China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 62
Eine Kaiserstadt wie Kioto, welche in ihren (Holz- und Papier-) Mauern eine Reihe von fünfzig Kaisern beherbergt hat und beinahe ein Jahrtausend lang die Hauptstadt von Japan gewesen ist, mußte doch noch die Paläste dieser Kaiser und seines hohen Adels haben, wenn auch diese selbst vor einigen Jahrzehnten fortgezogen sind. In Nagoya, in Fukuyama, in Okayama hatte ich die großen, ungemein malerischen Burgen der alten Landesherren bewundert, welche die modernisierten Vandalen trotz ihrer blinden Zerstörungswut gegen alles Altjapanische noch haben stehen lassen: pyramidenförmige, mehrstöckige Pagoden, umgeben von gewaltigen Ringmauern und Gräben. Wie herrlich mußten also die Paläste der Kaiser selbst sein! In Tokio wird auch viel Wesens davon gemacht, und die Erlaubnis zum Besuche der Kaiserschlösser von Kioto mußte ich mir durch die Gesandtschaft bei der Regierung selbst erwirken. Mit diesen Besuchspässen in japanischer Schrift, reich mit viereckigen roten Stempeln versehen, fuhr ich eines Tages zunächst nach dem im Nordosten von Kioto gelegenen, Goscho genannten Kaiserpalast. Eine hohe Mauer mit sechs Thoren schließt denselben gegen die Außenwelt ab. Durch das Mi-Daidokoro Gamon, d. h. „das Thor der erhabenen Küche”, tretend, befand ich mich in einem öden, weiten Hofe, auf dem sich noch vor dreißig Jahren die Paläste der Kuge, d. h. der mit dem Kaiserhause verwandten Fürsten, befunden haben. Sie fielen der „Revolution von oben” zum Opfer. Ein Hofbediensteter empfing mich unter tiefen Bücklingen und führte mich in ein Bureau, wo mein Besuchspaß durchgesehen und mein Name in ein Buch eingetragen wurde. Hierauf begaben wir uns durch große, mit Bäumen bepflanzte Höfe zu einem kahlen, ebenerdigen, mit breiten Veranden umgebenen Gebäude, in dem ich die „erhabene Küche” oder die Wohnungen der Dienerschaft vermutete. Es war aber der Kaiserpalast selbst. Ich mußte meine Beschuhung mit weichen Hausschuhen vertauschen, deren Sohlen aus einem Stück Seidensamt bestanden, eine Vorsicht, die ich begreiflich fand, als ich die wie ein Pianodeckel polierten oder mit den zartesten Strohmatten bedeckten Fußböden der Korridore und Wohnräume betrat. Mit einer gewissen Ehrfurcht durchschritt ich die weiten Korridore, deren Wände aus gehobelten Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen, bestanden, denn ich war ja im Begriff, die Empfangs- und Thronsäle der ältesten Kaiserdynastie der Welt zu betreten. Welche Schätze, welch erhabene Kunstwerke mochten hier in dem vornehmsten Palaste dieses Landes der Kunst aufgespeichert sein, wie freute ich mich auf die mir bevorstehende Augenweide! Mein Führer schob eine Papierwand zurück und hieß mich eintreten. Ein weiter, niedriger Raum mit einer etwa kniehohen Estrade an einem Ende. Auf der Estrade erhob sich ein niedriges Zelt aus vergilbter, weißer Seide, mit schwarzen Bändern behängt. Sonst war nicht das geringste Möbel zu sehen. Mit leisen Worten teilte mir der Führer mit, dies sei der Thronsaal und das Zelt der Thron des Kaisers. Wieder wurde eine Papierwand beiseitegeschoben, ein zweiter papierener Raum ohne irgend welche Einrichtung, der Empfangssaal; ein dritter Papierraum ohne Möbel, das Speisezimmer; ein vierter das Schlafzimmer; nichts als Papierwände, weiche, geflochtene Fußbodenmatten und sehr schön geschnitzte, reich bemalte Holzdecken. Voilà tout. So gab es etwa dreißig, vierzig derartige Räume, nur zeigten manche von ihnen künstlerische Wandmalereien, Bäume und allerhand Tiere mit viel Geschmack und Genauigkeit gemalt, sonst aber kein Bett, keinen Tisch, keine Vase oder Bronze, keine Blume. In einem Saale waren die Wände mit Malereien bedeckt, die Fächer darstellten, alle von solchem Geschmack, solcher Harmonie der Farben und Formen, daß ich mich kaum davon trennen konnte. Aehnliche Gefühle wie die, welche mich jetzt bewegten, hatte ich empfunden, als ich in Sakkara und Biban el Meluk in Aegypten die Königsgräber besuchte. Auch dort sind die leeren Räume mit ähnlich frischen Wandmalereien geschmückt. Aber wie dort, so schien es mir auch hier, als lägen Jahrtausende zwischen den Menschen, die zur Zeit ihrer Erbauung gelebt haben, und der Gegenwart. Und ist nicht auch dieser Papierpalast ein Königsgrab? Ist er nicht das Grab des alten Japan, das unvergleichlich viel anziehender, interessanter, malerischer war in seinen Menschen und ihrer Kultur als das nach europäischer Art gestiefelte und gespornte Japan von heute? Schöner, großartiger, individueller ist der nicht weit vom Kaiserpalast gelegene Palast der Schogune, Nidscho genannt. Die militärische Macht dieser einstigen Vicekönige äußert sich noch heute durch die festen Mauern mit pagodenartigen Ecktürmen, die ihn umgeben. Das Reisehandbuch nennt den Nidschopalast einen Traum von goldener Schönheit, womit wahrscheinlich die reichen Vergoldungen der Decken und Tragbalken der einzelnen Räume gemeint sind. Die Räume sind größer und höher, die Malereien kräftiger und kühner, einzelne in der That von besonderer Schönheit. Das Ganze zeigt größeren Reichtum, größere Vornehmheit. Geradezu blendend ist der goldstrotzende Audienzsaal der Schogune, und leicht konnte ich mir im Geiste das imposante Bild vergegenwärtigen, als diese nun in Staub liegenden großen Herren die in den prächtigsten Kostümen prangenden Feudalfürsten des Landes empfingen, ein Bild, das in solchem Glanz und solcher Fremdartigkeit wohl nirgends erreicht worden ist. Aber wo ist das alles heute? An einem Tage wurde es fortdekretiert, und nichts ist davon übrig geblieben als dieser Schogunpalast, die trotz ihrer Leere immer noch imponierende Hülle.
Viel interessanter als diese beiden Paläste sind die zahllosen Buddha- und Shintotempel, welche Kioto beherbergt, nicht weniger als dreitausend an der Zahl mit achttausend Priestern. In dieser Hinsicht ist Kioto wirklich ein Rom, ja es hat sogar seinen Papst in der Person des Großbonzen der Schinsekte, dessen Haupttempel der prächtige Higaschi-Hongwanschi ist. Tage verbrachte ich mit dem Besuche der verschiedenen Tempel, mit ihren Tausenden und Abertausenden von Buddhastatuen groß und klein, mit ihren bronzenen Göttern und Göttinnen, ihren Opferschreinen und habgierigen, recht unheiligen Priestern. Selten traf ich in diesen Tempeln andächtige Männer; die Hauptbesucher waren Frauen, und wie opferwillig diese den Göttern gegenüber noch heute sind, sah ich bei dem Bau des vorerwähnten Higaschi-Hongwanschi.
Zahlreiche Arbeiter waren noch mit der Fertigstellung dieses Riesengebäudes, eines der größten von Japan, beschäftigt, und in einer Ecke des Bauhofes lagen zwei mannshohe Rollen von armdicken schwarzen Tauen. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß sie aus Haaren geflochten waren. Mein Führer erzählte mir nun, daß die gewöhnlichen Taue durchwegs zu schwach waren, um die ungeheuren Dachbalken dieses mächtigen Baues beim Emporziehen zu tragen, und ihr Reißen hatte mehrere Unglücksfälle zur Folge. Da weissagte ein Priester, daß nur Taue aus Frauenhaaren stark genug sein würden, die Arbeit zu ermöglichen. Und siehe, Tausende von Frauen opferten ihren Haarwuchs, mehr als erforderlich war. Wo gäbe es im Abendlande Frauen, die sich zu einem solchen Opfer entschließen würden? Hat es nicht seine Berechtigung, wenn alle Reisenden das Lob der Japanerinnen singen?
Mehr als irgendwo lernt man in den Tempeln von Kioto das innere Leben der Japaner kennen, ihre Geistesrichtung, ihren Aberglauben. Dabei enthalten sie aber auch ungezählte Merkwürdigkeiten, deren bloße Anführung allein schon ein Buch füllen würde. Und wie am Tage die Tempel, so gewähren zur Nachtzeit die zahllosen Theehäuser des Gion einen tiefen Einblick in die Sitten der Japaner. Gion ist das Quartier der Leichtlebigkeit, oder soll man sagen Leichtliebigkeit? Die Theehäuser sind ihrem Aeußeren nach bei weitem nicht so groß, reich und einladend wie die Yoshiwara von Tokio oder Yokohama, ärmliche, niedrige Häuschen, vor deren Thüren abends große weiße Papierlaternen mit recht verfänglichen Inschriften brennen. Aber im Innern geht es dafür desto toller zu. Aber auch im Freien kann man dieses eigentümlich muntere, lose Treiben kennen lernen, besonders im Sommer, wenn der Kamogawa ausgetrocknet ist und das Völkchen von Kioto es sich in dem weiten steinigen Flußbette bequem macht. Oder an den zahllosen Festtagen des Jahres, wenn die ganze Bevölkerung mit buntem Festschmuck in den Straßen ist. Dann erst sieht man, daß Kioto noch lebt und daß die Bevölkerung ebenso sorglos, ebenso urjapanisch ist wie zur Zeit der Schogune.
Daimondschi, das japanische Totenfest.
Japan ist das Land der Feste, wie kein zweites auf Erden. In jeder Woche finden in diesem gesegneten Inselreiche des fernen Ostens Festlichkeiten statt, nicht nur solche, wie wir sie haben: Neujahr, Kaisers Geburtstag und dergleichen, sondern Blumenfeste, Kinderfeste, Erntefeste, Fluß- und Waldfeste, vor allem aber religiöse Feste ohne Zahl. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, beteiligt sich daran. Die Häuser, Straßen, Gärten, Plätze und Tempel sind im Festschmuck, ebenso wie das Volk, das mit Kind und Kegel hinauszieht ins Freie. Landet ein Fremder an solchen Festtagen in Japan, er könnte sich auf irgend einem anderen Planeten denken, so fremd, so eigenartig sind die ungemein lebhaften, farbenreichen Bilder, die sich ihm überall darbieten, heute noch gerade so wie vor Jahrhunderten, denn was von der europäischen Kultur an Aeußerlichkeiten in Japan angenommen wurde, beschränkt sich auf die kleinsten Kreise und spielt in dem großen, alles beherrschenden Volksleben gar keine Rolle.
Am zahlreichsten sind im japanischen Kalender, wie schon gesagt, die religiösen Festlichkeiten, solche der Buddha- und Shintoreligion, ohne daß sich das niedere Volk in seiner Unwissenheit und dabei auch Gleichgültigkeit in religiösen Dingen eine Vorstellung von der eigentlichen Bedeutung dieser Feste macht. Genug, daß es ein Matsuri, ein Fest ist, und Gelegenheit bietet, sich zu unterhalten, den Tag über im Freien zuzubringen, die schönsten Kleider anzulegen, mit Verwandten und Bekannten zu zechen.
Nur eines dieser Feste wird vom Volke im ganzen Lande verstanden, das Fest der Toten, oder wie wir es nennen würden, Allerseelen.
Wohl ist von der modernen Staatsregierung in Japan offiziell wieder die altangestammte Religion der Japaner, der Shintoismus, im Lande eingeführt worden, aber das Volk steckt doch noch ganz im buddhistischen Glauben, der viele Jahrhunderte lang bis zur gegenwärtigen Restauration der herrschende war. Nach diesem Glauben kommen im August jeden Jahres die Seelen der Verstorbenen für drei Tage wieder auf die Erde, besuchen ihre Familien, Heimstätten und Lieblingsplätze, um am Abend des dritten Tages wieder ins Jenseits zurückzukehren.
Diese Geister müssen nach der Meinung des Volkes festlich bewirtet werden, und deshalb wird das Totenfest im ganzen Lande wie kein zweites gefeiert, besonders in der alten Hauptstadt Kioto.
Als ich Mitte August von einer längeren Reise wieder nach Kioto zurückkehrte, zeigte sich mir diese sonst verhältnismäßig einförmige Stadt in geradezu feenhafter Farbenpracht. Straßen auf, Straßen ab, nichts als bunte Fahnen, Flaggen, Festons; an den Häuserfronten in meilenlangen Reihen bunte Lampions in jeder Größe und Form, auf jeder Hausterrasse Blumen, Reisig, Papierguirlanden, besonders reich an solchen Häusern, in denen sich im abgelaufenen Jahre ein Todesfall ereignet hatte.
Blickte ich in diese dünnen Holzhäuschen mit zurückgeschobenen Papierwänden, dann sah ich vor den kleinen Familienaltären, welche dem Andenken der Toten geweiht sind, glimmende Weihrauchkerzen, deren leichter Rauch sich in dünnen Fäden emporschlängelte, und zwischen ihnen kleine Porzellanschälchen mit Reis und Reiswein, als Speise und Trank für die Toten. In den vornehmsten Yaschiki (Palästen) der Großen wie in den ärmsten Hütten, im Hintergrunde der Kaufläden, in Werkstätten, überall werden die Seelen der Verstorbenen auf diese seltsame Weise bewirtet, ohne daß dabei von Andacht oder Trauer etwas wahrzunehmen wäre. In den Straßen drängten sich die Menschen in ihren malerischen langen Festkleidern: Männer in dunklen, schlafrockartigen Kimonos, Frauen mit bunten Sonnenschirmen und Fächern, Mädchen mit hellfarbigen Kleidern und roten Unterröcken, alle gepudert und geschminkt, daß ihre Gesichter wie Puppenlarven aussahen; kleine putzige Kinderchen tummelten sich in großer Zahl zwischen den Erwachsenen herum, womöglich noch bunter gekleidet als die letzteren.
Wenn immer ich in meinem zweiräderigen Wägelchen, der Rickshaw, sitzend um irgend eine Ecke bog und in eine neue Straße einlenkte, dann bot dieselbe in ihrer Gesamtheit ein seltsam prächtiges Bild dar. Die Sonnenstrahlen leuchteten auf diesen Unmassen von roten, gelben, blauen, grünen Sonnenschirmen, auf diesen Tausenden von ebenso bunten Schlafröcken, die sich auf- und abbewegten, spielten auf den Blumensträußen und Fächern, die sich in unzähligen Händen befanden. Diese farbenreiche Menschenmenge wogte zwischen den bunten Häuserreihen einher, wie ein ungeheures Blumenbeet in Bewegung. Und fuhr ich dann mitten durch dieses Gewühl, dann bemerkte ich nur fröhliche Gesichter; die Alten blickten vergnügt umher, die Mädchen, diese lieben kleinen, reizenden Musmis, kicherten, die putzigen Kinder lachten, sprangen und tanzten, als gälte es irgend ein besonderes Freudenfest zu feiern, nicht ein Trauerfest für die Toten.
Das Ziel der meisten waren die Friedhöfe. Dort zwischen den langen Reihen von gleichförmigen niederen Grabsteinen standen bei jedem einzelnen Grabe Bambusstöcke, in deren Oeffnungen frische Blumen steckten. Die fröhliche Menge zeigte nicht die geringste Ehrfurcht oder Scheu vor den letzten Ruhestätten ihrer Toten. Lachend und scherzend stiegen sie über diese hinweg, erneuerten hier und dort die Blumen, banden bunte Lampions an die Stöcke oder stellten Oellämpchen auf die Grabsteine, denn heute Abend, dem dritten des Totenfestes, sollten die Seelen der Verstorbenen wieder zurückgeleuchtet werden in das dunkle Jenseits.
Kaum brach die Dämmerung an, so leuchtete es auf den Friedhöfen wie in den Straßen und Häusern überall auf, anfänglich nur schwach, später in grellen Farben. Hunderttausende von Papierlampions brannten längs der Häuser, die mit ihren Papierwänden im Grunde genommen selbst wie ungeheure Lampions erschienen. Dazu kamen die Lampions, welche die Menschen in den Straßen umhertrugen, auf langen Stöcken über ihren Köpfen, oder in den Händen, oder zu beiden Seiten der geräuschlos umherrollenden zahlreichen Handwägelchen. Das ganze Gewühl hatte etwas Seltsames, Phantastisches an sich: die Abwesenheit von Wagen und Pferden in den Straßen, das eigentümliche Geräusch der auf dem Straßenboden einherschlürfenden Holzpantoffeln, die von den roten oder blauen oder gelben Lampions in dieselben Farben getauchten Gestalten mit den fremdartigen Gesichtszügen, die weißen, bemalten Larvengesichter der Frauen: es schien mir, als wären all diese Wesen die Verkörperung jener Seelen, welche, aus dem Jenseits herabgekommen, heute noch in Kioto weilten, auf der Rückwanderung begriffen nach ihrem unbekannten Seelenheim, nach dem Nirwana, als wäre Kioto aus einer Stadt von Lebenden heute in eine Stadt der Geister ihrer Vorfahren verwandelt.
Ich fühlte mich beinahe unheimlich inmitten dieser Tausende und Abertausende, unter denen ich der einzige Europäer war, und ich ließ mich nach dem Kiotohotel zurückführen, um von den Fenstern meines im obersten Stockwerk gelegenen Zimmers den Gesamteindruck der Stadt zu genießen. Als ich dort eintrat, gewahrte ich auf dem schwarzen Felsen, der sich wie ein Turm im Osten der Stadt hinter Maruyama erhebt, einen Lichtschein. Wie die Flamme einer ungeheuren Fackel schwankte der ferne Lichtschein den steilen Abhang des Daimondschiyama entlang; dann erschien ein zweiter, ein dritter, dann Dutzende und Dutzende, bald hier, bald dort, Irrlichtern gleich, gespensterhaft, hoch empor, wie leuchtende Flammenwege, die ins Jenseits führen. All diese Flammen, flackernd, vom Winde bewegt, bald erlöschend, bald wieder aufleuchtend, verbanden sich allmählich zu Linien, die einander begegneten, einander kreuzten, und schließlich stand das chinesische Schriftzeichen Dai, einem verschlungenen ~A~ nicht unähnlich, in ungeheuren Flammenlinien auf dem hohen Berge.
Und während sich dort diese Flammenschrift formte, erstrahlten auf diesem und jenem Berge in der Dunkelheit andere Riesenflammen, nicht willkürlich und formlos, sondern bestimmte Umrisse annehmend, Linien, wie erstarrte Blitze, Dschunken, Pagoden, Schriftzeichen, Thorbogen und dergleichen. Ganz im Westen, wahrscheinlich auf den schwarzen Flanken des Araschiyama, erschien ein derartiger japanischer Thorbogen, ein Torii, wie ihn die Japaner nennen, von ganz ungeheuren Dimensionen, mit turmhohen brennenden Pfeilern und Querbalken, so lang wie Brücken. Wohin ich mich auch wenden mochte, gigantische, gespensterhafte Feuerzeichen überall, auf allen Höhen rings um die tief in einem weiten Thalkessel lagernde Stadt, und in den Straßen dieser letzteren selbst Myriaden bunter Lichter in langen Linien, mit anderen, die dazwischen einherjagten, als wären es wirklich die Seelen der Verstorbenen, die jenen flammenden Himmelszeichen, jenem feurigen Thorbogen zueilten. Darüber die finstere, kohlschwarze, sternenlose Nacht.
Als sich mein Auge an dieses seltsame Meer von Flammen und Lichtern gewöhnt hatte, bemerkte ich erst, daß ringsum auf den Hausdächern, auf Tempeln und Pagoden dunkle, schweigsame Gestalten standen, wie die sterblichen Hüllen jener irrlichtgleichen Seelen, die dort unten in den Straßen weilten. Als aber erst das große Flammenthor in seinen ganzen Umrissen brannte, als das Dai-Zeichen riesengroß durch die Nacht leuchtete, da erhob sich von diesen Gestalten auf den Dächern, den Bewunderern des feenhaften, höllischen Schauspiels, lautes Jubelgeschrei, das sich in den Straßen unten fortpflanzte, der Enthusiasmus der lebhaften, leicht beweglichen Volksmengen war entfacht und machte sich durch donnernde Rufe Luft.
Nach einer halben Stunde begannen die vielen Feuerscheine zu verblassen, allmählich zu erlöschen, die langen Reihen zerfielen wieder in einzelne Flammen, aus dem hellen Leuchten wurde dunkelrote Glut, wie die an Vulkanseiten hängende Lava, und dann erlosch auch diese, nur hier und da kleine Flämmchen, kleine flackernde, im dichten Rauch leuchtende Pünktchen zurücklassend, als wären die Heerscharen des Jenseits nunmehr zurückgekehrt und hätten nur noch einzelne Verspätete auf dem Wege zurückgelassen.
Dann ward es wieder dunkle Nacht, aber noch für lange nachher blieben diese glühenden Zeichen in meinen Augen, wie man das Bild der Sonnenscheibe, in die man geblickt, noch weiter sieht, selbst wenn man das Auge schließt.
Fürwahr, die feisten, faulen, spekulativen Buddhistenpriester kennen ihr Volk und verstehen es, das Interesse an ihrem Tempelzauber im Volke lebendig zu erhalten. Jahrhunderte hindurch haben die Mönche der Klöster auf den Kioto umgebenden Bergen die einfache, harmlose Bevölkerung ihrer Dörfer zu bewegen vermocht, das ganze Jahr über Holz zusammenzutragen und es auf den Berghängen in die bestimmten Linien jeder Flammenfigur niederzulegen. Welche Holzmassen herbeigeschleppt werden müssen, geht schon daraus hervor, daß jede der längeren Linien des Schriftzeichens Dai sich über eine Strecke von zweidrittel Kilometer hinzieht.
Ich stieg nun wieder in das Straßengewirr herab und folgte dem bewegten Menschenstrom, der sich dem breiten Bett des Kamogawa zuwälzte. Der Kamogawa, in der trockenen Jahreszeit nur ein wasserloses, steiniges Flußbett mitten im Herzen von Kioto, ist der eigentliche Hauptplatz der Stadt, der Mittelpunkt des geselligen Verkehrs und der Vergnügungen. Diesmal zog sich in seiner Mitte noch ein ziemlich beträchtlicher Wasserstreifen hin, so daß sich die fröhlichen Volksmassen den Vergnügungen zu Wasser und zu Lande hingeben konnten. Als ich aus der langen, menschenerfüllten Sandschoristraße heraus und auf die große Kamogawabrücke kam, blieb ich, geblendet von dem Anblick des Flußbettes, unwillkürlich stehen. Es erschien mir wie ein ungeheurer Ballsaal, in welchem eben ein tolles Maskenfest gefeiert wurde, lebhafter, farbenreicher, glänzender, großartiger als jene des Abendlandes zur Zeit des Karnevals. An den beiderseitigen Flußufern zogen sich fast ununterbrochene Reihen von Theehäusern, Restaurants, Schaubuden, Theatern hin, alle nach der Flußseite mehr oder weniger offen und von zahllosen farbigen Lampions erleuchtet. Derartige Buden waren auch im Flußbett selbst errichtet, fast bedeckt mit Lampions, und zwischen diesen Buden und jenen der Ufer spannten sich Bögen von Lampions; Lampionketten zogen sich auf dem Wasserlauf selbst entlang, umkränzten die offenen Bühnen der Tänzerinnen, Schauspieler und Zauberkünstler, baumelten auf den zahlreichen Vergnügungsbooten im Flusse, oder bewegten sich, getragen von den Spaziergängern, zwischen der Budenstadt auf und ab, Leben, Farbe, Licht, Bewegung, Gelächter, Gesang, Musik überall, und das einen Kilometer weit stromauf und -abwärts. Aber das war nicht alles. Langsam schritt ich über die Brücke und gelangte nun in die eigentliche Vergnügungsstraße der „heiligen” Stadt der Japaner, nach der Teramadschidori, in der jedes Haus nur dem Vergnügen gewidmet ist. Die Straße ist mit Bambusmatten, über Gerüste ausgebreitet, eingedeckt, und von dieser Decke, ebenso wie von den einzelnen Häusern hängen so zahlreiche Petroleumlampen, Glas- und Papierlampions, daß die Straße gewöhnlich taghell erleuchtet ist. Große Transparente preisen die Vorstellungen der Theater, der Geishamädchen, Sängerinnen, Tänzerinnen an und locken schon zu gewöhnlichen Zeiten das leichtlebige Volk von Kioto scharenweise herbei. Wie erst heute am Bon Matsuri, am Seelenfeste! Jeder Raum, jedes Theehaus, jedes Plätzchen im Flußbett selbst war mit fröhlichen Menschen gefüllt, die sich gütlich thaten und dabei den Darstellungen der Künstler lauschten. Keine Stadt Japans hat so schöne Geishamädchen, so ausgezeichnete Tänzerinnen, so fertige Akrobaten und Zauberkünstler; und sie alle, Tausende an der Zahl, gaben heute das Beste, das sie vermochten. Die Japaner sind Freunde von Picknicks; einzelne Familien hatten sich zusammengethan, um den Abend unter freiem Himmel im Flußbett drunten zu verleben, sie hatten Geishamädchen angeworben, um für sie zu musizieren und zu tanzen. Ueberall gab es heute derartige malerische Gruppen. Im Kreise kauerten die Familien mit ihren festlich geschmückten Kindern (selbst die kleinsten müssen bei solchen Gelegenheiten dabei sein) auf dem Boden, aßen mit ihren Eßstäbchen Süßigkeiten, Reiskuchen und eingemachte Früchte, tranken dazu Sake (Reiswein) oder rauchten ihre winzigen Pfeifchen; zwischen ihnen hockten blutjunge, phantastisch geputzte kleine Mädchen mit der japanischen Guitarre, Flöte und Trommel, und während sie musizierten, tanzten die berühmten Geishas von Kioto den Bonodori, einen religiösen, hauptsächlich in Posen und Körperschwenkungen bestehenden Tanz, der buddhistischen Ursprungs sein soll. Solche Bilder wiederholten sich im Flußbette unzähligemale, hier und dort tanzten auch die Zuseher, einen Kreis bildend, mit den Geishamädchen um die Wette. Ueberall Gesang, überall Guitarregeklimper, Trommelschlag, Gläserklang, Gelächter, Bewegung.