptsache näher kommen, für den Minister wichtiger und mir angenehmer seyn würde. Aber in diesem Augenblicke kehrte er sich zu dem Bedienten, der im Zimmer stand. „Ist der Doktor noch bey meiner Frau?“ -- „Ja, Ihre Excellenz!“ -- „Nun, so muß ich wohl noch einen Augenblick zu ihr gehen; kommen Sie nur zu Tische. Sie auch, Herr v. Klöber.“ -- Und damit war er fort. --

Wir kamen also gegen die in diesem Hause gewöhnliche Tischzeit, gegen zwey Uhr wieder. Die ganze Gesellschaft, die auf diesen Tag eingeladen war, versammelte sich nach und nach im Vorzimmer. Ich lernte bey dieser Gelegenheit den Graf Dönhof, einen Kriegsrath, den geheimden Rath Meinike und noch eine ganze Menge andrer kennen, die größtentheils Männer von vielem Verstande sind. Der Minister erschien nicht eher als um halb drey Uhr. So lange hatten ihn seine Geschäfte aufgehalten. -- In diesem Augenblicke setzten wir uns auch zu Tische. Die Gemahlin des Ministers und seine noch unverheyrathetete Tochter waren die einzigen Damen an der Tafel. Die Damen sprachen bloß französisch. Ueberhaupt waren die Gespräche gleichgültig. Der Minister bestimmte selbst ihren Gegenstand, und da sie größtentheils Begebenheiten betrafen, die ich nicht wußte, so war es ganz natürlich, daß ich dabey stumm war.

Die Tafel dauerte bis 5 Uhr; und so wie der Minister aufstand, so ging er auch ohne einen Augenblick zu warten, in sein Cabinet zurück, wo ihn schon wieder eine ganze Menge Leute und Geschäfte erwarteten. Wir unterhielten uns noch eine kleine Weile in dem Tafelzimmer. Herr von Klöber sagte endlich, da er sahe, daß die Hoffnung, diesen Nachmittag bey Sr. Excellenz vorzukommen, vergeblich wäre, daß wir uns beurlauben wollten, und daß er dem Bedienten aufgetragen hätte, ihn zu rufen, sobald der Minister nach ihm fragen würde. Von diesem Augenblicke an nun weiß ich wieder nichts, und die ganze Sache ist noch nicht einen Schritt weiter. Ich wünschte sie nur entschieden, nur auf irgend eine Art entschieden zu sehn; denn die Ungewißheit ist unter allen das schlimmste u. s. w.

Drey und zwanzigster Brief.

Den 28. Oktober.

Allemal, wenn ich mich niedersetze, an Sie zu schreiben, ist mein Kopf von Gegenständen, die alle geschrieben seyn wollen, so voll, daß ich über der Wahl endlich den größten Theil davon vergesse, oder mein Brief und die Zeit schon zu Ende ist, wenn ich noch kaum über den ersten Punkt heraus bin. Indem ich alsdann den Brief schließe, und es empfinde, wie wenig ich Ihnen gesagt habe, und wie viel ich Ihnen noch zu sagen hätte; so ärgere ich mich über den elenden Ersatz, den ein kurzer kaum angefangener Brief für den Umgang mit einer solchen Freundin, wie Sie sind, thun soll. Ich thue mit dem Kinde in Weisens Liede den Wunsch:

O wenn ich doch ein Vogel wär, So schnell und federleicht, Der über Berg und Thäler hin Im Augenblicke streicht! Dann flög’ ich über Land und See, Durchreiste jeden Ort,

Wär bald -- wo denn? Gewiß nirgends, oder doch nirgends öfter, als bey Ihnen. Was für einen kleinen freundschaftlichen Schrecken würde ich Ihnen nicht abjagen, wenn ich, ehe Sie sich es versähen, den gegenüberstehenden Stuhl an Ihrem Fenster einnähme, indem Sie an dem andern sitzen. Ich sehe schon zum Voraus, ich würde kein Wort vorbringen können, ich würde stammeln, und wenn ich meine Stimme wieder hätte, so würden es nur gebrochene Laute seyn, die ich vorbrächte. --

Weg, angenehme Schwärmerey, die geschwind genug meine Einbildungskraft ganz anfüllen, und dann aus meinem Briefe alle wichtigere Gegenstände verdrängen könnte! -- Nun habe ich mir in meinem Kopfe gewisse Punkte geordnet, unter welche dieser Brief gebracht werden soll. Aber ich sage sie Ihnen nicht zuvor, bis ich erst sehe, wie viel ich davon zu Stande bringe. Sage ich jetzo nur wenig, so können Sie immer glauben, ich habe nicht mehr schreiben wollen, da Sie sonst hätten denken müssen, ich hätte nicht mehr schreiben können. Also zur Sache:

Zuerst fragen Sie mich in Ihrem vorletzten Briefe, ob ich Ihre Briefe aufhebe? Die Frage würde fast eine kleine Beleidigung seyn, wenn ich nicht, die Wahrheit zu sagen, ähnliche Beleidigungen auf meiner Rechnung hätte. Meine Mutter ist die Depositaria davon, so wie von Ihren Porträts. -- Also wollen Sie diese wirklich wieder haben? Ich bin in der That so unverschämt gewesen, sie schon für ein halbes Geschenk anzusehen. Unterdessen, wenn Sie über das Porträt Ihres Gemahls Herr sind, so sind Sie es doch nicht über das Ihrige. Ich werde Ihnen das erste zurück schicken, wenn Sie es so befehlen, aber ich werde dadurch mein Recht auf das andere nur verstärkt glauben. Meine Mutter, die Sie wahrhaftig liebt, würde an dem Schmerz Theil nehmen, den es mich kosten würde, dieses kleine Stück von Ihnen selbst aus den Händen zu geben. Indessen, wenn Sie darauf auch bestünden; so muß ich Ihnen nur sagen, daß die Gelegenheiten, solche Sachen zu schicken, nicht so häufig sind; und ich habe immer in meiner Macht, zu sagen, daß ich keine gehabt habe. Sehen Sie eine andere kleine Beleidigung in Ihrem vorletzten Briefe, die ich ungeahndet gelassen habe.

Aber nun auf Ihren jetzigen zu kommen, der so voll von Freundschaft und gutem Herzen ist, und der mich würde zu Ihrem Freunde gemacht haben, wenn ich es noch nicht wäre; so muß ich nur Ihre zu große Demuth ein bischen schelten. Sage nur deiner Freundin, sagte meine Mutter, indem sie Ihren Brief las: Eine Frau, die eine so edle Freude an einer guten Handlung haben konnte, als die ist, die sie in ihrem Briefe erzählt, kann vieler andern Vorzüge entbehren. Glauben Sie nur, dieses Herz, welches Ihnen der Himmel gegeben hat, ist immer das größte Geschenk, welches er einem Sterblichen machen kann. Ohne dieses Herz ist der Verstand ein bloßes blendendes Licht ohne Wärme, und die Schönheit eine unbedeutende Form. Aber dieses Herz kann der Schönheit und selbst höherer Einsichten entbehren, und doch immer noch nicht bloß liebenswürdig sondern verehrungswerth bleiben. Wenn aber diese glückliche Verbindung zwischen Empfindung und Einsicht, zwischen dem Kopf und dem Herzen vorhanden ist, die ich in meiner Freundin finde und hochschätze, wenn der eine der Diener ist, die gutthätigen Absichten des andern auszuführen: dann kann das Glück immer seine übrigen Güter zurückhalten; die Natur hat ihm schon genug vorgearbeitet, um in jedem Umstande, in jeder Verfassung, selbst unter den Beunruhigungen, die eine Folge dieser Eigenschaften sind, die Person selbst glücklich, und andre zu ihren Verehrern und Freunden zu machen. --

Um Sie nun in Ansehung meiner in Ruhe zu stellen, so muß ich Ihnen sagen, daß, ob ich gleich noch keine Nachricht habe, ich doch die Sache für entschieden halte, und auch recht zufrieden damit bin, daß sie entschieden ist. -- Wenn man bey einer Reise in der Nacht lange Zeit ohne seinen Weg zu sehen, fortgegangen ist, und nicht gewußt hat, ob man nicht vielleicht in fremden und unwegsamen Wüsten herumirrt; wenn dann auf einmal ein aufgehender heller Stern uns zeigt, daß wir, ohne es zu wissen, noch immer auf dem rechten Wege sind, und von einer unsichtbaren Hand geleitet, unvermerkt dem Ziele unsrer Bestimmung näher kommen: dieser Freude ist diejenige gleich, die man fühlt, wenn man mitten unter dem Zusammenlauf mannichfaliger und uns oft unangenehmer Begebenheiten einen einzigen fortgehenden Plan erblickt, der mitten unter diesen verschlungnen Irrgängen immer fortgesetzt worden ist, und durch alle die Hindernisse, die uns beunruhigten, nicht aufgehalten werden konnte.

Ich kann Ihnen nicht das ganze Räthsel erklären, wie ich zu dieser Betrachtung komme. In der That aber glaube ich Ursache zu haben, zufrieden zu seyn, wenn ich dem Minister mißfallen habe u. s. w.

Vier und zwanzigster Brief.

Den 11. November.

Lassen Sie uns immer einige unsrer Erwartungen fehlschlagen, der Himmel versorgt uns dafür wieder mit Vergnügen, auf die wir weder Anspruch noch Hoffnung hatten. So war der Brief, den ich gestern von ihrem lieben Gemahl, so die zwey Briefe, die ich zu gleicher Zeit von Herrn Weisen erhielt. Meiner Mutter und mir waren Ihre Briefe, wenn nicht eben so unerwartet, doch gewiß eben so erwünscht. Alle so voll von Freundschaft, Liebe, Zärtlichkeit, daß mein Herz in unaussprechlichen Empfindungen überfloß, und wenn der Geist Kraft genug hätte, diese Einschränkung des Raums und seine enge Wohnung zu durchbrechen, wenn er, ohne seinen schweren Gefährten, den Körper, mitzunehmen, mit ätherischer Leichtigkeit mit seinen Wünschen in gleicher Geschwindigkeit sich bewegen könnte, so wäre Ihr Wunsch und der meinige gestern erfüllt, ich hätte Sie alle, alle gesehn; auch ihn, meinen guten und zu geschäftigen Freund, dem ich für den Brief, den er an mich schreiben will, gern alle die erlasse, die er nicht geschrieben hat. Ich danke es Ihnen recht sehr, liebster Freund (ich rede jetzt mit Ihrem guten Manne), daß Sie für die Erhaltung meiner Freunde -- der größten Glückseligkeit die ich kenne, -- oder welches eben so viel ist, für meine Gewißheit, daß ich sie noch besitze, so viel Mühe und Sorge über sich nehmen. --

Weise ist in der That einer von meinen schätzbarsten Freunden, und, Dank sey es seinem gütigen Herzen, auch von meinen zärtlichsten. Ich habe zwey lange Briefe von ihm bekommen, die beyde vortrefflich sind, wenn sie nur nicht gar zu schmeichelhaft für mich wären. Meine Mutter, die an meiner ganzen Correspondenz Theil nimmt, sorgt immer, meine Freunde werden mich verderben. Und in der That, ich glaube beynah, ihre Furcht ist nicht ganz ungegründet. -- Aber nun verderben oder nicht, so werde ich doch nimmermehr zugeben, daß selbst die übertriebenen Lobsprüche von Freunden mit Schmeicheleyen einerley wären. Wenn uns die ersten in einen kleinen Irrthum über unsre Verdienste führen, so sind sie zuerst selbst darin. Ihr Herz hat zuerst ihrem Verstande den unschuldigen, und beynahe sagte ich, zur Freundschaft nothwendigen Betrug gespielt; und hundertmal mehr können sie sagen, als wahr ist, aber niemals ein Wort mehr als sie denken. Da fängt erst die Schmeicheley an, wo der Ausdruck größer ist als die Gesinnung, und unser Verstand den Werth des andern richtiger bestimmt, als unsre Worte. --

Der eine Brief von Weisen war schon längst vorher geschrieben, und war mit einem kleinen Geschenk von Büchern, das er mir bestimmte, einem hiesigen Buchhändler übergeben worden, der eben erst gestern ankommen mußte; der andre kam mit der Post, und den habe ich vielleicht zum Theil Ihnen zu danken.

Darf ich Ihnen nun wohl noch erst sagen, daß gestern einer von meinen angenehmsten Tagen gewesen ist, oder vielmehr Stunden, -- denn eine von den größten Sonderheiten, ich weiß nicht ob der menschlichen Natur oder der meinigen (leider vermischen sich diese beyde nur gar zu oft in den Augen des Beobachters; aber genug, ich empfinde sie, diese Sonderheit, und wie ich sie empfinde, so will ich sie Ihnen ausdrücken; vielleicht entdecken wir wieder einen neuen Punkt, wo unsre beyden Seelen an einander gränzen); und die seltsamste Wirkung des Vergnügens ist gewiß Schwermuth; und demungeachtet ist es bey mir die gewöhnlichste, wofern das Vergnügen nur mehr empfindlich als rauschend ist. Wenn meine Seele nach der Befriedigung gewisser Begierden geschmachtet hat, und sich diese ihr endlich mit einemmale anbietet; so weigert sich die Seele gleichsam einen Augenblick, dieselbe anzunehmen; sie entzieht sich dem Genusse eines Vergnügens, das sie für zu schmeichelhaft hält, als daß sie sich gleich überzeugen könnte, daß es für sie wirklich bestimmt ist, und das Herz verschließt sich vor den Eindrücken, die es doch so sehnlich erwartete. Nach und nach, wenn die erste Bestürzung vorüber ist, wenn sich die angenehmen Bilder in der Einbildungskraft anhäufen, wenn die wiederholten, aber sanften Schläge des Vergnügens diese muthwillige Unempfindlichkeit überwunden haben, öffnet sich das Herz wieder; die Empfindungen strömen von allen Seiten zu und erfüllen es; die Bewegungen werden lebhafter, das Gesicht heitrer; unsre ganze Seele bekommt eine Art einer neuen Existenz, und diese Empfindung von der Verdoppelung ihrer Kräfte verbindet sich noch mit den Eindrücken des Vergnügens, um diesen glückseligen Zustand eine Zeitlang zu erhalten.

Wer in diesen Augenblicken die Gabe zu gefallen, wenn sie auch ihm sonst fehlt, nicht durch die Zauberkraft des Vergnügens erhält, der mag es nur aufgeben, jemals zu gefallen. In der That ist ein von Vergnügen durchdrungnes Herz schon an sich der angenehmste Gegenstand für den Zuschauer; und außerdem hat der Mensch niemals mehr, als in diesen Zeiten, seine eignen Talente zu seinem Gebote; seine Ideen werden lebhafter, seine Einfälle gelingen, sein Witz verliert den Zwang und die Steife; und alles, was er sagt, bekommt durch die harmonischen Züge, mit denen sein Gesicht es bekräftigt, und durch eine gewisse lebhafte und doch anständige Bewegung, mit dem es begleitet wird, mehr Kraft und mehr Anmuth.

O wenn diese glücklichen Augenblicke fortdauern könnten! Ich habe von der Macht des Vergnügens so große Ideen, daß ich glaube, es könnte Trägheit in Feuer, und Dummheit in Witz verwandeln, wenn wir erst die Kunst erfunden hätten, es dauernd zu machen. -- Aber so verzehrt sich die Freude, wie eine Flamme, durch ihre eigne Stärke. -- Die Spannung der Kräfte, ohne welche sie nicht entstehen würde, bereitet schon die Erschlaffung vor, mit der zugleich die Schwermuth zurück kehrt; der Genuß erfordert eine gewisse Anstrengung, die wir nicht gewahr werden, weil sie angenehm ist, und die uns erst die darauf folgende Erschöpfung entdeckt; und durch eine unausbleibliche Rückkehr, die ein Gesetz der ganzen Natur ist, sinkt die Seele eben so tief unter ihre gewöhnliche Höhe, als sie sich über dieselbe erhoben hatte.

Ich sehe, ich verliere mich in einer Art von Philosophie, die für mich alle Mal gefährlich ist. Ich grüble vielleicht gar zu gern über meine eignen Empfindungen, und oft verliert sich mir der Gegenstand aus dem Gesichte, indem ich seine Wirkungen aufsuchen will. -- Was ich eigentlich zu sagen vorhatte, ist dieß. Eine so große Anzahl von Beweisen der Zärtlichkeit und Freundschaft der würdigsten Personen hatten meiner Seele eine gewisse Selbstzufriedenheit gegeben, die nicht Eitelkeit, -- aber doch höchst süß ist. Aber eben diese verlor sich mir unter der Hand, als ich sie eben erst bemerkte. Auf sie folgte eine gewisse Furcht, daß einmal eine Zeit kommen könnte, wo diese Freunde von mir richtiger oder strenger urtheilten; eine Art von Kummer, wie ich so vortheilhaften Meinungen und so günstigen Erwartungen, die sie von mir hätten, ein Gnüge leisten könnte. -- Ich schien mir unter einer Art von Verbindlichkeit zu erliegen, die mir ihre Gütigkeit auferlegt hatte, und indem ich mein eignes nichtsbedeutendes Selbst mit dem vergrößerten und geschmeichelten Bilde verglich, welches sie als ähnlich mit mir annehmen; so wurde mir angst, daß ein solcher Irrthum einmal vielleicht aufgehoben werden, und irgendwo ein solcher unglücklicher Brunnen seyn möchte, wie ihn Ariost beschreibt, der, wenn man ihn kostet, alle Verblendungen der Liebe heilt, und dem bloßen kalten Verstande alle seine Freyheit zurück giebt, zu prüfen. Dieser Wunsch, meinen Freunden zu zeigen, daß ich ihrer nicht unwürdig sey, mit der Unmöglichkeit, die ich vor mir zu sehen glaubte, ihn zu befriedigen, brachte eine Art von Aengstlichkeit in mich, die endlich, ohne ihren Gegenstand zu wissen, nach etwas suchte, was mir fehlte, und was sie doch nicht finden konnte.

Sehen Sie nun, würde eine andre Freundin, gegen die Schwachheiten ihres Freundes weniger nachsichtig als Sie, eine solche Anatomie seiner eignen Thorheiten ertragen; besonders wenn ich darüber das vergesse, was Sie eigentlich von mir wissen wollten, und was ich auch zu schreiben im Sinne hatte? -- Herr von Grischanowsky ist beynahe alle Tage bey uns, wenigstens eine oder zwey Stunden. Meine Mutter ist ihm seines wirklich guten Herzens wegen recht gut worden. In der That habe ich in ihm noch weit edlere Gesinnungen entdeckt, als ich selbst in Leipzig in ihm kannte. -- Aber sein Hofmeister -- ob er gelehrt ist, das mag er selbst am besten wissen, -- aber daß er höchst grob, unempfindlich gegen alle Höflichkeit, bäurisch stolz, und ohne alle Annehmlichkeit im Umgange ist, das wissen wir leider alle, die wir ihn in unsrer Gesellschaft gehabt haben. Jetzo bitte ich nur immer den jungen Herrn ohne ihn u. s. w.

Fünf und zwanzigster Brief.

Den 18. November.

O wenn Sie wüßten, was mich Ihr Brief für einen traurigen Tag gekostet hat, Sie würden ihn nicht geschrieben haben, oder Sie schrieben heute einen zweyten, um ihn zu widerrufen! Aber gewiß, gewiß, Sie werden keinen schreiben. -- Ich lese ihn wieder, Ihren Brief, und er beunruhigt mich noch mehr. Ich sollte weniger zärtlich gegen Sie seyn, -- ich sollte mich dem Brunnen des Ariosts nähern, +von dem einige Freunde vielleicht schon getrunken haben+. Wer sind diese Freunde? -- Setzen Sie einmal (um einen Satz, den ich nur in Absicht auf mich wahr hielt, auf die Freundschaft überhaupt auszudehnen), setzen Sie, daß eine Art von Uebertreibung dazu gehöre, um den Grad von Liebe hervor zu bringen, ohne den die Freundschaft kalt und die Ehe in kurzem beschwerlich ist; setzen Sie, daß unsre Einbildungskraft die Vollkommenheiten unsers Lieblings vergrößern müsse, wenn sie das Herz mit der gehörigen Stärke treffen sollen; setzen Sie dieß alles: so behaupte ich doch, daß selbst diese Verblendung Größe des Geistes voraus setze, und daß es Stärke des Geistes sey, sie zu erhalten. Achten Sie also ja nicht meine Theorie für so gefährlich, daß sie den Kaltsinn für eine natürliche Folge der Ueberlegung erklären sollte. Wenn er eine beständige Eigenschaft unsers Herzens ist, so ist es Kleinheit, und folgt er auf einen feurigen Anfang, so ist es Schwäche der Seele. -- Sie hatten neulich eine Philosophie der Liebe von mir verlangt. Hier sind einige kleine Züge davon, auf die mich diese Betrachtungen natürlicher Weise leiten.

Man kann immer sicher vermuthen, daß in den Meinungen etwas Wahres sey, die allgemein von den Menschen angenommen werden; und die in den rohesten Zeiten zuerst. Die Wirkung der Natur, und die Gesinnungen, die unmittelbar durch den Einfluß der Dinge um uns herum hervor gebracht werden, erkennt man am besten in den Epoquen, wo wenig andre Principien der menschlichen Gedanken vorhanden sind. Nun in diesen Zeiten war Tapferkeit und Liebe die größte Tugend der Männer, und Keuschheit, oder mit einem andern Worte, Beständigkeit und Treue das einzige Verdienst der Frauen. Die Rittergeschichten, so ausschweifend sie sind, vergnügen mich demungeachtet um dieser richtigen und mit der Natur harmonirenden Grundsätze willen, die allenthalben durchblicken, und ohne die selbst diese Ausschweifungen nicht Statt gehabt hätten. -- Wenn die Philosophie sich nun damit bemengt, den Grund dieser Gesinnung zu erklären, so kann es seyn, sie geräth auf falsche Ursachen; der Zusammenhang dieser Leidenschaft mit den wesentlichen Vollkommenheiten des Menschen kann vielleicht durch eine ganz andre Kette gehen, als die ich einsehe; -- aber sie thut demungeachtet ihr eigentliches Werk, sie ist in ihrem Berufe. Denn wozu soll Philosophie, wenn sie nicht die Meinungen und Neigungen, die die Seele einnehmen, ohne daß sie weiß, woher sie sie hat, als Phänomene behandelt, deren Ursprung gefunden werden soll? Meine Erklärung ist diese.

Jede unsrer Ideen ist nach einem gewissen Eindrucke gebildet, den die Empfindung zuerst in unsrer Seele hervor gebracht hat. Diese Eindrücke zergliedern, zusammen setzen, anders ordnen, als sie zuerst in die Seele gekommen sind, das ist alles, was die Seele damit thun kann. Ideen, deren Theile nicht ursprünglich sinnliche Eindrücke wären, sind unmöglich. Der Umfang, die Lebhaftigkeit, kurz alle Vollkommenheiten unsrer Ideen (und diese machen doch wohl den eigentlichen Vorzug des denkenden Wesens aus) hängen von der Beschaffenheit dieser ersten Impressionen ab. Sind die Gepräge, die die Gegenstände in unsrer Seele abdrücken, richtig und vollständig, so werden ihre Kombinationen ebenfalls richtig seyn, und der Kopf wird helle; sind sie tief und stark, so werden ihre Kombinationen lebhaft und eindringend, und der Geist wird schön. Die Kraft zu empfinden ist also die vornehmste Fähigkeit der Seele, nach deren Größe sich die übrigen richten. Sie verschafft die Materialien, aus welchen die übrigen bauen; sie bemahlt zuerst die leere Fläche der Seele mit den Bildern, aus denen die übrigen auf eben die Art neue machen, wie Apelles seine Venus aus den schönsten Theilen der Mädchen von Gnidus zusammen setzte. Die Größe der Seele besteht in der Fähigkeit, viele und große Eindrücke auf einmal zu bekommen, und sie ohne Verwirrung zu erhalten. Die Stärke der Seele, in der Fähigkeit, einmal empfangene Eindrücke nicht durch den beständigen Zufluß von neuem verlöschen zu lassen, sondern sie gegen das unaufhörliche Reiben neuer Ideen unverletzt zu erhalten. --