China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 58

Chapter 583,221 wordsPublic domain

Das ist das Urteil jenes Gelehrten, der in seiner Stellung am ersten berufen ist, ein solches zu fällen. Die Japan-Enthusiasten, die alles in den Himmel erheben, was aus Japan kommt, was Japan thut und Japan läßt, können aber auch andere anerkannte Autoritäten zu Rate ziehen, sie werden überall das gleiche Urteil finden, Satow, Griffis, Aston und so fort. Vielleicht werden diese Enthusiasten erwidern, daß die moderne japanische Litteratur seit der Restauration des Mikado zu größeren Hoffnungen berechtigte. Chamberlains Urteil ist in dieser Hinsicht geradezu vernichtend. In seinen Things japanese, ein Buch, das 1891 in Yokohama erschienen ist, heißt es darüber in sehr bemerkenswerter Weise:

„Die Eröffnung des Landes (der europäischen Kultur) hat der eigentlichen japanischen Litteratur den Todesstoß versetzt. Wohl verlassen die Presse jährlich Tausende von Büchern und Broschüren, also vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber die Mehrzahl davon sind Uebersetzungen europäischer Werke oder Bücher, von europäischen Ideen beeinflußt. Das ist auch natürlich und ganz in Ordnung. In jedem Wissenszweig wird von der gegenwärtigen Schule europäisierter Autoren, wie Fukuzawa, Nischi Schu, Kato Hiroyuki, Toyama Masakazu und anderen ungemein viel den Japanern zugänglich gemacht. Aber natürlicherweise interessieren diese Uebersetzungen, Umschreibungen und Nachahmungen den europäischen Leser, dem die Originalwerke zur Verfügung stehen, viel weniger als die japanischen Bücher des alten Regime. Selbst die japanische Romanschreiberei geht nun nach europäischem Muster von statten. Nicht nur Methoden werden im Bausch und Bogen angenommen, sondern ganze Geschichten, und die europäischen Namen werden in japanische umgewandelt, z. B. Schmidt in Schimidu, Elisa in O Riza und andere. Europäische lokale Verhältnisse werden den japanischen Verhältnissen angepaßt.... Wir würden gerne zehntausend gegen eins wetten, daß nicht ein einziger Leser dieses Buches (Things japanese) jemals den Helden des volkstümlichsten Romans erraten würde, das unter dem gegenwärtigen Herrscher erschienen ist. Er ist Epaminondas. Das fragliche Werk nimmt sich unter dem Titel Keikoku Bidan das ganze Feld der thebanischen Politik zum Vorwurf. Ein Grund der ungeheuren Verbreitung des Werkes ist wohl der, daß nicht wenige Stellen des Inhalts ohne viel Schwierigkeit auf die moderne japanische Politik gedeutet werden können. Der Verfasser, Yano Fumio, hat sich aus dem Ertrag des Buches ein schönes Haus gebaut und eine Reise nach Europa unternommen.”

„Eine andere erfolgreiche Novelle, Kaschin no Kigu, beginnt im Kapitol zu Washington, wo ein Japaner seinem Begleiter die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vorliest. Die Karlisten, die schlimmen Engländer, welche die Aegypter ihres eingeborenen Helden Arabi Pascha beraubten, alles das erscheint in kaleidoskopartiger Mannigfaltigkeit in diesem Werke, das, merkwürdig genug, im klassischen chinesischen Stil geschrieben ist.”

So weit Professor Chamberlain. Freilich wäre es doch möglich, daß gerade wegen der so weitgehenden, um nicht zu sagen, ausartenden Europäisierung der japanischen Litteratur eine Gegenströmung zum Vorschein käme, wie ich sie in Japan in Bezug auf Kleidung, Manieren, Kunst, Theater vielfach bemerkt habe. Es bestehen jetzt schon eine Anzahl Vereine zur Pflege der alten Traditionen, zur Erhaltung des geschichtlichen vormärzlichen Japan, wenn man so sagen darf. Aber es ist doch eine eigene Sache, wenn eine Litteratur wie eine Treibhauspflanze künstlich gepflegt und erhalten werden muß. Der innere Wert, die auf dem Leben und Treiben des Volkes ruhende Grundlage, Kraft und Saft, fehlen gewöhnlich derartigen Erzeugnissen, und wird schwerlich mehr in Japan ein zweiter Sumschin, ein zweiter Bakin kommen. Kommt er aber, so wird auch sein Geist, gerade so wie er selbst, europäische Formen zeigen.

Zum Schlusse noch ein Wort über die japanischen Bücher. Bei Romanen und Novellen, Märchen und alten Geschichtswerken wird auch heute noch die alte Form angewendet; die Papierbogen, lange Streifen, werden nur auf einer Seite bedruckt und dann in dem Format unserer Bücher so zusammengefaltet, daß die bedruckten Seiten die Außen-, die leeren die Innenseiten bilden. Dann werden diese gefalteten Bogen mit Bindfaden zusammengeheftet, und ein dünner Umschlag wird darübergeklebt. Würde man die Blätter aufschneiden, so würden auf diese Weise immer zwei bedruckte und zwei leere Seiten einander folgen. Aber die Blätter der japanischen Bücher werden nicht aufgeschnitten. Umschläge und Text sind sehr häufig in künstlerischer Weise mit farbigen Bildern ausgestattet. Die Seiten sind nicht numeriert, und wie bei arabischen und chinesischen Werken befindet sich der Titel auf der letzten Seite. Das Papier ist viel leichter, fester und weicher als jenes der europäischen Druckwerke. In neuester Zeit ist weiches, geripptes Papier für Märchenbücher und ähnliche Druckwerke sehr beliebt geworden. Die eigentümlichen, crêpeartigen Rippen werden dadurch hergestellt, daß die bereits gedruckten Bogen über Bambusstäbe gepreßt werden, deren Faserzeichnung das Papier dadurch annimmt.

Die wissenschaftlichen Werke, Uebersetzungen europäischer Werke und auch manche einheimische werden in den letzten Jahren ganz so gedruckt und gebunden wie die europäischen Originale: steifer Deckel und Leinwandrücken mit Golddruck.

Ueberraschend schnell hat sich in Japan das +Zeitungswesen+ entwickelt. Im Jahre 1864 wurde das erste Blatt in japanischer Sprache gegründet und hatte in der ersten Zeit mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Dennoch entstanden bis zum Jahre 1874 weitere zehn Zeitungen, die indessen nicht regelmäßig erschienen und keine selbständigen Nachrichten, sondern nur Uebersetzungen aus den englischen Tagesblättern brachten. Redakteur und Herausgeber, Nachrichtensammler, Drucker und Austräger waren in einer Person vereinigt. Erst nach der Revolution, mit dem Beginn der neuen Aera, entwickelte sich das Zeitungswesen und umfaßt heute 600 regelmäßig erscheinende Blätter. Tokio allein hat über zwanzig Tagesblätter mit zusammen einer Viertelmillion Auflage, ferner 130 Wochen- und Monatsschriften mit zusammen einer halben Million Auflage.

Unter den bedeutenden einheimischen Tageszeitungen steht der offiziöse Nitschi Nitschi Schimbum (Die neuesten Nachrichten) an der Spitze. Er beschäftigt über hundertundfünfzig Personen, darunter einen Chef-, einen politischen, fünf Hilfsredakteure, zwölf Berichterstatter, zwei Stenographen, nur vier Setzer, deren jeder allerdings mehrere Gehilfen hat, dagegen zwölf Drucker. Wie bei fast allen japanischen Blättern bildet auch bei diesem das Reportertum den wundesten Punkt. Da die Reporter nach der Zeile bezahlt werden, und zwar sehr schlecht, so besteht der größte Teil der von ihnen berichteten Neuigkeiten aus Gebilden der eigenen Phantasie. Trotzdem verdienen sie durchschnittlich nur vierzig Mark monatlich. Sehr hervorragend sind unter den hauptstädtischen Zeitungen ferner der radikale Dschidschi Schimpo (Unsere Zeit) und der Hotschi Schimbun, das Organ des Grafen Okuma. Der Dschidschi Schimpo hat die Besonderheit, fortwährend große Reformpläne vorzubringen, die sich auf dem Papier sehr gut ausnehmen, denen es aber an Berührungspunkten mit dem praktischen Leben fehlt.

Großes Ansehen genießen auch der liberale Mainitschi Schimbun (Tägliche Neuigkeiten), der Herrn Nüma gehört, dem Vorsitzenden des Parlaments, dann der ebenfalls freisinnige Tschoja Schimbun (Amts- und Volksnachrichten), der konservative Tokio Dempo (Jedoer Telegraph), welcher als das Organ des früheren Handelsministers Generals Tami gilt, endlich der radikale, von einem japanischen Mitglied des britischen Barreaus redigierte Koran Schimpo (Oeffentliche Meinung), das Sprachrohr des Chauvinisten Grafen Itagaki und des Grafen Goto, eines strebsamen Politikers, der sich seit längerer Zeit vergeblich bemüht, die Führerschaft der radikalen Opposition zu erhalten. Uebrigens decken sich die Ausdrücke liberal, radikal, freisinnig in ihrer Anwendung auf japanische Zeitungen und Politiker vorläufig noch nicht mit dem, was man in Europa unter denselben versteht, denn einstweilen hat der blutjunge Parlamentarismus des Mikadolandes noch nicht zur endgültigen Bildung von bestimmten Parteien geführt.

Die Zensur ist zwar abgeschafft, aber die Presse hat, wie in Rußland, nicht wenig von den Behörden zu leiden. In einem Saale des Polizeigebäudes von Tokio sitzen zahlreiche Beamte, denen die Aufgabe obliegt, sämtliche einheimische Preßorgane nach Erscheinen auf Gesetzwidrigkeiten hin zu prüfen. Hat einer der mit Schere und Rotstift bewaffneten Herren etwas Verdächtiges erspäht, so legt er es seinem Chef vor, der seinerseits mit der Regierung sich ins Einvernehmen setzt. Wird es höhern Orts gewünscht, so ladet man den betreffenden Redakteur höflichst ein, bei der Polizei zu erscheinen, wo er dann ohne Umschweife die freundliche Mitteilung erhält, sein geschätztes Blatt sei auf so und so viele Tage und Wochen verboten. Nicht immer bleibt es bei dem Verbote, häufig kommt es auch zur gerichtlichen Verurteilung, zu Gefängnis. Um sich dieser Unannehmlichkeit zu entziehen, stellen viele Redakteure, was ja auch anderswo vorkommen soll, Strohmänner an, die gegen geringe Bezahlung und in Anbetracht eines beneidenswerten Müßigganges den Verantwortlichen spielen.

Das Heerwesen der Japaner.

Es mag sein, daß sich die Japaner, als sie den tollkühnen Entschluß faßten, den chinesischen Koloß zu bekriegen, nicht ihre eigenen Erfahrungen vor Augen hielten, sondern jene der Franzosen und Engländer, die dasselbe Wagnis noch unter viel ungünstigeren Umständen und mit noch viel geringeren Mitteln ausführten. Zehntausend Franzosen und Engländer waren vor etwa vier Jahrzehnten im stande, selbst Peking einzunehmen und den Chinesen in ihrer eigenen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. In ihrem Dünkel hielten die Japaner ihre Truppen thatsächlich jenen der europäischen Mächte für gleichwertig, und möglicherweise sagten sie sich, wenn so geringe Truppenmengen aus so großen Entfernungen derartige Erfolge zu erzielen vermochten, so konnte der Sieg der so viel größeren Armee ihres, China so nahe gelegenen Heimatlandes nicht ausbleiben.

In der That haben die Japaner in der Organisierung und Ausbildung ihrer kleinen Armee Staunenswertes geleistet, ja, wer die japanischen Truppen auf dem Exerzierplatz oder auf dem Manöverfeld gesehen hat, dem muß es geradezu unglaublich erscheinen, daß dieselben Leute, die heute so stramm und nach allen Regeln europäischer Kriegskunst exerzieren, noch vor fünfunddreißig Jahren in mittelalterlichen Rüstungen steckten, daß sie an Stelle von modernen Hinterladergewehren und gezogenen Feldgeschützen mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.

Die Zustände in Japan waren damals jenen ähnlich, die in Deutschland vor der Erfindung des Schießpulvers herrschten. Das Land war in den Händen der feudalen Edelleute, die in ihren Ritterburgen saßen und ihre eigenen Fähnlein von Knappen und gerüsteten Kriegsleuten, die Samurai, unterhielten. Jeder dieser Daimios war ein kleiner, nahezu unabhängiger Fürst, der Kaiser aber war machtlos. Heute ist er der Herrscher, die Daimios sind mediatisiert, ihre Staaten sind in Dai Nipon, d. h. Großjapan, aufgegangen, ihre Armeen aufgelöst, und die alten Samurai stecken in Uniformen nach europäischem Muster.

Wenn man heute in Japan einer, wenn auch kleinen, so doch vollständig modernen Armee begegnet, die innerhalb der letzten zwanzig Jahre geschaffen wurde, wenn man erfährt, daß ihre Bewaffnung und Ausrüstung im Lande gefertigt und dort große Arsenale, Schiffbauwerkstätten, Militärschulen und Akademien sozusagen aus dem Boden gestampft wurden, so muß dies bei dem militärischen Fachmanne gerechtes Erstaunen, wenn nicht Bewunderung erwecken. Aber die Leistung ist in Wirklichkeit noch großartiger, als sie für den ersten Augenblick erscheint; denn die Soldaten hatten nicht etwa wie unsere Rekruten den Zivilrock aus- und den Militärrock anzuziehen. Sie mußten, figürlich gesprochen, die altjapanische Zivilisation ausziehen und in die moderne europäische Zivilisation hineinschlüpfen, denn das moderne Soldatentum ist mit den alten Sitten und Trachten der Japaner vollständig unverträglich. Bei den alten Samurai und Daimios war der asiatische, streng ausgesprochene Kastengeist seit vielen Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. In die moderne Armee eintretend, fanden sich viele Samurai plötzlich ihren einstigen Untergebenen untergeordnet. Anscheinend war dies ein geradezu unübersteigbares Hindernis für die Disziplin des Heeres. Die übergroße, für europäische Augen geradezu lächerliche Höflichkeit der alten Zeit ist bis auf den heutigen Tag in Japan allgemein wahrnehmbar.

Unter Männern verschiedener, nie gleicher Stellung herrscht ein fortwährendes Verbeugen und Komplimentieren, der Untergebene wirft sich vor dem Höheren bei Besuchen in seinem Hause auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden. Gestern that er es noch und heute, nachdem er den Soldatenrock angezogen, soll er stramm und steif vor demselben Höheren dastehen und möglicherweise ihm scharf ins Auge blicken. Gestern bestand seine einzige Kleidung in einem losen, an den Hüften umgürteten Schlafrock, dem Kimono, und einem Paar Schlappschuhen oder Strohpantoffeln. Hals und Brust, Arme und Beine waren bloß. Heute hat er die stramme Militäruniform zu tragen mit dem beengenden Halskragen und den vielen, ihm vollständig ungewohnten, ja sogar unbekannten Knöpfen; statt des leichten Strohhutes muß er den schweren Tschako, statt des kleinen Fächers das Gewehr, statt der Strohpantoffel die schlimmsten Marterinstrumente der Japaner, Röhrenstiefel, anziehen, in denen er sich fühlen muß wie in den spanischen Stiefeln der Inquisition.

Gestern schlüpfte er beim Betreten eines Hauses aus seinen Strohpantoffeln und betrat die schönen reinen, teppichgleichen Matten mit bloßen Füßen oder in Strümpfen. Heute wird nun gerade das Gegenteil von dem Soldat gewordenen Japaner verlangt: er darf seine Stiefel nicht ausziehen, wenn er Wohnräume betritt. Gestern waren ihm Tische und Stühle unbekannte Dinge. Er saß und lag und aß auf dem Boden. Heute muß er auf Betten liegen, auf Stühlen sitzen, an Tischen seine Mahlzeiten einnehmen.

Diese wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen, daß der Japaner beim Eintritt in die Armee seine ganze bisherige Lebensweise, ja sein Japanertum aufgeben muß, und es kann der japanischen Armee deshalb kein größeres Kompliment gemacht werden, als wenn gesagt wird, daß sie sich diesen ihr fremden, steifen, ja geradezu abstoßenden Vorschriften ohne Murren fügte und daß Insubordination nur selten vorkommt. Wie ich von europäischen Offizieren in Japan erfuhr, sind in den Kasernen gar keine Arrestlokale vorhanden; die wenigen, die hie und da zu finden sind, stehen meistens leer. Die Leute gewöhnen sich überraschend schnell an die europäisch-militärische Erziehung, sie lernen rasch und sehen in den reinlich gehaltenen, gut sitzenden Uniformen ganz martialisch aus.

Diese Thatsachen sind viel überraschender als das Vorhandensein der europäischen Militäreinrichtungen selbst. Die letzteren wurden einfach mit affenartiger Leichtigkeit und Genauigkeit Europa abgelernt. Die Japaner schickten zahlreiche Offiziere und Techniker nach Europa, wo ihnen mit etwas zu weit gehender Liebenswürdigkeit Thüren und Thore geöffnet wurden; sie beriefen Offiziere aus den europäischen Armeen, Ingenieure und Werkleute aus den europäischen Arsenalen, erwarben europäische Waffen, Gewehre, Geschütze, Ausrüstungsgegenstände, Maschinen und dergleichen, aber diese letzteren wurden nicht etwa in der erforderlichen Zahl bezogen, sondern nur als Modelle, um darnach andere in Japan selbst herzustellen. Die Europäer zeigten ihnen das Wie, und als die Japaner ihnen alles genau abgeguckt hatten, gab man den Europäern den Laufpaß. Selbst mit den Patenten wurde weitgehender Mißbrauch getrieben; man veränderte nur irgend einen Bestandteil und gab dann den betreffenden Gegenstand als eigene Erfindung aus. So z. B. ist die Infanterie mit Hinterladergewehren System Murata bewaffnet, die nichts anderes sind als französische Grasgewehre, von dem findigen japanischen Oberst Murata etwas verändert. Dank diesem recht fragwürdigen Vorgehen findet man heute in Tokio ein Arsenal, das vollständig den europäischen Waffenfabriken nachgemacht ist, und das von den Japanern mit so viel Stolz gezeigte Arsenal in Osaka ist im ganzen wie in allen Details eine verkleinerte Kopie des Arsenals von Woolwich; dieselbe Einteilung, dieselben Maschinen, dieselbe Arbeit, nur daß sich die guten Japaner aus anderen Arsenalen die modernsten Erfindungen und Verbesserungen absahen oder vielmehr abstahlen und in Osaka zur Anwendung brachten. Der Europäer aber, der diese Kriegswerkstätten, diese Militärschulen und Akademien, diese Kasernen und militärischen Einrichtungen besichtigt, wird von den stolzen Japanern mit dem Zaunpfahl eingeladen, alles rückhaltlos zu bewundern, und sie sind höchst ungehalten, wenn man ihnen vorwirft, daß das alles andere, nur nicht japanisch ist. Dank der Nachsicht und dem Entgegenkommen der europäischen Militärbehörden ist es den Japanern gelungen, diese letzteren und damit auch die europäischen Industrien über den Löffel zu barbieren. Mit diesen geborgten Einrichtungen haben die Japaner nun ein vortreffliches Heer geschaffen, das auf allgemeiner Wehrpflicht fußt. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Lebensjahre ist jeder Japaner auf Grund der 1889 etwas umgeänderten Militärgesetze des Jahres 1872 wehrpflichtig. Die Armee besteht aus dem stehenden Heere, der ersten Reserve, der zweiten Reserve und der Territorialarmee. In dem stehenden Heere beträgt die Dienstzeit drei Jahre, in der ersten und zweiten Reserve vier Jahre und in der Territorialarmee fünf Jahre. Die letztere wird nur im Kriegsfalle einberufen, die erste und zweite Reserve nur während sechzig Tagen im Jahre.

Nun beträgt die festgesetzte Friedensstärke der Armee auf dem Papier etwa 70000, in Wirklichkeit aber nur 40000 Mann. Bei einer Bevölkerung von 41 Millionen Seelen werden jedoch im Jahre über 200000 junge Leute dienstpflichtig. Was geschieht mit den Ueberzähligen?

Vor allem wurde das System der Einjährig-Freiwilligen ganz nach deutschem Muster eingeführt; ferner werden vom aktiven Militärdienst ausgenommen: Personen, die unter 4 Fuß 11½ Zoll groß sind, und das scheidet bei der kleinen Körperstatur der Japaner schon einen ganz beträchtlichen Prozentsatz der Rekruten aus.

Ebenso sind vom aktiven Dienste befreit: Familienhäupter, Priester, Lehrer und Schüler der von der Regierung anerkannten Bildungsanstalten, Aerzte und Regierungsbeamte, deren Dienst nicht von Stellvertretern besorgt werden kann; einer von zwei gleichzeitig einberufenen Brüdern oder ein Mann, dessen Bruder dient oder der einen Bruder im aktiven Dienste verloren hat.

Diese Ausnahmen erreichen im Jahre durchschnittlich vierzig Prozent der Stellungspflichtigen, da aber noch immer nahezu dreimal so viel Rekruten als erforderlich zur Verfügung bleiben, so wird eine durch das Los bestimmte Anzahl nur für ein Jahr dem aktiven Dienste einverleibt und dann in die erste Reserve versetzt.

Der Oberstkommandierende der Armee ist der Kaiser, dem als Generalstabschef der Marquis Oyama zur Seite steht und der gewissermaßen als Armeechef anzusehen ist. Die Organisation und Verwaltung der Armee untersteht dem Kriegsministerium. Die stehende Armee ist in 12 Divisionen eingeteilt, deren Hauptquartier in verschiedenen Hauptstädten des Inselreiches liegt. Jede Division besteht aus 2 Infanteriebrigaden, 1 Kavallerie- und einem Feldartillerie-Regiment, dann je 1 Genie- und Trainbataillon; jede Brigade aus 2 Infanterieregimentern zu 3 Bataillonen mit je 4 Kompagnien. Ein Infanterieregiment besteht aus 1 Oberst oder Oberstleutnant, 4 Majoren (von denen einer im Stabe), 1 Adjutanten, 12 Hauptleuten als Kompagniechefs, 27 Leutnants, von denen je 2 in einer Kompagnie und 3 im Stabe, 25 Fähnrichen, 15 Feldwebeln, 82 Gunso oder Obersergeanten, 48 Sergeanten, 192 Korporalen, 432 Soldaten erster und 816 Soldaten zweiter Klasse. Hierzu kommen 65 Nichtkombattanten, darunter Zahlmeister, Aerzte, Krankenpfleger, Rüstmeister, Handwerker und dergleichen und 14 Pferde, zusammen also 1720 Mann und 14 Pferde.

Im Kriege wird das Regiment auf 2880 Mann gebracht.

Ein Kavallerieregiment besteht aus 3 Schwadronen mit je 159 Offizieren und Soldaten und 135 Pferden, in Kriegsstärke mit 189 Mann und 145 Pferden. Die Artillerie ist in Brigaden zu je 2 Batterien mit 4 Geschützen eingeteilt, und jede Brigade besteht in Kriegsstärke aus 10 Offizieren und 326 Mann mit 12 Geschützen und 258 Pferden.

Im Kriege kommen zu den einzelnen Divisionen noch 1 Pionierkompagnie mit Brückenequipagen und dergleichen, ferner je 1 Sanitäts- und Feldtelegraphenabteilung; ein Pferdedepot, Munitions- und Verpflegungskolonnen, endlich eine Anzahl Ambulanzen. Die Truppenergänzung geschieht durch 24 über das ganze Land verteilte Depotsbataillone der aktiven und 12 der Territorialarmee. Die letztere stellt im Kriege 12 Infanterieregimenter, ebensoviele Kavalleriepeletons und Geniekompagnien mit der entsprechenden Menge der anderen Waffengattungen.

Die Kriegsstärke der japanischen Armee mit Ausschluß der Territorialarmee wird von den Japanern wie folgt angegeben:

Aktiv Beide Reserven Zusammen

Infanterie 38089 64293 102382 Kavallerie 671 788 1459 Artillerie 3817 4064 7881 Pioniere 1708 1814 3522 Train 548 54458 55006 Gendarmerie 1435 1 1436 ---------------------------------------- Zusammen: 46268 125418 171686,

davon Stabsoffiziere 450, Oberoffiziere 3360, Unteroffiziere 10391; die Zahl der Feldgeschütze ist 252.

In den vorstehenden Zahlen dürfte dem militärischen Fachmanne wohl die geradezu verschwindend kleine Kavallerie am auffälligsten sein. Allerdings ist dieselbe, wie ich höre, in den letzten Jahren auf über 3000 Mann gebracht worden, doch beträgt sie im Verhältnis auch dann nur ein Zehntel der Kavallerie in den europäischen Heeren. Erklärlich wäre dieses Mißverhältnis im Falle eines feindlichen Angriffes auf Japan, da das Land größtenteils aus Gebirgen und sumpfigen Reisfeldern besteht, Kavallerie also nicht entfernt in ähnlichem Maße verwendet werden kann wie in Europa. Für einen auswärtigen Krieg aber, wie der jüngste in China, ist die japanische Kavallerie absolut unzulänglich, einer der größten Nachteile, unter denen die Japaner zu leiden gehabt haben.

Soweit eine Reiterei in Japan vorhanden ist, wird sie von europäischen Fachleuten günstig beurteilt. Die Reiter sind nett uniformiert, sehen gut aus, sitzen stramm auf den kleinen, aber kräftigen Pferden und exerzieren gut. Auffällig ist hier, wie auch bei den anderen Waffengattungen, die geringe Verwendung von Trompetensignalen; die Kommandos werden hauptsächlich durch Säbelsignale gegeben; außer dem Säbel führen die Reiter der Gardekavallerie Lanzen, jene der Linie Muratakarabiner.