Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin
Part 7
Aber was machen Sie denn, beste beste Freundin? warum lassen Sie mir denn nichts von diesen Ihren Geschäften, von Ihren häuslichen Unruhen, von Ihren Bekümmernissen, von Ihren Vergnügen wissen? Warum wollen Sie mir denn so ganz fremd werden? -- Warum mit mir eine so allgemeine Sprache, die dem Kompliment so ähnlich sieht? Sie sagen mir wohl, daß Sie mir noch gut seyn, -- aber bald möchte ich daran zweifeln, da Sie mich so wenig Ihres Vertrauens würdigen. -- Wie wohl, ich bin heute ohne dieß unruhig. Vielleicht giebt mein Gesicht den Gegenständen die finstre Farbe, in der sie mir erscheinen. Ich habe endlich eine lange, verdrießliche Arbeit geendigt. Ich schicke heute ein ganzes Packt an Herrn Weisen. Von Gellerten habe ich Briefe, die mich ermahnen, hier zu bleiben. -- Haben Sie nichts von Tralles gesehen? -- Leben Sie wohl u. s. w.
Zwanzigster Brief.
Recht! liebe Freundin, von den Eindrücken am Morgen hängt das Vergnügen oder der Verdruß des ganzen Tages ab. Ich folge Ihren Regeln und ahme Ihrem Beispiele nach, -- und der erste meiner Gedanken ist heute für Sie. Warum kann ich doch den Gang dieses Briefes nicht beschleunigen, oder warum habe ich Ihnen nicht eher geschrieben, um Ihnen geschwind genug zu sagen, wie richtig Sie gemuthmaßt haben. Ja, ja, tausend Mal hat es mich gereuet, daß ich diesen Brief geschrieben hatte. Nicht, als wenn es nicht einerley Empfindungen der Freundschaft wären, die mir ihn damals eingaben, und die jetzt machen, daß er mich reut. Aber diese Empfindungen hatten sich den Tag so wunderlich mit einer Menge verdrießlicher Vorstellungen vermischt, daß Sie selbst diese Gestalt annahmen und unter einer so fremden Miene beynahe unkenntlich wurden. -- Ich hasse argwöhnische Freunde; ihre Zärtlichkeit besteht bloß in dem Verdrusse, den sie leiden oder den sie verursachen. Aber dem ungeachtet -- eine gewisse Art von Besorgniß begleitet die Zärtlichkeit, und es kann Gelegenheiten geben, wo sie wirklich in Argwohn ausbricht. -- So fürchtet Niemand die Verachtung mehr, als der die Hochachtung wünscht, und der beständige Verdacht, gering geschätzt zu werden, ist ein sicheres Zeichen des Stolzes.
„Ja, dachte ich, sie ist wohl noch meine Freundin, aber nicht mehr so zärtlich, so feurig, als ehemals; sie nimmt nicht mehr an meinen Angelegenheiten Theil; sie läßt mich nichts mehr von den ihrigen wissen. -- Wer weiß, sind nicht diese gütigen Gesinnungen, von denen sie mich versichert, ein bloßer zurückgebliebener Schimmer von dem Feuer ehemaliger Empfindungen? Und warum, thörichter Mensch, warum sollte sie dich auch mit dem hohen Grade von Freundschaft lieben? Welche Verdienste hast du um sie, was für Dienste hast du ihr geleistet, was für Beweise von deiner Freundschaft ihr gegeben? Nein, nein! sie kann nicht ohne Ursache lieben; die Natur will, daß Empfindungen, die auf einer bloßen Verblendung beruhten, mit ihr zugleich aufhören. Die Einbildung schmückt zuweilen einen Gegenstand weit über seinen Werth aus, und leiht ihm alle die schönen glänzenden Farben, durch die er uns gefällt; -- aber dieser Schmuck fällt ab, die Farben verlöschen und der Verstand kommt zuletzt und zerstört die ganze Bezauberung. Ja! Abwesenheit und neue Eindrücke haben ihre Wirkung gethan, -- und vielleicht, was ich, was sie selbst noch für Zärtlichkeit hält, ist nichts als die Erinnerung, daß sie ehemals zärtlich gegen mich gewesen ist.“
Stellen Sie sich nun meine Seele vor, die durch finstre Irrgänge von melancholischen Betrachtungen bis auf diesen Punkt gekommen war, und dann bewundern Sie die Gelassenheit, mit der ich meinen letzten Brief schrieb. -- Die Seele bleibt nicht lange in einem Zustande des Mißvergnügens, den sie sich selbst verursacht hat. Die Einbildungskraft nimmt bald wieder einen andern Weg; die Vernunft kehrt sich die lichtere Seite des Gegenstandes zu, -- und dann wundert man sich über die feste Gewißheit, mit der man vor wenig Augenblicken Sachen glaubte, die man jetzt für unmöglich hält.
„Nein, -- so fing meine Seele an, sich wieder zu erheben -- nein, die Freundschaft kann in einer edlen Seele niemals ohne Grund entstehen; -- und wenn sie einmal die Vernunft gebilligt hat -- kann sie alsdann in derselben erlöschen? Diese falsche Demuth, mit der du dich selbst erniedrigst, würde das Urtheil und die Wahl deiner Freundin verunehren. Ja, du hast Verdienste um sie: die Begierde, ihr alle mögliche Dienste zu leisten; ein Herz, welches sich fähig fühlt, um ihretwillen große Schwierigkeiten zu überwinden; ein Gefühl, welches mit dem ihrigen übereinstimmend und darauf gerichtet ist, sie, und wenn es möglich ist, mit ihr gemeinschaftlich alle Menschen glücklich zu machen; -- dieß sind die einzigen Verdienste, die die Freundschaft verlangt, und mit denen sie sich beruhigt. -- Und nun, dieses festgesetzt, warum sollte dich ein Brief beunruhigen, der an sich voll von Gütigkeit, -- nur deswegen dir nicht genug thut, weil er deinen Erwartungen nicht entspricht? Du erwartetest von ihr Rath, Beyfall, Ermunterung; du erhieltest dafür nur Versicherungen ihrer Freundschaft und ihres Wunsches, dich wieder zu sehn. Würden diese dich nicht in einer jeden andern Gemüthsverfassung, nur nicht in der, in welcher du warst, zufrieden gestellt haben? -- Und du hast ihr einen Brief schreiben können, der, wenn sie wirklich das wäre, was du argwöhnst, sie unwillig machen; und wenn sie das ist, was du wünschest, sie kränken muß.“ --
Wie hätte ich in diesem Augenblicke den mit Vergnügen empfangen, der mir diesen Brief wieder gebracht hätte! -- Sehen Sie, so bin ich gestraft worden, noch ehe Sie es wünschen konnten, daß ich gestraft würde. -- Aber da ich nicht das Ganze rechtfertigen kann, so muß ich wenigstens einen Theil entschuldigen, -- wenigstens den Theil, wo ich wünschte, mehr von Ihren Umständen zu wissen. -- In der That ist das, was ich dabey dachte, was ich mir noch jetzo dabey denke, nur dunkel, und es wird mir schwer, es auszudrücken, -- aber doch empfinde ich, daß es etwas Wirkliches ist. -- Sehen Sie, mitten unter diesen angenehmen Kreis von Vergnügen und Beschäftigungen, die Ihre unschuldigen Tage ausfüllen, stehlen sich nicht oft kleine Gelegenheiten und Ursachen zur Bekümmerniß, zur Sorge, zur Betrübniß, zur Freude, zur Hoffnung? Kleine vorübergehende Wolken, die unsern Himmel auf eine kurze Zeit verfinstern; unvorhergesehene kleine Stürme, die uns von dem ordentlichen Laufe unsers Lebens auf einige Augenblicke verschlagen; -- dann wieder auf einmal ein lächelndes, schönes Ufer, eine unerwartete Aussicht, die die Krümmung des Stroms, auf dem wir fuhren, uns verborgen gehalten hatte. -- So sehe ich Sie vielleicht den einen Tag, bey einer kleinen Blässe, die Sie auf dem Gesichte Ihrer Wilhelmine bemerken, oder bey einer kleinen Verminderung ihrer gewöhnlichen Munterkeit, -- in eine ganze Reihe von sorgsamen und traurigen Betrachtungen gerathen, die selbst die Vergnügungen dieses Tages mit einem gewissen Nebel überziehn; und dann schweben dunkle Bilder, wie die eines schwermüthigen Traums, auf dem Grunde der Seele. Den andern empfing Sie vielleicht Ihre liebe Tochter mit einem freudigen Lächeln, vielleicht erwiederte sie auf eine mehr als gewöhnliche Art Ihre mütterliche Zärtlichkeit, und zeigte Ihnen von fern die Belohnungen Ihrer Sorgfalt, in den süßen Ergießungen einer kindlichen Dankbarkeit; vielleicht blickten durch ihre Bewegungen oder durch ihre noch unartikulirte Sprache die ersten Strahlen der aufgehenden Vernunft; -- und dieser Eindruck stimmte die Seele für diesen Tag zu lauter angenehmen Bewegungen; -- dann wieder eine zärtlichere Liebkosung von Ihrem Gemahl; ein unerwartetes Merkmal von der Hochachtung eines Freundes; -- eine auffallende und mit Ihren Ideen recht übereinstimmende Betrachtung eines Ihrer Schriftsteller; eine glücklich ausgeführte Arbeit, -- ein vollbrachtes Werk des Wohlthuns und der Menschenliebe: -- auf der andern Seite eine kaltsinnigere oder eine zerstreutere Miene auf dem Gesichte Ihres Mannes; eine kleine Uneinigkeit in Ihren Meinungen; selbst das Mißvergnügen über eine Handlung, die man wünschte ändern zu können, weil sie unsern Absichten und unserm Plane nicht vollkommen gemäß gewesen ist; -- alles das ist es, was ich oft von Ihnen zu wissen wünschte, -- und wobey sich mein ganzes Herz bewegen würde, wenn ich es von Ihnen hörte. -- O Freundschaft, wenn deine geheiligten Bande zwey tugendhafte Seelen so mit einander verbinden, daß alle Empfindungen und Gedanken der einen in die andre übergehen, -- dann verdoppeln sich ihre Kräfte, Gutes zu thun; ihre tugendhaften Regungen werden zu Entschlüssen; ihre Fehler werden ihre Lehrer; und jede fliegt mit der zusammengesetzten Kraft und Geschwindigkeit von beyden ihrem großen Ziele zu. Mein Herz ist zu voll. Ich kann nicht mehr schreiben. --
Ich habe Zeit gehabt, mich von meinem Enthusiasmus wieder zu erholen. Die älteste Tochter des D. Tralles ist den Augenblick bey uns gewesen, und hat einen Brief von ihm aus Leipzig gebracht. Er hat bey O... gewohnt. Professor Gellert hat ihn mit einer ungemeinen Freundschaft aufgenommen; er hat ihm selbst wieder in dem O...schen Hause die Gegenvisite gemacht. D. Ludwig hat seinen alten Freund erkannt, -- und alle haben sich um die Wette bestrebt, ihm seinen kurzen Aufenthalt angenehm zu machen. Er ist mit Leipzig und seinen Einwohnern so wohl zufrieden, daß er ihnen beynahe auf unsre Unkosten Lobsprüche macht, und sie ehrt, indem er seine Breßlauischen Freunde herunter setzt. Mir ist bey dieser Begebenheit vorzüglich lieb, daß er mit der Aufnahme Gellerts vergnügt gewesen ist. Ich habe dadurch ein kleines Verdienst um Tralles, und einen Beweis von der Gewogenheit Gellerts.
Aber daß ich von Klöber noch keine Antwort habe, daß ich noch immer in derselben Ungewißheit bin, in der ich meinen letzten Brief schrieb; daß ich gestern, da nach Klöbers Vermuthung die entscheidende Antwort vom Minister (der auf seinen Gütern ist) kommen sollte, gar nichts, weder von ihm noch dem Minister, gehört habe: alles das ist mir höchst verdrießlich, und bringt meine Seele in eine gewisse ungeduldige Bewegung, die sie zu wenig Sachen geschickt läßt. -- Ich erhalte aber vielleicht noch diese Woche die Antwort -- und dann will ich -- nicht zur Strafe -- sondern zum Ersatz der unruhigen Stunden, die mich Ihr und mein neulicher Brief gekostet hat, Ihnen auf den Sonnabend schreiben. Alsdann sollen Sie zugleich etwas von meiner jetzigen Lektüre hören. Denken Sie nur, ich lese die ~Fairy Queen~ von Spencer, einem Dichter, ohne den Milton vielleicht nicht gewesen seyn würde. -- Ich habe nicht geglaubt, ihn in Breßlau zu bekommen; aber es sind einige sehr vollständige Englische Bibliotheken hier. Leben Sie wohl u. s. w.
Ein und zwanzigster Brief.
Den 4. Oktober.
So wenig steht es oft in unsrer Gewalt, unsre Wünsche, oder auch unsre Versprechen zu erfüllen! Dieses kurzsichtige Ding, die Seele, macht immer Entwürfe, ohne die Hindernisse eher zu bemerken, bis sie von ihnen gestört wird; dann springt sie plötzlich auf, sieht um sich herum nach Hülfsmitteln, findet keine, und überläßt sich endlich einem trägen und unthätigen Mißvergnügen. Ungefähr dieß ist die Geschichte des Briefes, den ich an Sie schreiben wollte, und den ich nicht geschrieben habe.
Danken Sie es meiner Bescheidenheit, daß ich Ihnen die Erzählung aller der kleinen Störungen und Geschäfte erspare, die jede für sich nichtswürdig, doch zusammen genommen zum Herrn meiner ganzen Zeit wurden. Ich werde mich nun hüten, Ihnen so bald wieder einen Brief außer den gewöhnlichen zu versprechen. Denn nichts ist verdrießlicher, als eine erregte Erwartung nicht befriedigen. Aber ich werde desto aufmerksamer seyn, die Augenblicke ausfindig zu machen, wo ich, ohne mich vorher angemeldet zu haben, bey meiner Freundin einen unerwarteten Besuch machen kann.
Nun kommt Ihr Brief. -- O Sie haben also auf den meinigen gewartet! Jetzt komme ich mir nicht bloß unglücklich, sondern strafbar vor. Ich weiß, wie mir es seyn würde, hätten Sie mir ein ähnliches Versprechen gethan, ohne es zu halten. Lassen Sie mich geschwind von dieser unangenehmen Erinnerung wegeilen. Der Himmel wird schon heiter, der Weg gut und die Luft kalt, um Pferd und Postillion hurtig zu machen, und meinen Brief so geschwind als möglich zu Ihnen zu bringen.
Außerdem muß ich Ihnen sagen, daß ich jetzo nicht bloß ruhiger, sondern auch vergnügter bin, als seit einigen Wochen. Vorgestern erhielt ich einen Brief von Klöber. Die Sache mag wohl ungefähr so seyn, wie ich vermuthete. Unterdessen weiß Klöber so wenig davon, als ich. So viel hat er nur durch die dritte Hand gehört, daß in dem Plane des jungen Herrn Veränderungen gemacht wären, daß er nach Frankfurt an der Oder gehen sollte, wo ihn schon sein Gouverneur erwartete. Dieser Brief bestätigt mein Urtheil über das Herz des Herrn von Klöber, denn in Ansehung seines Verstandes ist es ohnedieß schon ausgemacht. Mich dünkt, dieser Mann ist zu einer wahren Freundschaft gemacht. Er ist mit den Großen umgegangen, ohne ihre Denkungsart anzunehmen, und ehrt die Rechte der Menschlichkeit mehr, als alle die Unterscheidungen, die der Stolz oder die Sklaverey eingeführt haben. Er liebt die Engländer, und sein Charakter nähert sich wirklich dem ihrigen. Ich bin zufrieden, daß ich jetzo einen würdigen Mann mehr kenne, und seine Freundschaft ist für mich eine größere Akquisition, als eines Ministers Gnade. --
-- Das ist also die Ursache meiner Zufriedenheit. Aber das ist doch noch nicht Vergnügen. -- So wissen Sie denn also, daß der Himmel will, Sie sollen in die meisten meiner Vergnügen einen gewissen stillen aber wirksamen Einfluß haben. Eine gewisse Beziehung auf Sie macht eine Sache angenehm, die mir sonst gleichgültig wäre, und vermehrt den Werth einer andern. --
Vor zwey Tagen tritt Herr von Grischanowsky, ein Russischer Kavalier, der, mit einem Griechischen Popen zum Hofmeister, in Leipzig studirte, in mein Zimmer. Sie müssen ihn ohne Zweifel wenigstens vom Fenster aus gekannt haben. Ich bin zuweilen mit ihm in Gesellschaft gewesen; und da mir Ebert seine Lernbegierde und seinen Fleiß rühmte, und an ihm selbst mir seine natürliche Offenherzigkeit gefiel, so war mir sein Umgang nicht ganz unangenehm, ob gleich zu einem guten Gesellschafter sein Kopf noch zu leer und seine Zunge zu ungebildet ist. -- Diesen ruft nun sein Vater, Gouverneur der Russischen Ukräne, zurück. Er reist hier durch, und wird sich acht Tage hier aufhalten. Ein Bekannter also, der vor wenig Tagen erst aus Leipzig kommt, der mit Ihnen auf derselben Straße gewohnt hat, der Sie vielleicht gesehen hat, ohne Sie zu kennen; der außerdem ein Schüler und ein Freund meines guten Eberts ist; ein solcher Mensch, wenn er nur halb so gut wäre, wie der Herr von Grischanowsky, muß mir ohne Zweifel sehr willkommen seyn. Er brachte mir außerdem noch einen Brief von Ebert, worin dieser mich bittet, seinem Freunde den Aufenthalt hier, so viel ich könnte, angenehm zu machen. Ich habe nun nach meiner Art Anstalten dazu gemacht. Heute Nachmittag kommt er zu mir, und da er die Flöte recht hübsch spielt, so werden wir zusammen ein kleines Duett machen. Nach drey Uhr führe ich ihn auf die beste unsrer Bibliotheken, und morgen zu Mittag ist meine Mutter auf mein Verlangen so gütig gewesen, und hat eine kleine Gesellschaft zum Essen gebeten, die sich ungefähr zur Gesellschaft des jungen Herrn und seines Hofmeisters schicken wird. Zum Glück ist unter meinen Verwandten ein Mann, der ehemals in Russischen Diensten als Officier gestanden hat, der bis zu den äußersten Gränzen des Russischen Reichs gegen China, den Nordpol und die Türkey gekommen ist, der selbst Russisch spricht, und eine große Kenntniß von diesem Reiche und seinen Einwohnern, und also natürlicher Weise (weil wir doch das, was wir uns die Mühe gegeben haben, zu untersuchen, auch unfehlbar lieben) auch viel Neigung für sie hat. Er ist jetzo Bau-Direktor von unsrer Stadt, ein Mann von einer vollkommenen Kenntniß seiner Wissenschaft, von einer sehr guten Einsicht in die Mathematik, und von einer ausgebreiteten Erfahrung. Diesen werde ich zur Gesellschaft des jungen Herrn bestimmen.
Für den Popen ist ein hiesiger Geistlicher, Herr ***, der ein recht guter Gesellschafter seyn würde, wenn er seinen Kanzelton ablegen könnte. Wenigstens hat er doch Neubegierde genug, sich von einem Fremden recht viel erzählen zu lassen; -- und das ist immer schon ein großes Verdienst. -- Den Nachmittag wollen wir alsdann, wenn das Wetter günstig ist, in einem Garten zubringen, und dann des Abends wieder ein kleines Koncert machen.
Kleinigkeiten von der Art würde ich sonst an keinen andern Menschen schreiben. Aber weil wir doch in so viel Stücken ähnlich denken, so werden wir vielleicht auch noch darin übereinstimmen, daß diese kleinen Umstände uns am meisten in den Stand setzen, bey unserm Freunde gegenwärtig zu seyn; und das ist immer für ein Herz, wie das unsrige, wichtig.
Noch ist ein andrer von meinen Bekannten aus Leipzig, und noch dazu mein Landsmann, obgleich aus dem entferntesten Winkel von Schlesien, Herr von P****, angekommen. Er hat nach mir gefragt, und hat mich noch nicht gefunden. Auch ich muß ihn sprechen, um alle Gelegenheit zu nutzen, mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Diese Besuche nehmen mir einen großen Theil meiner Zeit weg, ob ich gleich außerdem nicht so viel davon übrig habe. Von zehn bis zwölf habe ich meine Vorlesungen mit dem Herrn v. K*** angefangen. Eine Stunde ist für die Philosophie, die zweyte für die Römer und Griechen. Ich werde Ihnen künftig einmal meinen Plan schreiben, nach dem ich das Studium der Philosophie einrichten würde, wenn ich ganz Herr von der Einrichtung der Erziehung eines jungen Menschen wäre. --
Jetzo muß ich auf Ihren Brief kommen. Daß Weise an mich gedacht und von mir vortheilhaft gesprochen hat, ist mir lieb. Aber daß er nicht schreibt, ist mir unbegreiflich. Ich habe ihm vor ungefähr 5 Wochen einige Beyträge, die er selbst in vielen Briefen so gütig war, von mir zu verlangen, geschickt. Ich habe ihm nach der Zeit noch ein Mal geschrieben, nachdem ich seine Lieder durchgelesen hatte. Auch dieser Brief ist schon wieder vierzehn Tage fort, und noch auf keinen eine Antwort. In dieser Ungewißheit hat mich Ihre kurze Nachricht wirklich getröstet; besonders da unser Reiz, den ich bat, noch an dem Tage zu Weisen zu gehn, und mir von ihm Nachricht zu geben, Hindernisse muß gefunden haben, meine Bitte zu erfüllen. Sagen Sie es doch unserm Freunde im Vertrauen, daß der Entwurf unsrer Geschäfte nicht richtig gemacht ist, wenn gar keine Lücken für unsre Freunde darin sind.
Sie nur, meine geliebte Freundin, Sie allein ersetzen mir den Verlust, den mir die Arbeitsamkeit oder die Zerstreuung meiner übrigen Freunde verursacht. Dank sey es der Liebe, die durch Ihre heftigen Erschütterungen Ihrer Seele zuerst die Weiche, die Empfindlichkeit und die schnelle Beweglichkeit gegeben hat, die sie jetzt so sehr zur Freundschaft fähig macht.
Sie wollen, ich soll über die Liebe philosophiren. Ich wüßte nicht leicht einen Gegenstand, der reicher und zugleich einnehmender wäre. Aber heute sollen Sie anstatt meiner Philosophie nur Einen Vers aus dem ältesten Englischen Dichter, dem Spencer, bekommen, der es werth ist, daß Sie ihn kennen lernen. Sein Werk ist eine Ariostische Epopee; noch unordentlicher, wenn es seyn kann. Aber einzelne Stellen sind ausnehmend schön. Sein Werk besteht aus sieben Büchern, wovon jedes eine gewisse Tugend unter einer Reihe von allegorischen Rittergeschichten vorstellt. So fängt er das dritte Buch an, welches die Keuschheit zum Gegenstande hat:
~Most sacred fire, that burnest mightily In living breasts, ykindled first above, Amongst th’ eternal spheres, and lamping sky, And thence pour’d into men, which men call Love; Not that same, which doth base affections move In brutish minds, and filthy lust inflame; But that sweet fit, that doth true beauty love, And chooseth vertue for his dearest dame, Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.~
II.
~Well did antiquity a God thee deem, That over mortal minds hast so great might, To order them, as best to thee doth seem, And all their actions to direct aright etc.~
Von diesem Gedichte, von der Philosophie der Liebe und von meiner jetzigen Lektüre werden meine nächsten Briefe handeln, wofern Sie mit diesen Materien zufrieden sind. Lessings Dramaturgie werden Sie ohne Zweifel schon gelesen haben. Außerdem müßten Sie nicht einen Augenblick anstehen; nur müßten Sie suchen, die Stücke, die er beurtheilt, kurz zuvor durchzulesen u. s. w.
Zwei und zwanzigster Brief.
Breßlau, den 14. Oktober.
Wie haben Sie es über Ihr freundschaftliches Herz bringen können, mich heute ohne Briefe zu lassen, da Sie es empfinden mußten, daß ich eines neuen Zeugnisses Ihrer Freundschaft jetzo am meisten bedürfte? Aber es ist nun einmal beschlossen, daß ich diese Woche in nichts ruhig werden soll. Weiter wäre nichts nöthig, um mich auf diese ganze Woche unglücklich zu machen, als daß sich in dem Innersten meiner Seele ein kleiner Argwohn erhübe, und mich überredete, Sie wären unwillig, oder welches mir noch weit unerträglicher wäre, gleichgültig. -- Denn daß Sie oder einer von Ihren lieben Theuern krank seyn sollten, daran kann ich gar nicht einmal denken. -- Aber fürchten Sie nichts. Ich arbeite aus allen Kräften, alle Art von Argwohn bey mir zu zerstören, oder ihm zuvor zu kommen. Außerdem, daß er unsern Freund beleidigt, und uns kränkt, ist er noch eine gewisse Folge eines schwachen Geistes. Ich setze nämlich zum Voraus (und ich bilde mir ein, daß das nichts ist, als was ausgemacht ist), daß es Stärke des Geistes sey, eine einmal durch Gründe erlangte Ueberzeugung, auch ohne immer neue und wiederholte Beweise, in ihrer ersten Zuverlässigkeit zu erhalten, und sie gegen die Angriffe, die die bloße Einbildungskraft auf sie thut, in Sicherheit zu stellen. So sehe ich manche Leute an der Religion, oder an der fortdauernden Existenz unsrer Seele zweifeln, nicht weil sie die Gründe niemals erkannt, oder falsch gefunden hätten, sondern weil sie zu schwach sind, vergangene Betrachtungen sich wieder gegenwärtig zu machen, und weil das Bild von einer gewissen Möglichkeit, daß die Sache anders seyn könnte, über ehemals gemachte Schlüsse die Oberhand hat. -- Wie? -- werde ich also zu mir selbst sagen, wenn der Anfall von Argwohn heftig und gefährlich ist -- sollte mich dieser Brief erst lehren, daß sie meine Freundin ist? Oder wenn dieses auch ohne ihn schon ausgemacht war, kann mir alsdenn sein Ausbleiben mehr rauben, als ich durch seinen Empfang würde bekommen haben? Ich würde wissen, was sie macht, wie sie meinen Brief aufgenommen, ob sie mir vergeben hat. Das ist es also, was ich nicht weiß; und ob es gleich immer unangenehm ist, sich solche Fragen nicht eher als in vier Tagen beantworten zu können, so ist es doch immer nur ein kleiner Aufschub. -- Und endlich, konnte nicht mein feindlicher Dämon ihr eben solche Hindernisse in den Weg gelegt haben, als ich selbst hatte, da ich am Sonnabend schreiben wollte? Würde ich wünschen, daß sie das Ausbleiben meines versprochenen Briefes einer andern Ursache als der Unmöglichkeit zuschriebe, ihn zu schreiben? -- Ich will Ihnen diese Hindernisse erzählen, zuerst um mich zu zerstreuen, und mich also gegen einen Feind zu sichern, der aller meiner Entschließungen ungeachtet mich leicht überfallen könnte, wenn ich unverwandt den ersten Gegenstand ansähe; und zum andern, weil sie beynahe den wichtigsten Theil meiner Geschichte auf diese Woche ausmachen.