Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 2

Chapter 23,667 wordsPublic domain

Der erste Gedanke, wenn ich erwache, ist, nach einem kurzen Dank für das Geschenk eines neuen Tages, der Gedanke an meine Freunde. Wie glücklich, denke ich alsdann, bin ich, daß ich wieder in einer Welt erwache, in der so manches edle, vortreffliche Herz an meinem Leben und an meiner Wohlfahrt Theil nimmt! Ich überzähle alsdann mit aller der Begierde, mit der ein reicher Geitziger am frühen Morgen seine Summen wieder überzählt, die Anzahl dieser Freunde. Ich bin nicht mißvergnügt, daß ich sie so klein finde. +Das Herz liebt desto stärker, je mehr es konzentrirt ist.+ Dieser stille Genuß der Glückseligkeit, Freunde zu haben, bereitet mich zu einer andern vor; -- zu der, ihnen Gutes zu wünschen. Wie rührt und wie erhebt mich in diesem Augenblicke ein Gedanke an den Herrn und den Vater, den ich mit allen meinen Freunden gemein habe. Er ist bey ihnen, so wie bey mir gegenwärtig; er regiert ihr Leben, so wie das meinige; er sorgt für ihre Glückseligkeit mit alle dem Eifer, mit dem ich dafür sorgen würde, wenn ich die Macht dazu hätte. Durch diese Erinnerung scheinen sich mir die weitesten Entfernungen zu verengern. Ich vereinige mich mit meinen Freunden. Bürger einer und derselben großen Republik, in einerley gemeinschaftlichen Plan von allgemeiner Glückseligkeit verflochten, von einerley Gesetzen regiert und von gleichen Hoffnungen belebt, sind unsere Geister unter einem beständigen, gemeinschaftlichen Einfluß eben derselben Güte! --

Ich muß mich mit Gewalt von diesen Betrachtungen losreissen. Das Vergnügen macht geschwätzig. Und doch sind Worte so wenig fähig, Vergnügungen von der Art zu beschreiben, daß man nothwendig entweder einem Herzen, das sie niemals empfunden hat, verdrießlich, oder einem solchen, das sie kennt, matt und kraftlos vorkommen muß. Auf diese geheimen Ergötzungen folgt eine andere, an der meine liebe Mutter, und meine Cousine, die beständig bey ihr ist, Theil nimmt. Wir trinken gemeinschaftlich auf einem kleinen Altan, den wir haben, und der mit Grünem besetzt ist, Thee. Sie wissen schon, was ich Ihnen sonst von dem Vergnügen der Theestunde vorgeschwatzt habe; und in der That bleibt es noch immer eine der schönsten Stunden des ganzen Tages. Sie können es auch daraus schließen, daß wir sie fast niemals vor zehn Uhr endigen. Ich habe mich hier zum Lekteur meiner ganzen Familie aufgeworfen, und man hört mich noch so ziemlich gern. Ich lese also diesem Amte zu Folge auch manchmal beym Thee ein Stück vor. Das gewöhnlichste aber ist, daß wir bloß sprechen; sehr oft von Leipzig, noch weit öfter von Ihnen; das können Sie denken. Um zehn Uhr gehe ich herunter, und diese beyden Stunden bis zu Mittage lasse ich mir ungern rauben. Mein Geist wird ohne eine tägliche Nahrung trocken und leer. Er ist keine immerbrennende Flamme, die durch ihre eigene Kraft in die Höhe steigt. Er ist wie das in Stein eingeschlossene Feuer, das nur von Zeit zu Zeit Funken giebt, und auch diese müssen erst heraus geschlagen werden. Ich lese also in diesen zwey Stunden, oder ich schreibe. Das was ich lese, und was ich davon denke, das sollen Sie alles nach und nach erfahren. --

Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen, eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter, als die Klagen, von denen meine Ohren hier gar nicht ausruhen. Denn alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden, an unserm Tische sitzen sehen! --

Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen, nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten, wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, -- um meinen Traum zu vernichten. --

Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der sie beynahe aus ihrem Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. --

Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben, daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen, wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.

Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl. Ich bin --

N. S.

Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn Weisen einen Brief, -- einen sehr gütigen, freundschaftlichen Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und empfindliche Geist, dieser mein Freund -- ist todt. ~Peace to his gentle shade!~

Fünfter Brief.

B***, den 9. und 10. Juni.

Niemals ist ein Brief mit einem so schmerzhaften Verlangen erwartet worden, als ich gestern den Ihrigen erwartete. Selbst in dem Schoße meiner Familie, und an der Seite der vortrefflichsten Mutter, empfinde ich dem ungeachtet, daß mir noch ein Freund und eine Freundin fehlt, um diesem Glück seine Vollständigkeit zu geben. Ich fühle es, daß mir Ihr Umgang nothwendig geworden ist; und ohne die Gütigkeit, mit welcher Sie mir Ihren Briefwechsel versprachen, und ohne die Beständigkeit, mit welcher Sie dieses Versprechen ausführen, würde ich meine hiesigen Freunde mit dem beständigen Anblick einer gewissen Unruhe beleidigt haben, die sie vielleicht auf die Rechnung eines Mangels von Zärtlichkeit geschrieben hätten. Aber jetzt setzt mich Ihre Gütigkeit in den Stand, zwey der angenehmsten Beschäftigungen mit einander zu verbinden, die Unterhaltung mit meiner Mutter und das Andenken an Sie.

Meine Mutter kannte Sie schon als eine sehr gütige Freundin von ihrem Sohne, ehe ich noch Leipzig verließ. Aber nun kennt sie Sie als eine vortreffliche Frau, als eine zärtliche Freundin, mit einem Worte, als eine Person von einem solchen Geiste und einem solchen Herzen, als die Liebe und die Freundschaft nöthig hat, wenn sie beschlossen hat, einen glücklichen Ehemann und einen kleinen Kreis glücklicher Freunde zu machen.

Was meynen Sie wohl? Ich zeige meiner Mutter alle Ihre Briefe. Sie liest sie beynahe mit eben dem Feuer, mit welchem ich sie lese. Bey gewissen Stellen füllen sich ihre Augen mit Thränen der Zärtlichkeit und der Freude. So stark wirken diese gleichgestimmten Herzen auf einander, selbst in der weitesten Entfernung. Glauben Sie wohl, daß ich es hätte aushalten können, ein ganzes halbes Jahr zuzubringen, ohne Jemand zu haben, mit dem ich mich von Ihnen unterreden könnte, und in dessen Schoß ich zuweilen mein volles Herz ausleerte, wenn Ihre Gütigkeit und die Sehnsucht nach Ihrem Umgange dasselbe mit zu unruhigen und stürmischen Wünschen anfüllte? Und könnte wohl diese Person Jemand anders als meine Mutter seyn? Sie, die an den kleinsten Vergnügen ihres Sohnes Theil nimmt, sollte sie nicht in der Glückseligkeit, die ihm der Himmel geschenkt hat, eine Freundin und einen Freund zu besitzen, einen Theil derjenigen wieder finden, die sie durch den Tod einer Tochter, die zugleich Freundin war, verloren hat?

Ja, gütigste Freundin, schon theilt meine Mutter alle die Empfindungen mit mir, die mir die Bekanntschaft mit einer so edlen und zugleich zärtlichen Seele eingeflößt hat, und die ich, wenn es möglich ist, durch die Abwesenheit noch gestärkt und vermehrt finde. Unsere Unterredungen beleben sich am meisten, wenn sie Sie zum Gegenstand haben; und ohne daß wir es gewahr werden, kommen sie durch die wunderbarsten Irrgänge immer wieder auf diese Lieblingsmaterie zurück. So viel Gewalt hat das Herz über unsere Denkungskraft, daß die leichtesten und schwächsten Verbindungen schon genug sind, Ideen in die Seele wieder zurück zu bringen, die durch ein starkes Interesse an uns gebunden sind. Lassen Sie sich dieses von +Home+ viel besser und gründlicher sagen. Ich mag nicht philosophiren, ich will Ihnen bloß sagen, was ich empfinde. --

Aber gütigste Freundin, wie haben Sie es übers Herz bringen können, mir mit einem so versteckten, aber für mich doch sehr fühlbaren Vorwurf wehe zu thun? -- Oder trauten Sie es der Feinheit meines Gefühls nicht zu, daß ich den kleinen Ansatz von Empfindlichkeit gewahr werden würde, der Ihnen die Worte eingab: „Ich suchte in der Folge Ihres Briefes Trost, aber ich fand keinen. Sie, der Sie mit mir einerley Gefühl haben, Sie empfinden den Unterschied wohl, der zwischen der Verstorbenen und mir ist!“ Und noch dazu eine so ceremoniöse Vorsichtigkeit, Ihren Namen nicht zuerst zu schreiben! Ein kleiner, ganz kleiner Rest von Weiblichkeit! würde Onkel Selby sagen. Wie? glauben Sie wohl, daß ich meine Cousine liebte, und die Eigenschaften nicht von ganzem Herzen hochschätzte, die sie liebenswürdig machten? daß ich ihren Verlust beweinen, und mich nicht zugleich über den Besitz von Freunden erfreuen sollte, in denen ich ihren Geist und ihr Herz wieder finde? Oder können Sie so ungerecht gegen sich selbst seyn, diese größten Geschenke des Himmels in sich zu verkennen, und sich unter Ihren eigenen Werth herabzusetzen? Liebste, gütigste Freundin, lassen Sie sich niemals durch einen gewissen Unmuth die Erhabenheit der Seele schwächen, die ohne Stolz, dennoch ihre eigene Vollkommenheit fühlt, und indem sie die Stufe erkennt, auf welche die Güte des Schöpfers sie gesetzt hat, dadurch nur noch mehr Muth bekommt, höhere zu erreichen. --

Aber lieber will ich glauben, daß Sie nur darum diese Stelle in Ihren Brief gesetzt haben, um mir die Gelegenheit, die ich so sehr wünsche, zu geben, es Ihnen noch einmal zu sagen, wie hoch ich meine Freundin schätze, und wie theuer sie meinem Herzen ist. Ich kann dieses, zu meinem eigenen Vergnügen nicht oft genug wiederholen. Denn welche Glückseligkeit ist der gleich, seinem Freunde zu sagen, daß man ihn liebt, wenn es nicht die Glückseligkeit ist, zu hören, daß man von ihm geliebt wird? Wenn ich also von meiner Cousine rede, so glauben Sie nur, daß keine Ideen verwandter sind und einander leichter erwecken, als der Gedanke an ein Gut, das man verloren, und der an ein anderes, das uns der Himmel noch läßt; und daß der Abgang von so theueren Freunden das Herz nur noch zärtlicher gegen diejenigen macht, die uns noch übrig sind.

Ich glaube, ich habe Ihnen schon in Leipzig gesagt, daß ein Freund von mir und von unserm Hause, ein junger angehender Dichter, der jetzt in Halle studirt, ein Gedicht auf meine Muhme gemacht hat. Ich habe es hier erst zu sehen bekommen. Weil viel gute Stellen darin sind, obgleich manche gegen die übrigen matt, andere in der Verbindung, in der sie stehen, nicht richtig und zusammen hängend genug, und noch andere zu überhäuft und nur durch die Rechte der Poesie zu entschuldigen sind, so will ich es Ihnen abschreiben. Aber schöner, als das ganze Gedicht, ist meinem Urtheile nach ein Motto aus dem Petrarch, welches er demselben vorgesetzt hat. Wo ich nicht irre, so ist es eine der schönsten Stellen im ganzen Petrarch. Es ist aber zur Anwendung auf die Person, die der Gegenstand dieses Gedichts ist, nicht schicklich und angemessen genug, und überhaupt kann es nur im Munde eines Liebhabers und eines solchen Liebhabers als Petrarch, sein rechtes Verhältniß bekommen. Ich will es wagen, die Stelle zu übersetzen, ob ich Sie gleich zu eben der Zeit bedauren werde, daß Sie nicht das Original lesen können.

„Wer alles sehen will, was nur die Natur und der Himmel unter den Menschen vermag, der komme, diese zu sehen. Aber er komme bald. Denn der Tod raubt zuerst die besten, und läßt die schlechtern stehen. Dieses in dem Reiche der Götter schon lang erwartete schöne und sterbliche Geschöpf geht nur vorüber, und bleibt nicht. Wenn er noch zu rechter Zeit kommt, so wird er jede Tugend, jede Schönheit, jede erhabene Eigenschaft in einem Körper mit wunderbarer Mischung vereinigt sehen. Aber wenn er zu lange zaudert, so wird er nur kommen, um beständig zu weinen“[A].

Ist diese Apostrophe nicht das rührendste Gemählde eines von Schmerz ganz durchdrungenen Herzens? Aber nun zum Gedicht selbst. Sie sollen nur die besten Strophen davon bekommen.

Also blühte rühmlich Doris Leben -- Rühmlich mußte sie es wieder geben; Und das grosse Beyspiel im Erblassen Noch der Erde zum Vermächtniß lassen;

Da ihr lieblich Auge brechen sollte, Stürmend Feuer durch die Adern rollte, Freunde sprachlos matte Hände rangen, Und die Engel froh die Flügel schwangen,

Schaute sie des Todes letzten Schlägen Voll Geduld und Majestät entgegen, Ruhig, da die Trennung jetzt begonnte, Weil sie nur die Hülle wechseln konnte.

Keusche Jungfraun, eilt ihr Grab zu ehren. Pflanzt Zypressen, oft benetzt mit Zähren, Und gelobet auf dem Staub der Schönen Euren Wandel einst wie sie zu krönen.

Aus den Zweigen soll ein Hayn entsprießen, Junge, leicht verführte Töchter müssen Ihn besuchen, die Geschichte hören, Und erröthend sittsam wiederkehren.

Jährlich sollen freundschaftliche Reyhen, Wo sie schlummert, zarte Lilien streuen, Und das Opfer mit gedämpften Saiten Und wehmüthigem Gesang begleiten.

Nie, Geliebte, nie wirst du vergessen! Deinen Nachruhm wird kein Ruhm ermessen. Laß noch Einen für die Tugend brennen, So wird er auch dich mit Ehrfurcht nennen.

Und sollt’ einst auf der undankbar’n Erden Sie verkannt, gehaßt von allen werden; Darf sie nur, um alle zu entzücken, Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.

Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen aufzulegen. --

Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. -- Aber meine Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde, die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird, so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu rächen.

Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener zu machen. -- Alsdann -- Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.

Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.

Fußnote:

[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:

~Chi vuol veder quantunque può natura, E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei, Ch’è sola un Sol, non pur agli occhi miei, Ma al mondo cieco, che virtù non cura;~

~E venga tosto, perchè morte fura Prima i migliori, e lascia stare i rei; Questa aspettata regno degli Dei Cosa bella mortal passa, e non dura.~

~Vedrà s’arriva a tempo, ogni virtute, Ogni bellezza, ogni real costume Giunti in un corpo con mirabil tempre. Allor dirà, che mie rime son mute. L’ingegno offeso dal soverchio lume; Ma se più tarda, avrà da pianger sempre.~

Sechster Brief.

B***, den -- Juli. 1767.

Wissen Sie auch wohl, daß ich Ihre Frage, ob wir noch einerley Empfindungen mit einander hätten, für einen Vorwurf würde angesehen, und daß mich dieser Vorwurf würde gekränkt haben, wenn ich nicht selbst in den Beyspielen, die Sie dafür anführen, eine nette Bestätigung dieser Gleichheit Ihrer Gesinnungen mit den meinigen, auf die ich so stolz bin, gefunden hätte. Ich kann mir also unmöglich helfen. Ich muß erst diese beyden Punkte erörtern, ehe ich ein Wort weiter schreiben kann, gesetzt auch, daß Ihnen indeß der Brief vor Langerweile aus der Hand fallen sollte.

Zuerst also meine Unzufriedenheit bey meiner Ankunft in B****. Sollte ich Ihnen erst nöthig haben, die Quellen davon zu entdecken? Sie sagen, ich hatte Freunde verlassen, die mich liebten, und ich kam zu andern, die ich auch liebte. Haben Sie niemals diese angenehme Mischung von Schmerz und Vergnügen, von Verlangen und von Befriedigung, von Sehnsucht nach abwesenden Gütern, und von Genuß der gegenwärtigen empfunden? Haben sich niemals mit den Thränen, die Sie über den Anblick neuer Freunde vergossen, diejenigen vermischt, die Ihnen das Andenken an die, von denen Sie sich losgerissen hatten, ablockte? Sie, die Sie die menschliche Seele so gut kennen, da Sie Ihre eigene mit so vieler Sorgfalt studirt haben, wissen Sie nicht, wie geschickt eine gewisse Art von Freude ist, die traurigen Empfindungen, die eine Zeit lang in der Seele geschlafen haben, wieder zu erwecken, und mit ihnen vermischt einen gewissen Zustand der Ermattung hervorzubringen, wo die Seele, zu denken und zu handeln unfähig, unter der Menge von dunkeln Ideen, die sich in ihr zusammen drängen, erliegt. So empfand meine gute Mutter den Verlust ihrer Tochter niemals mehr, als da sie ihren Sohn wieder sah, und ich fühlte in den ersten Umarmungen meiner Mutter am meisten, wie viel ich an Freunden verloren hatte, die in diesem Augenblicke mit mir die Glückseligkeit einer wieder vereinigten Familie würden getheilt haben.

Dieses waren die Regungen der ersten Augenblicke. Ihnen folgten andere eben so traurige, aber weniger angenehme. Glauben Sie ja nicht, daß die guten Leute immer glücklich sind. Wenn sie es wären, so bin ich stolz genug zu sagen: unser Haus würde mehr als einen Glücklichen einschließen. Aber wie weit, wie weit ist es davon entfernt, daß dieses ganz wahr seyn sollte? Meine Mutter, durch die natürliche Zärtlichkeit ihres Körpers, und durch die große Empfindlichkeit ihrer Seele, einer Menge von Uebeln bloß gestellt, mit denen die Natur härtere und fühllosere Menschen verschont hat; durch eine beynahe fortgehende Reihe von Unglücksfällen in einer beständigen Uebung dieser Empfindlichkeit unterhalten; durch eine sehr schwere und sorgenvolle Nahrung, die sie seit dem Tode ihres Mannes ohne Gehülfen und Rathgeber besorgt, abgemattet und entkräftet, von Krankheit und der Annäherung des Alters bis zu dem äußersten Grade der Zärtlichkeit in ihren Nerven gebracht; und in diesem Zeitpunkte ihrer besten Stütze beraubt, und fast mitten unter ihrer Familie einsam und verlassen, -- sagen Sie mir, geliebte Freundin, was würden Sie in meinen Umständen fühlen, wenn Sie, so wie ich, sich außer Stande sähen, dieser Mutter zu helfen; wenn Sie ihr sogar in der Zukunft keine Aussicht, wenigstens keine nahe Aussicht anweisen könnten, durch die Sie ihre gegenwärtigen Umstände erträglich machten? Sagen Sie mir, liebe Freundin, wo ist die Stelle, die für mich zubereitet ist, und von der ich hoffen könnte, meiner Mutter die ihrem gütigen Herzen so theuere Glückseligkeit zu verschaffen, in der Gesellschaft ihres Sohnes ihre letzten Tage in Ruhe und Zufriedenheit zuzubringen? Ich selbst in die Welt nur noch so hingeworfen, in die Welt, die, dem Himmel sey es gedankt, nicht ganz leer von Freunden für mich, aber vielleicht leer von Beförderern und dem, was man darin Patronen nennt, ist; ich selbst noch von einem Orte zum andern herumirrend, zwar nicht ganz ohne Endzweck, aber doch noch ohne große Mittel, diesen Endzweck auszuführen; was kann ich für meine Mutter thun, da ich für mich selbst nichts zu thun vermag?