China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 64
Diesen Mangel ersetzen in Japan die Geishas. Sie sind Unterhalter, Zeitvertreiber von Beruf, gegen Bezahlung von so und so viel für die Stunde, den Tag oder Abend. Will sich ein Japaner nach vollbrachter Tagesarbeit durch Kurzweil den Abend vertreiben, so läßt er eine Geisha kommen; will er Freunden ein Souper geben, so nehmen daran nicht die Frauen und Töchter seines Hauses, oder jene seiner Gäste teil, sondern er mietet eine Anzahl Geishas mit ihren Dienerinnen und bringt den Abend mit der ganzen Gesellschaft in einem Theehause zu. Die kleinen, zierlichen Musmis (Kellnerinnen) des Theehauses empfangen an der Pforte, auf alle Viere ausgestreckt, die Gäste und führen sie in den Speisesaal; sind Europäer dabei, so lösen sie mit ihren zarten Fingerchen die Schuhe von deren Füßen; hockt die ganze Gesellschaft endlich in dem stuhl- und tischlosen Raume längs der kahlen Wände auf ihren Waden, so bringen die Musmis die Speisen und Getränke herein, setzen sie den Gästen auf winzigen Tischchen vor, tragen die gebrauchten Tellerchen und Schüsselchen wieder fort und besorgen mit einem Worte die gewöhnliche Bedienung. Dann aber treten die kleinen jungen Maikos (Tänzerinnen) und endlich die Geishas auf. Sie zupfen an ihren Guitarren und singen, sie führen fremdartige dramatische Tänze oder Szenen aus historischen Dramen auf, für europäischen Geschmack ebenso steif und unnatürlich, wie es ihr Gesang und ihr Guitarrengezupfe sind. In den langen Zwischenakten aber mischen sich diese bezahlten Vergnügungsdemoiselles unter die Gäste, setzen sich zu ihnen, kredenzen ihnen die gefüllten Reisweinschalen und schäkern und scherzen mit ihnen, indem sie ihren Geist, ihre übersprudelnde Fröhlichkeit, ihren Witz und ihre Schönheit glänzen lassen. Nicht etwa die Schönheit, wie sie bei unseren kurzgeschürzten Ballerinen und ~Café-chantant~-Sängerinnen gewöhnlich in solcher Fülle zur Parade kommt. Keine entblößten Arme und Nacken, keine in Seidenschuhen steckenden Füßchen oder von Seide umspannte Gliedmaßen, nur die bemalten, gepuderten Gesichtchen sind bei den japanischen Geishas sichtbar. Ihre Körperchen sind ganz in die langen, goldgestickten, schlafrockartigen Kimonos gehüllt, und kommen bei rascheren Bewegungen auch die Glieder zum Vorschein, so üben diese dünnen Aermchen, diese krummen nackten Beinchen, diese in plumpen, kurzen Wollsocken steckenden Füße, die noch dazu mit den Zehen nach einwärts gedreht sind, eher das Gegenteil von Reiz aus.
Die weiten, faltenreichen Kleider gehören zum Tanz, ja wie mit ihren Körpern tanzen die Geishas auch mit ihren Kleidern und wissen diese mit unglaublicher Geschicklichkeit in die schönsten Falten zu werfen, ihnen sozusagen Leben und jenen Ausdruck einzuflößen, wie er zu der darstellenden Situation am besten paßt.
So vergeht der Abend, ein Teil der Nacht, und bricht die reisweinfröhliche Gesellschaft endlich auf, so wird dem Gastgeber die Rechnung überreicht, ein Stück Papier, einen halben Fuß breit und vielleicht zwei bis drei Fuß lang, mit allen gelieferten Genüssen haarklein spezifiziert. Nichts wird dabei vergessen, und solche Rechnungen sind zuweilen recht pikant, erreichen auch bei größeren Festlichkeiten Summen bis 300 und 400 Mark. Dazu werden auch den Geishas selbst noch beträchtliche Geschenke gemacht. Die Dämchen werfen sich dann vor den Anwesenden ehrfurchtsvoll nieder, senken ihre Näschen bis auf den Boden und entfernen sich, um in ihren Rickshaws nach Hause zu fahren.
Am nächsten Abend sind sie in irgend einem anderen Theehause für ähnliche Unterhaltungen engagiert, und so geht es bei den professionellen Schönheiten von Japan Tag für Tag, auch Wochen und Monde, einige Jahre lang. Dann ist wohl ihre Kunst sehr groß, aber ihre Jugend, ihre Schönheit ist vorüber, und haben sie nicht in ihrer kurzen Laufbahn einen Ehemann ergattert, so ziehen sie sich ins Privatleben zurück und bilden andere kleine Mädchen in den Geishakünsten aus. Ehemänner ergattern? Gewiß, noch dazu gar nicht selten. Die Japaner üben in Betreff des moralischen Vorlebens dieser kleinen Dämchen viel größere Nachsicht als die Abendländer. Orangenblüten und Myrtenkränze werden bei japanischen Hochzeiten überhaupt nicht getragen. Die Japaner suchen sich ihre Weiber aus, wie sie ihnen passen. Es ist nicht viel dabei riskiert, und das bekannte orientalische Sprichwort, von dem dreimal überlegen, ehe man sich ein Weib nimmt, ist in Japan unverständlich. Der Gatte kann sie ja nach ein paar Monaten Probezeit wieder zurücksenden. Eine Geisha ist unter solchen Verhältnissen eine recht begehrenswerte Braut. Statt daß sie jeden Tag für so und so viel die Stunde für jemand anderen singt und die Guitarre zupft, singt und zupft sie dann nur für ihren Gatten. Sie unterhält ihn mit den angelernten Künsten, in denen sie durch jahrelange Uebung in den verschiedensten Theehäusern zur Meisterschaft gelangt ist, und er ist zufrieden. Zudem ist nicht etwa jede Geisha notwendigerweise eine Sünderin. Wohl singen die Geishamädchen in einem bekannten Liede von sich selbst:
„Schaukle, Weide, auf und nieder, Vorwärts, rückwärts, hin und wieder! So sind Geishaherzen auch, Folgen jedem Liebeshauch.”
Aber trotz dieser vielsagenden Generalbeichte giebt es doch eine ganze Menge unter ihnen, die nicht jedem Liebeshauch folgen, und so ist es begreiflich, daß manche, die heute noch bei einem Herrenabend im Klub getanzt und gesungen hat, morgen Frau General oder Frau Minister ist. Dann kommt ihre Schauspielerkunst ihr erst recht zu statten.
Ist eine Geisha nach mehrjähriger Dienstleistung so verblüht, daß niemand mehr anbeißen will, dann zieht sie sich aus der Oeffentlichkeit zurück und wird, wie gesagt, Lehrerin anderer kleiner Mädchen. An solchen herrscht in dem mit Kindern reich gesegneten Japan kein Mangel. Wo viele Töchter im Hause sind, da ist es schwer, sie alle an den Mann zu bringen, andere Berufsarten in Aemtern oder im Geschäftsleben stehen der jungen Japanerin nicht offen, und so bleibt den Eltern nichts übrig, als ihre hübschesten und talentvollsten Mädchen Geishas werden zu lassen, wenn sie dieselben nicht gar für ebenso tief stehende Zwecke verkaufen. Gefällt die kleine, sieben- bis achtjährige Musmi einem Unternehmer, so zahlt er ihren Eltern eine gewisse Summe Geldes und läßt sie auf seine Kosten zur Geisha ausbilden. Damit beginnt für die kleinen Mädchen eine recht harte Zeit, denn es dauert Jahre eifriger Arbeit, um die traditionellen Tänze, Gesänge, Dichtungen, Mimik und dann die beliebtesten Instrumente, Samisen und Koto, zu erlernen. Dazu kommen noch viele andere Künste, von denen man im Abendlande gar keine Ahnung hat. So z. B. das ungemein schwierige und umständliche Zeremoniell des Tschano-yu, das heißt, der klassischen Theebereitung, die Kunst des Blumenbindens, Taschenspieler- und Kartenkünste, vor allem andern die Kunst, den Mann zu bezaubern und zu fesseln. In Kioto, der alten Hauptstadt von Japan, die neben der jetzigen Hauptstadt Tokio die schönsten und berühmtesten Geishas besitzt, giebt es eine eigene große Tanzschule, aber der Besuch derselben war für mich nicht von solchem Interesse, wie jener der kleinen Geishaschulen, an welchen Kioto reich ist.
Es ist nicht leicht, Zutritt zu diesen Kunstetablissements zu erhalten, und es bedurfte dazu langen Parlamentierens und beträchtlicher Geldgeschenke für die Direktricen. Eines Morgens meldete mein Dragoman, der die Verhandlungen geleitet hatte, daß ich nunmehr die Schule von Madame Silbermond besuchen könne. Auf dem Wege dahin riet er mir, auch verschiedene Leckereien und Bonbons für die kleinen Mädchen mitzubringen, um sie freundlicher zu stimmen. So kaufte ich denn ein paar Papiersäcke voll Süßigkeiten, die in Japan für ein Spottgeld zu haben sind. Schwer beladen kamen wir vor das ebenerdige Lattenhäuschen, in welchem Madame Silbermond wohnte. Monotones Samisengezupfe drang durch die papierüberklebten Fenster. Mein Dragoman hielt es für angemessen, meinen Besuch vorher anzukündigen. Gleich darauf kam er wieder heraus und lud mich ein, näher zu treten. Kaum war die Thüre hinter mir wieder geschlossen worden, so erschienen drei blutjunge hübsche Mädchen in bunten Kimonos (sie waren wegen der großen Sommerhitze nur lose über die sonst nackten Körperchen geworfen), warfen sich vor mir auf den Boden, indem sie mit der Stirne fast den Boden berührten, und machten sich dann kichernd daran, mir die Schuhe von den Füßen zu ziehen. Dann nahmen sie mich bei den Händen und führten mich wie einen Blinden zu dem Tanzsaal, dessen eine Papierwand eben zurückgeschoben wurde. Der mit zarten geflochtenen Reisstrohmatten bedeckte Fußboden befand sich etwa kniehoch über dem Thorweg. Die kleinen Mädchen kletterten flink hinauf und versuchten, mir unter fortwährendem Gekicher emporzuhelfen, als hätte ich, der ich mir unter diesen winzigen Dingerchen wie Gulliver vorkam, das allein nicht thun können. Im Hintergrunde des niedrigen, vollständig kahlen Raums erhob sich eine fusshohe Bühne, auf welcher etwa ein Dutzend junger Mädchen standen, vor ihnen auf den Matten des Saales Madame Silbermond. Kaum erblickten sie mich, so warfen sich alle vor mir mit feierlich ernsten Mienen zu Boden und verharrten, den Kopf beinahe zwischen den Beinen, minutenlang in dieser Stellung, wie wir es etwa in der Kirche bei irgend einer besonders heiligen Handlung thun. Natürlich mußte ich ebenfalls auf alle Viere sinken, was bei den engen europäischen Kleidungsstücken nicht ganz gefahrlos für dieselben ist. Endlich zog mich mein Dragoman am Rockschoße, als Zeichen, mich zu erheben. Schon mehrmals hatte die Direktrice, den Kopf ein wenig nach mir wendend, herübergeschielt, um zu sehen, ob ich noch auf allen Vieren lag, und sich dann sofort wieder zusammengeduckt. Als sie nun gewahrten, daß ich mich auf meine Knie erhob, thaten alle das Gleiche. Ich mußte nun auf das Geheiß des Dragomans mich nach dem Befinden der Hausfrau erkundigen; daraufhin wieder allgemeines Aufdenbodensinken, dann nach dem Befinden ihrer Eltern, wieder auf alle Viere, dann stellte die Dame selbst die gewöhnlichen Höflichkeitsfragen, und jedesmal galt es für alle Anwesenden, zusammenzuklappen wie Taschenmesserklingen. Endlich war die Begrüßung vorüber, die Theatermama und ihre possierlichen Jüngferchen blieben nun aufrecht auf ihren Waden hocken, und ich mußte dasselbe thun, denn die japanische Hauseinrichtung kennt keinen Stuhl, kein Fauteuil oder Sofa, nur brachten zwei Mädchen ein paar dünne Kissen herbei und schoben sie unter mich. Mein Dragoman hatte inzwischen die Papiertüten mit den Süßigkeiten den kleinen Mädchen überreicht, und obschon sie danach schielten und wohl für ihr Leben gerne davon genascht hätten, verbot es doch die gute Sitte, ihr Vorhaben auszuführen.
Das älteste der Mädchen mochte sechzehn Jahre zählen; ein liebes Kind, mit süßem Gesichtchen, kauerte sie in europäischer Weise, also auf dem richtigen Fleck ihres Körperchens sitzend, mit aufgezogenen Beinchen an der Wand. Die anderen standen im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren, ihre Gesichtchen waren mit Puder bedeckt, Wangen und Lippen rot geschminkt, und auf der Unterlippe auch noch drei goldene Punkte aufgemalt. Sie trugen bunte, zum Teil sehr reich gestickte, aus kostbaren Stoffen bestehende Kimonos, und da ich mich wunderte, wie so winzige Mädchen aus armen Familien schon zu so kostbaren Kleidern kämen (diese pflegen sich doch erst die vollendeten Geishas schenken zu lassen), erzählte die Theatermama, unter den Mädchen befänden sich auch solche wohlhabender Eltern, die ihre Kinder nur für den Tanz- und Gesangsunterricht zur Schule sendeten, damit sie zu Hause sich produzierten. Sie hätten zu Ehren des fremden Besuchers ihre Zeremonienkleider angethan. Die wirklichen Geishaschülerinnen seien ihr von Unternehmern in Pension gegeben worden und zahlten ihr wöchentlich zwei Dollars (vier Mark) dafür. Aber sie hätten außerdem der Regierung eine Taxe von einem halben Dollar monatlich für jede Schülerin zu entrichten. Sobald diese in die Oeffentlichkeit tritt, steigt diese Monatstaxe auf einen Dollar.
Nun begannen die Tänze. Der Reihe nach führten die herzigen Kinder in aller Unschuld die gewagtesten und schwierigsten Tänze auf, immer zwei bis vier Kinder zusammen. Die japanischen Tänze sind nicht solche wie unsere Ballett- oder Ballsaaltänze; die letzteren kennt der Japaner überhaupt nicht, und wenige Errungenschaften der europäischen Kultur kommen ihm lächerlicher, sinnloser und den Anstand verletzender vor wie Walzer oder Polka. Noch toller findet er das Umherhüpfen der Ballettmädchen in kurzen, tief ausgeschnittenen Kleidern, die Schaustellung der Glieder, den Zehentanz. Die Maikomädchen sind bei ihren Tänzen stets bis zu den Zehenspitzen bekleidet, und die Tänze selbst stellen gewöhnlich irgend ein Ereignis in der Geschichte oder eine Handlung im Leben dar, wenn von Tänzen im rechten Sinne des Wortes überhaupt gesprochen werden kann. Es sind vielmehr Posen, Bewegungen mit dem Oberkörper und den Händen, unterstützt und verständlich gemacht durch die ungemein ausdrucksvolle Kunst der Fächersprache.
Ich war deshalb sehr verwundert, als zum Schluß die beiden ältesten Mädchen, trotz ihrer Jugend schon vollständig erblüht, eine veritable Tarantella zum besten gaben. Mit erstaunlicher Leichtigkeit trippelten die Füßchen über den Boden, drehten sich die frischen zarten Körper im Kreise, daß die Kimonos fast wagerecht von ihnen abstanden; dazu schüttelten die Mädchen wie toll die Köpfe und klatschten in die Händchen. Dann warfen sie sich plötzlich auf die Hände nieder, stellten sich auf den Kopf und streckten die Beine in die Höhe.
„Das ist der Manzai,” sagte stolz Madame Silbermond, als die Tänzerinnen wieder auf ihren Füßen standen. „Gefällt er Ihnen?” Als ich meiner Bewunderung Ausdruck gab, fügte sie bei: „Das ist der einzige europäische Tanz, den ich meine ehrenwerten Schülerinnen lehre.”
Irgend ein europäischer Spaßvogel wird sich wohl in Kioto den Jux erlaubt haben, diese Schlußpose, als zum abendländischen Tanze gehörig, gezeigt zu haben, und nun wird sie in den Geishaschulen von Kioto eingeübt.
Aber nicht nur darin zeigt sich der Einfluß der Europäer. Er ist schon so groß geworden, daß er sogar die ganze Existenz der Geishamädchen bedroht. Durch die Einführung von Mädchenschulen, durch die Erschließung anderer Berufsarten für das zarte Geschlecht und endlich durch den Wandel in Bezug auf die moralischen Anschauungen der Japaner dürften die Geishas, wie sie heute bestehen, immer seltener werden. Wer weiß, ob dann nicht auch noch unsere ~Cafés chantants~ und unser Ballett im Lande der aufgehenden Sonne zur Einführung gelangen.
Miß Alice Bacon, die jahrelang als Erzieherin in vornehmen Häusern Japans geweilt und einen tiefen Einblick in das japanische Frauenleben gewonnen hat, sagt von den Gaishas: „Die Gaisha ist nicht notwendigerweise schlecht, aber in ihrem Leben ist sie so großen Versuchungen ausgesetzt, daß auf eine ehrbare Gaisha viele kommen, die auf Abwege geraten und schließlich tief unter das Niveau der Ehrbarkeit sinken. Aber sie sind so verführerisch, glänzend und geistreich, daß viele von ihnen von Männern in angesehenen Stellungen zu Frauen genommen wurden und heute an der Spitze der vornehmsten Haushaltungen stehen...” Einer der größten Bewunderer Japans, Sir Edwin Arnold, zollt den lustigen Weibern von Dai Nipon alle Anerkennung, sagt aber in Bezug auf ihre Moral in seinem Buche „~Japanese ways and thoughts~” folgendes: „In Japan hat der Buddhismus die irdische Liebe in Mißachtung gebracht, die Lehren des Confucius haben sie noch weiter herabgesetzt, und der ideallosen Natur der Männer dient sie nur als Zeitvertreib und Vergnügen. Die japanischen Frauen haben der Theorie nach diese beschränkte Ansicht über die geschlechtlichen Beziehungen angenommen und für viele Zeitalter die Treue des Gemüts höher gestellt als die Reinheit ihres Körpers...”
„Ohne Zweifel ist es in den besseren Ständen die Regel, daß die Töchter bis zu ihrer Verheiratung sorgfältig erzogen und bewacht werden sollen, aber diese jungen Mädchen sprechen von den Musmis und Gaishas und Freudenmädchen in so freier Weise, daß man sofort den Unterschied zwischen den Anschauungen der Japaner und Europäer über die Beziehungen der beiden Geschlechter erkennt. Japan ist ein Land, wo es nicht nur ganz gewöhnlich ist, daß ein Mädchen sich für ihre Eltern zu öffentlichem Gebrauch verkauft, sondern wo sie für diese That eher bewundert und gelobt als geschmäht wird.”
Wo sie selbst eine so vielsagende Generalbeichte ablegen, braucht man sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Douglas Sladen sagt in seinem Buche „~The Japs at home~” folgendes über sie: „Ist eine Geisha geschickt, scherzhaft, gutmütig, vor allem aber schön, so erwirbt sie sich bald einen Ruf in der Stadt. Die jungen japanischen Stutzer hören es gerne, wenn man sie mit ihr neckt; ihre Engagementsliste ist auf Tage hinaus besetzt, man kann sie nur auf ein Stündchen zu Gesicht bekommen. Juwelen erscheinen auf ihren Fingern, Perlen in ihrem Haar, sie wird stolz, merkwürdige, vielsagende Blitze schießen zuweilen aus ihren Augen, eines Tages ist sie verschwunden. Wir werden zu einem großen Festgelage geladen, sie ist nicht da. Wir fragen bei ihren Freunden nach, niemand hat sie gesehen. Nun wissen wir, daß sie am Ziele ihres Strebens angelangt ist. Irgend ein reicher Herr hat sich so sehr in sie verliebt, daß er sie für sich allein haben will, und deshalb hat er sie aus den Händen ihres Herrn losgekauft. Sie folgt ihrem neuen Herrn in sein Haus, auf Zeit oder für immer, und sie, die in ihrer Jugend so zahlreichen Männern den Kopf verdreht hat, wird eine ehrenwerte Frau Oberst so und so, oder Frau Minister X.”
Wie häufig kommt es vor, daß Eltern ihre Töchter für eine kurze Zeit an Europäer verheiraten und den klingenden Lohn dafür einstreichen! Wer hat nicht Pierre Lotis reizendes Buch „Madame Chrysanthème” gelesen? Und wie Pierre Loti mit seinem kleinen Frauchen, so ist es vielen anderen Lotis in Japan ergangen, die Scheidungen sind dort so leicht gemacht! Aber sind die Europäer, die sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu einer zeitweiligen Lebensgefährtin verhelfen, nicht ebenso sittenlos wie die lustigen Weiber von Dai Nipon? Wie, wenn eines Tages als Gegenstück zu dem Buche „Madame Chrysanthème par Pierre Loti” ein Buch erschiene: „Pierre Loti par Madame Chrysanthème”? Ob die kleine, liebliche Japanerin nicht auch allerhand recht ergötzliche Einzelheiten über ihren Ehemann auf Zeit erzählen könnte?
Ja, noch mehr. Wie, wenn es einem Japaner einfallen würde, ein Buch zu schreiben über die europäischen Dames Chrysanthèmes, wie sie sich bei den Rennen in Longchamps, im Bois de Boulogne, auf dem Seebadstrande von Ostende und Trouville, in den Kasinos von Aix les Bains und Monte Carlo zeigen? Derartige Parallelen kann man in Japan nicht überall in öffentlichen Gesellschaften oder auf der Straße finden. Dort sind sie fein sorgsam in eigenen Quartieren untergebracht. Das größte und glänzendste ist in Tokio die vielberühmte Yoshiwara. Auf meinen Spaziergängen durch die japanische Kaiserstadt kam ich einmal zu einer weiten Pforte, von Polizisten bewacht. Jenseits gewahrte ich einen breiten, mit prächtigen Blumenbeeten und Springbrunnen geschmückten Boulevard, zu beiden Seiten mit großartigen, mehrstöckigen Palästen besetzt, den schönsten, die ich in ganz Japan gesehen. Etwa die Paläste des Hofes, der Regierung und des Adels, des Faubourg St. Germain von Tokio? Ich trat ein. Ueberall vornehme Stille. Die Häuser zeigten in den verschiedenen Stockwerken breite Veranden, mit Guirlanden und farbigen Lampions geschmückt; die Jalousien waren zugezogen, dafür standen die Hausthüren weit geöffnet, und im Innern gewahrte ich schöne Höfe und zierliche Gärtchen; Diener fegten die Straßen, Gärtner besorgten die Blumen und kurios geschnittene Bäume in den Anlagen. Und als ich einen des Weges kommenden, europäisch gekleideten Japaner darüber befragte, sagte er mir, ich befände mich in der Yoshiwara. Ich müßte aber abends kommen, um das Leben hier zu sehen. Der Abend fand mich wieder hier, aber wie verändert war das Aussehen dieser Straßen mit ihren Dutzenden von Palästen! Tausende von Lichtern brannten in vielfarbigen Lampions, in den Straßen wogten Menschenmengen lachend, scherzend auf und nieder; die Paläste waren weit geöffnet, hell erleuchtet; Samisen und Koto, Gesang und Gelächter drang aus ihnen, und unten in den Parterreräumen der Häuser prangte die weibliche Einwohnerschaft in ihren glänzendsten Gewändern. Statt durch Wände und Fenster waren diese Räume nach der Straße zu durch starke Gitter abgeschlossen, gerade wie wir sie in unseren Menagerien vor den Käfigen der Tiger und Löwen sehen; der mit Matten und Teppichen bedeckte Fußboden lag etwa zwei Fuß höher als die Straße, und auf ihm kauerten die Schogi, d. h. die Mädchen, die von ihren Eltern an die Besitzer dieser Kaschi-Saschiki genannten Häuser verkauft worden waren. In jedem Hause etwa dreißig bis vierzig, im ganzen vielleicht zweitausend. Manche von ihnen waren recht hübsch, nur zeigten ihre Gesichter dicke Schichten von Puder und Schminke, und in ihren sorgfältigen Haarfrisuren steckten Dutzende kostbarer, langer Nadeln. Der Obi, diese breite, aus schweren Brokaten bestehende Leibbinde, die in der japanischen Damentoilette das Mieder ersetzt, war mit der Schleife nicht rückwärts gebunden, sondern vorn, und das allein sagte, daß diese Dämchen Schogi waren, d. h. dem niedrigsten Stande der lustigen Weiber von Dai Nipon angehörten. Einer Regierungsvorschrift zufolge dürfen die Schogi nämlich ihren Obi nicht hinten binden. Es wäre ein langes Kapitel zu schreiben über die nach unseren Begriffen unendlich traurigen Verhältnisse, wie sie in den Yoshiwaras von Tokio, Kioto und den anderen Städten herrschen, aber -- jeder Leser wird dieses „aber” verstehen.
Japanische Ringkämpfer.
Im Straßenleben der japanischen Großstädte waren mir besonders zur Zeit der Volksfeste vereinzelte Riesengestalten aufgefallen, die sich gegenüber den sonst so kleinen, unscheinbaren, schmächtigen Japanern nicht nur durch ihren hohen Körperwuchs, sondern auch durch ihre Fettleibigkeit, verbunden mit staunenswerter Muskelentwickelung, auszeichneten. Sie wurden mir als jene berühmten professionellen Ringer bezeichnet, die im Volksleben Japans eine ähnlich hervorragende Rolle spielen, wie etwa die Gladiatoren im alten Rom, oder die Stierkämpfer in Spanien, oder die Faustkämpfer in England und Amerika.
In der großen Feudalzeit Japans im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war jedes Mitglied der damaligen vornehmen Kriegerkaste, der Samurai, ein Meister in allerlei athletischem Sport, vornehmlich im Fechten und Ringen. Aber ähnlich wie im Abendlande sind diese die Muskelkraft hebenden, den Körper stählenden Uebungen der modernen Zeit zum Opfer gefallen, und selbst das Ringen wird nur mehr von den genannten professionellen Ringkämpfern oder Sumotori ausgeübt, die eine eigene Gilde mit strengen Gesetzen und Vorschriften ihrer Kunst bilden.
Würde sie nicht ihre äußere Erscheinung sofort kenntlich machen, so würde ein Blick auf ihre Haartracht genügen, um sie als Mitglieder der Ringkämpfergilde zu stempeln. Aehnlich wie die Stierkämpfer in Spanien ihr Haar zu einem über den Nacken fallenden kurzen Zopf flechten, so fassen die Sumotori ihr langes Scheitelhaar zu einer dicken Strähne zusammen, die sie mittels papierenen Schnüren nach vorn auf den Scheitel leiten. Diese Haartracht war früher auch im japanischen Volke allgemein, und noch während meiner Reise im Inneren Japans fand ich viele ältere Männer mit solchen Zöpfen, jedoch mit dem Unterschiede, daß sie ihr Haupthaar bis zum Scheitel abrasiert hatten.