China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 59
Die Pferde werden mit vier Jahren in den Dienst gestellt und durchschnittlich mit sechzehn Jahren ausgeschieden. Der Kaufpreis beträgt etwa 280 Mark. Seit neuester Zeit ist das deutsche Hufeisen als Beschlag eingeführt, auch erhalten die Pferde jetzt im Stalle Streu, während sie bisher auf dem nackten Holzboden standen, aber nicht mit dem Kopfe gegen die Stallwände, sondern, wie ich es auch in China und Korea wahrgenommen, mit dem Kopfe gegen den mittleren Durchgang, resp. nach außen gewendet, wodurch sie entschieden mehr Luft und Licht genießen als europäische Pferde. Die Stallungen sind auch viel höher und breiter, die Abteilungen viel geräumiger als in Europa.
Die Infanterie wird von Fachleuten ebenfalls sehr gelobt; obschon in Statur viel kleiner als europäische Soldaten, sehen die Leute doch stramm und kriegerisch aus, halten sich und marschieren gut, führen Bewegungen mit Sicherheit und Verständnis aus und handhaben ihre Waffen auf dem Exerzierplatz wie bei Schießübungen überraschend gut. Auffällig ist es, daß sie beim Bajonettfechten, ebenso wie die Reiter beim Säbelfechten, Ausfälle oder Paraden mit Schreien begleiten. Der Dienst wird sehr streng gehandhabt, entschieden strenger als in manchen europäischen Armeen, und die Leute dürfen nur zweimal in der Woche die Kaserne verlassen. Dafür ist in diesen Kasernen alles mögliche geschehen, um die Soldaten bequem unterzubringen. Die Schlafsäle, gewöhnlich für zwanzig bis dreißig Mann bestimmt, sind hoch, luftig, licht, geräumig, mit erträglichen Betten und Kopfbrettern und hinreichend Tischen und Bänken, alles von peinlichster Sauberkeit. Jede Kaserne ohne Ausnahme hat Krankenzimmer und eigene große Badehäuser mit heißem und kaltem Wasser, wo die Soldaten nach Belieben täglich zwei- oder dreimal baden können, ein Luxus, der bei uns nur den wenigsten vergönnt ist. Auch die Küche ist von besonderer Sauberkeit, allerdings keine außerordentliche Leistung, wenn man die überaus einfache Kost der japanischen Soldaten berücksichtigt. Fleischspeisen erhalten sie überhaupt nicht, ebensowenig Brot in unserm Sinne als tägliche Nahrung. An ihre Stelle treten dreimal am Tage gekochter Reis mit etwas Gemüse, die großen weißen Rettiche, Daikon genannt, und allenfalls zur Abwechslung Bohnen oder getrocknete Fische. Ihre Löhnung, nach allen Abzügen etwa zwei Yen (nach dem heutigen Kurse ungefähr vier Mark), wird ihnen monatlich ausbezahlt.
Von allen Waffengattungen wird die Artillerie am meisten gelobt. Ein englischer Artilleriemajor, namens Henry Knollys, erlaubt sich in seinem Buche „Life in Japan” folgendes, von englischem Dünkel diktiertes Urteil über dieselbe: „Sie ist in keiner Hinsicht auch nur annähernd so gut wie die englische Artillerie, aber soweit die Beurteilung in Friedenszeiten überhaupt möglich ist, werden die japanischen Feldbatterien im Vergleich mit jenen Frankreichs, Belgiens oder Deutschlands nicht zurückzustehen brauchen.” Ihre Geschütze sind 7½-Centimeter-Hinterlader aus der Uchatiusschen Stahlbronze im Arsenal von Osaka hergestellt und mit je sechs Pferden bespannt. Die Geschütze sind nicht aus blankem Metall, sondern mit japanischem Lack überzogen. Als Bedienungsmannschaft sind für jedes Geschütz fünf Kanoniere und ein berittener Unteroffizier vorhanden.
Das Offizierkorps der Japaner verdient alles Lob; viele Offiziere haben in europäischen Armeen gedient und sprechen eine der drei europäischen Hauptsprachen, wie ich es selbst unter den Offizieren der in Korea stehenden Division erfahren habe. Diese Division war die erste, welche seit der Neuorganisierung der japanischen Armee auf den Kriegsfuß gebracht wurde, und ich fand all das auf dem Papier verzeichnete Material thatsächlich vorhanden. Die Pioniere führten ihr ganzes Brückenmaterial mit sich, eine Telegraphenabteilung legte während meines Rittes von der Hauptstadt Söul nach Chemulpo den Feldtelegraphen, auf dem Wege fand ich Munitions- und Sanitätskolonnen, die Batterien hatten ihre sechs Geschütze und ihren ganzen vorgeschriebenen Bestand, das ganze Korps machte überhaupt einen vortrefflichen Eindruck.
Deshalb ist auch die Armee in Japan, im Gegensatz zu China, sehr beliebt und geachtet. Von seiten wohlhabender Bürger geschieht schon im Frieden vieles, um das Los der Vaterlandsverteidiger zu verbessern, aber während des Krieges mit Korea war es geradezu rührend, welche Massen von Tabak, Sake (Reiswein), Nahrungsmitteln aller Art sowie Geldbeiträge den Soldaten von Japan aus zugesandt wurden.
Eines wichtigen Zweiges des Militärwesens muß hier noch gedacht werden: der Krankenpflege. Bei dem chinesischen Heere besteht eine solche als selbständige Organisation überhaupt nicht. Die Chinesen haben weder Militärärzte noch irgend welche Einrichtungen, um die Verwundeten von den Schlachtfeldern zu holen und zu pflegen. Im jüngsten Kriege nahmen sich die gesunden Kameraden ihrer gefallenen Brüder nach Thunlichkeit an; allein das Los der großen Mehrzahl der verwundeten Chinesen war der elendeste Tod, sofern ihnen nicht von den Japanern oder von europäischen Missionsärzten Beistand geleistet wurde. Ebensowenig kennen die koreanischen Soldaten unser Sanitätswesen, wie es ja überhaupt in ganz Korea keine Aerzte giebt, die auf diesen Namen überhaupt Anspruch erheben könnten. Nur die zahlreichen katholischen Missionare in Korea sind immer bestrebt gewesen, neben dem Seelenheil auch für das leibliche Wohl der Koreaner nach Kräften zu sorgen, und ihren ärztlichen Kenntnissen sind zum großen Teil ihre bisherigen überraschenden Erfolge zuzuschreiben. Auch einige andere Missionen haben Hospitäler in einzelnen Städten errichtet, und in erster Linie ist hier jenes des anglikanischen Bischofs Corfe in Söul hervorzuheben. Bischof Corfe war früher Seelsorger bei der englischen Kriegsmarine und Kaplan des Admirals Herzog von Edinburg. Dank dieser Stellung gelang es ihm, unter den englischen Seeoffizieren hinreichend Kapital zu sammeln, um in Söul eine englische Mission mit einem größeren Hospital einzurichten. In dieser vortrefflichen, von zwei europäischen Aerzten geleiteten Anstalt sah ich 1894 gegen zwanzig koreanische Soldaten, die auf der Expedition gegen die Rebellen des Togakuto verwundet worden waren. Sie erzählten mir von dem entsetzlichen Elend auf den koreanischen Schlachtfeldern, wo die Verwundeten hilflos verschmachteten, falls sie nicht von den Siegern verstümmelt wurden.
Es ist eine der vornehmsten zivilisatorischen Errungenschaften der Japaner, daß sie ihr Augenmerk nicht nur auf die in der Schlachtlinie kämpfenden, sondern auch auf die verwundeten Soldaten richteten, und mehr als mit den Hinterladerkanonen und dem preußischen Drill haben sie durch die Organisierung der Krankenpflege ihren Platz unter den Kulturstaaten gesichert.
Die Japaner besitzen nicht nur ein vorzügliches militärärztliches Korps mit Aerzten, die sich auf europäischen Universitäten ihr Diplom geholt haben, sondern sie besitzen auch eine Gesellschaft vom Roten Kreuz. Erst im Jahre 1877 mit etwa 20 Mitgliedern gegründet, zählt sie deren heute über 28000 und besitzt ein Jahreseinkommen von etwa 70000 Yen, ungefähr 150000 Mark, mit einem Reservefond von nahe einer Million Mark.
Der große Aufstand von 1877 in der Provinz Satsuma bot die Veranlassung zur Gründung dieser Gesellschaft. Vicomte Sano, der jetzige Präsident der Gesellschaft, war auch ihr Gründer, und seinem unermüdlichen Wirken, verbunden mit dem Beistand, den ihm die beiden Barone Siebold, Söhne des berühmten Japanschilderers, liehen, ist das heutige Blühen der Gesellschaft zu danken. Der Mikado und seine Gattin nahmen sich des jungen Unternehmens eifrig an; ihre Beiträge allein erreichten bisher eine Million Mark, und sie stellten die Gesellschaft unter ihren kaiserlichen Schutz. Vicomte Sano konnte sich kein besseres Vorbild für die Organisation seines Werkes nehmen als die von Baron Mundy gegründete Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft. Wie dort, so beschränkt sich auch in Japan die Krankenpflege nicht auf den Krieg. Die häufigen Erdbeben geben genug Veranlassung für segensreiche Thätigkeit im Frieden. So wurden bei dem großen Erdbeben im Oktober 1891 in den Provinzen Owari und Mino allein über 7000 Personen getötet und 11600 Personen verwundet. Sofort wurden Aerzte und Pfleger nach den zerstörten Orten gesandt und über 2000 Personen in Pflege genommen.
In demselben Jahre wurde in Tokio ein großes, ganz von den Mitteln der Gesellschaft erbautes Hospital eröffnet, für welches das Universitätshospital von Heidelberg als Muster diente. Alle Einrichtungen des Hospitals wurden in Tokio kopiert und als Chefarzt ~Dr.~ Hashimoto, der Chefarzt der japanischen Reservetruppen, erwählt.
Kaum war die Kriegserklärung gegen China erlassen, so meldeten sich sofort freiwillige Krankenpfleger in großer Zahl, die, in Kolonnen organisiert und mit allem nötigen Material ausgerüstet, der Armee nach Korea folgten.
Die Krankenpflege bei den Japanern in Korea und China war großenteils in ihren Händen, und in rühmenswerter Weise beschränkten sie ihre Thätigkeit nicht auf ihre Landsleute, sondern nahmen auch verwundete Chinesen auf.
Im Jahre 1886 trat die Gesellschaft durch Vermittelung der japanischen Regierung der Genfer Konvention bei und nahm auch trotz der heidnischen Religion ihrer Mitglieder merkwürdigerweise das christliche Abzeichen derselben an, das rote Kreuz im weißen Felde, das nun sogar auf den Schlachtfeldern des fernen Ostens seine segensreiche Thätigkeit entfaltet hat.
Straßenleben in Tokio.
Von all den Sehenswürdigkeiten, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches dem fremdländischen Touristen bietet, ist keine so interessant und reizvoll wie das Volksleben in den Straßen, Winter und Sommer, Tag für Tag, von Sonnenaufgang bis in die zehnte oder elfte Abendstunde, ein Museum eigener Art, das uns ganz Japan, arm und reich, hoch und niedrig, in allen Ständen und Berufsarten, auf die bequemste und anziehendste Weise vor Augen führt: am frühen Morgen bei der Toilette, vormittags im geschäftlichen Verkehr, nachmittags auf der Promenade, abends bei den Vergnügungen.
Schon um sechs Uhr morgens stehen vor dem Hotel die eigentümlichen, japanischen Droschken, die von flinken, strammbeinigen Burschen gezogenen Kurumas, und trat ich um diese frühe Stunde auf die Straße, so begrüßte mich gewiß mein gewöhnlicher Kurumaja, den Hut in der Hand, mit den Worten: „Sukoschi o aruki irraschai?” (Herablassen, eine kleine ehrenwerte Spazierfahrt machen?) Ihn abzulehnen hätte mir nicht viel genützt, denn ein paar andere wären mir mit ihren Handwägelchen gefolgt, straßenauf und -ab, bis ich mich doch entschlossen hätte, einen davon für meine Spazierfahrt zu mieten.
Die Japaner sind keine Frühaufsteher. Um sechs Uhr morgens sind die Straßen noch menschenleer, die Häuser größtenteils geschlossen, und nur hier und da sieht man Weiber, welche die Straßen vor ihren Häusern kehren. Die japanische Polizei ist sehr streng, und jede Vernachlässigung wird empfindlich gestraft. Die Straßen der Hauptstadt haben ja keine Trottoirs; sie sind auch nicht so notwendig wie in europäischen Städten, denn in Tokio giebt es fast gar keinen Wagenverkehr. Alle Welt geht zu Fuß oder fährt in den kleinen Kurumas, deren Zahl in der Hauptstadt allein vierzigtausend übersteigt. Deshalb sind die Straßen auch leicht reinzuhalten. Was die Hauseigentümer nicht zusammenkehren lassen, wird von den zahlreichen Hühnern vertilgt, die um diese Stunde für kurze Zeit aus ihren Käfigen gelassen werden. An den Straßenecken stehen schläfrige Polizisten in ihren europäischen Uniformen; Kulis mit langen, schmalen Bottichen auf dem Rücken eilen geschäftig von Haus zu Haus, um den Unrat des vorhergehenden Tages einzusammeln und auf die Felder vor der Stadt zu tragen, ein gar kostbarer Schatz, denn nur durch diesen ist der Ertrag der japanischen Kulturen so reichlich. In den ärmeren Quartieren bezahlen die Bewohner mancher Häuser mit dem Unrat allein ihren Mietzins. Diese sorgfältige Verwendung der städtischen Abfälle hat freilich auch ihren Nachteil. Tokio besitzt noch immer keine Wasserleitung, die Ziehbrunnen in den Straßen reichen für den Wasserbedarf nicht hin, und in den ärmeren Quartieren muß man zu den Flüssen und Bächen Zuflucht nehmen, welche durch die auf dem Lande allgemein übliche, künstliche Bewässerung einen Teil dieser Abfälle wieder in die Stadt führen, eine der Hauptursachen der Cholera- und Typhusepidemien.
Bald erscheinen in den Straßen auch Landbewohner und Fischer, die den Ertrag ihrer Felder resp. ihres nächtlichen Fanges auf den Markt bringen. Manche tragen ihre Lasten auf dem Rücken, andere haben sie auf Handwägelchen verladen, zuweilen sieht man auch einzelne von Pferden oder Ochsen gezogene Wagen, aber der hauptsächlichste Frachtenverkehr erfolgt doch auf Schultern und Rücken der fleißigen, arbeitsfreudigen Kulis.
Allmählich werden auch die Häuser geöffnet. Mit lautem Rasseln und Knarren werden die Amado (hölzerne Sturmwände), die zur Nachtzeit rings um die Veranden der Häuser aufgestellt werden, beiseite geschoben, und während meiner langsamen Fahrt erhalte ich gar manchen Einblick in die intimen Verrichtungen des japanischen Hauswesens. Hier lagert eine Familie auf den weichen, reinlichen Matten und nimmt das Frühstück ein. Eltern und Kinder hocken im Kreise um die mit blendend weißem dampfenden Reis gefüllten Schüsseln und schlürfen aus zarten winzigen Täßchen heißen Thee. Dort liegt ein Japaner noch auf der Matratze und schmaucht sein Morgenpfeifchen, während die weiblichen Wesen seines Hausstandes waschen und fegen und kochen. Im Nebenhause breitet ein Kuriositätenhändler seine Schätze zum Verkaufe aus, ohne sich um seine Nachbarinnen zu kümmern, die eben in einem großen hölzernen Bottich ohne irgendwelche Bekleidung ihr Morgenbad nehmen. In einem anderen Hause kauert ein junges Mädchen, bis zu den Hüften unbekleidet, vor einem Spiegel, pudert ihr hübsches Gesichtchen und schminkt ihre Lippen so ungeniert, als wäre sie zwischen vier Wänden eingeschlossen. In demselben Raume macht vielleicht ein Japaner seine einfache Toilette. Seit der Europäisierung des Landes tragen die Japaner ihre alten, sorgfältigen Haartrachten nicht mehr; ihre Zöpfchen fielen der Schere des Friseurs zum Opfer, und die bürstenartigen Haarstoppeln folgen dem Kamme doch nicht. Bärte werden in Japan vornehmlich nur von den Beamten, den Aristokraten und Gelehrten getragen; die Männer des Volkes aber rasieren ihre Gesichter vollständig glatt. Ist diese Arbeit besorgt, so wird der lange, schlafrockartige Kimono angezogen, die Füße werden mit weißen oder blauen Leinensocken bekleidet, und die Toilette ist gemacht.
Die Straßen füllen sich immer mehr, hauptsächlich mit Männern, die in ihre Geschäfte eilen oder auf den Märkten Einkäufe besorgen. Reis, Fische und Gemüse bilden die Hauptnahrung der Japaner. Fleisch wird nur wenig gegessen, an seine Stelle treten die Fische, die in unzähligen Arten auf den interessanten, belebten Fischmärkten zum Verkauf dargeboten werden, und merkwürdigerweise sind es auch hier nur Männer, die ihren täglichen Hausbedarf einkaufen. Alles spielt sich in größter Ruhe ab, Käufer und Verkäufer verneigen sich ehrfurchtsvoll voreinander, und Szenen, wie sie sich auf unseren europäischen Fischmärkten abspielen, sind in Japan ebenso undenkbar wie die unflätigen Flüche, die man bei uns zu hören bekommt. Die japanische Sprache kennt keine Flüche.
Noch größer sind die Höflichkeitsbezeugungen in den Häusern oder auf der Straße, wenn Bekannte einander begegnen. Die große Mehrzahl der Japaner geht noch immer barhäuptig umher; nur Soldaten, Beamte, Studenten oder elegante Dandys tragen Kopfbedeckungen, und bei diesen besteht der Gruß im Salutieren oder ehrerbietigen Abnehmen der Hüte unter mehrfachen tiefen Verbeugungen. Bei Altjapanern wirken die Begrüßungen, selbst in den unteren Ständen, auf den europäischen Beschauer geradezu komisch. Bei einem besseren Zustande der Straßen würden sie wohl voreinander niederknien. So beschränken sie sich bei der Begegnung darauf, stehen zu bleiben und halbwegs in die Knie zu sinken. In dieser Stellung machen sie mehrere tiefe Verbeugungen voreinander, während sie mit den Händen auf ihren Schenkeln mehrmals auf- und niederfahren und bei geöffneten Lippen, aber geschlossenen Zähnen die Luft mehreremale laut hörbar einziehen. So bleiben sie eine geraume Zeit einander gegenüber, bis sich endlich der eine entschließt, seinen Weg fortzusetzen. Er wird stets als der Unhöflichere von beiden betrachtet, außer wenn seine Rangstellung ein höhere sein sollte.
In der gegenwärtigen Uebergangsperiode von Alt- zu Neujapan bekommt man in den Straßen Tokios zuweilen eine ergötzliche Mischung von Volkstrachten zu sehen. Das konservative Element bilden in Japan ebenso wie anderwärts die Frauen. Während monatelanger Reisen im Mikadoreiche habe ich Japanerinnen in europäischer Kleidung niemals auf der Straße, niemals in Theehäusern und Theatern und nur vereinzelt in vornehmen Gesellschaften in der Hauptstadt gesehen. Selbst einzelne Kleidungsstücke, wie Hüte, Schuhe, Strümpfe und dergleichen, haben bei den Japanerinnen noch nicht Eingang gefunden; auf der Straße wie im Hause kleiden sie sich glücklicherweise noch durchwegs japanisch, tragen ihre Kimonos und Obis, fächeln sich mit Papierfächern, rauchen ihre winzigen Pfeifchen, schneuzen sich mit Papierläppchen. Nur ein europäischer Artikel hat Gnade vor ihren Augen gefunden: an Stelle der reizenden Sonnenschirme aus Bambus und buntgeblümtem Papier tragen sie heute schon vielfach unsere unschönen Regenschirme mit dunklem Stoffüberzug. Bei den Orientalinnen fing die europäische Kultur von unten an; in Algier, Tunis, Aegypten, Kleinasien haben die Schönen willig ihre Pantöffelchen mit europäischen Schuhen und Strümpfen vertauscht; bei den Japanerinnen kommt der europäische Segen in Gestalt des Regenschirmes von oben, während sie mit Eigensinn an ihren unschönen, etwas über die Knöchel reichenden Socken und an den schweren, plumpen Holzsandalen, den Getas, festhalten. Auf diesen ein bis zwei Zoll hohen Holzklötzen schlürfen sie mit geknickten Knien und vorwärts geneigtem Oberkörper einher, und wenn die Frauen im Straßenleben Tokios dennoch die reizvollsten Erscheinungen sind, so verdanken sie dies nur ihren lieblichen, freundlichen Gesichtchen und den bunten, langen, faltenreichen Gewändern. Madame de Staël hat in Bezug auf die Europäerinnen sehr richtig bemerkt: „Es ist ihnen schwer, schön zu tanzen, schwerer, schön zu gehen, am schwersten, schön zu stehen.” Den Japanerinnen ist es schwer, schön zu stehen, schwerer, schön zu gehen, und tanzen nach unseren Begriffen können sie gar nicht.
Auch unter den Männern, denen man in den Straßen Tokios begegnet, sieht man nur wenige in europäischer Tracht. Hier reitet wohl ein Offizier in europäischer Uniform einher, stets begleitet von einer Ordonnanz; die Polizisten und Postboten tragen Uniformen, die Beamten, Aerzte, Professoren, Edelleute, Angestellte des Hofes und einzelne Elegants, die Europa besucht oder dort studiert haben, tragen europäische Kleidung. Aber sonst sind die Japaner ihrer alten Tracht treu geblieben. Dem Fortschritt huldigen viele von ihnen höchstens insofern, als sie zu ihren langen Kimonoschlafröcken europäische runde Hüte oder Seidencylinder tragen, was ihr Aussehen keineswegs malerisch macht. Man denke sich nur in einer europäischen Stadt einen Spaziergänger mit Brille, Cylinderhut, Regenschirm und plumpen Holzpantoffeln, den Körper in einen langen, dunkeln Schlafrock gehüllt, der beim Gehen auseinanderschlagend die nackten Beine des Spaziergängers zeigt! Und solche Gestalten sieht man in den Straßen Tokios zu Tausenden. Noch grotesker ist ihr Anblick bei Regenwetter. Um ihren Kimono nicht zu beschmutzen, heben sie denselben zuweilen bis an die Hüften empor und schlürfen in nackten Beinen umher. Dasselbe thun aber auch die japanischen Frauen und Mädchen mit rührender Ungeniertheit.
Dem Reinen ist alles rein. Das dachten wohl auch die vierzigtausend strammen jungen Burschen, die behende die Kurumas durch die Straßen Tokios ziehen, als ihnen durch die Behörden eine Uniform dekretiert wurde. Bis dahin schienen sie schon reich gekleidet, wenn sie sich ein paar hübsche farbige Figuren auf ihre Bronzehaut auftättowieren ließen. Nun müssen sie aber Uniformen tragen. In Europa dürften sie auch in diesen wegen zu großer Nacktheit eingesteckt werden, aber für japanische Verhältnisse sind sie mehr als genügend bekleidet. Dunkelblaue, strammanliegende Kniehosen bedecken ihre Hüften und Schenkel, ein vorne offenes Jäckchen aus grobem, dunkelblauem Baumwollstoffe den Oberkörper. Auf ihrem Kopfe sitzt ein mächtiger, pilzförmiger Strohhut, auf der Außenseite mit weißem Stoff überzogen, und an ihren Füßen stecken Strohsandalen. Jeder Kurumaj hat überdies auf dem Rücken seines Jäckchens die Nummer seines Handwägelchens aufgenäht. Aehnlich sind auch die Post- und Telegraphenboten uniformiert, nur daß sie außerdem noch weiße gestrickte Handschuhe tragen. Die Kulis, die im Hafen oder an den Ufern des stets mit Booten und Frachtschiffen bedeckten Sumidaflusses arbeiten, ersparen sich auch die Kniehosen. Das vorne offene Jäckchen und ein weißes Lendenband, nicht viel breiter als unsere Kravattenschleifen, bilden ihre einzige Bekleidung.
Die Studierenden der Universität, ja selbst die Schuljungen von Tokio tragen heute der Mehrzahl nach europäische Kleidung, und es befremdet den Touristen nicht wenig, inmitten des fremdartigen, bunten Straßenverkehrs die schlitzäugigen kleinen Japaner statt im Kimono in Beinkleidern und Stiefeln einherwandern zu sehen, die große Schultasche oder ein Paket Schulbücher unter dem Arme. Die kleinen Mädchen dagegen halten gerade so wie ihre Mütter an der reizenden Nationaltracht fest, und unter all den weiblichen Gestalten, die mit dem Fortschreiten des Tages immer zahlreicher im Straßenleben auftreten, sind die Mädchen die lieblichsten. Gewöhnlich tragen sie schon im Alter von sechs oder acht Jahren ein jüngeres Schwesterchen oder Brüderchen, das die Kunst des Gehens noch nicht erlernt hat, auf ihre zarten Rücken gebunden, lassen sich aber dadurch in ihren munteren Spielen keineswegs hindern. Die Abwesenheit von Straßenschmutz und Wagenverkehr erlaubt es ihnen, sich vor ihrem väterlichen Hause umherzutreiben. Zuweilen rollen am späten Vormittage doch einzelne Equipagen von Prinzen oder Gesandten durch die Hauptstraßen, aber gewöhnlich läuft den Pferden ein flinkbeiniger Diener nach Art der ägyptischen Sais voraus und verhindert durch seine Warnungsrufe Unglücksfälle.