China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 8
Nicht so bald! Der konservative Zug der Chinesen, die Achtung vor dem Althergebrachten schützt uns noch für lange Zeit vor ihnen. Kennen sie doch die Europäer schon seit Jahrhunderten und ihre Werkzeuge, ihre Maschinen, ihre praktischen Arbeitseinrichtungen schon seit Jahrzehnten. Die weißen Barbaren brachten ihnen bequeme Arbeitswaffen, einfach, leicht, der doppelten Leistung fähig, aber die Mongolen ließen sie unbeachtet und arbeiteten mit den alten plumpen, schweren Werkzeugen weiter, dabei möglicherweise besser, sorgfältiger als wir mit unserer praktischen Schulung und unseren praktischen Werkzeugen. Man sehe sich nur ihre Bronzen, ihre Holzschnitzereien, ihre Lackwaren, Porzellane, Möbel an! Jeder Artikel ist das Werk einer einzigen Familie, vielleicht eines einzigen Arbeiters, denn Arbeitsteilung kennt der Chinese nicht. Sang Ting oder Han Tschang hat möglicherweise die Form für seine Bronze selbst modelliert, die Metallmischung und den Guß vorgenommen; er hat selbst mit dem Stichel die einzelnen Figuren ciseliert und emailliert, vergoldet und vollendet. Sang Ching macht nicht etwa nur die Holzarbeit eines Möbels. Er webt die Stoffe, macht die Stoffmuster, das Gerippe des Möbels, schnitzt kunstvolle Verzierungen, lackiert und tapeziert selbst. Mag man über die bizarren Formen dieser uns fremdartig berührenden Erzeugnisse lächeln, jedes Stück hat doch einen gewissen Charakter und zeigt etwas Individuelles. Maschinen wurden schon vor fünfzig Jahren eingeführt, und die Engländer boten alles Erdenkliche auf, sie unter die Leute zu bringen, aber die Chinesen nahmen nur solche an, welche kraftspendend waren, andere jedoch, welche die Handarbeit selbst übernehmen und vollkommener verrichten, wie z. B. die Nähmaschinen, wiesen sie zurück. Tausend Fächer, einander so gleich wie ein Ei dem anderen, werden Stück für Stück, Blatt für Blatt von einem einzigen Arbeiter geschnitzt, gebunden, gemalt und verkauft. Reichen bei größeren Arbeiten die Hände nicht aus, so werden die Füße, die Zehen zu Hilfe genommen, und mancher Chinese leistet mit seinen Zehen Besseres als mancher Weiße mit seinen Händen. Sie haben ein erstaunliches Geschick; jeder einzelne ist ein Meister Hämmerlein. In manchen chinesischen Dörfern fand ich keinerlei Kaufläden, und als ich mich erkundigte, wo denn die Menschen ihre Stoffe, Schuhe, Gerätschaften hernähmen, hieß es, sie verfertigten sie selbst. In Bauernhäusern fand ich uralte Webstühle, vor den Häusern saßen Frauen, die Kleider nähten, hockten Männer, die Sandalen flochten. Ist etwas zu besorgen, wozu ihnen die Werkzeuge fehlen, so rufen sie irgend einen der wandernden Handwerker. Schmiede, Flickschneider, Schuster, Barbiere, Gewerbtreibende aller Art wandern von Ort zu Ort, gerade so, wie ich es auch in Korea getroffen habe und wie es bei uns die Scherenschleifer thun. Wo sie Arbeit finden, wird Halt gemacht, das Ränzlein ausgepackt und gearbeitet. Auf dem Wege von Zikawei nach Sutschan begegnete ich einem Schmied, der eben im Begriffe war, seine ambulante Schmiede einzurichten, um einige Flickarbeiten zu besorgen. Statt wie bei uns die Ränzchen auf dem Rücken zu tragen, oder einen Handwagen mit sich zu führen, schieben die chinesischen Handwerker ihre Siebensachen auf einem unförmlichen Schubkarren vor sich her, oder sie verteilen sie in zwei flache Körbe und hängen diese an die beiden Enden eines mannslangen, armdicken Bambusrohres, das sie auf den Schultern oder auf dem Nacken tragen. So befördern sie meilenweit Lasten, welche wir nicht hundert Schritte weit tragen würden, ohne erschöpft zu sein. Mein guter Schmied hatte an dem einen Ende des Bambusrohres einen Blasbalg hängen, an dem ein unförmiges Stück Eisen, sein Amboß, festgebunden war. Am anderen Ende hing ein schwerer Korb mit alten Eisenstücken, Werkzeugen und einem Kohlensack. Darüber thronte eine Pfanne und ein irdener Topf. Während ich meinen Tiffin (Gabelfrühstück) einnahm und ein wenig ruhte, beobachtete ich seine Thätigkcit. Er legte den Amboß auf einen Stein, den er zuvor mit etwas feuchter Erde bedeckt hatte, holte die Pfanne hervor, die er mit Kohlen füllte, fügte durch eine Oeffnung in der ersteren den Blasbalg ein und begann das Feuer anzufachen. Dann füllte er den Topf in dem nahen Kanal mit Wasser, und nun sah ich erst, daß er im Begriff war, zuerst seine Mahlzeit zu kochen, denn er warf eine Handvoll gepreßtes Seegras in den Topf, dazu eine Menge gekochten Reis. Mit einem Appetit, als wäre es Trüffelragout, verschlang er dann dieses Gemengsel, und derselbe Topf diente ihm später zum Abkühlen der Eisenstücke und Gerätschaften, die ihm von den Einwohnern zur Ausbesserung gebracht wurden.
In den Städten halten sich diese wandernden Künstler länger auf; sie bleiben stunden-, auch tagelang an irgend einer Mauer hocken und warten auf Kundschaft. In Tschinkiang am Jangtsekiang wohnte ich einer ergötzlichen Szene bei. Es war gerade großer Festtag, die Feier irgend eines Provinzheiligen, und in der Stadt drängten sich viele Tausende von Landleuten aus der ganzen Provinz. Ein zerlumpter, struppiger Mongole kam durch die Hauptstraße gewandert und kauerte vor einem an der Schattenseite im Freien thätigen Barbier nieder. Bevor er sich seinen Schädel kahl rasieren ließ, zog er seine blaue Aermeljacke aus und warf sie einer wandernden Flickschneiderin zu, die vor seinen Augen mitten auf der Straße die Schäden ausbesserte. Da kam ein Flickschuster mit seinem Schnappsack herbeigelaufen, und wie in England die Bootblack- (d. h. Stiefelwichs-) Jungen, so wies auch dieser mongolische Crispinusjünger beharrlich auf die Schäden an den Filzschuhen des Chinesen. Nach längerem Geschrei und Geplapper schienen die beiden handelseinig; der Schuster zog dem Chinesen die Schuhe ab, setzte sich neben das Flickweib und begann nun seinerseits, Lederflecke auf die Löcher der Fußbekleidung zu setzen.
Leder findet in China bei weitem nicht die ausgebreitete Verwendung wie bei anderen Völkern. Lederschuhe sieht man fast gar nicht, denn die Fußbekleidung der ärmeren Klassen besteht aus Strohsandalen, jene der bemittelteren aus Seide, mit Filzsohlen.
In gar manchen Industrien sind uns die Chinesen wie gesagt trotz ihrer primitiven Werkzeuge ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ihre Silberarbeiten sind bewundernswert; einzelne Arbeiter modellieren, schmieden und vergolden die herrlichsten Vasen, Prunkbecher, Blumenhalter mit Hunderten von getriebenen Figürchen, kaum ein oder zwei Centimeter groß, aber so zart gearbeitet, daß man die Gesichtszüge und den Faltenwurf der Gewänder daran unterscheiden kann; dann werden diese Arbeiten von denselben Künstlern noch ciseliert.
Noch zarter und künstlerischer sind die herrlichen Stickereien. Viele Tausende von Männern und Frauen sind in Canton mit Stickarbeiten beschäftigt, die auch in großen Mengen nach Europa ausgeführt werden und hier willige Abnehmer finden. Monatelang wird manchmal an einem Stück gearbeitet; die Blumen, Vögel, Schmetterlinge werden ihnen nicht vorgezeichnet; sie arbeiten direkt nach dem Muster auf der Seide und führen bestimmte Stickereien auf beiden Seiten derselben aus, wobei sie die Enden der Fäden so geschickt verarbeiten und verstecken, daß man sie nicht entdecken kann. Die schönsten Muster werden in Seidenstoffe auf ganz einfachen Webstühlen eingewebt. Mit den Geheimnissen der Färberei sind sie, obwohl sie von der Chemie als Wissenschaft keine Ahnung haben, wohl vertraut, und die von ihnen gefärbten Stoffe halten die Farben besser als diejenigen, die sie von Europa geliefert bekommen. In der Zartheit und Genauigkeit von Holz-, Elfenbein- und Steinskulpturen stehen sie unerreicht da. Mit großer Findigkeit benutzen sie z. B. in geädertem Marmor die dunklen Adern, in Astholz die Astknoten für die Zwecke ihrer Arbeit; aus einer knorrigen Wurzel schneiden sie im Handumdrehen einen langbärtigen Götzen, aus einem vielkantigen Speckstein einen grotesken Alten, wobei ihnen die Auswüchse und Vorsprünge des Materials eher förderlich als hinderlich sind. An Häuserfronten, Thüren, Wänden, Möbeln bringen sie derlei Skulpturen an, wo sich nur Platz bietet, schneiden, polieren, vergolden und bemalen sie mit großer Kunst, aber sie verstehen es nicht, den Figuren die richtigen Verhältnisse, landschaftlichen Darstellungen die Perspektive zu geben. Das zeigt sich auch bei ihren Malereien. In Canton fand ich Tausende mit dem Bemalen des sogenannten Reispapiers beschäftigt, eine Eigenart der chinesischen Industrie. Dieses vermeintliche Reispapier, zart, blendend weiß, sehr gebrechlich und federleicht, ist keineswegs Papier, sondern das Mark einer Abart des Brotfruchtbaumes, das sehr sorgfältig abgelöst und dann mit dünnen, breiten Messern in ganz dünne Scheiben geschnitten wird. Auf diese Scheiben malen die Chinesen mit Wasserfarben alle möglichen Bildchen aus dem Volks- und Familienleben, Porträts, Landschaften, aber sie haben es nicht gelernt, den Bildern Schatten zu geben, ja in einem Porträt wird beispielsweise die Schattierung als Fehler angesehen; bei Darstellungen von Landschaften denken sie sich dieselben nicht von einem einzigen Standort aus gesehen, sondern sie verändern denselben jeweilig und malen also eine entfernt stehende Person ebensogroß und mit ganz denselben Einzelheiten, wie eine nahestehende, nur stellen sie die letztere tiefer, die entfernt stehende höher im Bilde.
In der Mehrzahl der Städte, selbst der kleinsten, werden Seidenstoffe gewebt, aber nirgends befindet sich eine Fabrik in unserem Sinne des Wortes; die Seide wird in einzelnen Familien verarbeitet, deren wertvollste Habe ihr unförmiger Webstuhl bildet. Und doch verstehen diese armen, unwissenden Mongolen bessere Seidenstoffe zu machen als wir. Die Worte Seide (Setum), Satin, Senshaw, die heute in der ganzen Welt eingebürgert sind, stammen aus dem Chinesischen, wo sie Sse, Ssetum und Ss’inscha heißen. In Nanking ließ ich mich in die berühmte kaiserliche Seidenfabrik führen, wo die Seide für den kaiserlichen Hof in Peking, sowie für die Ahnen- und Götzenopfer angefertigt wird, gewaltige Mengen, denn in Peking werden für Opferzwecke jährlich dreißigtausend Stück Seide allein verbrannt. Statt einer Fabrik fand ich dort eine Reihe schmutzstarrender dunkler Räume und in jedem einen plumpen, vorsündflutlichen Webstuhl; aber auf diesen entstanden allmählich unter meinen Augen die herrlichsten Damastbrokate, welche am chinesischen Kaiserhofe die Bewunderung der Gesandten in so hohem Grade erregen.
Welche Künstler die Chinesen in Bezug auf das Porzellan sind, ist ja bekannt; von China kam die Porzellanfabrikation auch nach Korea und von dort nach Japan, wo man heute vielleicht noch zarteres Porzellan macht wie in dem eigentlichen Mutterlande desselben.
Ob es wohl bekannt ist, daß der Name Porzellan nicht aus diesem letzteren, sondern aus dem Portugiesischen stammt? Als die Portugiesen vor drei Jahrhunderten die zarten durchscheinenden gebrechlichen Theetassen zum erstenmal sahen, hielten sie das Material für geschliffene Perlmuttermuscheln, im Portugiesischen Porcellana genannt, und dieser Name blieb dem Porzellan in den meisten Ländern und Sprachen bis auf den heutigen Tag.
Papier war ihnen schon im ersten Jahrhundert vor Christo bekannt, aber gerade so wie damals machen sie es heute noch aus Bambusfasern, die sie in einem großen Mörser zerstampfen und mit etwas Baumwollfaser mischen. Sie selbst betrachten das koreanische Papier als das beste, und bis auf die jüngste Zeit bestand ein Teil des Tributs, welchen Korea an den Kaiser von China zu zahlen hatte, in Papier. Aus derselben Zeit stammt die Erfindung der Tusche, die sie immer noch aus denselben Stoffen, Oel-, Kohlen- und Fichtenholzruß (also nicht etwa aus dem Tintenfisch, wie es in Europa vielfach angenommen wird), erzeugen. Vielfach wurde von seiten der Europäer in China versucht, besonders bei Artikeln, welche nach Europa ausgeführt werden, den Chinesen billigere Erzeugungsmethoden beizubringen, aber sie bleiben mit rührender Beharrlichkeit bei ihren althergebrachten Methoden, wie sie möglicherweise schon zur Zeit des Confucius gebräuchlich waren. Fast könnte man daran verzweifeln, daß sie sich in ihren Industrien überhaupt aufrütteln lassen, wenn nicht die wohlfeilen europäischen Produkte die chinesischen unterbieten und deshalb immer mehr und mehr Eingang finden würden.
Der Chinese ist viel zu sehr Rechenmeister und Handelsmann, um sich auch dann auf seine Ueberlieferungen zu steifen, wenn es ihm an den Geldbeutel geht; einzelne Artikel hat er schon aufgegeben, um sie durch europäische zu ersetzen, andere europäische hat er selbst zu erzeugen begonnen. So z. B. machen die Chinesen wohl schon seit langer Zeit Nähnadeln, aber jede einzelne wird mit der Hand gefeilt und gebohrt und ist deshalb nicht nur kostspielig, sondern auch so plump, daß sie sich mit unseren spottbilligen Nadeln gar nicht vergleichen lassen. Bekanntlich werden unsere Nadeln in kleine schwarze Paketchen gepackt. Die guten chinesischen Damen stießen sich anfänglich an der schwarzen Unglücksfarbe des Packpapiers und meinten, wenn die Nadeln in rotes Papier gepackt wären, würden sie sie doch versuchen. Natürlich beeilten sich die Birminghamer, ihre zarten Produkte für den chinesischen Markt in schönes rotes Papier zu hüllen, und jetzt haben sich die Chinesen so sehr an die billigen europäischen Nadeln gewöhnt, daß sie auch schwarze Packungen annehmen. Der chinesischen Nadelindustrie aber ist der Garaus gemacht. In den entfernten Provinzen des Innern schmieden sich die Bauern ihre Nadeln freilich noch immer selbst. Auch den Nutzen von Glas haben sie einsehen gelernt, das sie bis zum Verkehr mit den Europäern gar nicht gekannt haben. Ihre Fensterscheiben waren Papierbogen, ihre Spiegel aus Metall. Allmählich lernten sie das Schmelzen des Glases, und Tausende von Tonnen Glasscherben und alten Flaschen wurden jährlich nach China exportiert; jetzt verstehen sie es schon, den Kies selbst zu schmelzen und Glasscheiben zu erzeugen, so daß die Ausfuhr von Glasscheiben nach China vollständig aufgehört hat. Aber Spiegel können sie noch immer nicht erzeugen, dafür schleifen sie ihre runden Metallspiegel so glänzend, daß dieselben wirklich Ersatz für die Glasspiegel bilden.
Auch Brillen fanden bei den Zopfträgern willigen Eingang, aber während sie viele aus Europa einführen lassen, machen sie die Linsen und Horneinfassungen auch schon selbst; je größer die Linsen, je dicker die Rahmen, desto besser, denn es gehört in China zum guten Ton, große Brillen zu tragen. Die Mandarine, Beamten, wohlhabenden Geschäftsleute und die Compradores (Zahlmeister) der europäischen Kaufleute tragen gewöhnlich unförmig große Augengläser mit Krystallscheiben darin, welche ihr halbes Gesicht bedecken. Unsere europäischen Linsen können sie nicht gebrauchen, weil diese ihrer Ansicht nach viel zu klein sind. Deshalb bestehen in China einige Schleifereien solcher Linsen, und da ihr Glas zu unrein ist, verwenden sie nur Krystall und schleifen die Linsen so lange, bis sie den betreffenden Augen entsprechen. Auf meiner Reise den Jangtsekiang aufwärts legte unser Schiff auch in Wuhu an. Während eines Spazierganges dort begegneten wir einem meinem Begleiter bekannten Chinesen, der eben zum Sekretär des Tao-Tais (Präfekten) ernannt worden war. Durch unseren Dolmetscher ließ er uns mitteilen, er wäre eben im Begriff, zum Optikus zu gehen, um sich Brillen für seine schwachen Augen schleifen zu lassen. Offenbar schämte er sich vor uns, als Beamter noch keine Brille zu tragen. Thatsächlich sahen wir ihn bei einem Brillenmacher halten, und als wir zwei Stunden später zufällig wieder vorbeikamen, rief er uns lächelnd zu, die Linsen wären nun für sein Auge passend geschliffen. Der Neugierde halber blickte ich durch diese riesigen kreisrunden Gläser; sie waren flach wie Fensterscheiben.
Aus dem ganzen industriellen Leben der Chinesen konnte ich erkennen, daß sie mit Zähigkeit an ihren althergebrachten Werkzeugen und Herstellungsarten festhalten und ungemein schwer dazu gebracht werden können, sich die unsrigen anzueignen. Selbst im Auslande, wie z. B. in Kalifornien, wo sie doch mitten unter den Amerikanern leben und arbeiten, haben sie ihre altchinesischen Handwerksmethoden beibehalten; sie lassen sich ihren ganzen Bedarf an Kleidern, Gerätschaften, Werkzeugen aus China bringen, statt die praktischen, billigen amerikanischen Artikel anzuschaffen. Nur Artikel, die sie vor der Berührung mit den Europäern nicht besaßen, nehmen sie willig an, vorausgesetzt, daß ihnen deren Nützlichkeit einleuchtet. So war es gar nicht schwer, den Gebrauch von Petroleum und damit auch Petroleumlampen bei ihnen einzuführen, aber die letzteren machen sie jetzt in Canton schon selbst und verschicken sie jährlich nach vielen Tausenden ins Innere. Ebenso unbekannt war ihnen unsere Eisenindustrie mit ihren großen Gießereien, ihren gewaltigen Stahlwerken, Maschinen aller Art. Es dauerte gar nicht lange, so besaß die Regierung an verschiedenen Orten Arsenale und Maschinenwerkstätten, geleitet von Europäern, die sie aber allmählich durch eingeborene Ingenieure und Mechaniker zu ersetzen bestrebt sind. Augenblicklich sind sie daran, den Eisenbahnbau von Europäern zu studieren, um seinerzeit ihre Eisenbahnen selber bauen zu können.
Trotz der großen Erfindungen, welche die Geschichte den Chinesen des Altertums zuschreibt, sind die heutigen Bewohner Chinas kein erfindungsreiches Volk; dafür ist ihr Nachahmungsvermögen ungewöhnlich stark ausgeprägt. Haben sie einmal europäische Gegenstände, von deren Nützlichkeit sie überzeugt sind, und werden sie durch Europäer in die Geheimnisse ihrer Herstellung eingeweiht, so ist es ihnen ein leichtes, selbständig zum Nachteil der europäischen Industrien weiter zu schaffen.
In Hongkong, Shanghai, Singapore und anderen Großstädten Ostasiens ist die Kleinindustrie fast ganz in die Hände der Chinesen übergegangen, denn der Europäer kann mit ihnen nicht konkurrieren. Der Bedarf an Kleidern und Schuhwerk für die dort ansässigen Europäer wird größtenteils von Chinesen geliefert, die sich auch in diesen Sachen als sehr flinke, verläßliche und äußerst anspruchslose Arbeiter erweisen. Für neue Kleider, Wäsche oder Schuhe Maß zu nehmen, ist nicht ihre Sache; aber sobald ich ihnen ein europäisches Kleidungsstück als Muster mitgab, verfertigten sie danach in der kürzesten Zeit genau das gleiche Kleidungsstück zu erstaunlich billigen Preisen. Ganze Anzüge aus guten europäischen Stoffen wurden mir in Shanghai und Singapore für zehn bis zwölf Silberdollars (nach dem gegenwärtigen Werte zwanzig bis fünfundzwanzig Mark) binnen vierundzwanzig Stunden geliefert. Nur muß in kleineren Orten darauf Bedacht genommen werden, diesen bezopften Kleiderkünstlern nicht etwa geflickte Kleider als Muster mitzugeben, weil das neue Kleidungsstück dann gewiß den gleichen Flickschaden an der gleichen Stelle zeigen würde.
Wie die chinesischen Jungen das A B C lernen.
Wie in den mohammedanischen Ländern, braucht man auch in China die Kinderschulen nicht lange zu suchen; schon aus der Ferne künden sie sich durch einen Heidenlärm an, und es ist geradezu erstaunlich, welches Geschrei die kleinen kahlrasierten sechs- bis achtjährigen Rangen entwickeln können. Gewöhnlich sitzen ihrer nicht mehr als zwanzig bis dreißig in einer Schule, aber man könnte glauben, sie wären von der zehnfachen Zahl, so kräftig sind ihre Lungen. Vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang schreien sie sich ihre Kehlen aus, Tag für Tag, Monat für Monat, ohne sonntägliche Unterbrechung, ohne Ferienzeit, denn diese schönste Zeit der europäischen Schuljugend ist in China unbekannt. Zu Neujahr ist Schulanfang, und kurz vor dem nächsten Neujahr geht der Kursus zu Ende, um nach den Festlichkeiten neuerdings zu beginnen. So geht es drei, sechs, zehn Jahre lang, je nach der Schulbildung, welche die chinesischen Eltern ihren Söhnen zukommen lassen wollen. Ihren Söhnen allein, denn die Töchter sind im Reiche der Mitte von der Schulbildung ausgeschlossen. Sie gehören in das Haus, nicht ins Leben, und selten begegnet man einer Chinesin, die geläufig lesen und schreiben kann.
Bei meinen Spaziergängen durch Canton wollte ich auch diese chinesischen Kinderschulen kennen lernen, allein der Besuch eines Europäers hätte wohl Lehrer wie Schüler befangen gemacht. So trachtete ich, Gelegenheit zu erhalten, sie unbemerkt zu beobachten. Gegenüber einem der vielen gemauerten, mehrstöckigen Pfandhäuser, welche das Häusermeer der Zweimillionenstadt überragen, befand sich ein kleines, einstöckiges Häuschen. Das untere Stockwerk wurde von einem Kastenverfertiger eingenommen, der den ganzen lieben Tag an seinen Kisten und Kasten hämmerte. Das obere Stockwerk hatte er an einen Privatlehrer vermietet, der etwa zwanzig schlitzäugige Söhnchen des Himmels in den Lehren des Confucius unterrichtete. Mein Dolmetscher hatte von dem Pfandhausbesitzer die Erlaubnis für mich erwirkt, einen Vormittag im ersten Stock seines festen, turmartigen Gebäudes zubringen zu dürfen. Ich schloß die schweren Holzläden des der Schule gerade gegenüberliegenden Fensters und stellte mich an das Guckloch. Das Schulzimmer war nur etwa ein Meter von mir entfernt, und ich konnte es ganz übersehen.