China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 55

Chapter 553,144 wordsPublic domain

Die geschilderten Gebräuche werden bei der europäischen Leserin kein geringes Entsetzen erwecken, und gewiß wird sie ihre japanischen Schwestern herzlich bedauern, hauptsächlich darüber, daß sie sich ohne Liebeswerbung, ohne Brautjungfern und gar erst ohne Hochzeitsreise in das anscheinend denkbar unglücklichste Ehejoch begeben müssen. Doch bei den untersten Volksklassen der Japaner liegen die Verhältnisse noch schlimmer. Die Arbeiter, Rickshawkulis, Hausdiener ersparen sich sogar die Festmahlzeiten und das zeremoniöse Saketrinken. Sie vermählen sich mit einer Frau, wenn es ihnen eben paßt, und vertauschen sie wieder mit einer anderen, mit ebensowenig Umständen, wie wir etwa unsere Kleider wechseln. Gar mancher in Japan wohnende Europäer wird beim Nachhausekommen durch die Anzeige seines Boy oder Betto (Pferdeknecht) überrascht, daß er sich eben vermählt habe. Einige Monate später ist er vielleicht wieder Junggeselle, und kommt ihm wieder einmal die Lust zu heiraten an, flugs bringt er sich eine neue Frau ins Haus, die ihm seine Kleider flickt, seine Mahlzeiten bereitet und ihn meistens viel besser bedient als er seinen Herrn.

Je höher man auf der gesellschaftlichen Stufenleiter emporsteigt, desto seltener begegnet man dem Wechsel der Frauen, oder, um ein in Europa geläufigeres Wort zu gebrauchen, den Ehescheidungen. Immerhin entfällt sogar in den von europäischer Kultur angehauchten Hauptstädten des Landes auf je drei Vermählungen eine Scheidung, und dieses Verhältnis würde sich vielleicht noch weiter ausgleichen, wenn in den wohlhabenderen Ständen nicht Umstände obwalten würden, welche die Scheidung überflüssig machen. Es sind nicht etwa ethische Momente, nicht größere Achtung oder Liebe für die eigene Frau, sondern es wird dort eben wegen der zahlreichen Japaner, welche die europäischen Verhältnisse kennen, immer weniger gern gesehen, daß man die Frau ohne weiteres aus dem Hause jagt. Ueberdies stammen die Frauen der höheren Stände doch aus besseren Familien, und man will sich durch eine nicht wohlbegründete Scheidung diese letzteren nicht zu Feinden machen. Deshalb behält man sie wohl im Hause, aber verheiratet sich dennoch mit einer Konkubine, vielleicht auch mit zwei oder noch mehr, je nach der Neigung oder den Mitteln. Möglicherweise wohnen diese Dämchen auch noch mit der legitimen Gattin in demselben Hause zusammen, und ihre Kinder wachsen gemeinschaftlich auf.

Man kann sich unter solchen Umständen die Lage der armen Frau wohl vorstellen, die all dies geduldig und lächelnd ertragen muß. Jeder Widerstand ihrerseits wäre vergeblich. Die Scheidung würde dann doch erfolgen, und sie müsste unter Zurücklassung ihrer Kinder in ihr väterliches Haus zurückkehren. Dazu ist die Liebe der japanischen Frauen zu ihren Kindern doch zu groß. In neuerer Zeit hat die Konkubinenwirtschaft in den besseren Ständen allerdings erheblich abgenommen, aber Professor Chamberlain von der kaiserlichen Universität in Tokio, vielleicht der beste Kenner des modernen Japan, sagt in seinem 1891 in Yokohama erschienenen Buche über Japan doch noch folgendes: „Warum sollte sich ein Mann überhaupt die Mühe geben, sich von einer ihm unsympathischen Frau scheiden zu lassen, wenn irgend eine Frau, die immer eine viel zu untergeordnete Stellung einnimmt, als daß sie ihm ernstlich lästig wäre, und wenn die Gesellschaft nichts dagegen hat, daß er sich irgendwelche Anzahl von Konkubinen hält?”

Derselbe Verfasser sagt weiter: „Die Scheidungsgründe in Japan sind: Ungehorsam, Unfruchtbarkeit, Lasterhaftigkeit, Eifersucht, Aussatz oder andere unheilbare Krankheiten, Geschwätzigkeit und Hang zum Stehlen, mit einem Worte, ein Mann kann seine Frau los werden, wenn immer er ihrer müde wird.”

Eine geistreiche Französin hat einmal gesagt: „~Fille, on nous supprime; femme, on nous opprime~” (als Mädchen unterdrückt man uns, als Frauen bedrückt man uns), aber in Japan giebt man sich dazu nicht einmal die Mühe. Der Mann hat zu befehlen, die Frau hat zu gehorchen; der Mann hat alle Rechte und Freiheiten, die Frau hat gar keine; der Mann ist der Herr der Schöpfung, die Frau ist ein untergeordnetes Wesen; und wenn sie irgendwelchen Einfluß in ernsten Dingen auf den Mann ausübt, so hat sie diesen Einfluß nicht sich selbst, sondern den Männern ihrer eigenen Familie, also ihrem Vater, ihren Brüdern zu verdanken, auf welche ihr Gatte Rücksicht nehmen muß, bevor er zum äußersten schreitet.

Als Beispiel dafür kann ein Fall gelten, der vor nicht langer Zeit in Tokio vorkam: Ein junger verheirateter Adeliger verliebte sich, im japanischen Sinne, auf dem Lande in ein junges Mädchen. Er brachte sie nach Tokio, nahm ihr eine Wohnung und vernachlässigte seine Frau. Die Schwiegermama entdeckte bald die Liaison, schrie Zeter und Mordio, die Zeitungen nahmen Notiz davon, und seine Freunde fürchteten, er würde am Ende seine offizielle Stellung bei der Regierung verlieren. Sie legten sich ins Mittel, und zwischen Mann und Frau, Schwiegermama und Konkubine wurde ein allseitig befriedigender Pakt geschlossen. Der Mann kündigte seiner Liebe die Wohnung, Frau und Schwiegermutter versprachen, keinen weiteren Lärm zu schlagen, das Mädchen kehrte zu ihren Eltern zurück, aber unter der Bedingung, daß sie den jungen Mann allmonatlich während mehrerer Tage in seinem Hause besuchen dürfe. Derlei Rücksichten werden aber, wohlverstanden, nur in den höheren Gesellschaftskreisen genommen. Selbst die Japan Mail, das von der Regierung subventionierte Organ, enthält in einer seiner Nummern folgenden Passus: „Streng genommen, wird Polygamie in Japan heute nicht getrieben. Thatsächlich war sie niemals legal, denn das Gesetz erkennt nur eine Frau an. Aber in vielen ehrbaren Haushaltungen giebt es eine Konkubine, vielleicht zwei oder selbst drei, neben der Hausfrau, ein elender Zustand, erniedrigend, unglücklich und mittelalterlich. Zur Ehre des Beamtenstandes, des Adels und der hervorragendsten Handelsherren muß es gesagt werden, daß dort mit wenigen Ausnahmen die Konkubinenwirtschaft nicht länger getrieben wird; ob aber die öffentliche Meinung reif genug ist, dieselbe als verbrecherisch zu verdammen, können wir nicht sagen.”

Indessen kommen in Japan Fälle vor, wo auch das Mädchen sich einen Gatten wählen kann. Giebt es in einer Familie beispielsweise keine Söhne, sondern nur Töchter, so wird dies von dem Vater als ein großes Unglück angesehen. Es ist niemand da, der seinen Namen, sein Geschäft erben kann, niemand, der die Ahnenopfer bringen kann, denn nur Männer können zu ihren Vorfahren beten und ihnen Opfer darbringen. Deshalb wird der Vater bestrebt sein, unter den jungen Männern seiner Bekanntschaft einen passenden Gatten für seine Aelteste auszuwählen, und dann wird auch diese zu Rate gezogen, ob ihr Zukünftiger auch hübsch und liebenswürdig genug sei. Ist sie einverstanden, so wird geheiratet. Der Mann muß aber dann ganz dieselbe traurige Rolle spielen wie sonst die Frau. Er muß seinen Namen ablegen und jenen der Familie seiner Braut annehmen, er muß in das Haus der letzteren ziehen und hübsch stille halten, sonst wird er gerade so davongejagt wie eine Frau. Natürlich geben sich zu solchen Geschäften nur arme Junggesellen her, denn „~c’est alors Madame, qui porte les pantalons~”.

Eine Erdbebenkatastrophe.

Zwei Jahrzehnte lang waren Tokio, die Hauptstadt, und Yokohama, der Haupthafen des Mikadoreiches, von den furchtbarsten Schrecken der Elemente, von den Erdbeben, verschont geblieben. Der große Fudschiyama, dieser zum Teil mit ewigem Schnee bedeckte Riesenvulkan, schlummert seit Generationen, und die Reisenden, die von den beiden Städten aus mit stummer Bewunderung den herrlichsten aller Berge Japans betrachten, denken fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines Ausbruches. Für die letzte Juniwoche 1894 hatte ich eine Partie auf den Fudschi in Aussicht genommen, denn nachdem ich vor Jahren auf der Spitze des höchsten Vulkans Nordamerikas, des Popokatepetl, gestanden, war es ein begreiflicher Wunsch, auch den höchsten Vulkan Ostasiens zu besteigen. Da kam die Kunde, daß die schlummernden Geister des heiligen Fudschiyama sich wieder zu regen begonnen hätten; in seinem nördlichen Zwillingsberge, dem Asamayama, brodelte und grollte es fürchterlich, und aus seinem großen Krater stürzten gewaltige Lavamassen hervor. Desto interessanter dürfte die Besteigung werden, dachte ich mir, und fuhr von Tokio nach Yokohama, um die Vorbereitungen für meinen Ausflug zu treffen.

Der Tag war furchtbar heiß; drückende Schwüle lag über den weiten Reisfeldern der Tokiobucht; der Himmel zeigte bleierne Färbung, und mit Sehnsucht erwarteten wir Passagiere einen Regenguß. In Yokohama angekommen, fand ich unter den Gästen des Grand Hotel dasselbe Unbehagen, das ich selbst empfand; das Tiffin (Gabelfrühstück) wurde kaum genossen, und wir zogen uns gegen zwei Uhr nachmittags in unsere Zimmer zurück. Kaum hatte ich mich auf das Ruhebett geworfen, als plötzlich die Möbel rings um mich zu tanzen begannen; die Kommode fiel um, die Wände und der Fußboden krachten und schwankten wie auf bewegter See. Ein furchtbares Poltern und Dröhnen ließ mich vermuten, es wäre irgend ein Pulvermagazin in die Luft geflogen; als ich aber, zum Fenster hinausblickend, die Kamine von den Hausdächern fallen und diese selbst einstürzen sah, da wußte ich sofort den wahren Grund dieser Erscheinung. Hatte ich doch schon ein heftiges Erdbeben in Venezuela durchgemacht. Mit einem Satze war ich zur Thüre hinaus und eilte über die krachenden Treppen zwischen den heftig schwankenden Mauern hinab ins Freie an den Meeresstrand; Dachziegel, Mörtelstücke, Trümmer der Gesimse fielen rings um mich zu Boden. Das noch vor wenigen Minuten spiegelglatte Meer war wild aufgeregt und sandte hohe Brandungswellen den Strand empor; die schweren Dampfer und Kriegsschiffe draußen schaukelten heftig; eine ungeheure Rauch- und Staubwolke erhob sich über dem Weichbilde der Stadt, und man konnte sich bei dem schwankenden Boden kaum aufrecht erhalten. Während solcher Katastrophen ist es schwer, Beobachtungen zu machen; ich erinnere mich nur an das furchtbare unterirdische Dröhnen, an die einstürzenden Schornsteine und Dächer, das Rasseln der Fenster und das Abstürzen großer Felstrümmer von den Klippen des nahen Bluff; ich weiß nur, daß rings um mich Damen ohnmächtig auf dem Boden lagen, daß die Einwohnerschaft der Häuser längs der ganzen Straße des Bundes entsetzt aus ihren vier Mauern hinaus ins Freie stürzte, daß die Häuser ebenso schwankten wie die Schiffe draußen in der Bucht.

Wie lange die schreckliche Katastrophe währte, wußten wir nicht; erst nachträglich erfuhren wir, daß die Erschütterungen viereinhalb Minuten gedauert hatten. Endlich beruhigte sich der Boden, aber die wenigsten Menschen waren zu bewegen, in ihre Häuser zurückzukehren, da sie eine Wiederholung des Erdbebens befürchteten. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn mit Bangen dachte ich an meine in Tokio weilenden Lieben. Ueber die Schuttmassen zwischen den geborstenen Wänden hinweg eilte ich nach meinem Zimmer, um meine Effekten zusammenzupacken, und ließ mich in einer Jinrickshaw nach dem Bahnhof führen. Dort erfuhr ich, daß infolge des Erdbebens der nächste Zug erst in einer Stunde abgelassen würde, und so benutzte ich diese letztere zu einer Rundfahrt durch die Stadt. Schuttmassen lagen in den Straßen, größtenteils von der abgeworfenen Bedachung, dem Maueranwurf und den Schornsteinen der Häuser herrührend; manche Häuser waren ganz eingestürzt, andere drohten einzufallen, und eine große Zahl zeigte weitklaffende Risse und Sprünge in den Mauern; bei einer Theefabrik waren Polizisten und Feuerwehrleute beschäftigt, Trümmer fortzuräumen, unter denen gegen dreißig Menschen begraben waren; auf Strohmatten oder notdürftig zusammengebundenen Tragbahren wurden Verwundete fortgetragen. Viele Dächer waren von den einstürzenden gemauerten Schornsteinen durchschlagen worden und zeigten große Löcher; im Straßenboden waren hier und dort klaffende Risse bemerkbar; in den Bazars, hauptsächlich in den vielen Läden mit den schönen japanischen Porzellan- und Emailwaren hatte das Erdbeben furchtbaren Schaden angerichtet; die prächtigsten, kostbarsten Sachen lagen zertrümmert auf der Erde.

Die meisten Schäden zeigten die Häuser in den europäischen Quartieren, da sie größtenteils aus Mauerwerk bestehen und ein Stockwerk hoch sind; die japanischen Häuser sind zumeist ebenerdig und aus Holz gebaut, aber während sie auf diese Weise von dem Erdbeben mehr verschont blieben, hatte doch am Tage zuvor eine andere furchtbare Katastrophe unter ihnen gewütet; nicht weniger als tausend Häuser waren einer großen Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und noch rauchten die schwarzen verkohlten Reste dieses zerstörten japanischen Stadtviertels.

Rechtzeitig kehrte ich nach der Eisenbahnstation zurück, um den Zug nach Tokio zu benutzen. Während der einstündigen Fahrt sah ich überall Spuren des Erdbebens, eingestürzte Mauern und Häuser, beschädigte Dächer, umgestürzte Toris (Tempelthore) und Statuen. Auf dem Wege von der Schimbaschistation in Tokio nach dem dortigen Imperial Hotel sah ich, daß das Erdbeben hier noch heftiger gewesen sein mußte als in Yokohama, denn noch viel mehr Häuser waren beschädigt, besonders in dem Stadtviertel der Europäer; fast jedes zweite Dach hatte gelitten; die Schornsteine waren überall eingestürzt, die Mauern waren geborsten, der Mörtelanwurf abgefallen, viele Häuser ganz zertrümmert; von den das kaiserliche Palais umgebenden Festungswällen war die aus großen Quadern bestehende Bekleidung auf Strecken von fünfzig Metern abgefallen. Endlich war ich am Imperial Hotel angelangt, und glücklicherweise war unter den Gästen kein Unglücksfall zu beklagen. Dagegen bot der prachtvolle Bau selbst einen schrecklichen Anblick dar. Das große Einfahrtsthor war eingestürzt und lag nebst dem Eisengitter in Trümmern auf dem Boden; die Kamine waren abgestürzt und hatten große Löcher in das Dach geschlagen; die Mauern zeigten durchgehends klaffende Sprünge; mehrere Angestellte waren durch herabfallende Mauerstücke verwundet worden; in den Salons und Wohnzimmern waren Möbel umgestürzt, Bilder, Spiegel, Vasen und Statuen herabgefallen und zertrümmert. Die benachbarten Häuser waren schwer beschädigt und mußten zum Teil ganz abgetragen werden.

Merkwürdigerweise war das kaiserliche Palais durch das Erdbeben nur wenig betroffen, und das Kaiserpaar war mit dem bloßen Schrecken davongekommen; die Paläste der kaiserlichen Prinzen waren teilweise arg beschädigt. In den Straßen waren die Japaner schon überall beschäftigt, die Schuttmassen fortzuräumen, die Verschütteten auszugraben und die Schäden auszubessern. Doch gewärtigte man eine Wiederholung des Erdbebens. Um neun Uhr abends wurde auch ein zweiter Stoß, jedoch von geringerer Heftigkeit, empfunden. Am folgenden Tage hatte sich die allgemeine Furcht etwas gelegt, aber wie wohlbegründet sie war, geht aus der Statistik der Unglücksfälle hervor, welche die japanischen Morgenzeitungen auf Grund der eingelaufenen Meldungen veröffentlichten. In Tokio allein wurden innerhalb der viereinhalb Minuten des Erdbebens 36 Menschen getötet, über 300 verwundet; die Zahl der beschädigten Häuser erreichte 3720, der umgestürzten Mauern 162, der Schornsteine 289, der Risse im Erdboden 96. Seltsamerweise beschränkte sich das Erdbeben auf den zentralen Teil Japans zwischen Yokohama und Tokio; in den entfernteren Städten wurden die Erdstöße nur ganz leicht verspürt und verursachten nur geringe Unglücksfälle. Die Vulkane zeigten während des Erdbebens keine erhöhte Thätigkeit.

Dafür sind sie in den letzten Jahren wieder desto thätiger gewesen, vor allen anderen hatte der schreckliche Bandaisan im Norden Japans im Juli 1900 einen heftigen Ausbruch, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen. Nur der höchste Vulkan Japans, der berühmte heilige Fujiyama, hat seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag seine erhabene Ruhe bewahrt.

Modernes Theaterwesen in Japan.

Frauen auf der japanischen Bühne! Das ist die wichtigste Neuigkeit, die eben aus dem fernen Lande des Sonnenaufganges zu uns herüberdringt. Frauen als Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf den Brettern, welche in Japan, wie bei uns, die Welt bedeuten! Die Kaiserin von Japan hat selbst die Initiative dazu ergriffen, ihren weiblichen Unterthanen diesen neuesten Beruf zu eröffnen, und in Zukunft wird es im Reiche des Mikado auch weibliche Sterne am Theaterhimmel geben. Bisher haben wohl die reizenden Musmis von Japan die dramatische und lyrische Kunst eifrig gepflegt, allein es war ihnen nicht gestattet, im Verein mit ihren männlichen Kollegen öffentlich aufzutreten. Bei uns gefallen sich die Theaterdamen von stattlichem Wuchs darin, in Hosenrollen aufzutreten, in Japan aber, diesem Lande der verkehrten Welt, gefallen sich die schönsten Männer darin, in Unterröcken zu spielen. Alle Weiberrollen, nicht nur die alten, wurden von geschminkten Jünglingen gespielt, ja sogar das japanische Ballett zählte bisher nur männliche Ballerinen. Warum? Wieder die verkehrte Welt: weil es gegen den Anstand und die gute Sitte verstoßen hätte, Mädchen neben jungen Männern öffentlich auftreten zu sehen. Die Japaner haben eben eigentümliche Begriffe von Anstand. Während die kleinen hübschen Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren, die Frauen im Alter von achtzehn bis dreißig Jahren, die Großmamas im Alter von dreißig bis wer weiß wie viel Jahren ihre Bäder häufig öffentlich auf der Straße nehmen, während die Damen in den fashionabeln Badeorten Ikao oder Karuizawa mit der größten Ungeniertheit im Verein mit fremden Männern in demselben kleinen Baderaum stecken, ohne irgend etwas Schlimmes davon zu denken, dürfen sie in voller Bekleidung auf der japanischen Bühne nicht neben und mit Männern auftreten. Im vergangenen Jahre hat eine amerikanische Sängerin von Weltruf, welche Japan als die erste Primadonna überhaupt besuchte[3], die dortigen Hofkreise auf das Widersinnige dieser Anstandsregeln aufmerksam gemacht und die hohe Stellung erklärt, welche die Frauen der europäischen Bühne nicht nur auf dieser, sondern vielfach auch im gesellschaftlichen Leben einnehmen. In ihrem Streben, es den Europäern auf allen möglichen Gebieten gleichzuthun, haben sie sich nun, gestützt auf diese und andere Berichte, auch die Reform des Theaterwesens zur Aufgabe gestellt, und sie beginnen damit, daß sie den Japanerinnen die Thüre zum Hinterpförtchen der Theater, zum Bühneneingang, öffnen.

Glücklicherweise ist dies eine der wenigen Neuerungen in der japanischen Kultur, die mit dem ganzen Wesen derselben verträglich ist, ja ihrer malerischen Eigentümlichkeit ein neues, glänzendes und erhaltendes Element zuführt. Im übrigen haben die Japaner ja leider aus europäischen Fräcken und Schleppkleidern, Vatermördern und Beinkleidern ein großes Leichentuch für ihre eigene, so ungemein malerische Kultur zusammengenäht. Wer diese letztere in ihrer ganzen Eigenheit, und so wie sie vor Jahrhunderten war, sehen will, muß japanische Theater besuchen. Dort hat sie ihre letzte Zufluchtsstätte gefunden, dort wird sie auch noch von den hochkonservativen aristokratischen Elementen erhalten.

Das japanische Theater ist gar nicht so alt, als man bei einer für asiatische Verhältnisse gewiß hohen und viele Jahrhunderte alten Zivilisation anzunehmen geneigt wäre. Es entwickelte sich aus den religiösen Gesängen und Tänzen, mit denen die buddhistischen Priester in früheren Zeiten ihren Tempeldienst zu begleiten pflegten und wie ich sie noch gelegentlich meiner eigenen Reise in den berühmten Tempeln von Nikko und Nara vorfand. In ähnlicher Weise haben ja auch die alten Griechen und Römer ihre Götter gefeiert, und dieser Kultus hat sich sogar nach Spanien verpflanzt, wo der Ostertanz der Pagen in der Kathedrale von Sevilla ein Ueberbleibsel des heidnischen Götterdienstes sein dürfte. Die großen Feudalfürsten des alten Japan ließen derlei Tänze und Gesänge an ihren Höfen zur Aufführung bringen; allmählich legten sie den ersteren andere Handlungen unter, die sie fast ausschließlich der japanischen Geschichte oder der Märchenwelt entnahmen, und so entstand, dabei immer weltlicher werdend, das japanische Theater von heute. Doch war es nur das gewöhnliche Volk, das an diesen öffentlichen Darstellungen in öffentlichen, auch an die alten Tempel gemahnenden Theatern Gefallen fand. Die Daimios (Fürsten) hielten an den alten Traditionen fest und unterstützen sie auch noch heute. In Tokio hatte ich Gelegenheit, mancher der traditionellen Privatvorstellungen von alten No-Spielen beizuwohnen, die nur vor geladenen Gästen der Aristokratie stattfinden und in denen Schauspieler auftreten, die ihre Kunst gerade so wie ihre herrlichen, kostbaren Kostüme von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben. Manche dieser Schauspielerfamilien haben einen theatralischen Stammbaum von sechs bis zehn Generationen aufzuweisen. Sie allein werden gesellschaftlich geachtet und anerkannt. Die Schauspieler der gewöhnlichen öffentlichen Theater aber waren bisher ebenso geächtet wie bei uns noch zur Zeit der alten Neuberin. Sie wurden geradezu der Klasse der „Eta” (Gesetzlose, Vogelfreie) beigezählt, und noch heute würde es in Japan keinem Aristokraten, Offizier oder Beamten in den Sinn kommen, eines der öffentlichen Theater zu betreten. Nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten, etwa wenn der Lewinsky von Japan, Danjuro, auftritt, oder bei Wohlthätigkeitsvorstellungen erscheinen sie, aber auch nur in zwei oder drei der vornehmsten Theater der Hauptstadt. Der Mikado hat noch niemals ein Theater besucht, und die einzigen Vorstellungen, die er gesehen hat, sind alte klassische No-Stücke, die in seinem Palast aufgeführt werden.