Chitra: Ein Spiel in einem Aufzug

Part 2

Chapter 22,458 wordsPublic domain

Meine Gedanken sind heute auf die Jagd gerichtet. Sieh, wie der Regen in Strömen herniederstürzt und wild gegen den Berghang schlägt. Dunkle Wolkenschatten hängen schwer über dem Wald, und gleich der sorglosen Jugend überspringt der geschwollene Strom mit spöttischem Lachen alle Schranken. Stets gingen wir fünf Brüder an solchen Regentagen in den Wald von Chitraka, wilde Tiere zu jagen. Das waren schöne Zeiten. Unsre Herzen tanzten zum Trommelwirbel der grollenden Wolken. Der Wald hallte wider von den Schreien der Pfauen. Durch das Klatschen des Regens und das Rauschen des Wasserfalles konnte das ängstliche Wild unsre Schritte nicht hören. Die Leoparden ließen ihre Spuren in der nassen Erde zurück und verrieten so ihr Lager. War die Jagd vorüber, so forderten wir uns auf dem Heimweg gegenseitig heraus, reißende Ströme zu durchschwimmen. Ein ruheloser Geist wohnt in mir, ich habe Sehnsucht nach der Jagd.

_Chitra_

Erst erlege das Wild, das Du jetzt verfolgst. Bist Du gewiß, daß das verzauberte Tier, das Du jagst, unbedingt gefangen werden muß? Nein, noch nicht. Wie ein Traum entgleitet Dir das wilde Geschöpf, wenn es Dir am nächsten scheint. Sieh, wie der rasende Regen den Wind jagt und tausend Pfeile hinter ihm her sendet. Und doch bleibt der Wind frei und unbesiegt. So ist auch unser Waidwerk, Geliebter! Du jagst nach der schnellschreitenden Schönheit und versendest all Deine Pfeile nach ihr, und doch flieht dies zaubrische Wild stets frei und unberührt davon.

_Arjuna_

Hast Du kein Heim, Geliebte, wo liebende Herzen Deiner Rückkehr harren? Ein Heim, dem Du durch sanftes Dienen Lieblichkeit verliehst, und dessen Licht erlosch, als Du es für diese Wildnis verließest?

_Chitra_

Was fragst Du? Sind die Stunden der Lust vorbei, in denen es kein Denken gab? Weißt Du nicht, daß ich nur die bin, die Du vor Dir siehst? Mein Blick geht nicht über das Jetzt hinaus. Der Tau auf den Blättern der Kinsuka-Blüte hat weder Namen noch Schicksal, und gewährt keiner Frage Antwort. Sie, die Du liebst, gleicht jener vollkommenen Tauperle.

_Arjuna_

Verbindet sie kein Band mit der Welt? Ist sie nur ein Stück Himmel, das ein lustspendender Gott unachtsam zur Erde fallen ließ?

_Chitra_

Ja.

_Arjuna_

Ach, darum ist mir immer, als müßte ich Dich verlieren. Mein Herz ist unbefriedigt, meine Gedanken friedlos. Komm näher zu mir, Unerreichbare! Ergib Dich und dulde die Fesseln, die da heißen: Name, Heim, Sippe. Laß mein Herz Dich ganz umschließen, und mit Dir leben in der ruhigen Sicherheit der Liebe.

_Chitra_

Warum mühst Du Dich vergebens, die Farben der Wolken, den Tanz der Wellen, den Duft der Blumen zu haschen und zu halten?

_Arjuna_

Herrin mein, glaube nicht, daß Du mit Luftgebilden die Liebe befriedigen kannst. Gib mir etwas, woran ich Halt finde, etwas, das die Lust überdauert, das sich im Leid bewährt.

_Chitra_

Mein Held, noch ist das Jahr nicht zu Ende, und schon bist Du müde! Ja, nun erkenne ich die himmlische Güte, die den Blumen ein kurzes Leben gab. Wäre ich mit den Blumen des letzten Frühlings verwelkt und gestorben, ich wäre mit Ehren dahingegangen. Doch meine Tage sind gezählt, Geliebter. Schone mich nicht, saug allen Honig aus mir, da Du voller Angst bist, daß Dein armes Herz wieder und wieder zurückkommt voll unerfüllter Wünsche und Begierden, gleich der durstigen Biene, wenn die Sommerblumen welk im Staub liegen.

SIEBENTE SZENE

IM TEMPEL

_Madana_

Heute ist Deine letzte Nacht.

_Vasanta_

Des Frühlings unerschöpfliche Schatzkammer wird morgen die Lieblichkeit Deines Körpers zurücknehmen. Die rosige Farbe Deiner Lippen wird in einem Asoka-Blütenpaar neu aufblühen, frei von der Erinnerung an Arjunas Küsse. In hundert duftenden Jasmin-Blumen wird der matte, weiße Glanz Deiner Haut auferstehen.

_Chitra_

O Götter, erhört mein Gebet! Laßt meine Schönheit in der letzten Stunde dieser Nacht am hellsten erstrahlen, wie das letzte Aufleuchten einer sterbenden Flamme.

_Madana_

Dein Wunsch sei Dir gewährt.

ACHTE SZENE

IM WALD

_Die Dorfleute_

Wer wird uns nun beschützen?

_Arjuna_

Was soll's, welche Gefahr droht Euch?

_Die Dorfleute_

Die Räuber kommen in Scharen aus den nördlichen Bergen, wie die Flut des Gebirgsstromes, die unser Dorf verheert.

_Arjuna_

Habt ihr keine Wächter in Eurem Königreich?

_Die Dorfleute_

Chitra, die Königstochter, war der Schrecken aller Bösen. Als sie noch in diesem glücklichen Lande weilte, kannten wir keine Furcht außer einer: sterben zu müssen. Nun ist Chitra auf einer Pilgerfahrt, und niemand kennt ihren Aufenthalt.

_Arjuna_

Ist der Hüter dieses Landes ein Weib?

_Die Dorfleute_

Ja, sie ist uns Vater und Mutter zugleich.

(Die Dorfleute entfernen sich. Chitra tritt ein.)

_Chitra_

Warum sitzest Du hier so einsam?

_Arjuna_

Ich versuche mir vorzustellen, was für eine Frau die Prinzessin Chitra sein mag. Viele Menschen erzählen viele Geschichten von ihr.

_Chitra_

Ach, sie ist nicht schön, sie hat nicht meine schönen Augen, die dunkel sind wie der Tod. Mit ihrem Geschoß kann sie jede Scheibe durchbohren, nur nicht das Herz unsres Helden.

_Arjuna_

Sie sagen, an Tapferkeit sei sie ein Mann, und ein Weib an Zärtlichkeit.

_Chitra_

Und das gerade ist ihr größtes Unglück. Das Weib, das nur Weib ist, das mit seinem Lächeln, mit seinen Seufzern, und mit zarten Liebkosungen die Herzen der Männer einspinnt, ist allein glücklich. Was frommt ihr Weisheit und große Taten? Hättest Du die Prinzessin nur gestern sehen können, im Hof von Shivas Tempel, der am Waldpfad liegt, Du wärest vorübergegangen ohne sie eines Blickes zu würdigen. Bist Du denn weiblicher Schönheit so überdrüssig, daß Du in ihr männliche Kraft suchst?

Aus grünen Blättern, feucht vom sprühenden Gischt des Wasserfalls, habe ich unser Bett zur Mittagsrast bereitet, in nachtdunkler Grotte. Die Kühle des weichen grünen Mooses, das dicht den tropfenden Stein bedeckt, küßt dort Deine Augen in Schlaf. Laß Dich dorthin geleiten.

_Arjuna_

Nein, heute nicht, Geliebte.

_Chitra_

Warum nicht heute?

_Arjuna_

Ich habe von einer Räuberhorde gehört, die in die Ebene gekommen ist. Ich muß gehen meine Waffen bereiten, um die erschreckten Dorfleute zu beschützen.

_Chitra_

Du brauchst Dich nicht um sie zu sorgen. Prinzessin Chitra hat starke Wächter an den Grenzpässen aufgestellt, ehe sie ihre Pilgerfahrt begann.

_Arjuna_

Nur für kurze Zeit laß mich das Kriegshandwerk eines Kshatriya üben. Mit neuem Ruhm will ich diesen müßigen Arm bedecken, damit er Deinem Haupt ein würdigeres Kissen sei.

_Chitra_

Doch, wenn ich mich weigere Dich gehen zu lassen, wenn meine Arme Dich umwunden halten? Würdest Du Dich roh von mir losreißen und mich verlassen? So geh! Aber wisse, daß die Liane -- einmal entzweigebrochen -- nie wieder zu einem Ganzen wird. Geh, wenn Dein Durst gestillt ist. Doch wenn nicht, denke daran, wie unbeständig die Göttin der Lust ist und daß sie nicht wartet auf den Menschen. Bleib noch eine Weile, Herr! Sage mir die unruhigen Gedanken, die Dich quälen. Wer nahm heute Deine Seele gefangen? War es Chitra?

_Arjuna_

Ja, es ist Chitra. Mich nimmt wunder, um welches Gelübdes willen sie auf die Pilgerfahrt gegangen ist. Was mangelt ihr?

_Chitra_

Was ihr mangelt? Ja, hat sie denn je etwas besessen, die Unglückliche? Es sind ja ihre eigensten Fähigkeiten, die sie mit Gefängnismauern umschließen und ihr Frauenherz in einer kahlen Zelle gefangen halten. Verdunkelt ist diese Frau und unerfüllt. Ihre Weibesliebe muß sich mit einem Lumpenkleide bescheiden, denn Schönheit blieb ihr versagt. Sie gleicht dem Geist eines freudlosen Morgens. Sie sitzt auf steinigem Berggipfel und dunkle Wolken haben ihr Licht ausgelöscht. Frag mich nicht nach ihrem Leben. Seine Geschichte klingt dem Ohr des Mannes nicht lieblich.

_Arjuna_

Ich brenne danach, alles von ihr zu hören. Ich bin wie ein Wanderer, der um Mitternacht an eine fremde Stadt kommt. Kuppeln, Türme und Gartenbäume sehen verschwommen und schattenhaft aus, und durch die Stille des Schlafes tönt hin und wieder das dumpfe Klagen des Meeres. Und er harrt sehnsüchtig auf den Morgen, der ihm alle die fremden Wunder offenbaren soll. O, erzähle mir ihre Geschichte.

_Chitra_

Was ist da mehr zu erzählen?

_Arjuna_

Meine Einbildung zaubert mir sie vor, wie sie auf weißem Rosse reitet, in der Linken die Zügel haltend und in der rechten Hand den Bogen, gleich der Liebesgöttin, die frohe Hoffnung spendet. Mit wilder Liebe schützt sie ihre säugenden Jungen wie eine wachsame Löwin. Auch des Weibes Arme, die nichts anderes als ungefesselte Kraft schmückt, sind schön! Mein Herz ist ruhelos, Du Liebliche, wie eine Schlange, die aus langem Winterschlaf erwacht. Komm, laß uns miteinander auf schnellen Rossen dahineilen, Seite an Seite, wie Zwillingsgestirne, die leuchtend den Raum durchmessen. Heraus aus diesem dunklen, grünen, einschläfernden Gefängnis, komm hervor unter der feuchten, duftenden, berauschenden Decke, die den Atem benimmt!

_Chitra_

Arjuna, sag mir die Wahrheit: wenn ich mich jetzt plötzlich durch einen Zauber dieser wollüstigen Weichheit entledigen könnte, diesen zarten Schmelz der Schönheit abstreifte, der vor der derben, gesunden Berührung der Welt schaudert, und das alles von meinem Körper herunterrisse wie geborgtes Gewand -- könntest Du das ertragen? Wenn ich mich aufrichte, grade und stark, mit der Kraft eines mutigen Herzens, und die Listen und Künste der kriechenden Schwachheit verächtlich von mir weise, wenn ich mein Haupt erhebe, wie die hohe, junge Bergtanne, und mich nicht länger im Staub winde, wie die Liane, -- werde ich dann Gnade finden vor den Augen des Mannes? Nein, nein, Du könntest es nicht ertragen. Es ist besser, ich verstreue um mich all die zierlichen Spielereien flüchtiger Jugend und warte auf Dich in Geduld. Ist's Dir gefällig zurückzukehren, so will ich Dir lächelnd aus dem Becher dieses schönen Leibes den Wein der Lust schenken. Hast Du genug davon und bist Du müde, so will ich mich demütig und dankbar in den Winkel zurückziehen, den man mir gelassen hat. Wie gefiele es Deiner Heldenseele, hoffte die Gespielin der Nacht Deine Gefährtin am Tage zu sein? Wie, wenn der linke Arm die Last des stolzen rechten mit zu tragen lernte?

_Arjuna_

Ich werde Dich niemals richtig erkennen. Eine Göttin, verborgen in einem goldenen Heiligenbild scheinst Du mir. Ich kann Dich nicht berühren, ich kann Dir Deine unschätzbaren Gaben nicht vergelten. Und so bleibt meine Liebe unvollkommen. Aus der rätselhaften Tiefe Deiner traurigen Augen, aus Deinen spielerischen Worten, die ihre eigene Bedeutung verspotten, erhasche ich manchmal den Schimmer eines Wesens, das die schmachtende Anmut seines Körpers vernichten möchte. In der reinen Flamme des Leides, verborgen hinter des Lächelns zartem Schleier, sehnt es sich wieder zu erstehen. Ein Trugbild, erscheint uns die Wahrheit zuerst, in einer Verkleidung tritt sie vor den Geliebten hin. Aber es kommt eine Zeit, da sie Schleier und Schmuck abwirft und dasteht, bekleidet mit nackter Hoheit. Ich verzehre mich nach diesem letzten Du, nach jener einfachsten, wahrsten Klarheit. Was bedeuten die Tränen, mein Lieb? Warum verbirgst Du Dein Gesicht in den Händen? Hab ich Dir weh getan, mein Liebling? Vergiß, was ich sagte. Ich will mit der Gegenwart zufrieden sein. Wie der Vogel Geheimnis aus unsichtbarem, dunkelm Nest zu mir kommt, musikerfüllte Botschaft bringend, so komm Du zu mir und laß mich jeden Augenblick der Schönheit erleben. Laß mich und meine Hoffnung ewig am Ufer der Erfüllung sitzen und so meine Tage beschließen.

NEUNTE SZENE

IM WALD

_Chitra_

(in einen Mantel gehüllt.)

Mein Herr, hast Du den Becher bis zur Neige geleert? Ist dies wirklich das Ende? Nein, wenn alles getan, so bleibt doch noch Eins, mein letztes Opfer, das ich zu Deinen Füßen darbringe. Aus dem himmlischen Garten brachte ich Blumen von unvergleichlicher Schönheit, Dich zu ehren, Gott meines Herzens.

Ich will die Blumen aus dem Tempel hinauswerfen, wenn sie verwelkt sind und die heilige Handlung vorüber.

(Sie nimmt ihren Mantel ab und trägt Männerkleidung wie am Anfang.)

Nun laß Deinen Knecht Gnade finden vor Deinen Augen.

Ich bin nicht schön und vollkommen wie die Blumen, mit denen ich Dich ehrte. Ich bin voller Schuld und Fehler. Auf der großen Heerstraße der Welt bin ich ein Wanderer, meine Kleider sind beschmutzt, und Dornen haben meine Füße blutig gerissen. Wie könnte ich schön sein wie die Blumen, voll unbefleckter Lieblichkeit, für die kurze Dauer eines Augenblicks? Die Gabe, die ich Dir voll Stolz darbringe, ist das Herz eines Weibes. Darinnen ist eingeschlossen aller Schmerz und alle Lust, alle Hoffnung, alle Furcht, alle Scham einer Erdentochter.

Hier ist der Uranfang der Liebe, von hier aus ringt sie nach Unsterblichkeit. Im Herzen des Weibes liegt eine große und erhabene Unvollkommenheit. Nun, da die Anbetung der Schönheit vorüber, nimm diesen

(auf sich zeigend)

als Deinen Knecht für kommende Tage.

Ich bin Chitra, die Königstochter. Vielleicht erinnerst Du Dich des Tages, als in Shivas Tempel ein Weib zu Dir trat, behangen mit Putz und Schmuck. Die Schamlose kam und warb um Dich wie ein Mann. Du stießest sie zurück, und Du tatest wohl daran. Herr, jenes Weib -- bin ich. Sie diente mir als Maske. Damals verlieh mir die göttliche Gnade für ein Jahr die strahlendste Gestalt, die je einem Sterblichen wurde. Mit der Last jenes Betruges beschwerte ich meines Helden Herz. Dies Weib kann ich nicht sein.

Ich bin Chitra. Keine Göttin bin ich, die man anbetet, aber auch nicht ein Gegenstand allgemeinen Mitleids, den man achtlos abschüttelt wie ein Insekt. Wenn Du mich würdig findest, Dir zur Seite zu stehen, wenn ich die großen Pflichten Deines Lebens teilen darf -- dann wirst Du mein wahres Wesen erkennen. Wenn Dein Kind, das ich in meinem Schoß nähre, ein Sohn sein wird, will ich es lehren, ein zweiter Arjuna zu werden. Wenn die Zeit kommt, werde ich ihn zu Dir senden, und Du wirst endlich mein eigenstes Ich erkennen. Heute kann ich Dir nur Chitra darbringen, die Tochter eines Königs.

_Arjuna_

Geliebte, mein Leben ist vollkommen erfüllt.

ENDE

ANMERKUNGEN

Zu Seite:

5: _Pandava_ (so für Pandaṟa zu lesen). Das Königsgeschlecht, von dem das Mahābhārata handelt, stammt von _Kuru_ ab; ein Zweig derselben sind die Pāṇḍavas, fünf Brüder (S. 50), zu denen der Held Arjuna gehört. Dieser stammt also auch aus dem Hause der Kurus. (S. 9.)

35: _Malati-Hain._ Mālati ist der großblütige Jasmin.

38: _Stephali-Blüten_; lies _Sh_ephali. Śephālikā ist der Strauch vitex negundo, dessen Blüten in Vasavadatta Abt. IV mit Zinnoberkügelchen verglichen werden.

53: _Kinsuka-Blüte._ Der Kiṃśuka, Butea frondosa, ist ein stattlicher Baum, dessen Zweige im Frühjahr mit großen scharlachroten Schmetterlingsblüten bedeckt sind. Die schöne Blüte ist aber geruchlos.

56: _Asoka-Blüten._ Der Aśokabaum, Jonesia Asoka, hat rote Blüten. Er spielt in der indischen Dichtung eine große Rolle. Aśoka bedeutet »Kummerlos.«

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Tagore's Dichtung entspricht nicht dem Sinn der Sage. Er sagt S. 6 von Chitrā's Vater: »er hatte sie deshalb stets wie einen Sohn gehalten und zu seinem Erben gemacht«. Der Text in Protap Chandra Roys Übersetzung lautet: I have duly made her a _Putrikā_. _putrikā_ ist ein juristischer Ausdruck und bezeichnet eine Tochter, die mangels eines Sohnes (_putra_) die Familie ihres Vaters, nicht ihres Gatten fortpflanzen soll. Für letzteren bedeutet also die Eingehung einer solchen Ehe den Verzicht auf die Fortpflanzung seiner Familie. Tagore hat dies offenbar nicht gewußt und macht daher aus _putrikā_ eine Tochter, die als Sohn (_putra_) erzogen wird! Das Epos kennt eine Sage, wo eine Prinzessin für einen Prinz ausgegeben und als solcher erzogen wird (die Geschichte von _Śikhandin_). Diese Reminiszenz mag sich bei dem Dichter mit dem Sagenstoff, auf den er in der Vorrede hinweist, verschmolzen haben.

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Für die Anmerkungen ist die Übersetzerin dem Sanskritisten der Bonner Universität, Herrn Geheimrat Prof. Dr. Jacobi, zu Dank verpflichtet.