China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 60

Chapter 603,280 wordsPublic domain

Immer lebhafter wird das Leben in den Straßen, und gegen Mittag scheint es, als ob sich die ganze Bevölkerung Tokios auf den Beinen befinde; Priester in ihren eigentümlichen Gewändern erscheinen, hier und dort zieht irgend eine Tempelprozession oder ein Leichenbegängnis mit bunten, glänzenden Schaustücken und Ornamenten einher, ohne daß diese von seiten der Passanten besondere Beachtung fänden. Die vielen Kaufläden, die in manchen Hauptstraßen in kilometerlangen Reihen dicht aufeinander folgen und ihren ganzen Kram, Toiletteartikel für Damen, Fächer, Spielzeuge für Kinder, Porzellane, Geschirre, Pantoffeln, Papierlaternen und dergleichen auf der Straßenseite ausgebreitet haben, sind mit Käufern und Käuferinnen gefüllt, und der ganze Verkehr zwischen diesen Tausenden, das ganze Geschäftsleben spielt sich in so leichter, ungezwungener, man möchte sagen spielender Weise ab, als gäbe es in dem fernen Mikadoreiche überhaupt gar keinen Kampf ums Dasein, als wären alle Einwohner Kapitalisten, die behaglich von ihren Renten leben und die Geschäfte nur so nebenbei, zum Zeitvertreib, führen, ohne Absicht auf Gewinn. Die leichte, fröhliche Lebensart der Japaner, der Hang zu Vergnügungen, Spielen, Leckereien zeigt sich auch durch die zahlreichen ambulanten Händler, mit denen die Straßen gefüllt sind, Tag für Tag, Woche für Woche, als wäre jeder Tag des Jahres ein Matsuri (Festtag). Um sie besser kennen zu lernen, verlasse ich meine Kuruma und wandere zu Fuß durch die sich dicht drängende Menschenmenge. Aber sofort werde ich von anderen Kurumaja erspäht, und mehrere umringen mich mit derselben Zudringlichkeit wie die Eseltreiber in der Muski von Kairo oder die Vetturini von Neapel. „Riksha? Danna? O ide nasai? Irraschaimas no desaka?” „Wollen Sie eine Rickshaw, Herr? Wollen Sie nicht fahren? Wollen Sie nicht ehrenwerten Platz nehmen?” Und wenn ich versuche, sie abzuschütteln, entschuldigen sie sich: „Sore kara O mi aschi de ikimas.” „Sie wollen also vorwärts schreiten mit den ehrenwerten Beinen?” Alles ist in Japan ehrenwert. Ueberall hört man die gebräuchlichsten Begrüßungen: „Ohaio”, oder „Yo o ide nafaimaschta”, oder „Sajonara” und „Irraschai”, von allen Seiten werden einem verschiedene Waren, Leckereien, geschabtes Eis oder Limonaden angeboten, stets in freundlichster Weise. Hier der Modschi-Yaki (Briefverbrenner), mit seinen süßen Kuchen, welche die Form von allerhand Schriftzeichen, Tieren, Ornamenten und dergleichen zeigen. Neben ihm der Ameya oder Gallertenmann, der den Kindern für einen Pfennig mittels eines Röhrchens aus Gerstenbrei allerhand Figuren bläst; an einer vom Verkehr verschonten Ecke kauert ein Wahrsager, ein Tuch vor sich gebreitet, auf dem er mittels fünfzig kleiner Stäbchen und sechs roten und schwarzen Holzwürfeln allen, die es wünschen, für ein paar Pfennige ihre Zukunft vorhersagt; dort lenkt ein ambulanter Verkäufer von klebrigen Bohnenkuchen mit Gong und Schellengeklirre die Aufmerksamkeit auf sich, während ein blinder Amma (Masseur) dies mittels eines Pfeifchens thut; für wenige Pfennige ist er bereit, irgend jemandem, ob Mann oder Frau oder Kind, die Glieder durchzukneten. Hier schreitet gravitätisch ein bebrillter Arzt einher, gefolgt von einem Jungen, der ihm den Arzneikasten und Mörser trägt; dazwischen schleicht scheu ein zerlumpter Eta (ein Paria) umher; oder ein Kami-Kudsuhiroi (Lumpensammler) sammelt mit seinem Bambushaken Papierstückchen oder Kleiderfetzen; oder ein Spatzenfänger stiehlt sich vorsichtig, mit einem klebrigen Bambusstocke bewaffnet, den Hausdächern entlang und fängt mit erstaunlicher Geschicklichkeit die ahnungslosen frechen Vöglein. Vor den Tempeleingängen drängen sich Schaubuden, Verkaufsstände mit Spielwaren für Kinder, buntgeschmückten Haarnadeln für Mädchen, Toiletteartikeln, Früchten und Leckereien; zwischen ihnen kauert, umringt von Bewunderern, ein Künstler, mit Säckchen verschieden gefärbten Sandes versehen, aus denen er abwechselnd eine Handvoll nimmt und damit allerhand Landschaften, Figuren, Ornamente und dergleichen auf den Boden streut. Die Tempel selbst werden eifrig besucht, vornehmlich von Frauen und Mädchen. Sie waschen zunächst an dem Tempelbrunnen ihre Hände, dann schreiten sie langsam an die Stufen, die zum Götzenschreine emporführen, und machen die Gottheit dadurch auf sich aufmerksam, daß sie den vom Dache hängenden Glockenzug stark anziehen; erschallt die Glocke oder der Gong, so klatschen sie laut ihre Hände zusammen und sagen mit gebeugtem Oberkörper ihr Gebet her. Darauf verkünden sie durch abermaliges Händeklatschen der Gottheit, daß sie fertig sind, werfen einige Kupfermünzen vor den Altar oder in eine danebenstehende Holzkiste für die Priester und gehen ihres Weges.

In der Mittagsstunde leeren sich die Straßen, und zur Sommerzeit erscheinen sie zwischen zwei und vier Uhr nachmittags wie ausgestorben, höchstens daß bei großer Hitze Frauen oder Kinder die Straße vor ihren Häusern mit Wasser besprengen, oder daß dies von seiten der Stadt mittels großer Wasserkarren geschieht. Drei oder vier Mann schöpfen das Wasser aus den offenen Bottichen mittels Kübeln, die an Stangen befestigt sind, und schleudern es kräftig über die Straße; vor vielen Kaufläden hängen große, blaue oder schwarze Tücher vom Dache bis zum Straßenboden, um die Sonnenstrahlen abzuhalten. Die Hausbewohner geben sich der Siesta hin, schlafen, schlürfen ihren Thee oder rauchen ein paar Pfeifchen. Später, gegen fünf Uhr, wird der Straßenverkehr wieder lebhafter, die Leute besuchen vielleicht Theehäuser oder die vielen Sakebuden, die an dem vorgehängten Fichtenzweige und den großen, grell bemalten Sakebottichen sofort kenntlich sind. Die beste Gattung Reiswein zeigt auf dem Bottich eine große gemalte Blume, Hanazakari, die zweite die Schriftzeichen Muso-itschi, d. h. von keinem übertroffen, eine dritte hat eine große Päonie aufgemalt. In den letzten Jahren hat die Einführung von Eismaschinen eine ganze Menge von Eisbuden entstehen lassen, in denen geschabtes Eis mit Fruchtwässern versetzt feilgeboten wird, eine rasch beliebt gewordene Leckerei bei den unteren Volksklassen. Tausende wandern auch zu dieser Stunde nach dem nächsten Badehause, um trotz der Hitze ein heißes Bad zu nehmen. Tokio besitzt über tausend öffentliche Badehäuser, in denen durchschnittlich täglich dreihunderttausend Bäder genommen werden, ganz abgesehen von den Furodo oder Hausbädern, von denen sich in jedem besseren Hause eins befindet und von den Bewohnern täglich mehrmals benutzt wird. Man braucht in diese Badehäuser gar nicht einzutreten, um das Treiben im Innern wahrzunehmen, denn die Wände der Badehäuser bestehen vielfach aus Latten, zwischen denen man durchblicken kann. Männer, Weiber, Kinder treten scharenweise ein, zahlen am Eingange einige Pfennige, bewahren ihre Kleider in Kästchen an den Wänden auf und steigen splitternackt in das mit heißem Wasser gefüllte Bassin, das nur durch ein Seil oder eine Bambusstange in zwei Hälften für die beiden Geschlechter geteilt ist. Manche Frauen hocken auf den ins Wasser führenden Stufen, manche Fräulein stehen, nur in ihre Haut gekleidet, lachend und plaudernd am Rande des Bassins, wieder andere trocknen sich in höchst naiver Weise ab. Die ganze Gesellschaft benimmt sich dabei so ungeniert, als ob sie im Theater oder Theehause wäre. Solche Theehäuser sind in der That mit manchen Bädern verbunden, und in den kleinen abgeschlossenen Räumen ruht sich vielleicht nach dem Bade ein junges Pärchen auf weichen Matten aus.

Ist der Abend angebrochen, so erscheint wieder alles in den Straßen; Tausende pilgern hinaus unter die gewaltigen, uralten Fichten des Shiba- oder Uyenoparkes und lagern sich auf den Rasen oder in die Theehäuser, die rings um die Lotosteiche oder an den Ufern des Sumidagawa massenhaft stehen, andere mieten Vergnügungsboote, gehen in Theater oder Klubs, um Tanz und Gesang der zahllosen Gaishamädchen zu bewundern; in den Straßen leuchten allmählich lange Reihen von buntfarbigen Lampions auf, aus vielen Häusern ertönt Gesang und Samisenspiel, überall ist Leben und Fröhlichkeit, als gäbe es bei diesem leichten Phäakenvölkchen gar keinen Ernst, keine Arbeit und als wäre die ganze Hauptstadt des Mikadoreiches nichts als ein ungeheurer Badeort in der Hochsaison. Den Ernst des Lebens unter den Japanern lernt der Fremde im Straßenverkehr nur kennen, wenn eines der häufigen Erdbeben den Boden der Stadt erschüttert, Schornsteine, Dächer, ganze Häuser einstürzen und die Bevölkerung erschreckt auf die Straße eilt. Oder wenn sich am dunkeln Nachthimmel glühendrot die Blumen von Yeddo, die Flammenzungen von Schadenfeuern zeigen. In jedem Stadtviertel wird der Besucher Tokios hohe Pfähle mit Glocken und Leitern finden, an deren Spitze Wachtleute beständig nach verdächtigem Rauch oder Flammen Umschau halten. Bemerken sie dergleichen, dann verkünden sie durch eine bestimmte Anzahl von Glockenschlägen das Quartier, in dem Feuer ausgebrochen ist, und sofort entsteht unter der heiteren, sorglosen Bevölkerung lebhafte Bewegung. Hastig eilt alles nach Hause, die Bewohner des bedrohten Stadtteiles laufen oder fahren in Kurumas so rasch als möglich in ihre Quartiere, um ihre Siebensachen in Sicherheit zu bringen. Die kleinen, aus dürrem Holz, Strohmatten und Papierwänden bestehenden Häuschen flammen ja bei dem geringsten Anlaß wie Zunder auf, und an eine Rettung des Hauses oder der nächsten Nachbarhäuser ist gar nicht zu denken. Tokio ist schon vielmals durch Feuer zerstört worden, und in jedem Jahre, ja in jedem Monate werden Hunderte oder Tausende von Häusern eingeäschert. Kein Wunder, daß bei solchen Anlässen die ganze Stadt in furchtbarer Aufregung ist, die freiwilligen Feuerwehrgesellschaften mit ihren phantastischen Bannern und glänzenden Helmen rasch nach der Brandstelle eilen und selbst in entfernteren Straßengevierten das entsetzte Volk mit fieberhafter Schnelligkeit den ganzen Hausrat zusammenrafft, um ihn nach einem sicheren Stadtteil zu tragen. Die ungemein einfache Einrichtung der Häuser erleichtert dies. Die Mädchen rollen eiligst die dünnen Matratzen, Strohmatten und Kleidungsstücke zusammen, die Frauen werfen ihre Koch- und Eßgeschirre in einen Korb, die Männer heben die verschiebbaren Holz- und Papierwände aus den Fugen, und ein kleiner Handkarren nimmt die ganze Einrichtung auf. Nur das Dach und die Pfähle, auf welchen es ruht, bleiben zurück und werden ein Raub der Flammen, wenn es der Feuerwehr nicht gelingt, rings um die Brandstätte einen Kranz von diesen leeren Häusern rasch niederzureißen.

Manchmal steht ein hohes, außerordentlich massiv aussehendes Gebäude beinahe unversehrt da, eine Kura, d. h. ein feuerfestes Haus aus etwa vierzig Centimeter dicken Lehmwänden, worin der wohlhabendere Japaner seine wertvollen Sachen aufzubewahren pflegt. Diese weiß polierten Häuser, die trotz dem Material, aus dem sie gebaut werden, äußerlich sehr geschmackvoll aussehen, werden äußerst sorgfältig aus Lehm und Bambusflechtwerk errichtet. Die Bauzeit dauert ein bis zwei Jahre, da von den vielen Lehmschichten die unteren immer vollständig trocken sein müssen, bevor eine weitere darüber aufgetragen werden kann. Das Dach besteht aus dicht gefügten, schweren Ziegeln. In Feuersgefahr werden die dicken Läden und Thüren, deren staffelförmige Ränder ineinander greifen, geschlossen und die Ritzen derselben von besonders dazu Angestellten mit immer bereitstehendem Lehm zugeschmiert. Die Kura wird dann gleichsam versiegelt, indem der Schließende die Schriftcharaktere seines Namens auf Thüre und Fenster in den Lehm gräbt, und sie darf erst nach Beendigung des Brandes im Beisein einer Urkundsperson geöffnet werden. So ist in Japan bei Feuersgefahr alles sorgsam organisiert, sowohl das Verhalten des Einzelnen, wie das der Gesamtheit, da dieses Volk seit alters mit elementaren Gewalten wie Feuer, Erdbeben und Wassersnot zu rechnen gewohnt ist. Unter der Shogunherrschaft mußten die Lehensfürsten und die höchsten Staatsbeamten in voller Rüstung zu Pferde auf dem Brandplatze erscheinen und den Kampf mit dem Elemente leiten. Jetzt ist die Feuerwehr vollständig nach europäischem Muster eingerichtet.

Sonderbar ist das Verhalten der Ueberlebenden, die Familie oder Eigentum, oder beides verloren haben. Kein herzzerreißendes Klagen, kein Zeichen überquellender Verzweiflung, sondern nur stumme Resignation in das Unabänderliche sieht man auf allen Gesichtern. Ein so großer Gemütsmensch der Japaner sonst ist, Aeußerungen seelischen Schmerzes weiß er zu unterdrücken.

Spazierfahrten im mittleren Japan.

Wer Japan jemals im Sommer besucht hat, wird es begreiflich finden, daß die Europäer die Hauptstadt ebenso wie die Hafenstädte des Inselreiches, wenn immer möglich, fliehen, um auf den hohen Bergketten der japanischen Hauptinsel Hondo Kühlung zu suchen. In dieser ostasiatischen Schweiz sind es vor allem zwei Distrikte, die von den Europäern nicht nur Japans, sondern von ganz Ostasien bevorzugt werden: Nikko, im Norden der Hauptstadt Tokio, und Hakone, im Süden derselben gelegen. Die Japaner sind sich der Schönheit ihres Heimatlandes wohl bewußt, und stolz, wie sie sind, bestrebt, sich und ihr Inselreich den Bleichgesichtern des Abendlandes in möglichst günstigem Lichte zu zeigen, haben sie alles Erdenkliche gethan, um die schönsten Gebirgspartien Japans leicht zugänglich zu machen. Der europäische Unternehmungsgeist, der sich sonst in Asien überall zeigt, auf Ceylon und Java, in Indien und China, hat damit in Japan nichts zu thun gehabt. Mit japanischem Gelde und durch japanische Ingenieure wurden Eisenbahnen, Brücken, Straßen, Pferdebahnen, Fußwege angelegt, Hotels und Badeanstalten nach europäischem Muster eingerichtet, so daß man heute die prächtigsten Gegenden der asiatischen Schweiz, vor allem den Distrikt von Hakone, mit ähnlicher Bequemlichkeit besuchen kann wie Grindelwald.

Von dem trotz der Nähe des Meeres heißen, sonnenverbrannten Yokohama brachte mich eine mehrstündige Eisenbahnfahrt nach Kozu. Dieses ist ein kleines, ärmliches Städtchen nahe der Mündung des steinigen Sakawagawa in das Meer gelegen und würde wohl kaum jemals einen europäischen Reisenden zum Aufenthalt verlocken, wenn es nicht die Pforte zu dem herrlichen Bergdistrikt von Hakone wäre.

Während die altberühmte Hauptstraße des Landes, der Tokaido, von Kozu aus quer in den Bergdistrikt von Hakone hineinlenkt, muß die Eisenbahn ihm ausweichen; sie führt in einem weiten, hufeisenförmigen Bogen um ihn herum und erreicht erst auf der anderen Seite bei Numazu wieder das Meer. Den Tokaido entlang, der noch vor drei Jahrzehnten den Feudalfürsten des Landes mit ihrem malerischen Gefolge als Reiseweg diente, führt heute eine Pferdebahn mit schlechten Wagen, von elenden Kleppern gezogen, und diese bestiegen wir nun, um uns bis Yumoto an den Fuß der bewaldeten Berge führen zu lassen. Japanische Landleute, Kulis, barfuß bis zu den Schultern, dazwischen reizende Musmis in bunten Kimonos und alte Weiber mit Bündeln und Körben bildeten unsere Reisegefährten. Untereinander befleißigen sie sich der größten Höflichkeit, aber uns Europäern gegenüber zeigten sie nur vornehme Verachtung, im besten Falle Gleichgültigkeit. Waren ihnen doch in den letzten Jahren so viele anglo-amerikanische Flegel in den Weg gekommen, die ihren Gruß mit Grobheiten erwiderten, ihre Höflichkeit laut belachten und sich als so ungezogene Bengel benahmen, daß man den Insulanern ihren Abscheu vor der ganzen abendländischen Touristenwelt gar nicht verübeln kann.

In Odawara, wo sich der Pferdebahnstation gegenüber die gewaltigen Ringmauern einer zerstörten Feudalburg erheben, wurde kurzer Halt gemacht, dann ging es zwischen den wohlgepflegten, sorgsam bewässerten Reisfeldern auf hohem Damme weiter über das steinige, breite Bett des Hayagawa nach Yumoto.

Hier wurden wir europäischen Passagiere von Dutzenden halbnackter Kulis umringt, die uns ihre Rickshaws zur Weiterfahrt in die Berge hinauf anboten. In langen Batterien waren die leichten zweiräderigen Wägelchen aufgefahren; ohne daß man es wehren konnte, wurde das Gepäck auf die Rickshaws verladen, und mit derselben Zudringlichkeit, wenn auch mit größerer Höflichkeit wie die Beduinen an den ägyptischen Pyramiden, ließen uns die Kulis nicht los, bis jeder von uns eine Rickshaw mit zwei oder drei strammbeinigen bronzenen Gesellen angeworben hatte. Der eine stellte sich zwischen die Gabeldeichsel und erfaßte diese, ein zweiter vor ihm schlang sich eine Zugleine über die Schulter, und während dieses menschliche Tandemgespann unter lautem Hallo anzog, schob ein dritter von rückwärts nach. So durcheilte die ganze Karawane von mehreren Dutzend Rickshaws das Dorf, reizend eingenistet an den steilen Ufern der Schlucht, aus welcher der wasserreiche Hayagawa, ein Abfluß des herrlichen Bergsees von Hakone, hervorbraust. Die heftigen Regengüsse des Sommers hatten kurz zuvor die Brücke weggerissen, und notdürftig waren einige Bretter und Balken zu einem halsbrecherischen Steg gezimmert worden, über den uns die Kulis geschickt hinüberhalfen. Jenseits der Schlucht bestiegen wir andere bereitstehende Rickshaws, und nun ging es auf breiter, aber von Regenbächen zerrissener, steiniger Straße steil aufwärts in die Berge. Zur Rechten tief unter uns schäumte der Strom, zur Linken erhoben sich steile, stellenweise überhängende Bergwände, mit der üppigsten Vegetation überwuchert. Die herrlichsten Blüten, große japanische Lilien, die bei uns als Topfpflanzen sorgsam gepflegt werden, bedeckten die Abhänge nach vielen Tausenden; überall rauschten Bäche, in Kaskaden über Stock und Stein hüpfend, herab, dem Hayagawa zu. An manchen Stellen hatte der Regen Bergstürze zur Folge gehabt, durch welche die Regierung mit Mühe einen Weg bahnen ließ; in vielfachen scharfen Windungen, tiefe, finstere Schluchten entlang führte die Straße aus der nicht viel über dem Meeresspiegel liegenden Ebene aufwärts nach der entzückenden Bergidylle Miyanoshita, die fünfhundert Meter hoch zwischen der grünen Felspyramide Myojogatake und dem bewaldeten Sengenyama eingeschachtelt ist. Ich mußte die Ausdauer meiner flinken Kulis bewundern, die auf dem ganzen einstündigen Wege nur einmal anhielten, um sich an einer Quelle Kopf und Schultern zu baden und mehrere Holzbecher voll Wasser zu trinken. Der Schweiß rann in Strömen über den bronzenen Rücken und an den muskulösen Beinen hinab; schon kurz oberhalb Yumoto hatten sie sich ihrer Leinenjacken entledigt, sie ausgewunden wie ein Stück ausgespülter Wäsche und zum Trocknen über die Deichselstangen gehängt. Mit Bewunderung, gemischt mit Neid, betrachteten wir zarter veranlagten Europäer den prächtigen Körperbau dieser Bergbewohner.

Miyanoshita besteht aus zwei kleinen, urjapanischen Dörfchen, zwischen denen sich auf einem mit europäischen Gartenanlagen geschmückten Plateau das stattliche Fuji-ya-Hotel erhebt; etwas weiter unterhalb, am oberen Rande der steilen Hayagawaschlucht, befindet sich ein zweites Hotel von europäischem Aussehen, Nara-ya genannt, das aber der Hauptsache nach vornehmen Japanern zum Aufenthalt dient. Gerade während meines ersten Besuches von Miyanoshita weilten hier zwei putzige kaiserliche Prinzchen, Söhne Seiner Majestät und irgendwelcher japanischen Komtesse oder Baronesse; sie besaßen einen aus zahlreichen Personen bestehenden Hofstaat, und unternahmen sie ihre täglichen Spaziergänge, so wurden sie von einem ganzen Schwarm von Höflingen und Polizisten begleitet.

Auch das Fuji-ya-Hotel, eines der besten von ganz Ostasien, ist zur Hälfte nach japanischer Art eingerichtet, das heißt an das im Schweizer Villenstil erbaute, ganz europäisch eingerichtete Haupthaus lehnen sich die Flügel, so leicht und zart wie schwedische Streichholzschachteln. Die einzelnen Schlafräume haben wohl Betten und sonstigen abendländischen Hausrat, die Wände aber sind nach japanischem Muster nur verschiebbare Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen, ohne Fenster, ohne Thüren, nur von einer langen Holzveranda umgeben, von der man in die Schlafräume gelangt, indem man die Papierrahmen auseinanderschiebt. Ein weggeworfenes brennendes Zündhölzchen, unvorsichtiges Handhaben des Kerzenstockes würde das ganze Hotel wie einen Haufen trockener Holzspäne aufflammen lassen. Dafür spüren die europäischen und japanischen Gäste dieses Kartenhauses nur wenig von den häufigen Erdbeben, dieser schrecklichsten Landplage Japans. Während wir im Haupthause mehrmals durch die Erschütterungen, die das Gebäude in allen Fugen krachen und die Einrichtungsstücke herumtanzen ließen, aus unserer Ruhe geschreckt wurden, waren diese Erdbeben in den japanischen Anbauten kaum wahrnehmbar.

Wenn mich inmitten des vornehmen europäischen Lebens, das sich im Fuji-ya-Hotel abspielte, irgend etwas daran gemahnte, daß ich mich nicht in einer schweizerischen Gebirgskarawanserei, sondern viele Tausende Kilometer davon entfernt bei den Antipoden befand, so waren es die kleinen, freundlich lächelnden Nesans, die in den Wohnzimmern und im Speisesaale die Bedienung besorgten; hübsche Mädchen mit sorgfältig frisiertem Haar, in buntfarbige Kimonos gekleidet. Auf den reingescheuerten Matten der Korridore und Säle wackelten sie in Socken lautlos einher, die Zehen nach einwärts gerichtet wie Enten. Außer good morning, good night und thank you verstanden sie keine Silbe einer europäischen Sprache, und wer nicht japanisch sprach, mußte sich durch Zeichen mit ihnen verständigen. Die Speisekarten bei den Mahlzeiten trugen neben den englischen Namen arabische und japanische Nummern, ebenso die Weinkarten, und begehrte man gewisse Speisen und Getränke, so brauchte man nur auf die dabeistehenden japanischen Nummern zu zeigen, um das Gewünschte zu erhalten. Sonst waren Auseinandersetzungen mit ihnen nicht nötig; sie kannten ihre Pflicht, die Betten waren stets in Ordnung, und auf ihnen lagen allabendlich die Hotel-Ukatas sorgfältig ausgebreitet zum Gebrauch. Diese Ukatas sind eine Art Kimono, die Japaner wie Europäer als Schlafrock oder Bademantel benutzen und vom Hotel gerade so geliefert werden wie Handtücher und Bettwäsche. Morgens früh schlüpften die Hotelgäste aus ihren Betten in die Ukatas und eilten durch die langen Korridore hinab zu dem weitläufigen Badehaus, das aber, glücklicherweise für die Damen, keine gemeinschaftlichen Bassins besaß wie das benachbarte Nara-ya-Hotel und wie alle anderen japanischen Hotels und Badeorte des Landes. Dafür giebt es im Fuji-ya-Hotel lange Reihen geräumiger Badezimmer mit in den Fußboden versenkten großen Holzwannen, in denen bequem zwei oder drei Menschen zusammen baden könnten. Aus Bambusrohren kann man nach Belieben kaltes und warmes Wasser zuströmen lassen. Daran ist kein Mangel, denn hinter dem Badehause pritschelt und rieselt es in zahllosen Bächlein den Abhang herab. Diese Bäder gewähren so großen Genuß, daß die europäischen Gäste es den Japanern nachmachen und sich täglich durch zwei, drei Bäder erfrischen, nur werden sie von ihnen nicht so heiß genommen wie von den Japanern, die ein seltsames Wohlgefallen daran finden, sich mit heißem Wasser krebsrot brühen zu lassen.