Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 6

Chapter 63,811 wordsPublic domain

Aber dieses war noch nicht der einzige Kummer. -- Die unglücklichen Umstände unsers Landes haben die Handlung des Herrn P*** sehr geschwächt; -- aber noch würden sie ihnen wenig Schaden gethan haben, wenn sie nicht auch zugleich den Kopf dieses würdigen Alten geschwächt hätten. Dieser sonst so lebhafte und geschäftige Mann, der die Thätigkeit selbst war, sich immer herzhaft entschloß und klug ausführte, dieser versinkt in seinem Alter, von Kummer und Sorgen niedergedrückt, in eine völlige Unempfindlichkeit. Seine Gemüthskräfte erlöschen; seine Seele, die durch so viele und starke Eindrücke zu heftig erschüttert worden, nimmt jetzo gar keine mehr an, oder alle verlöschen augenblicklich auf dem Grunde, der schon völlig von den vergangenen Ideen eingenommen ist. So ist er für seine Familie und seine Freunde schon todt, ob er gleich sich noch unter ihnen bewegt; und seine Gattin, die sonst von ihm Ansehn und Ehre erhielt, ist jetzo kaum mit aller ihrer Klugheit und der zärtlichsten Sorgfalt vermögend, ihn vor der Verachtung der Fremden, und selbst vor der Geringschätzung seiner Freunde zu schützen. Denken Sie sich nun seine Tochter, die noch immer dieselbe kindliche, ehrerbietige Zärtlichkeit für ihn hat, und denken Sie, was es einem Herzen, wie das ihrige, kosten muß, ihn alle seine schätzbaren Eigenschaften verlieren zu sehn. --

Noch war ein einziger Trost für dieses Haus übrig, aber ein sehr großer, und der vielen Leiden das Gegengewicht halten konnte; -- der Trost, zwey hoffnungsvolle und liebenswürdige Kinder in ihrem Schooße aufwachsen zu sehen, die die Verdienste, und, wenn es möglich wäre, die ehemalige Glückseligkeit ihrer Eltern erneuerten. -- Und nun liegt das jüngste davon, ein Knabe von ungefähr acht Jahren, die unschuldigste, sanftmüthigste, geduldigste Seele, das Bild und der Liebling seiner Mutter -- und ringt mit dem Tode.

Bey seinem Bette fand ich meine Mutter. Ich bin niemals von einem Anblicke so gerührt, so durchdrungen worden. Die Krankheit des Kindes ist die allerschmerzhafteste und grausamste, glaube ich, die ich jemals gesehn habe: die allerentsetzlichsten Kopfschmerzen, die, wie der Arzt muthmaßt, aus einer Beschädigung des Gehirns entstehen, und schon vier Tage und Nächte ohne den geringsten Nachlaß fortdauern. Sie pressen dem armen liebenswürdigen Knaben, der alles, alles sonst mit der größesten Gelassenheit erträgt, und selbst jetzo die schmerzhaftesten Operationen ohne Murren mit sich vornehmen läßt, ein Geschrey aus, das mir bis in das Innerste der Seele geht. -- O Gott, wer muß der Unmensch seyn, der die Stimme des Schmerzes ertragen kann, wenn er selbst der Urheber davon ist! -- Mein Herz wird davon zerrissen! -- Und dann in dem Augenblicke einer kleinen Linderung ihn mit einer ängstlichen Zärtlichkeit nach seiner Mutter rufen zu hören, diese vor seinem Bette knien zu sehen, und dann ihn, wie er seine kleinen Arme um sie herumschlingt, sie fest an sich drückt, und dann mit einer gewissen dringenden Heftigkeit sie seiner Liebe versichert, -- dann mitten unter diesen Liebkosungen, von dem Schmerz überwunden, auf einmal in das kläglichste Geschrey ausbricht, und das zu ganzen Nächten fortsetzt -- Gott, kaum kann ich den Gedanken davon ertragen. -- Heute ist der Schmerz schon Herr über sein Bewußtseyn, und er kennt nicht mehr seine Mutter. --

Liebste Freundin, werden Sie mir es wohl vergeben, daß ich Sie mit so traurigen Gegenständen unterhalte? Aber mir wird meine Noth leichter, wenn ich denke, Sie wissen sie und nehmen daran Theil.

N. S. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen erhielt ich auch einen sehr freundschaftlichen Brief von Herrn Weise. Eine kleine Anekdote, die er mir von Meinhardten erzählt, kann ich Ihnen unmöglich verschweigen. Bey seiner Abreise von Leipzig fragte ihn der Post-Commissar Gellert: Ob er nicht einige günstige Aussichten hätte? O ja, sagte er, die glücklichste Aussicht von der Welt -- die Aussicht auf mein Grab.

Siebenzehnter Brief.

Den 16. September.

Der Kleine, dessen Leiden ich Ihnen schilderte, hat sich gebessert. Er ist keines menschlichen Leidens mehr fähig. -- Für den tugendhaften Mann und für den Christen ist der Tod wenig; aber für den Menschen ist der Schmerz immer etwas sehr Großes. Neulich war mein ganzes Mitleid für das Kind selbst, jetzo ist es nur noch für seine Mutter. Ich will Ihnen nicht ihren Schmerz beschreiben, um nicht den Ihrigen rege zu machen. Sie wissen, was es heißt, Mutter seyn. -- Aber einen andern Verlust muß ich Ihnen erzählen, der nicht so schmerzhaft, -- aber doch für uns empfindlich ist; noch dazu einen Verlust, der die ganze Begierde, zu Ihnen zu kommen, bey mir wieder rege macht, da er mir die vortrefflichste Gelegenheit dazu verschafft hätte. Denken Sie nur, ich hätte in Gesellschaft eines Tralles zu Ihnen kommen können, ich hätte Sie gesehn, Sie hätten einen unsrer besten Freunde gesehn, die Hochachtung, die ich für meine Freundin habe, hätte sich noch eines rechtschaffenen Herzens bemeistert, und -- Aber hören Sie erst die Geschichte.

Tralles als einen Arzt kennen Sie, glaube ich. Aber das müssen Sie noch wissen, daß er beynahe der würdigste Gelehrte und der beste Gesellschafter in B**** ist. Diese Titel werden Sie, denke ich, noch nicht so aufmerksam machen, (welche Eigenliebe!) als wenn ich Ihnen sage, daß er der älteste Freund unsers Hauses, daß er fast der einzige recht vertraute Freund meines Onkels ist, -- daß seine erste Frau die beste und die einzige Freundin war, die meiner Mutter ihr ganzes Herz besessen hat. Dieser Mann, der neulich nach Warschau als Leibarzt kommen sollte, und es aus Liebe zu seinen Freunden ausschlug, hat jetzt einen andern Antrag, der just in einer so unglücklichen Epoque kommen muß, da sich B**** bey ihm durch einen ansehnlichen Verlust, den er durch die Betrügerey eines Freundes leidet, verhaßt gemacht hat, daß er fast geneigt ist, ihn anzunehmen. Die Fürstin von Gotha verlangt ihn zu ihrem Beystande bey ihrer jetzigen schwachen Gesundheit, -- und wünscht ihn als Leibarzt zu behalten. Er kam eben von einer Reise wieder, als er einen Brief von dem Gothaischen Hofe fand, wo man ihn unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen, die man einem Menschen geben kann, einladet, noch diesen Herbst nach Gotha zu kommen, seine Familie mitzubringen, -- und den Winter dort zu bleiben. Es sollte alsdann von seiner Wahl und von dem Grade von Zufriedenheit abhängen, den er mit dem dasigen Aufenthalte, und der Art von Aufnahme, die er erhalten hätte, haben würde, ob er nach Breßlau zurückkehren oder bey ihnen sein Leben beschließen würde. Denn er ist schon sechszig Jahr. -- Er ist nun entschlossen, die Reise zu thun, ob er gleich ihren Erfolg noch nicht vorhersieht. Seine jetzige Frau wird ihn mit ihrem kleinen Sohne begleiten. Von zwey Töchtern aus der ersten Ehe ist die eine verheyrathet, und kann also ihrem Vater nicht folgen, die andre will zum Beystand ihrer Schwester zurückbleiben.

Dieser D. Tralles nun reist auf den Sonnabend ab, -- und reist über Leipzig. -- Was würde ich nicht darum gegeben haben, so einen Gesellschafter zu finden; und wie sehr gütig war nicht seine Anerbietung. -- Wenn ich mitführe, sagte er, so wollte er wechselsweise auf dem Kutschersitze fahren, wenn er keinen andern Platz hätte. Demungeachtet bleibe ich hier, -- verliere einen Freund, den ich noch hatte, und komme zu denen nicht, die ich entbehrte. --

Ich sinne schon die ganze Zeit, seitdem ich diese Reise weiß, auf Mittel, den D. Tralles Ihnen oder Ihrem lieben Gatten vorzustellen. Ich schmeichle mir, Sie würden einen Mann nicht ungern sehen, der erst vor wenig Tagen aus unserm Hause kommt, der uns alle kennt, der unser Freund ist, -- und der es verdient, auch der Ihrige zu seyn. Aber ich gestehe es, ich begreife noch nicht, wie die Sache zu machen ist. Er bleibt nur einen halben Tag und über Nacht in Leipzig. -- Er will Gellerten besuchen, an den ich heute schreibe, und bey dem ich ihn anmelde. -- Er ist ein Anverwandter von ***. Man erwartet ihn in diesem Hause, und man wird ihn ohne Zweifel dahin ziehn. -- Wo mir recht ist, so ist diese ***sche Familie nicht eben im Besitz einer sehr großen Achtung. Ich kenne sie nur vom Parterre aus; aber von da sah mir die Tochter sehr einfältig und eitel -- ihre Mutter stolz und ein bischen verbuhlt aus. -- Zum Glück hat Tralles eine Gabe, die uns allen beyden fehlt, -- sich die Narren ganz gut gefallen zu lassen. Er wird aus der Gesellschaft der vernünftigsten Leute in die Versammlung der Thoren übergehn, ohne von seiner guten Laune etwas einzubüßen.

Im Vorbeygehen, -- Sie hätten meine Fehler nicht besser treffen können; -- fast eben dieselben, die mir meine Mutter so oft vorwirft. Sie gesteht mir, daß sie noch so ziemlich mit mir zufrieden ist, wenn ich bey ihr oder bey gewissen Personen bin (und das sind noch dazu sehr wenig), die mir gefallen; aber daß ich der unerträglichste Mensch wäre unter einer Gesellschaft, die mir mißfiele. In der That verliere ich unter Leuten von einer gewissen Art nicht bloß meine Lustigkeit, sondern auch meinen gesunden Verstand; ich denke nicht mehr, ich vegetire nur. -- Aber wieder zu unserm Tralles zurück!

Nach dem Plane seiner Reise, den er erst gestern Abend in einer Gesellschaft entwarf, bey der ich gegenwärtig war, wird er erst auf den Sonnabend über acht Tage in Leipzig ankommen. Seine Frau und sein Kind nöthigen ihn, langsamer zu gehen. Bis dahin kann ich Ihnen also noch einmal schreiben. -- Aber nun meine eigne Rückreise zu Ihnen! --

Meine Mutter mag es Ihnen sagen, ob es mir leicht wird, diese aufzuschieben. In der That sehne ich mich zuweilen nach einer einzigen Viertelstunde, die ich mit Ihnen zubringen könnte, -- mit einer solchen Ungeduld, die im Stande wäre, mich zu Ihnen zu führen, wenn unsre Begierden uns Kräfte gäben. -- Aber meine Mutter wünscht meine Gegenwart; sie hält sie zu ihrer Gesundheit auf diesen Winter für nothwendig; sie thut alles, was sie kann, und sie würde noch mehr thun, um den Winter hindurch von einer andern Seite meinem Studiren gewisse Beförderungen zu verschaffen, die ich von der einen verliere. -- Mein Freund hat seine Gedanken recht aus meiner Seele herausgenommen, -- eben dieselben Vorstellungen, fast mit eben den Worten, mit welchen ich sie schon manchmal meiner Mutter gemacht habe. Bücher, Muße, Lehrer, das würde ich hier vielleicht alles haben, -- aber Freunde, die mich aufmuntern, die mich in einer beständigen Bewegung erhalten, deren Seele, mit der meinigen gleich gestimmt, jeder von ihren Gedanken entspräche, und ihnen gleichsam zur Geburt hülfe -- die fehlen mir durchaus.

Meine Mutter sehnt sich bald so sehr nach Ihnen, als ich selbst. Ihr Brief hatte sie ganz aufgeheitert. O Freundschaft und kindliche Liebe, deinen geheiligten Banden sey meine ganze Seele gewidmet! -- -- Aber was wäre die Freundschaft ohne Tugend, und was die Tugend ohne Aufopferungen? u. s. w.

Achtzehnter Brief.

Den 23. September.

Ich werde heute einen langen Brief schreiben, das sehe ich voraus. Ich habe wenig Zeit dazu, ich werde ihn also geschwind und schlecht schreiben. Sie werden ihn also nicht lesen können, und ich werde ihn umsonst geschrieben haben. Aber das schadet nichts. Für die Mühe, die es mich kostet, einen Brief an Sie zu schreiben, bin ich schon belohnt, wenn er geschrieben ist. Meine Seele, die sich jeden Tag mit Ihnen, -- und mit Niemanden lieber beschäftigt, -- heftet sich doch niemals so ganz, so lange, so ununterbrochen auf meine Freundin, als während dem ich an sie schreibe. Allen fremden Gedanken, jedem unwillkommenen Besuche ist in dieser Zeit der Zutritt versagt -- und ich bin so völlig mit meiner ganzen Seele bey Ihnen, als ich es war, wenn ich des Abends an Ihrem Fenster (wenn der Mond und die Nachtigall Ihres Nachbars die ruhige Heiterkeit und die harmonischen, aber simpeln Bewegungen unsrer Seele abbildeten) der Freundschaft genoß, -- und einen Augenblick lang, in dem ich die Sorge für die Zukunft und selbst den Wunsch nach derselben vergaß, sagen konnte: +Nun bin ich glücklich!+

Wenn es Ihnen ganz gleichgültig wäre, daß ich nicht nach Leipzig komme, -- so wüßte ich nicht, was mir schwerer seyn würde, als der Winter hier in Breßlau. Die Freundschaft ist, wie ich sehe, auch grausam. Sie will das Recht, den Freund vergnügt und glücklich zu machen, so ganz allein, so ausschließungsweise haben, daß er beynahe darüber murrt, wenn er es ohne sie seyn könnte. Ich habe es immer den Dichtern übel genommen, wenn sie ihre Verliebten so eigennützig machen, daß sie ihre Geliebte mit weniger Schmerz sterben, als in den Armen eines Andern leben und glücklich seyn sehen. -- Aber ich merke nun schon, daß unsre edelsten Neigungen immer so eigennützig seyn müssen. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Die Freundschaft ist nur eine Gesinnung. Ihre Wirkungen sind nur in den Graden unterschieden, -- in ihrer Natur eben dieselben. -- Wenn es einen Menschen gäbe, der Ihnen meine Stelle so vollkommen ersetzte (verzeihen Sie mir einen Stolz, den Sie mich gelehrt haben), daß Sie, ohne Wunsch nach meiner Zurückkunft, mich an jedem Orte der Welt gleich gern sähen: diesem Menschen würde ich nicht gut seyn können. -- Ich vermehre nun in meinen Gedanken diese Empfindung bis zu der Stärke, die der Leidenschaft der Liebe proportionirt ist, und ich sehe es ein, daß der Dichter das menschliche Herz besser versteht, als der Philosoph; -- und daß, so göttlich Plato auch seyn mag, Shakspeare doch mehr von der Liebe weiß, als er. Sie haben doch wohl Romeo und Juillet gesehn? Nun wohl! Glauben Sie nicht, daß Juillet ihren Romeo lieber vernichtet, als untreu sehen würde? -- Aber davon genug, und vielleicht schon zu viel, wenn ich es mit dem vergleiche, was ich noch zu sagen habe.

Tralles, unser guter Tralles, ist mit seiner Frau und seinem Kinde am Sonnabend fort. -- Aber er hat keinen Brief an Sie mit. Zuerst, weil es hier sogar gefährlich ist, einem Reisenden andre als offne Briefe, oder solche, die er öffnen kann, mitzugeben. Ein neues Edikt setzt auf diese Vervortheilung der Posten mehr als 100 Rthlr. Strafe. Zum zweyten, weil ich meine Absicht, Sie und den D. Tralles zusammen zu bringen, doch nicht würde erreicht haben. Er hätte Ihnen den Brief zugeschickt, oder seine Frau hätte Ihnen Visite gemacht, -- oder Ihr lieber Gatte wäre zu dem D. Tralles gegangen. -- Kurz, ich sehe nicht, wie Sie eigentlich mit ihm in Bekanntschaft gekommen wären. Endlich will er nur über Nacht in Leipzig bleiben. Ich glaube, es wird nichts daraus werden, dem ungeachtet wollte er doch, -- und nach diesem Entschlusse nahm er hier seine Maßregeln. Nun hat er Verwandte in Leipzig, wie Sie schon wissen. Gellert, dem er von vielen Seiten empfohlen ist, wird ihn aufhalten. -- Ludwig ist sein alter Schulfreund und sein Korrespondent. Die Zeit wird also selbst für seine alten Bekanntschaften zu kurz seyn. -- Und doch wollte ich -- ich weiß nicht wie viel dafür geben, wenn Sie ihn sähen, oder Ihr lieber Mann, -- oder wenn er Sie sähe. -- Er wird im blauen Engel wohnen. -- Schon dachte ich, ob Sie ihn vielleicht über eine wirkliche oder erdichtete Krankheit von sich oder Ihrem Kinde zu Rathe ziehen wollten; dieses würde immer für ihn schmeichelhaft, aber doch ein bischen seltsam seyn. Dann dachte ich wieder, ob Ihr Mann nicht den Tag zu Gellerten gehn könnte. -- Alles das dachte ich, und doch bin ich noch nicht auf das gekommen, was mir gefällt und genug thut. -- Der einzige Trost ist, -- er will auf dem Rückwege (denn zurückkommen wird er gewiß) länger in Leipzig verweilen, -- und alsdenn bin ich entweder schon bey Ihnen, oder ich schreibe durch Sie an Tralles. --

Von Kaufleuten, die nach Leipzig gingen (Kaufleute meine ich, nicht Krämer), weiß ich keinen, als Herrn ****, und der geht noch dazu mit seiner Frau. Sie sind beyde -- eben nicht Freunde -- aber Bekannte von uns. Und die Frau ist noch dazu, -- oder war wenigstens als Jungfer -- eines unsrer schönsten Gesichter. Der Mann ist wohlhabend, und hat den besten Garten um B***. Für die Meisten ist dies Verdienst genug, seine Bekanntschaft sehr angelegentlich zu suchen. Für Sie und mich ist es wenig. Ueberdieß geht er schon morgen ab. Mein Brief also, den ich heute abschicke, kommt eher an, als er, -- und was brauche ich erst auf Gelegenheiten zu warten, an Sie zu schreiben, so lange die Posten richtig gehen?

Sie verlangen von mir mein Tagebuch? -- Nichts in der Welt wünschte ich mehr, als daß Sie alle meine Handlungen wüßten, meine ganze Aufführung unter jeden Umständen, bey jeglicher Veranlassung sähen, -- daß Sie die Aufseherin meines Herzens seyn könnten, und durch Ihren gütigen Beyfall das Wahre und das Gute bestätigten, -- und durch Ihren liebreichen Tadel meine Vorurtheile und meine Schwachheiten besiegen hülfen. -- Aber wie kann eine kurze, unvollständige, trockne, oft Ihnen vielleicht langweilige Erzählung diese Absichten erreichen? -- Dem ungeachtet sollen Sie so viel wissen, als ich zu sagen vermag. Keinen treuern Geschichtschreiber sollten Sie je gesehen haben, als ich es von mir selbst seyn wollte. Nur vergeßlicher, mangelhafter....

Ich weiß nun selbst nicht mehr, was ich mir noch alles für Schimpfnamen geben wollte. Man rufte mich ab, -- und nun, in den zwey Minuten, die mir noch übrig sind, habe ich was bessers zu thun, als auf mich zu schelten.

Meine Lebensart also zuerst, -- wäre noch so ziemlich, wenn ich weniger faul, weniger zu einer anhaltenden Arbeit ungeschickt, weniger unruhig, und wegen meiner künftigen Aussichten ein bischen scharfsichtiger wäre. Ich stehe spät auf, -- ob ich mir es gleich am Abende alle Mal vornehme, früh aufzustehn. -- Die Theestunde bleibt immer noch die goldne Stunde des Tages. Ich, meine Mutter und meine Muhme, ein jedes durch den Schlaf erfrischt, und durch keine Arbeit noch entkräftet, bringt seine erste noch nicht vernutzte Munterkeit in die Gesellschaft. Während des Thees lese ich vor. Neulich hatten wir den Hausvater und den natürlichen Sohn, -- jetzo ist es der Hypochondrist. Der Schriftsteller wird bewundert, -- und der Vorleser bekommt auch etwas von dem Dank, oder nimmt sich wenigstens selbst seinen Theil davon, ohne erst daran erinnert zu werden.

Der übrige Morgen wäre nun dazu, etwas zu arbeiten, -- wenn ich jetzt oft zum Arbeiten aufgelegt wäre. Wenn ich es bin, so arbeite ich jetzo für Herrn Weisen, in seiner Bibliothek. Essen und Kaffee ist wieder die gesellschaftliche Stunde. Ich spiele auf dem Klaviere, ich liege im Fenster, ich schwatze, ich höre, ich lese vor, eins ums andre, manchmal alles zugleich, zuweilen nichts von allem. Zwey oder drey Stunden sind auf die Art leicht hinweg geschwärmt. Sonntags sind öfter Freunde bey uns, als andre Tage. Den vergangenen machte ich eine neue Bekanntschaft. Der junge Herr v. **** besuchte mich mit seinem Schwager, dem H*** ***. Der erste war von seiner Familie zum Kaufmann bestimmt, von seinen Neigungen zum Studiren; und seine Talente sind wenigstens nicht wider diese Neigung. Er hat großes Geld, -- schafft sich also eine prächtige Bibliothek, liest viel, hat prächtige Instrumente und Musikalien, spielt gut auf dem Flügel, und macht seine Person, die von Natur nicht sonderlich einnehmend ist, durch seine Mühe und durch seinen Fleiß wenigstens hochachtungswürdig. --

Ordentlicher Weise gehe ich des Abends von fünf Uhr an spatzieren. -- Ganz allein; und welche Gesellschaft könnte mir auch angenehmer seyn, als die, die ich mir alsdann aus allen vier Gegenden der Welt zusammen hole? Shakspeare sagt: Die Welt ist nur eine Werkeltagswelt, wo alle Sachen, gar nicht so, wie wir wünschen, und wie wir es einrichten würden, sondern ihren gewöhnlichen alltäglichen Lauf kommen, sie mögen nun dadurch unsern Wünschen in die Queere kommen, oder nicht. -- Um also diesem Mangel abzuhelfen, schaffe ich mir alsdann auf meine Hand eine andre, eine Feyertagswelt. In dieser Welt ist Ihr Mann kein Advokat mehr, seine Arbeiten unterhalten ihn nur, aber sie nehmen ihn nicht ganz ein, -- er lebt für den Staat nützlich, aber doch immer für seine Gattin mehr, als für seine Klienten, -- in dieser Welt sind Ihre Stunden alle heiter, alle voll Hoffnung, daß die künftige Stunde die gegenwärtige an Glückseligkeit noch übertreffen werde. In dieser Welt schreibt mein guter Reiz keine Register mehr; endlich in dieser bin ich bey Ihnen, -- ich bin Ihr Bruder; meine Mutter ist Ihre Mutter, wir machen alle nur eine Familie aus.

Aber nun muß ich Sie nur schon wieder sicher zu unsrer Welt zurückbringen. -- Denken Sie nur, ein ganz neuer Auftritt. Heute früh, eben in dem Augenblicke, da ich Ihren Brief schreiben will, schreibt der Kriegsrath von Klöber, der ehemalige Hofmeister des ersten Sohns vom Minister ****, mir einen französischen Brief. -- Der jüngste Sohn des Ministers soll jetzo nach Halle gehn. -- Er schlägt mir vor, ich sollte die Stelle als Hofmeister bey ihm annehmen. Zweyhundert Thaler Gehalt; ein Engagement auf zwey Jahre; Hoffnung zu Reisen, und die Versicherung befördert zu werden. -- Was meinen Sie, daß ich gethan habe? Ich mußte noch denselben Morgen antworten. Die Sache war dringend. Ich schicke Ihnen meine Antwort mit. Leben Sie wohl u. s. w.

Neunzehnter Brief.

Den 30. September.

Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, hatten Sie meinen Brief noch nicht empfangen oder noch nicht gelesen, als Sie den Ihrigen schrieben. In der That habe ich es mir schon vorgeworfen, daß meine Briefe immer so lang und so übel geschrieben sind. Ich würde es Ihnen für übel halten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, sie bis ans Ende zu entziffern. Um es Ihnen also etwas leichter zu machen, und Ihnen doch dabey nicht ganz unbekannt zu werden, werde ich Ihnen von nun an nichts als Geschichte schreiben. Bringt der Himmel uns wieder zusammen, so werden wir Zeit genug haben, Betrachtungen anzustellen. --

Wenn Sie also nun jetzo meinen vorigen Brief gelesen hätten, so wüßten Sie, daß es noch nicht so ganz gewiß ist, ob ich in Breßlau diesen Winter bleibe. Herr v. Klöber, bey dem ich gestern wieder gewesen bin, schreibt heute noch ein Mal an den Minister; und die Antwort, die wir künftigen Sonntag, erwarten, wird die Sache entscheiden. -- Klöber hatte, wie er mir sagte, nicht sowohl zur Absicht, mir selbst diese Hofmeisterstelle vorzuschlagen, als durch mich Jemanden kennen zu lernen, der dazu tüchtig wäre. -- Er vermuthete, daß ich schon andre gewissere Aussichten hätte, und daß ich das Reisen zu einer nothwendigen Bedingung machen würde, das doch bey dem Sohne des Ministers noch ungewiß wäre. -- Ich sagte ihm, daß der Entschluß zu meiner künftigen Lebensart ziemlich fest, aber der Weg, den ich dazu wählen wollte, noch gar nicht so bestimmt wäre; daß meine größte Sorge sey, der Charakter des jungen Herrn oder seine Denkungsart könne vielleicht nicht genug mit der meinigen übereinstimmen, um die Art von Freundschaft und Vertraulichkeit zu errichten, die zu einer glücklichen Ausführung meines Geschäfts unumgänglich wäre; daß endlich mir der Aufenthalt auf einer Akademie noch weit lieber seyn würde, wenn ich während desselben schon Vorbereitungen und Uebungen auf meine künftige Lebensart anstellen könnte. Bey allen diesen meinen Antworten müssen Sie daran denken, daß ich es mit dem Minister von *** zu thun hatte, dessen Gewogenheit mir in jeder Verfassung von Gewicht seyn würde. -- Ich will Ihnen nicht erst sagen, was mir Klöber antwortete. Er war außerordentlich gütig in der Beurtheilung meiner Fähigkeit zu einem solchen Posten, -- er erzählte mir sein eigen Beispiel, -- endlich versprach er, noch ein Mal an den Minister zu schreiben, und das, was ich wünschte, ihm vorzutragen. --

Wenn Sie diesen v. Klöber kennten, so würden sie einen rechtschaffenen Mann, einen Mann von Grundsätzen, von Geschmack und von einer großen Belesenheit an ihm finden. Er ist sehr lange gereiset. Er spricht alle drey moderne Sprachen gut. Er kennt die Litteratur von jeder; aber für die Engländer ist er enthusiastisch. Sie sollten ihn von Shakspeare reden hören!