Chapter 6
In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum, Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist."
Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung überlassen habe.
Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift, entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill" mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.
"Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht."
Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II. Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:
"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts."
Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck "die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen."
Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme."
Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge" leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter, noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte."
Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm. Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich, wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt, wenn man sie verloren."
Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten. Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber -- was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem Bürger, als heut zu Tage!"
Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen "Gesprächen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines Lebens lag.
Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder, Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder.
In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten. Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre. Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: "In einer erwünschten Befreiung von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen."
Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen, um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr einförmiges Leben vor Stockung bewahre." Fühlbar mußte ihm jedoch werden, daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für seine "Komischen Erzählungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann, welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen."
Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische Einkünfte durch seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler Reich in Leipzig, der ihm für das Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreißig Dukaten und für den "Diogenes von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie größtentheils eingebüßt. Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, ihn im Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach Reichs Tode, in nähere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen Buchhändler Göschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und die "Göttergespräche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands sämmtlichen Werken ward.
Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland seinen Schriften den höchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankündigung der Gesammtausgabe seiner Werke im zwölften Stück des "deutschen Merkur" vom Jahr 1793 äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren beschäftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mühe, um den kleinsten Flecken wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr werde. Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich zu seyn, und von den Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um sich noch in seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? Niemand kann es stärker fühlen und einsehen, als ich selbst, daß, meiner angestrengtesten Bemühungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schönen und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit schärfen, und meinen Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, wenn ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen Kräften stand, gethan zu haben, um ihr meinen geistigen Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter Ordnung, als mir möglich war, zu hinterlassen."
Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, wie sehr sein Styl und Geschmack sich allmälig geläutert hatten. Seinen Jugendarbeiten beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine "moralischen Erzählungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er diese Erzählungen "für das Beste von allem, was er vor seinem fünf und zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzählung: "Araspes und Panthea" äußerte er in einem Briefe an seinen Verleger Göschen: "Ich finde, daß es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr jugendliche und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche Product an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht hinsichtlich des Inhalts oder der darin geäußerten Geisteskräfte (in welcher Rücksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschloß er sich, seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch, wie er äußerte, "gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei."
Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, die er wieder verwarf, äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November 1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin überein, daß meine Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben, und sich so weit von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar einen eben so beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu seyn, daß die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst meinem Commentar enthalte."
Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe seiner Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen sämmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was ich nach meiner besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten und reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von Vollkommenheit möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe, siebzehn Gesänge seines "Neuen Amadis," dessen "licensiöse Versart" ihm nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen Geständniß ging Wielands Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem eben erwähnten Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, "ohne Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mühsame Revision der dreißig Bände seiner sämmtlichen Werke" vollendet. Er sah sich dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude überließ er sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse milderten, daß das Unternehmen für seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeiführen möchte.
Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er den Moment, in welchem die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider," schrieb er, "in eine unglückliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, das Einzige, was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit jedem Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit beinahe noch schlimmer ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit einem bedeutenden Verlust bedrohte.
In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung suchen, und er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum hätte er eine Gattin finden können, die die Pflichten einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter pünktlicher erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr Aeußeres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein höchstes Lebensglück. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster jeder weiblichen und häuslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen würde. Die Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, daß ich nicht acht Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran, oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes Mütterchen wieder, und sie befindet sich außer Gefahr."
Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für einen Zuwachs seiner häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und Engelchen", wie er seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein herzerfreuender Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen Freund, doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber zu theilen, daß die Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der Taufe seiner Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte ihm vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter und drei Söhne am Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entriß ihm der Tod. "Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe, die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben."