Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin
Part 10
Aber warum lassen Sie Ihre Tage durch Träume beunruhigen? -- Oder warum geben Sie einem Traume, der so vieler guter, glücklicher Auslegungen fähig ist, gerade die, welche Sie kränken muß. Ich sehe in demselben nichts, als Ihre eigne Zärtlichkeit, die selbst in den nächtlichen Gemählden, die Ihnen Ihre Einbildungskraft vorstellt, der Freude des Wiedersehens eine Gewalt über das Herz giebt, unter welchem dasselbe erliegt. -- Ich bin als Freund verpflichtet auf Mittel zu denken, die Ihnen diese öftern Unruhen, wenn es nicht möglich ist, ihnen zuvor zu kommen, wenigstens mäßigen. Ist es nicht wahr, daß eine solche Unruhe (ich rede nicht bloß von der letzten) unthätig und zur Verrichtung eines jeden Geschäftes, selbst zu dem Genusse des Vergnügens unwillig und unfähig macht? Und ist dieß wohl der Zustand, in dem wir oft seyn sollen, in dem wir am meisten Gutes zu thun hoffen können? Vermehren Sie den Grad, oder verlängern Sie diesen Zustand. Sie werden sehen, daß er nach und nach den Gebrauch jeder unsrer Fähigkeiten aufheben und uns zu einer Art von Schlaf bringen wird, der voll von fürchterlichen Träumen ist, und uns eben so viel Zeit raubt, als der natürliche, ohne uns dieselbe Erquickung zu geben? --
Demungeachtet fühlt die Seele eine gewisse Süßigkeit darin, um deren willen sie sich dieser Unruhe überläßt, und sich selbst den Mitteln entzieht, die sie aufheben könnten. Ich kenne diesen Zustand, aber ich finde ihn allemal für mich schädlich, ob ich gleich nicht allemal so glücklich bin, mich davon zu befreien. Wenn es aber gelingt, so ist es niemals anders, als durch eine anhaltende und die Seele sehr einnehmende Beschäftigung. Man muß gleich im Anfange, wenn man die erste Anlage zu einer solchen Gemüths-Verfassung bemerkt, die Aufmerksamkeit mit Gewalt von dem Gegenstande abziehen und auf etwas richten, was im Stande ist, sie anzuheften und von der Rückkehr abzuhalten. Ein andres Frauenzimmer würde vielleicht den Mangel solcher Gegenstände vorwenden können; aber Sie nicht, liebe Freundin, die außer den Geschäften einer Hausmutter auch noch alle die für sich haben, die die Wissenschaften und die Lektüre verschaffen. Wählen Sie sich also alsdann eines von den Büchern, die Sie am meisten lieben; oder noch besser, arbeiten Sie selbst etwas. Sie werden sich zuerst zwingen müssen. Die Seele wird mit Widerwillen sich von dem neuen Gegenstande wegwenden. Aber nach und nach, wenn besonders der erste Anfang geglückt ist, wird sich der Gegenstand der Seele bemächtigen; es wird eine neue Leidenschaft rege; der Wunsch und die Hoffnung, die Sache, die man vor hat, schön zu machen. Endlich arbeitet man aus Geschmack fort, da man blos aus Ueberlegung angefangen hatte.
Ich freue mich auf Ihre Anmerkungen über die eheliche Liebe, und wenn sie auch von meinen Grundsätzen abgiengen. Sie wissen nun schon, wenn wir Philosophen einmal ein System im Kopfe haben, so muß sich alles darnach richten, und entweder seine Form annehmen, oder es wird verworfen. Nun nach diesem Systeme finde ich allerdings zwischen der Liebe vor der Ehe, und in derselben, einen Unterschied. Nicht in dem Feuer, noch in der Delikatesse derselben; aber in der Art, sie auszudrücken. Ich nehme wieder meine Eintheilung zu Hülfe. Das was in der Liebe blos Begierde ist, und zu seinem Endzwecke den Genuß hat, herrscht nothwendig vor der Ehe. Das was in derselben Bestrebung und Eifer ist, und zum Gegenstande mehr des Andern Glück, als unser Vergnügen hat, sollte in der Ehe herrschen. Dem zu Folge muß nothwendig die Leidenschaft des Liebhabers aufwallend und ungestüm seyn, denn sie streckt sich erst nach einem Gute aus, welches sie erreichen will; die Liebe des Ehemannes ruhig und thätig, denn sie arbeitet nun an der Erhöhung und Verschönerung eines Gutes, das schon ihr Eigenthum ist. Ohne diese Einschränkung ist die eheliche Liebe in Gefahr, tändelnd zu werden, welches sie von ihrem wahren Zwecke beynahe eben so weit abbringt, als die Kälte.
Ich sage Ihnen alle meine Gedanken, liebe Freundin, als einer Person, die zu meiner größten Vertraulichkeit und zu einer Kenntniß meiner innersten Gesinnungen ein Recht hat. Läutern Sie meine Grundsätze, und arbeiten Sie selbst an der Verbesserung Ihres Freundes u. s. w.
Dreyßigster Brief.
Ihr Urtheil über den Romeo, und Ihr Wunsch wegen seines Schlusses ist mit meiner Mutter ihrem vollkommen einerley. In der That ist der letzte Auftritt mehr schrecklich als rührend, Julie mehr unsinnig als schwärmerisch, und ihre Liebe mehr Raserey als Leidenschaft. Ich bin begierig, auch von den beyden übrigen Stücken, die in eben diesem Theile stehen, Ihr Urtheil zu wissen. Marmontels Erzählungen lassen sich vielleicht um desto schwerer in Dramata verwandeln, je ausgearbeiteter schon der Dialog ist. Man kann schwerlich verhindern, daß der Leser nicht die neuen angesetzten Stücke von den alten unterscheide; und man geht gar zu leicht aus einem Charakter heraus, der nicht von Anfang an unser eigen ist. So geht es, dünkt mich, mit der Corally ihrem, der in dem Stücke, die Freundschaft auf der Probe, am meisten hervor sticht, und den er zuweilen verfehlt hat. -- Aber ich höre, die Mademoisell Schulz verläßt das Theater. Versäumen Sie doch ja nicht, Romeo zu sehen, ehe sie fortgeht. Sie macht diese Rolle unnachahmlich schön; ich setze nur das Einzige an ihr aus, daß sie in den Stellen, wo ohnedieß schon der zu weit getriebene Affekt beynahe bis ins Widrige geht, noch einige Grade hinzu setzt.
Aber genug von dieser Materie, die ohnedieß schon erschöpft ist. Ich hätte mehr Lust, meinen Streit mit Ihnen, als meine Kritik zu verlängern. Sie wissen noch nicht, wie hartnäckig ich bin, wenn ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, etwas zu behaupten. Ihr Brief hat mir gefallen; und mit weniger Eigensinn, als ich habe, hätten mich Ihre Gründe verblendet oder überzeugt. In der Verfassung, in welcher ich bin, kann ich noch nicht sagen, welches von beyden. Denn wenn ich sagte, daß ich ohne Eigensinn hätte müssen überzeugt werden, so wäre dieß eben so viel, als gestünde ich zu, ich hätte Unrecht.
Sie wollen also zwischen dem Liebhaber und dem Ehemanne durchaus keinen Unterschied zulassen; und ich bildete mir ein, ich hatte es recht förmlich bewiesen, daß einer seyn müßte. So kann einem die Eigenliebe verblenden! Vielleicht richte ich durch eine Allegorie aus, was meine Metaphysik nicht vermochte. -- Wenn zuerst nach einer langen Dürre, oder am Ende des Winters, Jupiter in einem fruchtbaren Regen in den Schoos der mütterlichen Erde herab steigt: dann wird auf einmal die ganze Gestalt der Natur geändert. Blumen und Gewächse von aller Art bedecken die erst nackte Oberfläche; die Bäume schimmern von jungem Grün, das nur noch wie zartes Moos auf die kahlen Aeste gestreut ist; die todte Stille der Natur wird rege und lebendig; Luft und Erde bekommen wieder Bewohner; der Wechsel ist eben so plötzlich, als schön. -- Aber wenn nun diese erste Rückkehr der Natur zum Leben geschehen ist, dann kann der ganze liebliche Sonnenschein, und die schönsten, erfrischendsten Regen, durch die er unterbrochen wird, nicht gleich große und gleich merkliche Veränderungen hervor bringen. Im Stillen, ungesehen, wächst nunmehr durch eben die Kraft, die ihn zuerst hervor brachte, der Halm zur Aehre, das Gras zur Staude, und die Blüthe zur Frucht heran. Noch immer empfängt die Erde dieselben wohlthätigen und kräftigen Einflüsse des Himmels; aber sie kann jetzt nicht mehr durch sie eine ganz neue Schöpfung hervor bringen, sie kann nicht mehr die ganze Gestalt der Natur umändern. -- Aber in ihrer geheimen Werkstatt empfängt und nutzt sie noch auf eben die Art den himmlischen Segen, sie verschließt ihn jetzt in sich, um ihn den Pflanzen ganz allein mitzutheilen, die sie hervor gebracht hat, und um Korn, Obst, Wein auf den stillern Herbst zu bereiten.
Sollten alle folgenden Eindrücke dem ersten gleich seyn? -- Das ist wider die Natur der Seele. Sie selbst, Sie selbst, die die Natur mit der zärtlichsten von weiblichen Seelen beglückt, Sie würden sich blos selbst hintergehen, wenn Sie das als eine gemachte Erfahrung ansähen. -- Soll die Leidenschaft niemals zum Grundsatze, zur Gesinnung werden? -- Alsdann ist sie unnütz und gefährlich. Das stürmende Meer kann nur Schiffbruch und Untergang verursachen, wenn es ohne Aufhören wüthet. Aber wenn der heftige Sturm zu einer noch lebhaften aber ruhigern Bewegung gemäßigt wird, dann bringt er das Schiff mit vollen Segeln in den Hafen. -- Soll die Seele immer nur von einem einzigem Gegenstande erfüllt seyn, wie es die Seele des Liebhabers ist? -- Dann verschlingt und vernichtet dieser Gegenstand alle Kräfte derselben, er verbraucht alle ihre Fähigkeiten, und läßt für alle ihre übrigen Pflichten und Geschäfte nichts, als matte, unwillige und kraftlose Bestrebungen.
Aber wie muß die Liebe seyn, auf deren Flügeln der Geist erhoben, und seiner Bestimmung und seinem Schöpfer näher gebracht wird? Die Seele, deren ganze Neigungen und Fähigkeiten sich in einem einzigen würdigen Gegenstande koncentrirt hat, muß sich von ihm aus auf alles, was gut, schön und vortrefflich ist, verbreiten. Er muß das Band seyn, welches die Seele an alle ihre Pflichten verknüpft, und sie mit Freuden an die Sachen anzieht, die sie sonst aus andern Bewegungsgründen nur mit Widerwillen, oder doch ohne Vergnügen würde gethan haben. Das Feuer der Liebe muß sich in eine gleiche und fortdauernde Wärme verwandeln, die jeder andern gutthätigen Neigung zum keimen hilft, jede tugendhafte Handlung empor treibt, und jeden Widerstand aus dem Wege stößt. -- Noch ein Mal: der Liebhaber und die Geliebte wollen nichts, als sich sehen, sich umarmen und sich genießen. Der Ehemann und seine Gattin wollen sich und die Welt glücklich machen, und diesen Zwecken zu Ehren entbehren sie jene Vergnügungen ohne Murren u. s. w.
Ein und dreyßigster Brief.
-- -- Ich bin außerordentlich vergnügt darüber, daß Sie meinen Brief vollkommen nach den Gesinnungen erklärt haben, in denen ich ihn geschrieben hatte. Sie haben mir eine große Probe abgelegt. Ich fürchtete nicht, daß Sie über meine Freymüthigkeit böse werden würden; aber ich erwartete doch eine kleine Empfindlichkeit über einen so beherzten Widerspruch. Bey jedem andern Frauenzimmer, als bey einer solchen Philosophin, wie Sie sind, wäre meine Erwartung ganz gewiß eingetroffen. -- Diese Materie ist jetzo erschöpft, oder ich will sie doch wenigstens dafür ansehen. Wenn Sie nur wahrhaftig glücklich sind, so will ich es Ihnen verzeihen, wenn Sie es auch zum Theil durch ein Vorurtheil wären. -- Ich habe diese Woche eine ganze Gesellschaft von Leuten gesehen, die es noch durch ein weit handgreiflicheres Vorurtheil sind, oder wenigstens vorgeben es zu seyn.
Ich bin mit einer großen Gesellschaft von Frauenzimmern in einem Nonnenkloster gewesen, und zwar bey denen, die barmherzige Schwestern heißen, und sich mit der Wartung armer Kranken beschäftigen. Ein wirklich verehrungswürdiger Orden, der großen und beschwerlichen Dienste wegen, die seine Mitglieder der Gesellschaft leisten. Sie sind dabey arm; und da die Anzahl reicher Katholiken bey uns in B*** immer mehr abnimmt, und die eignen Kapitalien des Klosters nicht nur an sich klein, sondern auch jetzt ohne Nutzen für sie sind, weil sie bey einem Hause ausgeliehen stehen, das im Begriff ist, banquerout zu machen (ehemals einem Besitzer von 500000 Thalern), so müssen die 21 geistlichen Jungfrauen, aus denen das Kloster besteht, sich auf das äußerste einschränken, weil sie nicht nur sich, sondern auch ihre Kranken zu ernähren haben, und noch dazu Aerzte und Arzeneyen bezahlen müssen. Meine Mutter und verschiedene unsrer Bekannten, die ihnen deswegen von Zeit zu Zeit eine kleine Beysteuer schicken, werden in dem Kloster als große Wohlthäter angesehen. So sehr ist die Dürftigkeit auch für kleine Erleichterungen empfindlich.
Wir wurden also sehr wohl aufgenommen. Wir tranken in der Apotheke, wohin auch Mannspersonen kommen dürfen, in Gesellschaft der artigsten und vernünftigsten Schwestern, Kaffee. Die Frauenzimmer wurden hierauf im ganzen Kloster, ich nur in der Kirche und im Krankenzimmer, herum geführt. -- Sie können nicht glauben, wie sehr mich diese Leute für sich interessirt haben. -- Es giebt Personen von den besten Familien, von gutem Verstande und von einer wirklichen Schönheit darunter. Besonders ist die würdige Mutter eine höchst vernünftige, gesetzte und von dem klösterlichen Wesen ziemlich freye Person. Ausser ihr zieht ein Fräulein Mucius, eine ehemalige Bekannte einer Dame aus unsrer Gesellschaft, die auch deswegen von der Superiorin die Erlaubniß erhielt, bey uns zu bleiben, die Augen auf sich. Ungeachtet sie schon 16 Jahre im Kloster ist, so hat sie doch noch alle Züge von Schönheit. Ein feuriges und schönes Auge, das durch die Kopfbinde ihres Habits halb verdeckt, und auf eine gewisse Weise schmachtend und zugleich einnehmend gemacht wird; -- in ihrem Betragen eine gewisse stille und ruhige Zufriedenheit mit ihrem Zustande, die man bey den glücklichsten Personen so selten antrifft; eine Stimme, die sehr angenehm und sanft ist; -- und wenn man sich dieses noch junge Frauenzimmer denkt (deren Vater ein reicher und vornehmer Mann ist), in einem sehr schlechten Kleide (ob es sie gleich nicht verstellt), allen Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesellschaft entzogen, zum strengsten Gehorsam verpflichtet, und oft mit den niedrigsten, beschwerlichsten und ekelhaftesten Dienstleistungen der Kranken beschäftigt: so muß man Hochachtung und Mitleid für sie zugleich haben u. s. w.
Zwey und dreyßigster Brief.
Den 9. Januar 1768.
Für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre freundschaftliche Sorgfalt, mir Vergnügen zu machen, und es mir an dem Tage[B] zu machen, wo ich durch tausend andre angenehme Eindrücke mehr als gewöhnlich vorbereitet bin es zu genießen; dafür danke ich Ihnen aufs verbindlichste. Meine Mutter hat Ihren Willen sehr genau befolgt. Ich erfuhr Dienstags nichts davon, daß Briefe angekommen wären, und ich dachte also gewiß, Sie wollten Ihren Posttag verlegen, und würden von nun an Donnerstags schreiben. Diese Vermuthung machte, daß ich selbst nicht schrieb, und dabey blieb ich also ganz ruhig, bis des Donnerstags Morgens, indem wir alle beysammen waren, meine Mutter, die sich einen Augenblick entfernt hatte, mit einer sehr feyerlichen Miene, einem großen Kuchen in der Hand, auf dem Ihr Brief lag, und einem noch größern Glückwünschungs-Komplimente, das sie, wie sie sagte, von Ihnen auszurichten hätte, zurück kam. Die Sache war mir so unerwartet, daß sie mir Anfangs ein Räthsel zu seyn schien. Ich öffnete endlich Ihren Brief, die Schwierigkeiten wurden durch meine Mutter gehoben, und meine erste Ueberraschung endigte sich mit einer stillen und angenehmen Fröhlichkeit.
So viel war auch nöthig, wenn ich an einem Tage heiter seyn sollte, wo ich mich von einem heftigen Schnupfen, oder wovon es sonst war, so übel befand, daß ich eine ernsthafte Krankheit hätte befürchten können. Ich schob deswegen eine kleine Solennität, die auf diesen Tag bestimmt war, bis auf den folgenden auf. Gestern also habe ich mir das Vegnügen, ein Koncert bey mir zu machen, zum zweyten Male erlaubt. Meine Mitspieler waren noch besser, als das erste Mal. Die Gesellschaft war, außer meines Onkels Familie, der Hauptmann R*** mit seiner Frau; er ein sehr geschickter und verständiger Mann, jetzo der Ober-Bau-Inspektor von B****; sie, eine Sachsin von Geburt, aus Chemnitz, das beste Herz und die liebreichste, zärtlichste Ehegattin; endlich eine gewisse Fräulein von W****, ein Frauenzimmer von sehr guter Erziehung und Lebensart, und von vielem Verstande. Ihr Bruder, bey dem sie lebt, steht in eben dem Posten, wie mein Onkel, ist ein angenehmer und allenthalben willkommener Gesellschafter, und verdient um desto mehr Hochachtung, weil er sich aus einem Stande der Dürftigkeit, in dem er und seine Schwester, ihres Standes ungeachtet, ihre Jugend zugebracht haben, durch seine Geschicklichkeit, seinen Fleiß und seine gute Wirthschaft hat wissen heraus zu ziehen, und sich also die bequeme und artige Weise, mit der er jetzo lebt, ganz allein schuldig ist. So viel von unsrer Gesellschaft.
Unter der Musik nahmen sich die Sachen von einem gewissen Schobert, dem, der in Paris an Champignons gestorben ist, sehr vorzüglich aus. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich mit Ihnen schon davon geredet habe; aber gesetzt, das wäre auch geschehen, so kann ich es, zum Dank für das Vergnügen, was mir des Mannes Arbeit gemacht hat, nicht oft genug wiederholen, daß es die schönsten Sachen sind, die jemals aufs Klavier sind gesetzt worden; insbesondre die Duetts, Trios und Koncerte von ihm. Man kann nichts Neueres und zugleich Schöneres hören. Alle Ideen des ganzen Stücks sind original, und zuweilen so außerordentlich frappirend, daß sie den unverständigsten Zuhörer treffen müssen. Sie erfordern aber viel Uebung. Er selbst (denn wenn eine Nachricht wahr ist, die hier herum geht, so habe ich den Schobert selbst hier auf meiner Stube mehr als ein Mal vor langen Zeiten spielen hören, er ist sogar einen halben Monat, oder so etwas, mein Lehrmeister gewesen), er selbst also, vorausgesetzt, daß es dieser ist, hat die allergrößte Flüchtigkeit der Hände, die ich jemals gesehen habe. Er setzt also seine Stücke so, wie sie für seine eignen Finger am besten sind. Aber sie thun eine unbeschreibliche Wirkung, wenn sie auch nur mittelmäßig vorgetragen werden. Seine Stücke sind selten, und ich würde sie ohne die Gütigkeit eines Freundes niemals zu Gesichte bekommen haben.
So brachten wir also den gestrigen Tag ziemlich vergnügt zu. Demungeachtet befinde ich mich heute noch nicht ganz wohl. Ich schreibe deswegen auch nicht so viel, als ich mir vorgenommen hatte. Meine Mutter wird durch andre Hindernisse in einem ähnlichen Vergnügen gestört. Ihre Nahrung erfordert um diese Zeit viele Rechnungen, die sehr beschwerlich sind, und für jede andre Frau beynahe unmöglich wären. Aber sie verrichtet das alles mit einer Genauigkeit und Akkuratesse, deren ich gar nicht fähig wäre. Sie wird überdieß von einem Flusse im Ohre beschwert, und hört deswegen schlecht.
Ich erinnere mich, daß Sie vor langer Zeit einen Plan zur Erziehung Ihrer Wilhelmine verlangten. -- Zu einem solchen Plane habe ich weder Geschicklichkeit noch Geduld genug. Aber zerstreute Anmerkungen, wenn Sie die haben wollen, wenn Sie sich die Mühe geben wollen, sie so gut zu verbinden, als sie selbst es werden zulassen, wenn Sie mir versprechen, die Lücken durch ihre eignen Bemerkungen auszufüllen, die sollen Sie von mir bekommen. Flößen Sie Ihrer Wilhelmine, wenn Sie können, etwas von Freundschaft gegen einen Menschen ein, den Sie selbst mit so vieler beehren. Lassen Sie sie wissen, daß ich eher für sie gute Wünsche gethan habe, als sie selbst etwas wünschen konnte u. s. w.
Fußnote:
[B] Garvens Geburtstag fällt auf den siebenten Januar.
Drey und dreyßigster Brief.
Das ist wirklich eine Feyer meines Geburtstages, auf die ich mir etwas zu gute thue. Wenn ein Freund an mich denkt, und diese Erinnerung ihm Vergnügen macht; wenn er mir so viel Einfluß auf sein Herz zugesteht, daß ich es zuweilen ruhiger, freudiger, mit sich und mit andern zufriedener machen kann, das ist die größte Befriedigung, die meine Liebe und meine Eitelkeit verlangt. Sie, liebe Freundin, verstehen die Kunst, sich zu vergnügen, schon recht gut. Ihre Hoffnungen darauf werden Ihnen weit seltner fehlschlagen, wenn Sie es, so wie Sie es gethan haben, ohne viele Vorbereitungen bey sich selbst suchen.
Aber wenn Sie nur die Kunst, sich zu quälen, nicht zuweilen eben so gut verstünden. O, liebe Freundin, beynahe liegt noch das ganze Jahr mit allen seinen Tagen und Stunden vor Ihnen. Es scheint nun noch völlig in Ihrer Gewalt zu seyn, was Sie daraus machen wollen. Aber eilen Sie, eilen Sie, jede, schon die gegenwärtige Minute für die Glückseligkeit aufzuwenden. Das Vergnügen und die Tugend sind nicht blos als Wirkung und Ursache, sondern als zwey verschwisterte Eigenschaften der Seele mit einander verwandt, die gemeiniglich nicht ohne einander zu finden sind. -- Die Unzufriedenheit und das Mißvergnügen ist immer unthätig oder in Verwirrung; das Vergnügen ist zugleich ruhig und wirksam. Die Aufmerksamkeit der Seele ist dann jedes Mal bey dem Gegenstande zusammen, den sie vor hat, und ihre Kraft ist also ungetheilt, das, was sie thut, aufs beste zu thun. Das Vergnügen ist für die Seele, was die Gesundheit für den Körper ist; es macht sie zu allen ihren Verrichtungen aufgelegter und geschickter.
Das alles ist nun recht schön und vortrefflich. Aber die Frage ist, was für eine Art von Diät muß man der Seele vorschreiben, um sie bey diesem Wohlbefinden zu erhalten? Eine Regel dazu ist uralt, aber sie ist wahr: man soll mit seinen Wünschen sich in der Natur der Dinge einschränken, und nichts begehren, was diese nicht zuläßt. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen deutlich genug werde sagen können, was ich denke. Aber das weiß ich, in meinem Leben und in dem Leben meiner Freunde sehe ich den größten Theil ihres Verdrusses aus betrogenen Wünschen und Erwartungen entstehen, die nur deswegen betrogen wurden, weil sie selbst auf einen Irrthum gegründet waren. Sie z. B. (um meiner Absicht näher zu kommen) haben bey einem eingezogenen und ruhigen Leben, bey einem gutgearteten und rechtschaffenen Herzen, bey einem wohlgebildeten Geiste, und bey dem Genusse der vornehmsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenig andre Ursachen, unzufrieden zu seyn, als die Besorgnisse, daß Sie von Personen, deren Liebe Sie über alles schätzen, nicht genug geliebt, nicht genug hochgeachtet werden. Da diese Leidenschaft, in der That unter den übrigen die edelste, bey Ihnen die stärkste ist, so muß auch natürlicher Weise aus dieser Quelle die meiste Unzufriedenheit bey Ihnen entstehen.