Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 5

Chapter 53,636 wordsPublic domain

Breßlau den 26. Aug.

Wenn der Brief in eben dem Augenblicke zu Ihnen kommen könnte, in welchem ich ihn schreibe, wenn ich tausend Empfindungen mit einem Worte ausdrücken, und die ganze Fülle meiner Seele ohne Zeichen, durch eine Art von Inspiration der Ihrigen mittheilen könnte, dann, glaube ich, würde die Ungeduld gestillt werden, mit welcher ich jetzt diesen Brief anfange. Die Zeit, bis er zu Ihnen gelangt, scheint mir unermeßlich; und ich wollte gern, daß Sie es diesen Augenblick wüßten, daß nur der Zufall, nicht Ihr Freund an Ihrer Unruhe schuld gewesen ist; daß er eben dieselbe Unruhe um der nämlichen Ursache willen ausgestanden hat; und daß, so gern er jeden sorgenvollen Augenblick aus Ihrem Leben austilgen wollte, ihm doch diese Ihre Bekümmerniß, mehr als jedes andere Zeichen Ihrer Freundschaft schätzbar und theuer ist.

Ja in der That, l. F., das Schicksal hat sich recht bemühet, unsere Seelen die letzte Woche mit einerley Gedanken und mit eben denselben Bekümmernissen einzunehmen. Ihr Brief, (der, den ich in S**** schon vor acht Tagen erhalten sollte) blieb aus, und ich fand ihn nicht eher, als des Sonntags bey meiner Zurückkunft in B****. Ich weiß nicht, warum Ihre Briefe gerade da am ehesten ausbleiben müssen, wenn ich sie am meisten wünsche. Denken Sie nur, ich trug schon die ganze Woche vorher, aus Ursachen, die ich mir so wenig erklären, als ihre Wirkung aufheben kann, einen gewissen stillen mehr nagenden, als heftig beunruhigenden Verdacht mit mir herum, Sie wären mir nicht mehr so gut, als vordem. Sie wissen, Gründe richten sehr wenig gegen Empfindungen aus. Ich erwartete also Ihren nächsten Brief, um meine Furcht und mein Mißtrauen zu beschämen. Wir konnten den Tag, an welchem Ihre Briefe ankommen, keinen Boten in die Stadt schicken, und diese Briefe (so dachte ich damals) blieben also auf der Post bis den folgenden Tage liegen. Ein sehr unangenehmer Verzug, der aber die Begierde und die Erwartung noch mehr schärfte. Endlich hatten sich die Stunden bis zur Ankunft des Boten langsam und traurig genug fortgeschlichen -- und nun kam er ohne Briefe.

Stellen Sie sich selbst vor, was eine Fehlschlagung in einer solchen Verfassung für Wirkungen auf ein Gemüth haben mußte, das dem Ihrigen ähnlich ist. Sie schienen mir blos deswegen nicht geschrieben zu haben, um mir zu sagen, daß ich Recht gehabt hätte mich zu fürchten. Ich bildete mir ein, als hätten Sie in meiner Seele eine Unruhe lesen können, und hätten deswegen geschwiegen, um ihren Grund zu bestätigen. Ich hörte schon auf, mein eigner Freund zu seyn; denn gewiß, ich würde mich selbst für ein nichtswürdiges Geschöpf ansehen, wenn Ihre Freundschaft mir in meinen Augen keinen Werth mehr gäbe.

Die Seele kann in einem so unangenehmen Zustande nicht lange beharren. Er ist, so wie Sie sagen, und so wie meine Erfahrung mich lehrt, ein Stand der Unthätigkeit, der Philosophie unsers Freundes ungeachtet. Sie wankt also eine Zeit lang zwischen Reflexion und Gefühl, zwischen deutlichen Gründen und dunkeln Einbildungen hin und her; sucht eine Menge Beweise, um das nicht zu glauben, was sie scheut, und stürzt sich doch wieder, trotz aller Beweise, in ihre traurige Ueberzeugung zurück. Dieses Mal siegte ich aber doch endlich! denn das war ich gewiß genug, daß Ihre Freundschaft nicht so, wie der meisten Menschen ihre, ohne besondere Ursache nur erkalten kann, blos deswegen, weil die nähern sie immer umgebenden Gegenstände unaufhörlich einen Theil ihrer Wärme rauben, und sie durch diese allmählige Ausdämpfung zuletzt bis zu der ordentlichen Temperatur der Gleichgültigkeit zurückbringen. Aber das wußte ich nicht, daß Sie mich Ihrer Freundschaft immer auf gleiche Art würdig finden würden. Ich habe immer geglaubt, daß die Freundschaft, so wie die Liebe, eine gewisse Art von Verblendung erfordere; nicht eine solche, die die Gestalten verkehrt, sondern die, welche den guten Eigenschaften allein Licht giebt, und die schlechten in Schatten setzt. Wie wäre es nun, wenn Sie diese Verblendung gewahr geworden wären, -- wenn Sie anfingen, mich eben so zu sehn, wie mich alle übrige Menschen sehn? -- Aber kurz, Sie hatten mir noch keine Veranlassung gegeben, diese Veränderung zu glauben. Ich konnte selbst den Ursprung dieses Gedankens in meiner Seele nicht ausfindig machen. Er erfüllte die Seele so, wie manches falsche Gerücht die Stadt, ohne daß man sagen kann, wer das Ding zuerst erzählt hat. Und konnten endlich Ihre Briefe nicht aus tausend andern Ursachen zurückgehalten werden?

Aber dabey schmeichelte ich mir doch nicht, daß Sie wirklich geschrieben hätten, und es blos Unrichtigkeit der Post wäre, die mir Ihren Brief vorenthielte. Ich verließ S**** des Sonntags, nicht mit so viel Widerstreben, als ich sonst gethan haben würde, wenn ich nicht Ihre Briefe in der Stadt zu erwarten gehabt hätte. Ich fand sie, und in denselben die zärtlichste, gütigste Freundin, die Sie immer waren, dazu gemacht, das Leben nicht bloß Eines Mannes glücklich zu machen.

In der That bedurfte ich dieses Trostes, um nicht allen meinen Muth unter der Menge unangenehmer Zufälle zu verlieren, die auf uns in der Stadt warteten. Meine Mutter kam halb krank nach Hause. Ihr Bruder, der, wie Sie wissen, im Bade gewesen ist, war kurz zuvor durch den Banquerout eines der ansehnlichsten hiesigen Häuser, dem er einen beträchtlichen Theil seines Vermögens anvertraut hatte, zurückgerufen worden. Ein andrer unsrer Freunde, der brave T****, sah durch eben diese Begebenheit eine Summe von 10000 Rthlr. auf vielleicht weit weniger als die Hälfte heruntergesetzt; eine andre Freundin, die Mad. P*** (eine von den wenigen Frauen, die Ihrer Bekanntschaft werth wären), war gefährlich krank, und der Arzt hatte ihr erst vor kurzem die Hoffnung zum Leben wiedergegeben. Meines Onkels jüngste Tochter war es auch. Die allgemeinen Klagen vermischten sich mit der besondern Noth unsrer Familie. Endlich bekam ich Gellerts Brief, und die Nachricht von des Grafen Tode. Mit diesem verschwand alle Aussicht auf künftigen Winter. Die nächsten Monate sogar hüllten sich wieder in Dunkel und Finsterniß ein; -- und nirgends, nirgends sahe ich irgend einen Schimmer eines Lichtes, der mich zu meiner Freundin wieder zurückführte.

An die Stelle dieser verschwundenen Hoffnung trat eine Furcht, die ich schon überwunden zu haben glaubte. Während meines Aufenthalts in B*** ist der Prorektor des hiesigen ersten Gymnasiums wegberufen worden. Meine Freunde dachten ganz natürlicher Weise an mich. Ich verzeihe Ihnen den Wunsch, mich hier zu behalten; er entspringt aus einem so gütigen Herzen, daß ich ihn gern mit meinem Wunsche bestätigen wollte, wenn es auf weiter nichts als Vergnügen dabei ankäme. Man redete also viel davon, man erforschte meine Gesinnungen, man ersann sich allerhand Möglichkeiten. Alles das war gut, so lange die Sache noch in einer gewissen Ferne blieb. Ich gestand, so oft die Rede davon war, meine vollkommene Abneigung; und ich gab, wie ich denke, Gründe davon, um ihr nicht den Schein des Eigensinns und des Vorurtheils zu geben. Man hörte endlich, da die Wahl ins Lange gezogen wurde, auf davon zu reden. Heftige Bestrebungen verzehren sich selbst, wenn sie nicht sogleich thätig werden können. Ich erklärte mich ein Mal für alle Mal, daß ich keinen Schritt der Sache entgegen thun würde. Eine ganz freywillige, unveranlaßte Anbietung dieses Amtes würde alsdenn von mir nicht ohne Ueberlegung verworfen werden.

Ich glaubte, daß ich gewiß sehen könnte, daß dies niemals geschehen würde, da der hiesige Magistrat die Maxime hat, den ungestümsten Bittern die Aemter am ersten zu geben, und da die Jahrbücher von B*** noch kein Beyspiel von einem jungen Menschen haben, der, ohne die niedern Stufen des Schuldienstes durchkrochen zu seyn, zu dieser Würde erhoben worden wäre. Mitten unter diesen Sachen reiseten wir aufs Land, mein Onkel ins Bad. Die Briefe Gellerts brachten uns alle diese Gedanken aus dem Sinne, und Leipzig und Dreßden nahmen unsre Aufmerksamkeit so sehr ein, daß wir nicht mehr wußten, ob es einen Prorektor in B*** giebt. Ich kam wieder zurück mit der vollkommensten Sicherheit, daß diese Stelle längst würde besetzt seyn, und daß alles entschieden sey. Kein Mensch dachte wieder daran, bis Gellerts Brief dem Laufe unsrer Vorhersehungen eine neue Richtung gab. Gestern war ich mit meiner Mutter in einer großen und zu meinem Unglück sehr vermischten Gesellschaft. Einer davon, ein Herr von P***, ein Mann, dem große Reichthümer und viele Verbindungen eine Art von Ansehn geben, dem es übrigens weder an Verstande, noch einem gewissen Grade von Empfindung mangelt, zog mich gleich bei seinem Eintritte auf die Seite. -- Hören Sie, sagte er, wollen Sie Prorektor seyn? -- Die Frage war sehr kurz, und die Antwort schien entscheidend seyn zu müssen. -- Ich wiederholte ihm kurz das, was ich allen meinen Freunden schon längst gesagt hatte. -- Ich war von Herzen froh, als ich endlich erfuhr, seine Frage bedeutete nichts mehr, als jede andre Frage von der Art; als ein Freund meines Onkels und meiner Mutter hatte er ihre Wünsche vorhergesehn, und wollte es bloß erfahren, ob es auch die meinigen wären.

Unser Gespräch war noch nicht zu Ende, da es von einem Schwarme andrer Leute unterbrochen wurde. Ich hatte bey einem sehr vollen Tische den langweiligsten elendesten Abend von der Welt. Ich dachte fast an nichts, als an den Kontrast dieser Gesellschaft, und der kleinen an Ihrem Tische, in der ich so viele Stunden unter dem heitersten Vergnügen verlor. -- Nur einen einzigen solchen Abend, l. F., und ich wäre auf einen Monat zufrieden u. s. w.

Funfzehnter Brief.

B***, den 9. Septbr.

Unerachtet mich meine Reise gehindert hat, an der besondern Lustbarkeit dieses Tages Theil zu nehmen, so bin ich nichts desto weniger bey Ihnen gewesen, so wie ich es alle Tage bin. Und vielleicht war es ein gewisser geheimer Einfluß, den Ihre Seelen auf die meinige hatten, der mich diesen Tag (es war der letzte, den ich in M*** zubrachte), beynahe vergnügter machte, als ich die ganze übrige Zeit gewesen war. --

Eine Grille, die mir Schwedenborg, und sein Kommentator, M. Kant, in den Kopf gesetzt hat, kann ich mir noch nicht ausreden. -- So geht es; Sätze, die uns lieb sind, nimmt man gar zu leicht für Wahrheiten an, und das Sicherste, was ein Philosoph thun kann, um uns von seinen Hypothesen zu überzeugen, ist, daß er den Wunsch in uns erregt, daß sie wahr wären. -- Aber zur Sache selbst.

Schwedenborg sagt, das Verhältniß, das die Geister gegen einander haben, und welches ihren Ort ausmacht, ist von dem Orte, den ihre Körper einnehmen, durchaus unterschieden. Die Geister machen zusammen eine Welt für sich aus, und die Körper, die ihren Stand bestimmen, in so fern sie durch Empfindungen denken, und ihre Begriffe aus dem sinnlichen Gebiete herholen, schränken sie doch nicht im mindesten ein, in so fern sie Geister sind. -- So ist es also möglich, daß zwey Geister ganz dicht aneinander stoßen, deren Körper hundert Meilen weit von einander entfernt sind. Zwischen beyden kann der vertrauteste Umgang seyn, der aber niemals zum Bewußtseyn kommt, -- als bey gewissen auserwählten Seelen, denen, wie Schwedenborg sehr deutlich sich ausdrückt, das Innere geöffnet ist; -- oder bey außerordentlichen Gelegenheiten, wo der hellere Glanz der Empfindungen, der sonst alle andere Ideen auslöscht, so sehr verdunkelt wird mit sammt dem ganzen Gefolge von Erinnerungen und Phantasien, daß jene geistigen Eindrücke sich aus dem Grunde der Seele herausheben. Durch dieses Mittel will Schwedenborg alle die wunderbaren Dinge gewußt haben, durch die er in den Ruf des größten Narren und des größten Wahrsagers unsrer Zeit gekommen ist. --

Aber kurz und gut, die Theorie gefällt mir, und ich dächte also, daß sie wahr wäre. Meine Seele würde nichts so sehr wünschen, als um alle die von ihr geliebten und mit ihr verwandten Seelen so nahe zu seyn, daß sie die Einflüsse derselben empfangen, und auf sie wieder Eindrücke machen könnte. Der Körper ist bisher zu der Erreichung dieses Wunsches ein beschwerliches Hinderniß gewesen, jede Vereinigung forderte immer eine vorhergegangene Trennung, und Freunde wiederzusehen und von Freunden geschieden zu seyn, waren immer zwey unzertrennliche Sachen. Aber nun, die Theorie Schwedenborgs einmal festgesetzt, wer hindert mich, meine Seele an den Ort hinzubringen, wo es ihr am besten gefällt, und um sie herum alle die Geister zu pflanzen, deren Gemeinschaft so oft ihren Wunsch und ihre Sehnsucht erregt hat? Lassen Sie mich also 50 Meilen, und -- was sind diese? lassen Sie mich um halbe Erddiameter von Ihnen entfernt seyn, -- und doch soll meine Seele von der Ihrigen nicht um ein Haar breit weiter kommen. Denken Sie, wenn unsre sterblichen Augen den himmlischen Anblick ertragen könnten, was es wäre, diese Gesellschaft von Geistern bey einander zu sehn; erst die unsrigen, wie sie unsichtbare Begriffe von einander annehmen und sich mittheilen, Begriffe, die erst in künftigen Epoquen unsers Daseyns uns selbst bekannt werden sollen; wie sie sich vielleicht einander aufklären, reinigen, bessern, und ohne unser Wissen schon die Glückseligkeit künftiger Zeitalter verbreiten; -- alsdann die Seelen unsrer liebsten Freunde, Ihres Gemahls, meiner Mutter, unsers Reizes, -- und dann, wenn irgendwo in der Welt eine Julie oder eine Schirley lebt, -- ein reizendes Mädchen, deren Schönheit die Ankündigung von Verstand und Unschuld ist, -- eine zärtliche Ehegattin, deren geschäftiger Fleiß, -- so wie der Ihrige, -- den Abend eines mühsamen Tages ihrem Manne und ihrem Freunde mit stiller und unschuldiger Fröhlichkeit krönt, -- eine ehrwürdige Mutter, der ein neues Geschlecht seine Tugend und seine Glückseligkeit dankt, -- diese alle bey uns, unsre Vertrauten, schon vorbereitet, uns künftig, wenn wir einander erkennen werden, zu lieben, und das Vergnügen einer Gemeinschaft zu fühlen, die hier nur bloß unsre Reflexion beschäftigte.

Sie sehen, ich bin in Gefahr, vielleicht ein eben so großer Schwärmer zu werden, als Schwedenborg selbst. Und in der That ist ein Traum, der uns vergnügt macht, hundert Mal besser, als eine Wahrheit, die uns Kummer verursacht.

Ueber ihr Gedicht und noch mehr über dessen Mittheilung bin ich von Herzen vergnügt gewesen. Die zwey letzten Strophen haben mir am meisten gefallen, vielleicht weil Sie darin an mich denken. --

Ich hätte Ihnen noch so viel zu sagen, als auf diesem Blatte und auf zehn andern nicht Raum hätte. Aber ich bin einmal schon des Mißvergnügens gewohnt, meine Briefe da schließen zu müssen, wo sich meine Unterredung mit Ihnen erst recht anfangen sollte. Die Ideen drängen sich so in meinem Kopfe zusammen, sobald ich die Feder ansetze, an Sie zu schreiben, daß sich endlich eine aus dem Haufen hervordrängt, -- nicht die die vornehmste und wichtigste gewesen wäre, sondern die sich am schnellsten der Seele und meiner Feder bemächtigen konnte. -- Aber das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß ich von Gellerten, seit dem letzten, der mir des Grafen Tod ankündigte, keine Briefe habe, und daß ich ohne Vorschläge von ihm, -- wenig Mittel sehe, diesen Winter mit Ihnen zuzubringen u. s. w.

Sechzehnter Brief.

Lassen Sie mich Sie immer heute zu einer ungewöhnlichen Zeit überfallen. Ungelegen kann es Ihnen doch nicht seyn (so zuversichtlich hat mich schon Ihre Freundschaft gemacht). Mein Herz ist zu voll; und ich weiß schon, eher wird es nicht ruhig, bis es sich ganz in das Ihrige ausgegossen hat. Wie sehr empfinde ich heute das Glück, eine Freundin zu haben, die meinen Schmerz gern mit mir theilt, und lieber mit mir trauert, als allein fröhlich ist. Aber erschrecken Sie nur nicht über diesen Anfang. Es ist nur Mitleiden, nicht eignes Unglück, das diese unruhige Bewegung in mir hervorbringt -- aber Mitleiden, das auf seinen höchsten Grad gestiegen ist, und beynahe zu eignem Gefühl wird. --

Ich war gestern von meiner Reise den Augenblick angekommen, als man mir sagte, meine Mutter wäre in dem Krankenzimmer einer Freundin, und sie würde den Abend dort zubringen. -- Ich habe Ihnen schon mehrmals das P***sche Haus genannt, als eine von den Familien, die mit der unsrigen am genauesten verbunden ist und von mir am meisten hochgeschätzt wird. In der That besteht sie beynahe aus lauter hochachtungswürdigen Personen. Das Haupt der Familie, der alte Herr P***, ehemals ein sehr angesehener Kaufmann, war noch außerdem, -- was selten Kaufleute sind -- ein empfindlicher und zärtlicher Ehemann, ein dienstfertiger Freund, ein gütiger Vater, und ein durch Erfahrung und vielfache Kenntnisse angenehmer Gesellschafter. Seine Frau, unsre Anverwandte, -- die Krone ihres Hauses, und beynahe auch des unsrigen, ist von der Natur und durch ihren Fleiß recht dazu ausgerüstet, Glückliche zu erfreuen, und die Unglücklichen zu trösten. Ein starker und beynahe männlicher Verstand, der nur durch eine beständige Uebung, nicht durch Unterricht ausgebildet ist; eine Gegenwart des Geistes, die selbst durch ihre zarte Empfindsamkeit niemals geschwächt wird; ein gewisses Feuer und eine Thätigkeit andern Dienste zu leisten, die die Schwierigkeiten überwindet, wovor die andern nur erschrecken; ein freundschaftliches Herz, das seine Befriedigung im Gutes thun findet, und eine gewisse Art von Mangel fühlt, so bald es sich zu Niemandes Besten beschäftigen soll; und dieses alles war zu ihrer glücklichen Zeit mit einer beständigen Heiterkeit der Seele, und mit so viel Lebhaftigkeit verbunden, daß sie gemeiniglich die Seele der Gesellschaft wurde, in der sie sich befand.

Herr P**** hatte von seiner erstern Ehe eine Tochter, die schon ziemlich erwachsen war, als er sich mit unsrer Freundin vermählte, und die einige Jahre darauf den Halbbruder ihrer Stiefmutter heyrathete. Die Frau ***, so heißt diese würdige Frau, hatte von der Natur nicht so viel vorzügliche Gaben, aber dafür eine gewisse Sanftmuth und Stille in ihrem Charakter, eine tiefe und mehr durchdringende als lebhafte Empfindlichkeit, und ein so kindliches, gutes, freundschaftliches Herz bekommen, daß sie die vertrauteste Freundin und die ehrerbietigste Tochter ihrer Eltern zugleich war. Ihre Seele war der Seele ihrer neuen Mutter, oder vielmehr ihrer Schwester (denn so liebten sie sich, und so ist ihr Betragen gegen einander noch bis auf den heutigen Tag) nicht ähnlich, aber sie war dazu gemacht, dieselbe auszufüllen, und mit ihr ein Ganzes auszumachen. Ihr Gemahl, der Frau P**** Bruder, den sie schon vor drey Jahren durch eine grausame Krankheit verlor, hatte vielleicht unter allen die wenigsten Talente, aber er besaß ein so durchaus gutes Herz, er liebte seine Frau und seine Schwester so innigst, und er räumte ihre Vorzüge über ihn so gern ein, daß man ihm bloß um seiner Ehrlichkeit willen gut wurde. Und so wie er war, wurde er auch wieder von seiner Frau, die sonst vielleicht zu einem scheinbarern Glück Hoffnung gehabt hätte, so geliebt, als wenn er der vollkommenste aller Männer gewesen wäre. Von diesem ihrem Manne hatte sie zwey Kinder, einen Sohn und eine Tochter, deren Geburt nun erst alle Hoffnungen des Großvaters und alle Wünsche der gesammten Familie erfüllte.

Beyde Familien wohnten in Einem Hause, aßen an demselben Tische, liebten sich alle unter einander mit einer Zärtlichkeit ohne Beyspiel, und machten das Bild einer einträchtigen und glücklichen Familie aus. Wenn die Geschäfte des Tages sie von einander entfernt hatten, so kamen sie doch gewiß am Abend alle zusammen, ihre lieben Kleinen mit; und dann genossen sie in einer beneidenswerthen Ruhe alle Freuden des häuslichen Lebens, die einzige Glückseligkeit des Menschen, wenn anders Menschen glücklich seyn können. Ihre äußern Umstände störten diesen Genuß eben so wenig. Ihr Vermögen war weit mehr als hinlänglich, ihrer Freunde waren viel; -- und wenn es, um ein Gut zu genießen, nothwendig ist, daß andre wissen, daß wir es haben; so war die allgemeine Hochachtung für sie eine Bestätigung ihrer Glückseligkeit und ihrer Verdienste.

Und diese ganze Familie, dieser ganze kleine Kreis von tugendhaften und glücklichen Freunden, liebe Freundin, ist jetzo nur noch fähig, Mitleiden zu erregen; -- das ganze Gebäude ihrer häuslichen Glückseligkeit ist durch eine Reihe auf einander folgender Unglücksfälle zerstört; jede Wurzel des Vergnügens ausgerottet, und fast hat selbst die Zukunft für sie nichts mehr als Schrecken. Der Tod des Herrn B***, der vor drey Jahren zu eben der Zeit erfolgte, als ich hier meine Mutter besuchte, war der Anfang und gleichsam die Ankündigung davon. Dieser Tod war so schmerzhaft, und mit so traurigen Umständen begleitet, daß er auf das Gemüth aller einen sehr tiefen Eindruck machte -- auf das Gemüth seiner Gattin aber einen immerwährenden. Diese schon von Natur furchtsame und schüchterne Frau wurde durch den Verlust ihres Mannes beynahe zu Boden gedrückt. Nur die Gesellschaft und die Zärtlichkeit ihrer Mutter, der Frau P****, und die Sorgfalt für die Erziehung der beyden liebenswürdigen Kinder, in denen sie die Liebe der Mutter und der Gattin vereinigte, nur diese hatten sie bisher erhalten, und ihr nach und nach den Muth und die Freudigkeit wiedergegeben, ohne die das Leben eine Last ist.

Eine andere glückliche Begebenheit schien die Freude wieder in dieses Haus zurückführen zu wollen. Eine Tochter der Frau P****, von einer erstern Ehe, ihrer Mutter bey weitem nicht gleich, aber doch auch ihrer nicht ganz unwürdig, heyrathete den Hrn. Z****, der lange Zeit im Felde Dienste geleistet hatte, ein Liebling der Vornehmsten der Armee und selbst des Königs gewesen war, und die glücklichsten Aussichten vor sich hatte. Ein Mann von vielem Verstande, von einer wahrhaft guten Lebensart, und der, wenn er noch nicht die richtigsten Grundsätze hatte, doch fähig war, sie anzunehmen. Er war damals ***, und wurde bald darauf ****, welches eines der ansehnlichsten Aemter in unserm Lande ist, und unmittelbar auf den geheimen Rath folgt. Dieser Mann liebte seine Frau, ob sie gleich weder ihm an Gaben gleich, noch seinen Erwartungen und Wünschen gemäß war. Aber vielleicht liebte er sie noch mehr um ihrer Mutter als um ihrer selbst willen; und beynahe glaube ich, daß noch bis auf diese Stunde die Hochachtung, die er für seine Schwiegermutter hat, die Liebe gegen seine Frau erhält.

Diese Verbindung, die ihrer Familie ein neues so würdiges Glied gab, wurde kurz darauf die Quelle mehr als eines Jahres voll Kummer und Angst. Z**** empfand, nachdem er zur Ruhe kam, die Folgen der Ermüdungen des Krieges. Er fiel in dem ersten Jahre seines Ehestandes in eine gefährliche Gliederkrankheit, die ihn zuerst mit den grausamsten Schmerzen angriff, und alle Augenblicke seinen Tod drohte, bald darauf ihn des völligen Gebrauchs aller seiner Glieder beraubte, und ihn ganz hülflos der unaufhörlichen Pflege und Wartung seiner Freunde selbst in seinen kleinsten Bedürfnissen benöthigt machte. Diese Krankheit ist endlich, nachdem sie sechs Vierteljahre das ganze Haus in einer beständigen Abwechselung von Furcht und von Betrübniß erhalten hat, durch eine sehr beschwerliche Kur, und durch den Gebrauch mannigfaltiger Bäder gehoben worden. Sie wissen, daß er nur erst neulich mit meinem Onkel im Bade gewesen ist. --