Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin

Part 11

Chapter 113,597 wordsPublic domain

Aber wenn Sie doch nun mit mir ruhig untersuchten, welches wohl zuweilen die Merkmale sind, aus denen Sie diesen Mangel der Zärtlichkeit schließen. Ohne Zweifel sind es Unterlassungen von Handlungen, die Sie als die unausbleiblichen Wirkungen einer solchen Neigung ansehen. -- Aber wie? sind sie dieses auch wirklich? Ist der Schluß von diesen Aeußerungen auf die Sache selbst unfehlbar, und können sie umgekehrt nicht ausbleiben, ohne die Gesinnung selbst zweifelhaft zu machen? Sie werden dieses selbst nicht denken, -- wie würde es Ihnen sonst möglich seyn, wieder ruhig zu werden? Aber gehen Sie in Ihrer Untersuchung noch einen Schritt weiter. Ist es der Natur der Dinge und des Menschen nach möglich, daß sich die stärkste, die eingewurzeltste, die mit dem Wesen der Seele selbst verwebte Leidenschaft (ich will Ihnen zu gefallen es so nennen) immer durch einerley Beweise zu erkennen giebt? Um davon nur ein frappantes Beyspiel anzuführen, ob es gleich nicht vollkommen auf den Fall paßt: ist es möglich, oder wenn es möglich wäre, würde es anständig seyn, daß sich die Zuneigung eines Greises auf eben die Art und durch eben die kleinen Beweise zu erkennen gäbe, wie die Zuneigung eines jungen Menschen? Hier ist der Unterschied handgreiflich, und die ganze Welt kommt überein, den einen alten Gecken zu nennen, der selbst rechtmäßige Neigungen auf eine zu seinem Alter und seinen Umständen unschickliche Art an den Tag legt. Aber kann es nicht im menschlichen Leben eben solche andre Unterschiede geben, die nicht eben so in die Augen fallen, aber doch eben so wirklich sind? -- Und sollte es also nicht eine Forderung unmöglicher Dinge seyn, wenn man, allen diesen Unterschieden zuwider, von demselben Menschen unter den verschiedensten Umständen doch immer einerley Zeichen seiner Liebe verlangte? -- Ich gebe es zu, daß Ihr lieber Gatte Sie jetzo so liebt, wie damals, da er Bräutigam war. -- Aber wenn Sie verlangten, daß er Sie davon alle Augenblicke aufs neue mit aller der Eilfertigkeit und dem Empressement versichern sollte, als wenn er es Ihnen zum ersten Male sagte; wenn Sie eine beständige Wiederholung aller der kleinen Zeichen der Zärtlichkeit forderten, die bey einem Liebhaber oft nur den Mangel an Gelegenheit zu größern Proben ersetzen: so forderten Sie etwas, was der Natur der Dinge, und wo nicht dieser, doch gewiß Ihrer Ruhe und der Ruhe Ihres Mannes zuwider wäre.

Sehen Sie, das ist der Inhalt meiner ehemaligen Theorie, und gewiß meine Absicht ist Ihre Glückseligkeit. Also verlange ich keine Abnahme der Liebe, keine Kälte, sondern nur in ihrem Ausdrucke mehr Ernsthaftigkeit und weniger Spielwerk. -- Wenn die Leidenschaft vor der Heyrath blos Leidenschaft ist, sagen Sie, so wird sie niemals Gesinnung werden. Vollkommen richtig! wenn Vorurtheil und sinnliche Lust die Wahl anstellen. Aber lassen Sie die Leidenschaft des Liebhabers auf alle Vollkommenheiten des Geistes und Herzens gegründet seyn: so wäre doch dieß die einzige Sache in der ganzen Natur, wo die erste Bekanntschaft mit einem gewissen Gut und der fortgesetzte Genuß desselben vollkommen einerley Wirkungen hätte. -- Wie? wenn Mann und Frau sich nicht wie Liebhaber und Geliebte gegen einander betragen, wenn sie die vertrautesten, die zärtlichsten Freunde von einander werden, so sollten sie sich keine Gefälligkeiten mehr thun können, so sollten sie sich einander blos nicht beleidigen? Und das wäre doch Freundschaft? -- Ich verstehe Sie nicht, liebe Freundin. -- Sie sagen, wenn Sie alle diese Dinge (diese +kleinen+ Zärtlichkeiten, Bemühungen und Opfer) wegnehmen, so hat die Ehe keinen wesentlichen Reiz mehr. Wie? so sollte die Ehe, die ehrwürdigste und heiligste Verbindung, ihren Reiz verlieren, wenn sich die beyden Eheleute nicht alle Augenblicke sagten, daß sie sich lieben; wenn sie sich nicht die Hände drückten; wenn nicht eins dem andern nachsähe, so oft es auf zwey Minuten von ihm geht; wenn es ihm nicht entgegen käme; wenn es ihm nicht auf der Stelle und mit aller geflissentlichen Aufmerksamkeit jede Liebkosung erwiederte, die ihm von dem andern gemacht worden?

Ich sehe, da ich dieses noch ein Mal durchlese, nur die vertrauteste Freundschaft kann die Freymüthigkeit entschuldigen, mit der ich Ihnen geschrieben habe. Aber ich müßte Sie nicht so sehr lieben, wenn ich Sie nicht von Vorurtheilen frey zu machen suchte, die sonst das Elend Ihres Lebens seyn könnten u. s. w.

Vier und dreyßigster Brief.

Den 24. Januar.

Ihr letzter Brief ist schön, und das Gedicht, was Sie mir abgeschrieben haben, recht vortrefflich. Es ist gewiß eine Ihrer besten Arbeiten von dieser Art. Ihr Herz ist bey dem Gegenstande gewesen, und das Herz führt immer den Verstand und das Genie sehr glücklich.

Aber warum gehen Sie nicht nach Halle, wenn Sie schon in Crellwitz sind? Ich wünschte doch, daß Sie einen Ort, wo ich zwey Jahre sehr übel zugebracht habe, und wo ich vielleicht noch viele andre, aber besser, werde zubringen müssen, kennten. Der erste Anblick ist widrig, das gebe ich zu; aber das ist doch eben so ausgemacht, daß das Auge die prächtigsten Häuser und die elendesten Leimhütten gleich gut gewohnt wird, und daß alsdann der Verdruß über die Häßlichkeit, und das Vergnügen an der Schönheit, beynahe zu einer gleichen Empfindung der Gleichgültigkeit herunter gestimmt werden. O besetzen Sie die Hütten mit Freunden, die ich liebe und die ich verehre, und sie werden mir schöner vorkommen als Palläste. Doch auch diese habe ich in Halle noch nicht. Unterdessen kenne ich doch Leute, die vielleicht aufgelegt dazu wären es zu werden.

Auf oder nach Ostern, den Tag weiß ich nicht, komme ich mit Gottes Hülfe nach Leipzig. Ein Brief von Gellert, voll von Gütigkeit und Freundschaft, hat mich erst vor fünf Tagen dazu eingeladen. Dieser Mann ist wahrhaftig mein Freund. -- Ist mir nun ein kleiner Stolz nicht zu verzeihen? -- Ich bringe hier meinen Winter sehr vergnügt zu. Am Freytage war ich in dem Hause eines Hrn. v. P***, dessen Fräulein Tochter, eine sehr gute und sehr angenehme Freundin von meiner Mutter und von uns allen, ein kleines Koncert machte. Sie spielt sehr gut auf dem Flügel. Ich spielte einige Sachen von Schobert τῷ πάνυ; lassen Sie sich Reizen dieses erklären. Wir waren bis um 11 Uhr recht vergnügt. -- Gestern kam wieder eine kleine Wolke. -- Aber kurz ich bin vergnügt, und bin u. s. w.

Fünf und dreyßigster Brief.

So schmeichelhaft es mir ist, daß Sie meine Ankunft wünschen, und so angenehm mir also auch die Hoffnung ist, solche Freunde wieder zu sehen; so muß ich doch sagen, daß mich die Vorstellung des Abschieds erschreckt. Eine Menge alter, und einige neue Freunde, die ich hier besitze, machen mir meinen Aufenthalt sehr angenehm, und die Trennung fürchterlich. Vor allem aber ist es meine Mutter, die mir bange macht. Ich hinterlasse sie zwar unter einer Menge von Personen, die sie hochachten; aber doch kaum bey einer einzigen, die ihre vertraute Freundin wäre; und selbst vor dieser würde doch ihre mütterliche Zärtlichkeit meiner Gesellschaft noch einen Vorzug geben. Die Umstände unsers Landes und die häuslichen, die davon abhängen, werden immer trauriger; und es ist schwer zu bestimmen, wo dieser Fortgang vom Bösen zum Schlimmern still stehen wird. Meine Mutter empfindet dieses bey einem ziemlich weitläufigen Hauswesen, das ganz allein von ihrer Sorgfalt in Ordnung gehalten werden muß, weit mehr, als ein jedes andre Frauenzimmer. Ueberdieß ist sie oft kränklich, und braucht von einer andern Seite eine kleine Aufmunterung, wenn die Schwachheit ihres Körpers und ihre Umstände sie niederschlagen. Ich bedaure also beynahe zuweilen, daß ich meinen Plan nicht so angelegt habe, daß ich zwischen dem praktischen und dem akademischen Leben hätte wählen können. Meine Freunde hier würden für mich viel gethan haben. Nach meiner jetzigen Aussicht kann ihre Liebe mein Leben nur angenehmer, nicht mein Fortkommen leichter machen. -- Doch ich will alle diese unangenehmen Ideen mit freudigern abwechseln lassen.

Ich habe diese Woche ein sehr empfindliches Vergnügen gehabt; das Vergnügen, ein neues Verdienst kennen zu lernen. An unsern D. Tralles war aus Lausanne von dem berühmten Tissot eine gewisse Frau von Wyllamons empfohlen worden, die hier durch, nach Polen, in das Haus des Fürsten Czartorinsky als Hofdame ging. Der Herr Tralles bat mich und einige Andre beyde Mal zu sich, als er sie bey sich hatte. Wenig Frauenzimmer habe ich in meinem Leben gesehen, die mich durch die Größe ihres Geistes, die Richtigkeit und die Tiefe ihres Raisonnements, die Genauigkeit und Schönheit des Ausdrucks, und eine gewisse unbeschreibliche Annehmlichkeit, mit der sie dieß alles begleitete, so beym ersten Besuche für sich eingenommen hätten. Sie war weder sehr jung, noch sehr schön, aber die Anmuth selbst. Augen, welche redeten, und deren Bewegungen alles, was sie sagte, unterstützten; ihre ganze Aktion war damit übereinstimmend; und ohne die geringste Achtsamkeit auf sich selbst zu zeigen, that sie doch alle Mal das, was die strengste Aufmerksamkeit hätte fordern können. Sie redete Französisch und Englisch gleich gut, das erste in einem Grade von Vortrefflichkeit, der auch bey Franzosen selten seyn mag; ihre Ausdrücke waren alle Mal edel, gewählt, beynahe philosophisch richtig, und doch so frey und so ungezwungen, als es zum Gespräche nothwendig ist. -- Ich habe wenig Stunden angenehmer zugebracht, als die, welche ich mit ihr in Gesellschaft war. Sie hatte viel gelesen, und urtheilte darüber nicht blos richtig, sondern auch fein. -- Jedermann wurde von ihr bezaubert.

Alles das schreibe ich Ihnen, weil ein genossenes Vergnügen seinem Freunde mittheilen ein zweytes Vergnügen ist u. s. w.

Sechs und dreyßigster Brief.

Den 24. Februar.

Auf der empfindlichsten Seite hätte mein Brief Sie angegriffen? Wahrhaftig, das war nicht die Absicht seines Schreibers. Selbst nicht einmal die kleine Bosheit, die doch noch so gut mit der Freundschaft bestehen kann, eine Art von Eifersucht zu erregen, um sich von neuem von der Liebe des Andern zu versichern. Meine Absicht war noch weit einfältiger und mein Bewegungsgrund noch weit unschuldiger. Ich glaubte nicht, daß ich an der Frau von Wyllamons Vollkommenheiten lobte, die Ihnen fehlten. Ich dachte blos, Ihnen ein Vergnügen durch die Erzählung des meinigen zu machen. Sie wissen, die Eindrücke, die das Gute oder das Böse von Personen oder Sachen auf uns macht, stehen nicht in unsrer Gewalt. Die, welche die Frau von Wyllamons gemacht hatte, waren alle für sie günstig. Ich schrieb diese in der Einfalt meines Herzens nieder, um sie in Ihnen, wenn ich könnte, auf eine schwächere Art zu erregen (Sie sagen selbst, Eindrücke von der Art sind angenehm). Ich glaubte dabey um desto weniger Behutsamkeit zu bedürfen, je ähnlicher diese Empfindungen denjenigen waren, die Ihre erste Bekanntschaft bey mir erregte. Sie konnten es wahrscheinlicher Weise nicht einmal wünschen, daß ich die Vorzüge, auf die sich zuerst meine Freundschaft und meine Hochachtung für sie gründete, bey einer andern verkennen oder gering schätzen sollte. -- Aber deswegen sind diese Frau und Sie nicht auf gleichem Fuße mit mir. Die erste ist eine bloße Bekannte, die ich ihrer Talente wegen hochschätzen muß, deren Herz ich noch nicht kenne, und von der ich bisher nichts als Vergnügen und Höflichkeiten erhalten habe. Sie sind meine Freundin, deren Herz ich geprüft habe, von deren Freundschaft ich gewiß bin, und deren Einsichten mir nicht blos zu dem flüchtigen Vergnügen eines Abends, sondern zu dem Glücke meines Lebens gereichen. Ihr heutiger Brief selbst ist voll von den freundschaftlichen Gesinnungen, die Ihr Herz von andern Herzen so sehr unterscheiden.

Lassen Sie sich also die neuen Freunde nicht beunruhigen. Sie würden auch die Ihrigen werden, wenn Sie sie kennten. Wollten Sie wohl Jemanden zu Ihrem Freunde haben, den die ganze übrige Welt verschmähte? Und würden Sie sich nicht Ihrer Neigung schämen müssen, wenn der Gegenstand derselben unfähig wäre, irgend einem Andern eine ähnliche Neigung einzuflößen? -- Ich kenne den Werth alter Freunde, und ich empfinde den Vorzug, den eine bestätigte Liebe vor einer blos flüchtig bezeigten Gefälligkeit haben muß. Alles also, was ich noch ins Künftige von dem Vergnügen sagen werde, was mir meine hiesigen Freunde machen, -- sehen Sie es niemals anders, als wie eine Aufforderung an Sie an, an diesem Vergnügen Theil zu nehmen, und wie ein stillschweigendes Versprechen, daß ich eben dieses Vergnügen, wenn es noch mit einer mehr gründlichen, wesentlichen Glückseligkeit verbunden ist, noch weit stärker empfinden werde.

Meine Mutter -- wissen Sie das? -- ist auch eifersüchtig. Sie wollen nicht, daß ich mich vor meinem Abschiede fürchten soll? Wie kann ich das, wenn es nicht blos um meine eigne Glückseligkeit zu thun ist, sondern auch um meiner Mutter ihre? Sie müßten mich nicht für fähig halten, ein guter Freund zu seyn, wenn ich ein schlechter Sohn seyn könnte. Und wäre ich das nicht, wenn ich eine solche Mutter, wie die meinige, gern verlassen könnte? u. s. w.

Sieben und dreyßigster Brief.

Den 19. März.

Wenn ich jetzt nicht mehr als gewöhnlich beschäftigt wäre, und wenn ich nicht den Zeitpunkt immer näher kommen sähe, in dem ich Sie wieder sehen soll: so würde ich mir es selbst nicht vergeben, daß ich Sie zuweilen auf meine Briefe einen Posttag länger warten lasse, als es unserm ersten Vertrage gemäß ist. Ich könnte zwar sagen, es wäre Rache. Aber ich finde nichts davon in meinem Herzen; und wenn Sie mir auch noch seltnere und noch kürzere Briefe schrieben, so würde mich doch mein eignes Vergnügen nöthigen, an Sie zu schreiben. Es ist also nicht Vorsatz, sondern Unvermögen, wenn ich mir dieses Vergnügen zuweilen versage. Ein Unvermögen, welches (erlauben Sie mir, das zu sagen) ich bey Ihnen nicht voraus setzen kann, da Sie mir selbst versichern, daß Ihr Umgang eingeschränkter als jemals ist, und Ihre Geschäfte sich doch nicht häufen können.

Aber um Ihnen eine Probe von meiner Uneigennützigkeit zu geben: so muß ich Ihnen gestehen, daß, wenn ich gleich zuweilen dadurch eines Theils Ihres Andenkens, ja sogar Ihres persönlichen oder schriftlichen Umganges (nur nicht Ihrer Freundschaft) beraubt seyn sollte; ich Ihnen doch einen etwas ausgebreitetern Umgang wünschte, und zwar vornehmlich unter Ihrem eignen Geschlechte. --

„Unter meinem eignen Geschlechte? Wie können Sie mir etwas wünschen, wovon ich Ihnen so oft gesagt habe, daß ich es nicht zu meiner Glückseligkeit rechnen würde, wenn ich es hätte?“

Aber wollten Sie mir wohl noch einmal die Ursachen wiederholen, warum Sie es nicht darunter rechnen?

„Was habe ich nöthig, Ihnen das erst zu sagen? Sollten Sie nicht wissen, wie leer der Umgang mit den mehresten Frauenzimmern ist; wie wenig sich mit --“

ihnen anfangen läßt, wollen Sie sagen. Zum Unglück wahr genug! Aber warum wollen Sie nicht daran arbeiten helfen, daß ihr Umgang lehrreicher werde, daß sich mehr mit ihnen anfangen lasse? Was würde aus dem niedrigern Theile unsers Geschlechts, oder des menschlichen Geschlechts überhaupt werden, wenn sich der edlere Theil demselben entziehen wollte, und ihm mit seinem Umgange zugleich die Mittel benähme, ihm ähnlich zu werden?

„Aber ich habe nicht eben den Beruf, und auch nicht das Vermögen, eine Verbesserin zu seyn. -- Ueberdieß, wozu bedarf ich den Umgang? Ich habe meinen Gatten, den liebe ich; und die Stunden, die er nicht bey mir ist, sind gut genug mit der Erwartung von ihm ausgefüllt; wenn noch ein kleines unbefriedigtes Verlangen in meinem Herzen übrig wäre, so würde die Freundschaft von zwey oder drey Freunden meines Mannes es doch ganz ausfüllen. Und endlich --“

Und was endlich?

„Sie wissen, ich liebe meinen Mann über alles -- ich wünsche, daß er mich über alles liebt --“

Und was denn also --?

„Ich würde es nicht leiden können, wenn eine meiner Freundinnen ihm eben so gut gefiele, daß ich nicht mehr gewiß genug seyn könnte, daß seine Frau ihm noch besser gefiele.“

Mich dünkt, Sie würden (wenn Sie mir meine Freymüthigkeit vergeben wollen) diesen Bewegungsgrund nicht zuletzt angeführt haben, wenn Sie den stärksten hätten zuerst anführen wollen.

„Gut! lassen Sie es seyn, daß es der stärkste ist. Ja, ich bin eifersüchtig; und man kann gar nicht lieben, ohne eifersüchtig zu seyn. -- Ich kann sogar keine Freundschaft für echt halten, die ihren Freund so ruhig mit Vielen theilen kann. Hüten Sie sich, daß nicht Ihr Rath, meinen Umgang zu erweitern, mich argwohnen läßt, daß Sie ihn nicht mehr so eifrig für sich selbst wünschen.“

Das können Sie im Ernste nicht denken; -- noch viel weniger, wenn Sie meine Gründe hören.

„Und diese Gründe?“

Nur noch einen Augenblick Geduld! Sagen Sie mir, haben Sie nicht gehört, daß die Natur mit jeder Neigung, die sie uns giebt, oder mit jedem Vergnügen, das Sie uns genießen läßt, eine andre Absicht habe, als dieß Vergnügen selbst?

„Ums Himmels willen! so weit müssen Sie ausholen? Sie werden doch nimmermehr die halbe Metaphysik abschreiben müssen, um mich zu bewegen, daß ich ein halb Dutzend Karkassen in meiner Stube zusammen bringe.“

Nun gut also, wenn ich Sie nicht mit der Ueberzeugung überraschen kann, so will ich sehen, ob ich mit offenbarer Gewalt gewinne. -- Sie sind eine Ehegattin, aber auch zugleich ein Frauenzimmer und eine Mutter.

„Ja, eine Mutter! Und eben deswegen, weil ich diesen süßen, ehrwürdigen Namen trage, brauche ich weniger als jemals eine Gesellschaft, die mir blos die Zeit vertreiben soll. Meine Wilhelmine und mein Mann werden mir bald die Stelle der ganzen Welt ersetzen. Aber ein Frauenzimmer auch, sagten Sie, wäre ich; was soll das zur Sache?“

Als Frauenzimmer müssen Sie nothwendig die allervertrauteste Freundschaft, die möglich ist, nur mit einem Frauenzimmer haben können.

„Und die Ursache davon?“

O hätten Sie nur erst diese Ihnen verwandte Seele unter Ihrem eignen Geschlechte gefunden; kennten Sie nur erst das Frauenzimmer, das würdig wäre, Ihre Freundin zu seyn: dann würden Sie mir die Frage selbst beantworten. O wie glücklich würde ich seyn! Ihre Vertraute würde auch meine Freundin seyn. -- Sie kennen Julie und Claire; Clarissa und Howe. Sagen Sie mir, wäre es möglich, daß eine von beyden an die Stelle ihrer Freundin einen Freund gesetzt hätte, ohne daß doch das Wesen ihrer Freundschaft zerstört worden wäre?

„Wie? also giebts gar keine Freundschaft unter den beyden Geschlechtern? Also sind Sie nicht mehr mein Freund?“

Nicht so hitzig, liebste Freundin! Ich denke nicht, daß ich unsre Freundschaft herunter setze, wenn ich sage, daß es noch eine höhere giebt, -- aber keine höhere, wenn die Wahl wieder auf eine Mannsperson fällt. -- Wenn ich aber einem Frauenzimmer den Vorrang gebe, so denke ich, ich bin blos großmüthig, nicht kaltsinnig.

„Gut! Eine Freundin ließ ich mir gefallen, eine ganz vertraute Freundin, wenn ich sie hätte. Aber wozu der Umgang mit Vielen?“

Um diese Eine darunter zu finden. Muß man nicht erst wählen können, ehe man sich entschließt?

„Und dann -- als Mutter, sagten Sie auch, müßte ich mit Frauenzimmern Umgang haben. -- Eine beständige Zerstreuung ist wohl also ein gutes Mittel, seine mütterliche Pflicht zu erfüllen?“

Nein, die größte Hinderniß, glaube ich. Aber nicht aller Umgang ist eine Zerstreuung, die schädlich wäre.

„Aber sagen Sie mir doch den Nutzen, den mein Kind davon haben könnte.“

Ich muß Ihnen gestehen, ich bilde mir ein, zur Erziehung eines jungen Frauenzimmers ist der Umgang mit Personen ihres Alters und ihres Geschlechts nicht blos nützlich, sondern nothwendig. -- Es wird sonst nicht Frauenzimmer genug; es verliert etwas von dem Charakter, und also auch von den Annehmlichkeiten seines Geschlechts; es nähert sich dem unsrigen, ohne doch dadurch mehr zu gefallen. Wie kann aber eine Mutter ihrer Tochter eine Gesellschaft von ihrem Alter und Geschlecht verschaffen, wenn sie selbst keine hat?

„Meine Tochter soll in meiner Gesellschaft lieber seyn, als in der Gesellschaft der ganzen übrigen Welt. Mein Umgang muß ihr, wenn ich anders es verstehe, eine Mutter zu seyn, den sehr leicht ersetzen, den ich ihr nicht werde schaffen können. Und ich hoffe, mein und meiner Freunde Unterricht wird sie alles das lehren, was Sie sie aus dem Umgange wollten lernen lassen.“

O liebste Freundin, wer wollte wohl daran zweifeln, daß Sie nicht die beste Mutter seyn würden, der Sie kennt? Ich wollte auch Ihrer Tochter keinen andern Lehrer zugestehen, als Sie. Aber um seine Sitten zu bilden; um den Menschen mit einer gewissen Dreistigkeit unter die Augen sehen zu können; um von allen seinen guten Eigenschaften in der Welt Gebrauch machen zu können, deren man sich in seinem Kabinet bewußt ist: dazu gehört, daß man die Menschen bey Zeiten kennen lerne; daß man viele Muster vor sich habe; daß man weiß, was für ein Grad von Vollkommenheit in der Welt gemeiniglich angetroffen und gefordert werde; und daß man -- soll ich es sagen? -- das Zutrauen auf sich selbst durch die öftern Beweise von den Schwachheiten Andrer vermehre.

„Also sehe ich wohl, meine Wilhelmine wird eine Herumläuferin werden müssen, wenn sie Ihnen gefallen soll.“

Nicht so ganz und gar. Sie verstehen mich besser, liebste Freundin, als Sie mir es gestehen wollen. -- Müßte ich nicht entweder Sie hochachten, oder sehr eigennützig seyn, wenn ich nicht einer Person, der ich Verdienste zuschreibe, so vielen Einfluß auf Andre, eine so große Sphäre ihrer Wirksamkeit, als möglich ist, wünschen sollte?

Da haben Sie eine kleine Probe von einem der Gedanken-Gespräche, mit denen ich meine Entfernung von Ihnen zu vergessen suche. Wenn es Ihnen nicht ganz mißfällt, so will ich mich öfter unterstehen, Ihnen die Unterredungen zu erzählen, die ich ohne Ihr Wissen und Willen mit Ihnen gehalten habe.

Gellerts Bild habe ich durch Hubern sechs Mal bekommen, und unter meine guten Freunde ausgetheilt. Danken Sie dem Herrn Bause dafür, wenn Sie ihn sehen. Er wird unser zweyter Wille werden. Und nun möchte ich doch wissen, ob Herr M. Reiz noch unter den Lebendigen ist. Ich glaube, daß ich meine Freunde öfterer aus meinem Grabe, wenn ich gestorben wäre, besuchen würde, als er aus seinem Kabinet es thut. -- Lesen Sie doch: +Vergleichung des Zustandes und der Kräfte der Menschen mit dem Zustande und den Kräften der Thiere+ u. s. w.

Acht und dreyßigster Brief.

Ich bin in der That über das Ausbleiben Ihrer Briefe ein wenig unruhig gewesen. Das kann Ihnen M. Reiz aus dem Briefe sagen, den ich an ihn beygelegt habe. In einer solchen Verfassung war es wirklich grausam, -- doch Ihr Brief selbst ist so voll von Freundschaft und Güte, daß ich nicht mehr daran denken kann, wie sauer ich mir ihn verdient habe.