China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 50

Chapter 503,180 wordsPublic domain

Unter den vorgeschriebenen drei Verbeugungen entfernten wir uns nun, rückwärts schreitend, aus dem Saale. Im Korridor teilte mir Hofmarschall Sannomiya mit, der Kaiser hätte ihm aus eigenem Antriebe Befehl gegeben, mir die Räumlichkeiten des Palastes zu zeigen. Geführt von diesem äußerst liebenswürdigen, weltmännisch gebildeten Würdenträger nahm ich nun während der folgenden Stunde die Palasträume in Augenschein, und es hätte gewiß noch viel längerer Zeit bedurft, um die prachtvollen Kunstwerke der Japaner, die hier die Säle schmücken, nach Gebühr zu bewundern.

Die Empfangsräume zeigen eine äußerst glückliche Verbindung zwischen europäischem und japanischem Stil; der Palast selbst besteht aus einer Reihe ebenerdiger, aneinanderstoßender Gebäude, deren jedes sein eigenes Dach, seine eigenen Veranden und Korridore besitzt und nur je einen großen Saal enthält. Alle diese Gebäude sind aus Holz aufgeführt, aber statt der verschiebbaren Papierwände, welche die japanischen Wohnhäuser besitzen, zeigen die Säle feste Wände, mit den herrlichsten Seidenbrokaten bekleidet; die Plafonds sind gerade so wie jene der Kaiserpaläste in Kioto kassetiert und mit Vergoldungen und Malereien geschmückt.

Die ersten Räume, die wir besuchten, waren drei Speisesäle von verschiedener Größe, ganz so eingerichtet wie jene in europäischen Palästen. In dem größten dieser Säle, für mehrere hundert Personen Raum bietend, werden dreimal jährlich große Tiffins d. h. Dejeuners gegeben, die aber nicht, wie es in manchen Büchern zu lesen ist, stets in europäischer Weise aufgetragen werden, sondern den daran teilnehmenden Diplomaten zuweilen durch ihre japanischen Eigentümlichkeiten recht unbequem sind. Auf einer kürzeren, an die Privatgemächer des Kaisers stoßenden Seite steht eine kürzere Tafel, von welcher drei längere Tafeln der Länge nach durch den Saal laufen. An der kürzeren Tafel sitzt der Kaiser, während an den langen Tafeln, aber immer nur auf einer Seite, das diplomatische Korps, die Minister und Generale Platz nehmen, so daß sie kein Gegenüber haben. Die Mahlzeiten finden um elf Uhr morgens statt; Teller, Gläser und dergleichen sind nach europäischen Mustern und zeigen an den Rändern die Wappenblume des Kaisers; an Stelle der Bestecke liegen jedoch japanische Eßstäbchen, mit denen sich so mancher Diplomat vergeblich abmüht, ein Stückchen Speise zu erwischen.

An einem kleinen Nebentischchen in der Nähe des Kaisers sitzt ganz allein der geistliche Chef des kaiserlichen Hauses, der Leiter der religiösen Shintozeremonien und des kaiserlichen Ahnenkultus, gewöhnlich ein Prinz der Kaiserfamilie. In der letzten Zeit lag diese Würde in den Händen des Prinzen Takuhito, aus dem Hause Arisugawa no-miya. Bei Besuchen europäischer Prinzen wie z. B. des Zarewitsch oder des österreichischen Thronerben im Jahre 1893 finden derlei Mahlzeiten gewöhnlich in einem der kleineren Speisesäle statt.

Der große Gesellschaftssaal nahebei ist ganz im europäischen Stil eingerichtet und enthält fast ausschließlich deutsche Möbel. In der Mitte des Saales befinden sich zwei runde Divans, über welchen sich auf Holzpiedestalen zwei große Bronzen Augsburger Fabrikats erheben, Kämpfe von reitenden Figuren mit Löwen und Bären darstellend. In den Ecken stehen europäische Sofas mit kleinen Tischchen davor, zwischen den Fenstern Sèvresvasen und französische Bronzen. Sie würden überall, nur nicht im japanischen Kaiserpalaste zur Bewunderung einladen. Ein vollständig neuer Zweig der japanischen Kunstindustrie, der mir bisher unbekannt war, wird durch zwei Wandgobelins nach französischem Muster repräsentiert. Die Japaner haben die Gobelinmanufaktur in Frankreich vor mehreren Jahren erlernt, und die beiden im Kaiserpalaste aufgehängten Prachtstücke zeigen, wie weit es die Japaner auch darin in der kürzesten Zeit gebracht haben. Weniger schön ist der anstoßende Musiksaal eingerichtet, und die schweren Brokatvorhänge an den hohen Fenstern, die Brokatbekleidung der Wände, die Teppiche auf dem Parkettboden, die vielen Divans sind auch nicht dazu angethan, die Bestimmung dieses Saales zu fördern. In einer Ecke steht ein großer Konzertflügel. Die schönen Vasen, Bronzen und Emailgegenstände, darunter ein wunderbar emaillierter Hahn in natürlicher Größe, stehen merkwürdigerweise auf deutschen Sockeln billigster Arbeit, plump in der Form, schlecht lackiert und vergoldet. Warum man an ihrer Stelle nicht solche japanischen Ursprunges mit dem schönen Gold- oder Rotlack verwendet hat?

Am imposantesten von allen Räumen des Palastes ist der große Thronsaal, den wir nun betreten, ein gewaltig großer hoher Raum, dessen Wand- und Deckenschmuck ein wahrer Triumph der japanischen Kunstindustrie ist. Von der Decke hängen zwei Glaslüster mit unzähligen elektrischen Lämpchen, die aber selten angezündet werden, da man sich in dem hölzernen Gebäude sehr vor Schadenfeuern fürchtet. Deshalb giebt es in dem Palaste auch keine Kamine, und die im Winter recht notwendige Erwärmung wird durch Luftheizung besorgt. Auf einer niedrigen, teppichbedeckten Estrade an einer Langseite des Saales stehen zwei gleich große, in Deutschland angefertigte Thronstühle für die beiden Majestäten unter einem hohen faltenreichen Sammetbaldachin. An Stelle der Kronen, welche in europäischen Herrscherpalästen Baldachin und Thronstühle schmücken, sind hier überall sechzehnblätterige goldene Chrysanthemumblüten, sowie drei Blätter und drei Blüten der Kiripflanze (~Paulownia Imperialis~) verwendet. Während die ersteren das Staatswappen bilden, ist die letztere seit undenklichen Zeiten das Familienwappen der Mikados von Japan. Obschon sonst die europäischen Höfe in allen Dingen genau nachgeahmt worden sind, hat man doch, ich möchte sagen glücklicherweise, vor den erhabensten Insignien des europäischen Herrschertums, Krone, Szepter und Reichsapfel, Halt gemacht. Es giebt in Japan keine Krone, ebensowenig wie in China und Korea. Erst die Herrscher der an China grenzenden hinterindischen Reiche, dann jene Zentralasiens tragen Kronen. Die größte Sammlung der letzteren habe ich im Kreml zu Moskau gesehen, die schönsten und kostbarsten jedoch in der Hauptstadt von Siam. Die Insignien der japanischen Kaiserwürde sind auch in der neuen Aera dieselben geblieben, die sie in früheren Zeiten waren, das heilige Schwert des Mikado Uda aus dem neunten Jahrhundert und der heilige Spiegel, das Sinnbild der Tonno. Der letztere wurde dem Stammvater der Kaiserdynastie von seiner Mutter, der Sonnengöttin, mit auf die Erde gegeben, und seit jener Zeit blieb dieses kostbare Kleinod in dem Besitz der Familie.

In dem Thronsaale finden am Neujahrstage, am Geburtstage des Kaisers und bei außergewöhnlichen Anlässen große Empfänge statt. Die Majestäten stehen auf der Estrade vor den Thronen, rechts von ihnen neben der Estrade die kaiserlichen Prinzen, links die Prinzessinnen; die Gesandten, Minister, Generale und sonstigen hohen Würdenträger defilieren in der in Europa, vornehmlich am spanischen Königshofe üblichen Weise, während das kaiserliche Musikkorps die Mikadohymne spielt, dieselbe Hymne, die Japan schon vor dem Sturz des römischen Reiches und vor der Regierungszeit Karls des Großen besessen hat.

Aber während bei diesen Festlichkeiten von der alten Pracht des feudalen Japan absolut nichts mehr zu sehen ist, während die Prinzen in moderne Uniformen, die Prinzessinnen in Pariser Toiletten gekleidet sind und unter den Hunderten von Anwesenden auch nicht einer das japanische Nationalgewand trägt, hat sich hinter den Kulissen dieses modernen Kaiserhofes ein ganz erkleckliches Stück des Alten erhalten. An den genannten Festtagen pflegt der Kaiser schon um zwei Uhr morgens aufzustehen und unter allerhand Zeremoniell ein Bad zu nehmen; dann werden ihm die altjapanischen Kaisergewänder angethan, und so begiebt er sich, begleitet von seinem engeren Hofstaate, zu dem Shintotempel innerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes; der Hofstaat bleibt vor dem Tempel auf den Knien liegen, während der Kaiser allein eintritt und eine Andacht vor den Tafeln seiner göttlichen Ahnen verrichtet. Dann erst wird das alte Japan abgelegt, das moderne angezogen, und der Kaiser hält die Gratulationscour und die Truppenrevue ab.

Ebenso durchaus altjapanisch ist auch die gewöhnliche Lebensweise des Kaisers. Seine Privatgemächer zeigen nichts von europäischer Einrichtung. Ein langer, kahler Korridor führt von dem eben geschilderten Kaiserpalast zu einer inmitten von prachtvollen Gärten gelegenen Gruppe niedriger Häuser, und hier bewohnt der Kaiser drei Gemächer. Nach unseren europäischen Begriffen würde man dort wahre Schatzkästlein japanischer Kunst erwarten, mit glänzendem Goldlack, herrlichen Bronzen, Vasen und Porzellannippes. Statt dessen ist in diesen aus unscheinbaren Papierwänden gebildeten Räumen alles kahl. Kein Stuhl, kein Bett, nichts von den Bequemlichkeiten des Europäers ist vorhanden. Der Boden ist mit geflochtenen Matten belegt, und der Beherrscher des japanischen Reiches schläft auf einer harten Matratze. Nicht einmal unsere europäischen Badeeinrichtungen sind hier eingeführt worden, und gerade so wie der geringste seiner Unterthanen badet der Kaiser in einem hölzernen Bottich.

Auch die Kaiserin bewohnt hier drei ähnliche Gemächer, und nahebei waren für den Thronfolger bis zu seiner 1900 erfolgten Vermählung einige Zimmer reserviert, welche er bewohnt, wenn er das Kaiserpaar besucht. Jedes der vielen kaiserlichen Kinder von verschiedenen Müttern hat nämlich eine eigene Hofhaltung. Sie werden von ihrer frühesten Jugend auf verschiedenen Familien im Lande zur Pflege und Erziehung gegeben, wachsen in diesen auf, und je älter sie werden, desto größer wird ihr Hofstaat. Zeitweilig werden sie zum Besuch des Kaiserpaares in den Palast gebracht. Die Kaiserin selbst ist kinderlos geblieben. Dem Kaiser ist es freigestellt, sich so viele Gattinnen beizulegen, als er wünscht, allein nur eine, Haruko, hat den Rang einer Kaiserin und wohnt im kaiserlichen Palast an seiner Seite.

Der Kaiser pflegt sich gegen Mitternacht zur Ruhe zu begeben und zwischen sechs und sieben Uhr aufzustehen. Bald darauf empfängt er die Minister und unterschreibt die ihm vorgelegten Dokumente. Die Zeit bis zu den Mahlzeiten, die er um elf Uhr vormittags und sieben Uhr abends in Gemeinschaft mit der Kaiserin einnimmt, verbringt er mit Reiten, Bogenschießen und allerhand Sport. In den achtziger Jahren bewog man ihn zum Studium der englischen und französischen Sprache, allein er gab die Sache bald wieder auf und versteht auch jetzt noch keine europäische Sprache.

Innerhalb der weiten Parkanlagen, die, inmitten von Tokio gelegen, von einer dreifachen festen Mauer und dreifachen tiefen Wassergräben umgeben sind, befinden sich auch einige Hofämter, sowie die Wohnungen der kaiserlichen Dienerschaft und der Hofdamen. Jede derselben besitzt ihr eigenes Haus und selbständige Haushaltung und Küche. Sie kommen als Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren an den Hof und werden dort in aller Abgeschiedenheit großgezogen und mit den Pflichten gegen den Kaiser, sowie dem ganzen weitläufigen Zeremoniell vertraut gemacht. Früher wurden zu Hofdamen nur Töchter von Kuges und Daimios gewählt, seit einigen Jahren wird diese Ehre jedoch auch Töchtern der Samuraiklasse (niederer Militäradel) zu teil.

Seinem Volke zeigt sich der Kaiser ausschließlich als europäischer Herrscher, in europäischer Uniform und mit den Bändern oder Sternen von Orden, die natürlich bei der Europäisierung des Reiches ebenfalls eingeführt werden mußten und auch dieselbe Einteilung zeigen wie die europäischen Orden. In ihrer Ausführung sind sie bunt und unschön. Der höchste derselben ist der Chrysanthemumorden, der nur an Mitglieder von Herrscherfamilien verliehen wird. Im Range nächststehend ist der Sonnen- oder Paulowniaorden, so genannt, weil die Insignien derselben den Sonnenspiegel, umrahmt von den Blättern der vorerwähnten Paulowniapflanze zeigen. Dasselbe gilt indessen auch von dem dritten Orden, jenem der aufgehenden Sonne, der in acht Klassen eingeteilt wird. Geringere Orden sind jener des Spiegels oder des geheiligten Schatzes, der Verdienstorden der goldenen Weihe (Militärorden), dann der Kronenorden, ein Damenorden, dessen Kleinod einen Blumentopf mit Blumen und den goldenen Vogel Hoo zeigt. Die Japaner haben an wenig Dingen so rasch Geschmack gefunden wie an den Orden. Bei seinen Ausfahrten benutzt der Kaiser gewöhnlich einen reich vergoldeten Staatswagen mit Spiegelscheiben, in dem er allein zu sitzen pflegt. Im Februar 1889 geschah es zum erstenmal, daß der Kaiser auch seine Gemahlin in dem gleichen Wagen mitfahren ließ, ein in den Annalen des japanischen Hofes unerhörtes Ereignis, gleichzeitig die indirekte Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Kaiserin. Dem kaiserlichen Wagen pflegen Polizeibeamte, dann drei Ulanen vorauszureiten, deren einer, in der Mitte der Straße, die Lanze aufrecht hält, während die zwei an den Straßenseiten reitenden Ulanen die Lanze gefällt halten. Auch den Schluß des kaiserlichen Zuges bilden drei Ulanen, die jedoch die Lanzen mit der Spitze nach hinten halten. Unmittelbar vor dem Wagen reiten unter Anführung eines Generaladjutanten einige Offiziere, von denen einer die goldene Kaiserstandarte mit der Chrysanthemumblume trägt. Das Volk verhält sich beim Anblick des Kaisers stumm und wagt gar nicht, zu ihm emporzusehen. In einigen Gegenden des Landes herrscht der Glaube, daß es Unglück und Tod mit sich bringen würde, das Antlitz des Mikado zu sehen. Dem Wagen des Kaisers folgen stets einige andere mit der Suite.

Stünde die Person des Kaisers in Japan nicht so göttergleich, so hoch erhaben über jedes irdische Getriebe, sie würde gewiß, wenn möglich, noch an Volkstümlichkeit gewinnen durch die Gattin des Mikado, die Kaiserin Frühling (Haruko). Geboren in Kioto als die dritte Tochter eines Kuge (Prinzen), wurde sie in den strengen, starren Grundsätzen des alten Japan erzogen; sie lernte die chinesischen Klassiker, die japanische Dichtkunst, das Samisen- und Kotospiel (Guitarre und Lyra), Nähen und Sticken. Nach ihrer Vermählung mit dem Kaiser ließ sie sich der früheren japanischen Sitte gemäß die Zähne schwärzen und die Augenbrauen abrasieren. Seit der Europäisierung des Landes kam glücklicherweise diese Sitte außer Gebrauch, und heute ist diese edle Frau mit dem schönen Namen der modernisierte Typus einer japanischen Aristokratin, klein, schwächlich, mit wunderbar kleinen Händchen und langem, schmalem Gesicht. Wohl wenigen dürfte das Aufgeben der malerischen Frauentracht des alten Japan und das Annehmen von Schuhen und Korsett, steifen Röcken und großen Hüten nach europäischer Mode schwerer gefallen sein, wenigen steht diese moderne Tracht auch ungünstiger als der Kaiserin. Heute kann ein europäischer Besucher des Landes dies kaum mehr beurteilen, aber wer Gelegenheit gehabt hat, eines der großen Gartenfeste am Kaiserhofe vor und nach 1885 mitzumachen, der wird diese Wandlung vom Schönen zum Häßlichen schmerzlich empfinden. Alljährlich werden zwei dieser Feste gegeben, eines im Frühjahr während der Blütezeit der Kirschen, eines im Herbst, wenn die Nationalblumen der Japaner, die Chrysanthemen, in ihrer unbeschreiblichen Blütenpracht stehen. Tausende und Abertausende dieser Blumen, in allen erdenklichen Farben und Größen bis zu jener unserer Sonnenrose, stehen in den breiten Avenuen des kaiserlichen Parkes unter langen Mattendächern; manche Pflanzen tragen nur eine einzige Blüte, manche Dutzende, ja geschützt durch seidene Zelte kann man dort einzelne Pflanzen mit zwei- bis vierhundert Blüten sehen.

Wer könnte die bezaubernde Anmut und Schönheit der japanischen Damen, ihre zarte, faltenreiche Kleidung, den Reichtum und die Zeichnung der Stoffe schildern, wie sie damals vor 1885 sich zeigten! In den Avenuen und auf den weich besandeten Plätzen des Parkes harrten diese reizenden Gestalten der Majestäten, bewundert von den Gesandten, den Würdenträgern und sonstigen geladenen Europäern. Und nun erst die Kaiserin selbst, mit ihrem zahlreichen Gefolge von Prinzessinnen und Hofdamen, die in langer Prozession langsam die Zelte entlang wandelten. Die Tracht der Kaiserin bestand damals aus weiten, faltenreichen Hakama (Beinkleidern) aus dem schwersten, scharlachroten Damast, einem Ziban (Unterkleide) und einem Kimono (eine Art Schlafrock) von lila Seide mit eingestickten Wistaria und Chrysanthemumblüten. Um den Hals war ein vielfarbiges Seidentuch geschlungen. Das reiche, schwarze Haar umrahmte in einem breiten Zopf das Gesicht und fiel hinten bis zu den Hüften herab; stellenweise waren in das Haar kleine Stückchen von weißem Reispapier eingebunden wie bei den Shintopriesterinnen. Ueber der hohen Stirn prangte ein kleiner, goldener Phönix, in Japan wie in China das Abzeichen des Herrschers. In der einen Hand trug sie einen vielfarbigen Sonnenschirm, in der anderen einen hölzernen, bemalten Fächer mit schweren, lang herabfallenden Seidenschnüren.

Die Prinzessinnen und Damen des Gefolges trugen ähnliche Kostüme aus den herrlichsten Gold- und Silberbrokaten, wie man sie in Europa nur an den alten Priestergewändern findet. Der Aufzug dieser seltsamen farbenreichen, glitzernden Gestalten inmitten einer wahren Wildnis von Chrysanthemumblüten muß traumhaft gewesen sein.

Bei dem nächsten Kirschblütenfeste war all diese Herrlichkeit vorbei. Die Pariser Moden waren im Winter in Japan eingezogen und hatten den weiblichen Schmetterlingen Japans ihre Flügel abgeschnitten. Aber das ging nicht so leicht von statten, als es gesagt ist. Welche profane Schneiderin der Rue de la paix hätte die geheiligte Person der Kaiserin mit ihren Händen berühren und ihr die Kleider anpassen können? Lange sträubte sich die Kaiserin, lange wußte man keinen Ausweg. Endlich entschloß sich die kluge Gräfin Ito, Gattin des ersten Ministers und die Leiterin der europäischen Mode in Japan, als Probiermamsell für die Kaiserin zu dienen, und seither sieht man die Kaiserin nur mehr in europäischen Kleidern, die allerdings aus japanischen Stoffen angefertigt werden. Ihr mußten alle Damen des Hofes notwendigerweise folgen. Die herrlichsten alten Kimonos, die zartesten Stickereien, die reichsten Goldbrokate und schwersten Stoffe wurden geopfert, um dafür moderne Hüte und Schuhe und Pariser Kleider zu kaufen, und heute ist ein Gartenfest bei Hofe oder ein Ball beim ersten Minister nahezu eben so langweilig und einförmig wie in Europa. Die Wandlung hat der japanischen Aristokratie, die nach dem Sturz des Schoguns ohnehin schon den größten Teil des angestammten Vermögens auf den Altar des Vaterlandes legen mußte, große Kosten verursacht, von denen sie sich nur schwer erholt. Selbst das Kaiserhaus ist mit irdischen Gütern nicht überreich gesegnet. Das Familienvermögen ist gering, und die jährliche Zivilliste beläuft sich nur auf drei Millionen Yen (etwa sechs Millionen Mark).

Auch von diesen opfert die Kaiserin ihren Anteil für allerhand wohlthätige Anstalten, deren eifrigste Schöpferin und Förderin sie ist. Der eigene Kindersegen blieb ihr vorenthalten, dafür trachtet sie im schönsten Sinne des Wortes die Mutter ihres Volkes zu sein. Das Hospital des Roten Kreuzes und die Adelsschule erfreuen sich ihrer besonderen Fürsorge. Häufig sieht man die Kaiserin im Frühling durch die Straßen Tokios fahren, um diesen Anstalten Besuche abzustatten, die gewöhnlich mehrere Stunden währen. Mit engelgleicher Geduld hört sie den französischen und englischen Prüfungen der Schulkinder zu, obschon sie selbst kein Wort dieser Sprachen versteht. Sie ermuntert und beschenkt die Schüler, unterhält sich mit den Lehrern und verläßt selten eine Schule, ohne den Damen des Lehrerpersonals das gewöhnliche kaiserliche Geschenk, eine Rolle japanischen Seidenstoffes, zurückzulassen. Bei ihren Ausfahrten in einem prächtigen Galawagen wird sie gewöhnlich von zahlreichem Gefolge begleitet. Eine seltsame, wohl nur Japan eigentümliche Einrichtung ist es, daß der kaiserliche Wagen, sobald die Kaiserin denselben, am Bestimmungsorte angelangt, verlassen hat, von Dienern während des Wartens sorgfältig gewaschen und mit einer grünen Seidendecke verhüllt wird.

Hoffestlichkeiten finden außer den geschilderten nur wenige statt. Der Kaiser scheint an denselben keinen besonderen Gefallen zu finden. Zuweilen werden jedoch ihm zu Ehren von den anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie oder von den zehn Fürstenfamilien des Landes Festlichkeiten veranstaltet, denen das Kaiserpaar gerne beiwohnt.

Der Thronfolger Prinz Joschihito Harunomiya, ein Sohn des Kaisers und der Frau Yanagiwara, im Jahre 1879 geboren, wird als sehr aufgeweckt, energisch und ehrgeizig geschildert. Er erhielt seine Erziehung in der ganz nach europäischen Vorbildern geleiteten Adelsschule, und sollte seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seiner Väter zu besteigen, so dürften noch weitere europäische Reformen in Japan zu gewärtigen sein. Soweit das japanische Staatshandbuch es angiebt, ist er heute der einzige lebende Sohn des Kaisers, aber das Aussterben der kaiserlichen Familie ist deshalb keineswegs zu befürchten, denn es bestehen neben dieser noch neun Nebenlinien, deren Häupter kaiserliche Prinzen sind und Zivillisten in der Höhe von zehn- bis dreißigtausend Yen beziehen.

Die vornehme Gesellschaft.

Im heutigen Japan ist von dem alten Glanze der Kugefamilien, von der Pracht der Daimios, wie sie in früheren Werken über das Inselreich des Mikado geschildert werden, gar nichts mehr zu finden. Mit dem Jahre 1871 fand die Feudalherrschaft in Japan, welche achthundert Jahre lang gewährt hatte, ihr Ende. Ein Federstrich ließ sie verschwinden, als wäre sie nichts weiter gewesen als Staub, im Laufe der Jahrhunderte angesammelt. Der uralte Hofadel ebenso wie die Duodezfürsten des Landes gaben in vielen Fällen ganz freiwillig ihre Länder, ihre Güter, Reichtümer und Einkünfte auf und wurden getreue Unterthanen ihres seit sechsundzwanzig Jahrhunderten regierenden Herrscherhauses. Keine Klasse der Bevölkerung nahm die Reformen, welche der Kaiser dekretierte, williger an als gerade der Adel, und keine hat sich so rasch in die europäischen Sitten und Gebräuche, wie sie heute wenigstens äußerlich am japanischen Kaiserhofe bestehen, eingewöhnt.