China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 6
Während meines ersten Aufenthaltes in Hongkong waren Gerüchte von dem Ausbruch einer pestartigen Krankheit in der größten Stadt des himmlischen Reiches aufgetaucht, und bei meiner Ankunft in Canton fand ich diese Gerüchte leider nur zu sehr bestätigt. Seit einem halben Jahre hatte es dort fast gar nicht geregnet; Schmutz und Unrat, diese sprichwörtlichen Merkmale chinesischer Städte, hatten sich in dem engen scheußlichen Straßengewirre während dieser Zeit angesammelt und verpesteten die Luft derart, daß man sich über die vielen Menschenopfer kaum zu wundern brauchte.
Schon die plumpen, schweren chinesischen Dschunken und die kleineren Sampans, die den Strom bevölkern, zeigten, daß sich in Canton etwas Außergewöhnliches abspielen müsse; statt der zwei kleinen roten Joßpapierchen, welche die Chinesen zur Beschwörung der bösen Geister gewöhnlich an den Stern ihrer Schiffe kleben, prangten dort ein halbes Dutzend oder noch mehr; rote Papierstreifen mit allerhand Inschriften in Gold und Schwarz klebten auch auf den aus zusammengenähten Matten bestehenden Segeln, am Bug und an den Seiten. Joßstäbchen brannten dutzendweise auf den Schiffen und sandten kleine leichte Rauchwölkchen empor; wie Kleingewehrfeuer knatterten die vielen Fire-Cracker, die auf dem Flusse und an den Ufern verpufft wurden, und mehr als sonst fuhren Sampans und Ruderboote, von Chinesenfrauen gelenkt, dicht vor dem Bug unseres Dampfers vorbei.
Mehr als die zahlreichen burgartigen Pfandhäuser und Tempeldächer der Riesenstadt verriet die drückende stinkende Atmosphäre, daß wir uns Canton näherten. Stoßweise führte sie uns der Wind als Grüße aus der Peststadt entgegen. Die ersten dieser Nasenstüber jagten uns Schrecken ein, allein nun war nicht mehr zu helfen.
In dem recht gut gehaltenen Shameenhotel wurde mir die tröstliche Auskunft zu teil, daß in der europäischen „Konzession” noch kein Pestfall vorgekommen sei und daß Europäer von der tückischen Krankheit überhaupt nicht viel zu befürchten hätten, indessen man riet mir doch zur größten Vorsicht. Mit Mühe überredete ich einen die englische Sprache radebrechenden Chinesen, Ah-Kam, mich in das enge, schwüle, düstere Straßengewirr zu begleiten, das sich jenseits des Kanals auf der weiten Ebene des Perlflusses ausbreitet. Schon nachdem wir ein Viertelstündchen durch das Labyrinth Cantons gewandert waren, konnte ich das Wüten der Epidemie wohl verstehen.
Nicht nur die verpestete Luft, die Anhäufung faulender organischer Stoffe und der Genuß schlechten Wassers waren die Ursachen der Pest. Eine Publikation des Gouverneurs von Canton ließ noch auf eine andere Ursache schließen: den Genuß verseuchter Tiere. Ich ließ mir aus den chinesischen Tagesblättern Cantons folgende Notiz übersetzen: „Da die Ratten die ersten Opfer der Seuche waren, so ließ der Mandarin des Distrikts des westlichen Thors, Lo Ching, zehn Cash (etwa zwei Pfennig) als Prämie für jede ihm vorgelegte tote Ratte ausschreiben. In den ersten vier Tagen wurden ihm 2600 tote Ratten gebracht, von denen 1400 in der To-postraße allein aufgelesen wurden. Der Mandarin ließ sie zusammen vergraben”.
Ebenso ließ der Stadtpräfekt in einer Proklamation Ende April das Schlachten von Schweinen verbieten, und am Tage meiner ersten Wanderung durch Canton wurde eine zweite Proklamation an die Straßenecken geklebt, derzufolge der Fischfang in Zukunft verboten wurde. Es geschah dies hauptsächlich, um das Verkaufen verseuchter oder toter Schweine und Fische zu verhindern.
Wer mit chinesischen Sitten und Gebräuchen nicht vertraut ist, konnte indessen beim Durchwandern der Stadt nicht viel von der herrschenden Epidemie wahrnehmen; zunächst ist das Bild der Gäßchen mit ihren zahllosen Kaufläden, mit ihrer eigentümlichen Bevölkerung, mit den fremdartigen Sitten und Gebräuchen etc. so ungemein fesselnd und interessant, wenn auch abstoßend, daß ihr Besucher geradezu überwältigt wird. Freilich sah er möglicherweise manchen Leichenzug an sich vorbeikommen, oder er erblickte in diesem oder jenem Hause durch die weitoffenen Thüren einen Leichnam mit weißem Laken bedeckt, heulende Trauerweiber auf den Matten zu seinen Füßen kauernd. Aber der Straßenverkehr zeigte sich im großen ganzen ebenso wie zu normalen Zeiten. Indessen die Pest nahm immer mehr überhand, die Bevölkerung wurde immer ängstlicher, denn es starben an manchem Tage an tausend Menschen, es fehlte an Särgen, und ich sah selbst viele Leichen, die, nur mit einem Tuche bedeckt, auf Matten nach den Friedhöfen außerhalb der Stadt getragen wurden. Die meisten waren innerhalb weniger Stunden oder doch innerhalb eines Tages gestorben. Zuerst fühlten sie heftiges Fieber mit hoher Körpertemperatur, Kopfschmerz und Durst; dann stellte sich Bewußtlosigkeit ein, und gleichzeitig mit dieser entstanden am Halse, in den Achselhöhlen und an den Lenden große, harte, schmerzhafte Beulen von schwarzer Färbung, schließlich färbte sich der ganze Körper schwarz. Der Tod trat dann längstens binnen einem Tage ein. In einer verhältnismäßig geringen Zahl von Fällen zieht sich die Krankheit mehrere Tage hin, und dann ist Hoffnung auf Genesung vorhanden. Doch erfuhr ich im Hospitale der achtzehnten Straße in Canton von den chinesischen Aerzten, daß durchschnittlich von je drei Fällen zwei tödlich verlaufen. Sie versicherten, die Beulenpest sei nicht ansteckend und trete nur bei Menschen auf, die unter ähnlich elenden sanitären Umständen lebten. Das beruhigte mich so weit, daß ich meine Wanderungen durch Canton mehrere Tage lang fortsetzte. Indessen fand ich nach meiner Rückkehr nach Hongkong in der dortigen „Preß” eine Korrespondenz aus Canton, worin es heißt: „Die Pest ist nicht nur jenen gefährlich, welche in der Stadt wohnen, sondern auch fremden Besuchern. Wir vernehmen von Chinesen, daß mehrere Fremde starben, während sie im Tragsessel durch die Stadt getragen wurden”. Gut, daß ich dies in Canton selbst nicht erfahren hatte.
Und doch war es auch ohne diese Kenntnis unheimlich genug in Canton. Wohl der Bravste mag erschrecken, wenn er einen so mörderischen Gast in seiner Nähe weiß, unsichtbar und deshalb nicht anders zu bekämpfen als durch die Flucht. Durch diese wäre mir aber ein hochinteressanter Einblick in das innerste Denken und Fühlen der Chinesen entzogen worden, und so wiederholte ich meine Besuche, jedesmal mehrere Stunden mitten unter diesem seltsamen Volk im Innersten ihrer Hauptstadt verweilend. Ich hatte viel von ihrem Haß gegen Europäer, von ihren thätlichen Angriffen auf diese, von der Zahl der Diebesbanden und Einbrecher in Canton gehört. Wie lange ist es denn her, daß der Pöbel selbst Shameen erstürmte und eine Anzahl der europäischen Häuser niederbrannte? Ich selbst habe von diesem Haß nicht das geringste wahrgenommen. War es nur der furchtbare, alle Vorstellungen übersteigende Aberglaube der Chinesen, der mich vor Haß schützte? Standen sie unter dem alles andere übertäubenden Einfluß der Seuche in ihrer Stadt, der sibirischen Pest? Wie viele Opfer diese gefordert hat, konnte ich aus vielen kleinen Anzeichen erkennen, die sonst von Besuchern unbeachtet bleiben, weil sie ihnen unbekannt sind. Die Chinesen trauern dadurch, daß sie während sieben Wochen nach dem Tode ihres Verwandten ihr Kopf- und Barthaar wachsen lassen, daß sie statt des schwarzen Schwänzchens in ihren Zopf ein weißes oder blaues flechten; daß sie statt schwarzer Schuhe weiße oder blaue tragen; daß Frauen und Mädchen während der Trauerzeit kein Messer, keinen Löffel, keines der kleinen Eßstäbchen beim Essen benutzen, sondern mit den Fingern essen; an den Häusern der Verstorbenen werden die beiden großen roten Papierlaternen, die an jedem Chinesenhause vor dem Eingange baumeln, durch weiße ersetzt; die Thüren der Häuser, in denen sich eben Verstorbene befinden, werden geschlossen und brennende Kerzen auf die Schwelle gesteckt. Wie viele dieser und anderer kleinen Merkmale sah ich doch, die mir mehr sagten, als es die Aerzte oder städtischen Mandarine konnten!
Die berühmten Cantoner ~flower boats~, die Blumenboote mit den Restaurants und den gepuderten und geschmückten Mädchen, standen am Abend leer, denn niemand wollte, niemand konnte in so drückenden Zeiten sich vergnügen; das glänzende, reiche, lärmende Flußleben Cantons zur Nachtzeit hatte sich in Totenstille verwandelt, als hätten die Tausende von Sampans und Dschunken gar keine Bevölkerung. Hörte ich auf meinen nächtlichen Flußfahrten auf dem Hausboot des Shameenhotels irgendwo lärmende Trommeln und Trompeten und ~fire crackers~, so rührten sie vom Drachen- oder vom Löwentanz her, womit die Chinesen die bösen Geister aus ihren Häusern treiben wollen; kehrte ich spät nachts in mein Hotel zurück, so sah ich von meinen Fenstern aus jenseits des Kanals phantastische Prozessionen, bei dem flackernden Schein der Fackeln gewahrte ich scheußliche große Fratzen, buntbemalte Drachenköpfe mit mehrere Meter langen Schwänzen, die von darunter steckenden fanatischen Chinesen fortbewegt wurden; andere, mit dreispitzigen Gabeln und Zangen versehen, tanzten um sie herum; riesige Kupferpauken wurden hinter ihnen einhergetragen und heftig darauf losgeschlagen; fast die ganze Nacht hindurch währte das Kleingewehrfeuer der ~fire crackers~ und das Abschießen von allerhand Feuerwaffen, alles nur zur Vertreibung der bösen Geister; vom Schlafen war unter solchen Umständen keine Rede, zumal Shameen eines der verrufensten Mückennester Chinas ist. Hie und da erhellte ein greller Feuerschein meine Stube, und blickte ich durch die Fenster, so sah ich, wie die langbezopften Chinesen in den Kanalbooten unter mir Joßpapiere, d. h. große, mit allerhand Beschwörungsformeln bemalte Papierbogen verbrannten. Waren sie verglüht, war wieder nächtliches Dunkel an Stelle des roten Scheines getreten, dann sah ich auf den Booten Tausende winziger rotglühender Punkte, von den glimmenden Joßstäbchen herrührend, die massenweise auf den Booten angebracht waren. Wie gern hätte ich eine nächtliche Wanderung durch die Straßen der Stadt angetreten, die vor mir lag wie ein Vulkankrater, in dem es bald hier bald dort aufflammte und krachte und polterte. Allein jede Straße Cantons ist zur Nachtzeit verbarrikadiert; an beiden Enden werden die Thorgitter versperrt, und die nächtlichen Straßenwächter mit dem Schlüssel am Gürtel lassen niemanden durch; wanderte ich dann am frühen Morgen durch die feuchten, übelriechenden, unheimlichen Gäßchen, dann sah ich den Boden mit roten Papierfetzen bedeckt, die Ueberreste der während der Nacht verbrannten Joßpapiere und Feuerwerkskörper. In jedem Gäßchen befindet sich ein kleiner Altar, an welchem Joßstäbchen glimmten; außer diesem gemeinschaftlichen Altar besitzt jedes Haus der inneren Stadt Cantons seinen eigenen Altar auf der Gassenseite neben dem Haupteingange. Auf jedem einzelnen glimmten einige Joßstäbchen, auf jedem Arbeitstische der Handwerker, auf jedem Verkaufstische der Kaufläden standen Sandbüchsen mit diesen wohlriechenden, leichten Rauch entwickelnden Glimmstengeln. Die Menschen eilten rasch und scheu dahin, wenige Weiber, fast durchwegs Männer; jeder einzelne hatte an seiner dunkelblauen Bluse vorn ein kleines Säckchen mit Amuletten hängen; jeder trug ein ähnliches Säckchen, mit riechender Substanz gefüllt, in der Hand und hielt es an die Nase; oder er trug statt des Säckchens einen Rosenkranz oder ein Stück Sandelholz. In jedem Gäßchen hockten Chinesenjungen an den Häusern, dabei Beschwörungsmittel feilbietend, und die Verkäufer von Joßpapieren machten ausgezeichnete Geschäfte. Alles eilte so schnell wie möglich durch die verpesteten Gäßchen, nur die Kolonien aussätziger Weiber behielten ihre angestammten Plätze bei, zeigten ihre wunden, aussätzigen oder gänzlich abgestorbenen Gliedmaßen und bettelten um Almosen. Zuweilen stieß ich auf die lärmenden Drachenprozessionen, gefolgt von Banden verlotterter Chinesen, Tamtam und Pauken schlagend oder kleine Holzstäbchen aneinander klappernd; oder es huschte ein Leichenzug rasch vorbei, Musikanten voraus, dann der Tote, dann der prächtige Tragstuhl mit der Ahnentafel des Verstorbenen, einige Anverwandte dahinter. In den Buddhatempeln wurde überall von den zahlreichen Priestern gebetet; gefühl- und gedankenlos murmelten sie stehend ihre Gebete zu den großen vergoldeten Götzen empor, die grotesk mit verschränkten Beinen auf den Altären sitzen. Der Stadtpräfekt hatte diese allgemeinen Gebete angeordnet, um den Dämon aus der Stadt zu treiben, und den Göttern wurden außerdem reiche Sühnopfer dargebracht. Eine andere Verordnung der Regierung befahl, daß die langen grotesken Ruderboote der alljährlichen Drachenfeste, die gewöhnlich nach der Festzeit in den Schlamm des Perlflusses versenkt werden, wieder auszugraben seien, um damit Rundfahrten auf dem Flusse zu unternehmen, denn ihnen wird besondere Kraft zur Teufelsvertreibung zugeschrieben. So begannen denn gerade während meines Besuches der Stadt die Fahrten dieser Drachenboote im Distrikt des Ostthores, ohne selbstverständlich irgendwie zu helfen. Aber das merkwürdigste Mittel zur Vertreibung der Pest erfand doch die Regierung, ein Mittel, das selbst in den Annalen des himmlischen Reiches nur selten vorkommt und ein grelles Streiflicht auf den Aberglauben und die Geisterfurcht der Chinesen wirft. Das chinesische Jahr ist nicht wie das christliche ein festes Jahr. Die Monate werden nach dem Monde gemessen, und in jedem dritten Jahre wird willkürlich nach irgend einem der zwölf Monde ein dreizehnter Monat eingeschoben. Der Jahreswechsel jedoch richtet sich nach der Sonne. Neujahr fällt jedesmal auf den ersten Neumond, nachdem die Sonne in das Sternbild des Aquarius eingetreten ist, also nach unserer Zeit auf bestimmte Tage zwischen dem 21. Januar und 19. Februar. Im Jahre 1893 fiel das chinesische Neujahr beispielsweise auf den 17. Februar; nun ist der Neujahrstag in China das größte Fest des ganzen Jahres und wird überall in der lärmendsten Weise gefeiert, alle Schulden müssen vor dem Neujahrstage getilgt werden, es wird den Göttern geopfert und von den Wahrsagern das Glück des neuen Jahres erforscht. Da nun das Jahr 1894 bisher einen so unglücklichen Verlauf hatte, so erließ die Regierung eine Proklamation, derzufolge der erste Tag des bevorstehenden vierten Monats als neuer Neujahrstag allgemein gefeiert werden müsse, um die übrigen Monate des Jahres in ein glückliches Jahr zu verwandeln. Der Erlaß ist vom 2. Mai christlicher Zeitrechnung datiert und in den englischen Blättern Hongkongs vom 4. Mai 1894 zu lesen. Aber die Leute starben trotz des dekretierten neuen Jahreswechsels, ja die sibirische Pest griff immer mehr um sich, das benachbarte Hongkong wurde zu einem ihrer Hauptherde, und von dort wurde sie durch die Schiffe im Laufe der Jahre nach Afrika, Australien, Indien und sogar bis ans Mittelmeer verschleppt. Nur den strengen sanitären Maßnahmen ist es zu danken, daß man nicht auch in Europa die Bekanntschaft dieser schrecklichen Epidemie gemacht hat.
Gerichtspflege.
Wer jemals irgendwelche Gefängnisse in China gesehen oder dort Gerichtssitzungen beigewohnt hat, der wird es gewiß begreiflich finden, daß die Zopfträger des Reiches der Mitte nur in seltenen Fällen Schutz und Recht bei ihren Mandarinen suchen. Nicht daß die mit geringen Veränderungen seit Jahrtausenden bestehenden Gesetze etwa ungerecht oder unklar wären. Im Gegenteil. Kenner, wie beispielsweise die europäischen Beisitzer bei den gemischten Gerichten in Shanghai oder Tientsin, versicherten mir, sie wären vortrefflich, und die Gesetzbücher seien zutreffender, klarer und kürzer abgefaßt als jene so mancher europäischen Staaten. Es ist nur ihre Handhabung von seiten der Mandarine, die Bestechlichkeit und Nachlässigkeit der Beamten, die Grausamkeit der Foltern und Strafen, welche den Chinesen einen heillosen Respekt vor den Gerichten einflößen und sie nur in Fällen der äußersten Notwendigkeit bei diesen Schutz suchen lassen. Auch dann bedarf es immer noch eines gut gespickten Geldbeutels und großen Einflusses, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Fast hat es den Anschein, als sei die ganze Rechtspflege mit Absicht darauf zugespitzt, die Chinesen auf den gütlichen Ausgleich ihrer Streitigkeiten hinzuweisen. Der Kaiser Kang-Hi äußerte sich darüber folgendermaßen: „Es ist gut, daß die Menschen sich vor den Gerichten fürchten. Ich wünsche, daß jene, welche sich an die Richter wenden, ohne Mitleid behandelt werden. Mögen sich doch alle guten Bürger untereinander wie Brüder vertragen und Streitfälle dem Urteil der Greise und Ortsvorsteher vorlegen. Was die Streitsüchtigen, die Eigensinnigen und die Unverbesserlichen betrifft, so sollen sie nur von den Beamten zerschmettert werden. Das ist das einzige ihnen zukommende Recht”.
In diesen Kaiserworten werden die Rechtsbegriffe Chinas, wie sie noch heute obwalten, in kürzester und treffendster Weise gekennzeichnet. Thatsächlich werden in dem ganzen großen Reiche kleinere Streitfälle immer zuerst den Häuptern der Familie vorgelegt, welche ihr Urteil nach uralten Traditionen und Gebräuchen fällen. Ist doch das Familienleben wie das ganze Staatswesen Chinas nach patriarchalischen Grundsätzen geregelt, der Ortsvorsteher ist der Vater aller Einwohner, der Provinzgouverneur der Vater aller seiner Untergebenen, der Kaiser aber der Vater aller Chinesen. Derselbe Geist erfüllt auch die Rechtspflege. Das chinesische Gericht kennt keine Rechtsgelehrten, keine Advokaten und Staatsanwälte. Der Mandarin des Ortes, des Distriktes oder der Provinz ist der alleinige Richter, nur das Recht über Leben und Tod liegt in den Händen des Kaisers.
Bei den vielen Obliegenheiten des Mandarins gebricht es ihm selbstverständlich an Zeit, den verschiedenen Streitfällen, die ihm vorgelegt werden, besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das summarische Verfahren, mit welchem die Mandarine selbst bei wichtigen Fällen vorgehen, erinnerte mich lebhaft an ähnliches, das ich in verschiedenen anderen Ländern, hauptsächlich in Marokko, Tunis und in dem fernen Korea gesehen habe. Geradeso wie dort, giebt es auch hier kein langes Prozessieren, Vertagen der Verhandlungen, Hinausschleppen durch allerhand Kniffe der Anwälte, keine Geschworenen, Beisitzer u. dergl. Der Fall wird vorgetragen, und ist die Zeugenvernehmung vorüber, so erfolgen Urteilsspruch und Strafe auf der Stelle. Dann kommt der nächste Fall an die Reihe, und so geht es fort, bis der Mandarin die Sitzung abbricht.
Dabei ist das ganze Rechtsverfahren öffentlich. Es spielt sich sozusagen auf der Straße ab, und der Besucher chinesischer Städte hat auf seinen Wanderungen fast täglich Gelegenheit, etwas davon zu sehen, seien es Gefängnisse oder Bestrafungen, Gerichtssitzungen oder Foltern. Je größer die Stadt, desto häufiger sind diese keineswegs immer willkommenen Gelegenheiten. Schon am ersten Tage meines Aufenthaltes in Canton sah ich eine öffentliche Bestrafung. In der Nähe des Yamens (Residenz) des Tatarengenerals wurde meine Aufmerksamkeit durch laute Gongschläge auf einen seltsamen Aufzug gelenkt, wie er wohl in keinem anderen Lande der Welt vorkommen dürfte. Hinter dem Gongschläger, einem Polizisten, schritt ein Mensch einher, dessen Hände hinter seinem Rücken zusammengebunden waren. In seinen heftig blutenden Ohrläppchen steckten etwa dreißig Centimeter lange Stäbchen, und an diesen waren Papierstreifen, mit Schriftzeichen bedeckt, aufgeklebt. Hinter ihm marschierten zwei Soldaten der Wache. Auf meine Frage antwortete mir der mich begleitende Dolmetscher, dies wäre ein Dieb. „Auf den Papierchen”, so fuhr er fort, „stehen sein Name, seine Verbrechen und die Bestrafung. Ich lese eben, daß er zu fünfzig Stockstreichen verurteilt wurde. Wahrscheinlich führen sie ihn jetzt vor den Mandarin. Wollen Sie zusehen?” Wir schlossen uns dem Menschenhaufen an, der dem Zuge folgte. Bald waren wir vor dem Gerichtshofe angelangt. Soldaten hielten das bezopfte Gesindel an dem Eingange zurück, während wir uns durch ein „Kumscha” von einigen Sapeken den Einlaß erkauften. Der Kumscha ist in China dasselbe, was in Europa die Eintrittskarte, im ganzen Orient aber der Bakschisch ist. Kaum hatten die Gerichtswachen ihren Kumscha in der Hand, so stand uns alles offen. Wir befanden uns in einem Hofraum, auf drei Seiten mit Gefängnissen besetzt; durch einen Thorbogen gelangten wir in einen zweiten Gefängnishof, in dessen Hintergrund sich der nach dem Hofe offene Gerichtssaal befand.
Dorthin wurde auch der Dieb geführt. Im Hintergrunde saß hinter einem langen Tische der Mandarin, große runde Augengläser auf der Nase, den chinesischen Beamtenhut mit Knopf und Roßschweif auf dem bezopften Haupte. An kleinen Tischchen zu beiden Seiten saßen Beamte, die mit Pinseln allerhand Schriftzeichen auf Papierstreifen malten. Gerichtsschergen mit ruderartigen Stäben in der Hand standen im Hintergrunde. Die Wände waren mit Papierbogen, ähnlich den japanischen Kakemonos, behangen, und mein Dolmetscher erklärte mir, die großen Schriftzeichen auf denselben bedeuteten die Ehrentitel, Würden und Aemter des Mandarins, sowie allerhand auf die Gerichtspflege bezugnehmende Sprüche.
Beim Eintritt wurden dem Diebe die Handfesseln abgenommen, und er warf sich vor dem Mandarin auf die Knie, mit der Stirn auf den Boden schlagend. Nach einigen Worten des Mandarins wurde er von den Schergen auf eine lange, niedere Bank gelegt, seine Beinkleider wurden bis zu den Knien heruntergeschoben, so daß seine Schenkel entblößt waren, dann faßte ihn ein Scherge beim Haarzopfe, ein anderer bei den Füßen. Auf ein Zeichen des Mandarins trat der Strafvollstrecker auf ihn zu und begann mit einem dünnen Streifen Bambusholz auf den oberen Teil der Schenkel loszuschlagen. Wie der Dolmetscher mir sagte, giebt es zwei verschiedene Arten von Schlägern, nicht etwa Ruten oder Stöcke, wie bei den Bastonnaden, die ich im Orient gesehen habe, sondern dünne, ungemein zähe und elastische Streifen, aus armdicken Bambusrohren herausgespalten, die einen handbreit und etwa meterlang, die anderen schmäler und kürzer.
Die Streiche fielen in außerordentlich rascher Folge, und das Geräusch der kurzen, trockenen Schläge, das in eigentümlichem Tonfall stattfindende Zählen derselben, das Stöhnen des unter jedem Schlage zuckenden Verurteilten vertrieben uns bald aus dem schwülen Raume. Wie ich nachher erfuhr, werden für größere Vergehen bis zu dreihundert Streiche verabfolgt. Gewöhnlich haben aber schon hundert Streiche ernste Verletzungen zur Folge, und wenn es immer möglich, wird der Verurteilte selbst oder durch seine Freunde die Hand des Schergen „schmieren”, um eine zartere Behandlung oder ein „Verzählen” während der Bestrafung zu erwirken. Thatsächlich sah ich später in Tschingkiang eine ähnliche Exekution. Der Schuldige schrie, als stecke er auf dem Spieß, aber dennoch bemerkte ich, daß ein großer Teil der Streiche auf die Bank, statt auf die Schenkel auffiel. Gerade dann war das Geschrei des Delinquenten am stärksten.