Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin
Part 3
Glauben Sie wohl, daß es mir unter diesen Umständen leicht wird, daran zu denken, daß ich meine Mutter verlassen soll; sie so verlassen, ohne ihr vorher zu sagen, nach was für einem Plane ich arbeiten werde, um ihre Glückseligkeit mit der Erreichung meiner Wünsche zu vereinigen? Und doch kann ich nicht anders; ich muß sie verlassen. Alles, sie selbst ausgenommen, macht, daß ich diesen Augenblick beynahe wünsche. Die Beförderung, die mir meine Vaterstadt darbieten kann, ist, wie Sie wissen, nur von einer einzigen Art. Glauben Sie nicht, daß mich der Name und die gewöhnliche Verachtung eines Schulmannes abhalten würde, in einen Stand zu treten, der, wenn er recht verwaltet wird, ehrwürdig ist, und den die Vortheile und die Erleichterung, die ich meiner Mutter dadurch verschaffe, mir auch sogar liebenswürdig machen würden. Aber die Verrichtungen, die hier zuerst denen auferlegt sind, die in diesen Stand treten, die Unwissenheit, und noch mehr der elende Geschmack, der unter den meisten der hiesigen Schullehrer herrscht, und durch sie ohne Zweifel die Studirenden ansteckt; der durchgängige Mangel an guter Lebensart bey dieser ganzen Zunft Leuten, unter denen ich doch genöthigt würde zu leben; der Mangel an Ermunterung und Hülfsmitteln zur Vermehrung der Wissenschaften, die ich mehr schätze als alles; endlich, was darf ich es erst sagen, die Entfernung von Freunden, die mir theuer sind, um so viel theurer, weil ich sie nicht bloß der Natur und Familienverbindungen zu danken habe; -- alles dieses, und was weiß ich noch, was für hundert dunkel damit vermischte Vorstellungen mehr, machen mir es ganz unmöglich, daran zu denken.
Nun gut also. Ich gehe von B****. Aber wohin? Nach L***zig? Ja freilich ist dieß der Ort, der mich unter allen am meisten an sich zieht. Aber was hälfe es, wenn ich vor mir selbst es verbärge. Es ist nicht Hoffnung der Beförderung, sondern das Vergnügen, meine Freunde wieder zu sehen, welches mir diese Stadt vor allen andern so angenehm macht. Sie wissen selbst, und wenn Sie es nicht wissen, so lassen Sie sich es den braven und rechtschaffenen Ebert sagen, was für Geduld und Aufopferungen dazu gehören, sein Glück bey der Leipziger Akademie zu erwarten. Und während der Zeit, daß ich diese vielleicht fehl schlagende Probe machte, würde meine arme Mutter von Alter und Sorgen verzehrt, von ihren noch übrigen Freunden vollends entblößt, und stürbe, ehe sie die so lange gehoffte und so theuer errungene Ruhe ihres Alters gekostet hätte. Lassen Sie mich also auf eine andere Universität gehen, wo die Beförderung leichter und geschwinder ist. Setzen Sie den besten möglichen Fall. Machen Sie mich in einigen Jahren zum Professor in Halle, oder in irgend einem andern solchen Winkel der Erde. Jetzt soll ich meine Mutter in ihrem Alter aus ihrem natürlichen Boden in ein ganz fremdes Land verpflanzen, sie aus einer belebten und volkreichen Stadt in einen todten und finstern Flecken führen, sie aus dem Cirkel ihrer Freunde und ihrer Bekanntschaften, die sie von langer Zeit her kennen, die sie alle hochschätzen, unter ganz fremde und für sie noch gar nicht eingenommene Menschen bringen, -- oder mir mit einem so groben Stolze schmeicheln, daß ich allein aller deren Stelle würde ersetzen können. -- Ist dieses vielleicht nicht ein eben so schwerer und trauriger Schritt für beyde? -- Und doch bey dem allen, was bleibt mir übrig?
Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der Meinigen bin. -- Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß bey Personen, die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind. Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben. Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....
Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl errathen, was ich da erwarte?) --
Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der Frau ihre Briefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.
Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr, Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.
Siebenter Brief.
B***, den -- Juli 1767.
Wahrheiten, die uns sehr am Herzen liegen, können niemals zu oft bewiesen werden. So ein sophistisches Ding ist dieses Herz, daß es sich der Ueberzeugung von eben der Sache am meisten widersetzt, von der es am meisten gewiß zu seyn wünscht. Ich, zum Beyspiel, bedarf keiner neuen Proben mehr, um zu wissen, daß Sie meine Freundin sind. Und doch, mit welchem Vergnügen habe ich diejenigen aufgenommen, die Sie mir in Ihren letzten Briefen gegeben haben, gerade so, als wenn dieß die ersten gewesen wären. Sie wissen, wie schwer sich Empfindungen durch Beschreibungen deutlich machen lassen. Man kann nichts weiter thun, als diejenigen, welche ähnliche gehabt haben, an ihr eigenes Gefühl erinnern.
So stellen Sie sich also Ihren lieben Mann, meinen Freund, an dem Abende eines sehr geschäftigen Tages vor. Er tritt zuerst mit einer etwas tiefsinnigen und zerstreuten Miene in ihr Zimmer. Seine von fremden Bildern ganz angefüllte Seele empfängt schon die geheimen Einflüsse Ihrer Gegenwart, ohne sie noch zu fühlen; selbst die ersten Liebkosungen verschwenden Sie an den Undankbaren vergeblich. Endlich thut Ihr Anblick und Ihre Zärtlichkeit ihre gehörige Wirkung; und jetzt schweben nur noch die Sorgen der Geschäfte auf der Oberfläche der Seele, wie die Nebel an einem heitern Frühlingsmorgen auf dem Gipfel der äußersten Berge. So gewinnt der Ehemann einen Schritt nach dem andern über den Geschäftsmann -- bis er zuletzt nur ganz allein übrig bleibt. Was Ihnen in diesem Augenblicke ein stillschweigender Kuß ist, den er Ihnen aus vollem Herzen giebt, ein Druck seiner Hand, bey dem er sie zugleich seine Wilhelmine nennt, sehen Sie, das waren für mich Ihre Briefe. Versicherungen von Sachen, die wir lange wissen, die wir aber gern vergessen, an denen wir sogar zweifeln, aus bloßem Muthwillen, um sie uns noch einmal versichern zu lassen!
Ich glaube, Sie müssen es schon bemerkt haben, daß es eins von meinen Steckenpferden ist, (hieraus können Sie schließen, daß ich den Tristram Shandy lese) über alles, was in und mich herum vorgeht, zu philosophiren, jede Begebenheit, wenn sie auch die natürlichste und gewöhnlichste von der Welt ist, zu erklären und aus Gründen zu zeigen, wie sie möglich gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, so war ich eben im Begriffe, einen guten Ritt darauf zu thun. Denn, anstatt Ihnen mit drey Worten zu sagen, liebe Freundin, Ihre Briefe waren mir herzlich lieb, und dann gleich zur Beantwortung ihres Inhalts fortzugehen; verwende ich eine und eine halbe Seite, um es zu beweisen, daß es möglich gewesen ist, daß ich mich über Ihre Briefe habe freuen können. Und doch, welcher Beweis wäre stärker gewesen, als die Aufmerksamkeit, mit welcher ich alle Ihre gütigen Vorschläge erwogen habe.
Nach dem Wunsche, bey Ihnen zu seyn, ist keiner stärker als der, daß Sie es zuweilen wünschen möchten, daß ich bey Ihnen wäre. Denken Sie also, was es seyn muß, wenn Sie noch mehr thun, und nicht bloß wünschen, sondern schon Anstalten machen, mich bey sich zu behalten. Wenn es mir jemals schwer angekommen ist, Schwierigkeiten gegen den Rath meiner Freunde zu machen, so ist es gegen einen solchen, der die größten Wünsche meines Herzens vereiniget. Der Entwurf, den Sie mir machen, der freylich der natürlichste und ohne Zweifel auch der sicherste ist, ist dem ungeachtet viel zu weit aussehend, als daß ich damit meine Mutter beruhigen könnte, die bey Ihrem Alter und bey Ihrer Schwäche eine Glückseligkeit, auf die sie so viele Jahre warten muß, für gar keine hält. Und wie kann sie hoffen, diesen Zeitpunkt zu erleben, wenn die Zeit, die dazwischen ist, mit Sorgen und Mißvergnügen angefüllt seyn sollte. Gesetzt aber, ich hätte das Ziel erreicht, und meine Mutter wäre noch im Stande, eine so große Veränderung vorzunehmen; was sind es nicht für neue Beschwerden, die die Ausführung unsers Vermögens verursachen würde. -- Meine Mutter hat bey allen Beschwerlichkeiten ihrer Nahrung doch auch den Vortheil gehabt, daß sich ihr Vermögen besser verinteressirt hat, als durch bloßes Ausleihen. Lassen Sie nun von einem nicht großen, aber doch für einen ehrlichen Mann hinlänglichen Vermögen das abgehen, was der Abzug kostet; setzen sie dazu die Verschiedenheit des Geldes und der Preise der Dinge in beyden Ländern, und endlich rechnen Sie noch die Schwierigkeiten, die mit der Errichtung einer neuen Haushaltung verbunden sind; und Sie werden sehen, daß meine Mutter nicht die Hälfte der Bequemlichkeiten würde haben können, zu denen sie hier gewohnt ist. Denn daß meine eigene Einnahme einen beträchtlichen Zuschuß zu unserer Oekonomie in wenig Jahren machen sollte, dazu sehe ich keine andere, als sehr unsichere Hoffnungen. Sehen Sie, so partheiisch ich für einen Entschluß bin, der mit meinen Neigungen so sehr übereinstimmt, so kann ich es mir doch nicht verhehlen, daß dieses sehr beträchtliche Schwierigkeiten sind; und was kann ich darauf antworten, wenn meine Mutter sie mir entgegensetzt? -- Was anders, als daß die Schwierigkeiten für mich, in B**** zu bleiben, noch größer sind, und wenn sie sich auch alle auf eine einzige zurück bringen ließen, ich meyne diese, daß ich zu dem Stande, der für mich der einzige ist, nicht die geringste Neigung habe?
Sie müssen es diesem Briefe ansehen, daß er unter sehr vielen Zerstreuungen geschrieben ist. Ich bin gar nicht mit ihm zufrieden. Denn bey alle den Schwierigkeiten, die ich mache, wollte ich doch nicht, daß Sie glaubten, ich hätte jetzt mehr Lust hier zu bleiben, als ehemals. Ich komme mit Gottes Hülfe gewiß auf Michaelis nach Leipzig, aber ob um beständig dort zu bleiben, das ist in den Händen der Vorsehung. --
Ich reise morgen mit dem Herrn Oberforstmeister S**** und seiner Gemahlin nach S***witz, wo mein ehmaliger Lehrer und Hofmeister Pfarrer ist. Meine Mutter kommt auf den Freytag mit meinem Onkel und seiner Tochter nach. Dieser geht alsdann mit dem Herrn Oberforstmeister weiter ins Gebirge nach L***, um da die Brunnenkur zu brauchen. Wir übrigen bleiben in S***witz, und werden dort in einer vortrefflichen Gegend vier oder fünf Wochen in dem Hause meines Lehrers zubringen. Dieser Aufenthalt könnte mir durch nichts in der Welt unangenehm gemacht werden, als wenn Ihre Briefe nicht mehr so richtig einliefen, oder die meinigen nicht zu rechter Zeit auf die Post gegeben würden; denn das Dorf ist sechs Meilen von B****. Ich werde aber alles mögliche thun, um beydes zu verhüten.
Diese Reise macht heute meinen Brief so kurz, und nöthigt mich, den an meinen lieben M. Reiz ganz aufzuschieben. Es ist jetzt 12 Uhr in der Nacht und morgen muß ich um 6 Uhr auf seyn. Leben Sie wohl!
Achter Brief.
Mittwochs des Morgens.
Ich wende noch die Augenblicke, die ich vor dem Antritte meiner Reise übrig habe, dazu an, an Sie zu denken, und das, was ich gedacht habe, niederzuschreiben. Ich weiß, daß sich Ihre freundschaftliche Neubegierde nicht bloß damit beruhigen wird, zu wissen wo ich bin. Sie werden auch wissen wollen, was ich da mache. --
Wenn ich mich nicht irre, so müssen Sie schon Herrn Ringeltauben, in dessen Hause ich seyn werde, aus meinen Beschreibungen kennen. Ich verehre ihn als meinen Lehrer; und ich liebe ihn als meinen Freund und meinen Bruder. Hochachtung und Dankbarkeit sind gewiß die festesten Bande, die die Natur hat, zwey nicht ganz unedle Seelen mit einander zu verbinden. Sein Haus soll sehr bequem, und die Gegend vortrefflich seyn. Meine Mutter, die das Land über alles, und den Herrn Ringeltauben als ihren Sohn liebt, wird sich dort wieder erholen, und das wird auf mich zurück wirken. Endlich werde ich Bücher genug haben, um die leeren Stunden auszufüllen. Der Herr Oberforstmeister, mit dem ich reise, ist lange im Kriege mit dem General Wobersnow in Leipzig gewesen. Er ist ein Mann von sehr vielem Verstande, von einer großen Erfahrung, (da er lange Zeit mit den Vornehmsten der Armee und einige Zeit auch mit dem Könige selbst umgegangen ist;) und der Mann einer Frau, die beynahe meine Gespielin gewesen ist. Der Weg heraus geht an der Oder, in einer sehr angenehmen Gegend. Ihre Briefe dürfen Sie nicht anders als bisher addressiren. Ich habe gemessene Ordre gestellt, sie mir gleich nachzuschicken.
Erwarten Sie also ins künftige Briefe, die voll von ländlicher Unschuld und Einfalt, aber auch voll von ländlichem Vergnügen sind.
Neunter Brief.
S***witz den -- Juli.
Es giebt gewisse Arten von Vergnügungen, die uns unempfindlich machen, weil sie uns berauschen. Indem alsdann die gegenwärtige Empfindung die ganze Seele ausfüllt, und ihre gesammten Fähigkeiten bloß in dem Genuß erschöpft werden, so werden alle Erinnerungen, alle Reflexionen aus der Seele verdrängt, und mit ihnen zugleich die feinern Vergnügungen, die auf dieselben gegründet sind. In diesem Zustande ist die ganze Seele Maschine, und sie bewegt sich ganz unwillkührlich nach der Richtung des Stoßes, die ihr ein so heftiger äußerer Antrieb giebt.
Eine andere Art hingegen, die nur die Sinnen in so weit rührt, als es nöthig ist, durch sie die Einbildungskraft rege zu machen, eröffnet allen Arten von moralischen Empfindungen den Zugang. Sie macht das Herz weich, und so zu sagen -- schmachtend. Die Vernunft ist dabey heiter genug, alle verwandten Ideen herbeyzurufen, jede angenehme Erinnerung mit der augenblicklichen Empfindung zu verbinden, und unter die Ergötzungen des Auges und des Ohres die moralischen Vergnügungen der Freundschaft und der Tugend zu mischen.
Unter diese letztere Gattung gehört diejenige Art von Vergnügen, die ich jetzt genieße. Sie sind so still und so ruhig, wie die Fluren des Abends, durch die ich gehe, und eben so heiter und rein, als das blaue Gewölbe, das mich deckt. Alles das, was ich sehe, und was die Quelle des Vergnügens ist, ist zugleich ein Stoff zu Betrachtungen, die vielleicht noch ergötzender sind, als der sinnliche Eindruck selbst. Wenn ich dann auf einer großen lachenden Wiese, die von alten ehrwürdigen Eichen rings um eingeschlossen, und von dem schwankenden Schatten derselben halb überstreut ist, die mildern Einflüsse der Abendsonne genieße; dann versetze ich in diese Gegend alle meine Freunde. Ich sammle in Gedanken diesen kleinen aber ehrwürdigen Haufen von Leuten, die ich liebe und die mich wieder lieben, um mich herum, alle durch gegenseitige Neigungen an einander gebunden, alle von einerley Geiste beseelt, zu einerley Empfindungen aufgelegt, und mit eben denselben Arbeiten des Wohlthuns und der Mildthätigkeit beschäftigt. Dieses Spiel meiner Einbildungskraft treibe ich so lange fort, bis ich ganz von den Gegenständen, die um mich sind, entfernt in andern Welten und noch glücklichern Gegenden herumschwebe. Von diesem Fluge ermüdet kehre ich wieder zu dem Orte und dem Stande zurück, in welchem ich bin, und, Dank sey es meinem Geschick! ich habe bey dem Ende meines Traumes noch nicht alles verloren. Meine Mutter, meine Cousine, und mein Lehrer und Bruder, die um mich herum sind; Sie, die erste meiner Freundinnen, und die übrige Reihe meiner männlichen Freunde, die von mir entfernt, aber durch ihr Andenken, durch ihre guten Wünsche, und durch ihr Theilnehmen an meinem Wohl, nahe um mich sind, alle diese theuern Personen, die mir die gütige Vorsicht auf dem Wege des Lebens aufstoßen ließ, um durch ihre Begleitung das Rauhe und Unangenehme meiner Reise zu versüßen, alle diese sind wirklich da, sie lieben mich, sie machen mich durch ihre eigenen Verdienste hochachtungswürdig, und geben mir durch ihre Achtung den Werth, den ich mir selbst niemals erwerben würde.
Ich habe ausfindig gemacht, (denn was für Mittel sucht man nicht auf, wenn man gewisse Sachen nicht verändern kann, um wenigstens uns eine andere Seite von ihnen zuzukehren?) daß die Abwesenheit in der Freundschaft zu etwas nützlich ist. Sie ist das Maß ihrer Stärke. Ich habe neulich im Plutarch gelesen, und wenn es nicht Plutarch gesagt hätte, so hätten Sie mir es sagen können, daß der Beweis einer recht heftigen Liebe nicht sowohl die Größe des Vergnügens sey, die einer in des andern Gegenwart empfindet, als vielmehr die Größe des Schmerzes, die ihnen die Trennung verursacht. Mich deucht, man kann eben dieses von der Freundschaft sagen. Das Vergnügen des freundschaftlichen Umganges ist, ruhig, gemäßigt, und beynahe mehr Heiterkeit als Freude; das Verlangen aber, wenn man desselben entbehrt, ist heftig, zuweilen gar stürmisch. Sie können glauben, daß ich diese Erfahrung bloß von den Empfindungen abstrahire, die mir die Erinnerung an unsere ehemaligen Vergnügungen erweckt. Ich weiß also zuverlässig, wie sehr ich Ihr Freund bin, ich weiß, wie sehr Sie meine Freundin sind. Diese Ueberzeugung ist mir sehr viel werth. Soll ich Ihnen erst sagen, daß ich Sie nicht allein meyne, wenn ich von Ihnen rede?
Ich habe Ihnen bisher nur meine Empfindungen erzählt. Jetzt sollen Sie noch etwas von meiner Geschichte wissen. Ich habe Ihre Briefe noch nicht. -- Ich meyne die, die Sie vergangene Woche geschrieben haben, und die verwichenen Freytag in B*** angekommen seyn müssen. Sagen Sie mir, ist es nicht mir recht zum Possen, daß die Post nach B***, die die Briefe von B**** hierher bringt, gerade eine Stunde eher des Freytags abgehen muß, als die Ihrigen ankommen? und dann geht keine wieder eher, als auf den Dienstag. Ich bekomme sie also erst Mittwochs. -- Diese Sache ist gar nicht zu ändern; ich muß also nur aufhören, daran zu denken.
Meine Reise ist sehr glücklich und bequem gewesen. Der Herr *** ist ein durch seinen Verstand und Erfahrung angenehmer Gesellschafter. Seine Frau ist es etwas weniger; und da ein großer Theil ihres Werths in dem Range und dem Stande ihres Mannes liegt, so schlägt sie denselben auch ein bißchen zu hoch an. Aber das thut nichts. Gegen mich, als einen alten Freund und Verwandten, ist sie immer sehr gütig.
Die zwey Tage, die bis zu meiner Mutter Ankunft verflossen, recognoscirten wir, ich und mein lieber Bruder, die Gegend. Sie können sie nicht leicht schöner jemals gesehen haben. Wir liegen sehr nahe an der Oder, an deren Ufer überhaupt die schönsten Gegenden von Schlesien sind. Dunkle, ehrfurchtsvolle Hayne, angenehme Wiesen, die fruchtbarsten Felder, alle Theile einer bezaubernden Landgegend wechseln mit einander ab. An dem einen Orte gehen wir auf einem erhabenen Damm, (denn deren müssen hier sehr viele der Gewalt des Stroms im Frühjahr entgegengesetzt werden), von dem man auf beyde Seiten die Aussicht auf die angrenzenden Wiesen und den dabey gelegenen Wald hat. Der Damm selbst ist mit Eichen besetzt, die ihre hohen Wipfel einander zuwehen. An einem andern Orte ist ein weitläuftiger Thiergarten, von drey Stunden in der Rundung, wo man den angenehmsten Schatten, die erfrischendste Kühle, und den erfreuenden Anblick von munteren, freyen und glücklichen Geschöpfen zugleich genießt. An einem dritten Orte ist ein dicker beynahe unwegsamer Wald, wo selbst die mittägliche Sonne keinen Zugang findet, und wo die melancholische Stille nur durch das Rauschen der Aeste, oder das entfernte Girren der Turteltaube, oder das Geräusch eines sich mitten im Walde durch die Aeste durcharbeitenden Hirsches unterbrochen wird.
Hier stellen Sie sich also mich, an meiner Seite meine Mutter, meine Schwester (denn so habe ich meines Onkels Töchter immer betrachtet, und so habe ich sie geliebt) und meinen Freund vor. Da der Herr ****, seine Frau, und mein Onkel, in das Bad gegangen sind, so herrschen wir hier ganz allein. Wir stehen nicht eben sogar früh auf. Wir trinken gemeinschaftlich unsern Thee. Wir verdienen unsere Mittagsmahlzeit durch einen recht guten Spaziergang, von dem wir zuweilen unterwegs unter einer hohen Eiche ausruhen. Die heißen Stunden sind zur Lektüre und zur Arbeit bestimmt. Der Abend ist ganz zu ländlichen Vergnügungen. Wir schlafen ruhig und vergnügt, weil keine unsere Ergötzungen etwas anders als das Verlangen zurück läßt, sie zu wiederholen.
Ich lese meiner Mutter zuweilen auf einer Rasenbank, die eine große Haselstaude beschattet, aus den Gedichten des +Gisecke+ vor. O diesen Mann müssen Sie lesen. Er ist der Dichter der Freundschaft und der ehelichen Liebe. Wer kann also ihn besser richten? und wessen Beyfall würde ihn mehr belohnen? Er ist nicht immer stark, aber er ist immer gut. Leben Sie tausend Mal wohl u. s. w.
Zehnter Brief.
S***witz den 27. Juli.
Ob ich gleich befürchten muß, daß meine Briefe Sie nicht in Leipzig treffen, so kann ich es doch nicht über mich erhalten, keine zu schreiben. Einen Brief an Sie schreiben, ist wenigstens halb so viel, als einen von Ihnen bekommen. Ich glaube, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt. Aber das thut nichts. Ich fürchte es nicht, mich in einer Sache zu wiederholen, die auf einerley Art empfunden auch nur auf einerley Art ausgedrückt werden kann. Ich habe überhaupt gemerkt, daß wahre Empfindungen sich zwar richtiger, aber niemals so mannigfaltig ausdrücken lassen, als diejenigen, welche Geschöpfe der Einbildungskraft sind. Der schöne Geist und das empfindliche Herz sind deßwegen nicht immer beysammen, und zu gefallen und zu rühren, sind zwey sehr verschiedene und oft einander entgegenstehende Sachen.
Sie sind also in Dreßden. Denn ich bin so glücklich gewesen, Ihren ersten Brief Mittwochs, und den andern unmittelbar darauf Freytags zu bekommen. Ich weiß nicht, warum mir diese Reise gar nicht recht war. Sie schienen nicht mir näher zu kommen, sondern sich von mir zu entfernen. Endlich bin ich auf die Ursache gekommen; wenigstens das Wahrscheinliche fürs Gewisse zu nehmen. Ich fürchtete, unser Briefwechsel würde gestört werden. Ueberdieß, glaube ich, weiß ich Sie gern zu Hause, weil ich mir den Ort, wo Sie sind, und die Beschäftigungen, die Sie da vornehmen, besser vorzustellen weiß. Das Bild ist lebhafter, weil es mehr bestimmt ist. In Dreßden können Sie da und da und da seyn. Aber wo Sie wirklich sind, und was Sie wirklich machen, das kann ich mir zu keiner einzigen Stunde des Tages mit Gewißheit denken. Ich befinde mich in einem fremden Ort, wo ich meine Freundin bey jedem Schritt, den sie sich von mir entfernt, verliere, und sie kaum mit der größten Mühe des Abends im Gasthofe wieder finde.