China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 54
Wie das Kleine, so gewöhnt sich auch die jugendliche Trägerin ganz unbewußt an diese Last und tummelt sich vor den Häusern herum, spielt mit den Nachbarkindern oder arbeitet, als wäre ihr das Kindchen angewachsen wie ein Höcker. Stundenlang trägt sie dasselbe umher, und wird dieses schläfrig, so schläft es ein, ohne sich durch das Schütteln beim Laufen und Herumspringen hindern zu lassen; die Händchen fallen schlaff herunter, das Köpfchen baumelt hin und her, fällt zurück oder auf die Seite, daß ich oft fürchtete, jetzt müßte das Genick brechen; aber das Kind schlief ruhig weiter. Daß ein Kindchen der Trägerin entfallen würde, kommt äußerst selten vor; wie ein gewandter Naturreiter auf seinem Pferde, so klammert es sich mit den gespreizten Beinchen an die Seiten der Trägerin, die thun und lassen kann, was sie will, es bleibt fest im Sattel. Wird es hungrig, so setzt sich die Trägerin neben Mama oder vielleicht auf deren Schoß, das Kleine dreht sich herum und nährt sich an Mamas Brust, ohne daß die letztere es zu halten braucht. Und wie fröhlich, wie still und wohlerzogen sind diese Kinder! Selten habe ich ein japanisches Kind weinen gesehen, niemals schreien gehört; niemals nahm ich schlechtes, ausgelassenes Benehmen wahr; niemals Prügeleien unter Jungen, niemals eine Bestrafung durch die Eltern. Werden sie irgendwie ungebührlich, so droht Mama oder Papa mit dem Oni, dem roten Teufel, der die Kinder holen wird. Der rote Teufel ist ihr größter Schrecken, und man kann sich vorstellen, welches Entsetzen das Kommen eines rothaarigen, rotbärtigen Deutschen etwa unter den Kindern eines Dorfes hervorruft. Sie zerstieben, laufen und verstecken sich in alle Schlupfwinkel.
Himmelbetten und Wiegen nach europäischem Muster giebt es in Japan nicht. Das Kleine wird fleißig gebadet, noch dazu in fast brühend heißem Wasser, was ihm aber nicht zu schaden scheint. Arme Leute, die keine eigenen Bäder besitzen, nehmen das Kindchen in die öffentlichen Bäder, wo sie in Gemeinschaft mit anderen Eltern und Kindern ohne irgend welche Scheu in dasselbe Bassin steigen.
Diese Bäder, der beständige Aufenthalt in der freien Luft, die unfreiwillige Bewegung, welche die Kinder auf dem Rücken ihrer Geschwister machen, scheinen ihrer Gesundheit sehr zuträglich zu sein. Die Sterblichkeit unter den japanischen Kindern ist geringer als bei uns, und die einzige ziemlich allgemeine Krankheit ist ein Hautausschlag auf den Köpfen und Nacken, der aber bald schwindet. Ist er überstanden, dann sehen die Kinder so gesund, kräftig und pausbackig aus wie Posaunenengel, eine wahre Freude für Eltern und Freunde, die das Kind bewundern, die feisten, harten Glieder befühlen und ihm eine glänzende Zukunft prophezeihen. Welches Kind ist denn überhaupt in den Augen seiner Eltern nicht das schönste und klügste, das es jemals gegeben hat!
Allmählich lernt das Kleine auch ein wenig sprechen, lange bevor ihm das freie Gehen gelingt. Die japanische Sprache ist so klangvoll, einfach und leicht zu erlernen, wenigstens was die notwendigsten Ausdrücke betrifft. Auch bei dem japanischen Kindchen sind die ersten Ausdrücke mama, tata, bebe, nur bedeuten sie ganz andere Dinge als bei uns. Mama heißt Nahrung, Essen, Trinken; bebe heißt Kleid, tata Socken; mit dem Worte ija wird nein, ich mag es nicht, es ist mir unangenehm bezeichnet. Das Kind lernt nun auch das Gehen, zuerst im Hause, dann außerhalb, in dem Gärtchen, das die meisten japanischen Familien hinter ihren Holzhäusern besitzen, oder auf der Straße, die ja selten von Fuhrwerken befahren wird und so besonders in Dörfern den gewöhnlichen Tummelplatz der Kinder bildet. Ist das Gehen im Hause gelungen, so wird dem Kinde der Gebrauch der geta oder stelzenartigen Holzpantoffel gelehrt, und es ist staunenswert, mit welcher Leichtigkeit es sich an diese plumpe, schwere Fußbekleidung gewöhnt, damit läuft, springt und den tollsten Schabernack treibt.
Die Eltern verfolgen die Entwickelung ihrer Kinder mit der liebevollsten Zärtlichkeit, ja die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist vielleicht die einzige, wahre Liebe, welche die Japaner kennen. Sie bewachen und lehren die Kleinen und strafen sie kaum jemals. Aberglaube hat damit sehr viel zu thun. Wenn Blattern oder epidemische Kinderkrankheiten im Orte wüten, dann schreibt der sorgsame Papa über seine Hausthüre, die Kinder wären nicht zu Hause, damit die bösen Geister sich gar nicht bemühen, die Schwelle zu überschreiten. Vor Lügen werden die Kinder dadurch gewarnt, daß man ihnen sagt, der böse Oni würde ihnen die Zunge ausreißen.
Den Knaben wird gewöhnlich viel größere Freiheit gestattet als den Mädchen. Der Knabe wird ja von selbst seinen Weg machen; er ist der Erbe und Nachfolger des Vaters, dessen Handwerk er erlernt und dem so viele andere Berufszweige offen stehen. Anders das Mädchen. Es muß lernen, einen Mann zu gewinnen und nach der Verheiratung ihn für immer zu fesseln. Es darf keinen eigenen Willen haben, darf weder Unzufriedenheit noch Zorn, Heftigkeit oder Schmerz äußern; alle diese Gefühle muß es lernen unter freundlichem Lächeln, unter höflichen unterwürfigen Manieren und mit einer gewissen Koketterie zu verbergen; es muß lernen, sich selbst anziehend und den anderen das Leben angenehm und behaglich zu machen.
Glücklicherweise wird dem Töchterchen dies alles in zartester Weise und vielleicht ganz unbewußt beigebracht. Sie ist ja der Liebling im Hause. Die Eltern und Brüder behandeln sie mit Liebe und Zärtlichkeit, die Diener mit Achtung.
Allmählich werden ihr auch die häuslichen Verrichtungen sozusagen spielend beigebracht. Sie sind in japanischen Haushaltungen nicht so bedeutend wie bei uns, denn die einfachen, einstöckigen Häuschen haben, wie gesagt, fast gar keine Möbel, Nippsachen, Bilder, Spiegel, Teppiche, Fenster und dergleichen. Die Zimmer sind kahle Räume mit mattenbedecktem Boden, die Wände Papierrahmen, und die Reinhaltung derselben sowie der Engawa, d. h. der rings um das Haus laufenden Galerie, ist ziemlich leicht. Die Schlafstätten beschränken sich auf einfache Matratzen, die abends auf den Fußboden gelegt und morgens, wieder zusammengerollt, in einem Schrank aufbewahrt werden, und was die Mahlzeiten anbelangt, so brauchen sich die japanischen Mädchen nicht mit der höheren Kochkunst abzumühen, verschiedene Suppen, Braten und Mehlspeisen zubereiten zu lernen, in die Geheimnisse der Tunken und Konserven einzudringen, denn alle diese kulinarischen Genüsse wird auch der verwöhnteste Gatte nicht von ihr verlangen. Morgens Reis, mittags Reis, abends Reis, dazu getrocknete Fische und einfach gekochte Gemüse, das sind die Gerichte des täglichen Speisezettels. Es giebt auch keine Spitzen und feine Wäsche zu reinigen, keine Balltoiletten nach neuester Mode anzufertigen, keine Hüte zu schmücken; die einzige Fertigkeit, welche die jungen Mädchen in Japan brauchen, ist das Nähen; ihr schlafrockartiger Kimono und das Unterröckchen, das sie tragen, bedürfen keiner Modistin und Damenschneiderin; sie nähen ihre Kleidungsstücke selbst, und sind diese schmutzig, dann werden sie zertrennt und in kaltem Wasser ohne Seife gewaschen. Das Plätteisen ist den Japanern unbekannt. Nach jeder Wäsche werden die Kleidungsstücke neu genäht. Strümpfe und Schuhe in unserem Sinne werden von den Japanerinnen ebensowenig getragen wie Hüte. Ihre einzige Kopfbedeckung ist die allerdings sehr sorgfältige, mit Nadeln und Blumen geschmückte Haarfrisur, und diese wird alle Wochen einmal von eigenen Haarkünstlerinnen gegen ganz geringes Entgelt sorgfältig aufgebaut.
Die geistige Erziehung hat bis auf das letzte Jahrzehnt viel weniger Zeit erfordert als das Anlernen verschiedener Nichtigkeiten, die aber im Lande des Mikado eine große Rolle spielen. Die jungen Mädchen werden sorgfältig in die Geheimnisse der zeremoniellen Theebereitung (Tscha no yu) eingeweiht, sie lernen das umfangreiche Zeremoniell der Begrüßung und Bewirtung der Gäste, das Zusammenstellen und Binden von Blumensträußen, Samisen (Guitarre) spielen und in besseren Familien wohl auch verschiedene alte Tänze und Pantomimen zur Unterhaltung ihrer Eltern und etwaiger Gäste. Im Alter von sechs bis zehn Jahren besuchen sie irgend eine Privatschule, wo ihnen das Lesen und Schreiben der chinesischen und japanischen Schriftzeichen, chinesische Litteratur, japanische Dichtkunst und Geschichte beigebracht werden. Arithmetik, Geographie, Weltgeschichte und all die anderen Wissenschaften unserer Schulen werden den japanischen Kindern erst seit etwa einem Jahrzehnt bis zu einem gewissen Grade gelehrt; zuerst aber müssen sie dem chinesisch-japanischen Schulgang folgen. Es ist keine geringe Aufgabe für die armen jungen Wesen, nachdem sie mühsam die ungemein schwierige Schriftsprache der Mongolen und das Malen der Tausende von Hieroglyphen mit Pinsel und Tusche erlernt haben, die letzteren mit Feder und Tinte zu vertauschen und Englisch, Deutsch oder Französisch zu lernen; statt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu hocken, auf Schulbänken zu sitzen, an Schultischen zu schreiben; und diese Schulfrage gehört in Japan noch immer zu den ungelösten, ja vielleicht unlösbaren Fragen. In Tokio, Yokohama und anderen Städten, in denen die europäische Kultur einigermaßen Fortschritte gemacht hat, war es mir ein befremdender Anblick, an Stelle der reizenden, buntgekleideten und geschmückten Miniaturjapaner diese kleine Welt in europäischer Kleidung mit Schulbüchern unter dem Arm zu sehen, ganz so wie bei uns. Den Eltern bereitet diese von der Regierung dekretierte europäische Erziehung und Kleidung ihrer Kinder schwere Sorgen und Kosten. Für die Jungen sind die Vorteile der neuen Erziehung noch leichter zu erkennen, bei den Mädchen aber wird die letztere einen vollständigen Umschwung in ihrem ganzen Leben und damit auch einen Umschwung der Kultur und Lebensweise des ganzen Volkes mit sich bringen. Ob aber die sittliche Grundlage für die letztere wirklich vorhanden ist?
Augenblicklich muß man noch im verneinenden Sinne antworten, denn die japanischen Kinder genießen keinerlei Religionsunterricht, das Christentum macht nur ungemein langsame Fortschritte, und die Moral nach unseren Begriffen steht bei den Japanern auf einer verhältnismäßig sehr niedrigen Stufe. Unsere Ansichten über die Tugend und Keuschheit, über die Liebe, Liebeswerben und Sittsamkeit sind der großen Mehrzahl des Volkes überhaupt unverständlich, und es muß gerechtes Erstaunen erwecken, daß die japanische Jugend trotzdem einen so hohen Grad kindlicher Naivität besitzt.
Und dabei bleiben Knaben und Mädchen in Japan länger Kinder als bei uns; sie sind sich keines Unrechts bewußt und freuen sich ihrer Kindheit, freuen sich an niedlichen, unschuldigen Spielen, freuen sich an Puppen und Märchen und Festlichkeiten, an denen es gerade in Japan eine übergroße Zahl giebt. Schon in ihrer frühesten Jugend lernen sie die Arithmetik, indem sie an den Fingern abzählen, wieviel Tage es noch bis zu dem nächsten Matsuri (Volksfest) sind. Zu Neujahr, an den buddhistischen oder nationalen oder häuslichen Festtagen werden sie in die denkbar buntesten Kleider gesteckt und wie Püppchen geputzt; die Mädchen pudern und bemalen ihre Gesichter, schwärzen die Augenbrauen, schminken die Lippen, gerade so, ja eher noch mehr als die Alten, und es kann keinen lustigeren Anblick geben als an solchen Festtagen die zu den Tempeln führenden Straßen und die Tempelhöfe selbst, wo Hunderte von Buden mit allerhand bunten und sinnreichen Spielwaren errichtet sind, zwischen denen dieses kleine Puppenvolk, begleitet von den Eltern, sich drängt, alles betrachtet, alles kauft und sich freut, so daß auch der ärgste Kinderfeind sich mit freuen muß. Jede Stadt Japans ist eine Art Nürnberg oder Sonneberg; in jeder Straße findet man Spielzeuge aller Art, und die Spielwarenindustrie ist eine der bedeutendsten des ganzen Landes.
Das größte Fest der Mädchen ist das Puppenfest, das am dritten Tage des dritten Monats abgehalten wird, und es giebt an diesem Tage wohl wenige Häuser im Reiche des Mikado, wo nicht sämtliche Puppen aus den Truhen hervorgeholt, sorgfältig herausgeputzt, gekleidet und auf Gestelle gesetzt werden, zur Freude der jungen Welt. In den Häusern des Adels kommen dabei zuweilen Hunderte von Puppen zum Vorschein, die zum Teil alte Familienerbstücke sind und gewöhnlich den Kaiser, die Kaiserin, das Gefolge und den Adel in Prachtgewändern darstellen. Die kleinen Mädchen dürfen dann den Puppen in winzigen Geschirren die Speisen kochen und auf ebenso winzigen Tischchen vorsetzen, sie spazieren führen, an- und auskleiden. An den öffentlichen Feiertagen freuen sich die Kleinen mit den Großen; sie spielen auf der Straße fast dieselben Spiele wie unsere Kinder: Ball, Drachen und Federball; im Winter, wenn es kalt ist, hocken sie um den Hibatschi (offenes Holzkohlenbecken) in der Mitte des Wohnzimmers, spielen Karten oder lassen sich von Großmama oder der Tante (O Ba San) die reizenden japanischen Märchen erzählen.
Für die Jungen ist das größte Fest das Flaggenfest am fünften Tage des fünften Monats; in jeder Familie, welche Söhne besitzt, werden an diesem Tage papierne Fische von ungeheurer Größe auf Bambusstangen gebunden und diese am Hause aufgestellt. Der Wind bläst die Papierfische wie Luftballons auf, und dann sieht man über dem Häusermeer der Städte Zehntausende derartiger Fische schweben. Die Jungen aber ziehen, womöglich als Soldaten oder Samurai (Zweischwertermänner) gekleidet, bunte Flaggen in der Hand, umher und stopfen sich mit Süßigkeiten voll. Große Freudentage sind es jedesmal, wenn die Eltern ihre Kinder mit in das Theater nehmen, Freudentage im wahren Sinne des Wortes, denn die Familien pflegen morgens ins Theater zu gehen und es erst spät abends zu verlassen. Die Kinder hören andächtig den geschichtlichen Darstellungen zu, und was daran häßlich und gemein ist, thut ihrer Ehrfurcht vor den Eltern keinen Abbruch. Nichts dürfte dem europäischen Besucher japanischer Inselstädte mehr auffallen als dieser schönste Zug des japanischen Charakters. Er wird so weit getrieben, daß sich alle Kinder und Diener eines Hauses jedesmal auf die Knie werfen und mit der Stirne den Boden berühren, wenn ihre Eltern ausgehen oder nach Hause kommen; nirgends ist Gehorsam so sehr die erste Kindespflicht wie in Japan, und in dieser Hinsicht könnten sich die Kinder in andern Ländern die Japaner zum Beispiel nehmen.
Hymens Fesseln bei den Japanern.
Für die junge, unverheiratete Japanerin ist die Zeit, welche sie in ihrem Elternhause zubringt, wohl die glücklichste. Eltern und Geschwister hängen mit großer Zärtlichkeit und Liebe an ihr und erfüllen nach Thunlichkeit alle ihre Wünsche; sie freut sich ihrer Kindheit und genießt bis zu ihrer Vermählung zwischen dem vierzehnten und siebzehnten Jahre weit größere Freiheiten als die Töchter anderer Völker. Man kann es diesen kleinen, munteren, bemalten und bepuderten Püppchen in ihren bunten Kleidern auf den ersten Blick auch ansehen, daß sie glücklich sind. Ein ewiges Lächeln schwebt um ihre rotbemalten Lippen, freundlich blicken ihre schwarzen, großen Augen in die Welt, und mögen sie auch schon längst in die Geheimnisse des Ehelebens eingeweiht worden sein, sie sind doch Kinder geblieben, die sich mit ihren jüngeren Geschwistern an allerhand Spielen erfreuen.
All diese Freuden und diese kindliche Selbständigkeit müssen sie aufgeben, sobald sie heiraten. Wenn sie sich nur ihre zukünftigen Gatten selbst auswählen dürften! Wenn es ihnen nur gestattet würde, ihre Herzen zu Rate zu ziehen, umworben und in unserem Sinne geliebt zu werden! Aber das Liebesleben unserer Völker ist den Japanern unbekannt.
Hat das junge Mädchen das genannte heiratsfähige Alter erreicht, so trachten die Eltern, sie sobald als möglich unter die Haube zu bringen. Aber die einleitenden Schritte werden selten von der Familie des Mädchens unternommen. In der Regel wendet sich der heiratslustige junge Mann an einen schon verehelichten Freund, der unter den jungen Musmis seiner Bekanntschaft Umschau hält; hat er eine gefunden, die ihm für seinen Freund passend erscheint, so trägt er die Sache ihren Eltern vor. Diese erkundigen sich nun ihrerseits nach den Verhältnissen des jungen Mannes, und sind sie geneigt, ihm ihre Tochter zu geben, so wird gewöhnlich im Hause des Vermittlers oder bei einer Theegesellschaft oder bei einer Theatre party eine Begegnung der jungen Leute zu stande gebracht. Des jungen Mädchens Wille wird dabei nicht besonders berücksichtigt, und es scheint ihr auch gar nicht so sehr daran gelegen zu sein. Sie weiß, daß sie der Ehe ebensowenig entgehen kann wie dem Tode, und so kann es sich ihr dabei hauptsächlich nur darum handeln, von allen Uebeln das kleinste zu wählen, d. h. einen Mann zu finden, gegen den sie nicht gerade Abneigung empfindet. Wärmere Gefühle, Sympathie oder gar Liebe werden von ihr nicht erwartet. Hat auch der Freier nichts Besonderes an ihr auszusetzen, so wird die Sache gleich in Ordnung gebracht. Er hat ja nicht viel dabei zu verlieren, da er sie nach ein paar Monaten Probezeit ohne weiteres ihren Eltern wieder zurückschicken kann. Zum Zeichen seines Einverständnisses sendet er seiner Zukünftigen gewöhnlich ein Stück Seidenstoff, das die Stelle des Verlobungsringes vertritt. Die Familie des Mädchens dagegen sendet ihm ein ähnliches Stück Stoff für einen Kimono. Nun wird mit Brautstand und Hochzeitsvorbereitungen nicht mehr viel Zeit verloren. Die Freunde des Bräutigams lassen sich bei Wahrsagern einen glücklichen Tag für die Hochzeit nennen, und am Abend dieses Tages begiebt sich die Braut in das Haus ihres Bräutigams.
Religiöse oder gesetzliche Förmlichkeiten sind bei japanischen Heiraten nicht erforderlich. Der ganze Vorgang ist nicht viel mehr als die Uebersiedelung des Mädchens aus ihrem Elternhause in jenes des jungen Mannes. Ihre Kleider, ein Schreibtischchen, ihr Arbeitskorb, das Kästchen mit ihren Schminken und Pomaden, dann zwei Eßtischchen und ein paar Teller aus lackiertem Holz bilden die gewöhnliche Aussteuer. Je wohlhabender die Familie, desto größer ist die Last ihrer Kleider, und häufig kommt es vor, daß junge Mädchen davon mehr in die Ehe bringen, als sie für ihr ganzes Leben brauchen. Auch ihre persönliche Dienerin, wenn sie solche besitzen, pflegt ihnen in das neue Haus zu folgen.
Am Abend des Hochzeitstages kleidet sich die Braut ganz in Weiß, in Japan die Farbe der Trauer, zum Zeichen, daß sie für ihre eigene Familie gestorben ist. Sobald sie das Elternhaus verlassen hat, wird dieses sorgfältig gekehrt, und in früheren Zeiten wurde vor demselben auch ein Feuer entzündet, Gebräuche, welche anzeigen, daß ein Leichnam aus dem Hause entfernt wurde. Sobald die Braut, begleitet von dem Heiratsvermittler und seiner Frau, im Hause des Bräutigams eingetroffen ist, vertauscht sie die weißen Kleider mit anderen, prunkvolleren, und begiebt sich in das Gemach des Bräutigams. Eine junge Freundin reicht dann eine mit Sake (Reiswein) gefüllte Schale abwechselnd der Braut und dem Bräutigam zum Trinken. Nach dreimaligem Nippen wird eine zweite, dann eine dritte Schale in derselben Weise dargeboten, und dieses dreimalige Darreichen der Weinschalen besiegelt den Ehebund. Bei wenigen Völkern der Erde vollzieht sich die Heirat einfacher und poesieloser wie hier.
In einem Nebengemache haben sich mittlerweile die Familien und Freunde des jungen Paares zu einem Festmahle versammelt, bei dem es gewöhnlich recht lustig zugeht. Die Familien und der Hausstand des Bräutigams sind in fröhlicher Stimmung, denn alle, bis zum letzten Diener und Stallknecht, werden von der Familie der Braut mit Geschenken bedacht; auch ist es in Japan gerade so wie bei uns Sitte, daß die geladenen Freunde des jungen Ehepaares diesem Geschenke, gewöhnlich Hausgerätschaften oder Kleiderstoffe, darbringen. Edelsteine und Schmucksachen sind ausgeschlossen, da die Japanerinnen keine tragen. Gewöhnlich bleibt die lustige Hochzeitsgesellschaft bei allerhand Leckereien und Reiswein bis spät in die Nacht hinein versammelt; Tänzerinnen und Sängerinnen tragen unter Begleitung von Samisen und Kotospiel das Ihrige zur Unterhaltung der Gäste bei, und haben sich diese endlich entfernt, so wird das Brautpaar von einem jungen Mädchen in das Brautgemach geführt; dort müssen Braut und Bräutigam nochmals je dreimal an drei Sakeschalen nippen, aber diesmal werden die Schalen dem Bräutigam zuerst gereicht. Nun sind die jungen Leute Mann und Weib, und die einzige Förmlichkeit, die noch erfüllt werden muß, ist eine schriftliche Anzeige des Vaters der Braut an die Polizeibehörde seines Stadtteils, daß seine Tochter aufgehört hat, bei ihm zu wohnen und in das Haus ihres Gatten übergesiedelt ist. Das letztere ist nicht immer ein eigenes Haus, das die jungen Leute allein bewohnen. Die Ehen werden in Japan gewöhnlich so früh geschlossen, daß der Gatte häufig noch gar keinen eigenen Erwerb oder irgend eine Stellung hat und deshalb im Hause seines Vaters wohnt. Die Braut ist dann einfach ein neues Mitglied der Familie, und dieser allein ist sie Ehrfurcht und Gehorsam schuldig.
Am dritten Tage nach der Heirat findet ein festlicher Empfang im Hause der Eltern der Braut statt, zu welchem alle Freunde der letzteren geladen werden. Gewöhnlich werden bei dieser Gelegenheit die an die Familie des Bräutigams gesandten Geschenke von dieser erwidert. Auch die jungen Eheleute sind durch uralten Gebrauch gehalten, zwei oder drei Monate später ein größeres Fest zu geben, entweder ein Festmahl oder eine Garden party, zu welchem der ganze Bekanntenkreis eingeladen wird. Für viele ist dieses Fest die erste Kunde von der vollzogenen Vermählung, denn Verlobungs- oder Vermählungskarten werden in Japan nicht ausgegeben. Die ganze Angelegenheit besitzt ja bei weitem nicht die Wichtigkeit wie bei uns. Die Frau wird in Japan nur als die erste Dienerin des Mannes angesehen, und ob es diese oder jene ist, die er heiratet, bleibt sich ziemlich gleich. Standes- und Familienrücksichten giebt es nur in beschränktem Maße, und besondere Veränderungen treten ja durch die Heirat nicht ein. Der Mann bleibt derselbe, ob Junggeselle oder Ehegatte; er hat keinerlei neue Pflichten, keinerlei Beschränkungen und kann thun und lassen, was er will. Er kann seine Abende außer dem Hause zubringen, wo er will, er kann andere Mädchen als Konkubinen in sein Haus aufnehmen, Liebe und Treue wird von ihm nicht erwartet. Seine Frau hat ihm in jeder Hinsicht zu gehorchen, hat alles ruhig und freundlich hinzunehmen, ihn zu pflegen, seine Mahlzeiten zu bereiten, seine Kleider zu nähen, sein Haus in Ordnung zu halten: sie ist mit einem Worte nicht viel mehr als eine Dienerin im Hause eines unserer Junggesellen, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns ihren Monatslohn erhält und freiwillig ihren Dienst kündigen kann, wann sie will, während die japanische Frau diesen Dienst bis zu ihrem Tode versehen muß, ja, als Zeichen, daß sie gewillt ist, dies zu thun und keine Absicht hat, ihren Herrn zu wechseln, verunstaltet sie freiwillig ihr Aeußeres dadurch, daß sie sich die Zähne schwarz färbt und ihre Augenbrauen abrasiert. In den Großstädten verliert sich dieser Gebrauch immer mehr, in den Provinzstädten und Dörfern aber fand ich noch viele junge Frauen mit kohlschwarzen Gebissen.