China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 61
Miyanoshita ist reich an den herrlichsten Spaziergängen, und ohne seine europäische Bequemlichkeit aufzugeben, hat man nirgends im Mikadoreiche so gute Gelegenheit, das japanische Dorf- und Landleben kennen zu lernen wie hier. Der ganze Distrikt ist eine entzückende Idylle, ein Olymp in Wirklichkeit, mit zufriedenen, höflichen, stillen, arbeitsamen Menschen, die aus der sie umgebenden herrlichen Natur einen Garten gemacht haben. Arm wie Kirchenmäuse, hegen sie doch anscheinend keinen Neid gegen die europäischen Protzen, die sie den Sommer über in ihrem Bergparadiese stören, vielleicht haben sie einsehen gelernt, daß ihr friedliches Landleben, ihre Beschäftigung, ihre bequeme Kleidung, ihre einfache Gemüse- und Fischnahrung immer noch vorzuziehen ist der tollen geschäftlichen Jagd, der Unruhe und Genußsucht dieser fleischfressenden Ungetüme John Bull, Onkel Sam und Bruder Sauerkraut. Das japanische Dorf Miyanoshita hat dem europäischen Badeort Miyanoshita nur insofern Rechnung getragen, als in dem reizenden Theehause thalaufwärts Tische und Bänke für die Badegäste angelegt wurden und zum Thee auch Löffel und europäisches Backwerk serviert werden. In der Mitte des reizenden kleinen Theehausgartens befindet sich ein Teich mit Tausenden von Goldfischen, so zahm, daß sie Biskuit aus der Hand schnappen.
Die Missionare, Diplomaten, Kaufleute, Touristen, die sich hier in den Bergen des Herzens von Japan allsommerlich aus allen Erdteilen und Ländern zusammenfinden, kann man nur des Morgens und Abends im Speisesaale vereint sehen. Tagsüber ist das große Hotel wie ausgestorben. Nach dem Frühstück werden verschiedene Wanderungen ins Gebirge angetreten. Die freundlichen japanischen Hauswirte in tadelloser europäischer Toilette lassen den Wanderern ihren Lunch auf japanische Weise in frisch gehobelte kleine Kästchen packen, vor der Thüre stehen Dutzende von sehnigen jungen Kulis mit ihren Rickshaws, Kagos oder europäischen Tragstühlen, dazu höfliche Führer, und man kann wochenlang täglich auf anderen Wegen die Umgebung durchstreifen, um mit jedem Tage entzückter von diesem herrlichsten aller außereuropäischen Länder nach Miyanoshita zurückzukehren. Der Reihe nach besuchte ich die reizenden Gebirgsdörfer Kiga, Dogashima, Miagino, badete in gemischter japanischer Herren- und Damengesellschaft in den Schwefelquellen des Badeortes Kodschigoku, bestieg den Sengenyama und den Myojogatake, um den wunderbaren Ausblick auf die japanischen Meeresküsten mit der vorgelagerten Vulkaninsel Oschima zu genießen und auf der entgegengesetzten Seite die stolzen Formen des Fudschiyama zu bewundern. Einige Tage später stand ich auch während eines wütenden Taifuns auf der etwa viertausendzweihundert Meter über dem Meere gelegenen Spitze dieses höchsten Bergriesen Ostasiens und blickte in den furchtbaren, mit Rauch und Schwefeldämpfen gefüllten Krater hinab.
Aber der reizendste Tagesausflug von Miyanoshita ist doch jener nach dem idyllischen Bergsee von Hakone. In bequemen Stühlen ruhend, die von je vier kräftigen Kulis mittels langer elastischer Bambusstangen auf den Schultern getragen wurden, brachen wir frühmorgens auf, um zunächst in dem etwa fünfhundert Meter weiter oben im Gebirge gelegenen Schwefelbad Ashinoyu Halt zu machen. Das Matsuzakahotel, halb in europäischem Stil geführt, war gerade so gefüllt wie alle anderen mit Hunderten von rheumatischen Japanern beiderlei Geschlechts, die in den heißen Quellen dieser vulkanischen Regionen Heilung suchten, aber für Europäer muß ein längerer Aufenthalt in diesem Ashinoyu entsetzlich sein. Der Ort liegt auf einem vollständig kahlen, trostlosen Plateau und ist den halben Sommer über in dichten Nebel gehüllt, während die Schwefelquellen die ganze Gegend durchstänkern und die umliegenden Sümpfe giftige Dämpfe aushauchen. So brachen wir denn nach kurzer Rast wieder auf, um auf öden Bergwegen zwischen den gewaltigen Kegeln des Kamiyama und des zweispitzigen Futagoyama (Zwillingsberg) hinabzuwandern zu dem Hakonesee.
Auf der ganzen Strecke begegneten wir keiner menschlichen Seele; ausgebrannte Kraterkegel ragen überall aus der baumlosen Hochebene hervor, hier und dort liegen kleine, bläulich-grüne Seen, nirgends ein Haus oder auch nur ein Flugdach; in dieser Einsamkeit haben buddhistische Heilige sich durch Bildwerke, in die Felswand gegraben, verewigt. Wie man in ganz Japan überall auf Weg und Steg kleinen Steindenkmälern und Götzenstatuen begegnet, so schlummern auch hier Dutzende in dem hohen, dürren Grase, darunter auch der riesige Dschizo, eines der Meisterwerke japanischer Bildnerkunst.
Endlich sahen wir einen Teil des blauen, stillen Hakonesees zu unseren Füßen liegen und hatten bald wieder die von ungeheuren Kryptomerien beschattete Tokaidostraße erreicht. Auf dieser hier noch vortrefflich erhaltenen, mit großen Steinen gepflasterten wichtigsten Heerstraße des alten Japan weiterwandernd, erreichten wir gegen Mittag das idyllische Dörfchen Moto-Hakone, am südlichen Ende des Sees gelegen, und einen halben Kilometer davon entfernt ein japanisches Theehaus, Tsudschi-ya. Mit seiner Vorderseite in den See hineingebaut, öffnen sich die durch Papierwände in einzelne Zimmerchen geteilten Veranden auf die weite, von Bergen umsäumte Wasserfläche, in deren Hintergrund der gewaltige Fujiyama emporragt. Zur Rechten erhebt sich auf einer schmalen, in den See vorspringenden Landzunge ein kaiserliches Schloß, das im Sommer zeitweilig Mitgliedern der Herrscherfamilie zum Aufenthalt dient. Auf der Theehausveranda nahmen wir unseren Imbiß ein, aufgetragen durch ein liebliches, junges Mädchen, das uns zum Andenken auch noch kleine Porzellannippsachen zusteckte, wohl als Erwiderung auf das reichliche Trinkgeld, das sie sich mehr durch ihr freundliches Wesen als durch besonders rasche Bedienung erworben hatte.
Als wir aufbrachen, um das bereitstehende Ruderboot zu besteigen, kam ein gewaltiger Platzregen niedergeprasselt, der unsere weißen Leinenanzüge und die Unterkleider bald bis auf die Haut durchnäßte. Das Boot war mit Wasser derart gefüllt, daß wir auf unseren Stühlen Platz nehmen und die Beine hochhalten mußten, während zwei von unseren Kulis fortwährend mit den Kübeln das Wasser ausschöpften. Das ähnlich wie unser Baedeker rot gebundene Murraysche Handbuch von Japan hatte ich zum Schutz gegen die Nässe unter meinen Sitz geschoben. Da der Führer ein baldiges Aufhören des Regengusses prophezeite und wir doch abends wieder nach Miyanoshita zurückkehren mußten, machten wir gute Miene zum bösen Spiel und ließen uns über den See nach dem Nordende desselben rudern.
Von den Ufern, die an malerischer Pracht mit den Gestaden der italienischen Riviera wetteifern, bekamen wir nur einzelne Stellen zu sehen. Nach zweistündigem, angestrengtem Rudern erreichten wir die Stelle, wo wir aussteigen mußten, um über die sogenannte Große Hölle den Rückweg anzutreten. Unsere Kulis hoben uns mit den Stühlen aus dem Boot und trugen uns, bis an die Hüften im Wasser watend, unter fortwährendem, strömendem Regen ans Ufer. Als ich dort meinen Tragstuhl verließ, um die steile Anhöhe des Kamuri zu Fuß emporzuklettern, brachen plötzlich meine Reisegefährten, Europäer wie Japaner, in schallendes Gelächter aus. Der rote Murray war in der Regenlache, die sich unter meinem Sitz gebildet hatte, vollständig durchnäßt worden und hatte meine weißleinenen Beinkleider gerade an ihrer bescheidensten Stelle knallrot gefärbt.
Auf halsbrecherischen Pfaden, an den Seiten schwindelnder Abgründe, führte unser Weg in das Thal von Miyanoshita zurück, und die Höllengegend, die wir zu durchwandern hatten, wird uns durch ihre großartige Wildheit und Einsamkeit wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben. Heiße Schwefeldämpfe dringen überall aus dem weichen Kalk- und Schwefelboden, in dem unsere Füße stellenweise bis an die Knöchel versanken; das Wasser, das aus zahlreichen Quellen hervorsprudelt, ist ebenso heiß wie die nackten Felsen, die sie umgeben; dichte Nebelwolken raubten uns den Ausblick, warme Schwefelwasserstoffgase den Atem; an manchen Stellen brannte uns der Boden unter den Füßen, an anderen mußten wir über gewaltige Steintrümmer uns den Weg bahnen, und das bei unausgesetztem, strömendem Regen. Erst gegen Abend, als wir das lachende, grüne Thal der Hayagawa erreicht hatten, kam die Sonne wieder zum Vorschein.
Gerade diese Verschiedenheit der Landschafts- und Kulturbilder macht Miyanoshita zu dem entzückendsten Aufenthalt, den man sich denken kann, und wäre es in Europa gelegen, es würde gewiß zu unseren besuchtesten Wallfahrtsorten der Sommertouristen zählen.
Nach mehrwöchentlichem Verweilen in dieser Bergregion des mittleren Japan brachen wir endlich, nicht ohne Bedauern, auf, um nach der alten Hauptstadt des Reiches, nach Kioto, zu fahren. Auf dem Wege dahin blieben wir noch einige Tage in dem interessanten Nagoya, das, auf der großen Eisenbahnlinie Tokio-Kioto gelegen, doch noch von europäischen Einflüssen verschont geblieben ist und neben echt japanischem Leben auch noch großartige Tempel, reichgefüllte Antiquitätenläden und vor allem sein stolzes Daimioschloß besitzt. Dieses letztere, ein mehrstöckiger Bau in Pyramidenform, wird von den berühmten zwei goldenen Delphinen gekrönt, von denen einer auf der Weltausstellung in Wien allgemeine Bewunderung erregt hat. Das alte Schloß, einst die Residenz der mächtigen Fürsten von Owari, enthält in seinem Innern nicht viel Sehenswertes mehr, denn die Zerstörungswut der Staatsbehörden, der in den ersten Jahren der gegenwärtigen Regierung so viele Herrlichkeiten des alten Japan zum Opfer gefallen sind, hat auch dieses großartige Denkmal der Feudalzeit nicht verschont. Nur in seinem Aeußern ist es so geblieben, wie es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war.
Von Nagoya führte uns der Weg, teilweise in Rickshaws, teilweise im Eisenbahnwagen, durch die gesegneten Gefilde des ehemaligen Fürstentums Owari über Gifu an die Gestade des großen Biwasees und schließlich nach Kioto.
Kioto, die alte Hauptstadt von Japan.
Der österreichische Thronerbe Erzherzog Franz Ferdinand sagt in seinem spannenden Werke über die von ihm unternommene Weltreise mit vollem Recht: „Was dem Katholiken Rom, dem Russen Moskau, dem Mohammedaner Mekka, dem Buddhisten Kandy, das ist Kioto dem Japaner.”
Damit soll freilich nicht auch gesagt sein, daß Kioto sich irgendwie mit Kandy, Mekka, Moskau oder gar mit Rom vergleichen lasse. Wer von der alten Hauptstadt des Mikadoreiches eine Art Rom erwartet, wird bei seinem Besuche dieser Hauptstadt gründlich enttäuscht. Kioto ist keine Stadt von Palästen, von Kunstwerken, Denkmälern, Museen, von großstädtischem Leben und Reichtum, wie Moskau oder Rom. Es besitzt davon im vollen Sinne des Wortes nichts, und würde irgend einer der zahllosen Adelspaläste der ewigen Stadt, irgend eine ihrer Kirchen nach Kioto verpflanzt werden, sie würden die größten und vornehmsten Bauten dieses japanischen Rom bilden; ja ich zweifle, ob die hundertfünfzigtausend Häuser von Kioto zusammengenommen hinreichend Mauerwerk enthalten, um damit nur einen einzigen römischen Palast bauen zu können.
Kioto ist eine hölzerne Hüttenstadt, gerade so wie der Hauptsache nach Tokio, wie Nagoya, Nagasaki und alle anderen Städte des japanischen Inselreiches, nicht schöner, nicht reicher, nicht großartiger; aber es ist dennoch die interessanteste Stadt. Warum, lernt der Reisende schon nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen kennen, besonders wenn er zuvor die anderen Städte Japans besucht hat.
Die Landkarte zur Hand. Dort, wo die größte Insel des Mikadoreiches die schmalste Stelle zeigt, beiläufig im Mittelpunkt des ganzen japanischen Archipels, liegt der malerische Biwasee, an Größe etwa den Genfersee erreichend. Westlich von diesem See liegt in einem von hohen Bergen umschlossenen Thalkessel das alte Kioto. Für eine Kaiserresidenz war die Lage gut gewählt, und thatsächlich lebten und starben hier seit beinahe einem Jahrtausend eine lange Reihe von Kaisern, ungesehen von ihrem Volke, eingeschlossen in einen von hohen Mauern umgebenen Palast aus Holz und Papier. Erst die große Revolution sprengte vor etwa fünfunddreißig Jahren die Fesseln, mit denen die allmächtigen Vizekaiser, die Schogune, ihre kaiserlichen Puppen auf dem Throne umfangen hielten. Im Triumph wurde der Kaiser, dieser Nachkomme der Sonnengöttin, nach der neuen Residenzstadt Tokio, dem alten Yeddo, geführt, Japan warf sich der europäischen Kultur in die Arme und ließ Kioto zurück, wie ein ausgekrochener Schmetterling sein dünnes, vertrocknetes Puppengehäuse zurückläßt. Der ganze Schwarm der Kuge, dieses japanischen Hofadels, der Daimios, das schmetterlingsgleiche, glänzende Gefolge des Kaiserhofes zog mit dem Mikado nach seiner neuen Hauptstadt, und statt mit einem Rom ist Kioto eher mit einer unserer verlassenen Fürstenresidenzen zu vergleichen.
Schon während der seither verflossenen drei Jahrzehnte hat es von seiner früheren Bevölkerung etwa ein Drittel eingebüßt und besitzt heute nur noch gegen dreihunderttausend Einwohner. Aber das ist nur der Anfang von seinem Ende; die gegenwärtige Hauptstadt zieht viel von dem Glanz und Reichtum, das benachbarte Osaka viel von Industrie und Handel an sich; die verarmte Bevölkerung sucht anderswo besseren Erwerb, und es wird Kioto vielleicht ähnlich, wenn auch nicht ganz so gehen wie den japanischen Kaiserresidenzen vor Kioto und wie jenen in anderen Ländern; es wird eine Stadt bleiben von historischen Erinnerungen.
Schade darum, denn die Lage dieser urjapanischen Stadt ist entzückend. Ihre schnurgeraden, nach amerikanischer Schachbrettmanier angelegten Straßen liegen zu beiden Seiten des Kamoflusses (Kamogawa) ausgebreitet, in einer weiten, ovalen Mulde von der Form eines alten, ausgebrannten Kraters. Aber an die Stelle der starren Lava sind üppige Gärten getreten, das weite, graue, einförmige Häusermeer wird hier und dort doch von schattigen Tempelhainen, von Gartenanlagen und Squares unterbrochen und von den silbernen Bändern mehrerer Flußläufe durchzogen. Die sanften Abhänge der Kioto umgebenden Berge sind mit schönen Gärten bedeckt, zwischen denen zahlreiche Klöster, Tempel, Heiligenschreine und Pagoden hervorlugen, und die Länderstriche der ferneren Umgebung sind von den üppigsten Kulturen eingenommen, denn diese zentralen Provinzen von Japan, in deren Mitte Kioto liegt, sind die fruchtbarsten des ganzen Reiches.
Auch die neue Eisenbahn von Osaka nach Kioto hat kein neues Leben in die alte Stadt gebracht, und die moderne halbeuropäische Kultur, deren Einfluß man an vielen Dingen in Tokio und anderen Städten gewahrt, hat Kioto vollständig unberührt gelassen.
Als ich, von der ganz europäischen Hafenstadt Kobe kommend, in Kioto eintrat, brachte mich ein Kuli in einem der bequemen Rollstühle, diesen japanischen Droschken, durch gerade, einsame Straßen nach einem zweistöckigen Hotel, dem Kiotohotel. Es ist heute noch das einzige europäische Gebäude der Stadt, ganz modern gehalten, wie irgend ein Hotel in Europa. Trat ich aber aus dieser abendländischen Touristenoase auf die Straße, so befand ich mich mitten im urjapanischen Leben. Unabsehbare Reihen kleiner, höchstens ein Stockwerk hoher Holzhäuschen, nach der Straßenseite weit geöffnet; hier und da Kaufläden mit Büchern, japanischen Nippsachen oder Antiquitäten, oder ein Tempel mit mehreren Thorbogen und schöngeschwungenem Dach. Die Straßen ungepflastert, aber doch sehr reinlich gehalten; bei Tage nur wenig Verkehr, am Abend schlecht erleuchtet und noch einsamer. Meilenweit auf und ab, überall dasselbe. Die vollständig in europäische Tracht gekleideten Japaner, die Männer ebensogut wie die Frauen und kleinen possierlichen Mädchen, blieben stehen, um den Fremdling mit neugierigen Blicken zu betrachten; die Kinder liefen mir nach oder bildeten einen Kreis um mich, wenn ich bei irgend einem Kaufladen anhielt. Dem äußeren Rahmen nach präsentierten sich die einzelnen Stadtviertel Kiotos wie ebensoviele Dörfer des Berner Oberlandes, die ähnliche braune, mit Veranden geschmückte Holzhäuser zeigen. Denkt man sich irgend eines dieser Stadtviertel nach der Schweiz, etwa in das Emmenthal, versetzt, so könnte es ganz gut als ein Berner Dorf gelten, nur würde das dichte Beisammenstehen der Häuser und die Regelmäßigkeit und Reinlichkeit der Straßen Verwunderung erregen.
Der Zauber von Kioto, ebenso wie der anderen Städte Japans, liegt nicht in den Aeußerlichkeiten, die mehr als bescheiden sind, sondern in dem Leben und Treiben seiner Einwohner, in Sitten, Trachten und Festlichkeiten. Ueberdies birgt das äußerlich so einförmige Straßengewirre in seinen unscheinbaren Häuschen dasjenige, was wir an der japanischen Kultur am meisten bewundern und um was wir die Japaner geradezu beneiden könnten: ihre Kunst und Kunstindustrie. Am Hofe des Kaisers und seiner Großen ist sie in früheren Jahrhunderten großgezogen worden, die Künstler standen ihr ganzes Leben lang im Solde der Fürsten, und ihr Streben war es nicht, wie jener in anderen Ländern, möglichst rasch zu Ansehen und Reichtum zu kommen, sondern Kunstwerke zu schaffen, diesen ihre Individualität aufzuprägen. Arbeitsteilung war diesen Künstlern unbekannt. Jedes ihrer Werke wurde von ihnen entworfen und vom Anfang bis zur gänzlichen Vollendung allein ausgeführt. Die Zeit, die sie dazu bedurften, war nebensächlich, und häufig ist es vorgekommen, daß Künstler an einem einzigen Kunstwerk ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Da kam die Revolution. Der Kaiser und die Fürsten zogen von Kioto fort, aber viele Künstler blieben in der alten Hauptstadt zurück. In den kleinen Werkstätten, die sich durch keine Schilder oder äußere Zeichen dem Fremden offenbaren, wird fleißig nach den alten Grundsätzen weitergearbeitet, nur geschieht dies jetzt nicht mehr für die bisherigen Ernährer und Förderer dieser Künstler, die Fürsten, sondern für den allgemeinen Markt. Das konservative Element ist in diesen Künstlerfamilien zu stark, und die Zeit, die seit der Revolution verstrichen ist, war zu kurz, als daß sie sich den modernen Verhältnissen hätten anpassen können, wie es leider in Tokio, in Osaka und anderen japanischen Städten der Fall ist. Dazu ist in Kioto die künstlerische Atmosphäre noch dieselbe geblieben; zahlreiche Fürsten und Große entäußerten sich ihrer Kunstschätze, als die Regierung ihre Länder und Einkünfte konfiszierte, und obschon der größte Teil dieser Kunstschätze nach dem Abendlande gewandert ist und heute in Museen und Privatsammlungen die Bewunderung aller Kenner erweckt, ist doch noch vieles gerade in Kioto zurückgeblieben, das den dortigen Künstlern zum Vorbilde und zur Grundlage für andere Kunstwerke dient. So gewährt es dem Fremden das größte Interesse, diese bescheidenen Künstlerateliers zu besuchen und zu sehen, wie die entzückenden Bronze- und Emailsachen, Porzellane, Lackwaren, Malereien, Stickereien, Brokate und Seidenstoffe aus den fertigen Händen mit so ungemein einfachen Mitteln hervorgehen. Tagelang wanderte ich von einem zum anderen; überall wurde ich mit der altjapanischen, in den Hafenstädten leider auch allzurasch schwindenden Höflichkeit aufgenommen; überall wurde mir mit großem Zeremoniell von zarten Mädchenhänden Thee vorgesetzt, und nach langer Unterhaltung ließen sich die Künstler vielleicht herbei, ihre schönsten, in Kisten auf das sorgfältigste verpackten Kunstwerke zu zeigen. Ebensogroßes Interesse gewährte es mir, in den zahllosen Antiquitäten- und Kuriositätenläden der, Mandschudschidori genannten, Straße umherzustöbern, wo sich neben ganz modernen, auf den europäischen Touristenmarkt berechneten Waren doch noch eine ganze Menge altjapanischer Kunstwerke vorfindet. Uebrigens braucht man sich in Kioto gar nicht in die verschiedenen Läden zu bemühen. Die Bevölkerung ist einesteils durch die geschilderten Umstände verarmt, anderseits hat sie mit der den Japanern eigentümlichen Findigkeit und Schlauheit den Marktwert der alten Kunstprodukte rasch herausgefunden, und teils aus Not, teils aus hochentwickelter Gewinnsucht suchen die Händler oder auch Private die abendländischen Besucher der Stadt selbst auf.
Schon bei meiner Ankunft am Bahnhofe wurden mir von einer Schar von Agenten Visitenkarten, Zirkulare, Preiskurante, Einladungen und dergleichen überreicht oder in meine Rickshaw geworfen oder in meine Gepäckstücke gesteckt. Auf meinem Zimmer fand ich derlei Adressen zu Dutzenden hinter dem Spiegel steckend oder auf dem Tische ausgebreitet, und kaum hatte ich mit meiner Toilette begonnen, so klopften der Reihe nach ein halbes Dutzend von Kellnern, Stubenmädchen, Agenten, ja selbst kleine zierliche Nesans an meine Thüre, um mir Adressen zu überreichen oder gar eine Menge von Kunstgegenständen verschiedenen Werts, in Tücher gewickelt, vorzulegen. Wollte ich ausgehen, so erwarteten mich diese ambulanten Verkäufer an jedem Treppenabsatze, an jeder Korridorecke; kam ich nach Hause, so stand schon wieder eine ganze Anzahl von ihnen mit Paketen und Rollen und Bündeln da, und ich konnte mich ihrer nicht anders entledigen, als indem ich wirklich einige der reizenden, aber dabei recht teuren Sächelchen erstand. Damit hatte ich aber nur Oel ins Feuer gegossen. Mit staunenswerter Schnelligkeit mußte sich die Nachricht von meinen Einkäufen in Kioto verbreitet haben, denn am Tage darauf wurde ich in meinem Hotel von der doppelten Zahl dieser Verkäufer belagert. Bei aller Zudringlichkeit waren sie von einer Höflichkeit und Ehrerbietung, als wäre ich ein König gewesen. Um ihre Waren kennen zu lernen, ließ ich sie mir doch im Rauchzimmer des Hotels vorlegen. Einem nach dem andern wurde Audienz erteilt. Den ersten hoffte ich los zu werden, indem ich ihm die Hälfte seiner Forderung anbot. Flugs nahm er mich beim Worte, und ohne es zu wollen, war ich um ein japanisches Kunstwerk reicher, um vierzig Mark ärmer geworden. Dem zweiten bot ich ein Viertel seines Preises, und zu meinem Schrecken wurde auch das angenommen. Dem dritten war die Summe, die ich ihm anbot, doch zu gering. Damit hatte ich nun mein Mittelchen gefunden. Ich bot den anderen ein Zehntel ihres Preises, und das schreckte sie derart ab, daß sie mich schließlich nicht weiter belästigten.
In den Kaufläden selbst ließen sich die Händler selten etwas herunterhandeln, besonders in den großen Seiden-, Brokat-, Samt- und Bronzeläden, welche die wichtigsten und schönsten Produkte der Kunstindustrie von Kioto enthalten. Ueberall die größte Höflichkeit, überall Thee, überall warfen sich die Verkäuferinnen vor mir nieder, aber sie blieben fest bei ihren Preisen, die in der Regel das Doppelte von dem betrugen, was den eingeborenen Japanern abgefordert wird. Hier ein ergötzliches Beispiel dieser Beutelschneiderei, der man in Japan überall ausgesetzt ist: Auf meinem ersten Spaziergange nach meiner Landung in Yokohama fand ich in einem Curio Shop (Kuriositätenladen) ein reizendes Glockenspiel, das in ähnlichen Läden in Paris zu fünfzig Francs feilgeboten wird, mit zwanzig Mark bezeichnet. Natürlich erwarb ich es sofort, ohne zu handeln. In Tokio wurde mir dasselbe Kunstwerk um fünfzehn Mark angeboten, und da es wirklich hübsch war, kaufte ich auch dieses Exemplar. Zu meiner Ueberraschung wickelte einer der Händler, die mich in Kioto bestürmten, einmal noch ein solches Glockenspiel aus seinem Bündel. Ich bot ihm die Hälfte meines letzten Kaufpreises, also siebeneinhalb Mark, und ohne ein weiteres Wort war der Handel abgeschlossen. Als ich eine Woche später nach dem Birmingham von Japan, nach Osaka, kam, besuchte ich auch das dortige Gewerbemuseum, und eines der ersten Objekte, das mir auffiel, war mein Glockenspiel. Preis zwei Mark. Nun kaufte ich dieses erst recht und noch ein zweites dazu, denn mit solchen Geschenken, die in Paris einen Kaufpreis von fünfzig Francs besitzen, konnte ich doch nach meiner Rückkehr bei meinen Freunden Effekt machen. Hoffentlich liest keiner von ihnen dieses Bekenntnis.