Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 4

Chapter 43,800 wordsPublic domain

Endlich, (denn Sie müssen wissen, ich suche mein Herz zu studiren, besonders wenn ich irgend eine ungewöhnliche Bewegung darin merke, und das nicht mehr bloß um meinet, sondern auch um Ihretwillen;) endlich also überfiel mich die bey einer wirklichen Freundschaft so natürliche Eifersucht. Ich weiß die eigentliche Absicht Ihrer Reise nicht. Aber das konnte ich mir doch vorstellen, daß Sie dort neue Verbindungen errichten würden, oder durch schon gemachte Verbindungen dazu wären veranlasset worden. Könnten eine Menge von neuen Eindrücken nicht die alten verdunkeln, wenn sie auch nicht im Stande wären, sie auszulöschen? Sie werden allenthalben, wo Sie hinkommen, und wo man noch Geist und Herz genug hat, um es an andern gewahr zu werden, Freunde finden. Ich müßte sehr verblendet, und mehr eitel als ehrgeitzig seyn, wenn ich mich überreden sollte, daß mich nicht viele dieser Freunde an allen Arten von Vorzügen übertreffen sollten. Und ist es nicht in der Natur, dachte ich, daß man das bessere dem weniger guten vorzieht?

Dieser Gedanke würde mich niedergeschlagen haben (und doch bin ich sonst großmüthig genug, mich wie Phocion, oder wer es sonst war, zu freuen, daß es so viel bessere Menschen giebt als ich) aber jetzt würde mich dieser Gedanke niedergeschlagen haben, wenn mir nicht noch ein Vorzug von mir eingefallen wäre, den ich willens bin, dem größten Theil Ihrer Freunde, oder lieber (denn was soll ich heucheln?) allen Ihren Freunden streitig zu machen. Ich liebe und schätze Sie so hoch, -- als es Ihr Bruder thun könnte. Erlauben Sie mir immer, daß ich mir einen Ehrennamen beylege, zu dem Sie mir selbst das Herz gegeben haben. Ich liebe Ihren Mann, ich liebe Ihre kleine Wilhelmine, ich liebe Ihre Freunde; selbst ehe ich sie noch kenne, empfehlen sie sich mir schon durch diesen Namen mehr als durch alle Lobsprüche. Ich brenne vor Begierde, an dem Glück und an dem Vergnügen einer solchen würdigen Familie zu arbeiten; selbst meiner Freundschaft wünschte ich den Segen, daß sie ein neues Band der ehelichen Liebe zwischen Ihnen beyden wäre, auf die sich Ihre ganze Glückseligkeit gründet. Ich wünschte mir einen größern Verstand, um Sie durch meinen Rath zu der glücklichsten Mutter der vollkommensten Tochter zu machen; und mehr Tugend und mehr Herrschaft über meine Leidenschaften, um Sie auf eben dem Wege, durch welchen ich gegangen wäre, zu der Ruhe und der Heiterkeit der Seele zu führen, die wir uns beyde so sehr wünschen, und die so oft durch geringe Veranlassungen unterbrochen wird. Ich bin jetzt nahe dabey, Ihre Frage zu beantworten, und nicht bloß Ihre, sondern auch meine eigene.

Der heutige Tag, sagte ich manchmal zu mir selbst, ist vollkommen dem gestrigen ähnlich. Alle Umstände sind dieselben. Nicht ein einziges von meinen Gütern ist mir genommen. Nicht ein Wunsch ist heute von seiner Befriedigung weiter zurück gesetzt, als er es gestern war. Und doch war ich gestern vergnügt, und heute bin ich traurig und mißvergnügt. Ich habe diese Betrachtung erst vor wenig Tagen wiederholt, wo mein Zustand des Gemüths dem Ihrigen vollkommen ähnlich war; ob ich Sie gleich warnen muß zu glauben, daß eine gewisse Munterkeit im Ausdrucke ein richtiges Maß für den Grad des Vergnügens sey, den ich zu der Zeit genieße. Man kützelt sich zuweilen um zu lachen, eben indem man Schmerzen empfindet. Ich bin heute recht vergnügt, aber es würde die unnatürlichste Sache von der Welt für mich seyn, Lachen zu erregen. Also zu unsrer Untersuchung zurück! Sie wissen, daß die stärksten Triebfedern unsrer Seele im Dunkeln liegen. Die Wirkung wird um desto schwächer, je sichtbarer die Ursache ist. Das Deutliche reducirt sich immer auf wenige Begriffe, die bald überzählt sind, und deren Summe niemals etwas so großes ausmachen kann, daß man davor erschrecken sollte. Alles das kommt uns nur unermeßlich vor, dessen Grenzen wir nicht kennen. Sehen Sie, eben so entsteht unser Unmuth, wie an dem heitern Himmel sich ein kleiner schwarzer Punkt erst in eine kleine Wolke ausbreitet, dann sich immer mit den benachbarten Dünsten vermischt und endlich den ganzen Horizont ringsum verdüstert. So lassen Sie also in diese fröhliche Seele, deren ganze Saiten von dem Vergnügen ausgespannt sind, jeden Eindruck anzunehmen und zu verdoppeln, lassen Sie in dieselbe ein einziges Wort eines Geliebten fallen, eines Ehegatten, oder eines Freundes, das dem Grade der erwarteten Zärtlichkeit nicht entspricht; eine kleine Ungeschicklichkeit, die wir selbst begehen, und die in uns die Erinnerung unsrer übrigen Schwachheiten wieder erweckt; eine kleine Schwierigkeit bey der Ausführung irgend einer unsrer Absichten, selbst die Empfindung einer kleinen Unordnung im Körper. Auf einmal kommen die Vorstellungen von alle dem Unangenehmen, was in unserm ganzen Zustande ist, zu Hauf. Das Vergnügen hatte sie, so wie die Sonne den Nebel, nicht vernichtet, sondern nur aus einander getrieben. Gegenwärtiges, Vergangenes, Zukünftiges, alles drängt sich in unsere enge Seele zusammen, und macht darin ein solches Chaos, und so eine wilde Vermischung, daß aller unser Verstand, und wenn wir auch der Stoische Weise wären, nicht zureicht, es aus einander zu setzen. Alle Uebel werden in diesem Augenblicke unendlich, unaufhörlich, unvermeidlich. Altes verliert sein Maß und seine Grenze, weil es beständig mit etwas anderm vermischt ist, das wir davon nicht scheiden können oder wollen. Wenn man einmal so glücklich ist, so weit zu kommen, sich sein ganzes Unglück nach einander herzuerzählen; oder wenn man genöthiget wäre, es in diesem Augenblicke einem andern zu sagen, so würde man sich wundern, wie Sachen, die, wenn man sie sagt, so wenig betragen, doch, wenn man sie bloß dunkel fühlt, einen so großen Eindruck machen und so viel Verwüstung anrichten können. Ergänzen Sie diese Gedanken durch Ihre eigene Erfahrung. --

Aber sagen Sie mir auch dazu, was ich nicht thun kann, wie man es anstellen muß, um dieser Unruhe -- ich will nicht sagen, ganz los zu werden, denn das möchte ich nicht einmal; wenn man die Empfindlichkeit von seinem eigenen Uebel wegnimmt, so verliert man auch die gegen die Uebel anderer, -- aber sie doch zu mäßigen. Bloß moralische Vorschriften sind vergebens. Der Verstand geht seinen Weg, und die Einbildungskraft den ihrigen. Es müssen Uebungen, ordentliche Uebungen seyn. -- Aber das ist eine Materie, wozu ich Ihren Verstand brauche. -- Ich schriebe gerne mehr, aber Sie möchten alsdann wirklich anfangen, kürzere Briefe zu wünschen, und dann sehe ich schon zum Voraus, würde ich trotz aller meiner Philosophie in eben den Unmuth und die Unzufriedenheit verfallen, die ich beschreibe. Leben Sie wohl u. s. w.

Eilfter Brief.

S***witz den 4. Aug.

Ich wußte wohl, daß ich die Reise nach Dreßden nicht umsonst fürchtete. Ich habe keine Briefe von Ihnen, und das zu einer Zeit, wo ich sie am allermeisten nöthig gehabt hätte, um mir Muth und Entschlossenheit dadurch zu geben. Sie sind also noch nicht aus Dreßden zurück gewesen, oder Sie waren von der Reise zu müde, oder -- diese unglückliche Sucht Ursachen zu allem zu finden, macht daß wir jede gewöhnliche Begebenheit durch unsere Auslegung zur Qual für uns machen. Denn daß Sie noch meine Freundin sind, daß Sie es noch eben so sehr sind, als da ich Sie das letzte Mal in Borsdorf Thränen vergießen sah, (ein sehr kostbares Denkmal Ihrer Freundschaft!) das lasse ich mir selbst meine melancholische Einbildungskraft in ihren finstersten Stunden nicht ausreden. Aber warum konnte mein Freund Reitz nicht schreiben, daß Sie noch nicht gekommen wären? Gewiß, ich würde in ähnlichem Falle diese Aufmerksamkeit für ihn gehabt haben. --

Mit mir sind unterdessen manche Veränderungen vorgegangen; -- nicht eben mit meinen Umständen, aber mit meinen Aussichten. Ich stehe seit einigen Tagen alles Unangenehme der Unentschlossenheit und des Zweifels aus. -- Gellert hat mir seit drey Posttagen drey Mal geschrieben. -- Sie wissen, daß, als ich noch in Leipzig war, ein Hofmeister für des Graf F.. ältesten Sohn gesucht wurde. Gellert hielt mich dazu für tüchtig. Ich selbst hatte Lust. Globig aber hatte dazu schon Jemand erwählt, der aus Göttingen angekommen war. Dieser wurde vom Grafen nicht angenommen. Nach ihm wurde M. Kraft, (eben der, dem ich in meiner Abwesenheit meine Stube eingeräumt hatte) vorgeschlagen und angenommen. Dieser geht nach Petersburg als Astronom. Gellert war so aufmerksam, diese Gelegenheit sogleich zu ergreifen, und mich an Globigen mit aller seiner gütigen Partheylichkeit zu empfehlen. Vor acht Tagen erhalte ich einen Brief von Gellert, in welchem einer vom Präsidenten an ihn eingeschlossen ist. Er meldet ihm, daß der von ihm empfohlene Mensch wäre angenommen worden, oder auf Michaelis angenommen werden könnte. Der Graf verlangte dabey einen Plan zu dem Unterrichte seines Sohnes, der 15 Jahr alt, von guten Talenten, und nicht ohne Wissenschaften seyn soll.

Kaum hatte ich diesen Brief beantwortet, ihm für seine Güte gedankt, und ihm meinen Entschluß und die Einwilligung meiner Mutter gemeldet, so kommt von ihm ein zweyter. Ich erwartete nichts Geringeres, als den Tod des Grafen; denn er ist sehr krank gewesen. Aber es war noch ein zweyter Vorschlag. Sie kennen die Frau von I., eine K..sche Tochter, und ihre zwey Söhne, von denen der älteste lahm ist. M. Hahn war bisher ihr Hofmeister. Dieser kommt nach Hamburg, und die Frau Obersten sucht einen neuen. Der junge Herr soll bald in die Collegia gehen, und der jüngste soll bloß der Aufsicht, nicht aber dem Unterricht des Hofmeisters anvertraut werden. Das Gehalt ist 150 Thaler. Wenn diese Stelle außer Leipzig läge, so hätte ich sie geradezu ausgeschlagen. Aber meine Freunde wieder zu sehen, Sie wieder zu sehen, Gellerten -- alle, alle wieder zu sehen, bey Ihnen zu leben, -- das ist mehr als man braucht, um eine noch seltsamere Frau, als die Frau von J. ist, und einen noch beschränkteren Eleven, als ich mir ihren Sohn vorstelle, ertragen zu lernen.

Sagen Sie mir, was hätten Sie mir gerathen, Sie und Ihr lieber Mann, wenn ich bey Ihnen gewesen wäre? Ich will Ihnen sagen, was ich gethan habe. Ich habe die Entscheidung Gellerten überlassen; ich habe ihm die Bewegungsgründe und die Schwierigkeiten auf beyden Seiten vorgestellt. Wenn alles gleich wäre, so würde ich ohne Streit F..s Haus dem J..schen vorziehen, von dem ich weder mehr Ansehen, noch mehr Umgang mit der großen Welt, noch mehr Glück aufs künftige zu erwarten habe. In beyden Fällen komme ich doch erst nach Leipzig, und sehe Sie wieder. --

Ich schriebe gern noch mehr, aber um mich selbst zu verläugnen, und um Sie von meinen langen Briefen ausruhen zu lassen, sage ich kein Wort mehr, als daß ich u. s. w.

Zwölfter Brief.

Ein treuer, freundschaftlicher Rath kommt niemals zu spät, wenn er auch gleich eine geschehene Wahl nicht mehr ändern kann. Sie wissen, ich schrieb Gellerten, an eben dem Tage, da ich Ihnen die Nachricht davon gab. Es würde mir schwer werden, eine Entscheidung, die ich ihm einmal übergeben habe, wieder zurück zu nehmen. Ich bin in der That vollkommen Ihrer Meynung, daß es immer gefährlich ist, dem Urtheile eines andern (und wäre dieser andere auch der weiseste und rechtschaffenste Mann) eine Entscheidung zu überlassen, bey der er, wenn es möglich wäre, sich in uns verwandeln müßte, wenn er richtig urtheilen sollte. Dem ungeachtet glaube ich, daß ich es nach den Umständen, in welchen ich war, so machen mußte. Diese Erinnerung wird mich trösten, der Ausgang der Sache mag seyn, welcher er will. Um mich aber auch bey Ihnen zu rechtfertigen, so sollen Sie diese Umstände wissen.

Sie kennen die Schwierigkeit, (oder wenigstens können Sie sich sie vorstellen), die es einen Menschen kostet, dessen Glück oder Unglück nicht ihn allein trifft, sondern sich auf Personen ausbreitet, die ihm theurer als sein eigen Leben sind, was es diesen Menschen, sage ich, kostet, einen Entschluß zu fassen, von welchem diese Personen glauben, daß er für sein künftiges Schicksal so wichtig ist. Wenn man das Unglück hat, Niemand in der Welt anzugehören und eine mit dem übrigen menschlichen Geschlecht nicht zusammenhängende Insel auszumachen, so hat man entweder Muth oder Unbesonnenheit genug, geschwind zu entscheiden. Neigung, und die auf eine gewisse Seite gerichtete Einbildungskraft geben der Wahl bald den Ausschlag. Wenn man aber so wie ich, als Sohn, als Verwandter, als Freund, in Verbindungen steht, die an unser Wohl das Wohl anderer verknüpfen, so wird ein Entschluß schon weit schwerer, für dessen Erfolg man so vielen Personen Rechenschaft zu geben hat.

Setzen Sie nun noch, daß die Sache so sehr ungewiß ist, wie die meinige, und daß so viel andere, von uns ganz unabhängige Begebenheiten zusammen kommen, und uns helfen müssen, wenn sie nicht fehl schlagen soll: wer kann alsdann kühn genug seyn, für den Ausgang zu stehen, besonders wenn man durch unglückliche Beyspiele geschreckt ist. Man glaubt in diesen Fällen sehr leicht, daß das, wozu sich eine besondere Gelegenheit anbietet, mehr als ein Ruf der göttlichen Vorsehung angesehen werden kann, als das, wozu nichts als unser Entschluß etwas beygetragen hat. Vielleicht ist dieses zuweilen Vorurtheil. Aber scheint es uns alsdann nicht Wahrheit, wenn die Unternehmung mißlingt? Nach Leipzig ohne Ruf und Veranlassung zu gehen, und auf gut Glück Vorlesungen anzufangen, wie viel Stimmen glauben Sie wohl, daß ich hier dafür würde gefunden haben? Noch dazu da Leipzig außer unsers Herrn Ländern liegt, wo, wenn gegen die Regeln der Wahrscheinlichkeit alles aufs glücklichste fällt, am Ende doch immer die Schwierigkeit übrig bleibt, die die Versetzung einer ganzen Familie und ihres Vermögens in einen entfernten Ort mit sich führet. Was blieb mir also bey dem Wunsch und beynahe bey dem Bedürfniß, das ich hatte, nach Sachsen zurückzukommen, was blieb mir anders übrig, als eine Art von Beruf zu wünschen, die mir mehr und stärkere Ursachen verschaffte, mein Vaterland wieder zu verlassen, als meine bloße Neigung seyn konnte.

Dieses war die erste Ursache, warum ich eine Hofmeisterstelle wünschte, zu der mich sonst nicht Noth noch eine sehr große Lust, Hofmeister zu seyn, antrieb. Diesen Gesichtspunkt einmal festgesetzt, erschien mir die Sache auch von andern Seiten vortheilhaft, so wie gemeiniglich, wenn unsere Neigung festgesetzt ist, unser Verstand die Mühe über sich nimmt, sie durch Gründe zu rechtfertigen, die doch nichts dazu beygetragen hatten, sie hervorzubringen. Ich fand als Hofmeister eines jungen Herrn von Stande meine Lust, die Welt, und wenn es seyn könnte, die große Welt etwas kennen zu lernen, befriedigt; ich sah in der Ferne die Aussicht zu Reisen. Endlich glaubte ich, daß, wenn sich durch diesen Weg die Schwierigkeiten des akademischen Lebens, besonders in Leipzig, etwas erleichtert hätten, wenn es dadurch für mich wahrscheinlicher geworden wäre glücklich zu seyn, als es für jeden andern ist, der mit eben so viel Zuversicht, wie ich, seine Vorlesungen anschlägt: daß, sage ich, ich alsdann meine Verwandten und Freunde durch stärkere Gründe würde bewegen können, einen beständigen Aufenthalt in Leipzig genehm zu halten. Dieses sind die Ursachen, warum ich es für nothwendig gehalten habe, unter einem von beyden Vorschlägen wählen zu müssen.

Wenn sich keine solche Gelegenheiten angeboten, oder wenn ich sie ausgeschlagen hätte; wissen Sie, was für ein Entwurf an dessen Stelle getreten wäre? Ich würde diesen Winter in B**** geblieben seyn. (Und würde ich wohl diese Bitte meiner Mutter haben abschlagen können, wenn ich ihr weiter nichts, als bloß die Begierde lieber anderswo als bey ihr zu seyn, zum Bewegungsgrunde hätte vorzulegen gewußt?) Man würde während der Zeit Versuche auf mich gethan haben, meinen Aufenthalt in meinem Vaterlande beständig zu machen. Wenn ich gegen alle Vorschläge hartnäckig genug ausgehalten hätte, so würde ich endlich künftige Ostern nach Halle gegangen seyn, und zu lesen angefangen haben. Ich weiß, daß dieß doch vielleicht das Ende der Sache seyn wird. Aber genug, ich bin zufrieden, wenn es nur jetzt nicht geschieht, und wenn ich noch zuvor das Ziel von Geschicklichkeit und Wissenschaft an einem dazu weit bequemern Orte erreiche, ohne welches ich mich selbst für einen unwürdigen Lehrer der Akademie halten würde. --

Was nun die Wahl unter beyden betrifft, so war die Zeit zur Ueberlegung kurz; meine Neigung durch die Vortheile der Nation des Ministers, und durch die Vortheile des Orts bey der andern getheilt; meine Mutter höchst unschlüssig, furchtsam, mich den Schwierigkeiten und Gefahren bloß zu stellen, die sie im Dienste der Großen für mich zu finden glaubte, und doch auch ungewiß, ob die Vortheile diese Gefahren nicht überwiegen; ich selbst nicht vermögend genug, sie von allen Umständen, die die J..sche Condition heruntersetzen, zu unterrichten, und nicht dreist genug, mir alle die Talente zuzuschreiben, die des Grafen seine zu erfordern schien. Was konnte ich thun, um mich und sie zugleich zu beruhigen, als die Entscheidung einem Manne auftragen, der beyde Stellen besser kennen muß, wie ich. --

Noch ist von ihm keine Antwort da. Wenn er für die J..sche entscheidet, so bestehe ich durchaus auf der Bedingung, Collegia lesen zu dürfen. Ohne das wird nichts daraus; das versichere ich Sie heilig. Und nun, l. F., verlassen Sie mich nicht mit Ihrer Liebe, Ihrem Rathe und mit Ihrem Beystande. In unserer Freundschaft finde ich einen Trost, der mir jede Schwierigkeiten leichter überwinden, und jeden Kummer ertragen hilft u. s. w.

Dreyzehnter Brief.

S***witz den 12. Aug.

Wenn Sie noch mehr solche schöne Briefe, und solche angenehme Erzählungen nach S**** schreiben, so werden alle meine Freunde anfangen auf mich neidisch zu werden. Wenn Sie nur sehen sollten, mit was für Begierde hier Jedermann Ihre Briefe erwartet, mit wie viel Ungeduld wir uns nach dem Bothen umsehen, der sie uns bringen soll, und wie wenig einer dem andern Zeit lassen will, sie durchzulesen. Sie können glauben, daß ich mir nicht wenig darauf zu Gute thue, daß an mich die Briefe zuerst kommen, und daß ich nicht nur dieses Vergnügen zuerst genieße, sondern es auch alsdann in meiner Macht habe, Gefälligkeiten damit auszutheilen.

In der That, ich würde meine hiesigen Freunde nicht so hoch schätzen, wenn sie das Glück, eine solche Freundin zu besitzen, nicht für beneidenswerth hielten. Meine Mutter insbesondere, die jeder Beweis von der Rechtschaffenheit ihres Sohnes mehr als alles erfreut -- (und welcher Beweis könnte stärker seyn, als der, daß er von solchen Freunden ihrer Gewogenheit werth gefunden wird?) meine Mutter ist so sehr von ihren Briefen eingenommen, daß ein Posttag ohne Briefe ihr beynahe schon eben so viel Unruhe macht, als mir selbst. Darf ich es Ihnen wohl erst sagen, daß uns der letzte diese Unruhe gemacht hat? Denn in der That hatten wir Herz genug, drey Tage nach dem Empfang Ihres letzten Briefes schon wieder einen neuen zu erwarten.

Ich habe immer geglaubt, man müsse den Menschen aus den Gegenständen seines Vergnügens kennen lernen. Ich habe Leute gesehen, die in ihren Geschäften vernünftig genug schienen, und die sich doch nach geendigter Arbeit in der elendesten Gesellschaft und durch die abgeschmacktesten Zeitvertreibe erholen konnten. Diese Leute könnte ich nimmermehr zu meinen Freunden machen. Wenn ich aber Jemand, so wie meine Freundin, sich an dem Anblick einer tugendhaften und glücklichen Familie erfreuen sehe; wer durch den Anblick einer zärtlichen und sorgfältigen Mutter, eines gütigen Herrn, liebreicher und gutgearteter Bedienten, kurz eines solchen Hauses, wie Sie mir das Gärtnersche beschreiben, gerührt wird, für dessen Güte bin ich Bürge, und ohne ihn zu kennen, öffnet sich schon mein Herz gegen ihn zu sympathetischen Empfindungen.

Wie gern möchte ich der Rektor von Königsbrück in dem Augenblick gewesen seyn, da Sie ihn in seinem Hause überraschten. Ich habe mich schon oft darüber gefreuet, daß das Schicksal einige unserer Begebenheiten eben so ähnlich gemacht hat, als es unsere Empfindungen sind. Ich weiß, Sie sagten mir einmal, daß Sie von allen Ihren Lehrern wären außerordentlich geliebt worden. Der Besuch in Königsbrück hat mich wieder an dieses Gespräch erinnert. Mein gütiges Schicksal hat mir eben so nachsehende, oder eben so liebreiche Lehrer gegeben. Alle sind meine Freunde gewesen, und haben mich mit einer vorzüglichen Gewogenheit beschenkt. Sie wissen, daß ich jetzt sogar in dem Hause meines Lehrers wohne, der aber noch weit mehr mein Freund ist. --

Von diesem glücklichen Montage, wo Sie vergnügt waren, weil Sie andere vergnügt machten, habe ich Sie mit Freuden wieder zurück an die Stelle begleitet, wo Sie sonst oft von einem andern mehr ungestümen Freunde überfallen wurden, der bey Ihnen alle Mal seine Ruhe und seine Heiterkeit wieder fand, wenn er beydes durch seine eigene Schwäche, oder durch unglückliche Nachrichten von seinen Freunden, verloren hatte.

Die Beschäftigungen der Ehegattin, der Hausfrau, der Mutter haben mir immer die edelsten geschienen, die ein menschliches Geschöpf einnehmen könnten. Sie sind mir aber jetzt noch viel mehr werth, da ich weiß, daß es die Beschäftigungen meiner Freundin sind. Ich stelle sie mir hundert Mal des Tages in jedem dieser Geschäfte vor, und entwerfe mir von ihrem ganzen Leben den schönsten und vortrefflichsten Plan. Von einer Stufe der weiblichen Vollkommenheit zur andern führe ich Ihre Wilhelmine bis zu dem Augenblicke, wo Sie sie einem glücklichen und tugendhaften Manne zuführen, für den Ihre Sorgfalt sie zubereitet hatte. Indeß, daß Sie in dieser Ihrer Erstgebohrnen schon alle Freuden und Belohnungen einer Mutter fühlen, theilen sich noch andere Kleinere in die Sorge und die Arbeiten einer Mutter. So erblicke ich Sie endlich am Ende Ihrer Laufbahn, unter der Gestalt einer ehrwürdigen Shirley, das Haupt und die Krone einer ganzen sich immer mehr ausbreitenden Familie, die durch Dankbarkeit, durch Hochachtung, durch Liebe, durch alles, was die Natur zärtliches hat, an Sie gebunden ist. Wenn denn von einem Winkel der Erde, wo Ihr Freund die Erfüllung seiner Wünsche nur aus der Ferne, aber doch mit der lebhaftesten Bewegung seines schon matt gewordenen Herzens hört, wenn er sich aus diesem Winkel einmal hervorbegiebt, um noch seinen letzten Tagen die Glückseligkeit zu geben, seine Freundin glücklich zu sehen, und sich unter den Haufen ihrer Kinder mischt -- und ihre Hand mit den Thränen der Freude und Zärtlichkeit benetzt; -- welchen Monarchen würde ich alsdann beneiden?

Sie werden sagen, ich machte Schimären. Aber lassen Sie mich sie immer machen; sie sind oft viel angenehmer als die Wirklichkeiten. Und glücklich müssen Sie doch seyn mit den Gesinnungen und dem Herzen, welches Sie haben; Sie mögen es nun werden, auf was für eine Art Sie wollen. Und ich muß an Ihrer Glückseligkeit Theil nehmen, als Ihr Freund -- oder als Ihr Schutzgeist. Denn auch bis dahin führt mich oft meine Einbildungskraft, wenn sie in der gehörigen Mischung von Melancholie und Vergnügen ist. Ich prophezeihe mir ein kurzes Leben, und ich bin sehr damit zufrieden. Ich wäre es noch mehr, wenn ich nur noch zuvor etwas Gutes gethan, und eine Spur von meinem Daseyn zurück gelassen hätte. In allen Fällen werde ich doch nicht glauben, umsonst gelebt zu haben, wenn ich auch nur einen Menschen zurück lasse, den ich besser oder glücklicher gemacht habe. --

Ich habe von Gellerten noch keine Antwort. Unterdessen habe ich ihm den Aufsatz geschickt. Wie gern hätte ich zuvor unsern gemeinschaftlichen Freund zu Rathe gezogen. Ich verwahre die Kopie für ihn, um sein Urtheil noch hintennach zu erfahren. --

Und nun empfehle ich Sie und Ihren geliebten -- auch von mir geliebten guten ** der Vorsicht und der Beschützung des Himmels, und trage es diesem freundschaftlichen gütigen Mond auf, der eben jetzt über meinen Gesichtskreis kommt, Sie mit seinen Strahlen zu begrüßen -- und Sie an Ihren Freund zu erinnern, wenn Sie ihn unter bessern Freunden vergessen sollten u. s. w.

Vierzehnter Brief.