China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 67
Bei Tag wohl die Stadt auf dem Lande mit ihrem ungemein regen Leben und Treiben und ihren unzähligen Kaufläden, die sich in den meisten Straßen auf Kilometer dicht aneinanderreihen, als ob jede einzelne der 162000 Familien der Stadt einen Kaufladen besäße. Durch die im Juli 1896 erfolgte Einverleibung von 28 umliegenden Städten und Dörfern in Osaka hat sie an Bevölkerungszahl um 125000 zugenommen und ist heute eine Stadt von 752000 Einwohnern, übertrifft also Birmingham um 300000 Seelen, und überall, Straßen auf, Straßen ab sind weitgeöffnete Läden, so daß man beim Spazierengehen nicht nur die vor den Läden an der Straße aufgestapelten Waren, sondern auch die in denselben herrschende Thätigkeit wahrnehmen kann. Osaka ist ja nicht nur Markt-, sondern auch Fabrikstadt; dabei nicht nur von europäischen Waren, sondern auch die größte Fabrikstadt nach japanischer Art. Draußen an der Straße der Handel, drinnen in den Läden die Industrie. Diese ist, was die spezifisch japanischen Produkte anbelangt, Kleinindustrie geblieben. Jede Familie arbeitet in den kleinen, niedrigen, aber nach vorne und hinten offenen und deshalb luftigen Läden für sich oder höchstens mit Zuhilfenahme von einem oder mehreren Arbeitern. Hier sieht man die fleißigen, kleinen Japaner, im warmen Sommer mit entblößtem Oberkörper, mit ihren Händen und häufig auch mit den Füßen arbeiten. Hier sieht man, wie die kleinen, zierlichen Fächer gemalt, wie ihre Bambusrippen gespalten und zusammengefügt werden, ein kleiner Artikel, der aber nach Hunderten von Millionen in alle Welt gerade von Osaka ausgeführt wird und Millionen in die Taschen der Einwohner bringt. Hier sieht man das Flechten der zarten, hübschen Strohmatten, die Herstellung des Indigo zum Färben der in den Fabriken angefertigten Stoffe, das Weben der herrlichen Seidenstoffe und golddurchwirkten Brokate, das Zusammensetzen der bekannten Sonnenschirme aus Bambus und Papier, das Verfertigen der kleinen, hölzernen Nippsachen, Kästchen und Schachteln, die von verschiedenen Größen, aber derselben Form, so genau ineinander passen; die Fabrikation der Millionen von Puppen, Kinderspielzeugen aller Art, der Bronzefigürchen, Schälchen und hunderterlei anderer wohlfeiler Artikel, die in den europäischen Bazars sich so wunderhübsch ausnehmen, unsere Bewunderung erregen, unsere Kauflust reizen. Stundenlang mußte ich in diesen interessanten Quartieren der japanischen Kleinindustrie verweilen, bald hier, bald dort, und staunen über die unglaubliche Geschicklichkeit, ebenso wie über die einfachen Mittel der japanischen Handwerker. In der Zartheit und Genauigkeit ihrer Arbeit stehen sie unter allen Nationen unübertroffen da oder können es wenigstens, wenn sie wollen. Infolge des ungeheuren Absatzes, den diese japanischen Nippes in Europa und Amerika gefunden haben, ist die Nachfrage nach diesen, größtenteils aus Osaka stammenden Artikeln so lebhaft geworden, daß die Kleinindustrie mit Arbeit überhäuft ist, und da der Nachwuchs an Arbeitern nicht genügt, ihre Arbeitskraft aber bei vierzehn- bis sechzehnstündiger Arbeitszeit nicht höher angespannt werden kann, so ist in den letzten Jahren ein bedauerlicher Schlendrian in der Herstellung eingetreten. Osaka ist eine Art japanisches Chicago, mit seiner Jagd nach dem Gelde. Verdiene Geld, verdiene es ehrlich, und kannst du es nicht, so verdiene es doch.
Nur eine beschränkte Zahl von Kunstgewerben hat sich noch zum Teil von dieser Leichtfertigkeit freigehalten, darunter die Herstellung feiner Bronzewaren und feiner Porzellansachen. In den Kuriositätenläden von Yokohama und Kobe wurden mir häufig reizende Artikel dieser Art vorgelegt. Bronzen mit eingesetzten oder aufgehämmerten Figuren, Ornamenten, eingelegtem, ungemein zartem Email, in den herrlichsten Formen, in der zartesten Ausführung. Oder entzückende kleine Vasen, Schalen, Tassen, Aschebehälter aus feinstem Porzellan, bedeckt mit Malereien von einer Feinheit, Kleinheit und Farbenpracht, die in Europa unerreicht ist. Man nannte mir als Erzeuger dieser Waren Firmen aus Osaka mit weitberühmten Namen. Als ich diese Firmen aufsuchte, um die Erzeugungsart dieser kleinen Kunstwerke kennen zu lernen, fand ich sie auch nur in bescheidenen kleinen Holzhäuschen, aber sie hatten keine offenen Kaufläden wie ihre minderwertigen Kollegen. An den verschlossenen Häusern, die man ebensogut für Privathäuser hätte halten können, waren keine Schilder oder Firmentafeln, ja selbst als ich Einlaß gefunden hatte, sah ich auch im Innern keine Schaustücke ausgestellt. Erst nach längerer Unterhaltung und nachdem ich den von zarten Mädchenhänden dargereichten Thee geschlürft, wurden die Kästen geöffnet, aus Baumwolle und Papier die kleinen Kunstgegenstände ausgewickelt und mir mit großem Zeremoniell, etwa wie der kostbarste Brillantschmuck, dargereicht. Und als ich die Frage stellte, wo das Atelier sich befände, wies man mich eine steile, enge Holztreppe hinauf in das erste Stockwerk, wo ein paar junge Arbeiter auf dem Fußboden saßen und an den kleinen Porzellanvasen und -schalen herumpinselten. Das war die ganze weitberühmte Fabrik. In Europa wäre ein Porzellanmaler von solcher Kunst und Fähigkeit mindestens ein Professor, in einem schönen Atelier sitzend und mit ansehnlichem Gehalt. Hier sind die Künstler junge bescheidene Burschen, die sechzehn Stunden den Tag arbeiten, halbnackt auf ihren Fersen hocken und als Tagelohn einen Yen, etwa zwei Mark, erhalten. Wenige werden besser bezahlt, während die weitaus größte Mehrzahl von Arbeitern, die in dem Kleingewerbe von Osaka Verwendung finden, nicht mehr als vierzig bis fünfzig Pfennig den Tag verdienen. Und derartiger Arbeiter giebt es in Osaka über sechzigtausend. Die besten Mechaniker erhalten einen Tagelohn von etwa zwei Mark, Sticker, Aufseher, Maler, Holzschnitzer eine Mark, Fabrikarbeiter durchschnittlich vierzig bis fünfzig Pfennig, Tagelöhner siebzig Pfennig. Noch viel geringere Arbeitslöhne erhalten die Arbeiterinnen. Am höchsten werden die Stickerinnen und Malerinnen bezahlt. Sie erhalten etwa vierzig Pfennig täglich; ihnen zunächst kommen Aufseherinnen und die ausgezeichnetsten Arbeiterinnen in den verschiedenen Industriezweigen mit etwa dreißig Pfennig, gewöhnliche Arbeiterinnen in den Fabriken mit zwanzig Pfennig und schließlich die Lehrmädchen mit zehn bis dreizehn Pfennig täglichem Arbeitslohn. Wie man sieht, betragen also die Arbeitslöhne in Japan im großen und ganzen nur ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Löhne, und wenn man berücksichtigt, daß Japan in Bezug auf Asien etwa ähnlich gelegen ist wie England in Bezug auf Europa, daß es mit den verschiedenen Ländern und Häfen der asiatischen Welt durch eigene japanische Dampferlinien in Verbindung steht und daß die Entfernung dieser Länder von Japan nur ein Drittel bis ein Fünftel ihrer Entfernung von Europa beträgt, an Fracht und Versicherungskosten demnach ungemein viel erspart wird, so hat man die Erklärung für den Aufschwung von Japan als Industriestaat und die Bedrohung der asiatischen Märkte durch die japanische Industrie.
Am auffälligsten wird sich das dem Japanreisenden in Osaka zeigen. Die einheimische Bevölkerung hat für die Bewältigung der industriellen Aufgaben hier längst nicht mehr hingereicht, und aus allen Provinzen strömt die Landbevölkerung hier zusammen, um Arbeit zu finden, die in der Stadt immer noch besser bezahlt wird wie auf dem Lande, gerade so wie es in den europäischen Industrieländern der Fall ist. In den letzten Jahren sind ganz neue Stadtteile entstanden, und die leichten, ärmlichen Häuschen sind schon vermietet, ehe sie fertig dastehen. Die Baugründe sind in diesem industriellen Emporium im Preise auf nahezu das Dreifache jener der Landeshauptstadt Tokio gestiegen, dementsprechend sind auch die Mieten und der Schischikin höher. Jeder, der ein Haus mieten will, muß dem Besitzer, bevor er das Haus bezieht, eine bestimmte Summe als eine Art Garantie zahlen, und diese wird Schischikin genannt. Brennt das Haus nieder, so fällt der Schischikin dem Hausbesitzer ganz zu, jedenfalls erhält er aber beim Ablauf der Miete zwanzig Prozent dieses Garantiebetrages, und bei den ärmlichen Verhältnissen der Japaner muß es Verwunderung erwecken, daß sie überhaupt im stande sind, den Schischikin zu erlegen. Der größte Zuzug nach Osaka kommt aus der westlich davon gelegenen Provinz Hiroschima, hauptsächlich Nachkommen der von den japanischen Eroberern unterworfenen Ureinwohner des Landes, der Ainos, ein friedfertiges, fleißiges, anspruchsloses Völkchen, das auch das Hauptkontingent für die japanischen Arbeiterkolonien in Australien, Neukaledonien, Hawai u. s. w. geliefert hat. Tausende von armen jungen Mädchen im zarten Alter von acht bis zwölf Jahren finden in den Fabriken von Osaka Beschäftigung, und viele Fabrikbesitzer haben für diese jungen, unselbständigen Arbeiterinnen eigene Kasernen angelegt, in welchen sie essen, schlafen, ja mitunter sogar im Lesen und Schreiben unterrichtet werden. Von ihrem kärglichen Tagelohn von durchschnittlich zwölf Pfennig müssen sie etwa neun Pfennig für Kost und Wohnung abgeben. Bei ihrem Anwerben erhalten sie einige Mark für Kleidung und überdies die Reisekosten nach Osaka, dafür müssen sie sich auf die Dauer von drei Jahren an die Fabrik verpflichten; der Ueberschuß von ihren Löhnen wird in eigenen Sparkassen angelegt und ihnen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit bar ausbezahlt. Die erste Fabrik, die diese Einrichtung traf, war die große Kanegafudschi-Spinnerei in Tokio, welche über zweitausend solcher kleiner Mädchen beschäftigt.
Aber wo sind diese großen Fabriken von Osaka? In dem Straßengewirre dieser großen Stadt sind sie nicht zu sehen. Sie liegen größtenteils außerhalb, an den schmutzigen, übelriechenden Kanälen, gewaltige, ganz europäische Bauten, nach den modernsten Mustern angelegt und mit den besten europäischen Maschinen eingerichtet, von denen viele auch von Deutschland bezogen worden sind. Die beiden größten Etablissements stehen unter dem Betriebe der Regierung: das Arsenal und die Münze. Nach dem Urteil hervorragender Fachleute können sich beide mit den besten Etablissements dieser Art in Europa messen. Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, sagt in seinem ausgezeichneten Weltreise-Tagebuche folgendes über das Arsenal: „Die Kürze der Zeit, in welcher Japan vermocht hat, sich mit allen einschlägigen europäischen Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu wunder. Das Arsenal ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so daß die Geschützrohre, welche in rohem Zustande aus der Gießerei kommen, binnen kürzester Zeit fertiggestellt werden. In mehreren umfangreichen Hallen wird die Geschoßerzeugung in großem Stile betrieben; selbstverständlich fehlt es auch nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen, Reparaturwerkstätten, Tischlereien, Wagenbauereien und Sattlereien. Das Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland; so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische Regierung hergestellt.”
Ebenso wie das Arsenal wird auch die kaiserliche Münze, eine der größten und vollkommensten der Erde, durchaus von Japanern geleitet. Mit erstaunlichem Nachahmungstalent haben die kleinen, freundlichen, zuvorkommenden Japaner auf ihren europäischen Studienreisen die Geheimnisse unserer Erzeugungsmethoden auf geraden oder krummen Wegen kennen und nachahmen gelernt, und nach Hause zurückgekehrt war es ihr erstes, dieselben Anlagen herzustellen und einzurichten, um sich von den europäischen Märkten zu befreien. Dasselbe gilt von den großen Baumwollspinnereien, in denen Hunderttausende von Spindeln schwirren und aus australischer, indischer, ja selbst ägyptischer Baumwolle Garne herstellen, die in ganz Ostasien, sogar in Indien, allmählich die europäischen Produkte verdrängen. Aehnliches gilt von Webereien, Bierbrauereien, Lederfabriken, Glasbrennereien. Auf meinen Spaziergängen durch Osaka stieß ich sogar auf Fabriken von europäischen Regenschirmen, für welche die Stahlrippen aus Deutschland kommen, von Seifen, Zahnbürsten, Schuhen, ja sogar von Taschenuhren. Allerdings arbeitet die Uhrenfabrik heute noch, nach mehrjährigem Bestande, mit Verlust, aber es wird nicht lange dauern, bis sie ebensolche Erfolge aufzuweisen haben wird wie die Fabriken schwedischer Streichhölzchen, die heute schon die ganze, früher sehr bedeutende Einfuhr dieser Artikel aus Europa in Ostasien verdrängt haben.
Die Regierung unterstützt diese Entwickelung der einheimischen Industrie mit allen Kräften und lehnt sich dabei vollständig an die den Europäern haarklein abgelauschten Methoden an. So fand ich mitten in der Stadt ein großartiges Handelsmuseum, wie es leider selbst in vielen europäischen Großstädten noch fehlt. Jede japanische Stadt hat ein derartiges, Hakurankwei genanntes Museum, aber von allen, die ich gesehen habe, ist jenes von Osaka das vollständigste. Gegen Erlag eines Eintrittsgeldes von wenigen Pfennigen trat ich in einen großen, mit Baumanlagen und Blumenbeeten geschmückten Ausstellungspark mit einer Anzahl von Gebäuden, ganz wie irgend eine europäische Industrieausstellung, nur daß jene von Osaka permanent ist. In den Gebäuden sind all die hunderterlei Industrien der Stadt systematisch geordnet; die Produkte sind mit vielem Geschick übersichtlich aufgestellt; jeder einzelne Artikel, selbst der kleinste, zeigt auf einem kleinen Zettelchen den Preis und kann gleich an Ort und Stelle erworben und mitgenommen werden. Am Abend ist der Park mit elektrischem Licht hell erleuchtet, eine Militärmusik konzertiert, und Tausende von Japanern besuchen diese Ausstellung, als ob Ausstellung, elektrisches Licht, Wiener Walzer und dergleichen hier etwas ganz Selbstverständliches, Altbekanntes und nicht durchaus fremde, erst vor wenigen Jahren hier aufgepfropfte Kulturblüten wären.
Ebenso wie der Industrie haben sich die Japaner auch der europäischen Militärkunst bemächtigt und sie in Osaka nach dem alten dräuenden Fort verlegt, das auf einer Anhöhe im Osten der Stadt, hoch über dem wasserreichen, reißenden Yodogawastrom, thront. Der große japanische Feldherr Hideyoschi ließ es im Jahre 1583 erbauen, und sein Palast im Innern dieser starken Feste war der großartigste und kostbarste, den Japan je besessen hat. Der erste Schogun aus der Familie Tokugawa, der berühmte Iyeyasu, nahm es 1615, und seither blieb es im Besitz der mächtigen Schogune bis zum Jahre 1858. Hier wurde der letzte Schogun mit dem Reste seines Heeres von den Truppen des Mikado bedrängt, und am 22. Februar des genannten Jahres fiel auch dieses japanische Gaeta. Der Schogun flüchtete sich auf ein amerikanisches Kriegsschiff, seine Anhänger steckten den kostbaren Palast, den größten Stolz der japanischen Kunst, in Brand, und die Flammen, die ihn verzehrten, wurden zum Grabe des altjapanischen Feudalsystems, gleichzeitig aber zur Wiege der neuen Kaiserherrschaft und der modernen Aera.
Heute enthält die Festung die Kasernen und Offiziersquartiere einer japanischen Division. Zwischen den Wachen durch die Eingangsthore schreitend betrachtete ich mit Staunen die gewaltigen Mauern, welche Hideyoschi vor dreihundert Jahren hier hat aufführen lassen. Steinblöcke von sechs bis sieben Metern Länge, in einem Gewichte von weit über hundert Tonnen, an Massenhaftigkeit mit den Steinkolossen von Baalbeck und Karnack wetteifernd, liegen hier zu ungeheuren Mauern aufgetürmt, und wie dort, so mußte ich mich auch hier wundern, wie es den alten Japanern mit ihren ursprünglichen Mitteln, ohne Kenntnis unserer Mechanik, möglich war, diese Blöcke hierherzubringen und aufeinanderzulegen. Dieselben sind übrigens auch bei den Japanern Gegenstände der Bewunderung, und jeder einzelne hat seinen eigenen Namen. An den Ecken erheben sich heute noch auf diesen Mauern die eigentümlichen altjapanischen Wachthäuser mit mehreren Dächern übereinander, sonst aber ist alles dem modernen Militärwesen entsprechend eingerichtet worden. Wo immer möglich, scheint es das Streben der japanischen Regierung zu sein, Altjapan zu zerstören und die Kultur gewaltsam der abendländischen anzupassen. Aber im Volke mit seinen Sitten, seiner Religion und seinen Trachten ist alles beim alten geblieben.
Auf dem Gipfel des Fudschiyama.
Als wir zwei, Herr Josef Schittenhelm aus Wien und ich, die Höhen des steilen Otometogepasses erklommen hatten, zeigte sich unser Reiseziel, der gewaltige Fujiyama (sprich Fudschiyama) in seiner ganzen Majestät. Scharf heben sich seine chokoladebraunen Flanken und seine schneebedeckte Spitze von dem klaren, blauen japanischen Himmel ab, ganz so wie er auf Millionen von Abbildungen zu sehen ist, aber wie er sich den Sommer über in Wirklichkeit nur selten zeigt. Gewöhnlich ist sein Haupt in dichte Wolken gehüllt, und viele Reisende haben während ihres wochenlangen Aufenthaltes im Mikadoreiche den heiligen Berg der Japaner überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Als kleiner Junge hatte ich den spitzen Vulkankegel auf einem japanischen Papierfächer abgebildet gesehen; später auf Porzellanvasen, auf Tellern, in drolligen japanischen Bilderbüchern, in Gold auf Bronze- und Silbergefäßen getrieben, kurz auf all den unzähligen Sächelchen, mit welchen die Japaner unseren Markt überschwemmen. Ist doch der Fudschi das Wahrzeichen der Japaner, eine Art Gottheit, die Verkörperung der Konohamasaku ya hime, d. h. der Prinzessin, welche die Knospen der Bäume zu Blüten entwickelt. Wo hätte ich jemals gedacht, daß ich diesen herrlichsten aller Berge in Wirklichkeit sehen würde! Und nun sollte ich morgen auf seiner Spitze stehen!
Eigentlich ein unsinniges Unternehmen, eine zwecklose, mühsame, aufreibende Spielerei. Die Besteigung des Fudschi gilt den Japanern als Sühne für ihre Sünden, viele Tausende von Pilgern strömen im Sommer aus allen Teilen des Reiches herbei, und es bestehen, besonders unter der Landbevölkerung, zahlreiche Pilgervereine, deren Mitglieder einen kleinen Jahresbeitrag leisten, um in jedem Jahre abwechselnd einer Anzahl von Pilgern die Wallfahrt zum Fudschisan zu ermöglichen. Aber unsere christliche Religion kennt keine Bergbesteigungen als Buße für unsere Sünden. Indessen, zehn Jahre vorher hatte ich auf der Spitze des Popocatepetl, des höchsten Berges von Nordamerika gestanden, und es reizte mich, nun auch auf dem höchsten Berge von Ostasien zu stehen.
Unsere Kulis trugen uns im raschen Lauf durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft herab nach Gotemba, an den Fuß des Fudschi. Wir saßen in Tragstühlen, die ganz bequem sind, solange man sich in Ruhe befindet. Werden aber die langen Tragstangen aus elastischem Bambusrohr auf die Schultern der Kulis gehoben und schlagen dieselben eine raschere Gangart an, dann wird man in grausamer Weise durchgeschüttelt. Bei jedem Schritte wird man aus dem Stuhl emporgeschnellt und fällt so unsanft auf den harten Rohrsitz zurück, daß wir ganz zerschlagen in Gotemba, einem an der großen Tokaidobahn gelegenen Dörfchen, eintrafen. In einem Theehause, bedient von zierlichen Nesanmädchen, nahmen wir unseren Mittagsimbiß, verabschiedeten unsere Kulis und machten uns nach kurzer Rast wieder auf den Weg nach Subashiri. Mein Reisegefährte wollte um keinen Preis mehr einen Tragstuhl besteigen. Den ungefähr sechs Kilometer auf harter Lava aufwärts führenden Weg zu Fuß zurückzulegen wollte uns in Anbetracht der uns bevorstehenden ermüdenden Bergbesteigung auch nicht zusagen, und so mieteten wir den einzigen Wagen, der in Gotemba zu haben war, ein elender Kasten, bespannt mit einem müden Klepper. Wir waren damit aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn die Fahrstraße zwischen Gotemba und Subashiri erwies sich als eine der elendesten, die ich jemals befahren habe, voll tiefer Schlammlöcher, Steintrümmer und Lavablöcke, so daß wir während dieser denkwürdigen Fahrt noch schlimmer durchgeschüttelt wurden als vorher in den Tragstühlen. Subashiri ist eines der interessantesten Dörfchen von Japan. Die große Pilgerzeit hatte begonnen, und gewiß mochten an zweitausend Pilger in den zahlreichen Hotels und Theehäusern weilen, aus denen der Ort besteht. Während wir auf der Terrasse des Yone-yama-Theehauses ruhten, kamen und gingen ununterbrochen Pilgerzüge von sechs, acht, zwanzig, dreißig Personen, alt und jung, reich und arm, aber ausschließlich nur Männer, keine Frauen, denn das Betreten des heiligen Berges ist den Frauen verboten. Alle die Pilger, die an uns vorbeizogen, waren gleich gekleidet: weiße Jacken, weiße, enganliegende Beinkleider, weiße Socken, Strohsandalen an den Füßen, ungeheure Strohhüte auf den Köpfen; um die Schultern hatte jeder eine etwa quadratmetergroße Strohmatte geschlungen, die als Schutz gegen Regen, Sonne und Kälte, zur Nachtzeit auch noch als Lagerstätte dient. In seiner Rechten trug jeder Pilger einen langen Stab wie unsere Bergstöcke, in der Linken aber eine Glocke, mit welcher fortwährend gebimmelt wurde. Auf den Veranden, in den nach allen Seiten offenen Häusern waren Pilger, die einen ruhten, die anderen spielten oder rauchten oder machten in höchst rücksichtsloser Weise ihre Toilette. Auf dem mattenbedeckten Fußboden unseres Theehauses wurde eben von der Hotelgesellschaft die Abendmahlzeit eingenommen. Japanische Herren und Damen, darunter ganz junge Mädchen, hockten im Kreise auf ihren Waden und handhabten geschickt ihre Eßstäbchen, indem sie Reis in ihren Mund schaufelten und ab und zu aus einer in der Mitte stehenden großen Schüssel ein Stückchen Fisch oder Wurzel abgabelten.
Der schlaue Hotelwirt wollte wahrscheinlich von uns das Geld für ein Nachtquartier verdienen, denn er riet uns sehr ab, noch heute abend den Aufstieg auf den Fudschi zu wagen. Das Wetter würde schlecht werden, es wären auch keine Pferde mehr da, um uns durch die Lava- und Schuttfelder nach Umagaishi, der letzten für Reiter zugänglichen Station des heiligen Berges zu bringen und dergleichen mehr. Als wir aber dennoch darauf bestanden und es mir gelungen war, ein paar Reitpferde aufzutreiben, hetzte er uns die Polizei auf den Hals. Mit wichtiger Miene wurden uns die Pässe abverlangt, da sie aber von der Regierung in Tokio ausgestellt und vollständig in Ordnung waren, belästigten uns die uniformierten Gesetzeshüter nicht weiter, vertrieben sogar noch die zahllosen Kinder, die uns in einem großen Kreise stehend begafften.
Gegen sieben Uhr abends saßen wir auf unseren schlecht gesattelten Kleppern und galoppierten durch die malerische Hauptstraße des Dorfes der gewaltigen, dunkeln Masse des Vulkans zu, der sich gerade vor uns in unsagbarer Majestät erhob. Das ganze Dorf zeigte das lebhafteste Jahrmarktsleben; in langen Reihen waren vor den Häusern Verkaufsstände von Süßigkeiten, Erfrischungen, kleinen Andenken an den Fudschi und dergleichen aufgeschlagen, von jedem einzelnen Hause wehten bunte Flaggen und Handtücher, welche die Pilger mitführen und an verschiedenen Orten zur Erinnerung an ihre Wallfahrt abstempeln lassen. In der Mitte der breiten Hauptstraße floß rauschend ein wasserreicher Bach dem Sakagagawa zu, und an seinen Ufern waren unzählige winzige Wasserräder und mechanische Spielzeuge aufgestellt, teils zum Ergötzen der Kinder, teils um die kleinen Apparate anzutreiben, die zur Verscheuchung der Fliegen über den Verkaufsständen von Obst und Süßigkeiten angebracht waren.