China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 63

Chapter 633,428 wordsPublic domain

Die reizenden japanischen Mädchen in ihren malerischen Festgewändern, Schmetterlinge und Blumen im Haare, promenierten dazwischen Arm in Arm, auf und nieder, scherzten mit den Bekannten, bewarfen die auf dem Fluß einherziehenden Boote mit Blumen; Kinder umringten die ambulanten Verkäufer von Süßigkeiten, bewunderten die Fertigkeit der Taschenspieler und lachten über die mitunter recht obscönen Scherze der Märchenerzähler. Unter all diesen Zehntausenden befand sich nicht ein einziger Europäer, nicht einmal ein europäisch gekleideter Japaner, es war ein urjapanisches, urheidnisches Fest, und wer Gelegenheit gehabt hat, dieses oder irgend ein anderes Fest, selbst in den für Europäer offenen Städten Japans mit anzusehen, der wird von der vermeintlichen „europäischen” Kultur der Japaner einen sonderbaren Begriff bekommen. Steckt die europäische Kultur etwa allein in Eisenbahnen und Kanonen? Gehören nicht auch das Christentum und die Moral dazu?

Aber unter all den Japanern, die sich auf dem breiten Flußbette des Kamogawa gütlich thaten, befand sich wohl kein einziger Christ, von der Moral gar nicht zu sprechen. Wohl waren die losen, leichtfertigen Geishamädchen von ihren bemalten hübschen Köpfchen an bis zu den Fußspitzen bekleidet, aber in ihren Tänzen trieben sie mitunter die Unmoralität auf das äußerste, vor den Augen ganzer Familien, vor den Augen junger Mädchen, vor Kindern! Und diese blickten naiv, aufmerksam über jede Obscönität lächelnd auf solche Darstellungen! Es steckt in diesem merkwürdigen Volk doch noch ein gutes Stück Barbarentums, und so schön, so malerisch und glänzend ihre Festlichkeiten auch sein mögen, so sehr auch Europäer davon geblendet werden, es kommt doch dabei die ungeheure Kluft zum Vorschein, die uns christliche Bewohner des Abendlandes von diesen heidnischen Orientalen heute und noch auf lange Zeit hinaus trennt.

Japanische Musmis.

Lustige Weiber in der That! Lustig und dabei neckisch, kokett, hübsch und zärtlich, reizende Wesen, wie geschaffen, dem Manne das Leben zu versüßen. Fragt man einen Weltfahrer, welches Land ihm vor allen am besten gefallen hat, so wird er gewiß zur Antwort geben: Japan; und fragt man ihn, was ihm in Japan am besten gefallen hat, so ist die gewöhnliche Auskunft: die Japanerinnen.

Das beste dabei ist, daß er in neun Fällen unter zehn die wirklichen Japanerinnen gar nicht kennen gelernt, vielleicht gar nicht gesehen hat. Wie die Frauen der besseren Stände bei den meisten orientalischen Völkern, so bleiben diese auch in Japan dem öffentlichen Leben fern; selten erscheinen sie auf der Straße, selten bei gesellschaftlichen Anlässen, und jene, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt, sind höchstens die Frauen der Minister, des Adels und der Hofwürdenträger; aber diese haben in den meisten Fällen dem alten Japan Adieu gesagt und sich dem neuen europäisierten Japan angeschlossen, prangen in Federhüten, Miedern und Stöckelschuhen, sprechen fremde Sprachen und tanzen Walzer und Quadrille. Der Europäer, der Japan bereist, und mag er sich auch Jahre in diesem herrlichen Lande aufhalten, lernt gewöhnlich nur die Frauen aus dem Volke kennen, die Verkäuferinnen und Ladenmädchen, die Wirtinnen und Kellnerinnen in den Theehäusern, die Sängerinnen, Tänzerinnen und andere. Wird er von irgend einem Japaner der besseren Stände zum Diner oder Thee geladen, so geschieht dies in der Regel nicht in dem Wohnhause des Japaners, sondern in irgend einem Theehause, und an die Stelle der Hausfrau mit ihren Töchtern treten Mädchen, die um so und soviel die Stunde gemietet werden, um den Gästen die Honneurs zu machen und durch Witz, Munterkeit, Gesang und Tanz die Zeit zu vertreiben. Die Japanerinnen sollten diesen kleinen, zierlichen Demoiselles zu Dank verpflichtet sein, denn wer weiß, ob sich die Frauenwelt von Dai-Nipon in Europa eines so liebenswürdigen Rufes erfreuen würde, wenn sie dem reisenden Europäer in allen ihren Ständen und Gesellschaftsklassen gerade so zugänglich wäre wie jene von, sagen wir, Amerika. Vielleicht wäre dieser Ruf auch nicht so, wie er ist, wenn die Japaner es den Europäern gleichthun und zu den Verrichtungen in Kaufläden, in Hotels und Theehäusern Damen von gesetztem Alter, ehrbare, gesittete Hausfrauen, ungeschlachte Dienstboten aus den Dörfern herbeiziehen würden. Was dem europäischen Reisenden in den ihm offenstehenden Lokalen entgegentritt, sind durchwegs niedliche, junge Mädchen im Alter von zehn bis siebzehn, höchstens zwanzig Jahren, so zart und hübsch und appetitlich wie Meißner Porzellanfigürchen, denen die gütige Vorsehung Seele und Leben eingeflößt hat. Ganz Japan sieht in seinen Provinzhotels und Theehäusern aus wie ein großes Mädchenpensionat, und es müßte schon ein ganz verzweifelt hoffnungsloses Exemplar von vertrocknetem Gelehrten sein, das in so reizend schäkernder, naiv spielender Umgebung nicht außer Rand und Band geriete. Kommt man da in irgend ein Provinzialhotel, so trippeln geschäftig drei, vier, fünf kleine possierliche Jüngferchen herbei und werfen sich vor dem Fremdling nieder. Mit unnachahmlicher Grazie sinken sie auf ihre Knie, legen ihre Körperchen zurück, so daß sie auf ihren Waden sitzen, und machen dann ihre Verbeugung so tief, daß sie mit ihrem Näschen beinahe den Boden berühren. Welch beneidenswerte Gelenkigkeit! Dann raffen sie sich wieder auf, nehmen dem Gaste mit reizendem Lächeln seine Gepäckstücke und Siebensachen ab und rücken ein weiches Kissen zurecht, auf dem er Platz nehmen muß. Flink wirft sich wieder ein Jüngferchen vor seine Füße auf den Boden und löst ihm die Schuhe von den Füßen. Man ist ganz beschämt. Solch zarte winzige Händchen und so schwere, plumpe, schmutzige Stiefeln! Aber da hilft kein Sträuben. Kichernd und schelmisch führen sie dann den Fremden auf die glänzenden, blank geputzten Matten oder auf einem Holzfußboden, so schön wie ein Klavierdeckel, weiter, schieben einige Holzrahmen mit weißem Papier überspannt zu einem Viereck zusammen, so daß ein Kämmerchen daraus entsteht, und man ist auf seinem Zimmer. Natürlich keine Thüre, keine Nummer, kein Schloß und Riegel, keine Fenster. Die spanischen Wände werden alle Augenblicke von den kleinen, stets lächelnden Mädchen auseinandergeschoben. Fräulein Sonnenschein trägt einen Kimono, dieses bequeme Universalkleidungsstück Japans, Fräulein Mohnblüte bereitet das Nachtlager, Fräulein Frühling richtet das Bad zurecht und hilft einem beim Auskleiden. Nein, so eine Naivität! Odysseus ist auf seiner Insel nicht so herrlich aufgehoben gewesen wie der Reisende in Japan. Man dünkt sich wie der einzige Mann in einem Reiche voll hübscher, junger Frauen. Ist man nach dem Bade in seinen Kimono geschlüpft, so wird die ehrenwerte Mahlzeit aufgetragen. Ein Fräulein trägt den ehrenwerten Tobakomon mit dem Hibatschi herbei, d. h. ein Kästchen mit glimmender Kohle und einem Aschenbecher, denn es wird vorausgesetzt, daß jedermann Raucher ist. Dann wird ein winziges, niedriges Tischchen herbeigetragen mit allerhand japanischen Leckerbissen und dem unfehlbaren Tscha, d. h. Thee. Tische, Stühle, Fauteuils nach unserer Art sind natürlich nicht vorhanden; dafür giebt es schwellende Kissen auf dem Boden, und man muß lernen auf seinen Waden zu hocken. Geräuschlos schlüpfen die kleinen Musmis aus und ein, richten die blendend weißen Eßstäbchen zurecht, gießen aus Porzellanflaschen warmen Reiswein in die Schalen und machen sich in jeder erdenklichen Art nützlich. Man kann nichts thun, ohne eine Musmi an seiner Seite zu haben, selbst in dringenden Fällen, wo man allein sein will. Sie sind wie Peter Schlemihls Schatten fortwährend auf unseren Fersen. Ob man ehrenwerte Musik hören will? Natürlich. Arigato, danke. Sofort treten ein paar kleine liebliche Mädchen vor, eine hübscher, putziger als die andere. Sie kauern sich an der Papierwand gegenüber auf die Fersen, nehmen den Samisen, d. h. die japanische Guitarre, oder den Koto (eine Art Zither) zur Hand und zupfen ohne Unterlaß an den Saiten herum. Ob man einen ehrenwerten Tanz sehen will? Gewiß. Eine oder zwei Tänzerinnen huschen herein, phantastisch aufgeputzt in reichen, goldstrotzenden Gewändern und tanzen.

Nacht. Man hat sich endlich, ganz verwirrt von dem liebreizenden Empfang, auf die harte Matratze zwischen den vier Papierwänden hingestreckt und muß sich wahrhaftig in die Beine zwicken, um zu sehen, ob man nicht träumt, ob dieses Schlaraffenleben Wirklichkeit ist. Draußen auf der Veranda brennt ein Licht in einem farbigen Lampion; aus der Ferne hört man Gesang und frohes Gelächter, dazu überall das Gezupfe auf den Samisen; zuweilen huscht ein Schatten an den durchscheinenden Papierwänden vorbei. Wer nur in den Nebenräumen schlafen mag? Man braucht ja bloß die Wände auseinanderzuschieben, nur ein klein wenig, ja nicht einmal das. Das Papier ist ja leicht mit dem Finger zu durchstechen. Richtig, da ist es schon. Andere haben denselben Gedanken gehabt. Ein leichtes Geräusch am zerreißenden Papier, ein einziges Fingerchen hat sich den Weg in unser Schlafgemach gebrochen, verschwindet, und in der Oeffnung erscheint ein schwarzes, glänzendes, neugieriges Auge. Kracks. Noch ein zweites Loch, ein zweites Auge. Was doch die Japanerinnen neugierig sind! Auf einer Seite im Nebenraume ein leichtes Seufzen, ein Klopfen, wie wenn ein Kapellmeister seinem Orchester abklopft. Leichter Tabakgeruch dringt zwischen den Spalten in unser Gemach. Wir sind aber auch neugierig. Wer da wohl drinnen sein mag? Mit dem Taschenmesser wird mäuschenstill ganz unten am Boden ein Loch durchs Papier geschnitten, da hockt ein Musmi in recht, recht leichter Kleidung vor ihrer Matratze und schmaucht noch vor dem Schlafengehen ein winziges Pfeifchen, nicht größer als ein Bleistift mit einem aufgesetztem Fingerhütchen. Ein, zwei tiefe Züge, dann klopft sie das Pfeifchen an dem Hibatschi wieder aus und steckt eine Kleinigkeit Tabak, den sie zwischen den Fingern zu einer Erbse gedreht hat, in den Fingerhut. So raucht sie fünf, sechs Pfeifchen, legt sich dann auf die Matratze, schiebt sich den kleinen, ziegelgroßen Holzklotz, der ihr als Kopfkissen dient, vorsichtig unter den Nacken, damit ja ihre sorgfältige Haarfrisur nicht in Unordnung gerät, und zieht eine dicke, geblümte Decke über das winzige Körperchen. Gute Nacht! Ob sie wohl ahnt, daß neben ihr ein Europäer weilt? Ob sie seinen Seufzer gehört hat? Alle Japanerinnen sind doch nicht neugierig. Sie schläft.

Am Morgen wieder dieselbe Geschichte. In Japan kennt man kein Anklopfen an die Thüre, kein Hereinrufen. Man mag gerade bei den privatesten Toilette-Angelegenheiten sein, die Papierwände werden auseinandergeschoben, frei und mit dem freundlich warmen Sonnenlichte dringt auch Fräulein Frühling wieder lächelnd ein. Das Bad ist bereit, der Frühstücksthee u. s. w. Während dieser Zeit werden die Matratzen wieder zusammengerollt und fortgetragen, die Effekten und Toilettesachen eingepackt, die Papierwände auseinandergeschoben, der Boden geputzt und geglättet wie ein Spiegel, nicht ein Stäubchen ist zu sehen. Mittags gemeinschaftliche Mahlzeit mit Japanern und Japanerinnen; der Tschau (d. h. die Speisen) werden in der Mitte des Raumes auf kleinen Tischchen aufgetragen, alles unter fortwährenden, tiefen, zeremoniösen Verbeugungen, als wären die Gäste lauter Könige.

Der große, niedrige Raum ist nach allen Seiten offen; vorne blickt man auf die Straße, hinten auf ein Gärtchen mit sorgfältig besandeten Wegen, grünem Rasen und kurios geschnittenen Bäumchen. In der Mitte, gerade vor der japanischen Table-d’hôte-Gesellschaft, ist ein kleiner Wassertümpel mit klarem Wasser, von künstlichen Felsen umgeben. Während wir essen, kommt da ein Japaner durch den Garten geschritten, wirft seinen Kimono ab und steigt splitternackt, gerade wie er erschaffen, in die kühle Flut. Nachdem er einigemale untergetaucht, kommt er wieder ans Land, stellt sich angesichts der Frauen und Mädchen und der kleinen, vierzehn- bis sechzehnjährigen Musmis hin und reibt sich mit Tüchern die Nässe vom Leibe. Welches Ach und Shoking, welcher Anlaß zu Ohnmachtsanfällen und welcher Aufwand an Riechfläschchen, Taschentüchern und dergleichen gäbe es doch in Europa! Hier kümmert sich kein Mensch um ihn; man sieht ihn gerade so, wie man die Bäume und den Himmel sieht, aber niemandes Blicke bleiben länger auf ihm haften; kein Augenpaar wird züchtig errötend niedergeschlagen. Und als er sich endlich zu uns setzt, um seinerseits das Tiffin (Vormittagsmahl) einzunehmen, geschieht dies unter gegenseitigen zeremoniösen Verbeugungen.

Wir wollen das Hotel verlassen. Vor dem erhöhten Fußboden der weiten Halle, die das Hotel eigentlich bildet, stehen zwischen Dutzenden von Getas, d. h. japanischen Holzpantoffeln, auch unsere Schuhe. Diensteifrig eilen die kleinen Mägdlein wieder herbei, um uns beim Anziehen derselben behilflich zu sein, und als wir uns zum Fortgehen wenden, fallen sie wieder auf die Erde. Sayonara, Sayonara tönt es von ihren ewig lächelnden Lippen.

Diese Musmis sind nur die bescheidensten weiblichen Wesen, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt. Die nächst höhere Klasse sind die Maikos und Geishas. Während bei uns bekanntlich alle Frauen uns das Leben versüßen und angenehm machen, giebt es in Japan dafür professionelle Versüßerinnen in der Gestalt zahlloser Tänzerinnen und Sängerinnen, die jede Stadt ohne Ausnahme aufzuweisen hat. Tokio und Kioto, die neue und alte Hauptstadt von Dai-Nipon, allen voran, was ihre Zahl anbetrifft, aber jene, welche die größte Künstlerschaft besitzen und im Lande am berühmtesten sind, wird man in Osaka und Nagoya finden. Sie sind nicht etwa bestimmten Theehäusern, Theatern, Klubs oder Vergnügungslokalen zugeteilt wie unsere Volkssängerinnen, Dämchen des Corps de Ballet, Soubretten und dergleichen, sie bilden auch keine Gesellschaften oder Wandertruppen, die in Variététheatern, Cafés chantants oder Tingeltangeln ihre Kunst zum besten geben, sondern wohnen in der ganzen Stadt verteilt bei ihren Lehrmeistern oder Eltern und lassen sich für ein, zwei Stunden zu bestimmten Festlichkeiten oder Anlässen anwerben. Die jüngsten unter ihnen sind gewöhnlich die Maikos (Tänzerinnen), und erst, nachdem diese einige Jahre durch ihren Tanz die vergnügungslustige Männerwelt entzückt haben, werden sie Gaishas (Sängerinnen). Als solche bleiben sie bis zu ihrem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Lebensjahre ~en vogue~, um dann allmählich anderen, jüngeren Platz zu machen und zu verschwinden. Sie sind eine Eigenart von Japan. Ich habe ähnliche, wenn auch nicht so reizvolle, professionelle Gesellschaftsdamen nur noch in Korea und China getroffen, sonst nirgends auf dem Erdkreis. Ohne sie kann man sich Japan nicht gut denken. Während die Musmis in den Hotels und Theehäusern nur für die persönliche Bequemlichkeit der Besucher Sorge tragen, erheitern die Maikos sie durch ihren Tanz und ihre dramatischen Darstellungen, die Geishas aber vertreiben ihnen durch ihren Witz, ihren Gesang und ihre klassische Bildung in der angenehmsten Weise die Zeit. Als reizende Zugabe besitzen alle drei Klassen, Musmis, Maikos und Geishas, stets Jugend und Schönheit.

Die Geishamädchen.

Eine Geisha nach europäischen Begriffen, wie sie etwa in der Operette dieses Namens während der letzten Jahre dem Theaterpublikum vorgeführt wurde, ist nicht dasselbe, was eine Geisha in ihrem schönen Heimatlande Japan ist. Ja, ich möchte sagen, sie haben miteinander nichts gemein als den Namen. Wie wäre es auch möglich, auf einer europäischen Bühne diese reizenden, kleinen Zierpüppchen darzustellen, die in Japan das Leben der Männer versüßen, ihnen die Abende in der angenehmsten Weise vertreiben, bei ihren Mahlzeiten die Gattinnen ersetzen, überhaupt als der Inbegriff von Schönheit, Anmut, Jugend, Geist und Witz gelten! Sollten unsere Geishas auf der Bühne wirklich ihren lieblichen japanischen Vorbildern entsprechen, dann dürfte zunächst keine von ihnen größer sein als die kleinste unserer Soubretten, keine älter als zwanzig Jahre, keine schwerer wiegen als das leichteste Schneiderlein. Die winzigen Dämchen unserer Bühnenwelt, die in Jugend und Gestalt an die Geishas von Japan erinnern könnten, sind unsere kleinen Ballettratten, ehe sie noch aus dem Uebungssaal heraus auf die Bühne getreten sind. Aber auch nur in Aussehen und Gestalt; alles andere, was die kleinen Dämchen unserer Ballettschulen erst lernen müssen, um ihren heiteren Beruf vor und hinter den Kulissen mit Grazie zu erfüllen, haben ihre Schwestern in Japan längst hinter sich. Wo denkt eine Sängerin des Abendlandes daran, vor dem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre in die Oeffentlichkeit zu treten? In Japan denkt sie in einem solchen Alter bereits daran, sich zurückzuziehen. Und während unsere Geishas nur die vorgeschriebene Musik zu singen, die vorgeschriebenen Dialoge zu deklamieren haben, muß die japanische Geisha durch schlagfertigen Witz glänzen, tändeln, spielen, kokettieren, wie es in keinem Codex vorgeschrieben ist und wie es nur ihr süßes, leichtfertiges Naturell eingiebt. Ja nicht einmal in Bezug auf die Liebe, und was drum und dran hängt, gleichen einander die beiden Geishas. Die Sprache der Liebe ist universell und überall verständlich, heißt es. In Europa, ja, aber nicht in Ostasien. Die europäische Geisha ist der wirklichen wahren Liebe fähig, mit der größten Hingebung, die japanische wohl der größten Hingebung, aber nicht der wahren Liebe. Sie haben seltsame Herzchen, diese kleinen Geishapuppen von Japan, nicht größer und nicht kleiner als die unserer Theaterdamen, aber es ist nichts drin, es ist wie eine leere Börse. Werden Münzen hineingethan, dann klingt es. Und bekommt das kleine Geishamädchen Geld, dann singt es. So ein Geldbeutelherz kennt deshalb auch keine Leidenschaft, außer die bezahlte, und auch diese ist anders als im Abendlande. Was liegt bei uns nicht alles in einem verstohlenen Händedruck, in einem einzigen Blick! Die kleine Geisha von Tokio und Kioto kann man anblicken und anzwinkern und drücken, so kräftig man will, sie versteht kein Deutsch. Sie versteht auch keinen Kuß, und will irgend ein europäischer Schnurrbart mit ihren Lippen in Berührung kommen, dann glaubt sie, es soll ihr das Rot ihrer Lippenschminke abgebürstet werden. Da giebt es kein Geplänkel, kein Liebesgirren, sie kennt keine Halbheiten. Nichts oder alles, gewöhnlich alles.

In der Operette wird auf diese Unkenntnis des Kusses bei den Japanern auch in dem bekannten reizenden Duett Rücksicht genommen, aber dabei umarmen einander doch die Geisha und ihr europäischer Liebhaber, als wäre dies in Japan gerade so selbstverständlich wie anderswo. Die Japaner umarmen einander aber ebensowenig, wie sie einander küssen oder die Hände schütteln. In der ganzen japanischen Litteratur, weder in Prosa noch in Gedichten, findet sich irgend eine Anspielung auf dergleichen, selbst wo die heißeste Liebe der Gegenstand ist. Wenn Mann und Frau, Eltern und Kinder, Braut und Bräutigam, nach jahrelanger Trennung einander wiedersehen, kommt es zu keinem derartigen Erguß ihrer Liebe und Freude.

Die Liebe kommt auch nicht durch Worte zum Ausdruck, wie es in der Operette fortwährend geschieht. In der japanischen Sprache giebt es keine Wörter wie Liebchen, Schätzchen, Täubchen und dergleichen, an denen die europäischen Sprachen so reich sind. Nicht einmal der Ton der Stimme wird weicher und zärtlicher, wenn zwei Liebende, Liebende nach japanischer Art, beisammen sind.

Ich habe in einer berühmten japanischen Ballade, Schuntokumaru mit Namen, die ebenso bekannt und beliebt in jeder Haushaltung ist wie bei uns etwa die Liebesgedichte unserer größten Poeten, einen höchst seltsamen Zärtlichkeitserguß gefunden. Es handelt sich um zwei Liebende, die, durch ein grausames Geschick getrennt, das ganze Reich auf der Suche nacheinander durchwandern und sich endlich im Kiomidzutempel unerwartet wiederfinden. Welcher Dichter würde die zwei Liebenden nicht in der Ekstase des höchsten Glückes mit thränenüberströmtem Antlitz aufeinanderstürzen und ein paar Minuten lang sich umarmen und küssen lassen, wenn nicht die Geliebte selbst vor lauter Erregung ohnmächtig wird oder gar tot zu Boden stürzt? In der japanischen Ballade gucken die Liebenden einander stumm an, dann hocken sie sich auf ihre Waden und streicheln einander ein wenig.

Wenn aber die Liebe in Japan mit dem ganzen Zärtlichkeitskalender so unbekannt ist, wie kommt es dann, daß alle Europäer, die nach Japan kommen, von den kleinen Geishamädchen so entzückt sind? In der Operette hat man diesen Mangel an Liebesergüssen durch solche nach europäischer Art ersetzt, und sie präsentieren sich auch auf der Bühne im japanischen Gewande recht niedlich, aber japanisch sind sie nicht. Durch was wirkt dann die japanische Geisha?

Auf den Japaner wirkt sie durch ihren Geist, ihren Witz, ihre litterarischen Kenntnisse, durch Musik und Gesang. Dem Europäer sind Geist und Witz unverständlich, weil er nur in seltenen Fällen die Sprache hinreichend beherrscht; die Musik, welche die Geisha auf der japanischen Guitarre abzupft, ist für ihn entsetzlich langweilig und unschön, und was ihren Gesang betrifft, so könnte man dabei weinen. Ein solches Genäsel und Gemiaue, auch von der schönsten Geisha auf einer europäischen Bühne zum Vortrag gebracht, würde wie die erbärmlichste Katzenmusik wirken. Was den Europäer besticht, das sind also gewiß nicht ihre angelernten Kenntnisse, sondern nur ihre natürlichen Gaben, nämlich Jugend, Zartheit, Anmut. Wenn sie auch nicht hübsch sein sollte, besitzt sie doch eine gewisse Anziehungskraft. Sie macht einen um so tieferen Eindruck auf ihn, als er in Japan mit anderen Frauen selbst bei längerem Aufenthalt nur sehr selten zusammenkommt. Der Japaner hält seine Frauen, seine Töchter im Hintergrund; besucht man ein japanisches Haus, so wird man nur von Männern empfangen, und wird man mit diesen nach häufigerem Verkehr intimer, so kommt es wohl vor, daß auch die Frau, vielleicht sogar die Tochter bei der Begrüßung einmal vorgestellt wird. Aber die Frauen ziehen sich nach einigen Worten wieder zurück und erscheinen nur bei der Verabschiedung, um sich vor dem Besucher auf alle Viere zu werfen. Eine längere Unterhaltung ist ganz ausgeschlossen, und wollte man einer Frau irgendwelche Komplimente über ihre Schönheit oder über die Pracht ihrer Kleider machen, so würde dies sehr übel aufgenommen werden.

Uebrigens würden Unterhaltungen sehr ernüchternd und enttäuschend sein, denn die japanischen Frauen der besseren Stände waren bis vor kurzem und sind in den Provinzen, fern von den der europäischen Kultur eroberten Hauptstädten, auch heute noch von der Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Sie werden geboren, lernen in ihrer Kindheit neben den Pflichten ihres Hauswesens höchstens noch Blumen binden, sticken, den Zeremonienthee bereiten; sie heiraten, verblühen mit fünfundzwanzig Jahren und sterben als treue, hingebungsvolle Hausfrauen und gute Mütter, aber ihre Geistesgaben wurden nicht entwickelt, sie besitzen keinerlei Kenntnisse und können deshalb weder in der Gesellschaft durch Konversation glänzen, noch zu Hause in dieser Hinsicht die Männer befriedigen.