China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 68

Chapter 683,557 wordsPublic domain

Blutrot war die Sonne untergegangen, und das bleiche Mondlicht leuchtete uns nun auf dem Wege, der durch öde Schutthaufen und dunkelbraune Lavafelder emporführt. Nach etwa zweistündigem Ritt betraten wir einen finsteren, hochstämmigen Wald und mußten unsere Pferde stramm am Zügel halten und uns von den Kulis den Weg mit Fackeln erleuchten lassen, um nicht durch die aus dem Boden ragenden Baumstümpfe und Wurzeln selbst zum Fall zu kommen. Mein Reisegefährte ärgerte sich weidlich über mein verrücktes Beginnen, den Fudschi, statt wie die anderen Menschen am helllichten Tage, zur Nachtzeit zu besteigen, wo man sich in der Finsternis Hals und Beine brechen kann. Aber ich wußte, wir würden bald wieder aus dem dunkeln Walde in den hellen Mondschein kommen, und dann war die Kraxelei doch entschieden angenehmer als bei der im Sommer furchtbar drückenden Sonnenhitze. Ich beabsichtigte so hoch als möglich emporzuklettern, den Rest der Nacht in einer der Schutzhütten zuzubringen und am nächsten Morgen die Besteigung zu vollenden. Bei dem ewig wechselnden Wetter konnte man ja nicht wissen, ob der ganze Berg nicht schon in einigen Stunden in dichten Nebel gehüllt sein würde, und dann wäre unsere ganze Reise vergeblich gewesen.

Mitten im finsteren Walde erblickten wir bald Lichter und hörten das Geklingel von Pilgerglocken. Wir hatten Umagaishi erreicht, ein ärmliches Theehaus mit anstoßendem Flugdach, unter dem auf langen Holzpritschen wohl ein halbes Hundert Pilger, die eben vom Fudschi herabgekommen waren, ausruhten. Die zahlreichen, weißgekleideten Gestalten, die hier in allen möglichen Stellungen umherlagen, nahmen sich in dieser Waldeinsamkeit beim flackernden Scheine brennender Kieferspäne gespensterhaft genug aus. Sie beachteten uns kaum, als wir angeritten kamen und nach einem Schluck Thee den Weg wieder fortsetzten.

Dagegen protestierten aber unsere Kulis. „Umagaishi” heißt wörtlich „Pferd zurücksenden”, d. h. es war der Ort, wo die Pilger gewöhnlich vom Pferde steigen, um die Bergtour zu Fuß fortzusetzen. Ich hatte aber gehört, daß der Weg noch zwei Kilometer weiter für Pferde gut passierbar wäre, und um unsere Kräfte zu schonen, nahm ich meinem Kuli die Fackel aus der Hand und drückte mein Pferd vorwärts. Mein Begleiter folgte, und obschon wir manche halsbrecherischen Stellen zu passieren hatten, kamen wir doch, vielleicht als die ersten, die es je unternommen, zu Pferd in der Station Tschudschikiba an. Hier ließen wir die Pferde mit der Weisung zurück, am nächsten Abend nach Sonnenuntergang wieder zur Stelle zu sein. Nachdem wir das Gitter eines Tempelhofes passiert hatten, erwarben wir hier von einem alten Priester Alpenstöcke, und unsere Kulis legten einen ganzen Vorrat von Strohsandalen an, es dürften wohl zwanzig Paare gewesen sein. Ich glaubte, sie kauften dieselben auf die Bestellung irgend eines Wächters der Schutzhütten weiter oben, und ließ sie gewähren.

Anfänglich ging es ganz bequem vorwärts; der Wald wechselte mit Moorland und Grasflächen ab, und erst als wir auf etwa zweitausend Meter Höhe angekommen waren, wurde der Baumwuchs dünner, die Fichten wurden kleiner, verkrüppelter, und schließlich sahen wir nur noch stellenweise knorrige Zwerglärchen und stacheliges Gestrüpp, an dem wir unsere Kleider zerrissen. Der Mond leuchtete uns aber getreulich aufwärts. Trotz der vielen Tausende von Pilgern, die seit Jahrhunderten alljährlich die Bußpromenade auf den Fudschi unternehmen, hört der Weg oberhalb des zweiten Tausend Meter gänzlich auf, und wir kletterten teils auf harten Lava- und Basaltfelsen aufwärts, teils wateten wir durch vulkanische Asche und Sand, die bei jedem Schritte nachgaben. Wie die Japaner glauben, wird der von den Pilgern auf diese Art thalabwärts geschobene Sand zur Nachtzeit von überirdischen Mächten wieder auf den Berg hinaufgetragen. Wir bekamen aber nichts davon zu sehen.

Zur Erleichterung des Aufstiegs sind auf verschiedenen Seiten des ungeheuren Berges Reihen von Schutzhütten angelegt worden. Auf der Seite von Subashiri befinden sich deren zehn, in Entfernungen von etwa je einem Kilometer und Höhenunterschieden von je dreihundert Meter. Bald nachdem wir auf unserem schweigsamen nächtlichen Marsche die erste Hütte passiert hatten, wurde es empfindlich kälter, Wolken zogen gespensterhaft die Bergflanken über uns entlang und verhüllten den Mond, der Wind wurde heftiger und artete schließlich in einen so furchtbaren Orkan aus, daß wir mit Mühe und Not die zweite Schutzhütte erreichten. Wir wären ohne unsere Kulis wohl an ihr vorbeigeschritten, denn sie besteht nur aus einem in die Lavamassen gegrabenen kleinen Absatz, der durch niedrige Mauern, aus Lavablöcken aufgeführt, geschützt ist. Rohe Baumstämme, mit Felstrümmern beschwert, bildeten das Dach, und die einzige, gleichzeitig als Thür und Fenster dienende Oeffnung war durch Balken und Pfosten verrammelt. Auf unser Klopfen wurde geöffnet, und wir befanden uns in einem niedrigen, mit Dielen belegten Raum, in dessen Mitte auf dem nackten Felsboden ein Holzfeuer eben verglühte. Bei dem Schein einer rauchenden Petroleumlampe sahen wir, daß über dem Herde ein großer Kessel hing; Dutzende von Pilgern lagen auf ihren Strohmatten schlafend umher, während andere bei der heißen Asche des Herdes kauerten, um sich zu wärmen. Als wir eintraten, erhob sich der Wirt dieses „Hotels zu den vier Winden”, um uns stillschweigend in einem Winkel ein Nachtlager zu bereiten, denn bei dem furchtbaren Sturm, der selbst durch die Ritzen und Löcher unseres Schutzhauses pfiff, war ein Weiterklettern lebensgefährlich.

Er holte einige dünne, gefütterte Wolldecken hervor, breitete sie auf dem Boden aus und reichte uns noch vor dem Schlafengehen einen Kessel mit heißem Thee. Wir wickelten uns in unsere Mäntel, und todmüde, wie wir waren, hätten wir sofort in tiefen Schlaf versinken sollen, wenn -- ja wenn!

Japan ist das Paradies der Flöhe, und selbst in vornehmen Hotels, wie in jenen am Miyanoshita, quälen sie den müden Wanderer in grausamer Weise. In den japanischen Hotels und Theehäusern aber sind sie eine entsetzliche Plage. Deshalb wollte ich auch das Nachtlager in Subashiri vermeiden, fiel aber desto trauriger hier herein. Kein Klima scheint ihnen zu kalt, kein Berg zu hoch, keine Entfernung zu groß, keine Person zu heilig. Mit wahrhaft republikanischer Gleichheit und Brüderlichkeit machen sie sich an alles, was lebt und eine Haut zu durchbeißen, rotes Blut zum Anzapfen hat. Ob diese verteufelten Miniaturgemsen durch Extrakuriere von unserem Kommen unterrichtet wurden, ob sie unsere Ankunft gerochen hatten, ich weiß es nicht; fünf Minuten, nachdem wir unsere müden Glieder ausgestreckt hatten, ging der Teufel los: ein Beißen und Jucken und Krabbeln, daß es nicht mehr auszuhalten war. Auf diese Legion von Quälgeistern Jagd zu machen, wäre wohl vergebliche Mühe gewesen; wenn sie nur immer ruhig sitzen geblieben wären! Aber nachdem wir zwanzig Stunden lang in der Eisenbahn und in Karren gefahren, geritten und gegangen und in Tragstühlen und Rickshaws durchgerüttelt worden waren, außerdem von der scheußlichen Kälte durchfrorene Finger hatten, war unsere Treffsicherheit auch dahin. Indessen, wir wollten unser Blut so teuer wie möglich verkaufen. Daß der ungleiche Kampf gegen diese blutdürstige Brut uns bevorstand, wußte ich und hatte mich mit Penny Royal-Oel versehen. Das bißchen Einreiben des Körpers, das wir vorher schon unternommen hatten, war nutzlos gewesen; so wurden denn die ganzen Flaschen in die Unterwäsche ausgegossen. Nun gab es eine Stunde Ruhe, und müde, wie wir waren, schliefen wir doch ein. Als wir aber um vier Uhr aufwachten, um unseren Weg fortzusetzen, waren unsere Körper doch mit roten Punkten wie besäet. Die Biester hatten während unserer Nachtruhe diese Tättowierung vorgenommen.

Es regnete und stürmte draußen noch immer so fürchterlich, daß wir beschlossen, noch zwei Stunden länger im Schutze dieses Flohstalles zu bleiben. Aber um sechs Uhr war das Wetter gerade so, auch um acht Uhr, zehn Uhr. Es wurde Mittag, und schon fürchteten wir, es würde uns ebenso ergehen wie vielen anderen, die zwei bis drei Tage bei schlechtem Thee und gekochtem Reis da oben in der Lavawüste zubringen mußten, da hellte sich das Wetter auf. Der Wind blies noch so kräftig, daß wir uns draußen kaum aufrecht halten konnten und mein Gefährte schon die Absicht aussprach, unverrichteter Dinge kehrt zu machen. Aber nein. Wir waren so weit gekommen, nun mußten wir hinauf. Also vorwärts! Es ging langsam, beschwerlich, aber es ging. Wir erreichten die dritte, vierte, fünfte Schutzhütte, dann die sechste, siebente und achte. Mein Reisegefährte war aber am Ende seiner Kräfte. Ich trat ihm meine Kulis ab, sie schlangen einen Gurt um seinen Leib und zogen, drei andere schoben von rückwärts, und so kam er mir allmählich nach, nicht ohne sich in jeder der Schutzhütten durch den mitgebrachten Cognac zu erfrischen.

In diesen Höhlen fanden wir überall müde Pilger, viele Flöhe, teure Rechnungen, aber nur wenig Trank und Speise, höchstens Reis, getrocknete Fische und Maccaroni, die in langen Schnüren an den Wänden mitten zwischen den blauen und roten Handtüchern hingen, die fromme Pilger zur Erinnerung zurückgelassen hatten. Jedes Tuch trug den Namen eines Pilgers. Die Wände, Stützbalken, selbst die Decken waren mit diesen seltsamen Visitenkarten austapeziert, viele hatten nur Papierstreifen mit ihren Namen zurückgelassen, und unter den letzteren las ich auch manchen englischen und amerikanischen Namen.

Je höher wir emporkamen, desto häufiger und größer wurden die Schneefelder in den Furchen, die in den obersten Kegel des Berges eingerissen sind, und dieser Schnee verschwindet das ganze Jahr über nicht. Zwischen den Furchen ziehen sich steile Grate aus harter, nackter Lava herab, und einen solchen benutzten wir zu unserem Aufstieg. Der scharfe Wechsel der Temperaturen hat diese Lavamassen vielfach gespalten, und dadurch fanden unsere Füße beim Aufwärtsklettern einigen Halt.

Bei der sechsten Schutzhütte schon hatten wir die kalte, dichte Wolkenschicht durchschritten, die den Berg wie mit Baumwolle umwickelt hielt, und der mächtige Gipfel lag klar vor uns, so nahe, daß wir hofften, ihn binnen einer halben Stunde zu erreichen. Aber wir waren nun schon drei Stunden geklettert, und je höher wir stiegen, desto höher schien auch der Berg zu werden. Zu unserer Linken, also mehr gegen die Südseite des Berges, befand sich zwischen zwei Lavagraten eine ungeheure Halde von Schutt und loser Asche, wie ich sie in solcher Ausdehnung nirgends gesehen habe. Vom Gipfel des Berges zieht sie sich viele Kilometer weit abwärts bis zu dem Waldkranz, der den Fudschi dort auf etwa anderthalbtausend Meter Höhe besäumt, und über diese Halde sahen wir Dutzende von Pilgern, auf ihre Bergstöcke gestützt, den Abstieg unternehmen, in raschem Laufe, bei jedem Schritt um vielleicht ebensoviel durch den hohen Schutt abwärts sinkend.

Endlich, gegen fünf Uhr abends, standen wir am Fuße einer ungeheuren Treppe, deren Stufen in die ungemein steile, glatte Lavawand gehauen sind, um den Aufstieg zum Gipfel überhaupt möglich zu machen. Mühsam, als wären unsere Beine von Blei, zogen wir dieselben von Stufe zu Stufe aufwärts, und recht erschöpft betraten wir gegen sechs Uhr abends den Rand des Kraters.

Auf dem schmalen Plateau zwischen dem äußeren Bergumfange und dem Krater selbst, der etwa einen größten Durchmesser von einem Kilometer haben mag, stehen einige aus Lavablöcken erbaute Häuschen, bewohnt von Priestern und Schenkwirten, die allerhand Erfrischungen und Erinnerungen an den heiligen Berg feilbieten. Eines der Häuschen ist zu einem kleinen Tempel eingerichtet, und an seinem Eingang setzten wir uns nieder, um ein halbes Stündchen zu ruhen und den Rest unserer Flasche Kokawein zu trinken. In den Cordilleren Südamerikas hatte ich zuerst die erfrischende Wirkung der Kokablätter kennen gelernt, und seither begleitet mich der Kokawein bei allen Bergbesteigungen.

Meinen Begleiter konnte ich zu einer Promenade um den Krater herum oder gar auf die etwa hundert Meter tiefe Sohle desselben nicht bewegen. Wollten wir die Nacht nicht oben zubringen, so mußten wir den Rückmarsch sofort wieder antreten. Ich eilte deshalb allein auf der schmäler werdenden Kante aufwärts zu dem kleinen Pavillon, der an der höchsten Spitze des Kraterrandes steht, und blickte von dort in den dampfenden, nebelerfüllten Kessel, dessen Wände aus zerklüfteten, phantastisch aufeinandergetürmten Lavablöcken bestehen. Aus manchen Ritzen und Oeffnungen schießt pfeifend heißer Dampf hervor, ein Zeichen, daß der höchste Vulkan Ostasiens nur schlummert. Wie, wenn er gerade jetzt aus seinem zweihundertjährigen Schlafe erwachen würde? Der Anblick wäre gewiß großartig, aber ich hätte mich dafür doch sehr bedankt. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich grausen.

Mein Führer hielt mich davon ab, in den Krater hinabzusteigen, denn es wäre die höchste Zeit, den Rückmarsch anzutreten. Von den Priestern des Tempelchens ließen wir uns noch den Stempel des Fudschigipfels auf unsere Bergstöcke einbrennen, warfen noch einen Blick um uns und den Berg hinab zu der Wolkenschicht, die uns die Aussicht auf das Land und Meer zu unseren Füßen entzog, und machten uns wieder auf den Weg. Als wir den Fuß der steilen Felsentreppe erreicht hatten, bestanden die Führer darauf, uns Strohsandalen über die Schuhe zu binden und mir noch drei andere Paare mitzugeben, da ich gewöhnlich unserer Karawane voraneilte. Statt dann den glatten Lavagrat abwärts zu gleiten, auf dem wir emporgestiegen waren, schwenkten wir rechts ab auf die unabsehbare Schutthalde, unsere Füße versanken bis über die Knöchel in den losen, scharfen Sand, den der Krater in früheren Zeiten in so unglaublichen Mengen ausgeworfen hatte, und unsere Schuhe wären gewiß schon in der ersten halben Stunde zerschnitten gewesen, würden wir sie nicht durch die Strohsandalen geschützt haben. Das also war der Grund, warum die Führer sich gleich mit zwei Dutzend Exemplaren davon versehen hatten. Während des Abstiegs mußten wir sie wiederholt wechseln, denn nach je einer halben Stunde hingen sie wie Fetzen um unsere Füße. Die ganze Halde war besäet mit diesen Sandalenresten, und man hätte aus ihnen allein einen kleinen Fudschiyama aufbauen können. Man denke nur: in jedem Jahre wird der heilige Berg von vielleicht dreißigtausend Pilgern bestiegen, die mindestens an hundertfünfzigtausend Sandalenpaare verbrauchen, und das geht nun schon seit Jahrhunderten vor sich!

Wir flogen nur so die Halde hinab. Zehn Stunden hatten wir gebraucht, um auf den Gipfel zu kommen, und in weniger als drei Stunden waren wir, halb springend, halb in dem losen Sand abwärts gleitend, wieder unten am Waldessaume. Mittlerweile war es stockfinster geworden, und beim Scheine von Fackeln mußten wir uns den Weg durch den Wald abwärts bahnen nach unserem Ausgangspunkte Umagaishi, das wir etwa um zehn Uhr nachts erreichten. Die Pferde standen bereit, aber wir blieben doch ein Stündchen zwischen todmüden japanischen Pilgern auf den Bänken ausgestreckt, um ein wenig neue Kräfte zu sammeln. Waren wir doch seit vierzig Stunden unterwegs! Wir wären gerne die ganze Nacht hier geblieben, aber die Furcht vor der entsetzlichen Flohplage trieb uns bald weiter. Lieber die Nacht zu Pferde zubringen, als sich noch einmal diesen blutdürstigen kleinen Raubtieren aussetzen. Mein Begleiter wurde halbtot in den Sattel gehoben, als er aber zu Pferde saß, kam er wieder zu sich, und wir trabten lustig Subashiri zu. Dort wagte ich nicht, abzusteigen und Rast zu halten, denn mein armer Reisegefährte wäre diesmal kaum wieder in den Sattel gekommen. So ritten wir denn durch die stillen, toten Straßen des Dorfes und kamen glücklich um vier Uhr morgens in Gotemba wieder an, rechtzeitig, um den Frühzug nach Kozu zu besteigen. Von dort waren wir um neun Uhr morgens wieder in dem entzückenden Badeorte Miyanoshita bei unseren Lieben. Sie waren hocherfreut, uns wiederzusehen, denn während wir auf dem Fudschiyama waren, hatte unten ein furchtbarer Taifun gewütet, der eine Menge Schiffe vernichtet, eine Anzahl Dörfer arg mitgenommen und auch sonst im Lande großen Schaden angerichtet hatte. Diesem Taifun waren wir oben auf der Spitze des höchsten Berges Ostasiens wohl entgangen, aber doch würde ich lieber einen Taifun durchmachen, als nochmals den Fudschiyama besteigen.

Ikao, ein japanisches Karlsbad.

Kein Land des Erdballes ist so vulkanisch wie das aus dreitausendachthundertundfünfzig Inseln und Inselchen bestehende japanische Kaiserreich. Eine ganze Reihe von Vulkanen sind dort noch heute thätig, und alle paar Jahre dringen Berichte von den schrecklichen Verheerungen zu uns, welche die Ausbrüche dieser Vulkane oder die Erdbeben dort anzurichten pflegen. Aber, bringen die Vulkane Zerstörung mit sich, so gewähren die Mineralquellen, die brühend heiß ihren Hexenkesseln entspringen, dafür wieder Heilung für viele körperliche Leiden. Japan ist ungemein reich an derartigen Quellen, die Eisen, Schwefel, Arsenik, Salz und Soda enthalten, und rings um diese Quellen sind zahlreiche Badeorte entstanden, die seit vielen Jahrhunderten von den Japanern aufgesucht werden: Unzen in der Nähe von Nagasaki, Kusatsu und Yumoto bei der altberühmten japanischen Tempelstadt Nikko, Miyanoshita, das fashionabelste und den Europäern bekannteste Bad in dem Distrikt des heiligen Berges Fudschiyama, und endlich Ikao mitten in den Gebirgen der Insel Nipon.

Ikao liegt nicht auf der großen Heerstraße der Globetrotter und ist noch nicht so besucht und verdorben von vergnügungssüchtigen Engländern und Amerikanern; noch keine Fahrstraße oder Eisenbahn führt hinauf zu den segenspendenden, heißen Quellen, und wer einen unverfälschten, stark besuchten, dabei interessanten und an Vergnügungen reichen Badeort der Japaner kennen lernen will, der reise nach Ikao, dem Karlsbad von Japan.

Nach meinen Erlebnissen in dem Lande der Morgenruhe, Korea, aus dem ich eben kam, durfte ich mir eine kleine Erholungsreise wohl gestatten. Schon die Fahrt nach der Ikao nächstgelegenen Eisenbahnstation, der Stadt Takasaki, gehört zu den schönsten, die man unternehmen kann. Das nördlich der Reichshauptstadt gelegene Land, das man im bequemen Eisenbahnwaggon während dreier Stunden durcheilt, gleicht einem herrlichen Garten. Jede Erdscholle ist von den fleißigen Japanern der Kultur unterworfen worden; die kleinen Felder und Obstgärten, die schattigen Haine, hohen Bambushecken, die Wege und Stege sind mit solcher Sorgfalt gepflegt, als ob ihre Besitzer lauter reiche Herren wären, die sich dem Ackerbau und der Gärtnerei nur aus nobler Passion hingeben. Dabei paßt in dieser geradezu idealen Landschaft alles zusammen, wie wenn ein geschickter Landschaftsgärtner, irgend ein japanischer Pückler-Muskau, die Hügel hätte künstlich aufführen und mit mächtigen Bäumen bepflanzen lassen; als ob er auf die verschiedenen Nuancen des Grün Rücksicht genommen und hier die hellen Bambusstauden, dort die dunkleren Kampferbäume, noch weiter die hohen dunklen Kryptomerien und kurios geformten Fichten nur wegen der Farbenzusammenstellung und des malerischen landschaftlichen Aufbaues, nicht aus Nützlichkeitsgründen gepflanzt hätte. Die höchsten Bäume sieht man auf den kleinen Hügeln, die sich hier und dort aus der weiten, mit rauschenden Bächen und Flüssen reich bewässerten Ebene erheben, und aus ihrem dunklen Grün leuchtet irgend ein Tempelchen oder eine Pagode hervor, zu denen lange Avenuen emporführen, gebildet von lauter Torii. Zwei, drei Dutzend dieser eigentümlich geschwungenen, hellrot angestrichenen Thorbogen stehen hier bei manchem Tempelchen hintereinander. Dieser weiten, schönen Landschaft dienen bewaldete Bergketten als Hintergrund, drei, vier, fünf hinter- und übereinander, wie Theaterkulissen, hier und da noch überhöht von steilen Vulkankegeln, die zwei- bis dreitausend Meter hoch in den blauen japanischen Himmel ragen.

Takasaki, ein liebliches, belebtes Städtchen, harmoniert heute vortrefflich mit seiner Umgebung und bildete bei der Annäherung meines Zuges den farbenreichen Mittelpunkt dieser olympischen Landschaft. Es war gerade Festtag, und Straßen auf, Straßen ab sah ich nichts als Triumphbögen aus Reisig und Blumen gebaut, Blumenguirlanden von Haus zu Haus, dazu unzählige, vielfarbige Lampions, und auf den Dächern wehte ein Wald von rot-weißen japanischen Flaggen. Jeder Lastwagen, jede Rickshaw, sogar die Waggons der Pferdebahn, die Takasaki durchzieht, waren mit Lampions behangen. In den Straßen aber wogte das buntgeputzte Volk wie Schmetterlinge in einem ungeheuren Blumenbeet. So fröhlich und zerstreut sie auch waren, die Anwesenheit eines Europäers mitten unter ihnen fesselte doch ihre Aufmerksamkeit, und bald war ich von neugierigen Knaben und Mädchen umringt. Sie sahen mich verwundert, aber dabei ganz zutraulich an, betupften meine Kleider und Handschuhe und brachen in schallendes Gelächter aus, als ich in japanischer Sprache versuchte, meine Weiterfahrt auf der Pferdebahn zu arrangieren. Eine solche führt nämlich von Takasaki noch nun etwa fünfundzwanzig Kilometer weiter in die Berge hinein, bis nach Shibukawa, ganz so eingerichtet wie unsere europäischen Pferdebahnen. Dieselben Wagen, dieselben europäisch uniformierten Kutscher und Schaffner; nur gehen sie mit ihren Pferden menschlicher um als ihre abendländischen Kollegen, lassen keine Ueberfüllung der Wagen zu und jede halbe Stunde wird angehalten, um den Pferden mit kaltem Wasser Maul und Bauch zu begießen.

Ich weiß nicht, ob während der Fahrt die Verwunderung der Japaner über mich oder meine Verwunderung über die Japaner größer war. Die Pferdchen krochen mit einer Langsamkeit einher, die uns gegenseitig hinreichend Muße zu Beobachtungen gab. Die meinigen waren gewiß interessanter. Es war Abend, und die große Sommerhitze ließ die keineswegs schüchternen japanischen Männlein und Weiblein in ihren nach allen Seiten offenen Häuschen in buchstäblich adamitischem Kostüm verweilen. In manchen Höfen nahmen die Familien gerade in engen Holzbottichen ihre Bäder oder promenierten nach dem Bade ohne irgendwelche Bekleidung auf und nieder, um sich an der Luft abzutrocknen. Je weiter auf unserer Fahrt der Abend fortschritt, um so deutlicher konnte ich die einzelnen häuslichen Verrichtungen in den Häusern, an denen wir vorbeifuhren, wahrnehmen. Auf die badenden Familien folgten solche, die gerade ihr Abendbrot, den unfehlbaren Reis, mit hölzernen Stäbchen in den Mund schaufelten, dann andere, die auf dem erhöhten Fußboden ihrer Häuser Strohmatten oder dünne Matratzen für ihr Nachtlager zurechtmachten, und schließlich schlafende Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle beisammen, splitternackt, nur durch ein weites, an der Decke hängendes Mückennetz von der bösen Außenwelt geschieden.

Gegen zehn Uhr abends kam der Pferdebahnwagen, den ich für mich und meine europäischen Begleiter gemietet hatte, in Shibukawa, einem kleinen ärmlichen Dorfe, an. Große Aufregung unter den Einwohnern. Sie sprangen in ihrer mehr als leichten Nachttoilette von ihren Lagern, um zu sehen, was es gäbe, denn der Besitzer des der Station gegenüberliegenden Theehauses wollte durchaus, wir sollten bei ihm übernachten. Der Weg nach Ikao wäre zu schlecht für eine Weiterfahrt in der Dunkelheit, und er besäße vortreffliche Nachtlager und dazu hübsche junge Nesan, um uns den Schlaf zu versüßen. Aber ich bestand darauf, weiter zu fahren, es schien ja der Mond, und die Nesanmädchen übten keine Anziehungskraft auf uns aus. Nach langem Hin- und Herreden war der ziemlich hohe Preis für die Rickshaws vereinbart. Wir setzten uns in die kleinen leichten Wägelchen, vor jedes traten vier japanische Kulis mit muskulösen Beinen, und fort ging’s in die Berge hinauf nach Ikao. Ein paar Papierlaternen, von den Kulis getragen, erleuchteten spärlich den wirklich erbärmlichen, holperigen Weg.